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Die höhere Bildung in der Literatur des Zweiten Deutschen Kaiserreiches - Fiktion und Realität anhand von zwei zeitgenössischen Romanen

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 17 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zum Geleit

1. Kurzer Abriss über die historischen Hintergründe
1.1. Innen- und außenpolitische Hintergründe
1.2. Zur Situation der höheren Schulen ab 1885

2. Historische Fakten in Heinrich Manns "Professor Unrat"
2.1. Zum Inhalt
2.2. Historische Fakten im Roman
2.3. Kurzzusammenfassung

3. Historische Fakten in Hermann Hesses "Unterm Rad"
3.1. Zum Inhalt
3.2. Historisch Verwertbares im Roman
3.3. Kurzzusammenfassung

4. Fazit

Zum Geleit

Wenn die höhere Bildung in der Literatur des Zweiten Deutschen Kaiserreiches beleuchtet werden soll, wie es der Titel dieser Arbeit besagt, dann gilt es, geeignete Primär- und Sekundärliteratur zu finden. Es ist darauf zu achten, daß die ausgewählte Primärliteratur der sogenannten germanistischen Standartliteratur[1] angehört, da dann vorausgesetzt werden kann, daß der Leser der Seminararbeit den Inhalt der Werke kennt oder ohne großen Aufwand nachschlagen kann. Eine detaillierte Inhaltsangabe der benutzten Primärliteratur würde den Rahmen einer geschichtswissenschaftlichen Arbeit sprengen. Zudem ist über Leben und Werk der "Standartautoren" mehr bekannt, als über unbekannte Autoren, so daß schneller die für die Thematik passenden gefunden werden können. Unbekanntere Autoren sind des Weiteren in der zu betrachtenden Epoche in ihren Aussagen häufig sehr einseitig und verherrlichend, das heißt entweder übersteigerte Nationalisten oder überzeugte Sozialisten. Beides würde das Bild über die Zeit verfälschen. In der sogenannten "hohen Literatur", welche die Standartliteratur bildet, reflektiert der jeweilige Autor hingegen normalerweise die gesellschaftlichen Gegebenheiten seiner temporären Umgebung realitätsnah, wenn auch meist überspitzt oder ironisiert.

Hier zeigt sich auch gleich die Grundproblematik dieser Arbeit. Literatur ist stets Fiktion und kann praktisch nicht als Quelle für die Geschichtswissenschaft dienen, sieht man von biographischen Texten ab. Wohl aber kann man Literatur als Vergleichsmaterial heranziehen, wenn zuvor die historischen Hintergründe wissenschaftlich aufgearbeitet wurden. Der Forschende kann überprüfen, inwieweit bekannte Sachverhalte – in der betreffenden Zeit zum Beispiel die Militarisierung der Gesellschaft – aus den entsprechenden Werken herauszulesen sind. Genau dies soll in dieser Seminararbeit getan werden, wobei die Aufarbeitung der entsprechenden historischen Hintergründe knapp gehalten werden kann, da diese bereits sehr umfassend erforscht wurden und in der Geschichtswissenschaft als bekannt vorausgesetzt werden können. Der Vergleich mit den historischen Gegebenheiten wird dabei, was die Romane betrifft, oberflächlich textimmanent sein und keine literaturwissenschaftlich interpretatorischen Ansätze bieten. Nur was wortwörtlich auf dem Papier steht, soll Grundlage des Vergleiches mit der überlieferten Realität sein.

Wie schon erläutert, wird auch auf eine längere Inhaltsangabe der benutzten Primärwerke verzichtet, nichtsdestotrotz werden sie nach der knappen Darstellung der geschichtlichen Hintergründe der Vollständigkeit halber inhaltlich in wenigen Worten zusammengefaßt, um eine Erinnerungsstütze für den Leser zu geben.

Als Primärliteratur hat der Verfasser zwei Romane, Heinrich Mann, Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen, erschienen 1905, und Hermann Hesse, Unterm Rad, erschienen 1906, ausgewählt. Beide liegen mit ihrem Erscheinungsjahr in der zu behandelnden Zeit, zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914, und beschäftigen sich thematisch mit der höheren Bildung im Kaiserreich. Zudem liegen mit Heinrich Mann und Hermann Hesse zwei Autoren vor, die zwei unterschiedliche Positionen bezüglich der Betrachtung des Individuums in der Gesellschaft hatten. Heinrich Mann schreibt in einem Brief an Paul Hatvani [d. i. Paul Hirsch] am 3.April 1922: „Durchweg sind meine Romane soziologisch. [...] Ich hatte, wo immer ich saß und fremde Zeitungen las, das Problem des deutschen Kaiserreiches in mir.“[2] Diese soziologisch-kritische Betrachtungsweise prädestiniert Heinrich Mann für den vorliegenden Forschungsgegenstand. Es ist zu erwarten, daß der ausgewählte Roman einige wichtige Aspekte der Wilhelminischen Gesellschaft verarbeitet.

Anders sieht es bei Hermann Hesse aus, ihn interessierten nicht soziologische Aspekte, wenn er seine Augen auch nicht vor der Realität verschloß. So schreibt er rückblickend 1951 in einem Brief an französische Studenten: „ [...], ich habe mich im Laufe meiner Entwicklung den Problemen der Zeit nicht entzogen und nie, wie meine politischen Kritiker meinen, im elfenbeinernen Turm gelebt – aber das erste und brennendste meiner Probleme war nie der Staat, die Gesellschaft oder die Kirche, sondern der einzelne Mensch, die Persönlichkeit, das einmalige, nicht normierte Individuum.“[3] Aus dem psychologischen Roman "Unterm Rad" kann man dennoch praktisch nebenher einiges über die Gesellschaft des Zweiten Deutschen Kaiserreiches herauslesen. Das Schicksal des Protagonisten ist einmalig, nicht aber das gesellschaftliche Umfeld, in das er im Roman eingebunden ist.

Als Abschluß des Geleitwortes und als Einleitung in die Materie mag nun noch ein ironisierendes Zitat von Bertolt Brecht (1898 bis 1956) über die "alte Schule" folgen: „Der Staat sicherte die Lebendigkeit des Unterrichts auf eine sehr einfache Weise. Dadurch, daß jeder Lehrer nur ein ganz bestimmtes Quantum Wissen vorzutragen hatte, und dies jahraus, jahrein, wurde er gegen den Stoff selber völlig abgestumpft und durch ihn nicht mehr vom Hauptziel abgelenkt: dem sich Ausleben vor den Schülern. Alle seine privaten Enttäuschungen, finanziellen Sorgen, familiären Mißgeschicke erledigte er im Unterricht, seine Schüler so daran beteiligend. Von keinerlei stofflichem Interesse fortgerissen, vermochte er sich darauf zu konzentrieren, die Seelen der jungen Leute auszubilden. So bereitete er sie auf den Eintritt in eine Welt vor, wo ihnen gerade solche Leute wie er entgegentreten, verkrüppelte, beschädigte, mit allen Wassern gewaschene.

Ich höre, daß die Schulen oder wenigstens einige von ihnen heute auf anderen Prinzipien aufgebaut seien als zu meiner Schulzeit. Die Kinder würden in ihnen gerecht und verständig behandelt. Wenn dem so wäre, würde ich es bedauern.“[4]

1. Kurzer Abriss über die historischen Hintergründe

Zuerst sollen die allgemeinen außen- und innenpolitischen Hintergründe angerissen werden, da sie das Denken der zu behandelnden Schichten, des Bürgertums und des Adels, prägten, im Anschluß wird dann kurz auf die Situation der Gymnasien, Realgymnasien und Oberrealschulen eingegangen, um einen Überblick über die schulische Situation allgemein zu geben.

1.1. Innen- und außenpolitische Hintergründe

Der Sieg über Frankreich 1871 und die darauffolgende Reichsgründung führten in Deutschland zu einer nationalen Hochstimmung, die schließlich in eine Verherrlichung des Militärs durch Bürgertum und Adel, aber auch in Teilen der sogenannten unteren Schichten mündete. Diese Hochstimmung begründete die Begeisterung auf Seiten der Bevölkerung, als das Kaiserreich 1914 in den Kriegszustand trat. Die Zeit zwischen 1871 und 1890, die Zeit, in der Otto von Bismarck der lenkende Kopf im Kaiserreich war, ist außenpolitisch durch ein kompliziertes Geflecht von Bündnissen gekennzeichnet, die Bismarck 1877 im sogenannten "Kissinger Diktat" erläutert hat. Damit sollte das Reich aus allen möglichen Konflikten herausgehalten werden.[5] Völlig passiv konnte sich das Kaiserreich allerdings außenpolitisch nicht verhalten, denn die nationalen Kreise forderten die zu dieser Zeit bei Großmächten üblichen Kolonien und so erwarb das Reich einige, vor allem in Afrika.

[...]


[1] Der Verfasser bezieht sich hierbei auf das von mehreren Germanisten anerkannte Nachschlagewerk „Was sollen Germanisten lesen? Ein Vorschlag.“ von Wulf Segebrecht, erschienen in Berlin 1994. Die für diese Arbeit ausgewählten Romane werden auf den Seiten 64 bzw. 65 genannt.

[2] Peter-Paul Schneider (Hg.), Heinrich Mann. Studienausgabe in Einzelbänden. Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen. Frankfurt a.M. 1997. S. 283/284

[3] Hans Gerd Rötzer, Geschichte der deutschen Literatur. Epochen, Autoren, Werke. Bamberg

1997. S. 291

[4] Quelle: DER SPIEGEL, Nr. 22 vom 31.5.1999. S. 151

[5] Einen kurzen Abriß über diese Thematik bietet u.a. der Ausstellungskatalog "Fragen an die
deutsche Geschichte", herausgegeben vom Referat Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bun-
destages, 1994, auf den Seiten 212-216.

Details

Seiten
17
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638038119
ISBN (Buch)
9783638935043
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89853
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Geschichte
Note
Gut
Schlagworte
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