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Probleme übergewichtiger Kinder in der Grundschule

Ursachen – Konzepte – Maßnahmen für Familie und Schule

Examensarbeit 2005 167 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Theoretische Grundlagen
1.1. Definition
1.1.1 Entwicklung des Körperfettes
1.2 Epidemiologie von Adipositas
1.2.1 Die Prävalenz von kindlicher Adipositas
1.2.2 Persistenz von Übergewicht
1.3 Ursachen und mögliche Risikofaktoren für die Entstehung von Übergewicht und Adipositas
1.3.1 Genetische Ursachen
1.3.2 Umweltfaktoren
1.3.3 Soziokultureller Hintergrund
1.3.3 Psychosoziale Faktoren

2. Veränderte Kindheit
2.1 Gesellschaftliche Wandlungsprozesse verändern die Lebensumwelt
2.2 Veränderungen der Familienkonstellationen
2.2.1 Trends heutiger Kindheitsverläufe
2.2.3 Beziehung zwischen Eltern und Kindern
2.3. Vorbemerkungen: Ernährung
2.3.1 Ernährung versus Essen
2.3.2 Ernährungsgewohnheiten
2.3.2.1. Prägende Determinanten bei der Entwicklung des Essverhaltens
2.3.3.Umgang mit Essensvorlieben von Kindern
2.3.3.1 Ernährungsempfehlungen für Schulkinder
2.3.3.2 Ernährungsphysiologische Hinweise für die Nährstoffverteilung
2.3.4. Konkrete Daten zur Ernährungsweise von Kindern
2.3.4.1 Aktuelle Trends bei Schulkindern in Deutschland
2.3.4.2 Trends im Bereich von Mahlzeiten
2.3.4.3 Essverhalten übergewichtiger Kinder
2.3.5 Wandel der Esskultur
2.3.5.1 Bedeutung der Esskultur für die Familie
2.3.5.2 Essen zwischen Wunsch und Wirklichkeit
2.3.5.3 Erziehung und Essen
2.3.5.4 Kinder als Konsumenten
2.3.5.5 Konsequenzen durch Kinderlebensmittel
2.4 Vorbemerkungen: Bewegung
2.4.1 Freizeitgewohnheiten und Übergewicht
2.4.2. Aktuelle Situation von Bewegungsmangel
2.4.2.1 Zunahme gesundheitlicher Risiken durch Bewegungsmangel
2.4.3 Bewegung als grundlegende Vorrausetzung für Entwicklungsprozesse
2.4.3.1 Einfluss von Bewegung auf das Körperkonzept
2.4.3.2 Bewegung als Grundlage für das Selbstkonzept
2.4.3.3 Funktionen von Bewegung

3. Folgen von Übergewicht
3.1 Medizinisch-organische Folgen
3.2 Psychosoziale Folgen
3.2.1 Übergewicht ein sichtbares Merkmal
3.2.2 Einsamkeit
3.2.3 Selbstkonzept
3.2.3.1 Sozialer Rückhalt
3.2.4 Unbeliebt durch äußere Merkmale
3.2.4.1 Auswirkungen auf das Selbstkonzept
3.2.4.2 Generalisierung von Erfahrungen
3.2.5 Beeinträchtigung des Wohlbefindens
3.2.5.1 Außenseiter im Sportunterricht
3.3 Wahrnehmung von Übergewicht in der Gesellschaft

4. Therapie und pädagogische Handlungsmöglichkeiten
4.1. Vorbemerkungen zu therapeutischen Maßnahmen
4.2 Therapeutische Konzepte
4.2.1 Zielsetzung
4.2.2 Aufbau des Schulungskonzeptes
4.2.3 Organisation und Qualitätssicherung
4.3 Therapiepeinrichtungen in Deutschland
4.4 Vorstellung ambulanter Therapiekonzepte
4.4.1 FITOC
4.4.2 Obeldicks
4.4.3 Kürzere Adipositas -Trainingsprogramme
4.4.3.1 Verhaltensmodifikation
4.4.3.2 Hilfestellungen
4.5 Die Rolle der Eltern
4.6 Beurteilung von Behandlungstrainings bei Übergewicht
4.6.1 Grenzen therapeutischer Möglichkeiten

5. Handlungsnotwendigkeit: Prävention
5.1. Präventionsmaßnahmen
5.2.Hilflosigkeit und Verunsicherung von Eltern
5.2.1 Zwischen Orthorexie und Fast-food
5.3 Interventionsstrategien für Schulen und Familien
5.4 Frühzeitige pädagogische Handlungsnotwendigkeit und Möglichkeiten

6. Gesundheitserziehung als Herausforderung für Schule
6.1 Überblick über Präventionsmaßnahmen in der Grundschule
6.2 Ernährungserziehung
6.2.1 Ernährung als pädagogisches Handlungsinstrument
6.2.2 Ernährung als Unterrichtsgegenstand
6.2.3 Frühstück als Ort der Gemeinschaft
6.2.3.1 Grenzen in der Ernährungserziehung
6.3 Initiative und Motivation durch praktisches Lernen
6.3.1 Einfluss von Trinken
6.3.2 Skizzierung einer Unterrichtsreihe Trinken
6.3.3 Ästhetische Erziehung bei der Zubereitung von Getränken
6.4 Bewegung als pädagogisches Handlungsinstrument
6.4.1 Bewegung als Unterrichtsprinzip
6.4.1.1 Sinnesförderung als Wegbereiter für das Wohlbefinden ...
6.4.2.1 Bewegung als grundlegendes Bedürfnis
6.5 Umgang mit sozialer Ausgrenzung im Schulalltag
6.5.1 Literatur als pädagogische Ressource
6.5.2 Bewegungserfahrungen
6.5.2.1Vorstellung verschiedener Entspannungstechniken
6.5.3 Lösung von Lernblockaden

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Adipositas ist ein vieldiskutiertes Thema in unserer Gesellschaft. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von einer globalen Epidemie „dicker Kinder“.1 Adipositas wird zunehmend zu einem gesellschaftlichen Problem und ist nicht einzig mehr ein individuelles.

Gegenwärtig sind in Deutschland zwischen 10-20% der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, 4 bis 8% von diesen weisen sogar eine Adipositas auf.2 Kaum ein Tag vergeht an dem sich die Presse nicht dieser Thematik widmet. Dennoch steigt die Prävalenz von Übergewicht weiter an.

Die vorliegende Arbeit soll die Probleme übergewichtiger Kinder in der Grundschule darlegen. Im ersten Kapitel werden die Hintergründe und Ursachen detailliert vorgestellt. Was verbirgt sich hinter Übergewicht? Wo liegen die Gründe und Ursachen? Ernährung und Bewegung sind im Zusammenhang mit Übergewicht zu nennen. Die psychosozialen Folgen verdeutlichen die Handlungsnotwendigkeit. Neben Eltern werden Pädagogen zur wichtigen Adressatengruppe.3 Übergewicht stellt keinen Einzelfall dar. Mit welchen Schwierigkeiten Übergewichtige im Alltag zu kämpfen haben, wird im dritten Kapitel dargelegt. Im zweiten Teil der Arbeit werden verschiedene Möglichkeiten im Umgang mit Übergewichtigen vorgestellt, therapeutische als auch präventive. Vielfältige Konzepte bestimmten die gegenwärtige Lage, das deutet auf die Schwierigkeiten für Eltern und ihre Kinder hin.

Das Ziel der Arbeit ist die Komplexität der Thematik Übergewicht im Kindesalter darzustellen und dabei aufzuzeigen, dass es ein ernstzunehmendes sichtbares Problem ist, welches durch die ökologischen, ökonomischen und kulturellen Veränderungen bedingt ist.

1.Theoretische Grundlagen

1.1. Definition

Oftmals werden die Begriffe Übergewicht und Adipositas synonym verwendet, obwohl dieses aus medizinischer Sicht nicht korrekt ist.4 Eine Adipositas besteht, wenn der Anteil an Körperfett an der Gesamtkörpermasse zu hoch ist. Übergewicht hingegen bedeutet, dass die Körpermasse erhöht ist, das heißt ein Körpergewicht oberhalb der Altersund Geschlechtsnormen vorliegt.5

In Abgrenzung zu Adipositas spricht man von Übergewicht, wenn eine Person, bezogen auf ihr Körpergewicht schwer ist. „Dies muss nicht notgedrungen mit einem erhöhten Körperfettanteil einhergehen, sondern kann u.U. auch auf einen hohen Anteil an fettfreier Masse (z.B. Muskulatur) zurückgeführt werden. Somit sind adipöse Menschen übergewichtig, Übergewichtige jedoch nicht unbedingt adipös.“6

Der Unterschied zwischen Adipositas und Übergewicht manifestiert sich besonders anhand eines Bodybuilders, der über ein hohes Körpergewicht, aber einen geringen Anteil an Fettgewebe verfügt.

Es liegen zahlreiche Messverfahren vor, die Auskunft über die Körperzusammensetzung liefern. In den meisten Fällen sind sie sehr aufwendig und kostspielig. Aus diesem Anlass hat sich im ärztlichen Alltag die Verwendung der Parameter Körpergröße und Körpergewicht und des daraus abgeleiteten Body Mass Index (BMI) zur Feststellung des Gewichtsstatus als praktikabel erwiesen.7

Zusätzlich wird zur Feststellung des kindlichen Übergewichtes die Beurteilung der Hautfaltendicke angewendet. Der Hüft-, Taillen- und Oberarmumfang gibt Auskunft über die Fettverteilung und den Ernährungszustand des Kindes.8

Der BMI gilt international als valides Mass für die Schätzung der Fettmasse.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Klassifizierung des Body Mass Index nach der WHO 19989

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der BMI ist sowohl für Erwachsense als auch für Kinder gebräuchlich. Die BMI-Klassifizierungstabelle für Erwachsene kann jedoch nicht gleichzeitig für Kinder verwendet werden.

Bei Kindern und Jugendlichen ist es notwendig den BMI auf geschlechtsspezifische und altersbezogene Normwerte zu beziehen, da sie im Wachstumsprozess stehen. Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter empfiehlt daher die Bestimmung von Übergewicht und Adipositas anhand eines altersbezogenen BMI in Form von populationsspezifischen BMI-Perzentilen für Jungen und Mädchen, welche den Alterszeitraum von der Geburt bis zum 18. Lebensjahr umfassen.

Kinder und Jugendliche werden mit einen BMI über der 90. Perzentile als übergewichtig und ab der 97. Perzentile als adipös eingestuft. Für ein Mädchen im Alter von 7 Jahren gilt ein BMI von 18 als alarmierend, er liegt über der 90. Perzentile. Im Gegensatz ist ein Erwachsener mit einem BMI Wert von 18 untergewichtig.

1.1.1 Entwicklung des Körperfettes

Die Entwicklung des Körperfettes kann in drei Stadien gegliedert werden, bis zum Ende des ersten Lebensjahrs steigt der Anteil an Fettgewebe stark an, der so genannte Babyspeck. Aus diesem Stadium der ersten Fülle entwickelt sich die erste Streckung oder der erste Gestaltwandel. Zwischen dem 8. und 10. Lebensjahr im Stadium der frühen Pubertät vergrößert sich der Anteil an Körperfett. Diese Phase ist vor allem im Hinblick auf die Manifestation einer Adipositas zu bedenken. Sie wird auch Adipositas Rebound (2.Fülle) genannt. Danach schließt sich ein

Wachstumsschub an, der zweite Gestaltwandel. Vom 16. bis 20. Lebensjahr erfolgt eine weitere Zunahme an Fettmasse.10

1.2 Epidemiologie von Adipositas

„Wenn man realisiert, dass aus adipösen Kindern adipöse Erwachsene und damit u.a. potenzielle Diabetiker und Dialysepatienten werden, dann stehen die Industrieländer mittelfristig vor einer Explosion der Kosten des Gesundheitssystems.“11 Präventionsstrategien sind nur erfolgreich, wenn sie im Kindes- und Jugendalter ansetzen. Die Prävalenz von Adipositas nimmt in den westlichen Industrieländern kontinuierlich zu. Den Ergebnissen des Bundesgesundheitssurvey 1998 zufolge ist jeder zweite Deutsche übergewichtig und jeder 5-6 im Alter zwischen 18 und 79 Jahren adipös. Es handelt sich dabei um Durchschnittswerte, die nicht generell auf jede Altersstufe bezogen werden können. Zu bedenken sei, das nicht alle Übergewichtigen adipös sind. Eine extreme Muskelmasse oder eine hohe Knochendichte erhöhen das Körpergewicht. Insgesamt erkennt man anhand des repräsentativen Bundesgesundheitssurvey 1998 aber die Tendenz von Übergewicht innerhalb der Gesellschaft. Altersspezifische und geschlechtsspezifische Differenzen sind bei der genauen Analyse der Studien feststellbar. Fast die Hälfte der Frauen weisen ein Normalgewicht auf und nur ein Drittel der Männer. 1,5% der Frauen sind untergewichtig, besonders junge Frauen tendieren zu einem BMI von 18,5.12

1.2.1 Die Prävalenz von kindlicher Adipositas

„Adipositas ist im Kindes- und Jugendalter sehr weit verbreitet.“13 Für Kinder und Jugendliche liegen derzeit noch keine großen repräsentativen Studien vor, aktuelle Informationen liefern kleinere, regional begrenzte Stichproben aus Vorsorgeuntersuchungen.14

Das Robert-Koch-Institut hat 2003 einen Gesundheitssurvey für Kinder und Jugendliche 2003 begonnen, der 2005 seine Schlussphase erreichen wird. Die Stichprobe umfasst 20000 Kinder und Jugendliche bis zum 17. Lebensjahr, die Auswahl ist zufällig. Die durch den Survey gewonnen Informationen werden nicht nur Basis für die bundesweite Berichterstattung von Kindern und Jugendlichen sein, sondern auch Ansatzpunkte für Interventions- und Präventionsmaßnahmen liefern. Themenbereiche des Surveys sind körperliche Beschwerden, Lebensqualität, Inanspruchnahme medizinischer Leistungen u.a..

„Wenn beispielsweise für Adipositas nur grobe Zahlen über deren Verbreitung verfügbar sind und diese Zahlen nicht weiter differenziert werden können, bleibt unbekannt, unter welchen Bedingungen Adipositas besonders häufig vorkommt.“15 Gegenwärtig sind zwischen 10 und 20% der Kinder und Jugendlichen in Deutschland übergewichtig und 4 bis 6% weisen eine Adipositas auf.16 In den USA wird eine Verbreitung von 20 bis 27% adipöser Kinder und Jugendlichen angenommen.

Übergewicht und Adipositas sind in höheren Altersgruppen stärker vertreten. Vor allem in den letzten 20 Jahren ist der Anteil von Übergewichtigen im Kindes- und Jugendalter gestiegen. Dabei sollte der Anteil an untergewichtigen Kindern nicht in Vergessenheit geraten. Die bisherigen Studien zeigen meist die Häufigkeit von Übergewicht bei Schuleintritt, was eine Unterschätzung des Problems ist. Während der Anteil an übergewichtigen Kindern in der ersten Klasse noch relativ gering ist, so steigt er danach kontinuierlich an.

Um einen Eindruck über das Ausmaß von Übergewicht im frühen Kindesalter zu bekommen, werden hier einige Ergebnisse verschiedener Bundesländer dargestellt.17

Nordrhein-Westfalen

Beim Vergleich von Schuleingangsuntersuchungen in NRW von 1996 bis 2002 ist eine steigende Tendenz von Übergewicht von 5,6% auf 6,3% bemerkbar. Der Anteil von adipösen Kindern liegt 1996 3,9% und erhöht sich innerhalb von 6 Jahren auf 4,7%.

1999 weisen in Brandenburg 11,4% der fünf- bis sechsjährigen Jungen und 12,2% der fünf- bis sechsjährigen Mädchen ein Gewicht über der 90. Perzentile auf. Adipös sind hingegen 4,9% der Jungen und 5,8% der Mädchen.

Bei Schulanfängern in Bayern sind etwa 10% der Kinder übergewichtig und 3% adipös.18

Wenn in Schuleingangsuntersuchungen der Anteil von übergewichtigen Kindern durchschnittlich zwischen 6 und 10% liegt, zeigen sich beim Vergleich der Schulstufen gravierende Tendenzen hinsichtlich der Gewichtszunahme.19

1.2.2 Persistenz von Übergewicht

Das Risiko für das Bestehen einer Adipositas bis in das Erwachsenenalter hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Das Risiko einer Persistenz ist vor allem im Zusammenhang mit Übergewicht in der Kindheit und Jugend zu sehen. Etwa ein Drittel bis die Hälfte der Jugendlichen mit Adipositas sind im Erwachsenenalter ebenfalls adipös. Das Risiko ist relativ gering für Kinder, die vor dem dritten Lebensjahr adipös waren. Der Zeitpunkt des Adipositas Rebound gilt als zuverlässiger Prädikator für die Aussage über eine spätere Adipositas. Ein früher Adipositas Rebound erhöht das Risiko für eine spätere Adipositas.20

1.3 Ursachen und mögliche Risikofaktoren für die Entstehung von Übergewicht und Adipositas

Allgemein entsteht Übergewicht, wenn über einen längeren Zeitraum eine positive Energiebilanz erzielt wird, das heißt die Energieaufnahme übersteigt den Energieverbrauch. Der Energiebedarf setzt sich zusammen aus:21

Grundumsatz (55%), Aufrechterhaltung der lebenswichtigen Funktionen Thermogenese(25%), Stoffwechselprozesse Physischer Aktivität (20%), körperliche Aktivität.

In den westlichen Industrieländern zeigt die Ausbreitung von Übergewicht und Adipositas erschreckende Tendenzen.

In den letzten 100 Jahren hat sich das Nahrungsangebot und Verfügbarkeit stark verändert. Die Tatsache, dass immer mehr Kinder und Jugendliche übergewichtig sind, veranlasst nach möglichen Ursachen zu fragen. Welche Faktoren begünstigen Übergewicht oder Adipositas?

Die Ätiologie einer Adipositas ist multifaktoriell, die Entstehung und Aufrechterhaltung von Adipositas ist sehr komplex.22 Genetischbiologische, psychosoziale und umweltbedingte Faktoren stehen miteinander im Austausch.23 Ursache und Wirkung stehen in einer wechselseitigen Beziehung.

1.3.1 Genetische Ursachen

Aufgrund des weltweit familiär gehäuften Auftretens von Übergewicht und Adipositas scheint eine erbliche Komponente nahe liegend. Zwillings-, Adoptions-, und Familienstudien belegen die Annahme einer genetischen Disposition für die Gewichtsregulation. Bei der Einschätzung des Varianzanteils genetischer Faktoren liegen unterschiedliche Annahmen vor, die Schätzungen liegen zwischen 30 und 70%.24

Zu beachten ist, trotz dieser formalgenetischen Erkenntnisse, dass eine genetische Anlage allein nicht für eine phänotypische Ausbildung einer Adipositas ausreicht. „Genetische Einflüsse bestimmen vielmehr, ob eine Person für die Entwicklung einer Adipositas empfänglich ist.“25 Umwelt und Genetik wirken in einer Interaktion zusammen. Denn noch in der Nachkriegsgeneration war Übergewicht eher selten beobachtbar, und der Genpool ändert sich nicht innerhalb kurzer Zeit.26

In den letzten 20 Jahren sind zahlreiche Zwillingsstudien durchgeführt worden, die einheitlich die These einer Disposition unterstützen. Wichtige Befunde liefern folgende Studienergebnisse:

Hebebrand & Remschmidt haben an mehr als 2000 Zwillingspaaren die Ähnlichkeit des Körpergewichtes untersucht. Sie stellten dabei eine genetische Varianz von 60-80% fest.27

Stunkard hat bei über 100 getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingspaaren die Ähnlichkeit hinsichtlich des Körpergewichtes untersucht. Dabei stellte er keine Unterschiede zwischen getrennt und gemeinsam aufgewachsenen Zwillingen fest. 30% des Körpergewichtes werden dem zufolge auf Umwelterfahrungen zurückgeführt.28 Des Weiteren ist der Einfluss von Über- und Untergewicht bei eineiigen Zwillingen untersucht worden. In einer Studie von Bouchard sind monozygoten Zwillingen über 84 Tage zusätzlich 1000kcal zugeführt worden. Die Gewichtszunahme zwischen den Zwillingen ist relativ identisch, während zwischen den Zwillingspaaren die Gewichtszunahme stark variierte. Die niedrigste Zunahme lag bei 4kg und die höchste bei 13kg. Diese Studie stellt dar, dass Menschen aufgrund ihrer genetischen Ausstattung unterschiedlich an Gewicht zunehmen bei übermäßiger Nahrungszufuhr.29

Adoptionsstudien bemerken, dass das Körpergewicht von Adoptivlingen enger mit den leiblichen Eltern korreliert als mit den Adoptiveltern.30 Die Stichprobe umfasst 540 adoptierte Menschen in Schweden und Dänemark. Familiäre Häufungen von Übergewicht und Adipositas werden anhand von Familienstudien demonstriert. Bei Familienstudien kann jedoch nicht der erbliche von psychosozialen als auch umweltbedingten Einflüssen getrennt betrachtet werden.31 Neben genetischen Faktoren werden gegenwärtig intra- und postnatale Einflüsse diskutiert, so gilt Stillen als protektiver Faktor.32

Die molekulargenetische Adipositasforschung hat gegenwärtig nur wenige Befunde. Es gibt noch keine absolute Erkenntnis über die Gene für die Entstehung der Adipositas, es wird von einem polygenen Zusammenspiel ausgegangen. Die Erbanlagen sind weitestgehend unbekannt.33 Die Rolle des Leptins wird im Zusammenhang von Übergewicht, Adipositas vielfach diskutiert.

Monogene und syndromale Formen der Adipositas sind selten und werden aus diesem Grund nicht näher betrachtet.34

1.3.2 Umweltfaktoren

Übergewicht und Adipositas entstehen durch verschiedene Faktoren. Wenn eine familiäre Disposition für Adipositas vorliegt, ist das Risiko für die Entstehung einer Adipositas erhöht. Ein Kind verfügt zwar über eine genetische Disposition, die sich aber erst unter bestimmten Bedingungen manifestiert. Vor allem in den letzten 30 Jahren hat sich die gesellschaftliche Situation stark verändert. Verschiedene soziale Indikatoren wirken auf das Körpergewicht des Kindes, die sich im Entwicklungsprozess verändern können.

„Mütterliches Übergewicht beeinflusst das Körpergewicht der Kinder in einer Kombination zwischen Weitergabe genetischer Einflüsse und prä- und postnataler Umgebungsfaktoren: Metabolische Substrateinflüsse intrauterin, die sich pränatal auf das Geburtsgewicht auswirken und postnatale Weitergabe von Essverhalten und Aktivitätsmustern, die sich in den weiteren Jahren auf die Gewichtsentwicklung auswirken.“35

Während im Schulalter die Eltern noch eine starke Vorbildfunktion einnehmen, wird diese im Jugendalter von der so genannten Peergroup abgelöst. Als wesentliche Umweltfaktoren wirken Essverhalten, körperliche Aktivität und Medienkonsum auf das Körpergewicht.36 Vor allem ein inaktiver Lebensstil begünstigt Übergewicht. Als wesentliche Determinanten gelten dabei der tägliche Fernsehkonsum und Computerspiele.37

„Einen erheblichen Anteil des Programms machen Fortsetzungsserien aus, die Kinder und Jugendliche verstärkt dazu verleiten, an jedem Tag neue Folgen zu sehen.“38 Computerspiele und andere elektronische Medien erhöhen die tägliche Sitzdauer. Fernsehen und paralleles Essen von süßen, salzigen und fetthaltigen Speisen ist beobachtbar. Das Fernsehen wirkt dem Bewegungsverhalten und -bedürfnis des Kindes entgegen. Problematisch werden, mit einer Inzidenz von 1:5000-10.000. Ein Defekt am Chromosom 15 ist für die Entstehung verantwortlich. Vgl. Holub & Götz 2003. erweist sich zusätzlich das Werben für Nahrungsmittel. Generell wirkt die Reduktion von sitzenden Tätigkeiten positiv auf das Körpergewicht.

1.3.3 Soziokultureller Hintergrund

Der Bildungsgrad der Eltern ist ein wesentlicher Indikator für die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas.

Die Familie legt den ersten ‚Meilenstein’ für den Entwicklungsprozess des Kindes. Die Erziehung des Kindes ist von der eigenen Sozialisation geprägt. Das bedeutet, dass der Zugang zu kulturellen Kapital wie Literatur oder Kunst in Anhängigkeit des Elternhauses zu sehen ist. Eltern haben eine Vorbildfunktion, an der sich Kinder orientieren.

Das Bildungsniveau der Eltern prägt die Entwicklung des Kindes. Zu bedenken ist, Kinder werden in bestimmte Familienverhältnisse hineingeboren und haben wenig Einfluss auf ihre soziale Lage. Bildung, Beruf und Einkommen der Eltern kennzeichnen den sozioökonomischen Status einer Familie und wirken auf ihren Lebensstil. Weitere soziale Faktoren sind die Familiengröße, die Anzahl Erziehungsberechtigter, Anzahl der Kinder und die Wohngegend. Neben genetischen Einflüssen wirkt die soziale Lage auf die Gesundheit der Familie.

Übergewicht und Adipositas ist stärker in unteren sozialen Schichten als in oberen Sozialschichten beobachtbar. Eine finanzielle Notsituation schränkt die Nahrungsmittelwahl ein.

Das Kontroverse ist das Bild des übergewichtigen Kindes, das trotz des erhöhten Körpergewichtes mangelernährt ist. Die soziale Lage von Kindern ist eng mit ihrem Gesundheitszustand verknüpft. Ein ähnliches Bild liefert der Vergleich mit Sprachstörungen, die in der Oberschicht bei Kindern 4,5% und in der Unterschicht 15,8% liegt.

Adipositas von Kinder und Jugendlichen nach Sozialstatus der Eltern (Schulbildung und Erwerbstätigkeit)39

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die ökonomischen Ressourcen und der Bildungsgrad der Eltern, das sozial wirksame Prestige, Statussymbole, der Lebensstil und das Milieu oder die soziale Umgebung beeinflussen das Heranwachsen des Kindes.40 Beim Vergleich zwischen den verschiedenen Sozialschichten werden folgende Tendenzen sichtbar: Besonders in einkommensschwachen Familien wachsen Kinder langsamer, haben erhöhte Blutfettwerte, eine stärkere Karies und geringere Knochendichte.41

Gegenwärtig kann die Kieler-Adipositas-Präventions-Studie (KOPS) diese Befunde unterstützen. In dieser werden Kinder im Alter von 5-7 Jahren und ihr gesundheitsrelevantes Verhalten untersucht. Es zeichnet sich eine starke Prävalenz bezogen auf einen niedrigen sozio-ökonomischen Status aus.

„Das Risiko, oberhalb der Kohorten - eigenen geschlechtsspezifischen 90. Perzentile für Gewicht, BMI und Körperfettmasse zu liegen, ist sowohl bei den Mädchen als auch bei den Jungen aus der unteren sozialen Schicht gegenüber Kindern aus der oberen sozialen Schicht um das Zwei- bis Dreifache erhöht.“42

In Abhängigkeit zur elterlichen Schulbildung ist das Ernährungsverhalten des Kindes zu sehen.

Signifikante Unterschiede werden u.a. beim Vergleich von Ernährungsmustern von Kindern aus Familien mit Hauptschulabschluss und Abitur sichtbar. Kinder von Eltern mit Hauptschulabschluss essen täglich weniger Obst, Gemüse und Vollkornbrot als Kinder von Eltern mit Abitur.43

Übergewicht der Eltern ist ein wesentlicher Risikofaktor für die Entstehung einer kindlichen und jugendlichen Adipositas, vor allem der BMI der Mutter beeinflusst die Gewichtsentwicklung des Kindes erheblich.44 Kinder mit zwei übergewichtigen Elternteilen finden sich vermehrt in der unteren Schicht.

Im internationalen Vergleich spiegelt sich dasselbe Phänomen wider, in sozial benachteiligten Wohngebieten der Niederlande sind Kinder bereits im Alter von 5 Jahren häufiger übergewichtig als Kinder aus sozial besser gestellten Wohngebieten. In Australien sind Kinder im Alter von 7 Jahren aus niedrigen sozialen Schichten häufiger übergewichtig als aus höheren.45 Das gesundheitsrelevante Verhalten von Kindern muss im Kontext des sozialen Milieus gesehen werden. Der sozioökonomische Status wirkt nachhaltig auf die Entwicklung des Kindes.

1.3.3 Psychosoziale Faktoren

„Ein niedriger Selbstwert, negatives Körperkonzept, Angst und affektive Störungen sind mit Übergewicht assoziiert.“46

Elterliche Vernachlässigung als auch kognitive Unterstimulation können mit der Entwicklung von Adipositas in Verbindung gebracht werden. Wenn Kinder wenig Aufmerksamkeit von ihren Eltern erfahren, kann dieses unter Umständen mit Nahrung als Ersatzbefriedigung kompensiert werden.47 Die Erziehungsgrundsätze von Eltern wie beispielsweise den Teller leer zu essen oder Essen als Belohnung lösen natürliche Hunger- und Sättigungsgefühle ab. Ersatz von fehlender emotionaler Zuwendung durch Süßigkeiten, um Kinder zu trösten, ist vielfach beobachtbar.

Verhaltensweisen der Eltern wirken auf die Psyche des Kindes ein. Der Umgang mit Nahrung oder das Bewegungsverhalten der Eltern haben Modellcharakter. Hinsichtlich des familiären Interaktionsmuster werden

Unterschiede zwischen Familien mit normalgewichtigen Kindern bemerkt. Familien mit übergewichtigen Kindern weisen meist eher schlechtere Kommunikations- und Konfliktverarbeitungsmuster auf.48 Nicht selten wachsen übergewichtige Kinder in schwierigen Familienkonstellationen auf.49 Dabei sollte auch der sozioökonomische Hintergrund der Familie bedacht werden.

Generell zeigen Studienergebnisse eine Tendenz, sie sind aber vorsichtig zu bewerten und nicht als Generalisierung zu verstehen.

Mehrheitlich sind Eltern wichtige Ansprechpartner für ihre Kinder und haben für sie eine Vorbildfunktion. Mit dem Eintritt in die Schule nimmt der Einfluss der Eltern etwas ab, das soziale Umfeld erweitert sich. Wenn auch das Körpergewicht durch physiologische Regulationsmechanismen bestimmt wird, so wirken kognitive und emotionale Einflüsse auf die biologischen Prozesse im Körper.

Der Erziehungsstil der Eltern wirkt auf den Entwicklungsprozess des Kindes. Die psychosozialen Komponenten für die Entstehung von Übergewicht im Detail aufzudecken ist nicht möglich, da die Entstehung von Übergewicht nicht in Ursache-Wirkungsverhältnis entschlüsselt werden kann. Die Entstehung und Aufrechterhaltung ist eine Art Kreislauf. Scheidung der Eltern oder Arbeitslosigkeit werden von Kindern vielfach als belastend wahrgenommen. Sie kompensieren dann ihre Sorgen und Ängste mit Nahrung. Auch Schulstress, Einsamkeit und Lernstörungen fallen im Kontext Übergewicht auf.

2. Veränderte Kindheit

Umweltbedingungen haben eine hohe Bedeutung hinsichtlich der Entwicklung von Übergewicht. Auch wenn das Gewicht mehr durch die Genetik und weniger durch die Umwelt geprägt wird, so ist doch die Umwelt die einzige Chance wirkungsvoll gegen die genetische Disposition anzukämpfen. Aus diesem Grund sind mögliche Mechanismen die Übergewicht begünstigen, aufzudecken. In diesem Zusammenhang wird die veränderte Kindheit als wesentliche Einflussgröße untersucht, in ihrer Wirkungsweise auf das Heranwachsen von Kindern.

Die Auseinandersetzung von Adipositas zieht viele Fragen nach sich. Gegen die steigende Prävalenz von Übergewicht im Kindesalter muss gehandelt werden. Es ist ein ernstzunehmendes Problem, das veranlassen sollte, generell über Schwierigkeiten innerhalb der Gesellschaft nachzudenken, vor allem weil schon Kinder ‚Opfer’ sind.

Cameron formuliert äußerst treffend: Es gibt keinen Zweifel, dass die Ursachen der aktuell und weltweit zu beobachtenden Trends in den wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen der letzten 150 Jahre begründet liegen.50

2.1 Gesellschaftliche Wandlungsprozesse verändern die Lebensumwelt

Technologische Fortschritte und die Globalisierung wirtschaftlicher Strukturen führen zu einem Wandel ökonomischer und ökologischer Bedingungen.51 Die Lebenswelt des Kindes unterliegt diesen gesellschaftlichen Veränderungen. Markante Veränderungen sind in folgenden Bereichen für die letzten 50 Jahre feststellbar52:

- Wandel der räumlichen Umwelt

Verstädterung, Wohnsituation: Verdichtung der Besiedlung und das Entstehen von Kinderzimmern

Verkehrsentwicklung: Zunahme der Verkehrdichte in Großstädten

- Medien- und Konsumangebote

Beeinflussung durch die Werbung Spielzeugangebot

Konzentration auf Markenartikel

- Demographische Entwicklung

Veränderte Familieformen: Trend zur 1- und 2-Kind Familie Rückläufige Geburtenrate

- Technokratisierung

Industrialisierung in der Arbeitswelt, Technisierung vieler häuslicher Arbeiten

- Wandel der Moralvorstellungen Einfluss der Kirchen sinkt

Verhältnis zwischen Eltern und Kindern wird liberal-partnerschaftlich

Individualisierung der Kindheit: Loslösung von traditionellen Lebensformen

- Entwicklungen der Alltagsorganisation

Bildungsbereich, verlängerte Ausbildungsdauer

Zunahme an pädagogischen Institutionen seit Ende der 60er Jahre Organisierte Freizeit, Durchorganisierung des Kinderalltages Spielen

2.2 Veränderungen der Familienkonstellationen

Die Position der Kinder hat sich verändert. Sie gelten heute zunehmend als Luxusobjekte, denn sie erfüllen Wünsche und Träume ihrer Eltern. Kaum noch werden sie im Zusammenhang mit der Existenzsicherung oder Altersversorgung ihrer Eltern gesehen.

Die Großfamilie, das Zusammenleben mehrerer Generationen in einem Haushalt, ist heute eher eine Seltenheit. Seit Mitte der 60iger Jahre hat mit zunehmender Erwerbstätigkeit der Frau, ihrer Emanzipation und auch den Demokratisierungsprozessen innerhalb der Gesellschaft, die traditionelle Familie einen Formwandel durchlaufen.

Die Vielfalt von Familienkonstellationen ist ein charakteristisches Moment der heutigen modernen Gesellschaft, zu nennen ist beispielsweise die EinKind-Familie. Momentan wachsen ein Drittel der Kinder als Einzelkind auf, sie haben keinerlei Erfahrungen mit Geschwistern, den alltäglichen Konfliktsituationen und Rivalitäten untereinander. Aus diesem Grund ist das außerfamiliäre Zusammensein und Spiel mit anderen Kindern von enormer Bedeutung für die Entwicklung des Sozialverhaltens.53

Ebenso ist die Ein-Eltern-Familie eine immer häufigere Familienkonstellation, Scheidung oder Trennung der Eltern sind die Ursache. Beobachtbar ist das häufige Fehlen männlicher Bezugspersonen, da die Kinder meist bei der Mutter leben.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt, der die heutige Familiensituation prägt, ist die Erwerbstätigkeit der Frau.

1999 waren 55% der Mütter von Kindern im Alter unter 18 Jahren berufstätig. Die Quote der Alleinerziehenden lag bei 9,2%. Zu betonen ist, dass diese Daten eine Momentaufnahme sind, sie zeigen aber eine Tendenz. Ein weiterer Aspekt ist der Rückgang der Geburten in Deutschland.54

2.2.1 Trends heutiger Kindheitsverläufe

Es gibt nicht nur einen Typus von Kindheit, sondern eine ganze Vielfalt an möglichen Entwicklungsverläufen. Das Erfahrungsrepertoire von Kindern ist individuell und im Kontext der Familie und des Wohnumfeldes zu sehen. Materielle, kulturelle und soziale Einflüsse wirken auf das kindliche Heranwachsen. Vor allem die Familiensituation prägt die Lebensumwelt des Kindes, sie ist primäre Sozialisationsinstanz. Immer mehr Variationen von Kindheit sind gegenwärtig beobachtbar, die durch den gesellschaftlichen Wandel bedingt sind. Die materiellen, kulturellen und sozialen Bedingungen unter denen Kinder aufwachsen, bieten vielfältige Chancen, aber auch Risiken. Ambivalenz ist ein prägnantes Merkmal für heutige Kindheit.

Brinkhoff illustriert die Ambivalenz mit der Überschrift zwischen Hoffnung und Verhängnis. Trends wie Konsumkindheit, Medienkindheit, Karrierekindheit, entsinnlichte Kindheit, Inselkindheit, gefährdete Kindheit sind u.a. bemerkbar und unterschiedlich relevant für das einzelne Kind.55 Generell wird der Verlauf des kindlichen Entwicklungsprozesses von ambivalenten Mechanismen beeinflusst. Dennoch wird die Entwicklung der Kinder nicht allein durch den Wandel, sondern eher von dem Zusammenwirken interner und externer Faktoren - allein und in Wechselwirkung von Strukturmerkmalen der jeweiligen Lebensform bestimmt, ebenso aber auch durch die subjektive Wahrnehmung, Interpretation und Verarbeitung der Einflussfaktoren durch die Kinder und die Familie.56

Kindheit ist mit gesellschaftlichen Wandlungsprozessen verknüpft, jede Generation repräsentiert eine Art Typus oder Sozialcharakter. „Die Veränderungen des Kinderalltags und der Gesellschaft sind ambivalent und lassen sich nicht einseitig als Fortschritt oder Reduktion bestimmen“57, es liegt in der Hand der Eltern und Kinder, ihr Leben zu gestalten.

2.2.3 Beziehung zwischen Eltern und Kindern

Feststellbar ist, dass die Interaktion zwischen Eltern und Kindern ambivalente Tendenzen aufweist.

Generell ist die Beziehung zwischen Eltern und Kindern als partnerschaftlich beschreibbar. Meistens ist das Verhältnis der beiden Generationen auf einer partnerschaftlichen Ebene; Toleranz, Offenheit und Freiheit bestimmen das familiäre Klima. Machtstrukturen haben sich insgesamt gelockert, es ist eher ein Verhandlungshaushalt. Wie kommunizieren Eltern und Kinder miteinander? Sind ihre Diskussionen effektiv?

Einige Eltern sind der Auffassung dem Kind müsse alles erklärt werden.58 Unsere Informations- und Mediengesellschaft lässt die Barriere zwischen der Lebenswelt der Erwachsenen und der Kinder verschwinden. Kinder sind heute meist exzellent über Vorgänge und Probleme in der Welt informiert.59 Beck beschreibt die Situation zwischen Eltern und Kindern als Tarifverhandlung, alles muss gerechtfertigt und vereinbart werden.60 Dabei zeigt sich die Problematik der Kommunikation. Eltern sind bestrebt ihren Kindern viel Freiraum zu lassen. Die Veränderung im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern bedeutet aber nicht, dass Eltern sich von ihren Kindern ihre Autorität nehmen lassen. „Die Elemente des Gesprächs aber, […] des Zuhörens, Verantwortung für einander Übernehmens“61 sind manchmal unterentwickelt. Die Lockerung des Eltern-Kind-Verhältnis bedeutet gleichzeitig auch neue Chancen als auch Schwierigkeiten.

Kinder im grundschulfähigen Alter benötigen Unterstützung seitens ihrer Eltern, um sozial-emotionale Kompetenzen zu erlernen.

Von Kindern werden jedoch frühzeitig Verhaltensweisen wie Selbstständigkeit und Urteilsvermögen verlangt. Es kann nicht erwartet werden, dass Kinder ohne Anleitung verantwortungsbewusst und selbstständig handeln.

Konflikte im familiären Bereich durch Scheidung oder wechselnde Partner der Eltern, ständig wechselnde Bezugspersonen außerhalb der Familie werden zur emotionalen und psychosozialen Belastung für Kinder. Aus pädagogischer Sicht ist es vor allem problematisch, wenn Kinder keine feste Bezugsperson haben. Eine Absprache zwischen den Erziehenden ist notwendig, um den Kindern das Gefühl von Sicherheit zu geben.

2.3. Vorbemerkungen: Ernährung

Das Essverhalten unterliegt vielfältigen Faktoren. Ernährung und Essen gilt als wesentlich ätiologische Einflussgröße für die Entstehung als auch Aufrechterhaltung von Adipositas. Die Gründe für die Nahrungsaufnahme wie der Energieverbrauch unterliegen komplexen Strukturen. Prinzipiell beschreibt der Begriff Ernährung im engeren Sinn eine bedarfsgerechte Zufuhr von Makro- und Mikronährstoffen für den menschlichen Körper. Neben rein biologischen Faktoren prägen psychologische und psychosoziale Aspekte das Essverhalten des Kindes. Unter welchen Bedingungen die Nahrungsaufnahme erfolgt, beeinflusst das Essverhalten des Kindes. Neben der qualitativen und quantitativen Nahrungsmittelwahl bestimmen die Zeit und der soziale Kontext die Mahlzeit.

2.3.1 Ernährung versus Essen

Interessanterweise werden Ernährung und Essen seitens der Bevölkerung unterschiedlich definiert. Ernährung wird mit Gesundheitsbewusstsein assoziiert während Essen eher emotionale Aspekte hervorruft.62 Eine gesunde Ernährung wird für die heranwachsende Generation gewünscht und stetig propagiert. Besonders werben Medien mit verschiedenen Produkten für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Kindes. Hierbei wäre zu unterscheiden zwischen Werbung der Hersteller von Produkten in den Medien und Werbung der Medien für gesunde Ernährung.

Doch wenn Ernährung und Essen unterschiedlich voneinander betrachtet werden, können noch so viele Kampagnen für eine bewusste Ernährung starten, sie werden nicht wirklich greifen.

Essverhalten wird vorwiegend über emotionale Motive reguliert.63 Das bedeutet, dass die Familie und der Lebensraum des Kindes Vorbildfunktion leisten.

Ernährungsstörungen veranschaulichen exemplarisch die Schwierigkeiten der Nahrungsmittelvielfalt und dem Angebot zu widerstehen. Eine starre Reglementierung, Verteufelung von Süßigkeiten erscheint unsinnig. Eher eine Balance zwischen Diätwahn und ständigem Snacking64 wird hinsichtlich kindlicher Entwicklung Wirkung zeigen.

Was brauchen Kinder in der Grundschule, um leistungsfähig zu sein? Insgesamt sollte die Nahrungsmittelauswahl qualitativ und quantitativ den Ansprüchen des Organismus entsprechen. Der kindliche Körper benötigt eine ausgewogene Ernährung für Stoffwechsel- und Wachstumsprozesse. Die Energiezufuhr sollte nach Möglichkeit dem situativen Energiebedarf der jeweiligen Tätigkeit angepasst sein. Bei sportlichen Aktivitäten brauchen Kinder deutlich mehr als wenn sie fernsehen.

2.3.2 Ernährungsgewohnheiten

Essgewohnheiten werden in der Familie gelernt. Ein ungünstiges Ess- und Trinkverhalten führt nicht selten neben Adipositas zu weiteren Problemen.65 Wenn Kinder ohne Frühstück zur Schule gehen und den Vormittag über nichts trinken, ist ihre Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Konzentrationsschwäche und Müdigkeit sind eine Konsequenz.

Generell werden Verhaltensweisen innerhalb der Familie gelernt. Durch den Wandel der Familie, der Auflösung traditioneller Strukturen, orientieren sich Kinder an ihrem nahen Umfeld. Die Gruppe der Peers und Trends werden mit dem Eintritt in die Schule wichtiger.66

Der Erziehungsstil der Eltern unterstützt das Heranwachsen des Schulkindes. Das familiäre Klima wirkt auf die gesundheitliche Lage des Kindes. Aber sind die Ursachen für eine erhöhte Prävalenz für Adipositas einzig bei den Nahrungsmitteln zu suchen? Sicher beeinflusst die Lebensmittelindustrie das Kaufverhalten der Eltern und Kinder. Die Produkte werden mit gut durchdachten Werbeslogans verknüpft, die Wirkung zeigen.

Wenn hauptsächlich die Auswahl von Nahrungsauswahl diskutiert wird, darf nicht die Erfahrung des Essens vergessen werden. Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme, es verknüpft Gefühle wie Freude, Lust, Ängste.67 Soziokulturelle und familiäre Faktoren sind wesentlich hinsichtlich des Essverhaltens.

Das Essverhalten und das Wohlergehen des Kindes werden nicht einzig von Nahrungssubstanzen bestimmt. Ein gemeinsam vorbereitetes Familienfrühstück wird nicht den Verzehr eines Schokoriegels auf dem Weg zur Schule ersetzen können.68 Die Auswirkungen des Mangels an Liebe und Fürsorge zeigen sich anhand des Hospitalismus.69 Denn das Essverhalten wird über emotionale Motive reguliert und beeinflusst indirekt die Notwendigkeit einer Esskultur.

Kinder sind heute meist gut informiert, sie verfügen über ein weitestgehendes Repertoire an Wissen. Prinzipiell wissen sie von der Gefährdung durch zuviel Fett in Nahrungsmitteln und dass Obst/Gemüse wichtig sind, aber die praktische Umsetzung bereitet immer mehr Probleme.70

Es zeigt sich anhand der hohen Prävalenz, dass eine Diskrepanz zwischen Bedarf und Bedürfnis bezüglich des Nahrungsmittelverzehrs besteht.

2.3.2.1. Prägende Determinanten bei der Entwicklung des Essverhaltens

Wesentliche Dimensionen, die das Essverhalten des Kindes prägen71: Kognitive Dimension

- Es wird über das Wissen bezüglich einer gesunden Ernährung verfügt. Biologisch-genetische Dimension
- Stoffwechsel und Wachstumsprozesse
- Eine familiäre Disposition bezüglich Übergewicht ebenso Untergewicht wird angenommen.
- Hunger und Sättigungsempfinden

Die Zusammensetzung der Nahrung spielt für das Hunger- und Sättigungsempfinden als auch Energiespeicherung eine Rolle. Die Sättigung hängt nicht nur von der Nahrungsmenge, sondern eher von der Energiedichte ab. Proteine bewirken ein starkes Sattheitsgefühl während Fette eher gering sättigen.

- Die Geschmackspräferenz für Süß ist angeboren. Es besteht ein Zusammenhang, dass adipöse Menschen eine stärkere Präferenz für fettreiche Speisen haben.

- Im Hypothalamus wird das Körpergewicht reguliert.

„Die Existenz hypothalamischer Kerngebiete mit Auswirkung auf die Konstanz des Körpergewichtes legt einen klassischen endokrinen Regelkreis der Gewichtsregulation nahe.“72 Die Gewichtsregulation unterliegt komplexen hormonellen Mechanismen, im Hypothalamus befindet sich das Ess- und Sättigungszentrum.

Emotionale Dimension

- Essen wird über sozial-emotionale Motive reguliert. In Stresssituationen können Kinder unterschiedlich reagieren, ein verstärktes Essverhalten oder Appetitlosigkeit sind charakteristische Verhaltensweisen, die beobachtbar sind.

- Grundsätzlich wird im Laufe der Entwicklung das Essverhalten durch klassisches als auch operantes Konditionieren stabilisiert. Genauso wird über Beobachtung und Nachahmung gelernt.

- Ein problematisches Essverhalten kann u.a. durch Verhaltenweisen von Eltern entstehen. Wenn Eltern ihre Kinder mit Süßigkeiten belohnen oder Nahrung als Trostpflaster verwenden. Dabei wird Zuwendung und Geborgenheit über Nahrungsmittel erfahren. Es besteht die Gefahr, dass Essen an Gefühle und nicht mehr an Hunger gekoppelt wird. Ein gesundes Essverhalten zu lernen, wird heutigen Kindern durch Werbung und auch durch andere gesellschaftliche Rahmenbedingungen erschwert. Ziel ist es nicht, Kinder von Süßigkeiten fernzuhalten. Süßigkeiten sollen aber nicht als Erziehungsmittel eingesetzt, sondern als Genuss erlebt werden.

Weiter können Aussagen wie ‚Iss deinen Teller leer’ oder ‚Was du dir auf deinen Teller getan hast, musst du essen’ oder ‚Was auf den Tisch kommt, wird gegessen’ Ernährungs- und Essprobleme mit verursachen und unterstützen. Auch wenn in den letzten 20 Jahren elterliche Esszwänge stark abgenommen haben, bestimmen sie vereinzelt noch den Alltag in Familien.73 Die Lockerung der Eltern-Kind-Beziehung kann Anlass sein.

- Die Aufforderung beziehungsweise der Zwang zum Essen kann verschiedene Gründe haben, auch ökonomische.

Problematisch können sich Verhaltenweisen von Eltern auf die Entwicklung des Kindes, das Essverhalten, auswirken. Es wird kein Kind adipös, wenn es einmal von seiner Oma zur Belohnung für ein gutes Zeugnis oder ähnliches eine Tafel Schokolade bekommt. Der Gesamtkontext ist von Bedeutung, über welche Kompetenzen, Ressourcen und Strategien das Kind verfügt.

- Essgewohnheiten sind im Kontext des soziokulturellen Raumes zu betrachten. Dieses zeigt sich schon, wenn man verreist. Kulturelle Unterschiede sind bemerkbar bezüglich der Nahrungsauswahl und ebenso im Essverhalten.

Das individuelle Essverhalten wird von biologischen, und besonders von soziokulturellen Faktoren im unterschiedlichen Maß geprägt. Ein wesentlicher Aspekt ist die soziale Lage der Familie, inwieweit diese über materielle Ressourcen verfügt. Die Auswahl und die Menge der Nahrung steht in Korrelation zum sozialen Status der Familie, besonders die Mutter beeinflusst das Essverhalten des Kindes. Im Entwicklungsverlauf unterliegt das Essverhalten des Kindes immer komplexeren Strukturen, während im Säuglingsalter hauptsächlich physiologisch-biologisch Hunger und Sattheitsgefühle steuern, ändert sich dies ab dem Kleinkindalter immer stärker. Spätestens mit der Einschulung werden Kinder mit Gewohnheiten und Vorlieben ihrer Mitschüler konfrontiert.

2.3.3.Umgang mit Essensvorlieben von Kindern

Eine ausgewogene, gesunde Ernährung bedeutet nicht, ganz auf Süßigkeiten zu verzichten. Die Ernährung sollte alterspezifischen Essensvorlieben und Abneigungen berücksichtigen. Die angeborene Präferenz für Süß oder die Vorliebe für Salziges braucht nicht ‚verteufelt’ werden. Denn von einer absolut ungesunden Ernährung in einen ‚Gesundheitswahn’ zu verfallen ist auch nicht besser. Wenn Kinder jeden Tag nur Gemüse und Obst verzehren, wäre zwar nicht die Konsequenz Übergewicht, aber andere gravierende Ernährungsdefizite würden sich manifestieren. ‚Naschen’ ist erlaubt, Süßigkeiten und auch fettreiche Speisen können in Maßen konsumiert werden. Außerdem wird ein striktes Verbot von Süßigkeiten und Fast-food schwer umsetzbar sein. Das Konzept der optimierten Mischkost lässt Freiraum für die individuelle Gestaltung der Ernährung.74

Konzept der optimierten Mischkost des Forschungsinstituts für Kinderernährung Dortmund (FKE) (zitiert nach Heseker 2002)

2.3.3.1 Ernährungsempfehlungen für Schulkinder

Eine abwechselungsreiche und vollwertige Ernährung ist für Kinder zu favorisieren. Sie benötigen für das Wachstum, körperliche und geistige Entwicklung verschiedene Nährstoffe. Mit einer optimierten Mischkost kann Störungsanfälligkeiten frühzeitig entgegengewirkt werden. Der Energiebedarf richtet sich nach Alter, Geschlecht, klimatischen Verhältnissen und körperlicher Aktivität.

Die Nahrungsaufnahme sollte sich auf fünf Mahlzeiten am Tag verteilen, eine warme Hauptmahlzeit, zwei kalte Hauptmahlzeiten und zwei kleine Zwischenmahlzeiten sollten eingenommen werden.75 Insgesamt erweisen sich für den kindlichen Organismus mehrere kleine Mahlzeiten am Tag günstiger als zwei große Mahlzeiten. Zwei Besonderheiten bei der Nahrungsversorgung von Kindern im Grundschulalter sind elementar, die die Leistungsfähigkeit beeinflussen: sie haben einen relativ hohen

Flüssigkeitsbedarf und eine geringe Glycogenspeicherung in der Muskulatur und Leber.76 Daraus ergeben sich für den familiären Alltag und vor allem für die Schule Konsequenzen. Die Energiereserven des Kindes sind bei körperlicher als auch kognitiver Beanspruchung schnell erschöpft. Zwischendurch sollten Kinder im Grundschulalter immer mal etwas zum Trinken und möglicherweise eine kleine kohlenhydratreiche Zwischenmahlzeit bekommen.

Ein ungünstiges Trink- und Essverhalten schränkt die schulische Leistungsfähigkeit ein. Ungünstig erweisen sich verschiedene Faktoren, wenn zu viel, zu fett, zu salzig und zu ballaststoffarm (und auch zu wenig!) gegessen wird. Weiter beeinträchtigt eine zu geringe Flüssigkeitsmenge die Denkfähigkeit des Kindes. Wenn ein Essverhalten mal ungünstig ist, kann der Körper dieses kompensieren. Aber über einen längeren Zeitraum ist das Ausmaß fatal für die körperliche und geistige Entwicklung.77

Eine vollwertige Ernährung wird erreicht, wenn:

- das Essen abwechselungsreich, vielseitig, schmackhaft und fettarm zubereitet ist.
- täglich ballaststoffreiche Produkte wie Getreide oder Vollkorn eingenommen werden.
- die Kinder täglich frisches Obst, Gemüse und Kartoffeln erhalten.
- wenn möglichst reichlich ungesüßte oder wenig gesüßte Getränke getrunken werden.
- regelmäßig mageres Fleisch, Fisch und Eier den Speiseplan bestimmen.

2.3.3.2 Ernährungsphysiologische Hinweise für die Nährstoffverteilung

Die Nahrung setzt sich im Wesentlichen aus Proteinen, Kohlenhydraten, Fetten, Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Wasser zusammen. Hauptsächlicher Energielieferant sind Kohlenhydrate. Für das

Schulkind gelten folgende Referenzwerte: 55% der Nahrungsenergien in Form von Kohlenhydraten, 15% als Proteine und 30% als Fette. Bei der Fettauswahl sind hochwertige Fette zu bevorzugen mit hohem Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Der Energiebedarf liegt bei 7 bis 10 Jährigen bei 1800 kcal pro Tag. Die Menge an Flüssigkeit für Kinder im Alter von 7 bis 10 Jahren umfasst etwa ein Liter.78

2.3.4. Konkrete Daten zur Ernährungsweise von Kindern

Bevor speziell das Essverhalten übergewichtiger und adipöser Grundschulkinder im Detail untersucht wird, werden Verzehrdaten aus verschiedenen Studien zusammenfassend dargestellt, um einen Gesamteinblick von der Lebensmittelauswahl heutiger Kinder zu erhalten.79 Die mangelhafte Zusammensetzung der Nährstoffe stellt das Haupt- ernährungsdefizit dar.80 Es besteht eine Diskrepanz zwischen dem hohen Konsum von Fett und auch Zucker gegenüber einer eher niedrigen Zufuhr von Ballaststoffen.

Das Gemüse und Obst gesund ist, wissen Kinder in der Grundschule. Sie sind meistens bestens informiert. Trotz theoretischer Kenntnisse zeichnen sich paradoxerweise bestimmte Muster in den Essensgewohnheiten von Kindern ab.

2.3.4.1 Aktuelle Trends bei Schulkindern in Deutschland

Kinder nehmen zu wenig pflanzliche Nahrungsmittel wie Obst, Gemüse und Getreide zu sich. Etwas mehr Obst als Gemüse wird verzehrt. Rohes Gemüse wird gegenüber gekochtem deutlich bevorzugt. Der Obst- und Gemüseverzehr liegt bei 40-50% der empfohlenen Menge für Kinder nach dem Konzept der optimierten Mischkost des FKE.81

Gemüse ist reich an Vitaminen, Mineralstoffen und ist durch seinen hohen Wasseranteil energiearm. Da es ballaststoffreich ist, wirkt es sättigend. Gemüse enthält zahlreiche essentielle ‚Bausteine’ für den Organismus. Es stärkt das Immunsystem und unterstützt Stoffwechselprozesse. Eine verminderte Aufnahme kann Entwicklungsprozesse deutlich beinträchtigen. (Blutbildung, Aufbau von Knochen, Nervensystem u.a. ).

Weiter werden zuwenig von kohlenhydratreichen Energielieferanten wie Kartoffeln und Getreide verzehrt. In Kartoffeln ist beispielsweise Stärke enthalten, welche Energie liefert.

Typisches Merkmal für heutige Schulkinder ist ein gravierendes Flüssigkeitsdefizit. Sie trinken viel zu wenig, sie favorisieren im erheblichen Maße zuckerhaltige Getränke, die mal so eben ‚zwischendurch’ getrunken werden. Schulkinder trinken meistens weniger als 500ml täglich. Ein weiterer Aspekt ist der Mangel an Calcium und Jod. Calcium ist wesentlich für den Aufbau von Knochen und Zähnen, daher ist eine regelmäßige Zufuhr von Milch und Milchprodukten wichtig. Der häufige Vorwurf, dass Fast-food-Ketten den Alltag heutiger Kinder maßgeblich bestimmen, kann nicht bejaht werden. Obgleich bei Kindern eine starke Präferenz für Pizza und Hamburger besteht, werden sie im Alltag eher nur ein- bis zweimal wöchentlich einen Hamburger oder eine Pizza essen. Mit dem Eintritt in die Schule ändert sich das Essverhalten ein wenig, bei Fast-food sind im Kleinkindalter typisch die traditionellen Snacks wie Pommes frites.

Zu viel, etwa 20%, wird an fettreichen und zuckerhaltigen Speisen von Schulkindern gegessen. Trotz eines hohen Energiegehaltes kann eine erhöhte Zufuhr an Zucker und Fett nicht fehlende andere Nährstoffgruppen kompensieren.

Ernährung wird meist im naturwissenschaftlichen- medizinischen Kontext analysiert und in Verbindung mit Mangelerscheinungen und Krankheiten in Verbindung gebracht.

2.3.4.2 Trends im Bereich von Mahlzeiten

Insgesamt verzichtet jedes sechste Kind häufig oder manchmal auf das Frühstück.

Mehrheitlich frühstücken Grundschüler zu Hause. Je älter aber die Kinder werden, desto geringer wird der morgendliche Appetit und das Frühstück wird öfter ausgelassen. Statistischen Daten zufolge frühstückten 84% der 8 bis 12 jährigen Schulkinder.82 98% der Kinder bekommen Pausenverpflegung und Getränke mit in die Schule.83

Das traditionelle Pausenbrot ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr, zeitsparend wird beim Bäcker oder Kiosk an der Ecke ein Schokobrötchen oder ähnliches gekauft. Die Selbstverständlichkeit des Vorhandenseins von Nahrungsmitteln verändert das Bewusstsein von Eltern und Kindern. „Lebensmittel besitzen keinen besonderen Stellenwert, Pausenbrote werden (zum Ärger mancher Mütter) weggeworfen oder unberührt nach Hause gebracht.“84 Problematisch erweist sich das Angebot des Schulkiosks und umliegender Läden.

Wenn ein Viertel aller Kinder kein warmes Mittagessen erhält und möglicherweise noch nicht einmal frühstücken, so wirkt dieses nicht besonders gesundheitsfördernd.

2.3.4.3 Essverhalten übergewichtiger Kinder

Während bei Neugeborenen das Hunger- und Sättigungsgefühl überwiegend durch innere Signale stimuliert wird, wirken im Laufe der Entwicklung immer mehr äußere Einflussfaktoren auf die Ernährung des Kindes. Bei adipösen, übergewichtigen Kinder ist folgendes bemerkbar: x Underreporting

Es wird die tägliche Zufuhr an Nahrung in der Menge als auch ihrem Kaloriengehalt unterschätzt.85

[...]


1 WHO 2000.

2 Vgl. Kromeyer-Hauschild 2005, S. 12.

3 Anm.: Aus Gründen der besseren, einfacheren Lesbarkeit wird im Text die maskuline Form stellvertretend für beide Geschlechter benutzt.

4 Vgl. Kromeyer-Hauschild 2005, S. 4.

5 Vgl. Warschburger, Petermann, Fromme & Wojtalla 1999, S. 15.

6 Lehrke 2004, S. 15.

7 Vgl. Kromeyer-Hauschild 2005, S. 4.

8 Ebd., S 12.

9 WHO 1998, zitiert nach Pudel 2003, S. 4.

10 Vgl. Wabitsch & Fischer-Posovszky 2005, S. 74f.

11 Manz 2001, S. 40.

12 Mensink 2002, S. 132.

13 Warschburger, Petermann, Fromme & Wojtalla 1999, S. 22.

14 Vgl. ebd..

15 Kurth 2002, S. 854.

16 Vgl. Kromeyer-Hauschild 2005, S. 12.

17 Vgl. ebd., S. 13.

18 Vgl. Robert Koch-Institut 2004, S. 98.

19 Bös, Opper & Woll 2002.

20 Vgl. Kromeyer-Hauschild 2005, S. 11.

21 Vgl. Warschburger et al. 1999,S. 26

22 Vgl. Lindel &Laessle 2002, S. 8.

23 Vgl. Holub & Götz 2003, S. 227.

24 Vgl. Lehrke 2004, S. 54.

25 Warschburger et al. 1999, S. 28.

26 Vgl. Pudel 2003, S. 17.

27 Hebebrand & Remschmidt 1995.

28 Stunkard, Harris, Pedersen & McClearn 1990.

29 Bouchard,Tremblay, Despres, Nadeau, Lupien, Theriault, Dussault, Moorjani, Pinault, & Fournier 1990.

30 Stunkard, Sorensen, Hanis, Teasdale, Chakraborty, Schull & Schulsinger 1986.

31 Hebebrand & Remschmidt 1995.

32 Vgl. Zwiauer 2005, S. 106.

33 Vgl. Hebebrand & Hinney 2000, S. 81.

34 Anm.: Mutationen im hypothalamischen Melanokortinrezeptor (MC4R) werden als Ursache autosomal-dominant vererbter monogener Adipositas beim Menschen. Bei ca. 2,5% aller extremen adipösen Kinder können Mutationen in diesem Rezeptor Gen gefunden werden. Das Prader-Willi-Syndrom kann als syndromale Form der Adipositas erwähnt

35 Zwiauer 2005, S. 103

36 Anm.: Im Detail werden Ernährung und Bewegung im 2.Kapitel vorgestellt.

37 Dietz & Gortmaker 1985, S. 807ff.

38 Hebebrand & Bös 2005, S. 56.

39 Robert Koch-Institut 2004, S. 169.

40 Vgl. Settertobulte 2001, S. 28.

41 Ebd. S. 33.

42 Langnäse 2001, S. 41.

43 Vgl. ebd., S. 47.

44 Vgl. ebd., S. 63.

45 Vgl. ebd., S. 92.

46 Roth 2004, S. 25.

47 Anm.: Andere Verhaltenweisen sind aber auch möglich, Adipositas ist als Beispiel zu betrachten.

48 Vgl. Kirschenbaum, Harris & Tommarken 1984; Tweddle Banis, Varni & Wallander 1988.

49 Vgl. Lehrke 2004, S. 64.

50 Vgl. Cameron 2002, S. 415.

51 Vgl. Dordel 2003, S. 28.

52 Vgl. Büchner 1995, S. 196.

53 Vgl. Rolff & Zimmermann 1997, S. 24.

54 Vgl. Robert Koch-Institut 2004, S. 25.

55 Brinkhoff 1996, S.7, zitiert nach Dordel 2003, S. 35.

56 Liegle 2003, S. 49.

57 Rolff & Zimmermann 1997, S. 1.

58 Vgl. Rabe-Kleberg 1995, S. 173.

59 Vgl. Drews & Wallrabenstein 2002, S. 70.

60 Vgl. Beck 1996, S. 48.

61 Beck 1996, S. 51.

62 Vgl. Pudel 2004, S.111.

63 Vgl. ebd., S. 113.

64 Anm.: Snacking wird als ‚Zwischendurch-Essen’ bezeichnet, häufig in Verbindung mit energiereichen und fetthaltigen Lebensmitteln.

65 Anm.: Ein Aspekt ist die Überernährung, Adipositas, die aber paradoxerweise eine Mangelernährung einschließt. Weiter sind Essstörungen wie Magersucht zu bedenken, diese können auch schon im frühen Kindesalter auftreten. Neurodermitis, endokrine Erkrankungen sind u.a. möglich.

66 Vgl. Wirth 2000, S. 309.

67 Vgl. Heindl 2004 a, S. 3.

68 Vgl. Sozialministerium Baden-Württemberg 2002, S. 9.

69 Vgl. Knigge-Demal 1999, S. 151.

70 Heseker 2003a.

71 Vgl. Warschburger et al. 1999, S. 28f.

72 Krude 2005, S. 122.

73 Diehl 1996, zitiert nach Sozialministerium Baden Württemberg 2002, S. 17.

74 Vgl. Heseker 2002, S. 2.

75 Kersting 2005 b, S. 335.

76 Vgl. Heseker 2002, S. 3.

77 Vgl. Heseker & Beer 2004, S. 241.

78 DGE 2000.

79 Kersting hat die verschiedenen Daten zur Ernährung zusammengefasst wie die Donald Studie 2001, DGE 2000, u.a.

80 Heseker 2003, S. 1.

81 FKE 2002.

82 DGE 2000.

83 DGE 2001, zitiert nach Sozialministerium Baden-Württemberg 2002, S. 58.

84 Brombach 2003, S. 132.

85 Vgl. Kersting 2005 a, S. 66.

Details

Seiten
167
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638030762
ISBN (Buch)
9783638928403
Dateigröße
3.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89268
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
2,0
Schlagworte
Probleme Kinder Grundschule

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Titel: Probleme übergewichtiger Kinder in der Grundschule