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Die Anfänge des Christentums in Palästina

Seminararbeit 2000 19 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geographischer und historischer Hintergrund
2.1. Die geographischen Räume
2.2. Historische Voraussetzungen

3. Soziale Bewegung
3.1. Die Jesusbewegung

4. Die Urgemeinde
4.1. Quellen zur Rekonstruktion der Urgemeinde
4.2. Das Bild der Urgemeinde
4.3. Deutung des Bildes

5. Der historische Jesus
5.1. Jesus von Nazareth
5.2. Die Auferstehung und ihre Folgen

6. Zusammenfassung und Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die christliche Geschichte beginnt weder mit einem kosmologischen Mythos noch mit der Erschaffung des Menschen.“(Litell 1980, S. 1). Stimmt. Sie ist Folge eines zeitlichen Anfangs, wie der eines sprießenden Samens, zunächst klein und unscheinbar, aber keineswegs zufällig. Das Urchristentum war genauso wenig zufällig wie Ariel Sharon sich heute mit den Palästinensern bekriegt. Israel, das Volk Gottes. Wessen Gottes? Der Juden, des Islams oder der Gott der Christen? Die Christen waren zeitlich sowohl Vorläufer als auch Nachfolger der Religionen. Gleichermaßen bedienen sich die drei Religionen des Alten Testaments, um ihre Anfänge zu erklären. Die „Bewegung“ Christentum hat sich derartig entwickelt, dass ihr heute 1,9 Mrd. Menschen angehören. Grund genug, die Anfänge dieser Religion zu betrachten.

Die Anfänge des Christentums waren zeitgleich mit der römischen Kaiserzeit. Anfangs war die „jüdische Sekte“ Teil des „Imperii romani“, dann bestimmte sie dessen Geschicke und schließlich überlebte sie das römische Weltreich. Die „christliche Sache“ hat die Kultur in Europa geprägt und mitgestaltet, so dass heute alleine auf diesem Kontinent ca. ½ Milliarde Christen leben.

Diese Arbeit betrachtet die Entstehung der damaligen „sozialen Bewegung“ Christentum, ihre Gründe und Ziele. Um den Entwicklungsprozess verstehen zu können, ist es wichtig die geschichtlichen und geographischen Gegebenheiten zu verstehen. Wie waren zur Anfangszeit des Christentums die Herrschaftsverhältnisse, wer befahl über Recht und Pflicht, welche Traditionen mussten aufgekündigt werden, welchen gesellschaftlichen Schichten musste widerstanden werden? Diese Hintergründe, die zur Erklärung der christlichen Urgemeinde elementar sind werden erörtert. Zudem beginnt die Entstehungsgeschichte des Christentums mit der Geschichte der christlichen Urgemeinde. Diese zu betrachten bedeutet auch die soziokulturelle Situation in Palästina während ihrer Anfangszeit zu erläutern. So divergiert das Bild der Urgemeinde, wenn man einerseits der Version der Kirche folgt, und andererseits der der Historiker. Die wichtigsten Differenzen der beiden Gruppen werden erörtert. Darüber hinaus entstehen bei der Rekonstruktion der Urgemeinde Schwierigkeiten, die allerdings auch Erkenntnisse hinsichtlich der Entstehungsgeschichte liefern. Neben der historischen Person Jesus, die durch ihre „Auferstehung“ den Christen den Weg ebnete, werden die Anfänge des Christentums auch mit der Person Paulus in Verbindung gebracht. Auf seinen Missionsreisen verbreitete er die christliche Botschaft in die Länder und Gemeinden des römischen Reiches. Daher unterscheiden die Wissenschaftler zwischen einer „innerjüdischen“ (palästinensischen) und einer „außer-palästinensischen“ Christenbewegung. Letztere ist nicht Gegenstand dieser Arbeit. Sie ist zwar für die Entstehungsgeschichte des Christentums hauptverantwortlich, dennoch ist sie „nur“ Folge der „innerjüdischen“ Bewegung, d.h. sie ist die zeitlich spätere. Im Gegensatz dazu ist die Person Jesus nicht nur die Voraussetzung, sondern auch der Beginn des Christentums. Daher ist sie und ihre Geschichte Mittelpunkt dieser Arbeit.

2. Geographischer und historischer Hintergrund

2.1. Die geographischen Räume

Das Christentum entstand im Römischen Reich. Die Stadt Rom, das Epizentrum der Welt, hatte in der Kaiserzeit ca. 700.000 Bürger, die etwa 1/7 der Reichsbevölkerung darstellten. Im ganzen Römischen Reich lebten in dieser Zeit ungefähr 5 Millionen Vollbürger. Die gesamte Bevölkerung, inklusive der Sklaven, betrug niedrigen Schätzungen zur Folge 10 Millionen Menschen, höhere Schätzungen hingegen gehen von 60 Millionen Menschen aus1. Die Schätzung aller römischen Bürger „ ... ergab – es war die erste Volkszählung seit 42 Jahren – eine Gesamtzahl von 4.063.000 männlichen Bürgern im Erwachsenenalter.“(Bleicken 2000, S. 322). Das Römische Reich bestand neben dem Hauptzentrum Rom aus Provinzen. Die erste römische Provinz wurde „Africa“, die im Punischen Krieg (218 v.Chr.) durch den Sieg über Karthago von Rom annektiert wurde. Die „Kornkammer“ Roms war die Voraussetzung für den Aufstieg Roms. Die zweite römische Provinz war Syrien, die von Pompeius2 erobert wurde. Diese Eroberung war Zufall. Weil die Seeräuber den Handel eingeschränkt hatten, wollte Rom die Seewege sichern. Auf diese Art eroberte Rom „nebenbei“ die Provinz Syrien. Pompeius besiegte Mithradates3 von Pontus und Tigranes von Armenien und zog 64 v.Chr. in Damaskus ein4. „Judäa war damit ein kleines Tempelland unter fremder Oberhoheit geworden. So wurde es nun 63 von Pompeius der römischen Provinz Syrien zugeordnet,...“(Reicke 1982, S. 90). Gallien wurde die dritte Provinz Roms, nachdem Caesar sie in den Jahren 58 – 51 v.Chr. eroberte hatte. Als vierte Provinz gilt „Agyptus“, die von dem Stiefsohn Caesars Octavian annektiert wurde. Mit dem Sieg Octavians öffnete sich diese Provinz dem Hellenismus. Damit befreite sie sich von der Dynastie der Ptolemäer. Der Selbstmord der ägyptischen Königin Kleopatra nach der Niederlage in der Schlacht von Aktium (im Jahr 31 v.Chr.) besiegelte die Niederlage. Knapp gesagt, waren das die Provinzen, in denen sich das antike Christentum ausbreitete. Das Imperium der Römer erlebte von der Zeit Octavians5 bis zu Trajan6 seine größte Ausdehnung. Es umschloss alle Länder des Mittelmeers, erstreckte sich vom Atlantik, von Britannien, bis zum Euphrat und Tigris, von Rhein und Donau bis zum mittleren Nil, bis in die Wüstengebiete Arabiens und Afrikas hinein.7 Bis ins 4. Jahrhundert waren die Christen sporadischen Verfolgungen ausgesetzt. Diese Tatsache änderte sich, als Konstantin I. (röm. Kaiser 306–337) dem Christentum im Jahr 313 mit dem Toleranzedikt von Mailand Duldung gewährte und damit die Entwicklung des Christentums zur Staatsreligion begünstigte. Der Weg bis zur offiziellen Anerkennung als Staatsreligion dauerte somit ca. 300 Jahre.

2.2. Historische Voraussetzungen

Das Urchristentum entstand in der frühen römischen Kaiserzeit, die mit Kaiser Octavian8 begann. Das Neue Testament berichtet von drei Kaisern: Augustus (Kaiser von 27 v.Chr. – 14 n Chr.), Tiberius ( Kaiser von 14 – 37 n.Chr.) und Claudius (Kaiser von 41 – 54 n.Chr.). Berichtet wird neben den Kaisern auch von römischen Statthaltern und Herrschern in den Provinzen, so z.B. Pontius Pilatus bzw. Herodes9. In der Provinz Syrien, genauer in Palästina herrschte „... eine Zeit der Usurpatoren [Thronräuber - Anm.d.Verf.] und Machthäscher.“(Reicke 1982, S. 91). Seit dem Sieg von Pompeius über Mithradates im Jahr 63 v.Chr. bis 43 v.Chr. war Antipater Machthaber in Palästina. Im Jahre 55 v.Chr. wurde er Prokurator von Palästina. Nach ihm kamen Hyrkan II. Etnarch (47-40), dann die Generäle Phasael und Herodes (43-40 v. Chr.), darauf der König Antigonus (40-37) und schließlich Herodes I. (37-4), der in der hier relevanten Zeit Machthaber von Palästina war. Herodes I. unterstand dem Befehlshaber vom Orient Agrippa und dem Machthaber von Rom, dem Kaiser Augustus10. Darüber hinaus waren im „Imperium Romanum“ drei Kulturen ansässig: die der Römer, die der Griechen und die orientalische Kultur. Das Römische Reich war klar gegliedert und gut verwaltet, wodurch die verschiedenen Kulturen „zu einer politischen Einheit verschmolzen“(Heim 2000, S. 43). Das Weltreich konnte sich u.a. lange behaupten, weil es seinen Provinzen „relative“ Autonomie zusprach. Das Imperium organisierte seine Provinzen mittels minimaler Verwaltungen, die demnach nicht dem Druck eines Tyrannen ausgesetzt waren. In der Tat wurde keine aggressive Eroberungspolitik betrieben. Das gut ausgebaute Straßensystem, die Möglichkeit des Handels, die Vorherrschaft einer Weltsprache, die organisierten Verwaltungen, die einheitliche Städtekultur waren Grundbedingungen des Aufkommens und des Bestehens des „Imperii romani“. Daneben konnte das politische System Machtmissbrauch und damit Stabilitätsverlust verhindern, indem es jährlich einen personellen Wechsel bei den Ämtern vorsah. Diese bewährte Rotation setzte sich auch in der römischen Kaiserzeit fort. Hierbei spricht man von „Annuität“ und „Kollegialität“. Die Anfänge des Christentums waren von Eschatologie [Lehre von den letzten Dingen – Anm. d. Verf.] und Parusie [Wiederkunft Christi beim jüngsten Gericht – Anm. d. Verf.] gekennzeichnet11. Schon Vergil schrieb um 40 v.Chr. in seiner 4. Ekloge von einer neuen Zeit und kündigte einen neuen Heiland an. Seit seiner Entstehung musste sich das Christentum mit der orientalischen, hellenischen und römischen Kultur und deren Religionen auseinandersetzen. Für die römischen Behörden waren die Christen anfangs eine jüdische Sekte, also ein Teil des Judentums, die somit den Status einer „religioni licitiae“ hatte12. Das Christentum entwickelte sich in einer Zeit, in der es Rom „gut“ ging, in der Rom prosperierte und in der Rom sich zur absoluten Weltmacht etablierte. Mit Augustus begann eine neue Phase der römischen Geschichte. Die Republik wurde nach dem langen Bürgerkrieg seit der Ermordung Caesars13 zum Kaiserreich. Der neue Kaiser war der Stiefsohn von Caesar, den er 45 v.Chr. als Haupterben bestimmte, da Caesar selbst keine Kinder hatte. Augustus wollte die Verfassung im wesentlichen nicht verändern: „ Er stellt sich als Retter der Bürger aus der Knechtschaft des Tyrannen dar, der alle an ihn herangetragenen Vollmachten, die den Rahmen der res publica zu sprengen geeignet waren, standhaft abgelehnt und sich selbst als einfaches Glied der allgemeinen Ordnung eingefügt hat,...“(Bleicken 2000, S. 376). Die Religion war für Kaiser Augustus und seinen Nachfolger Tiberius14 nicht unwesentlich. „ Octavian/Augustus setzte alles daran, den sakralen Nimbus zu festigen, der ihn umgab.“(Bleicken 2000, S. 380). So förderte Augustus durch die Wiederherstellung von 82 Tempeln die traditionelle Frömmigkeit15. Die römische Religion hatte ihre Tradition bei den Bauern. Einmal im Jahr lief der Hausvater um Mitternacht auf seinem Grundstück umher, um hinter sich Bohnen zu werfen. Dieses Ritual diente dazu, die toten Geister zu beruhigen. Das römische Verhalten bezüglich Religionen kann darum als konservativ bezeichnet werden. Die römische Religion wird zur Zeitenwende eine „Loyalitätsreligion“ genannt, damit wird ausgedrückt, dass es wichtig war, wie ein Ritual ausgeführt wurde. Überdies begann mit Augustus die Zeit des „Prinzipats“, das eine gewaltige Machtstellung innerhalb der Regierenden vorsah. Die Demokratie der römischen Republik litt nicht darunter. Es gab weiterhin Konsuln, Praetoren, Edile und Quästoren. Das Heer wuchs ebenfalls stark an, was einen Machtzuwachs für den Kaiser bedeutete16. Schon Ende des 1 Jahrhunderts suchte sich die Armee selbst ihre Kaiser: die „Revolutionskaiser“17. Neben dem Erstarken des Heeres stieg der Anteil der Sklaven stark an, so dass am Ende des 1. Jahrhunderts 40 – 50 Prozent der Bevölkerung Sklaven waren. Sklaven gab es in allen soziologischen Schichten. Reiche Römer hielten sich einen Sklaven zwecks Griechischunterricht für die Nachkommen. Solche Sklaven hatten es im Gegensatz zu ihren „Leidensgenossen“, die ihre Arbeit in Bergwerken verrichten mussten, verhältnismäßig gut, da sie mit ca. 30 Jahren in die Freiheit entlassen wurden18. Diese Begebenheiten vermischten sich im Laufe der Jahrzehnte mit denen der anderen Kulturen innerhalb des „Imperii romanii“, so dass die Christen der Anfangszeit mit jenen Umständen, die u.a. von Rom geprägt waren, konfrontiert waren.

[...]


1 Vgl. Stöver (1990), S. 88ff.

2 Pompeius, Gnaeus (P. Magnus), röm. Feldherr und Staatsmann. Geb.: 29.09.106 v. Chr.; gest.: 28.9.48.v.Chr.

3 Mithridates VI. Eupator: König v. Pontos (seit 120 v.Chr.); gest.: 63 v.Chr.; wurde im Krieg mit Pompeius geschlagen und verlor die Herrschaft über die Nord- und Ostküste vom Schwarzen Meer an Rom.

4 Vgl. Reicke (1982), S. 90.

5 Octavian: röm. Kaiser von 27 v. Chr. bis 14 n. Chr.

6 Trajan: röm. Kaiser von 98 n. Chr. bis 117 n. Chr.

7 Vgl. Geldbach/ Littel (1989), S. 10.

8 Kaiser „Octavian“ ist später wegen seiner Taten zu Kaiser „Augustus“ geworden. „Augustus“ zu deutsch: der Erhabene. „Augustus“ ist als Titel zu verstehen.

9 Vgl. Conzelmann (1989), S.17.

10 Vgl. Reicke (1982), S. 92ff.

11 Vgl. Heim (2000), S. 43.

12 Vgl. ebd., S. 44.

13 44 v. Chr. durch die Verschwörung unter Führung von Marcus Brutus und Gaius Cassius.

14 Kaiser Tiberius (14 –37 n. Chr.).

15 Vgl. Bleicken (2000), S. 322.

16 Vgl. Bleicken (2000), S. 480f.

17 Von Kaiser Galba (68 – 69 n. Chr.) über Otho (69 n. Chr.) bis Vitellius (69 n.Chr.).

18 Vgl. Vandenberg , Philipp: Nero, S.134ff.

Details

Seiten
19
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638158411
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9026
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Religionswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Anfänge Christentums Palästina Proseminar Einführung Religionswissenschaft

Autor

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