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Mode und politischer Aktivismus. Vestimentäre Praktiken bei Pussy Riot, der Occupy-Bewegung und Ai Weiweis Schwimmwesten-Installationen

Seminararbeit 2020 12 Seiten

Design (Industrie, Grafik, Mode)

Leseprobe

1. Pussy Riot

Thesen

I. These: Bei Pussy Riot zeichnet sich die vestimentäre Praxis dadurch aus, dass sich die Mitglieder der Punk-Band bei ihren musikalischen Protest-Auftritten bunt maskieren und kleiden. So stechen sie einerseits aus der Masse heraus und sind andererseits durch ihre Vermummung anonymisiert.

Begründung/Kommentar:

Laut Julia Smirnova erzählten anonyme Aktivistinnen in Interviews „dass jeder ein Teil von Pussy Riot werden könne, der sich eine bunte Maske über den Kopf zieht und gegen das System protestiert.“1

II. These: Ein historisches Beispiel, an das Pussy Riot mit ihren bunten Sturmhauben anschließen, sind die bewaffneten linken Gruppierungen im Kampf gegen die Pinochet-Diktatur in Chile. Durch diese wurde bereits in den 80er-Jahren das Tragen von Masken auf der Straße als Symbol des Widerstands und der Revolution in der Bevölkerung Chiles etabliert. Noch heute tragen die „Feministinnen von Chile“ trotz Vermummungsverbot geschmückte, bunte Sturmhauben.2

Begründung/ Kommentar:

„Sie alle eint eine Forderung: Hört auf, Frauen zu töten; hört auf, Frauen zu vergewaltigen; lasst Frauen die neue Verfassung mitschreiben. Sie sind die maskierten Feministinnen von Chile. […] Um sich von den anderen Demonstranten abzuheben, die meistens nur einfache Sturmhauben aufsetzen, schmücken die Feministinnen ihre Masken aufwändig mit vielen Accessoires. […] Trotz des Gesetzesentwurfs und regelmäßiger Drohungen in den sozialen Medien hat Complejo Conejo – ein chilenisches Textil-Kunstkollektiv mit Fokus auf das Recht auf Anonymität – schon mehr als 700 Masken gebastelt und an Demonstrierende verteilt“, so Greta di Girolamo.3

III. These: Im weiteren Sinne sind auch die deutschen Sturmhauben, die bis ins 17.Jahrhundert und somit auch im Dreißigjährigen Krieg in allen Heeren getragen wurden, historische Vorläufer von Pussy Riots vestimentärer Praxis.

Begründung/Kommentar:

„Sie trugen […] eine eiserne „Sturmhaube“ (wie Infanteristen ihren Helm nannten)“, schreibt Axel Gotthard.4 Es liegt daher nahe, dass sich die Mitglieder von Pussy Riot mit Sturmhauben maskieren, da sie sich selbst gewissermaßen als „Kampfeinheit“ sehen, die sich in einem Krieg um Gerechtigkeit befindet.

Thesen

I. These: Pussy Riot setzt grelle bunte Farben ein, die sich vom Grau der russischen Bürokratie, sowie vom Gold der Oligarchen absetzen. Damit möchten die Mitglieder um Nadeschda Tolokonnikowa ein Statement für Freiheit und gegen das autokratische System Russlands und somit gegen Putin setzen. Sie greifen gewissermaßen an, indem sie sich in einen Gegensatz stellen und somit suggerieren, dass sie nicht einverstanden sind. Gleichzeitig setzen sie durch die Farbe ein Warnsignal und ziehen die Aufmerksamkeit der Bevölkerung und der Medien auf sich, wodurch ihr Protest wirksamer wird.

Begründung/Kommentar:

„Wahrscheinlich waren es die Farben, die den stärksten Eindruck machten: grelles Rot, Lila, Pink, Neongelb, Türkis. Dies war etwas anderes als das Grau der russischen Bürokratie oder das Gold der Oligarchen. Die Aufmachung dieser Frauen schlug ein wie ein Farbbeutelangriff auf das autokratische System des Landes, auf das System Putin“, formuliert es Dietmar Pieper.5

"Es gibt Kraft, das zu tun, was wir wollen - und nicht das, was sie wollen", sagt Künstlerin Nadeschda Tolokonnikowa.6

II. These: Die „Sturmhauben“, die die Pussy Riot Mitglieder tragen, sind aus Wolle gestrickt. Dies ist eindeutig ein Hinweis auf die Weiblichkeit der Mitglieder und auf ihr feministisches Gedankengut.

Begründung/Kommentar:

Wie Elke Gaugele belegt, war das Stricken schon immer weibliches Terrain. Die Frauen, die zur Zeit der französischen Revolution noch von den Männern auf diese Tätigkeit und somit auf die Rolle der Ehefrau und Mutter beschränkt wurden, machten sich das Handwerk bald als feministische Praxis zu eigen. So strickten die Patriotinnen laut Gaugele später für die Kriegsfront, mit dem Hintergedanken, durch ihren Beitrag nach dem Krieg die Staatsbürgerinnenschaft zu erhalten.7

1.4 Fazit

Nicht nur Pussy Riots provokante musikalische Inhalte, wie z.B. ihr Putin kritisierendes „Punk-Gebet“, dass sie 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale aufführten8, sind ein Protest gegen das russische Regime, sondern auch die vestimentäre Praxis spielt bei ihren Auftritten eine wichtige Rolle und hat eine eigene Bedeutung. Die Kleidung, die die Mitglieder tragen, unterstützt durch ihre Farben einerseits ihren Protest gegen die Regierung, andererseits setzen die gestrickten Sturmhauben durch ihr Material auch ein klares Zeichen für Feminismus. Dies stellt jedoch keinesfalls einen Gegensatz dar, wenn man bedenkt, dass die Band z.B. auch gegen das verschärfte Abtreibungsverbot protestiert9. Hinzu kommt, dass Sturmhauben historisch in einer kriegerischen Tradition stehen, auch wenn Pussy Riots gestrickte Versionen meiner Meinung nach eher wie Strumpfmasken einer Verbrecherbande anmuten. Doch dies könnte durchaus beabsichtigt sein, um ihrer Vermummung neben der Anonymisierung auch einen ironischen Charakter zu verleihen: Sind Frauen, die für Gerechtigkeit kämpfen, Verbrecher? Laut Dietmar Pieper jedenfalls, waren „ihre Kleider, ihre Strumpfhosen und besonders die immer etwas zerrupft aussehenden Strickmasken, die sie sich über die Köpfe zogen […] ein Aufschrei, wie ihn Russland bis dahin nicht erlebt hatte.“10

2. Die Occupy-Bewegung

Thesen

I. These: Die vestimentäre Praxis zeichnet sich bei der Occupy-Bewegung dadurch aus, dass die Demonstranten weiße Masken tragen. Es handelt sich zum Teil um Verkleidungen als Monopoly-Männchen, zum Teil um die weiße Maske aus dem bekannten Hollywood-Film „Scream“, aber hauptsächlich um die sogenannte „Guy Fawkes Maske“.

Begründung/Kommentar:

Wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, wurden „weiße Masken […] zum Markenzeichen der Proteste.“11 Laut Matthias Heine tauchten „Guy-Fawkes-Larven“ in Deutschland „spätestens 2009 im Rahmen der Proteste gegen Netzsperren und die anderen "Zensur"-Pläne der damaligen Familien- und Innenminister Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble zum ersten Mal auf.“ Er führt weiter aus: „Neu ist nun, dass Guy Fawkes die Sphäre der Netzkultur verlassen hat. Es begann mit einzelnen Avantgardisten der Politmode, die nach einem neuen revolutionären Chic suchten – so etwa der Demonstrant Stephon Boatwright.“12

II. These: Bereits vor den Occupy-Demonstranten verwendete das Hacker-Kollektiv „Anonymous“ die Guy Fawkes Maske in ihren Videobotschaften und ihre Anhänger trugen sie auf Demonstrationen.

Begründung/Kommentar:

So schreiben z.B. Reissmann, Stöcker u.a. die Guy Fawkes Maske sei „das Symbol sowohl der Occupy-Bewegung als auch der Hackergruppe Anonymous. […] Jene Maske, die im Netz bereits lange zuvor die Videobotschaften der Hackergruppe Anonymous zierte.13 Heine führt aus: „Der Ausgangspunkt des Fawkes-Booms liegt wohl im Jahre 2008. Damals startete das Kollektiv Anonymous, das vor allem durch spektakuläre Hacker-Angriffe bekannt geworden ist, eine Kampagne gegen die Scientology-Sekte .14

III. These: Die Guy Fawkes Maske wurde vor allem durch den Film „V wie Vendetta“ und die gleichnamige Graphic Novel Vorlage bekannt und zum Protestsymbol.

Begründung/Kommentar:

Laut Lea Thies schrieb der Brite Alan Moore Anfang der 1980er Jahre die Graphic Novel „V for Vendetta“, die David Lloyd illustrierte. Der Inhalt dieses Comicromans, so Thies wörtlich: „Ein als Guy Fawkes maskierter Revolutionär namens V bekämpft England, das sich zu einem faschistischen Staat entwickelt hat.“15 „Das Guy-Fawkes-Konterfei ist eine Art Allzweck-Protestsymbol geworden“, so Thies weiter.16

Thesen

I. These: Die vestimentäre Praxis der Occupy-Bewegung arbeitet mit dem stilisierten lächelnden Gesicht des legendären britischen Putschisten Guy Fawkes in Form einer Maske, das zum Symbol für Protest und Widerstand geworden ist.

Begründung/Kommentar:

„Der katholische Offizier mit dem markanten Musketierbart wollte am 5. November 1605 das britische Parlament und König Jakob I. in die Luft sprengen. Das Attentat scheiterte und doch wurde Guy Fawkes zu einem Symbol für all jene, die gegen Autoritäten kämpfen“, so Markus Mack.17 Laut dem Lebendigen Museum online nutze die Occupy-Wall-Street-Bewegung die Maske „um ihren politischen Forderungen Nachdruck zu verleihen“18. Hierbei stehe „nicht die Identität der maskierten Person zu schützen, sondern das Symbol des Protestes und des Widerstands, für das die Maske steht“19 im Vordergrund.

II. These: Die vestimentäre Praxis der Occupy-Bewegung arbeitet außerdem mit der Verkleidung des Monopoly-Männchens, um auszudrücken, dass die Banken mit dem Geld der Kunden (Monopoly) spielen und um gegen diese Verantwortungslosigkeit zu protestieren.

Begründung/Kommentar:

So schreibt z.B. die Süddeutsche Zeitung: „Der Protest wendet sich unter anderem gegen den verantwortungslosen Umgang der Banken mit dem Geld ihrer Kunden und die Tatsache, das die Institute auf Staatsgeld hoffen können, wenn sie in Krisen geraten.“20 Und ein Foto von Occupy-Demonstranten mit weißen Masken (s. Abb.8) kommentiert sie folgendermaßen: „Die Botschaft dieser Demonstranten in Zürich an die Banken ist eindeutig: >>Ihr spielt mit unserem Geld Monopoly.<<“21

[...]


1 Smirnova, Julia: Fall Pjotr Wersilow: Wer ist eigentlich Pussy Riot? Und warum? In: zeit.de, 24.09.2018.

2 Di Girolamo, Greta: Fotos: Den maskierten Feministinnen von Chile ist das Vermummungsverbot egal. In: vice.com, Rubrik: Politik, 12.01.2020.

3 Ebd.

4 Gotthard, Axel: Der Dreißigjährige Krieg: Eine Einführung. Wien 2016.

5 Pieper, Dietmar: Russische Putin-Gegnerin Nadeschda Tolokonnikowa: Pussy Riot will jetzt Amerika aufmischen. In: spiegel.de, Rubrik: Spiegel Panorama, 15.01.2020.

6 Spiegel online: Konzert in Republikaner-Hochburg Idaho: Pussy Riot singt gegen Trump. In: spiegel.de, Rubrik: Spiegel Panorama, 26.03.2018.

7 Gaugele, Elke: Revolutionäre Strickerinnen, Textilaktivist_innen und die Militarisierung der Wolle. Handarbeit und Feminismus in der Moderne. In: craftista! Handarbeit als Aktivismus. Critical crafting circle (Hg.). Mainz 2011, S.15-28.

8 Spiegel online: Pussy Riot: WM-Flitzer wieder festgenommen. In: spiegel.de, Rubrik: Spiegel Politik, 31.07.2018.

9 Spiegel online: Gegen Abtreibungsverbot: Pussy Riot gibt Protestkonzert in Alabama. In: spiegel.de, 07.07.2019.

10 Pieper, Dietmar: Russische Putin-Gegnerin Nadeschda Tolokonnikowa: Pussy Riot will jetzt Amerika aufmischen. In: spiegel.de, Rubrik: Spiegel Panorama, 15.01.2020.

11 Süddeutsche Zeitung: Occupy-Bewegung: Mit Masken gegen Banken. In: sueddeutsche.de, 15.10.2011.

12 Heine, Matthias: GUY FAWKES: Warum Demonstranten eine Offiziersmaske tragen. In: welt.de, Rubrik: Kultur, 23.06.2011.

13 Reissmann/Stöcker/Lischka: Anonymous und Occupy: Hinter der Maske. In: tagesspiegel.de, 06.03.2012.

14 Heine, Matthias: GUY FAWKES: Warum Demonstranten eine Offiziersmaske tragen. In: welt.de, Rubrik: Kultur, 23.06.2011.

15 Thies, Lea: Guido Guy Fawkes: Protest-Antlitz: Was verbirgt sich hinter der Maske? In: augsburger-allgemeine.de, 16.11.2011.

16 Ebd.

17 Mack, Markus: Warum sich Protestierende als Guy Fawkes, Winnie Puuh oder Joker verkleiden. In: ze.tt.

18 Lebendiges Museum Online (Lemo): Guy Fawkes-Maske. In: hdg.de, Rubrik: Bestand, 2006.

19 Ebd.

20 Süddeutsche Zeitung: Occupy-Bewegung: Mit Masken gegen Banken. In: sueddeutsche.de, 15.10.2011.

21 Ebd.

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Titel: Mode und politischer Aktivismus. Vestimentäre Praktiken bei Pussy Riot, der Occupy-Bewegung und Ai Weiweis Schwimmwesten-Installationen