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Nationalitätenpolitik der Sowjetunion

1914 bis 1939 - Einwurzelung und Repression

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Lenins vorrevolutionäre Nationalitätenpolitik

3. Nationalitätenpolitik zwischen Revolution und Bürgerkrieg
3.1 Die Revolution
3.2 Nach der Revolution
3.3 Konflikt zwischen Lenin und Stalin

4. Die Nationalitätenpolitik der 1920er Jahre: „Einwurzelung“
4.1 Die Ukraine
4.2 Nationales Proletariat
4.3 Nationale Parteistrukturen
4.4 Nationale Sprachen
4.4.1 Nationales Bildungswesen
4.5 Rayons

5. Die Nationalitätenpolitik nach 1930: Repression

6. Schlussbetrachtung

7. Bibliographie
7.1 Quellen
7.2 Literatur

1. Einleitung

Unter der Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion versteht man grundsätzlich das Verhältnis zwischen den Russen und den nichtrussischen Völkern an der Peripherie des Vielvölkerstaates. Nachfolgend wird ein Zeitrahmen behandelt werden, der sich etwa vom Ausbruch des 1. Weltkrieges bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges erstreckt. Allerdings würde eine umfassende Behandlung der sowjetischen Nationalitätenpolitik für den gesamten erwähnten Zeitraum jeden Rahmen sprengen, weshalb der Fokus im Wesentlichen auf den 1920er Jahren liegen wird. Dabei versucht diese Arbeit einerseits die Konzeption, die Entwicklung und die Umsetzung der bolschewistischen Nationalitätenpolitik in dem Jahrzehnt nach der russischen Revolution allgemein zu erfassen und ihre wesentlichen Prinzipien und Strukturen herauszuarbeiten. Des Weiteren wird auch versucht, die so gewonnenen Schlussfolgerungen anhand konkreter Beispiele zu untermauern und zu erläutern.

Auf den Weltkrieg folgte der gewaltsame Übergang vom Zarismus zum Sozialismus, der sich in einem zermürbenden Bürgerkrieg entlud. Welche Köpfe bestimmten über die blutige Geburt jener Grossmacht die das 20. Jahrhundert mitprägen sollte? Welche Ideen und Ziele trieben diese Menschen an? Und vor allem: Hatten sie Erfolg? Würde ihnen die Geschichte Recht geben?

Nachfolgend wird versucht die Nationalitätenpolitik der 20er Jahre und ihre Auswirkungen nachzuzeichnen. Von welchen Leitsätzen, Prinzipien und Strukturen sie bestimmt wurde, welche Absichten sie verfolgte. Die folgende Arbeit wird sich punktuell zuspitzen – die Darstellung der Nationalitätenpolitik wird zusehends thematisch, räumlich und zeitlich eingegrenzt werden und anhand ganz konkreter Fallbeispiele erläutert werden.

Welche Schwerpunkte setzten die damaligen Eliten? Vermochten sie ihre Ziele zu erreichen? Waren die Politik und ihre Errungenschaften Fluch oder Segen für die Menschen? Was war von Dauer? Und wie lässt sich aus heutiger Sicht diese Zeit in den gesamthistorischen Kontext eingliedern und beurteilen?

Es folgt der Versuch, die umfassenden Dokumentationen und Schriften zu dieser Thematik so zu lesen, damit deren Interpretation der historischen Wahrheit gerecht werden kann und den Blick auf ein Jahrzehnt erschliesst, in dem doch Schritte in die richtige, aber auch viele in die falsche Richtung getan wurden.

2. Lenins vorrevolutionäre Nationalitätenpolitik

Lenin sah das Problem der Unabhängigkeitsbestrebungen von einzelnen Völkern und Nationen innerhalb der Sowjetunion als relativ unwichtig an. Er widmete sich den Vorbereitungen für die Revolution und war als grosser Theoretiker mit abstrakteren Problemen beschäftigt als mit der Loslösung von Einzelstaaten aus dem Gesamtreich. Die grosse Frage war für Lenin die internationale proletarische Revolution, also die Vorbereitung zu einer im Sozialismus vereinten Weltgemeinschaft. Lenin sah die Frage der Autonomiebestrebungen deshalb der kommunistischen Internationale untergeordnet, weil er in seinem Kopf ein theoretisches Konstrukt erarbeitet hatte, das für ihn die Unabhängigkeit einzelner Staaten undenkbar machte. Das Streben nach einer klassenlosen Gesellschaft wird in der sozialistischen Zukunft eine Welt ohne Nationalismus und deshalb ohne Nationen überhaupt nach sich ziehen. Für Lenin war die Nation ein bürgerliches Konstrukt, ein Ausdruck der inneren und äusseren Klassenkämpfe. Auch Stalin war dieser Ansicht, wenn er schrieb: „(…) dass der nationale Kampf unter den Bedingungen des aufsteigenden Kapitalismus ein Kampf der bürgerlichen Klassen untereinander ist.“[1] Diese völkerspaltende Idee der Nation würde schliesslich auch zum Zusammenbruch des Kapitalismus führen. Ein Problem das sich dem Sozialismus nicht stellen wird, da die sozialistische Gesellschaft ohne Klassen und folglich ohne Nationen und deren Sprengpotenzial auskommen wird. Dennoch schränkte Lenin das proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker ein: „Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen bedeutet ausschliesslich das Recht (…) auf die Freiheit der politischen Abtrennung von der unterdrückenden Nation.“[2] Die „unterdrückende Nation“ war die zaristische Monarchie - der sozialistische Staat hingegen sollte dies nicht sein, was auch gleich wieder das Selbstbestimmungsrecht relativiert. Nach Lenins Vorstellung werden alle Völker und Nationen - sobald sie sich zum Sozialismus bekehrt haben - sich freiwillig in eine sozialistische internationale Weltgemeinschaft eingliedern wollen.[3] Der Reiz eines weltumspannenden sozialistischen Systems schien für Lenin wohl so gross, dass die Idee, jemand könnte nicht zu dieser Gemeinschaft gehören wollen für ihn einfach undenkbar zu sein schien. Auch Stalin war von der Anziehungskraft des sozialistischen Staates überzeugt und ging noch 1917 davon aus, dass sich „(…)neun Zehntel der Völkerschaften nach dem Sturz des Zarismus nicht werden lostrennen wollen.“[4] Die Bedeutung der Frage der kommunistischen Internationalen überwiegt folglich die Bedeutung der nationalen Frage wesentlich und sollte die sozialistische Weltrevolution erfolgreich sein, werden sich die Probleme der nationalen Bestrebungen von selbst lösen. „Für das Proletariat sind sie [die nationalen Forderungen] den Interessen des Klassenkampfes untergeordnet.“[5] schrieb Lenin 1913. Folglich schien die Problematik allfälliger Separationsbestrebungen für ihn bloss Formsache zu sein: „Die Grenzen der Autonomie werden doch vom Zentralparlament bestimmt!“ An selber Stelle macht er auch unmissverständlich klar, welche Organisationsform ihm für seinen sozialistischen Staat vorschwebte: „Wir sind gegen die Föderation.“[6]

3. Nationalitätenpolitik zwischen Revolution und Bürgerkrieg

3.1 Die Revolution

Den Zusammenbruch des zaristischen Reiches 1917 nutzten viele der verschiedenen Völker und Nationen innerhalb des russischen Vielvölkerstaats um sich von Moskau unabhängig zu machen. Eine Welle von Loslösungen liess das Reich kollabieren und was übrig blieb war für eine kurze Zeit kaum grösser als das Moskauer Grossfürstentum in der Mitte des 16. Jahrhunderts.[7]

Um ein endgültiges Auseinanderfallen des Reiches zu verhindern und zugleich siegreich aus dem Bürgerkrieg hervor zu gehen, erklärten sich die Bolschewiken zu Konzessionen an die einzelnen Völker bereit. Anders als die Weissen - die reaktionäre Gegenpartei - die ein unter russischer Führung geeintes Russland wiederherstellen wollten, zeigten sich die Roten zu Zugeständnissen bereit, obwohl auch sie eigentlich ein geeintes Russland im Kopf hatten. Es war Lenin selbst, der die Haltung der Partei am besten formulierte: „Im allgemeinen(!) sind wir gegen die Lostrennung. Aber wir sind für das Recht auf Lostrennung, (…)“[8]. Doch diese ambivalente Haltung zeigte Erfolg: Die Nationen und Völker schlugen sich in ihrem Streben nach Unabhängigkeit zumeist auf die Seite der Bolschewiken, die nicht zuletzt dadurch schlussendlich den Sieg im russischen Bürgerkrieg erringen konnten. Nach dem Bürgerkrieg stellte die rote Armee grosse Teile des Reiches wieder unter die Befehlsgewalt Moskaus. Vielfach ohne grossen Widerstand, da sich dieser in den noch jungen Nationen nicht richtig herauszubilden vermochte. Die Gebiete wurden einfach überrannt oder mit Hilfe von national tätigen Kommunisten - so genannten Nationalkommunisten - wurde eine Revolution angezettelt, die von den lokalen Machthabern niedergeschlagen wurde, was dann wiederum als Vorwand für den Einsatz der Armeen des grossen Bruders diente. Auf diese Weise eroberte die rote Armee zwischen 1919 und 1921 mit Ausnahme von Polen und Finnland sämtliche verlorenen Gebiete zurück.

3.2 Nach der Revolution

Um einen erneuten Zerfall des Reiches zu verhindern musste man also auf die Unabhängigkeitsbestrebungen der nichtrussischen Völker eingehen. Lenin sah sich nun gezwungen, sein Konzept zu überdenken, und er war auch bereit seine Haltung zu ändern. Die bolschewistische Nationalitätenpolitik begann sich also in wesentlichen programmatischen Punkten von der von Lenin und auch Stalin vor der Revolution und vor dem Bürgerkrieg gemachten Aussagen zu unterscheiden. Die realpolitischen Umstände und Kräfteverhältnisse zwangen die ideologische Führung der Bolschewiken zu einer Revision der vorrevolutionär-theoretischen Doktrin zur Handhabung der „nationalen Frage“. Denn man erkannte, dass die nationalen Interessen der einzelnen Völker weitaus mehr Gewicht hatten als dies noch vor der Revolution den Anschein hatte – man hatte sie schlicht unterschätzt.

Lenin stufte folglich seine Theorie der sozialistischen Weltrevolution ab und gliederte sie in zwei zeitlich aufeinander folgende Abschnitte. Am Schluss der Entwicklung stand wie gehabt die „Verschmelzung“, also die freiwillige Vereinigung aller Völker der Erde in ein sozialistisches System. Lenin sah jedoch ein, dass die aktuelle politische Situation diese sozialistische Weltgemeinschaft im Moment verunmöglichte. Er erklärte sich bereit, den Völkern einen gewissen Freiraum zu lassen. Er befürwortete nun einen Staatenbund in dem russische und nichtrussische Völker gleichberechtigt wären und in dem jede Nation sich selbst verwalten und entfalten dürfte. Er wandelte sich vom Verfechter eines einheitlichen Staates zum Befürworter eines föderalistischen Systems – allerdings mit Einschränkungen: Die Hoheit der roten Armee und der Kommunistischen Partei (KP) durfte jedoch nicht angetastet werden. Und das während der Revolution proklamierte Recht auf Unabhängigkeit erhielt nur wer nicht davon Gebrauch machte.[9] Wer diese Maximen respektierte erhielt viel Freiraum bezüglich Sprache, Kultur, Verwaltung und sogar der Wirtschaft. Allesamt Freiheiten die natürlich später massiv eingeschränkt wurden. Aber es war zu Beginn der 20er Jahre ein Zeichen Lenins, dass den Nationalismen neu Respekt und Wertschätzung, statt wie bisher unter den Zaren nur Ablehnung und repressive Gewalt entgegengebracht wurde. Lenin änderte seine politische Haltung nach der Revolution - allerdings aus rein pragmatischen Gründen und nicht etwa weil er erkannt hatte, dass seine Theorien nicht funktionieren würden. Neu war er zu Kompromissen bereit - dieser Weg schien für ihn der einzige zu sein, der zur sozialistischen Weltgemeinschaft führen konnte. Diese eine Utopie bestimmte sein Denken und Handeln auch jetzt noch und alle seine Handlungen sind immer unter diesem Gesichtspunkt zu sehen.

[...]


[1] Stalin, Marxismus und nationale Frage. Wien, Januar 1913. In: Aufsätze und Reden, 41.

[2] Lenin, Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Thesen. März 1916. In: Lenin, Werke, Band 19, 43.

[3] Vgl. Conquest, Stalin, 83-86.

[4] Stalin, Referat zur nationalen Frage. Gehalten auf der VII. allrussischen Konferenz der SDAPR(B) am 29. April 1917. In: Aufsätze und Reden, 97.

[5] Lenin, Kritische Notizen zur nationalen Frage. 1913. In: Lenin, Werke, Band 17, 188.

[6] Lenin, Brief an S. G. Schaumjan vom 06.12.1913. In: Lenin, Werke, Band 17, 105.

[7] Vgl. Tucker, Stalin, 189.

[8] Lenin, Brief an S. G. Schaumjan vom 06.12.1913. In: Lenin, Werke, Band 17, 106.

[9] Vgl. Simon, Nationalismus und Nationalitätenpolitik, 38.

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638044431
ISBN (Buch)
9783638940719
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90160
Institution / Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Note
5.5 (CH-Notenskala)
Schlagworte
Nationalitätenpolitik Sowjetunion Stalinismus

Autor

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Titel: Nationalitätenpolitik der Sowjetunion