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Tradition vs. Neue Medien

Eine Studie zur Mediennutzung Jugendlicher

von Jeanette Kühn (Autor) Markus Haubold (Autor)

Wissenschaftliche Studie 2006 55 Seiten

Medien / Kommunikation - Forschung und Studien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Durchführung der Studie
2.1 Die Untersuchungsgruppe
2.2 Aufbau des Fragebogens

3. Auswertung der Fragebogenstudie
3.1 Allgemeine Daten
3.2 Zugang zu Medien
3.3 Wichtigkeit von Medien
3.4 Glaubwürdigkeit von Medien
3.5 Aufdringlichkeit von Medien
3.6 Briefkommunikation
3.7 Buchlektüre
3.8 SMS-Kommunikation
3.9 Abhängigkeit von Situation und Mediennutzung
3.10 Zeit- und Kostenaufwand für Medien

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang
6.1 Fragebogen
6.2 Befragungsergebnisse im Detail (tabellarische Auswertung)

1. Einleitung

Die vorliegende Studie zum Mediengebrauch möchte sich mit der Thematik auseinandersetzen, wie Jugendliche mit dem derzeitigen, durch Verbreitung elektronischer Medien hervorgerufenen Wandel in der Vermittlungskultur umgehen.

Besondere Aufmerksamkeit wird dabei auf das Verhältnis von Brief und den so genannten Neuen Medien wie SMS, E-Mail oder Chat gelegt werden. Die Wahl dieses Schwerpunktes begründet sich in der über Jahrhunderte währenden Monopolstellung des Briefes zur Übermittlung von Nachrichten über räumliche Distanzen: „Schriftliche Informationen von Mensch zu Mensch waren so alt wie die Schrift selbst, so dass eine Kulturgeschichte des Briefes bis in die Anfänge der Antike zurückreichen würde.“[1]

War die Erfindung des Telegraphen einer der ersten Versuche, den Weg von Nachrichten mittels Elektrizität zu beschleunigen, können wir zwischenzeitlich feststellen, „dass der Alltag von Medien der ‚Fernkommunikation’ durchdrungen wird. Das reicht von der ‚multi-medialen’ Ausstattung der Haushalte mit Telefon, Telefax, Anrufbeantworter, Internetanschluss und E-Mail bis hin zur Allgegenwart medialer Kommunikation durch mobile Gerätschaften.“[2]

Fraglich ist, in welchem Maße die Neuen Medien in der Lage sind, Briefkommunikation zu ersetzen. Statistisch gesehen, scheint das Ende des Briefes in naher Zukunft möglich. Die Deutsche Post AG befördert zwar 72 Millionen Briefe pro Tag, doch handelt es sich nur noch bei zehn Prozent um private Inhalte (vgl. Höflich 2003, S. 40).

Den mit Briefpost beförderten behördlichen Inhalten scheint ebenso keine große Zukunft beschieden zu sein. In nahezu allen geschäftlichen Bereichen werden schriftliche Informationen nicht mehr auf dem Trägermedium Papier weitergeleitet, sondern via E-Mail durch Datennetze versandt. Eines der jüngsten Zeugnisse dafür ist die Initiative BundOnline2005, „in der sich die Bundesregierung zum Ziel gesetzt hat, bis 2005 alle internetfähigen Dienstleistungen online bereitzustellen“.[3] Beispielsweise können Anwälte mittlerweile Anklageschriften, digital signiert, elektronisch bei Gericht einreichen.

Ein weiterer Grund für die Annahme, dass Neue Medien Briefkommunikation verdrängen, ist die hohe Akzeptanz ihnen gegenüber in jungen Altersgruppen. 76,9 Prozent der 14- bis 19-jährigen bzw. 80,3 Prozent der 20- bis 29-jährigen in Deutschland waren 2002 Onlinenutzer. In der Altersklasse der 40- bis 49-jährigen ist immerhin der knappen Hälfte der inländischen Bevölkerung der Zugang ins World Wide Web möglich. Erst ab einem Alter von 60 Jahren verringert sich dieser Wert auf 7,8 Prozent.[4] Es ist also sehr wahrscheinlich, dass mit der bevorstehenden Übertragung von sozialen Kompetenzen an die gerade heranwachsende Generation, z.B. durch den Einstieg in das Berufsleben, eine vermehrte Nutzung elektronischer Kommunikationsformen einhergehen wird, wohingegen der konventionelle Nutzerkreis analoger Medien aus Altersgründen zunehmend an Einfluss verlieren wird.

Die elektronischen Kommunikationsformen scheinen aufgrund ihrer Vielfalt und ihrer zunehmenden Nutzung für jeden kommunikativen Zweck geeignet zu sein. Letztlich ist jedoch entscheidend, in welchem Maße ein Medium in der Lage ist, ein Signal vom Kommunikator zum Rezipient weiterzuleiten und inwiefern es dem Empfänger aufgrund der Qualität des Signals möglich ist, eine sinngerechte Decodierung vorzunehmen, also die kommunikative Absicht des Senders zu erschließen.

Das Angebot alter und neuer Medien eröffnet nach unserer Ansicht mannigfaltige Möglichkeiten, Kommunikation zu begründen. In Anbetracht dieser Tatsache besteht aber auch die Gefahr, die Leistungsfähigkeit Neuer Medien zu überschätzen, was sich nicht zwangsläufig in größeren Qualitäten von Briefkommunikation äußern muss, sondern auch aus der Wahl eines wenig geeigneten elektronischen Mediums resultieren kann.

Die Untersuchung dieses Sachverhaltes möchten wir zum Kernpunkt dieser Studie machen.

2. Durchführung der Studie

2.1 Die Untersuchungsgruppe

Wie bereits in der Einleitung herausgestellt wurde, sind insbesondere junge Menschen im Umgang mit Neuen Medien vertraut. In der Altersklasse von 14 bis 29 Jahren befanden sich im Jahre 2002 mit 78,6 Prozent die höchsten Nutzungsraten von Online-Angeboten.[5] Diese Aufgeschlossenheit wird auch in der Nutzung von Mobilfunk-Dienstleistungen konsequent fortgesetzt: 96 Prozent der 10- bis 24-jährigen besaßen 2003 ein Handy.[6]

Die Altersklasse der 15- bis 20-jährigen scheint somit große Kompetenzen im Umgang mit neuen Kommunikationsformen zu besitzen. Sie prägt weiterhin die Konventionen im zukünftigen medialen Umgang innerhalb der Gesellschaft.

Wir entschieden uns deshalb, unsere Befragung in dieser Altersklasse durchzuführen. Die Wahl fiel auf das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Freiberg. Um die Aussagefähigkeit der Studie zu gewährleisten, sollten die Fragebögen von möglichst reifen Schülern bearbeitet werden und wurden daher in den 11. und 12. Klassen verteilt.

2.2 Aufbau des Fragebogens

Während der Vorbereitung unserer Untersuchung entschieden wir uns, diese in Form einer Fragebogenstudie durchzuführen. Anhaltspunkte für den Aufbau des Fragebogens lieferte der Beitrag Vermittlungskulturen im Wandel: Brief – E-Mail – SMS von Joachim R. Höflich.[7]

Es galt zu hinterfragen, welche Kommunikationsformen in die Befragung einbezogen werden sollen. Höflich deklariert „Brief, E-Mail und SMS haben [...] gemeinsam, dass es sich um Medien der schriftlichen Telekommunikation unter dem besonderen Vorzeichen eines zeitlichen Phasenverzugs handelt [...]. Gerade dieser Phasenverzug unterscheidet diese Medien beispielsweise von einem Online-Chat, der zwar auch schriftlich, aber synchron verläuft.“[8]

Wir sind der Ansicht, dass eine genaue Einordnung des Online-Chats zu simultaner Kommunikation nicht möglich ist, da einerseits die Kommunikation im Chat geringfügig zeitversetzt abläuft (was insbesondere dann deutlich wird, wenn die kommunikative Situation einen schnellen Sprecherwechsel erfordert), andererseits Chat-Kommunikation einer Verständigung über SMS sowohl technisch (Tastatureingabe, Absenden der Äußerung nach Erfassung), als auch kommunikativ nahe kommt. Letzterer Trend scheint insbesondere der Einführung von Mobilfunkverträgen mit einer größeren Anzahl von Frei-SMS geschuldet zu sein, wodurch SMS vom relativ teuren Medium für kurze Nachrichten zu einem billigen ‚Unterhaltungsmedium’ mit häufigeren Turnwechseln avancierte.

Im Gegensatz zu Höflich wollen wir unsere Befragung nicht ausschließlich auf private Kommunikation beschränken. Höflich definiert öffentlich als kommunikativen Austausch zwischen einem Sender und mehreren Empfängern: „Online-Foren fallen so gesehen aus der Betrachtung heraus, wiewohl sie als Form eines öffentlichen Briefes verstanden werden können“.[9] Wenn es darum geht, Brief- bzw. E-Mailkommunikation zu untersuchen, ist ein öffentlicher Charakter nicht unbedingt auszugrenzen. Beispielsweise dienen so genannte Rund-Mails dazu, einem größeren Empfängerkreis Informationen zukommen zu lassen. Briefkommunikation kann eine ähnliche Funktion übernehmen, wenn mehrere Briefe mit identischem Inhalt versandt werden. Innerhalb einer Fragebogenstudie erschien es uns als sehr schwer (und über dies hinaus für die Teilnehmer als verwirrend), wenn eine derartige Beurteilung in die Befragung integriert werden soll. Wir entschieden uns daher bewusst für eine Aufnahme der Online-Foren in unsere Befragung.

In einigen Punkten hat Höflich mit seiner Verfahrensweise zur ausschließlichen Betrachtung von privater Kommunikation gebrochen. Beispielsweise wurden Radio und Fernsehen in eine Erhebung zur Aufdringlichkeit von Medien involviert, wenngleich in diesen Fällen ein unbegrenzter Adressatenkreis, also Massenkommunikation vorliegt. Wir sind aus den o.g. Gründen, sowohl private als auch öffentliche Kommunikation untersuchen zu wollen, diesen Vorschlägen gefolgt.

Den von Höflich dargestellten Gratifikationen, in denen die Eignung jedes einzelnen Mediums für bestimmte kommunikative Absichten beleuchtet wird, haben wir weitere Situationen hinzugefügt. Diese wurden bereits 2004 in einem Seminar zu Neuen Medien in Gruppenarbeit diskutiert und sollen die Kompetenzen der einzelnen medialen Formen im Hinblick auf ihre Verwendung transparenter machen.

3. Auswertung der Fragebogenstudie

3.1 Allgemeine Daten

Um die aus der Studie gewonnen Erkenntnisse in gewisser Weise als repräsentativ bezeichnen zu können, den mit der Auswertung verbundenen Arbeitsaufwand jedoch auch dem Rahmen einer Seminararbeit anzupassen, wurden 120 Fragebögen an der Schule verteilt. 115 Schüler der Jahrgangsstufen elf und zwölf nahmen an der Befragung teil. 62 Personen unter den Mitwirkenden waren weiblich, 53 männlich. Die Schüler umfassten die Altersklassen 16 bis 19 Jahre.

3.2 Zugang zu Medien

Um spätere Aussagen über die Nutzung von Neuen Medien im Vergleich zu Briefkommunikation treffen zu können, erschien es uns wichtig, den Zugang zu den übergeordneten Trägermedien zu analysieren.

103 der 115 befragten Schüler (89,6 Prozent) besaßen ein Handy und können somit sowohl mobil telefonieren als auch den Short Messaging Service nutzen. Dieser Wert liegt unter dem von Statistischen Bundesamt für das Jahr 2003 ermittelten Wert von 96 Prozent für die Altersklasse 10 bis 24 Jahre.[10]

Zugang zu einem Festnetz-Telefonanschluss hatten 114 der 115 Schüler (99,1 Prozent). Nach Aussage des Statistischen Bundesamtes hatten 2004 95,1 Prozent der Haushalte einen stationären Telefonanschluss.[11] Die den Schülern zur Verfügung stehende Ausstattung ist also überdurchschnittlich.

Dieser Unterschied zum Bundesdurchschnitt vergrößert sich bei der Frage nach einer Zugangsmöglichkeit zum Internet. 113 der 115 Schüler (98,3 Prozent) können auf das World Wide Web zuzugreifen, bundesweit sind das nur 47,1 Prozent der Haushalte.[12] Beim Vergleich dieser Zahlen ist jedoch zu berücksichtigen, dass einerseits die Schüler in der Schule einen Internetzugang nutzen können, dies also nicht zwangsläufig zu Hause erfolgen muss, andererseits in den Daten des Statistischen Bundesamtes Seniorenhaushalte inbegriffen sind, die ohnehin wenig Akzeptanz gegenüber PC und Netzwerk aufbringen dürften. Maßgeblich für unsere Auswertung ist, dass fast alle Schüler auf das Internet zugreifen und somit E-Mail, Online-Chat und Online-Foren nutzen können.

Überraschend für uns war die ebenfalls über dem Bundesdurchschnitt liegende Verbreitung von Faxgeräten. 39 der 115 Schüler (33,9 Prozent) können diese Einrichtung nutzen, bundesweit sind es nur 17,2 Prozent der Haushalte.[13] Innerhalb der medialen Kommunikation der Schüler dürfte das Faxgerät trotzdem nur eine untergeordnete Rolle spielen, da das Übertragungsverfahren eher für den institutionellen Bereich prädestiniert ist. Wenn man von der über 30-jährigen Geschichte der E-Mail einmal absieht, gliedert sich das Fax auch nur schwerlich in den Reigen der wahrhaft ‚neuen’ Medien SMS, Chat und Forum ein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zugang der Schüler zu Medien

3.3 Wichtigkeit von Medien

Einen weiteren Schritt, uns an die Mediennutzungsgewohnheiten der Jugendlichen anzunähern, stellt die Frage nach der Wichtigkeit der einzelnen Medien dar. Wenig überraschend nehmen Telefon, Handy und SMS die ersten Plätze auf der Wichtigkeitsskala ein. Insbesondere das Telefon hielt niemand für unwichtig, lediglich 8,8 Prozent der Schüler schätzten es als wenig wichtig ein – der Rest (91,2 Prozent) erachtete es für wichtig oder sehr wichtig.

Dem Handy gelingt es nicht, die Beliebtheit und Wertschätzung seines stationären Vorgängers zu erreichen. Zwar hält es ebenfalls ein großer Teil (75,4 Prozent) der Schüler für sehr wichtig bzw. wichtig, 24,5 Prozent betrachten es aber auch als wenig oder gar nicht wichtig.

Ausschlaggebend für diese Einschätzung könnten Kostengesichtspunkte sein, dem steht jedoch entgegen, dass 89,6 Prozent der Schüler ein Mobiltelefon besitzen.

Möglich erscheint auch, dass das Festnetztelefon eine höhere Achtung erfährt, da es das ältere Medium ist und in der jetzigen Zeit zur Grundausstattung eines Haushalts gehört, ein Mobilfunkvertrag oftmals nur ergänzend abgeschlossen wird.

Die SMS wird heutzutage in erster Linie mit dem Handy in Verbindung gebracht. Dabei gab es bis vor wenigen Jahren bei einigen Internetprovidern (z.B. T-Online) bzw. Internetdienstleistern (z.B. www.5vor12.de) die Möglichkeit, Frei - SMS über das World Wide Web auf Handys zu schicken. Diese Serviceleistung hat aller Wahrscheinlichkeit nach nicht unbedeutend zur Verbreitung der SMS beigetragen, blieb dem Empfänger der Nachricht doch nichts anderes übrig, als entweder sein Handy zur Antwort zu benutzen oder den PC hochzufahren und ebenfalls über das Internet eine Antwort zu erstellen. Nach der Einstellung dieses kostenlosen Services begannen Mobilfunkunternehmen, ihre Verträge mit Frei- SMS auszustatten. Zwischenzeitlich ist auch dieser Trend zum Erliegen gekommen und nur wenige Anbieter stellen bei Vertragsabschluss Frei - SMS zur Verfügung. Die Mehrheit der Anbieter staffiert die Handypakete nun mit monatlichen kostenlosen Gesprächsminuten aus, außerdem wird mit der Weiterentwicklung MMS (Multimedia Messaging Service), welche das Versenden von Bildern ermöglicht, versucht, die Kunden von der neuen Generation der Handys mit eingebauter Digitalkamera und somit letztlich von einem neuen Mobiltelefonvertrag zu überzeugen.

Dieser Entwicklung folgend, fällt die Beachtung der SMS als wichtiges Medium hinter die des Handys zurück. Zwar betrachtet ein vergleichbar großer Anteil (34,8 Prozent) der Schüler die SMS als sehr wichtig, im Bereich wichtig (23,48 Prozent) tritt jedoch eine deutlich sichtbare Verschiebung zur Einschätzung der SMS als wenig wichtiges (27,83 Prozent) oder unwichtiges (13,91 Prozent) Medium auf.

Auf Grund dieser Verteilung könnte man vermuten, dass jene Schüler, die das Handy für sehr wichtig erachten, auch intensive SMS-Nutzer sind, diejenigen, die das Handy als wichtig, unwichtig oder gar nicht wichtig einschätzen jedoch ein Mobiltelefon als Sicherheit für unvorhersehbare Ereignisse betrachten und deshalb keine aktive Nutzung der SMS durchführen. Ein weiterer Erklärungsansatz lässt sich in einer möglicherweise differenzierten Betrachtung des Handys als Telefon und der SMS als Textnachricht finden. Bei der Beantwortung unseres Fragebogens wäre in diesem Fall also nicht daran gedacht worden, dass zur SMS-Kommunikation ein Handy unabdingbar ist, sondern die Wichtigkeit von Telefonat und Textmeldung wurden einander gegenübergestellt, das Handy ist dabei nicht Medium, sondern lediglich Enkodier- bzw. Decodiereinrichtung.

Die E-Mail wird von nur wenigen Schülern (12,1 Prozent) als sehr wichtig eingeschätzt. 43,1 Prozent der Schüler halten sie jedoch für wichtig und geben ihr damit den Stellenwert eines Mediums, welches nicht an die Beliebtheit von Telefonaten heranreicht, jedoch für mehr als die Hälfte der Schüler unentbehrlich ist. Als wenig wichtig bezeichnen sie 40,0 Prozent der Schüler.

Es steht zu vermuten, dass diese Textnachrichten im Schulalltag noch nicht jenen Stellenwert wie bei einem Studium besitzen, wo es gilt, mit Mitkommilitonen Absprachen zu treffen, Projekte vorzubereiten oder auch Schriftverkehr mit Lehrkräften zu führen. Es wäre sicher interessant, zu erforschen, zu welchen Zwecken die Schüler E-Mail benutzen.

Erwähnt sei an dieser Stelle auch der hohe Arbeitsaufwand, der mit dem Verfassen einer E-Mail einher geht, da Sachverhalte, die sich per Telefon in wenigen Augenblicken klären lassen, zum Mailversand textuell aufbereitet werden müssen. Zudem können die Interaktanten bei einem Telefongespräch zumindest durch Stimmlage und Gesprächspausen paraverbale Zeichen setzen. Dies trägt im Gegensatz zur auf Schriftzeichen reduzierten Textnachricht dem Schutz vor Missverständnissen und zum Gelingen der Kommunikation bei, wenngleich Textnachrichten durch zunehmenden Einsatz von Emoticons auch nonverbale Qualitäten für sich beanspruchen dürfen.

Online-Chat und Online-Forum spielen innerhalb der Neuen Medien für die Gymnasiasten eine untergeordnete Rolle. 57,4 Prozent der Schüler halten den Chat und 48,7 Prozent das Forum für gar nicht wichtig. Der Chat schneidet insgesamt schlechter ab: Nur 5,3 Prozent halten ihn für sehr wichtig oder wichtig. Beim Forum sind das immerhin 15,6 Prozent. Ein reichliches Drittel der Schüler (Chat = 37,4 Prozent, Forum = 35,7 Prozent) halten beide Medien für wenig wichtig.

Ausschlaggebend für diese geringe Akzeptanz könnte in beiden Fällen die geringe Verbreitung im Sinne der Kenntnisse über diese Medien sein. Weiterhin handelt es sich beim Online-Chat oftmals nicht um zielgerichtete Kommunikation mit einer bestimmten Intention, sondern um Smalltalk mit dem Ziel des Zeitvertreibs. Dies macht das Chatten zwar zu einer schönen Nebensache, nicht jedoch zum ernst zu nehmenden (also: wichtigen) Kommunikationsmedium.

Unterschieden werden sollte in diesem Zusammenhang, wie viele Personen sich am Chat beteiligen und ob diese den Chatroom zufällig aufsuchen oder dem Grund des Besuchs eine kommunikative Absicht (z.B. Austausch über Seminarinhalte) unterstellt werden kann.

Wir sind der Ansicht, die Bedeutsamkeit des Chats steigt, je homogener die Gruppe ist (z.B. Studenten eines Seminars vs. sich einander fremde Teilnehmer) und je zielgerichteter diese während der Chatkommunikation vorgeht (z.B. Diskussion spezifischer Fragen vs. ‚unkontrolliertes’ Gespräch).

Beim Forum gestaltet sich die Situation ähnlich. Auch hier ist entscheidend, mit welcher Intention vorgegangen wird. Ein Forum zu Erfahrungen mit einer bestimmten Erkrankung kann für den Benutzer größte Wichtigkeit besitzen. Ein anderer nutzt dem hingegen Gästebücher (z.B. zum Austausch über musikalische Strömungen) und verleiht der Kommunikation damit einen wesentlich subjektiveren und banaleren Charakter.

Die Möglichkeit, Dokumente per Fax zu übertragen, besitzt eine ähnlich untergeordnete Stellung wie Chat und Forum. Wenngleich wir unter 3.2 feststellen konnten, dass überdurchschnittlich viele Gymnasiasten Zugang zu diesem Medium haben, so halten es doch 90,2 Prozent für wenig wichtig bzw. gar nicht wichtig. 8,9 Prozent sind der Ansicht, das Fax sei wichtig, lediglich 0,9 Prozent halten es für sehr wichtig.

Es ist anzunehmen, dass nur wenige Schüler Verwendung für dieses Medium haben, muss die Nachricht doch ebenso wie beim Brief auf Papier als Speichermedium aufbereitet werden. Demzufolge kann diese auch auf dem Postweg versandt werden. Noch wahrscheinlicher ist die Tatsache, dass die Nachricht von den Jugendlichen mit dem PC erfasst und per E-Mail weitergeleitet wird.

Ein besonderes Charakteristikum des Faxgerätes ist dem oft angewandten Thermodruckverfahren geschuldet. Die Ausdrucke besitzen häufig geringe Auflösung, sind daher schlecht lesbar. Weiterhin verblasst der verwendete Toner unter Lichteinfall bereits nach kurzer Zeit. Faxnachrichten sind somit im Gegensatz zum Brief schlecht aufzubewahren, im Vergleich zur E-Mail recht teuer und durch die geringe Verbreitung dieses Mediums – zur Kommunikation gehören schließlich zwei dieser Apparate – nicht in jedem Falle zum Aufbau von Kommunikation dienlich.

Der Brief wurde von seiner Wichtigkeit her geringfügig schlechter als die E-Mail bewertet. 12,3 Prozent der Schüler halten ihn für sehr wichtig, 37,7 Prozent für wichtig. Somit bringt die Hälfte der Schüler dem Brief eine große Wertschätzung entgegen. 43,0 Prozent geben diesem traditionellen Kommunikationsmittel den Status wenig wichtig, 7,0 Prozent halten es für gar nicht wichtig.

An späterer Stelle werden wir untersuchen, ob die E-Mail dem Brief gegenüber wegen größerer kommunikativer Kompetenzen bevorzugt wird. Betrachtet man die Funktionsweise der beiden Medien, so spricht für die E-Mail eine vereinfachte Enkodierarbeit, da die Eingabe der Nachricht über Tastatur (je nach Fertigkeiten) ggf. schneller funktioniert und eine Abänderung des Textes problemlos möglich ist. Weiterhin ist der E-Mail – Versand per Mausklick wesentlich einfacher als die Verwendung von Kuvert und Briefmarke und kann geschehen, ohne den Arbeitsplatz zu verlassen; d.h. die körperliche Abgabe der Post bei einer externen Sammelstelle entfällt. Auch die Zustellzeit ist gegenüber der des Briefes erheblich verkürzt. Kostengesichtspunkte räumen der E-Mail ebenfalls den Vorrang ein, schlägt der Versand doch lediglich mit dem Preis für die Verbindung zum Mailserver zu Buche. Gesonderte Dienstleistungen, wie eine Lesebenachrichtigung des Empfängers, gehören bei der Mail zum nahezu kostenlosen Service, müssen bei der Post aber beispielsweise als ‚Einschreiben mit Rückschein’ teuer bezahlt werden.

Was spricht nach all dem für den Brief? Er ist praktisch ‚ein Medium an sich’ – die Anschaffung der kostenintensiven Erfassungs- und Versandstation nebst Online-Zugang, also des PC, entfällt. Er verschafft nicht nur ein haptisches Erlebnis, welches eine E-Mail nicht übermitteln kann, sondern er stellt – handelt es sich um einen privaten, handschriftlichen Brief – durchaus einen emotionalen Wert dar. Er lässt sich kreativ gestalten, bekleben. Dass dies so wenig wiegt, ist einerseits dem in vielen Haushalten ohnehin vorhandenen Computerarbeitsplatz geschuldet. Andererseits hat sich der Einsatz von Elektronik vom Vorwurf des sterilen, unpersönlichen Kontakts hin zu einer echten Konvention entwickelt. Beispiele dafür gibt es in großer Zahl, man denke nur an E-Learning oder Online-Banking.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Wichtigkeit von Medien

3.4 Glaubwürdigkeit von Medien

Medien haben Einfluss auf die Glaubwürdigkeit der mit ihnen vom Kommunikator zum Rezipient übermittelten Botschaften. Entsprechend dem Weg, auf dem uns eine Nachricht erreicht, sind wir von deren Wahrheitsgehalt überzeugt oder im Hinblick auf die Richtigkeit der Information skeptisch: Eine Liebeserklärung ‚unter vier Augen’ oder in einen Brief verpackt wird uns eher emotionale Regungen abgewinnen, als selbige Botschaft in Form einer SMS oder als Textzeile im Chat.

Wir haben die Schüler befragt, für wie glaubwürdig sie einzelne Medien einschätzen. 93,1 Prozent der Gymnasiasten halten das Gespräch für sehr glaubwürdig oder glaubwürdig. Das ist wenig verwunderlich, verfügt face-to-face – Kommunikation doch über eine Fülle von Kanälen, welche an der Übertragung einer Botschaft beteiligt sind. Dazu gehört der auditive Kanal[14], welcher dem Rezipienten beispielsweise neben dem Inhalt der Botschaft auch über die Stimmlage und das Sprechtempo Informationen zuführt.

Visuell wird die Glaubwürdigkeit der Nachricht über Gestik, Mimik und Körperhaltung des Senders vermittelt. Ein lachender Überbringer einer schlechten Nachricht wird mit hoher Wahrscheinlichkeit als schadenfroh oder als Lügner eingestuft werden – je nachdem, ob sich das von ihm Gesagte als richtig oder falsch erweist.

Der taktile Kanal leitet über Berührungen Signale weiter. Ein Händedruck, das Auflegen einer Hand auf die Schulter oder das Anfassen eines Arms seines Gegenübers verschaffen Nähe, drücken Anteilnahme aus und lassen die Kommunikation vertrauter werden. Dies kann – je nach Gesprächssituation – für eine größere Glaubwürdigkeit sorgen. Natürlich kommt eine Reihe von Gesprächen konventionell ohne taktile Signale aus, z.B. wenn diese institutionellen Charakter besitzen. Trotzdem wird in solchen Fällen den Inhalten Glauben geschenkt werden.

Ebenso wie der taktile Kanal mit körperlicher Nähe zwischen Sender und Empfänger verbunden, sind olfaktorische Eindrücke für die Glaubwürdigkeit einer Nachricht von Bedeutung. Gemeint sind damit körpereigene Gerüche bzw. deren Überdeckung, z.B. durch Parfums. Die Einflüsse, welche Düfte auf uns auswirken, sind durchaus von Bedeutung: „Pheromon-Gels zur künstlichen Steigerung der eigenen Attraktivität haben sich in den letzten Jahren zum Verkaufsschlager entwickelt; wenn auch ihr Erfolg zweifelhaft ist. Firmen setzen in ihren Büro-Klimaanlagen gezielt Duftöle ein, um ihre MitarbeiterInnen positiv zu beeinflussen: Zitrone etwa soll die Konzentration fördern, Pfefferminz munter machen - und Orange die Harmonie fördern, weshalb sie dezent in so manchem Besprechungszimmer zum Einsatz kommt. Und mehr und mehr gehen auch Kaufhäuser dazu über, neben der längst etablierten Plätschermusik animierende Düfte zu verbreiten.“[15] Wie dieses Beispiel zeigt, tragen Gerüche offensichtlich zum Funktionieren von Kommunikation bei, beeinflussen unsere Eindrücke und haben somit auch im Bereich der Glaubwürdigkeit einen festen Platz, indem sich Unterhaltungen besser entwickeln können und Gesprächspartner größere Sympathien für einander empfinden. Außerdem ist davon auszugehen, dass durch die Überdeckung von Körpergerüchen störende Faktoren in der Kommunikation vermieden oder abgeschwächt werden und somit der Weg für einen vorurteilsfreien Umgang mit dem Gesprächsinhalt frei ist.

82,6 Prozent der Schüler bezeichnen den Brief als sehr glaubwürdig oder glaubwürdig, wobei sich die Gewichtung – im Gegensatz zum Gespräch – in Richtung glaubwürdig verschiebt. 15,7 Prozent halten den Brief für wenig oder nicht glaubwürdig. 1,7 Prozent waren sich ob der Glaubwürdigkeit des Briefes nicht sicher.

Betrachten wir den Brief nach der bereits zur Bewertung der Glaubwürdigkeit des Gesprächs herangezogenen Einteilung von Dittami und Grammer, so lässt sich feststellen, dass lediglich der visuelle Kanal bei der Briefkommunikation zum Tragen kommt: Die Nachricht kann gelesen werden. Je nachdem, mit welchen Schreibgerät der Brief verfasst wurde, setzt er uns ggf. über die Handschrift des Textproduzenten in Kenntnis. Allein aus diesen Tatsachen kann man die Glaubwürdigkeit des Briefes nur bedingt ableiten. Vielmehr liegt diese in der Existenz des Briefes als Dokument begründet. Der Brief enthält eine auf das Speichermedium Papier geschriebene Äußerung bzw. Willenserklärung. Der Inhalt des Briefes ist vom Absender unterzeichnet, dieser gibt sich namentlich zu erkennen und offenbart seinen Wohnort.

Für den Empfänger bedeutet dies, dass die Nachricht (auch aus rechtlicher Sicht) verbindlich ist, da der Absender den Inhalt durch seine Unterschrift bekräftigt hat. Der Inhalt des Poststückes hat – theoretisch gesehen – unbegrenzte Gültigkeit, da der Brief archiviert werden kann. Der Empfänger hat außerdem die Möglichkeit, den Absender auf Grund der übermittelten Botschaft persönlich zur Rede zu stellen, da ihm dessen Wohnort bekannt ist. Im Falle privater Briefkommunikation spielen diese Sicherheiten zwar in den wenigsten Fällen eine Rolle, begünstigen jedoch die Glaubwürdigkeit dieses Mediums ebenso.

Höflich nennt auch das Briefgeheimnis als Faktor für die hohe Glaubwürdigkeit des Briefes, da man „damit dem Brief eine Qualität zukommen lässt, die anderen Medien abgeht“.[16]

[...]


[1] Schneidmüller, Bernd (1989): „Briefe und Boten im Mittelalter“. In: Wolfgang Lotz (Hrsg.): Deutsche Post Geschichte. Essays und Bilder. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung Bauermann GmbH, S. 10.

[2] Höflich, Joachim R. (2003): „Vermittlungskulturen im Wandel: Brief – E-Mail – SMS“. In: Joachim R. Höflich/Julian Gebhardt (Hrsg.): Vermittlungskulturen im Wandel: Brief – E-Mail – SMS. Frankfurt/M.: Peter Lang – Europäischer Verlag der Wissenschaften, S. 41.

[3] http://www.handwerkermarkt.de/portal/apboard/thread.php?id=2923&start=1#0, Stand: 10.01.2006

[4] Quelle: http://www.gemeinsamlernen.de/euconet/backround/germany?language=de, Stand: 10.01.2006

[5] Quelle: http://www.gemeinsamlernen.de/euconet/backround/germany?language=de, Stand: 10.01.2006

[6] Quelle: http://www.izmf.de/html/de/38611.html, Stand: 23.03.2005

[7] Höflich, Joachim R. (2003): „Vermittlungskulturen im Wandel: Brief – E-Mail – SMS“. In: Joachim R. Höflich/Julian Gebhardt (Hrsg.): Vermittlungskulturen im Wandel: Brief – E-Mail – SMS. Frankfurt/M.: Peter Lang – Europäischer Verlag der Wissenschaften, S. 39-61.

[8] ebd., S. 42

[9] Höflich, Joachim R. (2003): „Vermittlungskulturen im Wandel: Brief – E-Mail – SMS“. In: Joachim R. Höflich/Julian Gebhardt (Hrsg.): Vermittlungskulturen im Wandel: Brief – E-Mail – SMS. Frankfurt/M.: Peter Lang – Europäischer Verlag der Wissenschaften, S. 42.

[10] Quelle: http://www.izmf.de/html/de/38611.html, Stand: 23.03.2005

[11] Quelle: http://www.destatis.de/basis/d/evs/budtab2.htm, Stand: 10.01.2006

[12] ebd.

[13] Quelle: http://www.destatis.de/basis/d/evs/budtab2.htm, Stand: 10.01.2006

[14] Unterteilung nach Dittami, John/Karl Grammer (1993): „Kommunikationskanäle beim Menschen und ihre Manipulation“. In: Signale und Kommunikation. Spectrum der Wissenschaft, S.192-193.

[15] http://derstandard.at/?url=/?id=1338136%26sap=2, Stand: 10.01.2006

[16] Höflich, Joachim R. (2003): „Vermittlungskulturen im Wandel: Brief – E-Mail – SMS“. In: Joachim R. Höflich/Julian Gebhardt (Hrsg.): Vermittlungskulturen im Wandel: Brief – E-Mail – SMS. Frankfurt/M.: Peter Lang – Europäischer Verlag der Wissenschaften, S. 46.

Details

Seiten
55
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638051477
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90123
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Tradition Neue Medien Neue Medien Neue Kommunikationsformen

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