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Outdoor-Training in der Teamentwicklung

Steuerung von Lernprozessen aus systemtheoretisch-konstruktivistischer Perspektive

Bachelorarbeit 2006 45 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Relevanz und Ziel der Bearbeitung
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Grundbegriffe der Systemtheorie
2.1.1 System
2.1.2 Soziale Systeme
2.2 Systemisches Lernen
2.2.1 Kognition
2.2.2 Kommunikation
2.2.3 Kultur und Sinn
2.2.4 Die Offenheit des Systems
2.2.5 Ergebnis systemischen Lernens
2.3 Der Teamentwicklungsbegriff
2.3.1 Gruppe und Team
2.3.2 Teamentwicklung

3 Outdoor-Training
3.1.1 Lern- und Wirkungsmodelle im Outdoor-Training

4 Steuerung von Lernen aus systemtheoretischer Sicht
4.1 Steuerungsmöglichkeiten
4.1.1 Das Zusammenspiel von Kognition – Kommunikation – Kultur
4.1.2 Lernprozessmanagement / Kommunikationsmanagement

5 Systemtheorie und Outdoor-Training
5.1 Die Funktion von Outdoor-Übungen
5.1.1 Erkennen der Teamdynamik
5.1.2 Experimentieren mit alternativen Handlungsmustern
5.1.3 Die Bedeutung der Struktur von Outdoor-Übungen
5.2 Analyse und Zielformulierung
5.3 Quellen der Veränderung
5.3.1 Ressourcen / Lösungskompetenz
5.3.2 Lösungsorientierung
5.3.3 Sinn
5.4 Lernen durch Handeln
5.5 Vernetzung
5.6 Prozessbegleitung
5.7 Qualitätssicherung

6 Schlussbetrachtungen

7 Literatur

8 Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Diese Arbeit als Verbindung von Outdoor-Training und Systemtheorie entstand aus persönlichem Interesse an systemtheoretischen Perspektiven, die mir eine völlig neuartige Sichtweise bisher gelernter und als selbstverständlich erachteter Paradigmen ermöglichten, und dem Outdoor-Training, dessen Einflussmöglichkeiten zu Gruppen- oder Teamentwicklungszwecken nach dem einfachen Ursache-(Reflexions-)Wirkungs-Prinzip ich seit frühen Erfahrungen in der Schulzeit anzweifelte.

Die Auseinandersetzung mit der Anwendung systemtheoretischer Prinzipien im Outdoor-Training brachte einen Einblick in eine sehr komplexe und vielschichtige Thematik mit zahlreichen Verschneidungen zu weiteren Forschungsbereichen, wie Psychologie, Sozialwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften oder Philosophie, und noch nicht wissenschaftlich erschlossenen Zusammenhängen. Es werden hier für die Praxis relevante Gedanken zur (Un-)Möglichkeit der Steuerung von Lernprozessen zusammengefasst, die zur weiteren Vertiefung einladen und eine „Irritation“ bisheriger handlungsleitender Paradigmen darstellen sollen.

Ich bedanke mich bei meinem Betreuer, Dr. Karl Schörghuber, für den „Freiraum zum Denken“ und die ständige Herausforderung des Verstehens.

Weiters bedanke ich mich bei Denise und Christian für die einzigartige Motivation.

Mein besonderer Dank gilt meinem guten Freund Dominik für die Gespräche und Gedanken, für die Begleitung und Unterstützung.

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Die Kernfrage, die in dieser Bakkalaureatsarbeit behandelt werden soll, ist die nach der Möglichkeit der Initiierung und Steuerung von Lernprozessen durch Outdoor-Training in der Teamentwicklung aus systemtheoretisch-konstruktivistischer Sicht.

Nach der Erläuterung vorliegender Theorien zum Lernen in sozialen Systemen, sowie zu dem damit in ursächlichem Zusammenhang stehenden Aspekt der Kommunikation, soll die Möglichkeit durch handlungsorientierte Ansätze Lernprozesse zu initiieren diskutiert werden. Im Zuge dessen sollen Problemfelder und Grenzen erkannt werden.

Im Anschluss daran sollen Chancen sowie Kritikpunkte zum Einsatz handlungsorientierter Teamentwicklungskonzepte zusammengefasst und Schlussfolgerungen für die Anwendung in der Praxis gezogen werden.

1.2 Relevanz und Ziel der Bearbeitung

Outdoor-Training als körper- und bewegungsbezogene Trainingsform bietet Werkzeuge zur Unterstützung in der Persönlichkeitsentwicklung durch körperlich-psychische Erlebnisse. Durch Konfrontation mit Unsicherheitsfaktoren sowie realitätsnahen, neuartigen, intensiven Situationen und Aufgaben sollen echte Gefühle und wahres Verhalten initiiert werden. Durch Reflexion und Aufarbeitung der Erlebnisse haben die TeilnehmerInnen die Möglichkeit aus diesen Erfahrungen zu lernen, wodurch Veränderungen in Wahrnehmung und Verhalten ermöglicht werden. Die Konfrontation mit diesen speziell auf Entwicklungsziele abgestimmten Aufgaben wirkt persönlichkeitsbildend.

Zahlreiche Mittel und Methoden werden in der Literatur in „rezeptform“ angeboten, kommerzielle Anbieter versprechen sensationelle Erfolge mit ihren Seminarprogrammen. Es werden jedoch weder in erlebnispädagogischer Literatur, noch bei der Anwendung praxisorientierter Outdoor-Konzepte die Grundsätze der Systemtheorie in ausreichendem Maß berücksichtigt.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Möglichkeiten der Teamentwicklung durch Outdoor-Training basierend auf systemtheoretischen Ansätzen und die Problematik ihrer Anwendung zu erläutern, sowie im Anschluss daran die Bedeutung beider Aspekte für die Praxis zu erkennen.

1.3 Aufbau der Arbeit

In Kapitel 2 werden die Grundlagen der Systemtheorie als Voraussetzung zum Verständnis der folgenden Kapitel erklärend zusammengefasst. Weiters wird auf bedeutende Aspekte des Lernens von und in sozialen Systemen eingegangen bevor der Teamentwicklungsbegriff und die dafür grundlegende Unterscheidung von Gruppe und Team definiert werden.

Kapitel 3 beschreibt als Abgrenzung zur systemischen Sichtweise drei Lern- und Wirkungsmodelle im Outdoor-Training, die auch als drei Phasen der Entwicklung der Outdoor-Konzepte gesehen werden können. Die systemtheoretischen Ansätze im Outdoor-Training könnten als letzte „Entwicklungsphase“ angereiht werden, sie werden heute in der Teamentwicklung parallel zu den anderen Modellen sowie in Kombination eingesetzt.

In Kapitel 4 wird der systemtheoretische Steuerungsbegriff als kontextuelle, beratende Intervention, die Rahmenbedingungen und Anregungen schafft, um Prozesse der Selbständerung von Systemen zu begünstigen, vom Planbarkeits- und Kontrollverständnis der Instruktionisten abgegrenzt. Weiters wird der Zusammenhang von Kognition, Kommunikation und Kultur und dessen Bedeutung für die Steuerung von Lernprozessen erläutert, bevor auf die Kommunikation als Prozessvariable, die die Hauptkomponente der Steuerungsansätze darstellt und über die auch Outdoor-Trainings als Entwicklungsmaßnahmen ansetzen, eingegangen wird.

In Kapitel 5 werden systemtheoretische Ansichten zu Steuerungsmöglichkeiten von Lernprozessen mit der Praxis, dem Outdoor-Training, verknüpft. Die Gedanken zur (Un-)Möglichkeit der Planung, Gestaltung und Steuerung von Team-Lernprozessen sollen als Unterstützung für die Praxis, aber auch als „Irritationen“ zur Weiterentwicklung bisheriger handlungsleitender Paradigmen dienen.

In Kapitel 6 wird auf die Frage der Rechtfertigung des systemischen Outdoor-Trainings eingegangen. Weiters werden bedeutende Aspekte, die als Anreiz zur Reflexion der Sichtweise von systemischem Outdoor-Training dienen sollen, für die Praxis zusammengefasst.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Grundbegriffe der Systemtheorie

Der Begriff „System“ als Grundbaustein der darauf aufbauenden, komplexen Theorie erfordert eine genaue Erklärung und Bestimmung, um im Anschluss daran auf die spezifischen Bereiche „soziales System“ und „Lernen“ eingehen zu können.

2.1.1 System

Systeme bestehen nicht aus Dingen, sondern aus „Operationen“. „Operation“ ist der allgemeine Begriff für die entscheidenden Aktivitäten von Systemen, für die Aktivitätsart, die für Systeme konstitutiv ist, das heißt „mit der sich das System produziert und reproduziert.“ (Luhmann, 1995, S. 26)

„Nur ein System kann operieren, und nur Operationen können ein System produzieren.“ (Luhmann, 1995, S. 27)

Nach Luhmann werden grundsätzlich drei Arten von Systemen unterschieden: biologische, psychische und soziale. Diese operieren auf jeweils charakteristische Weise: Biologische Systeme leben, psychische Systeme operieren in Form von Wahrnehmungs- und Bewusstseinsprozessen und die Operationsweise sozialer Systeme ist die Kommunikation. Die Operationen aller Systemtypen folgen bestimmten Leitprinzipien, die im Anschluss erläutert werden sollen.

2.1.1.1 System/ Umwelt – Differenz

Systemrelativität

Ein System ist etwas anderes als seine Umwelt. Umwelt ist keine feste Größe, sondern entsteht vielmehr erst im Bezug auf ein bestimmtes System, das durch seine systemeigenen Operationen die Umwelt erzeugt. Die objektive Welt ist zwar existent, aber nach Luhmann nicht objektiv zugänglich, sondern kann ausschließlich als „Umwelt“ aus der Sicht eines Systems erfasst werden. Dieses konstruktivistische Verständnis Luhmanns bedeutet also, dass die objektive Welt zwar existiert, jedoch nur ohne Beobachter und darum nicht erfassbar. Sobald „etwas“ erkannt oder unterschieden wird, ist dies ein Eingriff des Beobachters, der diese Unterscheidung durchführt. Daher wird in diesem Moment aus der „Welt“ die systemrelative „Umwelt“ des beobachtenden Systems. Insofern muss die Umwelt als Konstruktion des Systems gesehen werden. Erkenntnisse über die Welt lassen sich daher nur in Form von Erkenntnissen über Umwelten von Systemen gewinnen. Aufgrund ihrer fundamentalen Bedeutung wird die System/Umwelt-Differenz auch als „Leitdifferenz“ der Systemtheorie bezeichnet.

Operation

Durch ihr Operieren erzeugen Systeme „eine Differenz von System und Umwelt. Sie erzeugen eine Form, die zwei Seiten hat, nämlich eine Innenseite –das System – und eine Außenseite, die Umwelt.“ (Luhmann, 1995, S.27) Ein System ist Differenz zur Umwelt. Umwelt gibt es nur durch das System.

Die Umwelt ist größer und ungeregelter als das System und es sind andere Systeme in dieser Umwelt enthalten. Aus der Sicht eines Systems ist seine Umwelt chaotisch und komplex.

Beobachtung

Neben der Operation ist die zweite zentrale Aktivität des Systems das Beobachten. „Beobachtung heißt einfach (…) unterscheiden und bezeichnen.“ (Luhmann, 1997, S. 69) Für die Beobachtung ist die System/Umwelt-Differenz von zentraler Bedeutung:

„Die Operationen des Systems erzeugen die Differenz von System und Umwelt; die Beobachtungen kopieren diese Differenz in das System herein (=‚reentry’) und benutzen sie als Unterscheidung mit Verfügungsmöglichkeiten über beide Seiten.“ (Luhmann, 1997, S.45)

Es gibt hier also zwei Ebenen der Abgrenzung:

1. Die Abgrenzung durch die Existenz selbst; Systeme operieren in System/Umwelt-Differenz;
2. Die Abgrenzung durch die Erkenntnis und Verwendung des Abgegrenztseins, das Beobachten und Unterscheiden.

Die nach dem reentry mögliche Unterscheidung entlang der in das System kopierten System/Umwelt-Differenz nennt Luhmann „Selbstreferenz/ Fremdreferenz“. Der Beobachtungsvorgang beinhaltet alle Möglichkeiten von Erkennenkönnen und Unterscheiden, über die das System verfügt. Dies ist eine weitere Erklärung dafür, dass jede Erkenntnis Konstruktion ist. Denn die System/Umwelt-Differenz ist vom System selbst erzeugt:

„Wenn alle Erkenntnis aufgrund einer Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz erarbeitet werden muss, gilt zugleich, dass alle Erkenntnis (und damit alle Realität) eine Konstruktion ist. Denn diese Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz kann es ja nicht in der Umwelt des Systems geben, sondern nur im System selbst. (Luhmann, 1996, S.16f.)

Weiters sind auch der Beobachtungsgegenstand und die Beobachtungskategorien vom Beobachter abhängig. Es gibt in der objektiven Welt ein unermessliches Potential an möglichen Unterscheidungen. Welche davon tatsächlich realisiert werden und welche nicht, entscheidet allein der Beobachter. Dies bedeutet weiters, dass der Beobachter auch immer ein Teil von dem ist, was er beobachtet, und dadurch unvermeidbar einen „blinden Fleck“ produziert. Indem ein weiterer Beobachter - also ein Beobachter zweiter Ordnung – den ersten Beobachter bei seiner Vorgehens- und Beobachtungsweise beobachtet, kann er den „blinden Fleck“ des ersten Beobachters überblicken. Es ist aber unvermeidbar, dass auch die Beobachtung des zweiten Beobachters einen systemrelativen „blinden Fleck“ erzeugt.

2.1.1.2 Autopoiesis

„Autopoiesis“ (=„Selbstproduktion“) als Charakteristikum eines Systems bedeutet, dass sich dieses auf Basis seiner eigenen Elemente selbst produziert und reproduziert.

„Als autopoietisch wollen wir Systeme bezeichnen, die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren.“ (Luhmann, 1995, S.56)

2.1.1.3 Umweltoffenheit und operative Geschlossenheit

Durch die unterschiedliche Veränderung von System und Umwelt wird Spannung und Anreiz zur Ausdifferenzierung im System erzeugt:

„Nur die Differenz von System und Umwelt ermöglicht Evolution. Anders gesagt: Kein System kann aus sich heraus evoluieren. Wenn nicht die Umwelt stets anders variierte als das System, würde die Evolution in einem ‚optimal fit’ ein rasches Ende finden.“ (Luhmann, 1997, S. 433)

Das bedeutet, dass Systeme kausal mit ihrer Umwelt verbunden sind, sie sind also „umweltoffen“ oder „kausal offen“.

Gleichzeitig operieren sie in Abgrenzung zur Umwelt und können in all ihren Operationen und Ausdifferenzierungen nur an eigene, bereits erfolgte Operationen, Selektionen und Differenzierungen anschließen. Das heißt Systeme sind „operativ geschlossen“ oder „rekursiv geschlossen“. (vgl. Luhmann, 1995) Das bedeutet, dass durch vorangegangene Operationen und Selektionen des Systems bestimmte Formen entstanden sind, die Rahmenbedingungen für Anschlussoperationen darstellen, denen das System nicht entkommen kann. Dies lässt sich auf die Bedingungen der Autopoiesis zurückführen.

„ Alle Operationen (Kommunikationen) haben mithin eine Doppelfunktion: Sie legen (1) den historischen Zustand des Systems fest, von dem dieses System bei den nächsten Operationen auszugehen hat. Sie determinieren das System als jeweils so und nicht anders gegeben. Und sie bilden (2) Strukturen als Selektionsschemata, die ein Wiedererkennen und Wiederholen ermöglichen.“ (Luhmann, 1997, S.94)

Wenn Systeme sich von ihrer Umwelt beeinflussen lassen, geht das jedoch nur, wenn sie selbst dazu bereit sind: „Wirkungen kommen nur durch den Mitvollzug auf Seiten des die Wirkungen erleidenden Systems zustande.“ (Luhmann, 1995, S.122) Entsprechendes gilt für Informationen, die ihren Informationswert erst durch das System erhalten. Von der Welt dringen nur Irritationen, Reize, Störungen o. Ä. zu dem System vor, das manches davon – höchst selektiv – in Informationen transformiert.

2.1.2 Soziale Systeme

Als soziale Systeme bezeichnet Luhmann Systeme, deren charakteristische, konstitutive Operationsweise die Kommunikation ist.

„Die allgemeine Theorie sozialer Systeme verlangt eine genaue Angabe derjenigen Operation, die die Autopoiesis des Systems durchführt und damit ein System gegen seine Umwelt abgrenzt. Im Falle sozialer Systeme geschieht dies durch Kommunikation.“ (Luhmann, 1997, S.81)

Luhmann unterscheidet die sozialen Systeme Gesellschaft, Organisation und Interaktion. Das komplexeste, dauerhafteste und umfassendste soziale System ist die Gesellschaft. Innerhalb der Gesellschaft haben sich zahlreiche eigenständige gesellschaftliche Funktionssysteme, beispielsweise Wirtschaft, Wissenschaft oder Kultur ausdifferenziert. Als Organisationen werden beispielsweise wirtschaftliche Unternehmen bezeichnet. Alle bauen sich letztlich aus sozialen Kontakten unter Anwesenden auf, die Luhmann als „Interaktionen“ bezeichnet. Alle Gesellschaften, Organisationen und Interaktionen sind soziale Systeme, weil sie aus Kommunikation bestehen. Dadurch dass die Kommunikation das konstitutive Element der sozialen Systeme ist, bestehen diese nicht aus Menschen, sondern aus Kommunikationen.

„Soziale Systeme bestehen aus Kommunikationen. Kommunikation ist diejenige autopoietische Operation, die rekursiv auf sich selbst zurückgreift und vorgreift und dadurch soziale Systeme erzeugt. Kommunikation gibt es somit nur als soziale Systeme und nur in sozialen Systemen. Sozialität ist kein unabhängig von Kommunikation (etwa als Eigenschaft des Menschen) gegebener Sachverhalt.“ (Luhmann, 2000, S.59)

„Es ist eine ‚Erkenntnisblockierung’ anzunehmen, dass eine Gesellschaft aus konkreten Menschen und aus Beziehungen zwischen Menschen bestehe, [dass also] soziale Systeme aus Menschen bestehen.“ (Luhmann, 1997, S.24)

„Der Mensch ist nicht Subjekt, sondern Adjekt der Gesellschaft.“ (Luhmann, 1992, S. 139)

Systeme bestehen aus Operationen und auf der Ebene der Operationen ist Kommunikation die kleinstmögliche Einheit eines sozialen Systems. Nicht Menschen kommunizieren, „nur die Kommunikation kann kommunizieren“ (Luhmann, 1995, S. 113). Personen lassen sich als Teilnehmer an der Kommunikation identifizieren. Von der Beobachtungsebene aus lässt sich Kommunikation nachträglich in Handlungen den beteiligten Personen zurechnen. Luhmann beantwortet die Frage nach den Bestandteilen sozialer Systeme wie folgt:

„Auf die Frage, woraus soziale Systeme bestehen, geben wir mithin die Doppelantwort: aus Kommunikationen und deren Zurechnung als Handlung. […] Kommunikation ist die elementare Einheit der Selbstkonstruktion, Handlung ist die elementare Einheit der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung sozialer Systeme.“ (Luhmann, 1984, S.240f.)

Auch menschliches Bewusstsein ist nicht Bestandteil sozialer Systeme, sondern gehört zu deren Umwelt. Die beiden Systemarten sind jedoch unauflöslich miteinander gekoppelt, sodass eines ohne das andere nicht möglich ist. Das bedeutet, dass beide Systeme verschieden und in eigener Autopoiesis operieren und jedes Teil der Umwelt des anderen ist. Sie sind jedoch gegenseitig „umweltoffen“. Sie beeinflussen sich nicht nur gegenseitig, sondern jedes ist für die Existenz des anderen Voraussetzung. Eine solch enge strukturelle Kopplung bezeichnet Luhmann als „Interpenetration“. Diese Interpenetration wird durch Sinn und Sprache ermöglicht, die in beiden Systemen gebraucht werden und so eine einfache, unbemerkte Koordination zwischen den Systemtypen ermöglichen.

„So sind […] Bewusstseinssysteme und Kommunikationssysteme vorweg aufeinander abgestimmt, um dann unbemerkt koordiniert funktionieren zu können.“ (Luhmann, 1997, S.106)

„Alle Kommunikation [ist] strukturell gekoppelt an Bewusstsein. Ohne Bewusstsein ist Kommunikation unmöglich. Kommunikation ist total (in jeder Operation) auf Bewusstsein angewiesen – allein schon deshalb, weil nur das Bewusstsein, nicht aber die Kommunikation selbst, sinnlich wahrnehmen kann und weder mündliche noch schriftliche Kommunikation ohne Wahrnehmungsleistung funktionieren könnte.“ (Luhmann, 1997, S.103)

Diese Abhängigkeit sozialer Systeme von Bewusstsein und Wahrnehmung bedeutet, dass alle sozialen Systeme nur das kommunizieren können, was Bewusstseine über Wahrnehmung aus ihrer Umwelt herausgefiltert haben. Das Bewusstsein bildet also eine Vermittlungsinstanz zwischen „Welt“ und sozialem System: „Alles, was von außen, ohne Kommunikation zu sein, auf die Gesellschaft einwirkt, muss daher den Doppelfilter des Bewusstseins und der Kommunikationsmöglichkeiten passiert haben.“ (Luhmann, 1997, S.113f.)

2.2 Systemisches Lernen

Es soll hier auf das soziale System als Lernsubjekt eingegangen werden. Die Lerntheorien orientieren sich stark an Theorien zum sozialen Lernen, auf die das soziale System als Lernsubjekt bezogen werden kann. (Radenheimer, 2002, S.8)

Soziales Lernen wird durch Wissensaufbau/ Kognition, Auseinandersetzung mir der Umwelt (Kommunikation) und Sozialisation (Kultur) bestimmt. Lernvorgänge sind durch die dynamische, variable Wechselbeziehung dieser drei Charakteristika gekennzeichnet. Aufgrund ihrer fundamentalen Bedeutung für das Zustandekommen von Lernprozessen soll im Folgenden auf diese drei Elemente und ihre Bedeutung genauer eingegangen werden.

2.2.1 Kognition

Kognition nimmt auf den systemischen Wissensbestand oder Verstand sozialer Systeme Bezug. Das soziale System verfügt über ein eigenes Wissensreservoir, das als Fundament der kognitiven Kompetenz angesehen werden kann. Lernen und somit eine Steigerung des Wissensbestandes wird durch kognitive Operationen ermöglicht. Der systemische Verstand gründet auf den der Organisation zur Verfügung stehenden Informationen (beispielsweise Kommunikations- und Forschungstechnologien, strategische Daten, Verfahren, Betriebsmittel etc.) sowie den dem System zugänglich gewordenen, individuellen Wissensreservoirs der Mitarbeiter. Der Aufbau einer Wissensstruktur des Systems ist stark vom Erwerb neuen Wissens und damit von informationsverarbeitenden Prozessen abhängig. Nach Luhmann wird nicht verfügbares Wissen für das System erst interessant und sinnvoll, wenn es „auf die Entscheidungszusammenhänge des Systems bezogen werden kann.“ (zit. nach Radenheimer, 2002, S.76) Das bedeutet, dass für die Initiierung von systemischem Lernen eine reine Vermehrung des Wissens nicht ausreicht.

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Details

Seiten
45
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638037143
ISBN (Buch)
9783638933667
Dateigröße
941 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89720
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Sportwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Outdoor-Training Teamentwicklung

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Titel: Outdoor-Training in der Teamentwicklung