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Johann Wolfgang Goethe - „Prometheus“ und „Ganymed“

Ein interpretatorischer Vergleich der Hymnen „Prometheus“ und „Ganymed“ und die Klärung der Frage, warum beide Gedichte zusammen verstanden werden sollten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorbemerkung und Klärung relevanter Begriffe
2.1 Die Hymne
2.2 Die Sturm und Drangzeit – Geniekult
2.3 Pantheismus – Spinoza

3 Prometheus
3.1 Das Gedicht
3.2 Veröffentlichung
3.3 Die mythologische Figur Prometheus
3.4 Interpretation

4 Ganymed
4.1 Das Gedicht
4.2 Veröffentlichung
4.3 Die mythologische Figur Ganymed
4.4 Interpretation

5 Schlussbetrachtung und Fazit

6 Literatur
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Im Rahmen dieser Hausarbeit werde ich versuchen zwei von Goethes bekanntesten und gleichermaßen wichtigsten Gedichten, Prometheus und Ganymed, zu interpretieren und aufzuzeigen, welch komplementäre Grundpositionen diese Gedichte einnehmen. Darüber hinaus werde ich mich dann der Frage widmen, warum es Goethe so wichtig gewesen ist, dass diese beiden Gedichte direkt aufeinander folgend abgedruckt werden müssen und wieso es zu einem regelrechten Streit zwischen Goethe und seinem Freund, dem Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi kam, weil er den Prometheus so veröffentlicht hatte, dass man relativ leicht auf Goethes Autorenschaft schließen konnte, obwohl er eigentlich anonym abgedruckt wurde. Goethes Antwortbrief an Jacobi vom 17.11.1784,

„Du schickst mir Deinen Spinoza. Die historische Form kleidet das Werkchen gut.

Ob Du aber wohl getan hast, mein Gedicht mit meinem Namen vorauf zu setzen, damit man

ja bei dem noch ärgerlichen Prometheus mit Fingern auf mich deute, dass mache mit

dem Geiste aus, der Dich es geheißen hat. Herder findet lustig, dass ich bei dieser

Gelegenheit mit Lessing auf einen Scheiterhaufen zu sitzen komme“[1]

Diese Aussage Goethes sollte nach meiner Arbeit verständlicher werden, wobei es nötig sein wird, zumindest in groben Zügen auf Spinozas Pantheismus und den damit einhergehenden Streit darüber einzugehen. Letztendlich gilt es zu klären, warum diese beiden Gedichte oft als typische Sturm und Drang Gedichte klassifiziert werden und inwiefern sich daraus Informationen über den Geniekult und das Lebensgefühl der „Stürmer und Dränger“ ableiten lassen.

2 Vorbemerkung und Klärung relevanter Begriffe

Bei Prometheus und Ganymed handelt es sich um Hymnen. Deshalb möchte ich, bevor ich in die eigentliche Interpretationsarbeit einsteige, auf den Begriff der Hymne zu sprechen kommen und außerdem klären, was die zentralen Aspekte der „Sturm und Drang Zeit“ sind, die man nicht außer Acht lassen darf, wenn man diese Gedichte einer Analyse unterzieht.

2.1 Die Hymne

Der Begriff Hymne ist abgeleitet aus dem griechischen Wort „hymnos“, was soviel bedeutet wie „Preis- oder Lobgesang eines Gottes oder Helden“[2]. Ursprünglich wurden Hymnen zu musikalischer Begleitung vorgetragen und konnten von Chor- bis zu Einzelvorträgen variieren. Zu Zeiten des Sturm und Drang wurden Hymnen als adäquate Gedichtform benutzt, um das persönliche Verhältnis und Erlebnis mit Gott zu verherrlichen. Besonders durch den Einsatz von freien Rhythmen und Abschnittsgliederungen ist es möglich, allen Gefühlen freien Lauf zu lassen, ohne dabei an äußere Formen wie Reim oder Strophenbau gebunden zu sein. Als Gestaltungsmittel bediente man sich häufig einer ausdruckshaften Sprechweise und kühner Wortbildungen. Der Begriff Hymne wird oft auch gleichgesetzt mit der „Ode“, was aus dem Griechischen übersetzt „Gesang“ bedeutet und als Sammelbegriff für alle Dichtungen zu Musikbegleitung benutzt wird. Da die Übergänge dieser beiden Begriffe fließend sind und man der Hymne teilweise zuschreibt, noch etwas stürmischer und emotionaler zu sein, werde ich im Fortlauf meiner Untersuchungen den Begriff Hymne verwenden.

2.2 Die Sturm und Drangzeit – Geniekult

Um die Gedichte Prometheus und Ganymed richtig verstehen zu können, muss man sie auch epochenkontextuell betrachten, wofür es wichtig ist, die Epoche des Sturm und Drang, zumindest in ihren Grundprinzipien, im Hinterkopf zu haben. Diese Gedichte treffen nämlich genau das oft zitierte Lebensgefühl der ‚Stürmer und Dränger’.

Zunächst aber ein kurzer Abriss über diese kurze, aber innovative Epoche, wobei ich mich vor allem auf den ‚Geniebegriff’ konzentrieren werde.

Die Bewegung des Sturm und Drang ist zeitlich zwischen ca. 1770 und 1785 anzusiedeln und hat seinen Namen durch das gleichnamige Drama Sturm und Drang von F.M. Klinger erhalten. Besonders geprägt durch Gedanken Lessings zeigt sich in dieser Epoche „[eine] Ablehnung einer normativen Poetik [...und] die Stürmer und Dränger [...] griffen lessing’sches Gedankengut auf und verbanden es mit eigenen Anschauungen zu einer neuen Konzeption von Literatur“[3]. Die jungen Dichter des Sturm und Drang distanzierten sich vehement von einer Regelpoetik und rückten die eigene schöpferische Kraft in den Fokus der Dichtung – der Geniekult war geboren. Kunst galt nicht länger mehr als erlernbar, sondern „der Künstler schöpft aus dem eigenen Genie“[4]. Häufig wird dabei dem Sturm und Drang unterstellt als vehemente Gegenbewegung der Aufklärung zu fungieren, was aber nur oberflächlich betrachtet stimmt. Zwar kritisierten die Stürmer und Dränger das zu rationale und emotionslose Schriftstellertum der Aufklärung und neue Schlagwörter wie Spontaneität, Emotionalität, Natürlichkeit, usw. wurden dem Sturm und Drang zugeschrieben. Aber die Aufklärung wurde durch die Bewegung des Sturm und Drang lediglich durch den neuen Gefühlskult ergänzt. Denn schon in der Aufklärung entwickelten die Dichter ihre neue Rolle und sahen sich selbst als selbstbestimmte, freie Dichter, die durch ihre eigenen Gedanken schöpferisch wirken. Die Stürmer und Dränger letztendlich erweiterten dieses neue Dichterbild durch die Hinzunahme und Verherrlichung von Leidenschaft und Emotionen, die meist durch ungebändigte freie Rhythmen zum Ausdruck gebracht werden.

Die Gruppe der Stürmer und Dränger lässt sich aber nicht „nur“ auf die schriftstellerischen Innovationen beschränken, sondern gilt auch als soziale Bewegung, die sich gegen jegliche Form von despotischer Herrschaft wehrt. Der ungeprägte, natürliche Mensch in seiner ebenfalls natürlichen Umgebung wurde dabei häufig erforscht und mythologische und mittelalterliche Quellen wurden gerne als Themen gewählt, wie unter anderem Goethe bei seinem Prometheus und Ganymed unter Beweis gestellt hat.

Goethe selbst hat sich in seinem Aufsatz „Über deutsche Baukunst“ mit dem Geniegedanken der Stürmer und Dränger beschäftigt und stellt fest, dass

„je mehr sich die Seele erhebt zu dem Gefühl der Verhältnisse, die allein schön

und von Ewigkeit sind, deren Hauptakkorde man beweisen, deren Geheimnisse

man nur fühlen kann, in denen sich allein das Leben des gottgleichen Genius in seligen

Melodien herumwälzt; je mehr diese Schönheit in das Wesen eines Geistes

Eindringt, dass sie mit ihm entstanden zu sein scheint, dass ihm nichts

Genugtut als sie, dass er nichts wirkt als sie, desto glücklicher ist der Künstler,

desto herrlicher ist er, desto tiefgebeugter stehen wir da und beten an den

Gesalbeten Gottes“[5]

Diese Sätze sagte Goethe angesichts des Straßburger Münsters und pries dabei den Baumeister, der als Künstler nahezu zu einem Gott geworden sei und ein Künstler allgemein „nach Stoff [...] greift [, um] ihm seinen Geist einzuhauchen“[6].

Diese Abhandlung über den Sturm und Drang ist natürlich in keinster Weise vollständig und trägt auch nicht allen Aspekten, die in dieser Epoche von Bedeutung sind, Rechnung. Jedoch sollten die für den Fortlauf meiner Arbeit relevantesten Begriffe und Strömungen genügen, um ein besseres Verständnis des Kommenden zu gewährleisten.

2.3 Pantheismus – Spinoza

Als letzte Begriffsbestimmung möchte ich mich noch kurz mit der pantheistischen Gottesvorstellung auseinandersetzen, wobei ich mich insbesondere auf den holländischen Philosophen Baruch Spinoza und seinen ‚monistischen Substanzpantheismus’ konzentrieren möchte, da Spinoza für Goethe eine wichtige Rolle spielte und besonders sein Prometheus häufig mit Spinozas umstrittenen Lehren in Verbindung gebracht wird. Außerdem kann man die Verwirrungen um die Veröffentlichung des Prometheus -Gedichtes nur verstehen, wenn man die philosophische Vorgeschichte zumindest in seinen Grundrissen kennt, da der „Veröffentlichungsstreit“ darauf aufgebaut wird.

Schon die etymologische Begriffsanalyse des ‚Pantheismus’ lässt darauf schließen, was man darunter zu verstehen hat. Aus dem griechischen abgeleitet steht pan für „all, ganz oder jeder“ und theós ist das griechische Wort für Gott. Das All ist also Gott und Gott ist in allem enthalten. Der häufig kritisierte Pantheismus versteht sich aber ursprünglich nicht als Atheismus, sondern lehnt lediglich die Annahme ab, dass ein welttranszendenter persönlicher Gott existiert. Gott ist vielmehr in allem, vor allem der Natur zu finden. Ganz grob zusammengefasst hat Baruch Spinoza eine Gottesvorstellung, die Gott als Allsubstanz betrachtet und keinen persönlichen Gott kennt. Spinoza bringt diesen Gott auf die Formel „Deus sive natura – Gott oder die Natur“[7].

Gott ist das vollendete Leben im Allgemeinen, die Summe aller Dinge. Metaphorisch gesprochen ist jedes Wesen auf der Welt wie eine einzelne Gehirnzelle, die zwar ein Eigenleben hat und ihre Aufgaben in der Welt erfüllt, aber makroskopisch gesehen nur ein extrem kleiner Teil des Ganzen darstellt. Gott könnte in diesem Fall als Gehirn betrachtet werden, das in allem enthalten ist.

Die Lehren Spinozas waren zu seiner Zeit aber extrem umstritten und waren häufig dem Vorwurf ausgesetzt, einen reinen Atheismus zu propagieren. So kritisiert zum Beispiel Schopenhauer, dass der Pantheismus bloß ein beschönigender Ausdruck für Atheismus sei, denn „ein unpersönlicher Gott ist gar kein Gott, sondern bloß ein missbrauchtes Wort“.[8] Dadurch, dass Spinoza und seine Anhänger sich der häufigen Kritik des Atheismus stellen mussten, ist die kuriose Veröffentlichung von Goethes Prometheus umso brisanter, worauf ich in Punkt 3.2 eingehen werde.

Dass Goethe mit den Lehren und Anschauungen Spinozas konform ging, gilt mittlerweile als bewiesenes Faktum. So ist auch Goethes bekannter Spruch, „was wäre ein Gott, der nur von außen stieße, im Kreis das All am Finger laufen ließe! Ihm ziemts, die Welt im Inneren zu bewegen, Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen [...]“[9] zu deuten, der seine philosophische Gottesvorstellung dokumentiert. Wie Spinoza, so begreift auch Goethe Gott als umfassende Instanz, die sich in der Natur zu erkennen gibt – „deus sive natura, die Natur selbst ist Gott“[10].

Über die Philosophie Spinozas könnte man sicherlich ganze Bücher füllen, jedoch dürfte dieser kurzer Einblick ausreichen, um den von ihm geprägten Pantheismus in seinen Grundprinzipien zu verstehen und Goethes Beziehung dazu zu begreifen.

3 Prometheus

3.1 Das Gedicht

Bedecke deinen Himmel, Zeus, Ich dich ehren? Wofür?[11]

Mit Wolkendunst Hast du die Schmerzen gelindert

Und übe, dem Knaben gleich, Je des Beladenen?

Der Disteln köpft, Hast du die Tränen gestillet

An Eichen dich und Bergeshöhn; Je des Geängsteten?

Mußt mir meine Erde Hat nicht mich zum Manne geschmiedet

Doch lassen stehn Die allmächtige Zeit

Und meine Hütte, Und das ewige Schicksal,

die du nicht gebaut, Meine Herrn und deine?

Und meinen Herd,

Um dessen Glut

Du mich beneidest. Wähntest du etwa,

Ich sollte das Leben hassen,

Ich kenne nichts Ärmeres In Wüsten fliehen,

Unter der Sonn, als euch, Götter! Weil nicht alle

Ihr nähret kümmerlich Blütenträume reiften?

Von Opfersteuern

Und Gebetshauch Hier sitz ich, forme Menschen

Eure Majestät, Nach meinem Bilde,

Und darbtet, wären Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Nicht Kinder und Bettler Zu leiden, zu weinen,

Hoffnungsvolle Toren. Zu genießen und zu freuen sich,

Und dein nicht zu achten

Da ich ein Kind war, Wie ich!

Nicht wußte, wo aus noch ein,

Kehrt ich mein verirrtes Auge

Zur Sonne, als wenn drüber wär

Ein Ohr, zu hören meine Klage,

Ein Herz wie meins,

Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir

Wider der Titanen Übermut?

Wer rettete vom Tode mich,

Von Sklaverei?

Hast du nicht alles selbst vollendet,

Heilig glühend Herz?

Und glühtest jung und gut,

Betrogen, Rettungsdank

Dem Schlafenden da droben?

[...]


[1] Conrady, Karl Otto: Prometheus. In: Die deutsche Lyrik. Form und Geschichte. Interpretationen. Vom Mittelalter bis zur Frühromantik. Hrsg. V. Benno von Wiese. August Bagel Verlag. Düsseldorf 1962, S. 219.

[2] Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. Alfred Kröner Verlag. Stuttgart 1989, S. 395.

[3] Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Sechste, verbesserte und erweiterte Auflage. Verlag J.B. Metzler. Stuttgart 2001, S. 158.

[4] Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Sechste, verbesserte und erweiterte Auflage. Verlag J.B. Metzler. Stuttgart 2001, S. 158.

[5] Goethe, Johann Wolfgang: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Hrsg. V. Erich Trunz. Beck’sche Verlagsbuchhandlung. München 1081. Band 12, S. 13/14.

[6] Goethe, Johann Wolfgang: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Hrsg. V. Erich Trunz. Beck’sche Verlagsbuchhandlung. München 1081. Band 12, S. 13.

[7] Wikipedia

[8] Volket, Johannes: Arthur Schopenhauer: Seine Persönlichkeit, seine Lehren, sein Glaube. Stuttgart 1900,

S. 169.

[9] Austeda, Franz: Lexikon der Philosophie. Verlag Brüder Hollinek. Wien 1979, S. 273.

[10] Schmidt, Heinrich. Philosophisches Wörterbuch. Alfred Kröner Verlag. Stuttgart 1991, S. 686.

[11] Johann Wolfgang Goethe: Gedichte. Reclam Verlag. Stuttgart 1967, S. 35-37.

Details

Seiten
28
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638044301
ISBN (Buch)
9783640335725
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90102
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Goethe Ganymed Prometheus Gedicht Gedichte Interpretation Gedichtvergleich Gedichtsvergleich Schiller Thema Prometheus

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