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Das Drama als Parabel

Die Interpretation des Dramas Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing durch die Ringparabel und die Interpretation der Ringparabel durch das Drama

Hausarbeit 1998 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1 Die Parabel im Drama: über die Gattungsverflechtung

2 Die Entwicklung des Dramas bis zur Ringparabel: Figuren und Leitthemen
2.1 Exposition
2.2 Vom zweiten Aufzug bis zur Ringparabel

3 Die Ringparabel
3.1 Die Ringparabel im Verhältnis zur bisherigen Handlung
3.2 Die Ringparabel als lineares Verknüpfungsglied im Drama
3.3 Erfüllung des Richterspruchs

4 Die Welt ohne Nathan

Bibliographie

1. Die Parabel im Drama: über die Gattungsverflechtung

Wer Lessings Nathan der Weise1 aufschlägt, findet als Untertitel den Eintrag "Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen". Die Bezeichnung "dramatisches Gedicht" mutet seltsam an. Handelt es sich denn nun um ein Drama, oder um ein Gedicht? Gegen Mitte des Dramas wird der Leser bzw. Zuschauer nochmals mit solch einer Aufhebung der Gattungsgrenzen konfrontiert: Nathan der Weise erzählt ein Märchen, oder, genauer gesagt, eine Parabel. Diese Abweichungen von der Poetik des Aristoteles, die im Drama des 18. Jahrhundert in vielerlei Hinsicht noch befolgt wurde, befremdeten die damaligen Rezipienten des Stückes sicher noch mehr als die heutigen. Allerdings hat Lessing, der eine eigene Dramentheorie entwarf, in der er die traditionellen Formen erweiterte, diese Technik ganz bewußt eingesetzt, denn sie steht in einem engen Zusammenhang zum Inhalt des Stückes. Wenn eines der Leitthemen des Nathan der Streit zwischen Vertretern verschiedener Religionen um den rechten Glauben ist, und hier verschiedene Menschengruppen miteinander in Kommunikation treten, warum sollte dann die Gattung Drama nur für sich allein und ganz abgeschottet von anderen literarischen Gattungen den Rahmen bilden? Doch noch in anderer Hinsicht eignet sich die Einfügung der Parabel ganz besonders zur Untermauerung des Drameninhalts: Wenn Nathan eine Art Weisheitslehrer ist und den anderen Figuren Erkenntnisse über religiöse Problemstellungen vermitteln soll, dann drängt sich sofort der Vergleich mit Jesus Christus auf, der ebenfalls seine Lehren durch Parabeln (oft wohl fälschlicherweise als Gleichnisse bezeichnet) veranschaulichte. Allerdings hat die Ringparabel in Nathan der Weise nicht lediglich die Funktion, durch einen bildhaften Vergleich das zu Erkennende noch einmal anders zu verdeutlichen, vielmehr ist sie geschickt mit dem gesamten Handlungsverlauf verflochten und spiegelt nicht nur diesen, sondern auch sich selbst in ihm. Wie Lessing das im einzelnen konstruiert hat, wollen wir in dieser Arbeit untersuchen, wobei wir zunächst einmal auf Figuren und mehrere leitende Themen des Stückes eingehen, die bis zum Einsetzen der Ringparabel entfaltet werden, um dann in einem zweiten Schritt zu durchleuchten, wie die Parabel diese Themen aufnimmt und im Rest des Stückes weiterführt.

2. Die Entwicklung des Dramas bis zur Ringparabel: Figuren und Leitthemen

2.1 Exposition

Im ersten Aufzug werden dem Leser bzw. Zuschauer die meisten Figuren des Stückes vorgestellt, ebenso wie deren teilweise konfliktgeladenes Beziehungsgefüge. Dabei beschränkt sich Lessing als "Meister der Exposition"2 allerdings nicht auf eine bloße Einführung in Situation und Charaktere, sondern es werden sofort zentrale Elemente der vielschichtigen Thematik des Dramas dargestellt und erläutert. Hier wollen wir auf drei (im Grunde genommen zusammengehörende) Themenkomplexe eingehen, die das Stück durchziehen: Religiöse Konflikte zwischen den drei monotheistischen Religionen, extreme bzw. selbstgefällige Formen von Religiosität und Erziehung zur Menschlichkeit.

Religiöse Konflikte und Vorurteile

Bereits der äußerliche Rahmen der Handlung steht sowohl örtlich wie auch zeitlich für religiöse Konflikte. Schauplatz ist Jerusalem, wichtiges Zeremonialzentrum der drei monotheistischen Religionen und von jeder derselben als ihr ureigenstes Heiligtum beansprucht, Zeitpunkt ist die Epoche der Kreuzzüge, bei denen Juden, Christen und Moslems sich im Namen der Religion blutige Auseinandersetzungen lieferten. Die verschiedenen Religionen finden wir in den Figuren verkörpert: Nathan ist Jude und auch seine Tochter Recha wird zunächst als Jüdin vorgestellt, Daja, der Tempelherr und der Klosterbruder sind Christen, Al Hafi ist Moslem. Auch die religiösen Vorurteile der einzelnen Figuren rücken schnell ins Blickfeld. Der Tempelherr will die Einladung des Juden Nathan nicht annehmen, "[...] Auch laßt / Den Vater mir vom Halse. Jud´ ist Jude" (1,VI), läßt er Daja wissen. Der (vorerst nicht persönlich auftretende) Patriarch möchte zu Zeiten des Waffenstillstands den Sultan Saladin durch einen Hinterhalt militärisch bezwingen und rechtfertigt den Vertragsbruch damit, im Gegensatz zu seinem Gegner der "richtigen" Religion anzugehören: "Nur, - meint der Patriarch, - sei Bubenstück / Vor Menschen, nicht auch Bubenstück vor Gott" (1,V). Eine Ausnahme bildet hier von Anfang an Nathan, der als Jude eine christliche Haushälterin beschäftigt und diese auch sehr gut behandelt (die reichen Mitbringsel) und der darüberhinaus in Al Hafi einen muslimischen Freund hat. Über Nathans Lippen kommen keinerlei Pauschalurteile über Angehörige einer bestimmten Religion.

Wunderglaube und Fanatismus

Lessing stellt den Lesern bzw. Zuschauern auch von Anfang an extreme bzw. selbstgefällige Formen des religiösen Glaubens vor, die zumeist im Laufe des Stückes als Irrwege aufgedeckt werden. Hier wird auch deutlich, daß den Nebenfiguren durchaus eine wichtige Funktion zukommt, die weit über eine Rolle als Statisten oder treibende Motivation für die logische Verknüpfung der Handlung hinausgeht: Sie fungieren als personifizierte Einwände oder Gegenbeispiele im Argumentationsschema Lessings. In der Tat läßt sich das Drama als philosophischer Essay lesen. Lessing selbst hat es als "Lesedrama" bezeichnet und konnte sich dessen bühnengerechte Aufarbeitung selbst nicht so recht vorstellen3. Bei späteren Inszenierungen kam es dann auch immer wieder zu Abweichungen von der Vorlage Lessings4. Ist nicht schon das einleitende Zitat "Introite, nam et heic dii sunt" ein Hinweis darauf, daß Lessing, dem ja seit 1778 verboten war, weiterhin religionsphilosophische Streitschriften zu veröffentlichen, hier die theoretische Auseinandersetzung mit dem Pastor Goeze lediglich mit anderen Mitteln weiterführt? So wundert es auch nicht, wenn das Geschehen des Dramas sich weniger am Tun der Figuren festmachen läßt, sondern vielmehr im Dialog entwickelt wird, wobei Nathan als Hauptstrang der Ideenführung auf sehr subtile Weise Einwände und Gegenargumente in der Verkörperung der übrigen Figuren erläutert und entkräftet. So entblößt Nathan Rechas schwärmerischen Glauben, ein Engel habe sie aus dem Feuer gerettet, als "Gotteslästerung" (1,II) und schafft es psychologisch geschickt, daß "[...] der süße Wahn der süßeren Wahrheit Platz [...]" (1,I) macht. Wobei bereits zwei wesentliche Begriffe anklingen: Wahn und Wahrheit. Wahn kann hier für im Grunde genommen unschuldigen Wunderglauben stehen (wie im Falle von Recha), der allerdings direkt auf den Weg eines religiösen Überlegenheitsanspruches führen kann (Gott hilft dem von ihm ausgewählten Volk durch Wunder), aber auch schon auf den religiösen Fanatismus verweisen, der am Beispiel des Patriarchen entwickelt wird. Dieser glaubt sich im Recht, auf Erden die Menschen anderer Religionsgemeinschaften zu betrügen und behauptet auch zu wissen, daß Gott für solcher Art Dienst an der Christenheit das Paradies im Himmel bereit hält: "Dies Briefchen wohl bestellt zu haben, - sagt / Der Patriarch, - werd einst im Himmel Gott / Mit einer ganz besondern Krone lohnen" (1,V), läßt er dem Tempelherren durch den Klosterbruder ausrichten.

Erziehung vom Wahn zur Wahrheit

Dem Wunderglauben Rechas stellt Nathan "die Wahrheit" gegenüber. Aber nicht um eine absolute Wahrheit geht es, sondern vielmehr um den Mut, sich der Realität zu stellen. Für ihn liegen die Wunder Gottes nicht in übernatürlichen Ereignissen, sondern vielmehr im alltäglichen Leben:

Wie? weil

Es ganz natürlich klänge,

Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr

Gerettet hätte: sollt´ es darum weniger

Ein Wunder sein? - Der Wunder höchstes ist,

Daß uns die wahren, echten Wunder so

Alltäglich werden können, werden sollen. (1,II)

In dieser Szene mit Recha tritt Nathan auch erstmals in seiner Rolle als Erzieher auf, einer Rolle, die er das ganze Stück hindurch beibehält und von der die Interaktion Nathans mit den anderen Figuren bestimmt wird. Dabei verhält er sich nicht als Lehrmeister, der den Schülern sein überlegenes Wissen doziert, das diese nun, ohne es selbst nachvollzogen oder erfahren zu haben, annehmen müssen. Vielmehr wendet er eine geschickte Rhetorik und didaktische Gedankenspiele an, um diese selbst zur Einsicht zu führen. Was ist nun aber sein Erziehungsziel? Auch darüber gibt er Recha gegenüber Auskunft:

[...] Begreifst du aber,

Wieviel andächtig schwärmen leichter, als

Gut handeln ist? wie gern der schlaffste Mensch

Andächtig schwärmt, um nur, - ist er zu Zeiten

Sich schon der Absicht deutlich nicht bewußt -

Um nur gut handeln nicht zu dürfen? (1,II)

[...]


1 Grundlage für die Zitate dieser Arbeit war die Reclam-Ausgabe von Nathan der Weise, vgl. Bibliographie.

2 Eibl (1981), S. 4.

3 vgl. Schröder (1984), S. 272, Fußnote 8.

4 vgl. z.B. die Ausführungen von Kröger (1980), S. 85, zu der Schiller-Inszenierung von Lessings Nathan.

Details

Seiten
21
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638158343
ISBN (Buch)
9783638796545
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9018
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für Neuere Deutsche und Europäische Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Drama Parabel Lessing Nathan

Autor

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