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Die Bedeutung der Intensiv-Sozialpädagogischen Einzelmaßnahmen am Beispiel eines Jugendlichen in einer sozialpädagogischen Einrichtung

Diplomarbeit 2008 98 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Problemstellung und Aufbau der Arbeit
1.1 Vorstellung der in der Arbeit beschriebenen Institution
1.1.1 Nussschale
1.1.2 Das pädagogische Angebot der Nussschale
1.1.3 Tagesablauf
1.1.4 Belohnungs- bzw. Sanktionssysteme

2 Sozialisationsebenen und Lebensbereiche eines Jugendlichen
2.1 Sozialisationsebenen eines Jugendlichen
2.1.1 Die familiäre Ebene
2.1.2 Die schulische Ebene
2.1.3 Die Gruppe der Gleichaltrigen und die Auswirkungen auf den Jugendlichen
2.1.4 Entwicklung der eigenen Geschlechterrolle
2.1.5 Die Entwicklung eines eigenen Werte- und Normensystems
2.2 Delinquentes Verhalten im Jugendalter

3 Struktur der Kinder- und Jugendkriminalität

4 Von der Erlebnispädagogik zur Individual-/Intensiv - Sozial-pädagogik
4.1 Anti – Aggressivitäts- Training (AAT)

5 Intensivsozialpädagogische Einzelbetreuung
5.1 Ausgestaltung der ISE
5.1.1 Prozess der ISE
5.1.2 Entscheidungsfindung – Hilfeplanung
5.1.3 Dokumentation einer ISE
5.1.4 Methodische und inhaltliche Aspekte
5.1.5 Die Verselbstständigungsphase
5.1.6 Finanzierungsmodell einer ISE

6 ISE – ein erfolgreiches System der Resozialisierung – Ein Praxisbeispiel
6.1 Die Ausgangslage.…
6.2 Muslimisches Leben in Deutschland – Spannungsbereiche des praktischen Zusammenlebens
6.2.1 Die Generationenstruktur
6.2.2 Genderspezifikationen
6.3 Klärungsbericht
6.4 Erster Entwicklungsbericht
6.5 Erster Entwicklungsvergleich
6.6 Zweiter Entwicklungsbericht
6.7 Dritter Entwicklungsbericht
6.8 Zweiter Entwicklungsvergleich
6.9 Abschlussbericht
6.10 Resümee der Entwicklungsberichte

7 Schlussbetrachtung

8 Literaturverzeichnis

9 Quellenverzeichnis

10 Verzeichnis der Abkürzungen

11 Anhang

1 Problemstellung und Aufbau der Arbeit

In der Diplomarbeit mit dem Titel „Die Bedeutung der Intensiv-Sozialpädagogischen-Einzelmaßnahmen (ISE) am Beispiel eines Jugendlichen in einer sozialpädagogischen Einzelmaßnahme“ wird ein erfolgreiches Modell der präventiven Sozialpädagogik in Form der Einzelbetreuung anhand eines Praxisbeispiels aufgezeigt, das sich nach einigen Änderungen aus dem KJHG und später dem SBG VIII immer stärker in der Resozialisierungsarbeit mit Jugendlichen durchgesetzt hat. Um eine Durchführung einer solchen pädagogischen, zeitaufwändigen Arbeit zu verdeutlichen, wird zuerst die Institution beschrieben, mit deren Hilfe dieser Einblick in die Praxis erfolgen konnte. Der Verfasser arbeitete ein halbes Jahr in der Einrichtung und begleitete acht Jugendliche von der Klärungsphase bis in die so genannte Verselbstständigungsphase. Mit dieser pädagogischen Arbeit war es möglich, in der Literatur beschriebene, theoretische Ansätze in der Praxis zu erfahren und umzusetzen. Nach der Vorstellung der Institution werden die für die Praxis relevanten Themengebiete, die in der Einrichtung angewandt werden, im Detail darstellt.

Im Anschluss soll dem Leser im Rahmen der unterschiedlichen Sozialisations- ebenen die allgemeine Entwicklung und Lebenssituation eines Jugendlichen aufgezeigt werden, um die konfliktreichen Entwicklungsschritte eines jungen Menschen in der Gesellschaft vorzustellen. Hierzu gehören auch die Peer-Groups, die im Leben vieler Jugendlicher mittlerweile eine nahezu größere Rolle spielen als die eigene Familie. Die gesellschaftlichen Abweichungen, die durch manche o.g. Gruppen eintreten, können sich in nicht gesellschaftlich konformem Verhalten widerspiegeln. Dies wird dann in der Sozialisation als delinquentes Verhalten dargestellt. Da es sich in der vorliegenden Arbeit primär um Kinder und Jugendliche handelt, wird im anschließenden Kapitel die Struktur deren Kriminalität näher beleuchtet.

Der pädagogische Hintergrund einer Intensiv-Sozialpädagogischen- Einzelmaßnahme (ISE) baut auf den Säulen der Erlebnispädagogik auf, so dass diese kurz mit allen für die Betreuung krimineller Jugendlicher relevanten Bestandeile aufgeschlüsselt und detailliert darauf eingegangen wird.

Ein wesentliches Kapitel stellt die theoretische und praktische Begleitung eines Jugendlichen in und vor einer Intensiv-Sozialpädagogischen-Einzelbetreuung dar. Hierbei wird speziell auf die Ausgestaltung einer solchen Maßnahme eingegangen, die von der Entscheidungsfindung, der Hilfeplanung bis hin zur Finanzierung reicht.

Im Anschluss wird im direkten Zusammenhang mit Hilfe der entsprechenden Klärungs- und Entwicklungsberichte auf einen spezifischen Jugendlichen und seine individuelle Entwicklung eingegangen.

Da es sich bei dem Klienten um einen Jugendlichen aus dem islamischen Kulturkreis handelt, wird das Thema des muslimischen Lebens in Deutschland aufgegriffen und spezifiziert.

Auf Grund des Erfolges, welche die Maßnahme bei diesem Betroffenen in der Einrichtung erzielen konnte, kann man hier von einem Idealfall sprechen, der dem Leser eine realistische Variante zum normalen Jugendstrafvollzug aufzeigen soll und damit die Sinnhaftigkeit dieses mittlerweile häufig angewandten sozialpädagogischen Resozialisierungsansatzes unterstreicht.

1.1 Vorstellung der in der Arbeit beschriebenen Institution

Herzogsägmühle ist auch als das "Diakoniedorf im oberbayerischen Pfaffenwinkel" bekannt und liegt zwischen Schongau und Peiting. Das Dorf unterscheidet sich äußerlich nicht von anderen Ortschaften dieser Gegend. Ursprünglich entstand es aus einer kleinen Ansammlung von fünf Bauernhöfen. Ab 1894 wurde eine "Arbeiterkolonie" für heimat- und wohnungslose Männer eingerichtet.

Herzogsägmühle stellt heute ein Dorf mit ca. 900 Einwohnern und 350 ha Land dar, wovon ein Teil landwirtschaftlich genutzt wird. Es gibt eine Hauptschule und eine Berufsschule, Läden, Post, ein Restaurant mit eigenem Café, eine Kirche und drei Kapellen, Friedhof, Feuerwehr, Sportverein mit Tennisabteilung, Fischereiverein mit eigenem Gewässer, Miniaturgolfanlage, Kinderspielplätze, Sportanlagen, Sporthalle mit Kletterwand, Boulderanlage, einen Dorfplatz mit Maibaum, eine Festhalle sowie kulturelle Angebote und eine regelmäßig verkehrende Buslinie in die Orte der Umgebung. Alles ist in diesem „[…] Dorf vorhanden, was den Charakter eines ganz normalen Dorfes prägt und zur Lebensqualität seiner jungen, erwachsenen und alten Bürgerinnen und Bürger beiträgt.“ (Herzogsägmühle 2007, Serie: 2007C, S.1)

Ein Drittel der Einwohner lebt nur für eine Übergangszeit dort mit dem Ziel, später wieder in anderen Orten leben und arbeiten zu können. Die anderen ca. 300 Mitbürgerinnen und Mitbürger sind die Mitarbeiter der verschiedenen Hilfeeinrichtungen sowie deren Familien. Das Leben aller verläuft so wie in anderen Orten auch; hier wird jedoch besonders darauf geachtet, Menschen mit Respekt und Würde aufzunehmen, wie es in der Satzung festgelegt ist.

Die Hauptanzahl der Bewohner von Herzogsägmühle haben die unterschiedlichsten Arten von Problemen oder sind von diesen in naher Zukunft bedroht. Es handelt sich meist um seelische Erkrankungen, Suchtprobleme, Behinderungen oder altersbedingte Schwierigkeiten. Ebenfalls werden die Hilfeeinrichtungen von Jugendlichen mit einer problematischen Vergangenheit genutzt. In Herzogsägmühle gibt es keine Arbeitslosigkeit auch Schwerbehinderte nehmen am Arbeitsleben teil. Für Beratung, Therapie, Pflege im Alter oder andere Hilfen stehen kompetente Fachleute zur Verfügung. Viele der zahlreichen Hilfeangebote werden auch von Benachteiligten aus der Region angenommen. Einen Überblick über die große Dorf-, Diakoniegemeinschaft gibt das im Anhang befindliche Organigramm[1] der Herzogsägmühle, welches die therapeutischen, (heil-)pädagogischen, präventiven, integrativen Außenstellen mit aufführt.

Hieran ist zu erkennen, dass hinter einem äußerlich gesellschaftlich normalen Dorf mit Geschäften, Ärzten, Kirchen, landwirtschaftlichen Betrieben, Gärtnereien, Parks, Restaurants und vielem mehr die Idee einer großen Einrichtung steht, die Menschen in besonderen Lebenslagen begleitet, fördert und versucht, diese wieder in ein sozial integriertes Lebensumfeld einzugliedern.

So leben, wie bereits oben erwähnt, in der Dorfgemeinschaft auch K inder und Jugendliche mit Entwicklungsstörungen, Reifungsdefiziten oder Lernschwierigkeiten und Verhaltensproblemen, Menschen, die ehemals arm, obdachlos oder arbeitslos waren oder denen diese Schicksale drohen und die diese Probleme nicht oder nur unzureichend alleine lösen können, Mitbürgerinnen und Mitbürger, die aufgrund geistiger oder mehrfacher Behinderung Begleitung, Förderung und Beheimatung in ihrem Leben und in der Arbeitswelt benötigen, Menschen mit seelischer Erkrankung oder mit Suchtproblemen , die vorübergehend oder auf Dauer ohne Hilfe im persönlichen, sozialen und beruflichen Bereich nicht zurechtkommen, a lte Menschen , die Unterstützung oder Pflege und Heimat brauchen und Mitarbeiter mit ihren Angehörigen zusammen.

Der für diese Arbeit wichtige Teilbereich der Intensiv-pädagogischen Maßnahmen (IPM) ist dem Fachbereich Kinder, Jugendliche und Familien in Herzogsägmühle unterstellt. Hier bildet die Aufnahme- und Klärungsstelle Nussschale in Isny (Allgäu) eine erste wichtige Instanz. Das folgende Organigramm (Abb. 1, S. 9) zeigt die Stellung und Vernetzung der Einrichtung im Gesamtkonzept des Fachbereichs Kinder, Jugendliche und Familien in Herzogsägmühle.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten
(Abb. 1, Herzogsägmühle 2007, Serie: 2007B, S.2)

Abbildung 1 verdeutlicht, dass die Nussschale als Aufnahme- und Klärungsstelle konzeptionell festgelegt ist und den Auftrag der Intensivpädagogischen Einzelmaßnahmenbetreuung erhalten hat. Eine Zusammenarbeit mit den Verselbstständigungsgruppen wird vorgenommen, sobald ein Jugendlicher diese Phase erreicht hat. Sofern die Nussschale, die Hilfe einer dem Fachbereich angegliederten heilpädagogischen oder therapeutischen Gruppe bedarf, ist dies jederzeit gewährleistet.

Die Nussschale bietet eine schnelle, flexible und unbürokratische Aufnahmemöglichkeit, die oft auch an der Schnittstelle zu Psychiatrie und Justiz steht. Durch die dort inzwischen mehr als 10-jährige Erfahrung und kontinuierliche Weiterqualifizierung der Mitarbeiter verfügt sie über umfassende Kompetenzen, um mit den „Schwierigsten“ umgehen zu können. In einem intensiven Betreuungsrahmen (1:1) wird den Jugendlichen durch eine engmaschige Tagesstruktur und ein etabliertes Regelsystem der nötige äußere Halt geboten. Am Ende der Klärungszeit von 3 – 4 Monaten wird ein ausführlicher Klärungsbericht erstellt. Dieser beschreibt den Entwicklungsstand des Jugendlichen in den verschiedenen Lebensbereichen, enthält prognostische Aussagen über persönliche, schulische, berufliche Ressourcen und gibt eine Empfehlung für die geeignete Jugendhilfemaßnahme. Trotz gravierender Verhaltensproblematiken (z.B. ADHS, Delinquenz, Verwahrlosung, problematische Persönlichkeitsentwicklungen, Bindungs-störungen, Traumatisierungen, latente Selbst- und Fremdgefährdung, Lernbehinderung) ist es dem Träger wichtig, den Wert jedes einzelnen Jugendlichen zu sehen und zu achten und seine Kompetenzen gezielt zu fördern. Anhand mehrerer solcher Berichte eines Jugendlichen wird im Rahmen dieser Arbeit dem Leser Einblick in einen Verlauf eines Resozialisierungsprozesses gegeben, der mit Erfolg beendet werden konnte.

1.1.1 Nussschale

Die Nussschale bietet für fünf bis sechs junge Menschen männlichen Geschlechts mit Lernbehinderungen und/oder Verhaltensauffälligkeiten im Alter von 14 bis 18 Jahren ein Zuhause an. Durch den vom Fachbereich Kinder und Jugendliche in Herzogsägmühle vorgenommenen Ausbau ist das Haus auf die Bedürfnisse einer intensivpädagogisch arbeitenden Klärungs- und Aufnahmestelle abgestimmt. Bei der Anzahl der zur Verfügung stehenden Plätze wird davon ausgegangen, dass ein bis maximal zwei Plätze für die Klärung, die restlichen Plätze für ISE-Maßnahmen im Rahmen von min. 6 - 9 Monaten, max. bis zu 3 Jahren, zur Verfügung stehen. Mittels der Klärung soll zunächst innerhalb von einem zwölfwöchigen Aufenthalt herausgefunden werden, in welche Jugendhilfemaßnahme der Klient im Einzelfall übernommen wird. Hierbei wird ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, was für eine Wohn- und Betreuungsform damit in Verbindung stehen soll. Ebenfalls wird in dieser Zeit untersucht, welche schulische und berufliche Förderung der junge Mensch benötigt und was für Neigungen und Eignungen der Jugendliche für die beabsichtigte Laufbahn mitbringt. Damit allerdings ein auf den Klienten bezogenes Förderprogramm im Rahmen der Möglichkeiten des Betroffenen entwickelt werden kann, gilt es auch, die Mitwirkungsbereitschaft des jungen Menschen aufzuzeigen. Einen weiteren Schwerpunkt legt die Institution auf die Modifizierung und Ergänzung der vorhandenen Informationen aus früheren Hilfen oder Interventionseinrichtungen.

Die Nussschale ist eine Hofgemeinschaft in der Nähe von Isny im Allgäu auf einem ehemals landwirtschaftlich genutzten Anwesen. Das Grundstück umfasst Wiesen, Felder, Obstbäume, Nebengebäude und Stallungen sowie einen neu gestalteten Wohntrakt.

Die Einzelschlafräume bieten den Jugendlichen individuelle Rückzugsmöglichkeiten, die sie auch bei Einzug individuell selbst gestalten können und müssen. Ebenso laden die Gemeinschaftsräume wie der Bewegungs-, Tischtennis- und Fernsehraum zu Begegnungen und Kontaktaufnahmen ein. Aufgrund der landwirtschaftlichen Umgebung und einer umfangreichen Viehhaltung gehören Arbeiten wie Ackerbau, Stall ausmisten, füttern und tränken der Hoftiere zur täglichen Arbeit.

Durch weitere facettenreichen Arbeiten, die von der Landwirtschaft bis in die Bereiche Bau, Holz und Metall reichen, ist das Sicherstellen eines geordneten Tagesablaufes mit fester Zeit- und Aufgabenstruktur unerlässlich für die Jugendlichen. Im Freizeitbereich sind der Aufnahme- und Klärungsstation Sport und Natur sehr wichtig. Dies macht sich auch in der Auswahl der Möglichkeiten im sportlichen Bereich bemerkbar. Die Jugendlichen wählen zwischen Sportarten wie Boxen, Volleyball, Wandern, Klettern, Fußballspielen. Dieses umfangreiche Programm soll den teilweise delinquenten jungen Menschen zeigen, dass man auch mit solchen Mitteln Konfliktpotentiale auf moderate Art und Weise abbauen kann. (Herzogsägmühle 2007 Serie: 2007B, S.7)

Des Weiteren haben die Mitarbeiter der Nussschale die Möglichkeit einer Beschulung der Jugendlichen in einem eigens dafür vorgesehenen Klassenraum. Darüber hinaus kann bei Bedarf auf ein therapeutisches Zusatzangebot, der Trauma- und Familientherapie, zurückgegriffen werden. Eine fachübergreifende Zusammenarbeit wird von Seiten der Hauptträgerschaft („Headquater“) Herzogsägmühle erwartet.

Durch das familienähnlich aufgebaute System in der Nussschale können die Mitarbeiter den Jugendlichen ein Beziehungsangebot anbieten, das einer gesellschaftlich anerkannten Familienstruktur annähernd entspricht. So bekommt jeder Jugendliche, der längerfristig aufgenommen wird, zwei Bezugsbetreuer auf die Seite gestellt, die für ihn in allen Lebenslagen erreichbar sind und mit ihm zusammen sein neues Leben ordnen und begleiten.

Die Aufnahme- und Klärungsstelle arbeitet im Verbund mit der Förder- und Diagnosegruppe „Sprungbrett“ zusammen, die eine ähnliche Einrichtung in Peiting darstellt, ihren Schwerpunkt allerdings in der Heilpädagogik findet. Somit wird auf diese Mitarbeit zurückgegriffen, wenn die geeignete Jugendhilfemaßnahme aufgrund fehlender Vorinformationen noch unklar ist, in früheren Hilfeformen nicht ermittelt werden konnte oder der junge Mensch gescheiterte Jugendhilfemaßnahmen hinter sich hat. Außerdem bietet „Sprungbrett“ spezielle Förderprogramme im Schul- und Arbeitsbereich an, mit denen individuelle Problematiken im Rahmen der intensiven Klärung aufgegriffen werden können, die in einem solchen Umfang nicht in der Nussschale umsetzbar sind. In der Hofgemeinschaft Nussschale können neben dem Klärungsauftrag mittelfristig angelegte intensivpädagogische Einzelmaßnahmen (ISE-Maßnahmen) für bis zu vier Jugendliche durchgeführt werden.

In der Einrichtung bereits wohnende „ISE-Jugendliche“ bieten den jungen Neuankömmlingen in der Klärungsphase einen Stabilisationsfaktor, können von Erfahrungen berichten und übernehmen Vorbildfunktionen, die sich als pädagogisch sehr wertvoll erwiesen haben. Der Status ISE bedeutet in der Nussschale mehr Verantwortung, aber auch mehr Rechte und Freiheiten (z.B. Ausgänge und Heimfahrten), die sich die Jugendlichen in der Klärungsphase erst erarbeiten müssen. Die intensivpädagogischen Einzelmaßnahmen werden dann eingerichtet, wenn im Verlauf einer Klärung deutlich wird, dass der Aufenthalt in der Nussschale für den jungen Menschen selbst die gegenwärtig angezeigte Hilfe darstellt, gewachsene Beziehungen zu Mitarbeitern der Hofgemeinschaft nicht abgebrochen werden sollen, ohne den Erfolg der Jugendhilfemaßnahme insgesamt zu gefährden.

1.1.2 Das pädagogische Angebot der Nussschale

Bei der Einrichtung der Nussschale handelt es sich um eine intensiv sozialpädagogische Einrichtungen gemäß dem vierten Abschnitts des SGBVIII §§ 27 - 35. Hier besteht die Möglichkeit, den Jugendlichen eine Alternative zum Gefängnis zu bieten. Dies hat zur Folge, dass den Delinquenten eine Möglichkeit der vereinfachten Wiedereingliederung in die Gesellschaft angeboten wird.

Eine der folgenden Möglichkeiten gilt dabei als Auflage, nämlich dass die Jugendlichen entweder vom Jugendrichter direkt in die Einrichtung geschickt werden, bereits zwei Drittel ihrer Jugendstrafe verbüßt haben, in einer Drogenentzugsklinik waren oder einen Aufenthalt in einer Jugendpsychiatrie abgeschlossen haben. Weitere Motive einer Aufnahme in der Aufnahme- und Klärungsstelle Nussschale können Eltern, Lehrer, Heimbetreuer oder die Jugendlichen selbst sein, die bei den zuständigen Jugendämtern um Hilfe bitten. Daher stellt die Nussschale keine Einrichtung zur Jugendhaftvermeidung dar, sondern sie dient als anschließende Station zur Fortführung der Resozialisation eines Delinquenten. Ebenfalls ist die Nussschale eine Einrichtung mit dem Auftrag der ISE-Maßnahmen, was bedeutet, dass die Jugendlichen auf längere Zeit aufgenommen werden können, bis die Hilfeplanmaßnahmen den Zeitpunkt der Verselbstständigung wie zum Beispiel dem Betreuten Wohnen oder den Beginn einer Ausbildung erreicht haben. Im Rahmen dieser Arbeit wird im späteren Verlauf detailliert auf die Hilfeplanmaßnahmen eingegangen werden.

Nach einer Aufnahme im Rahmen einer ISE wird mit dem Jugendlichen zusammen durch unterschiedliche diagnostische Maßnahmen ein Entwicklungsbild erstellt, nach dem dann konzeptionell gearbeitet wird. Hierzu gehören medizinisch-psychiatrische wie auch gesundheitliche Abklärungen. Ebenso spielen die biografischen Aspekte des Einzelnen eine große Rolle. Anhand dieser verschiedenen Bausteine setzt sich am Ende das eigens auf den Jugendlichen zugeschnittene Konzept zusammen. Innerhalb dieser Planung wird der Klient mit Hilfe eines klar strukturierten Tagesablaufes, der landwirtschaftlichen Arbeit, der Wiedereingliederung ins Schulsystem und vielen weiteren Aspekten an sein vorläufiges Ziel herangeführt. Sind alle bisherigen Ziele erreicht worden, wird im Rahmen eines Hilfeplangespräches die Fortführung mit dem Jugendlichen in der Einrichtung besprochen, um einen nächsten Schritt in Richtung Verselbstständigung einzuleiten.

1.1.3 Tagesablauf:

Eines der Grundziele der Einrichtung ist es, den Jugendlichen wieder an einen geordneten und sichergestellten Tagesablauf mit festen Regeln, Grenzen und Pflichten heranzuführen.

Durch das Zusammenleben - ähnlich wie in einer großen Familie - ist es daher notwendig, dass jeder Jugendliche seine Arbeitsbereiche kennt und diese auch mit Sorgfalt ausführt. Damit jeder alle Aufgaben einmal zu erledigen hat, wechseln die Arbeitsbereiche in einem regelmäßigen Turnus. Durch die unterschiedlich ausgerichteten Wohnbedingungen der Aufnahme- und Klärungsstellen (Hofgemeinschaft Nussschale) liegt es in der Natur der Dinge, dass unterschiedlichste Arbeitsbereiche anfallen und erledigt werden müssen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 2, Wohlleber, 2007)

Durch die differenzierten Arbeitsabläufe und die verschiedenartigen Arbeiten, die durch die Wohnsituation auftreten, wird in der Nussschale verstärkt auf körperliche Arbeiten Wert gelegt. Diese dienen neben der körperlichen Ertüchtigung als pädagogische Therapiemaßnahme. Daher ist es auch zu verstehen, dass in einer Einrichtung wie die der Nussschale der Tagesablauf bis ins Detail durchstrukturiert ist.

Mit Hilfe dieser Tagesstruktur wird dem Klienten der Weg zur Verselbstständigung und Wiedereingliederung in die Gesellschaft geebnet und aufgezeigt. Hier ergeben sich mehrere Möglichkeiten, die mit der jeweiligen Situation und Typenentwicklung des Jugendlichen abgestimmt werden müssen.

Wenn ein gewisses Maß an Verselbstständigung erreicht ist, wird innerhalb eines Hilfeplangespräches nochmals nach einer neuen oder eventuell alternativen Wohnform und weiteren Entwicklungsmöglichkeiten für den jeweiligen Jugendlichen gesucht.

Hierbei wird die Wahl zwischen Betreutem Wohnen, einer weiteren Gruppe für Ältere oder die Rückführung in die Familie immer wieder variabel auf den Betroffenen zugeschnitten. So ist es das Hauptziel einer solchen Einrichtung, dem Klienten in Zusammenarbeit mit den Jugendämtern, Psychiatrien, der Polizei, den Staatsanwälten und weiteren an dem jeweiligen Fall beteiligten Personen einen Weg aufzuzeigen, wie er sich ohne Gewalt, Drogen und sonstige seelische Probleme in der Welt zurecht finden kann. Ebenso unerlässlich ist die Kooperation zwischen dem Jugendlichen und den Betreuern und schließlich auch den zuständigen Behörden (z.B. Agentur für Arbeit). Im Rahmen der Integration werden die Delinquenten dazu hingeführt, die anfallenden „Behördengänge“ selbstständig zu übernehmen. Dies bedeutet, dass sie eigens dafür verantwortlich sind, sich bei Praktikawünschen mit der Agentur für Arbeit in Verbindung zu setzen, wenn sie der Auffassung sind, etwas in ihrem Leben ändern zu wollen. Eine pädagogische Begleitung zu diesem wichtigen Entwicklungsschritt findet selbstverständlich in intensiver Form statt.

Dem Jugendlichen muss verdeutlicht werden, dass, ohne seine Mithilfe bei dem für ihn individuellen Hilfe- bzw. Erziehungsplanes, der die Erzielung der Verselbstständigung voraussetzt, er keinerlei weitere Förderung im schulischen und beruflichen Werdegang von Seiten des Jugendamtes erwarten kann.

Natürlich muss allen Beteiligten bewusst sein, dass dieses Ziel nicht unbedingt immer im ersten Versuch erreicht werden kann oder es auch nach der Erreichung nicht unbedingt Beständigkeit hat.

1.1.4 Belohnungs- bzw. Sanktionssysteme:

Warum ist ein Belohnungs- bzw. Sanktionssystem in einer Einrichtung wie die Nussschale notwendig?

In dieser Einrichtung basiert das Belohnungssystem auf einer Motivationskasse. Dies bedeutet, dass es für jede Arbeitsstunde einen Betrag zwischen 0,20 – 0,50 € gibt. Zu den Arbeitsstunden zählen ebenso Arzttermine, Schulbesuche, Einzelgespräche und Therapieeinheiten.

Hinzu kommen finanzielle Boni, durch welche besonders überragende Leistungen honoriert werden. Diese Entgeltkasse zeigt den Jugendlichen, dass es ohne Arbeit kein Geld gibt und sie sich ohne Geld auch nichts leisten können. Dies kann für sie entweder Zigarettenkauf bedeuten oder aber auch etwas anderes, auf das sie hinsparen möchten. Wenn allerdings ein Betreuer feststellt, dass die Jugendlichen trotz dieser Motivationskasse die Arbeit verweigern oder sich im Sozialverhalten nicht beherrschen können, greifen verschiedene Möglichkeiten von Sanktionen. Diese reichen von einem Einzelgespräch mit dem Betreuer bis hin zu der Unterbringung in einem so genannten Krisenzimmer oder in einem Bauwagen. Als Auslöser einer solchen Aktion genügt nicht eine verbale Auseinandersetzung, sondern es bedarf dazu eines Tatbestandes wie zum Beispiel dem einer körperlichen Bedrohung gegenüber einem Betreuer. Diese Ausübung der Isolation erfordert eine Absprache mit dem jeweiligen Jugendamt und der Polizei, die jeweils ihr Einverständnis zu diesen Maßnahmen geben müssen. Das Krisenzimmer und der Bauwagen werden nur nach einer vom Betreuer ausgesprochenen Auszeit in Erwägung gezogen. Begleitet werden die Programme der Sanktionierung durch einen Betreuer, der für die Zeit der Krise dem Jugendlichen als „Krisenmanager“ zur Seite gestellt wird. Dieser Bezugsbetreuer hat die Aufgabe, mit dem Betroffenen einen Plan zu entwickeln, wie sich der Jugendliche die Fortführung des Aufenthalts in der Nussschale bzw. sein weiteres Leben (Schule, Ausbildung etc.) vorstellt.

Der Bauwagen bietet im Vergleich zum Krisenzimmer eine nahezu identische „Ruhezone“, die komplett ausgestattet ist, jedoch, räumlich gesehen, auf dem Gelände der Nussschale eine etwas abseits gestellte Position einnimmt. Hier findet ein Jugendlicher sowohl ein Bett, Heizung, Warmwasser und alles Wichtige vor, er befindet sich jedoch in einer Art „Isolation“ für die Nacht von der Gruppe. Der einzige bedeutende Unterschied zwischen den beiden Sanktionierungsmaßnahmen besteht darin, dass der Jugendliche des Bauwagens weiterhin an den Gruppenarbeiten, am gemeinschaftlichen Essen und am Gruppengeschehen teilnehmen darf. Ein Delinquenter, der sich im Krisenzimmer befindet, lebt in einer völligen Isolation von der Gruppe und vom Geschehen in und um die Hofgemeinschaft. Hierzu zählen auch die Mahlzeiten, die der Klient im Zimmer zu sich zu nehmen hat.

2 Sozialisationsebenen und Lebensbereiche eines Jugendlichen

Im folgenden Kapitel werden die derzeitigen schwierigen Aufgaben Jugendlicher im Allgemeinen aufgezeigt, die sie in ihren Phasen zum Erwachsenwerden durchleben müssen. Hierbei ist ein Einblick in die heutigen familiären Strukturen und Partnerschaften erforderlich. Ebenso wird verdeutlicht, dass „die Rolle der Eltern als soziale Vorbilder“ (Hurrelmann 2007, S. 109) und deren soziale Kompetenzen in der Gesellschaft eine große Rolle für die Entwicklung eines Kindes/Jugendlichen darstellen. Eine der großen Fragestellungen wird sein, wo der Jugendliche derzeit in unserer Gesellschaft steht und wo der Wandel der Zeit den Jugendlichen noch hinbringen wird.

Diese Punkte der Positionierung eines Jugendlichen in der Gesellschaft sind wichtig, damit eine klare Definition des Jugendlichen aus der Nussschale stattfinden kann.

2.1 Sozialisationsebenen eines Jugendlichen

Im folgenden Kapitel wird näher auf die „Sozialisationsinstanzen und Lebensbereiche Jugendlicher“ (Hurrelmann 2007, S.5) eingegangen. Hierbei wird ein besonderer Schwerpunkt auf die drei großen Sozialisationsebenen gelegt: die Schule, die Familie und die Gleichaltrigengruppen, die heute bei der Jugend einen besonderen großen Einfluss auf ihre Entwicklung nehmen.

2.1.1 Die familiäre Ebene

Im Hinblick auf die Sozialisation spielt zunächst die Familie eine zentrale Rolle. Die Familie ist der Raum, in dem Jugendliche eine tragende, fördernde Beziehung erfahren sollen. Sie erlernen in der Familie soziale Fähigkeiten, die sich im Zusammenleben entwickeln. Sie erfahren Regeln und Grenzen sowie positive Rückmeldungen für sozial erwünschtes Verhalten.

Stand für das Kind die Familie im Mittelpunkt des Lebens, so fangen Jugendliche an, sich neue Räume zu erobern. Sie grenzen sich von den Eltern ab, indem sie deren Lebensstil und Werte in Frage stellen. Sie wollen zunehmend autonom werden, dabei wird die Gruppe der Gleichaltrigen immer wichtiger. Diese Aufgabe gilt als erfolgreich bewältigt, wenn die „psychische und soziale Ablösung von den Eltern" (Hurrelmann 2007, S. 107) erfolgt ist.

Diese Ablösung kann durch unterschiedliche Einflüsse in der Entwicklung des Kindes/Jugendlichen gestört werden. Hierzu könnte beispielsweise eine Scheidung der Eltern beitragen, auf die im Späteren noch näher eingegangen werden wird.

Eine detaillierte Erörterung, inwieweit Familien diesen Auftrag in der heutigen Zeit noch ausreichend ausfüllen können, wird in dieser Arbeit nicht vorgenommen, da dies den Umfang der Arbeit überschreiten würde. Anzumerken ist jedoch, dass es eine Vielzahl von gesellschaftlichen Ver-änderungen gibt, die heutige Familien großen Belastungen aussetzen, so dass die Eltern den Erziehungsauftrag nur unter Schwierigkeiten erfüllen können. Beispielsweise können viele berufstätige Eltern aus zeitlichen Gründen nicht ausreichend für ihre Kinder und Jugendlichen sorgen, während auf der anderen Seite häufig arbeitslose Eltern zum Teil aus eigener Verunsicherung nicht genügend emotionale und materielle Sicherheit für ihre Jugendlichen bieten können. Darüber hinaus gibt es noch weitere Faktoren wie zum Beispiel Krankheit, Scheidung, Tod eines Familienmitglieds, Behinderung, Sucht etc., die das Familiensystem schwächen können. Diese Entkräftung der Familie kann ein Auslöser dafür sein, dass die heranwachsenden Kinder vermehrt zu abweichendem Verhalten neigen. Böhnisch sagt im Jahr 1999 zunächst allgemein, dass familiäre Überforderung dazu führen kann, dass Jugendliche eine innere Hilflosigkeit spüren, wodurch sie sich von der Familie zurückziehen und sich gleichzeitig mit unsozialem Verhalten abspalten. Im Hinblick auf den emotionalen Halt, den Kinder in ihrer Familie finden sollten, beschreibt Böhnisch, dass sich eine Abwendung von der Familie entwickeln kann, wenn Jugendliche dort ihre persönlichen, gefühlsbetonten Signale nicht mehr finden und ablassen können. (vgl. Böhnisch, 1999)

Hat der Jugendliche aber keinen emotionalen Halt in der Familie, so dient sie auch nicht mehr als Raum, in dem soziale Fähigkeiten eingeübt werden können, sondern es kommt zur Entfremdung bis hin zum Bruch mit der Familie, das heißt einer für die Hilfe zur Erziehung bedeutenden Eigenschaft.

Stangl-Taller schreibt, dass delinquente Jugendliche ein eher negatives Bild von ihrer Familie haben. „Jugendliche Delinquente beschreiben ihr familienbezogenes Selbst in negativer Form. Sie sehen sich als Widersacher ihrer Eltern und viele von ihnen äußern kategorisch, dass ihre Eltern nicht gut seien" (Stangl-Taller 2007, Serie: 2007B, S.3). Dies bestätigt, dass die Jugendlichen, die von ihrer Familie enttäuscht sind, unter Umständen zur Delinquenz neigen.

Als weiterer Störfaktor in der Sozialisation von Jugendlichen gilt der Verlust von engen Bezugspersonen wie zum Beispiel eines Elternteils durch Scheidung oder Tod. Auch durch häufig wechselnde Partnerschaften des verbleibenden Elternteils wird eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt. Es mangelt in der Folge dem Jugendlichen an verlässlichen und intimen Beziehungen, die Geborgenheit, aber auch Orientierung vermitteln.

Besonders gravierend auf die mögliche Entwicklung hin zu delinquenten Verhaltensweisen wirken sich Gewalt oder Erfahrungen mit Missbrauch in der Familie auf die Jugendlichen aus. Hierbei verhält es sich häufig nach dem Grundsatz, dass die Jugendlichen, die als Kinder Opfer von Gewalt und Missbrauch waren, mit zunehmendem Alter selbst aggressiv agieren. Eine Form der Kompensation der erlebten Gewalt äußert sich dadurch, dass die ehemaligen Opfer gegenüber Schwächeren die Täterrolle einnehmen, um dadurch ihre erlebte Ohnmacht zu überwinden.

Es ist festzustellen, dass ein großer Anteil von Täterrollen in Familien zu finden ist, in denen es interne Probleme gibt. Hierzu zählen auch die Scheidungsfamilien, in denen die Kinder und Jugendlichen bei nur einem Elternteil leben. Diese veränderte Familienstruktur ist ein Kernproblem, das ein Jugendlicher nicht immer alleine bewältigen kann und als Folge ins negative Umfeld geraten kann. So ist es wichtig, diese Familiensituation nun näher zu beleuchten.

In den letzten fünfzig Jahren fand innerhalb der Familienstrukturen ein enormer Wandel statt. Eine „normale“ Familie wie früher (Kernfamilie) – Mutter, Vater und mindestens zwei Kinder - wird heute eher noch selten vorgefunden. Was in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bis in die 60er Jahre noch typisch war, ist mittlerweile umgewandelt worden. So heirateten bis zu den 60er Jahren 90% aller Erwachsenen im Laufe ihres Lebens. Ab diesem Zeitpunkt “[…] kam es zu einem Bedeutungsverlust dieser familialen Organisationsform.“(Hurrelmann 2007, S. 107)

Heutzutage wird die Eheschließung in unserer Gesellschaft eher in Frage gestellt. So entscheiden sich für diese „alt gediente“ Lebensform nur noch etwa 60 % der Bevölkerung. Die Zahlen der Eheschließungen haben sich im Vergleich zu 1950 halbiert. In der gleichen Zeit ist die Scheidungsziffer deutlich gestiegen. Wurden in den 50er Jahren lediglich 10% der Ehen geschieden, bewegen sich die Scheidungszahlen mittlerweile bei nahezu einem Drittel aller Ehen. Durch diese „Trennungsfälle“ ist auch die Zahl der allein erziehenden Eltern gewachsen. So wachsen in Folge von Scheidungen in manchen Gegenden der Bundesrepublik 20% der Kinder und Jugendlichen mit nur einem Elternteil auf.

Durch das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen auf sich aufbauenden Faktoren wachsen neue Familienformen, die es in der Vergangenheit in dieser Art nicht gab. Hierzu zählen die ehelichen und nichtehelichen Lebens-gemeinschaften, getrennt und allein erziehend lebende Eltern, wieder verheiratete Eltern mit Kindern und Stiefkindern (Patchworkfamilie).
(vgl. Hurrelmann 2007, S.108)

Da, wie oben beschrieben, die „traditionelle“ Familie ihren Höhepunkt schon weit hinter sich gelassen hat und sich durch das Zusammenwirken unter- schiedlicher Faktoren in der Familiensoziologie neue Formen gebildet haben, spielen diese automatisch in den Entwicklungsbedingungen der Jugendlichen eine große Rolle.

Durch Trennung betroffene Jugendliche erfahren durch die große psychische Belastung der Scheidung einen großen emotionalen Verlust der Elternsolidarität. Die Gründe für eine Trennung sind für viele der Jugendlichen nicht nachvollziehbar und die Resultate, die eine Entfremdung mit sich bringt, sind „[…] in voller Tragweite vorher“ (Hurrelmann 2007, S.111) nicht abschätzbar. So ist es nicht verwunderlich, dass die Zeit nach einer Trennungsphase eine der härtesten für die Kinder und Jugendlichen der Familien ist. Hier findet die komplette Neuordnung der sozialen Bindungen und Beziehungen - schlimmstenfalls eine Neufindung der Peer Groups auf Grund eines Umzugs - statt. So finden sich häufig unter den „Leidenden“ so genannte „Scheidungswaisen“ (Hurrelmann 2007, S.112), die sich in diskriminierender Weise psychischen Eindrücken ausgesetzt fühlen und so mit auffälligem Verhalten reagieren.

Ein weiterer möglicher Ausgangspunkt für psychische Krisenlagen der Familie können gestörte Verwurzelungen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich sein. Diese innerfamiliären Disharmonien können bei Jugendlichen zu Persönlichkeitsstörungen führen, die den Weg zur Alkohol- und Drogen-abhängigkeit öffnen.

2.1.2 Die schulische Ebene

Im Laufe des Jugendalters wird die Entscheidung über die Position im sozialstrukturierten Gefüge der Gesellschaft getroffen, die der Jugendliche in seinem Leben als Erwachsener haben wird. Es werden die Machtverhältnisse wie also die Rangordnung von Einkommen, Vermögen, Macht, Einfluss und Prestige geklärt. Dieser Prozess „ […] ist zugleich immer eine „Auslese […] für bestimmte Positionen im Gefüge sozialer Ungleichheit […].“(Hurrelmann 2007, S.81) Anhand dieser starken Beeinflussung des schulischen Werdegangs ist es nicht schwer zu verstehen, welche hohe Bedeutung ein guter und sicherer Schulabschluss für die Jugend darstellt. So werden Versagensereignisse von der Jugend als harte Rückschläge in ihrem eigenen Lebenslauf empfunden. Auch die Schüler mit Leistungsschwierigkeiten in der Schule haben die Anforderungen der Gesellschaft und der Schule so stark verinnerlicht, dass sie die „[…] eigentliche „Schuld“ für ihr Versagen bei sich selbst suchen.“ (Hurrelmann 2007, S.97)

Versagenssängste in deutschen Schulen wurden jetzt mit Hilfe des neuen LBS-Kinderbarometers Deutschland 2007 festgestellt. So schrieb das Weilheimer Tagblatt „Schlechte Noten und Sitzen bleiben: Kinder in Deutschland haben vor nichts größere Angst als vor dem Versagen in der Schule. Das ist das Ergebnis der Studie, […] die Familienministerin von der Leyen präsentierte. Knapp ein Drittel der Befragten hat Angst vor schlechten Noten[…].“ (Weilheimer Tagblatt, 27/09/2007)[2]

Dies bedeutet, dass Jugendliche ihre Enttäuschungen und die immer damit verbundene Identitätsbedrohung nicht innerhalb und gegenüber ihren Mitschülern erklären, beschreiben und abarbeiten können.

So bleibt vielen nur noch die Möglichkeit, eine enorme physische und psychische Anstrengung zu unternehmen, um evtl. doch noch das Ziel der nächsten Klasse zu erreichen. Wird dies jedoch auch zu viel, suchen sich viele Jugendliche den Weg der Anerkennung außerhalb der offiziellen Schulkultur durch sozial abweichendes Verhalten. Hierzu zählen u.a. „[…] Aggressivität, Gewalt, Drogenkonsum.“ (Hurrelmann 2007, S. 97) Diese Verhaltensmuster bei fehlender oder gesuchter Anerkennung treten vermehrt in den Haupt- und Sonderschulen auf. (vgl. Hurrelmann 2007, S.97)

Die durch die Gesellschaft und die Eltern eines Jugendlichen hoch angesehene Bedeutung eines schulischen Erfolgs wirkt sich auf das psychische und körperliche Empfinden eines Jugendlichen aus. Nahezu 60 % der Eltern geben an, dass ihr Kind das Abitur machen muss. Allerdings erreichen fast ein Drittel dieser Kinder und Jugendlichen dieses Ziel nie und “ […] kommen nicht umhin, die eigenen und die elterlichen Erwartungen spürbar zu verletzen“. (Hurrelmann, 2007, S.99)

So ist es nicht verwunderlich, dass Drogenkonsum, delinquentes Verhalten und psychische Auffälligkeitsstörungen besonders bei Jugendlichen anzutreffen sind, die Schwierigkeiten in ihrer schulischen Laufbahn haben.

Eine weitere Möglichkeit, warum sich Jugend in der Gesellschaft zunehmend nicht zurechtfinden kann, ist, dass die Identitätsentwicklung in einer globalisierten Welt nicht einfacher werden wird. Ein Jugendlicher weiß heutzutage oft nicht mehr, worauf er sich beruflich spezialisieren soll, er weiß nicht, welche Informationen auf Grund der Informationsüberflutung der Medien wirklich wichtig sind, aber er weiß sehr wohl, dass er sich in seinem Leben sehr oft verändern muss.

2.1.3 Die Gruppe der Gleichaltrigen und die Auswirkungen auf den Jugendlichen

Die Gruppe der Gleichaltrigen ist besonders für die Freizeitgestaltung eines Jugendlichen von großer Bedeutung. Hier erfüllen nicht nur die Familien, sondern auch die Gleichaltrigen eine große sozialisierende Funktion.

Zu beachten ist jedoch, dass die detaillierten Ausprägungen und Bedeutungen der Gruppen je nach Alterstufe anders aussehen können. So bilden Jugendgruppen im Alter von 12 bis 14 Jahren vor allem gleichgeschlechtliche Freundschaftsgruppierungen; Gruppen im Alter ab 15 nutzen dann die aufgelockerte Systematisierung einer Gruppe (beide Geschlechterrollen). Diese dienen dann vor allem den gemeinsamen Aktivitäten. Bei dieser Gruppierung ist dann auch von der „Clique“ zu sprechen. Innerhalb dieser Clique kann es im späteren Verlauf dann auch zu partnerschaftlichen Beziehungen innerhalb der Gruppe kommen. (vgl. Elser-Neumaier / Leibetseder / Laister, 2007, S.6)

Diese Art der Gruppen stellt eine besondere Bedeutung bei Jugendlichen dar, die in ihrem bisherigen Leben eine falsche Laufbahn genommen haben und aus dieser ausbrechen wollen. Auf die Einflussnahme von Gleichaltrigengruppen im Bezug auf Delinquenz und gewalttätiges Verhalten (vgl. BMI / BMJ, 2006, S. 354ff.) wird im weiteren Verlauf der Arbeit eingegangen.

Der Begriff der „Peer Group“ kommt aus dem Amerikanischen. Er stellt die Gruppe der Gleichaltrigen dar und bezeichnet Gruppen mit gleichen Interessenlagen, deren Mitglieder nicht selten aus der selben sozialen Schicht kommen. Die Jugendlichen suchen den Kontakt zu diesen Gruppen, damit der Ablöseprozess vom Elternhaus erleichtert wird. Dabei ist es möglich, dass das Normen- und Wertesystem der Familie in Frage gestellt wird, was zu Konflikten im Jugendlichen selbst führen kann und das innerfamiliäre System ins Wanken bringt.

Die Peergroup erfüllt verschiedene wichtige Funktionen für die Jugendlichen. Zum Beispiel können Jugendliche viele soziale Fähigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen erlernen, die im späteren Erwachsenenleben von Nutzen sein können und es besteht die Möglichkeit zu experimentieren. So können sie in der Rolle eines „Mannschaftskapitäns“ erkennen, ob sie den gestellten Anforderungen überhaupt gewachsen sind. Wichtig ist die „Peergroup“ auch, da der einzelne Jugendliche „[…]durch den Kontakt zu Alterskameraden herausfinden kann, welche Werte und Normen für ihn wichtig sind und welchen er eher ablehnend gegenübersteht.“

(Elser-Neumaier/Leibetseder/Laister 2007, S.7)

In jeder Jugendgruppe gibt es Personen, die besondere Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit der anderen Jugendlichen genießen. Hier setzt die Peer-Group an. Die Arbeit und Kooperation mit diesen so genannten „Peers“ soll es ermöglichen, Jugendliche durch Gleichaltrige zu informieren, aufzuklären und damit vor vielfältigen Problembereichen und Gefahren zu schützen. Die Themen der "Peer-Group" sind breit gestreut. Man unterscheidet zwischen drei Formen der Peer–Groups: Die Form der informellen Peergroup, der formellen Gruppierung und die organisierten Peer-Groups (Vereine, Parteien, Jugend-verbände etc.). Diese Gruppen reichen thematisch von AIDS über Suchtmittel bis hin zum Thema Gewalt. Ein Beispiel für eine organisierte Peergroup stellt ein Verband dar, der im Rahmen der Organisation Werte und Zielvorstellungen vermittelt.

In diesen von den Kindern selbst gewählten Gruppen werden nicht nur für sie interessante Themen besprochen, sondern auch in der Kommunikation gruppenspezifische Werte und Verhaltensregeln gesetzt und durch eine Habitualisierung stabilisiert.

2.1.4 Entwicklung der eigenen Geschlechterrolle

Auf Grund der Tatsache, dass durch den später erläuterten ISE Fall sich in dieser Arbeit explizit auf männliche Jugendliche bezogen wird, erfolgt hier nur die nähere Darstellung der Entwicklung der Rolle des männlichen Geschlechts.

Mit Einsetzen der Geschlechtsreife wird die Auseinandersetzung mit der Sexualität und der mit dem eigenen Geschlecht verbundenen Rolle und Rollenerwartung wichtig. Dazu gehört außerdem die Beziehungsaufnahme zu Gleichaltrigen beiderlei Geschlechts. Im Laufe dieses Prozesses wird die Aufnahme einer stabilen, intimen Partnerbeziehung angestrebt. Einen zentralen Entwicklungsschritt in der Jugendphase stellt die Ausbildung der eigenen Geschlechtsidentität dar. Hierzu gehört auch die Phase der Aufklärung, die heutzutage bei 80% aller Jugendlichen nicht mehr von der Familie, sondern von den Freunden oder Geschwistern übernommen wird.

[...]


[1] Siehe Anhang 1 , S. 86; (Gesamtübersicht der Herzogsägmühle)

[2] Siehe Anhang 6, S. 96 (Zeitungsartikel vom 27.09.2007)

Details

Seiten
98
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638041997
ISBN (Buch)
9783638939911
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89849
Institution / Hochschule
Hochschule Fulda
Note
2,0
Schlagworte
Bedeutung Intensiv-Sozialpädagogischen Einzelmaßnahmen Beispiel Jugendlichen Einrichtung

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Titel: Die Bedeutung der Intensiv-Sozialpädagogischen Einzelmaßnahmen am Beispiel eines Jugendlichen in einer sozialpädagogischen Einrichtung