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Literarische Zivilisationskritik - Zur Interpretation der Erzählung 'Nachtbesuch im Busch' von B. Traven

Bachelorarbeit 2000 39 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALT

1. Ist B. Traven der Literaturwissenschaft unwürdig?

2. Notwendige Vorbemerkungen
2.1. Die verschiedenen Textversionen
2.2. Begriffserläuterungen

3. Der Ich-Erzähler Gales. Überlegungen zu Erzähltechnik, Sprache und Bauform

4. Wirklichkeit und Fiktion: Geographische Angaben in der Erzählung

5. Der Busch und die Zeit

6. Antagonismen
6.1 Individuum versus Kollektiv
6.2 Die Bedeutung der irdischen Reichtümer
6.2 Die Bedeutung der irdischen Reichtümer
6.3 Lektüre versus orale Tradition

7. Gales' wechselnde Identität: die vier Träume

8. Doktor Wilshead: Von "hogs" und "dogs"

9. Die Botschaft des Panukesen: Lebendige Kultur und tote Zivilisation

10. Nachtbesuch im Busch in Travens Gesamtwerk

11. Zivilisationskritische Thesen als Literatur?

Bibliographie

Wenn ich im folgenden die männlichen Pluralformen Leser, Autoren, Kritiker, Indianer u.a. verwende, dann sind immer auch die weiblichen Personen gemeint. Ebenso verhält es sich mit den Singularformen von Autor, Leser, Indianer und Literaturforscher, dort wo sie verallgemeinernd gebraucht werden und nicht auf eine bestimmte männliche Person bezogen sind.

1. Ist B. Traven der Literaturwissenschaft unwürdig?

Nicht jedem Autor gelingt es, in so viele Sprachen übersetzt zu werden und so viele Buchexemplare zu verkaufen, wie der mysteriöse B. Traven: "Seine Romane sind heute in etwa drei Dutzend Sprachen in einer Gesamtauflage von vielen Millionen verbreitet, 32 Millionen, behauptet die Illustrierte Stern am 15. April 1982 (S. 106 )"1. Zwar konnte immer noch keine der unzähligen Hypothesen über Travens Identität endgültig bewiesen werden, angesichts der hohen Auflagenzahlen seiner Werke ist es aber doch verwunderlich, dass weder die mexikanische noch die deutsche Nationalliteratur den Autoren so recht für sich beanspruchen möchte. Immerhin hat er fast alle seine Erzählungen und Romane auf Deutsch geschrieben und auch zuerst in Deutschland veröffentlicht, während die Themen des 1951 in Mexiko eingebürgerten Traven seit den 20-er Jahren an seiner neuen Wahlheimat orientiert waren. Dietrich Rall hat gezeigt, dass Traven in den letzten 30 Jahren in der mexikanischen Literaturgeschichts­schreibung und in Literaturanthologien größtenteils ausgelassen wurde2. Übertragen auf den deutschen Kontext verhält es sich ähnlich: Bei der Durchsicht einschlägiger Nachschlagewerke und Anthologien (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) fiel mir auf, dass er besonders in der didaktisch konzipierten Literatur keinen Einlass gefunden hat, so ist er z.B. in Geschichte der deutschen Literatur3 , Grundwissen Deutsche Literatur4 ; aber auch in Nachschlagewerken wie Wilperts Sachwörterbuch der Literatur5 , Metzlers Literaturlexikon6 oder Motive der Weltliteratur7 unter keinem der einschlägigen Stichwörter als Beispiel aufgeführt.8 Ebensowenig ist er den Daten deutscher Dichtung9 bekannt, noch dem dtv-Atlas zur deutschen Literatur10. Staunen muss man, dass der Pseudonym-Virtuose Traven selbst in einem Pseudonymlexikon deutschsprachiger Autoren11 mit keinem Wort erwähnt wird. Da wundert es schon gar nicht mehr, wenn wir auch in Anthologien und Arbeiten zur Exilliteratur nicht fündig werden.12

Nur die Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte scheint ihn zu kennen, dort hat er im Kapitel "Exotismus und Okkultismus"13 Eingang gefunden. Ebenso wurde er in eher international orientierte Nachschlagewerke aufgenommen, so z.B. in Fischers Lexikon der Literatur14, wo ihm immerhin ein Satz im Kapitel "Unterhaltungsliteratur" gewidmet ist, oder in Der Literatur Brockhaus15, der ihn als Autor sozialkritischer Romane und Erzählungen nennt.16 Anscheinend weiß man, falls man sich doch an ihn erinnert, auch nicht so recht wohin mit ihm.

Liegt das vielleicht daran, dass er in Deutschland als mexikanischer Schriftsteller betrachtet wird? Ein kurzer Blick in Reichardts Autorenlexikon Lateinamerika17 zeigt, dass B. Traven auch hier völlig inexistent ist! Muss er vielleicht in der US-amerikanischen Nationalliteratur gesucht werden? In der einschlägigen Forschung neigt man heute zu der Annahme, dass Travens Erstsprache das Deutsche war18, und seine Behauptung, Staatsbürger der USA zu sein, scheint eher auf seine Identifikationsängste und das ewige Versteckspielen zurückzugehen als auf die Realität.

Hängt diese Auslassung womöglich damit zusammen, dass seine Werke nicht der "hohen Literatur" zugerechnet werden? Sicher, eine Millionenauflage beweist noch lange keine Qualität. Auch die Romane von Hedwig Courths-Mahler oder Konsalik wurden in Riesenauflagen verkauft, die massenhafte Verbreitung ist, laut Gero Wilpert19, nun gerade das, was die ästhetisch wertlose Trivialliteratur ausmacht. Doch passen Travens Werke in dieses Schema überhaupt nicht hinein. Weder eine klischeehafte Handlung, noch das märchenhafte Happy-End sind ihnen eigen, und schon gleich gar nicht die Förderung der Konservierung etablierter Herrschaftsstrukturen und -normen. Aber auch in die literarisch nicht sehr hoch gewertete Gattung des (niederen) Abenteuerromans –etwa im Stil von Karl May– lassen sich seine Schriften nicht einordnen, da "die Texte mit den Romantizismen und Verlogenheiten der gängigen Abenteuerliteratur brechen"20. Sicher würde es auch nicht so recht ins Bild einer niederen Literatur passen, dass Persönlichkeiten wie Luis Echeverría, Bruno Kreisky und Albert Einstein Traven als ihren Lieblingsschriftsteller angaben, wie Karl S. Guthke zu berichten weiß21, und noch weniger, dass einige Verleger und Lektoren ihn gerne als Kandidaten für internationale Literaturpreise gesehen hätten22, wogegen er sich aber strikt weigerte.

Dennoch kann angenommen werden, dass eine gewisse literarische Abwertung am "Vergessen" des Autors in der Literaturgeschichtsschreibung nicht ganz unbeteiligt ist. "Gewiss, literarisch oder künstlerisch im engeren, ästhetischen Sinne sind die Meriten dieser Romane nicht, oder nicht in erster Linie", stellt Guthke fest und nennt dabei unter anderem folgende Kritikpunkte an Travens literarischem Können: "Überdeutlichkeit in der Handhabung der erzählerischen Mittel, wenig Sinn für die ästhetisch sinnvolle Komposition des epischen Materials, lehrhafte Cicerone-Manier und aufdringliche Pedanterie, unbekümmert flüchtige Sprachgebung bis zur Schlampigkeit, allzu burschikos und antibürgerlich, Mangel an psychologischer Raffinesse".23

All dies bedeutet nun aber nicht, dass Traven in der Literaturwissenschaft überhaupt keine Aufmerksamkeit gefunden hätte. In der 1989 von Angelika Machinek veröffentlichten B. Traven Bibliographie24 sind unter der fast ausschließlich deutsch- und englischsprachigen Sekundärliteratur immerhin 366 Veröffentlichungen (Bücher u. Artikel) aufgeführt, wobei allerdings sofort auffällt, dass sich die meisten Titel mit der Biographie des Autors beschäftigen – ganz gegen den Sinn Travens, der immer wieder behauptete, dass die Biographie eines schöpferischen Menschen ganz und gar unwichtig sei.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich dann auch nur am Rande biographische Daten des Autors ansprechen. Vielmehr geht es darum, in der Erzählung Nachtbesuch im Busch25 zu untersuchen, wie er die europäische bzw. US-amerikanische Zivilisation der indianisch-mexikanischen Kultur gegenüberstellt, wobei der Antagonismus beider herausgearbeitet wird. Dabei soll der oben genannte ästhetische Sündenkatalog nicht aus den Augen verloren werden, die Analyse wird also auch von der Frage geleitet, ob Erzähltechnik und sprachliche Eigenheiten der Erzählung diesen bestätigen. Ausgangspunkt der Interpretation bildet die hermeneutische Annäherung an den Primärtext, der zusätzliche Einbezug werktranszendenter Aspekte, wie anthropologischer Daten, Parellelstellen in anderen Werken Travens usw. wird aber für eine umfassende Beleuchtung unerlässlich sein.

2. Notwendige Vorbemerkungen

2.1 Die verschiedenen Textversionen

Es existiert eine Erstfassung von Nachtbesuch im Busch unter dem Namen Im Tropischen Busch26, veröffentlicht erstmals im Juni 1926 in Westermanns Monatsheften. Die bereits zwei Jahre später von der Büchergilde Gutenberg herausgegebene Neufassung unterscheidet sich im Wortlaut nur geringfügig von der ersten Version, wurde allerdings um zwei abschließende Kapitel erweitert, was der Erzählung eine zusätzliche Wendung gibt. Für diese Arbeit beziehe ich mich auf die neuere Fassung.

Weitaus problematischer verhält es sich, wenn man die deutsche Neufassung mit der spanischen Übersetzung (aus dem Englischen) vergleicht, die 1967 (also noch zu Lebzeiten Travens, er starb 1969) in Mexiko veröffentlicht wurde.27 Diese weist formale und inhaltliche Unterschiede auf, so ist z.B. der spanische Text ungefähr eineinhalbmal so lang wie die deutsche Fassung. Die Fabel ist zwar in beiden identisch, einige Aspekte werden aber wesentlich weitschweifiger behandelt (so z. B. die Philosophie des Doktors), und an manchen Stellen kommt es zu für eine Interpretation nicht unbedeutenden inhaltlichen Veränderungen einiger Details. Tatsächlich ist diese Art von Verwirrstiftung keine Seltenheit bei Traven. Nicht nur, dass er von einigen Romanen und Erzählungen mehrere Versionen angefertigt hat, auch die verschiedenen, wohl von ihm selbst kontrollierten und überarbeiteten Übersetzungen, bei denen er eifrig bemüht war, alle Spuren nach Deutschland zu verwischen, trugen das ihre dazu bei.28 Sicher wäre es mit einigem Rechercheaufwand verbunden, einmal Klarheit in die vielen Versionen und nicht deckungsgleichen Übersetzungen zu bringen, was weiterhin ein Desiderium in der Traven-Forschung bleibt. Gelegentlich werde ich im Rahmen dieser Arbeit auf aufschlussreiche Unterschiede in der Übersetzung hinweisen.

2.2 Begriffserläuterungen

Einiges Kopfzerbrechen bereitete mir der Begriff "Indianer", den Traven wohl etwas bedenkenlos in dieser Erzählung und anderen Texten gebraucht. Schwingt in diesem Wort nicht gerade die Vorstellung vom Kriegsbeil schwingenden und Schlangentänze aufführenden roten Mann im Federschmuck mit, jenes Bild, das er ausdrücklich bei seinen deutschen Lesern korrigieren und richtigstellen wollte?29 Doch der ebenso im Deutschen gebräuchliche Begriff "Indio", der übrigens in der spanischen Übersetzung der Erzählung verwendet wird30, macht die Sache keineswegs besser, er umfasst eine abwertende Konnotation. Neutraler scheinen da schon "Eingeborener" oder "Ureinwohner"31 zu klingen, doch auch hier ist Vorsicht geboten, denn "Eingeborene sind, wie Sartre und Fanon in eindrucksvoller Reflexion gezeigt haben, das notwendige Produkt des Kolonisationsprozesses: weder Mensch noch Tier, sondern ein Mittelding zwischen beiden"32. Mangels einer besseren Alternative, werde ich also Travens Begriff des "Indianers" für die Analyse übernehmen.

Schwierig gestaltet sich auch der Gebrauch der Begriffe "Zivilisation" und "Kultur", die in der Erzählung beide sowohl im Zusammenhang mit den Indianern als auch mit den Weißen fallen, wobei Traven natürlich keine Definition mitgeliefert hat. Um diese ohnehin schwer eingrenzbaren und vieldeutigen Termini überhaupt handhaben zu können und eine gleichmäßige Verwendung sicherzustellen, sehe ich mich gezwungen, sie in dieser Arbeit sehr vereinfacht zu setzen: "moderne" bzw. "westliche Zivilisation" (auch wenn diese von Mexiko aus gesehen ganz und gar nicht westlich ist) werde ich in der Regel im Zusammenhang mit den Weißen verwenden, im Sinne von wirtschaftlichem Gewinnstreben, technischem Rationalismus und der dazugehörigen Denkweise, gelegentlich auch –in noch größerer Vereinfachung– im Sinne von Herkunftsgesellschaften der Weißen (was nicht bedeutet, dass ich diesen "Kultur" absprechen möchte). "Kultur" werde ich meist im Zusammenhang mit den Indianern benutzen und beziehe mich dabei auf die "Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Ausdrucksformen eines Volkes"33. Darüberhinaus sehe ich mich genötigt, Travens pauschale und undifferenzierte Gegenüberstellung von Indianern und Weißen in Anlehnung an die in der Erzählung gebrauchte Begrifflichkeit zu übernehmen, ohne an seiner Stelle festlegen zu können, wen das im einzelnen ein- oder ausschließt.

3. Der Ich-Erzähler Gales. Überlegungen zu Erzähltechnik, Sprache und Bauform

Die Figur des Gales durchzieht das frühe Werk Travens als immer wiederkehrende Erscheinung. Mal trifft man ihn als staatenlosen Seemann (Das Totenschiff), mal als herumreisenden Gelegenheitsarbeiter (Die Baumwollpflücker), als Krokodiljäger (Die Brücke im Dschungel) oder als selbstgenügsamen Landwirt unter Indianern (Erzählungen), wobei der Autor seinen Lesern niemals Aufschluss darüber gibt, wie Gales von einer Lebenslage in die andere geraten ist. Durchgehend erscheint er als eine Art Vagabund, der entweder ganz mittellos ist, oder aber –wenn er sich vorübergehend der Landwirtschaft widmet– ein materiell dermaßen anspruchsloses Leben führt, dass er darin den benachbarten Indianern um nichts nachsteht. Tatsächlich kann aber eine vollständige Identität dieser Gales-Figuren in Zweifel gezogen werden. So tritt er z.B. in Die Brücke im Dschungel34 als rationalistischer Skeptiker auf, während er in Nachtbesuch im Busch –wie noch zu zeigen ist– eine andere Haltung an den Tag legt, was mich vermuten lässt, dass die Charakterisierung der Figur ihrer Funktion innerhalb des jeweiligen Werkes angepasst ist.35 Aus diesem Grund möchte ich mich in den folgenden Ausführungen auch ausschließlich auf den Gales der hier behandelten Erzählung beschränken.

Zwar ist er ein Abkömmling der modernen Zivilisation, es handelt sich aber um einen Außenseiter derselben, was jedoch nicht ausschließt, dass viele seiner Haltungen und Wertvorstellungen in dieser befangen bleiben. Die Indianer beschreibt er zu Beginn der Erzählung –an modernen Standards bzw. seiner eigenen Bewusstseinslage gemessen– als ignorant, viele sind sich weder über den Synkretismus ihres religiösen Glaubens im Klaren, noch haben sie die leiseste Ahnung vom Wert eines Diamanten (vgl. Nb, 154). Auch die Euphorie, die ihm beim Durchstöbern der Bibliothek befällt, weist ihn als Vertreter der modernen Welt aus, ebenso der Anflug von "Museumswut" und seine Versuche, eine rationale Erklärung für den seltsamen Nachtbesuch und die ungewöhnliche Erscheinung des Indianers zu finden (vgl. Nb 161). Trotz seiner Außenseiterrolle identifiziert er sich anfangs vollkommen mit der "weißen Zivilisation". Auf die prophetisch anmutenden Aussagen des Indianers bezüglich des Aufstiegs der nicht-weißen Völker antwortet er: "Dagegen werden wir uns zu wehren wissen" (Nb 157).

Der Handlungsablauf wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers Gales dargestellt, wobei –bis auf eine kurze Ausnahme36 – keinerlei Ich-Differenzierung bzw. zeitliche Retrospektive festgestellt werden kann. Wir haben es also durchgehend mit einem personalen Ich-Erzähler zu tun, der nicht als räumlich oder zeitlich außerhalb des Geschehens stehend festgemacht werden kann. Ein anschauliches Beispiel dafür ist, dass Gales noch grübelt, wo er denn die edle Handform und den dünnen Bart des nächtlichen Besuchers schon mal gesehen habe, während der Leser aufgrund der Beschreibung schon längst weiß, dass es sich um den Holzfäller im Busch handelt (vgl. Nb 166). Auch später wird diese Identität der Personen von Gales weder erkannt noch kommentiert, Traven lässt sie für sich selber sprechen.

Was die Darbietungsweisen angeht, so finden sich hauptsächlich berichtende Passagen, die allerdings mit beschreibenden durchzogen sind. Die Kommunikation zwischen Gales und dem Doktor, bzw. Gales und dem Indianer wird szenisch, d.h., in Dialogform dargestellt. Die mit der Ich-Erzählform in der Regel verbundene Einschränkung der Erzählperspektive –Innensicht des Ich-Erzählers, die übrigen Figuren können nur in Außensicht dargestellt werden– kommt hier zum Tragen. So bleibt der Leser sowohl bezüglich der mysteriösen Person des Doktors als auch in Hinsicht auf den Panukesen-Fürsten auf die subjektive Meinung Gales als einziger Informationsquelle angewiesen, der point of view ist also begrenzt.

Zu fragen bleibt, welchem Zweck diese Techniken dienen, bzw. welche Wirkung sie erzielen. Sicher handelt es sich bei dieser Ich-Erzählung nicht um die übliche Form von Memoiren oder um eine Autobiographie. Die Figur des Gales scheint noch nicht einmal im Mittelpunkt zu stehen, denn weder über seine Vorgeschichte noch über sein weiteres Schicksal nach der furchterregenden Schlussszene erfahren wir auch nur ein Wort. Und über seine Person kommentiert er nichts, was nicht in unmittelbarem Zusmmenhang mit den geschilderten Erlebnissen stünde.

Tatsächlich hat er eher eine Art Mittlerfunktion. Der Leser wird durch die "Brille" des der modernen westlichen Zivilisation angehörigen Gales an eine andere Realität herangeführt. Der von Traven visierte Leser war aber ursprünglich sowohl Deutscher und insofern aus demselben Zivilisationskreis wie Gales, als auch Kritiker bzw. Außenseiter des kapitalistischen Systems.37 In der Außensicht des Gales liegt also ein Identifikationsangebot. Bei dieser Außensicht bleibt Traven jedoch nicht stehen. Da die Zeitdifferenz von Erleben und Erzählen nur logisch erschlossen werden kann (natürlich muss ein Erzähler, der ein Geschehen in der Vergangenheit erzählt, dazu in einem zeitlich späteren Verhältnis stehen), sich aber nicht bemerkbar macht, da Gales zwar kommentiert, doch nicht in einer auktorialen, distanzierten Weise, wird der Blick des Lesers quasi durch Gales hindurch auf dessen Erfahrung gelenkt, die somit in den Vordergrund rückt.

[...]


1 Karl, S. Guthke: B. Traven, Bibliographie eines Rätsels. Zürich: Diogenes 1990 (vom Autor revidierte Taschenbuchausgabe), S. 28 [Guthke]

2 Vgl. Dietrich Rall: B. Traven, ¿Un autor mexicano? In: Dietrich Rall/Marlene Rall: Paralelas. Estudios literarios, lingüísticos e interculturales. México, D.F.: UNAM 1996 (Ediciones Especiales, 13), S. 193-203

3 Willy Grabert, Arno Mulot, Helmut Nürnberger: Geschichte der deutschen Literatur. München: Bayerischer Schulbuch Verlag 1984

4 Grundwissen Deutsche Literatur. Bearb. v. Karl Kunze u. Heinz Obländer. Stuttgart: Klett 1976

5 Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 7. erw. Aufl. Stuttgart: Kröner 1989

6 Metzlers Literatur Lexikon. Stichwörter zur Weltliteratur. Hg. v. Günther u. Irmgard Schweikle. 2. verb. Aufl., Stuttgart: Metzler 1990

7 Elisabeth Frenzel: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. 3. überarb. u. erw. Aufl., Stuttgart: Kröner 1988

8 Ich habe z.B. unter "Abenteuerliteratur", "Indianerroman", "Indianismus", "Indigenismus", "politscher Roman", "soziale Dichtung", "Exilliteratur" und "Indianerbüchern" gesucht.

9 Herbert A. u. Elisabeth Frenzel: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte. 2 Bde., 25. durchges. u. erw. Aufl. München: dtv 1990

10 Horst Dieter Schlosser: dtv-Atlas zur deutschen Literatur. München: dtv 71996

11 Jörg Weigand: Pseudonyme. Ein Lexikon. Decknamen der Autoren deutschsprachiger erzählender Literatur. 2. verb. u. erw. Aufl., Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 1994

12 Mit der rühmlichen Ausnahme von Marcus G. Patka: Zu nahe der Sonne. Deutsche Schriftsteller im Exil in Mexico. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 1999, S. 20-28

13 Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Hg. v. Horst Albert Glaser. Bd. 9, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1983, S. 162-164

14 Fischers Lexkon der Literatur. Hg. v. Ulfert Ricklefs. Frankfurt: Fischer 1996, Bd. 3

15 Der Literatur Brockhaus. Hg. v. Werner Habicht u.a. Mannheim: Bibl. Institut 1988, Bd. 3

16 Fündig geworden bin ich auch in Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. 15 Bde. Hg. v. Walther Killy. Gütersloh: Bertelsmann Lexikon Vlg. 1988ff., und Metzlers Autoren Lexikon. Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hg. v. Bernd Lutz. 2. erw. Aufl., Stuttgart: Metzler 1994

17 Autorenlexikon Lateinamerika. Hg. v. Dieter Reichardt. Frankfurt: Suhrkamp 1994

18 So zeigt z.B. Michael Baumann in: B. Traven. (Übers. v. Engl. ins Span.: Juan José Utrilla) México, D.F.: Fondo de Cultura Económica 1978, S. 154-169 [Baumann], dass Travens Deutsch seinem Englisch überlegen war.

19 Wilpert 1989, unter: Trivialliteratur

20 Kindlers Neues Literatur Lexikon. Hg. v. Walther Jens. München: Kindler 1988, Bd. 16, S. 754. Auch hier ist Traven also bekannt.

21 Guthke, S. 19

22 Vgl. ebd., S. 592

23 Ebd., S. 337

24 Angelika Machinek: B. Traven Bibliographie, in: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Text + Kritik, Heft 102 (April 1989), S. 85-99

25 Im folgenden zitiert aus Meistererzählungen. Zürich: Diogenes 1990 (Diogenes Taschenbuch 21887), S. 150-189, unter dem Sigel Nb fortlaufend im Text.

26 Beide Fassungen sind nachlesbar in B. Traven: Ungeladene Gäste. Erzählungen. Werkausgabe B. Traven, Bd. 14, Frankfurt: Büchergilde Gutenberg 1980 [Ungeladene Gäste]

27 El visitante nocturno. In: El visitante nocturno y otros cuentos. (Übers. v. Engl. ins Span.: Rosa Elena Luján) 2. Aufl., México, D.F.: Diana 1968, S. 7-93

28 So liegen mir z.B. zwei angeblich aus dem Englischen ins Spanische übersetzte Bände mit Erzählungen vor, in denen sich dieselben Erzählungen auch im Spanischen wesentlich voneinander entscheiden. Canasta de cuentos mexicanos. (Übers. v. Engl. ins Span.: Rosa Elena Luján) México, D.F.: Selector 1956 und Cuentos de B. Traven (Übers. v. Engl. ins Span.: René Cárdenas Barrios) México, D.F.: Diana 1963

29 Vgl. dazu seinen Brief an Ernest Preczang vom 22. März 1927, zit. nach Guthke, S. 787.

30 Ebenso wie in anderen deutschen Texten Travens. Ein Hinweis darauf, dass er sich des Zusammenhangs von Sprache und Kolonialismus/Rassismus durchaus nicht bewusst war?

31 Auf Spanisch "indígena", dieser Begriff wird in wissenschaftlichen Schriften gebraucht, und nicht etwa "indio".

32 Bruni Höfer/Heinz Dieterich/Klaus Meyer (Hg.): Das fünfhundertjährige Reich. Fulda 1990, S. 9f. (nicht eingesehen), zit. nach Christoph Ludszuweit: B. Traven. Über das Problem der "inneren Kolonisierung" im Werk von B. Traven. Berlin, Freie Univ., Diss., 1994, Berlin: Karin Kramer Verlag 1996, S. 164 [Ludszuweit]

33 Gerhard Wahrig: Deutsches Wörterbuch. Neu hg. v. Renate Wahrig-Burfeind. Gütersloh: Bertelsmann Lexikon Verlag 1996, unter "Kultur"

34 Die Brücke im Dschungel (Erzählfassung). In: Ungeladene Gäste, S. 143-260

35 Eine Untersuchung zu diesem Thema steht meines Wissens noch aus.

36 Nb, S. 171: "Noch jetzt wei ß ich ganz genau, dass mein Handeln, ohne einen bestimmten Gedanken über das Warum zu haben, sich so mechanisch abwickelte [...]" (Hervorheb. von mir).

37 So richtete sich die Büchergilde Gutenberg, wo Traven publizierte, vor allem an gewerkschaftlich organisierte Arbeiter und veröffentlichte vorwiegend "linke" Autoren, vgl. Guthke, S. 348-350

Details

Seiten
39
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638158350
ISBN (Buch)
9783638640817
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9019
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für Neuere Deutsche und Europäische Literatur
Note
2,0
Schlagworte
Zivilisationskritik Interpretation Erzählung Nachtbesuch Busch Traven Mexiko B. Traven

Autor

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Titel: Literarische Zivilisationskritik - Zur Interpretation der Erzählung 'Nachtbesuch im Busch' von B. Traven