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Eine Analyse der Berichterstattung der deutschen Medien über Israel während der „Al-Aqsa-Intifada“

Hausarbeit 2007 37 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Klärung zentraler Begriffe
2.1 Definition des Begriffes „Antisemitismus“
2.2 Definition des Begriffes „Sekundärer Antisemitismus“
2.3 Definition „Al-Aqsa-Intifada”

3. Mediale Meinungsbildung
3.1 Der Weg zur Nachricht
3.2 Medienwirkung
3.2.1 Einfluss medialer formaler Eigenschaften
3.2.2 Agenda-Setting
3.2.3 Framing
3.3 Medienwirkungen

4. Berichterstattung aus Israel und Palästina

5. Israel in deutschen Medien
5.1 Printmedien
5.2 TV-Medien

6. Antisemitismus in Deutschland
6.1 Empirische Studien zu Antisemitismus in Deutschland

7. Schlussfolgerung

8. Anhang
8.1 Nachrichtenfaktoren nach Schulz
8.2 Zeitungsartikel der Berliner Morgenpost

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Beginn der so genannten zweiten Intifada im September 2000 ist das Thema „Israel“ ein Dauergast in deutschen Wohnzimmern - in sämtlichen deutschen Medienbereichen, seien es die Printmedien, das Fernsehen oder auch Internet und Radio. Permanent berichtet, diskutiert und reflektiert die deutsche Medienlandschaft den Nahost-Konflikt. Dieser Diskurs hat sich im letzten halben Jahr weiter verschärft. So ist die Berichterstattung um Israel seit 2006 nicht mehr allein vom Konflikt mit Palästina gekennzeichnet, sondern auch durch die antisemitischen Äußerungen des iranischen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinejad oder die Auseinandersetzung gegen die Hisbollah und das dazugehörige Vordringen israelischer Soldaten in den Libanon.

Fast täglich werden den deutschen Bundesbürgern seit 2000 Bilder des Nahost Konfliktes in Form von Panzern, Anschlägen und Militäraktionen medial zusammengefasst präsentiert. Die Beiträge werden häufig auf wenige Sekunden, oder Publikationen auf wenige Zeilen, reduziert und folglich ist es somit schwer, wirklich transparente Informationen und deren Hintergründe zu liefern bzw. zu erhalten.

Dabei ist es allein den Berichtenden überlassen, aus welcher Perspektive diese Ereignisse dargestellt werden und welchen Fokus der Berichterstattung sie wählen. Es stellt sich hier die Frage, ob die mediale, selbst eingeforderte Objektivität durch Gewaltszenarien nicht in einen Opfer-Täter-Diskurs mündet. „Unter allen journalistischen Herausforderungen ist die Darstellung von kriegerischen Auseinandersetzungen die größte Schwierigkeit: eine neutrale Position ist angesichts höchster emotionaler Spannungen ebenso schwer einzunehmen wie dem journalistischen Standard ‚Audiatur et altera pars’ gerecht zu werden.“1

Denn die Crux der medialen Berichterstattung besteht darin, dass die sich oft wiederholenden, subjektiv positionierten Berichterstattungen, das Meinungsbild der Gesellschaft forcieren und in bestimmte Richtungen lenken können. So betont Niklas Luhmann "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“2

Die wissenschaftlichen Studien des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung sowie von Media Tenor weisen daraufhin, dass genau dies in der deutschen Medienlandschaft der Fall ist. Für den ausufernden Diskurs im Nahen Osten wird fast ausschließlich Israel in ein Licht gerückt, welches Israel als Aggressor dastehen lässt und damit die Verantwortung für die Gewalt und dessen Folgen trägt.3 Dabei greift die deutsche Journalie auf eine starke Negativ-Charakterisierung des Staates Israel zurück, die vor antijudaistischen stereotypen4 Zuschreibungen nicht halt macht.

So verdeutlicht die 2004 veröffentlichte wissenschaftliche Studie der Universität Bielefeld5, dass die Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina Vorurteile in der deutschen Bevölkerung hervorruft. So stimmten der Formulierung „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“ 44,4% der Befragten eher oder voll und ganz zu.6

Der Gang der Untersuchung in dieser Arbeit orientiert sich vorrangig an folgenden Fragen: Kann es durch mediale Nachrichten zu Beeinflussungen der Konsumenten und Konsumentinnen von Nachrichten in bestimmten Themenkomplexen kommen? Wie und unter welchen Umständen wurde aus dem Konfliktgebiet Israel-Palästina in den deutschen Medien berichtet?

Mit der Herausarbeitung dieser Themen soll die These untersucht werden, dass eine tendenziöse mediale Berichterstattung in der Bundesrepublik Deutschland über die Zweite Intifada einen Anstieg des Antizionismus und Antisemitismus zur Folge hatte.

Da eine komplette Analyse aller heute vorhandenen Medien den Rahmen dieser Arbeit bei weitem überschreiten würde, beschränkt ich mich auf die Untersuchung der Print- und TV-Medien mit Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 bis zu deren Ende im Februar 2005.

Dabei sollen nur Medien untersucht werden, welche die gesellschaftliche Mitte bedienen, da rechte und linke Medien sich bereits politisch positioniert haben und ihre eigenen Werte publizieren.

2. Klärung zentraler Begriffe

2.1 Antisemitismus

Antisemitismus zu definieren ist immer wieder Gegenstand unzähliger Literatur, Studien und Diskussion. Dabei greifen die Protagonisten häufig ihre eigenen Vorstellungen des Begriffes auf, um aus diesen heraus zu argumentieren, da es keine einheitliche, endgültige Definition gibt. Dennoch gibt es bestimmte Indikatoren, mit denen sich der Antisemitismus bestimmen lässt.

Im Fremdwörterbuch von Hüber wird der Begriff Antisemitismus folgendermaßen definiert. „1. Feindschaft, Abneigung, Hetze gegen Juden. 2. rassistische, religiös motivierte Bewegung gegen alles Jüdische“.7

Diese sachlichen Oberbegriffe enthalten einen wiederkehrenden Kern vieler Definitionen, dennoch spiegeln sie nicht die Tragweite von Ausgrenzung, Diffamierung und Hass gegen Juden wieder. „Unter Antisemitismus darf nicht nur die bloße Anhäufung von antisemitischen Stereotypen verstanden werden, die beziehungslos nebeneinander stehen.“8 So plädiert Thomas Haury weiter, dass der heutige, moderne Antisemitismus als Weltbild verstanden werden muss; als eine ideologische Reaktion mit Verschwörungstheorien auf die gesellschaftlichen Umbrüche eines kapitalistischen Systems. In dieser konstruierten Welt steuern und bestimmen die Juden aus dem Hintergrund Regierungen, Presse und prägen somit die öffentliche Meinung und sind daher die Vorantreiber des Kapitalismus.9

Der Politikwissenschaftler Wolfganz Benz sieht Antisemitismus als Begriff für alle Formen der Feindschaft gegen Juden. Dieses spezifiziert er wie folgt: „Denn zum Wesen des Antisemitismus gehört einerseits die offene Beleidigung, der verbale und brachiale Angriff gegen den einzelnen Juden, und andererseits die Verständigung der Nichtjuden über angebliche Eigenschaften, Absichten, Handlungen, die den Vorwand bieten, die Juden als Gesamtheit abzulehnen bis zu ihrer Verfolgung und Vernichtung.“10

2.2 Sekundärer Antisemitismus

Der Sekundäre Antisemitismus ist eine Erscheinung, die in Deutschland nach dem Sieg der Alliierten 1945 als neue Form des Antisemitismus auftrat. Zur Erklärung von sekundärerem Antisemitismus können zwei Muster herangezogen werden, zum einen die Debatten in der innerdeutschen Gesellschaft, zum anderen die direkte Zuschreibung von Eigenschaften gegenüber Juden.

So muss von sekundärem Antisemitismus gesprochen werden, wenn Juden der Vorwurf gemacht wird, sie nutzten die Shoa für ihre Belange aus. Sei es um eigene Taten zu rechtfertigen, ihre Interessen durchzusetzen oder um sich zu bereichern. Als Beispiel kann hier die das Wort ‚Holocaust-Industrie’ genannt werden. Dies impliziert Eigenschaften wie u.a. geldgierig, profitsüchtig, gerissen.11

Des Weiteren steht hinter den Bemühungen dieses Begriffes die Absicht, die Verbrechen die während des zweiten Weltkrieges von dem nationalsozialistischen Regime an den Juden begangen wurden, zu verharmlosen, zu relativieren oder ganz zu revidieren.12 Diese darin enthaltende Schuldabwehr, Erinnerungsverweigerung und Forderung nach einem Schlussstrich der Vergangenheitsbewältigung der deutschen Kriegsgeschichte, im besonderen Maße gegenüber dem Holocaust, ist ein Versuch, die Täter und deren Erben (also die deutsche Gesellschaft) freizusprechen und ihre Untaten damit vergessen zu machen.13

Eine Rehabilitierung des Nationalsozialismus bedeutet aber zugleich auch eine Rehabilitierung deren Verbrechen, die im Zuge des damals vorherrschenden Rassen- Antisemitismus begangen wurden. Diese Variante der Judenfeindschaft wird zwar ohne direkte judenfeindliche Angriffe ausgeübt, dennoch stellt sie einen ideologischen Unterbau für Antisemitismus dar und der Begriff „Sekundär“ besitzt daher nur einen begrenzten Gebrauchswert.14

2.3 Definition „Al-Aqsa-Intifada“

Eine Intifada bezeichnet einen gewaltsamen Konflikt zwischen Palästina und Israel. Die zweite Intifada, auch „Al-Aqsa-Intifada“15 genannt, ist, folgt man dem Gros der Berichterstattung der Medien, die Folge des Besuches des Tempelbergs des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon am 28. September 2000. Die Bezeichnung „Al-Aqsa-Intifada“ leitet sich vom Ausgangspunkt des ersten gewaltsamen Protestes der Palästinenser ab; dieser begann an der al-Aqsa-Moschee am Tag des Besuches Sharons auf dem Tempelberg.16

Die der zweiten Intifada vorangegangene erste Intifada fand zwischen 1987 und 1993/94 statt und wurde von der PLO unterstützt. Diese Intifada zielte auf die Errichtung eines eigenen Palästinenserstaates ab; kurz nach Ausbruch des Konflikts gründete sich die Hamas.17

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die „Al-Aqsa-Intifada“ als Intifada im eigentlichen Sinne umstritten ist. Die Bezeichnung Intifada ist zu verwenden, sofern es sich um eine spontane Erhebung großer Teile der palästinensischen Bevölkerung handelt und diese mit gewaltsamen Mitteln ihre Interessen versuchen durchzusetzen.18

Rolf Behrens weist darauf hin, dass der damalige palästinensische Kommunikationsminister Imad Falujui auf einer PLO-Demonstration im Libanon (2001) berichtete, dass diese Intifada eine schon lange geplante Aktion und Sharons Gang auf dem Tempelberg lediglich der Anlass für den Gewaltausbruch war.19 Gleiches erläuterte der Jerusalem Beauftragte der Palästinensischen Autonomiebehörte Sari Nusseiba, indem er erklärte, dass es sich bei dieser Intifada um keinen Volksaufstand handele.20

Auch Manz führt aus: „Deshalb hat diese Intifada auch mit spontanem Volkszorn herzlich wenig zu tun, selbst wenn inzwischen die meisten Palästinenser, Intellektuelle inklusive, die Gewalt gutheißen. Hier handelt es sich um einen organisierten Untergrund- und Guerillakrieg, und zwar praktisch vom ersten Tag an.“21

Mit dem Waffenstillstandsabkommen zwischen dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas und dem Ministerpräsidenten Israels Ariel Sharon in Scharm alScheich im Februar 2005 wurde diese Intifada offiziell für beendet erklärt.

3. Mediale Meinungsbildung

Mediale Meinungsbildung hängt von zwei Seiten ab. Auf der einen Seite ist der Medienkonsument/ die Medienkonsumentin, welche am Ende einer Kette mit Informationen versorgt wird, diese wahrnimmt und verarbeitet; auf der anderen Seite bewegen sich die Nachrichten mit deren Herstellern und Herstellerinnen, welche Situationen wahrnehmen, erfassen und veröffentlichen. In diesem Abschnitt werden die Rahmenbedingungen untersucht, wie und ob es durch mediale Berichterstattung zu einer Meinungsbildung bei den Empfängern und Empfängerinnen kommt.

3.1 Der Weg zur Nachricht

Nachrichten und Meldungen während der „Al-Aqsa-Intifada“ gab es in großer Zahl. Mehr als 1000 Journalisten berichteten fast täglich22 aus Israel und den Gebieten der Palästinensischen Autonomiebehörde. Von 800 ständigen ausländischen sowie alljährlich 2500 durchreisenden Journalisten und Journalistinnen spricht die Bundeszentrale für politische Bildung.23 Demnach fand nur ein winziger Anteil der Nachrichten und Berichte, welche die Korrespondenten und Korrespondentinnen an die Nachrichtenagenturen versandten, den Weg in die Öffentlichkeit. Analog dazu wurde ein noch geringerer Teil der Nachrichten einer Woche in den Wochenmagazinen wie Spiegel, Focus oder Stern publiziert.24 Dabei stellt sich die Frage, ob und nach welchen Kriterien entschieden wird, welche Nachrichten gesendet oder publiziert werden.

Die Nachrichtenwert-Theorie hat die im europäischen, bzw. deutschsprachigen Raum am weitesten elaborierte Forschungstradition. Deren Forschungsinteresse besteht darin, Verzerrungen im internationalen Nachrichtenfluss nachzuweisen und erklären zu können. Den Journalisten und Journalistinnen wird unterstellt, ihre Berichterstattung an bestimmte Nachrichtenfaktoren auszurichten, also das zu berichten, was den Interessen des Publikums entspricht. Deshalb gelten Nachrichtenfaktoren für sie als Kriterien der Nachrichtenselektion und -verarbeitung. Nachrichtenfaktoren scheinen Merkmale zu sein, die ein Ereignis aufweist und den Nachrichtenwert bestimmen.25 Somit beachtet der selektive Faktor von Journalisten und Journalistinnen nicht nur die subjektive Sichtweise eines Ereignisses, sondern erwägt ebenfalls, dass gesellschaftliche Faktoren darüber bestimmen, welche Ereignisse überhaupt als relevant definiert und deshalb wahrgenommen werden. Dabei erfolgen durch Journalisten und Journalistinnen, grade bei der Ergebnisbeobachtung, offenbar bestimmte stereotype Relevanz-Zuordnungen.26

Zum Zweck einer empirischen Überprüfung definiert Schulz insgesamt 18 Nachrichtenfaktoren, die er in sechs Faktorendimensionen subsumiert - Zeit, Nähe, Status, Dynamik, Valenz und Identifikation. Diesen Dimensionen sind dementsprechend Nachrichtenfaktoren zugeschrieben, die den Nachrichtenwert bestimmen.27 Je mehr Faktoren auf ein Ereignis zutreffen, desto höher ist die Chance einer Veröffentlichung.28 Dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Boulevard- und Qualitätsmedien, „jedoch zeigt der genauere Vergleich, dass alle Grundtypen theatraler Inszenierungsoptionen in allen Mediengattungen eine Rolle spielen können, einige von ihnen naturgemäß eher in Bild- als in den Printmedien.“29 Diese theatergleichen Inszenierungen sollen Aufmerksamkeit, Neugier und Spannung beim Publikum wecken, um das Interesse zu halten.30

„Es gibt eine Vielzahl an empirischen Befunden zur Nachrichtenwert-Theorie, welche ihr eine hohe Erklärungskraft attestieren und dass die „Nachrichtenfaktoren einen Einfluss auf die Selektionsentscheidungen der Journalisten besitzen.“31 Allein bei TV- Nachrichten können durch Nachrichtenfaktoren bis zu 40 Prozent der Nachrichtenauswahl erklärt werden.32 Die Nachrichtenfaktoren stehen in einem Zusammenhang mit den selektiven Entscheidungen der Journalie, wobei der Wert von Ereignissen anhand der Faktoren eingestuft wird. Damit wird allerdings eine mögliche Intention des Journalismus’ ausgeklammert, der unter Umständen bestimmte Ziele verfolgt und mit seiner Berichterstattung etwas verändern will. Dies geschieht durch Bias (übersetzt Voreingenommenheit). So zeigen Studien der „News-Bias-Forschung“, dass Journalisten und Journalistinnen durchaus politisch handeln, indem sie bei konfliktreichen Themen bewusst und unbewusst einseitig berichten.33 Dabei kommt es nach Luhmann zu Politik- und Hintergrundvermutungen im weitesten Sinne.34 Luhmann geht noch einen Schritt weiter und folgert: „Die Massenmedien ‚manipulieren’ die öffentliche Meinung. Sie verfolgen ein nichtkommuniziertes Interesse. Sie produzieren bias.“35

In einem Ablaufprozess von der ersten Aufnahme oder vom ersten geschriebenen Satz bis zur Veröffentlichung eines Beitrages sind nicht allein die Journalisten und Journalistinnen beteiligt, sondern auch die Redakteure/Redakteurinnen sowie Herausgeber und Herausgeberinnen. Welche Ereignisse zu Nachrichten werden, untersucht die Gatekeeping-Forschung.36 Der Unterschied dieses Forschungsansatzes gegenüber der Nachrichtenwert-Theorie besteht darin, dass Verzerrungen der Realität durch Einflussfaktoren der Medienorganisationen sowie der Redakteure und Redakteurinnen erklärt werden sollen, anstatt durch selektive Medieninhalte der Nachrichtenwert-Theorie. Die Redakteure/Redakteurinnen entscheiden, welche Ereignisse zu öffentlichen Ereignissen werden oder welche nicht und tragen somit zum Prozess der Formung des Gesellschafts- bzw. Weltbildes bei. In diesem Ablauf akzeptieren sie nicht nur Nachrichten, sie formen und modifizieren diese zumeist auch.37 Dies stellt jedoch nur einen Teilaspekt, bzw. Forschungsansatz der Gatekeeping-Forschung dar. Neben diesem individuellen Ansatz fallen ebenfalls der institutionelle sowie der kybernetische Ansatz in diesen Forschungsbereich. Diese Ansätze widersprechen mehr oder weniger der Theorie des Einflusses von Medienorganisationen. Der kybernetische Ansatz legt nahe, dass Redakteure in Organisationen eingebunden sind, die sich in einem permanenten Kommunikationsfluss ständig selbst regulieren und dafür sorgen, dass die Art der Nachrichtenselektion das System stabilisiert.38 Der institutionelle Ansatz geht davon aus, dass Redaktionen durch organisatorische und mechanische Zwänge (z.B. Termindruck, spät eingesandte Artikel) mehr oder weniger in den Prozess einer subjektiven Auswahl und Gestaltung von Nachrichteninhalten eingreifen. Die persönlichen Werte finden hiernach selten Eingang in den Selektionsprozess und in die spätere Präsentation der Nachrichten.39

Durch diese Forschungen werden nicht real geschehene - und aus journalistisch objektiver Sichtweise - Situationen in den Berichterstattungen aufgezeigt. „Nachrichten spiegeln nicht die Realität, sondern sind das Ergebnis von Selektionsentscheidungen, die nicht auf objektiven Regeln, sondern Konventionen beruhen, und können daher nur eine Reihe spezifischer und stereotypisierter Realitätsausschnitte vermitteln.“40 Burkhart untermauert diese Aussage. „Das vielfach verbreitete Alltagsverständnis, Massenmedien würden ein mehr oder weniger unverzerrtes Bild der Wirklichkeit vermitteln, kann als naiv entlarvt werden. Medien können Realität nicht einfach passiv abbilden, sie entwerfen vielmehr (als untrennbares Element eben dieser Realität) selbst aktiv eine Vorstellung der Wirklichkeit.“41 Ein Argument der Zeitungen, dass Faktenvermittlung und die Bewertung von Fakten strikt voneinander getrennt werden - zum einen der berichtende, informationsbetonte Nachrichtentext und zum anderen die kommentierende, meinungsbetonende Textsorte - ist als falsch zu betrachten. Dem Versuch, den Begriff der Objektivität an eine Unterscheidung zwischen Nachricht und Meinung zu binden, sind mittlerweile triftige Einwände entgegengestellt.42

3.2 Medienwirkung

In dem bisherigen Verlauf des Kapitels 3 dieser Arbeit wurde der Weg einer Nachricht von den berichtenden Journalisten und Journalistinnen bis zur Positionierung dieser in einem Medium aufgezeigt. Dabei war das Augenmerk auf die Selektivität der Protagonisten und die Verzerrungen der Realität in den Berichten gerichtet. Im Folgenden wird nun die Interaktion zwischen Medium und Konsument und Konsumentin aus verschiedenen theoretischen Blickwinkeln dargestellt.

3.2.1 Einfluss medialer formaler Eigenschaften

Mediale Attribute bestimmen (neben den Merkmalen des Individuums) welchen Aspekten oder Themen Aufmerksamkeit zugewendet wird.

[...]


1 Media Tenor: „Die Darstellung des Krieges im Nahen Osten“, http://www.kritiknetz.de/IsraelLebanonkrieg2006_web.pdf, S. 15, Stand: 23.05.2007 Anmerkung: Audiatur et altera pars: In einem Konflikt sollen immer beide Seiten gehört werden.

2 Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden 2004, S. 9

3 Vgl. Media Tenor, a.a.O., S. 14.

4 Der Begriff „ Stereotyp “ , der in dieser Arbeit Verwendung findet, ist definiert durch die gebr ä uchliche Beschreibung eines Ü berzeugungsurteils welches in ungerechtfertigter, vereinfachter und generalisierter Weise, mit emotional wertender Tendenz, einer Gruppe von Personen bestimmte Eigenschaften zu- oder abspricht.

5 Die Studie wurde von der Forschergruppe unter Prof. W. Heitmeyer am Institut f ü r interdisziplin ä re Konflikt- und Gewaltforschung der Universit ä t Bielefeld durch eine bundesweite Erhebung durchgef ü hrt. Das Ergebnis skizziert, dass lediglich 11 Prozent der Befragten keiner der sieben Facetten des Antisemitismus zustimmten.

6 Vgl. Kurzbericht aus dem GMF-Survey, 2005/1, http://www.honestly-concerned.org/Temporary/ Antisemitismus-in-Deutschland_Kurzbericht.pdf, S. 8, Stand 25.05.2007.

7 Hüber, Friedhelm: Das große Fremdwörter-Buch, Axel Junker Verlag GmbH, München 2001, S. 69.

8 Haury, Thomas: „Der moderne Antisemitismus“, http://d-a-s-h.org/dossier/07/05_modernerantisemitismus.html, Stand 01.06.2007.

9 Vgl. ebd.

10 Benz, Wolfgang (Hrsg): Was ist Antisemitismus, Verlag C.H.Beck, München 2004, S. 9.

11 Vgl. Jäger, Siegfried/Jäger, Margarete (Hrsg): Medienbild Israel. Zwischen Solidarität und Antisemitismus, Lit Verlag, Münster/Hamburg/London 2003, S. 27 - 28.

12 Vgl. Gerlach, Wolfgang u.a.: zur Geschichte des Antisemitismus, in: Dichanz, Horst u.a. (Hrsg): Antisemitismus in Medien, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1997, S. 80 - 85, hier: S. 80.

13 Vgl. Erb, Rainer: Die Rückerstattung, in: Bergmann, Werner/Erb, Rainer (Hrsg): Antisemitismus in der politischen Kultur nach 1945, Opladen 1990, S. 238 - 252, hier: S. 244.

14 Vgl. Gerlach, Wolfgang u.a., a.a.O., S. 80.

15 Da die so genannte „ Al-Aqsa-Intifada “ als Intifada im herkömmlichen Sinne umstritten ist, halte ich es wie Behrens und werde den Ausdruck in dieser Arbeit in Anf ü hrungszeichen setzen.

16 Vgl. Jäger, Siegfried/Jäger, Margarete (Hrsg): 2003, a.a.O., S. 41.

17 Meyers Lexikon online: Intifada, http://lexikon.meyers.de/meyers/Intifada, Stand: 13.06.2007.

18 Vgl. Behrens, Ralf: „Raketen gegen Steinewerfer“. Das Bild Israels im „Spiegel“. Lit Verlag, Münster/Hamburg/London 2003, S. 19.

19 Vgl. ebd.

20 Vgl. ebd., S. 19 - 20.

21 Manz, Ulrich: Das Jerusalem-Virus. Berichte aus einer Stadt, die das Denken verändert, Philo Philo Fine Arts GmbH, Berlin/Wien 2004, S. 138.

22 Vgl. Behrens, Ralf, a.a.O., S. 39.

23 Vgl. Kloke, Martin: 40 Jahre deutsch-israelische Beziehungen, in: Info aktuell - Informationen zur politischen Bildung, März 2005, S. 15.

24 Vgl. Behrens, Ralf, a.a.O., S. 39.

25 Vgl. Burkart, Roland: Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder. 4. überarbeitete und aktualisierte Auflage, Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2002, S. 279.

26 Vgl. Weischenberg, Siegfried: Journalistik. Medienkommunikation: Theorie und Praxis, Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2002, S. 154.

27 Vgl. ebd., S. 283.

28 Die Aufz ä hlung der gesamten Nachrichtenfaktoren der 6 Dimensionen w ü rde zu stark ins Detail bei dieser Arbeit gehen. Ich lege diese jedoch als Anlage bei.

29 Meyer, Thomas: Populismus in den Medien, in: Decker, Frank (Hrsg.): Populismus in Europa, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Bonn 2006, S. 81 - 96, hier: S. 83.

30 Vgl. ebd.

31 Weischenberg, Siegfried, a.a.O., S. 283.

32 Vgl. Unz, Dagmar/Schwab, Frank: Nachrichten, in: Mangold, Roland/Vorderer, Peter/Bente, Gary (Hrsg): Lehrbuch der Medienpsychologie, Hofgrefe-Verlag, Göttingen/Bern/Toronto/Seattle 2004, S. 504.

33 Vgl. Weischenberg, Siegfried, a.a.O., S. 285.

34 Vgl. Luhmann, Niklas, a.a.O., S. 78.

35 Ebd.

36 Gatekeeper hei ß t ü bersetzt Torw ä chter. Dieser Begriff wurde bereits 1913 bei Levin Sch ü cking verwendet. Zu dieser Zeit meinte Sch ü cking noch Theaterdirektoren und Verleger. Der Begriff wurde dann in die neuere Forschung ü bernommen.

37 Vgl. Kunczik, Michael/Zipfel, Astrid: Publizistik, Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien 2001, S. 242.

38 Vgl. Scholl, Armin/Weischenberg, Siegfried: Journalismus in der Gesellschaft. Theorie, Methodologie und Empirie, Westdeutscher Verlag, Opladen/Wiesbaden 1998, S. 41.

39 Vgl. Kunczik, Michael/Zipfel, Astrid, a.a.O., S. 244.

40 Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwert-Theorie. Formale Struktur und empirischer Gehalt. Verlag Karl Alber GmbH, Freiburg/München 1990, S. 41.

41 Burkart, Roland, a.a.O., S. 283.

42 Weiterführende Literatur dazu: Püschel, Ulrich: Zwischen Wissen und Gewissheit. Zur Ereignisberichterstattung im, Fernsehen, in Grewenig, Adi (Hrsg.): Inszenierte Information. Politik und strategische Kommunikation in den Medien, Westdeutscher Verlag, Opladen 1993, S. 269 - 286.

Details

Seiten
37
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638038027
ISBN (Buch)
9783638936996
Dateigröße
814 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89689
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Institut für Politikwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Eine Analyse Berichterstattung Medien Israel Antisemitismus Aktualität Stereotyps

Autor

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