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Die Buße in Hartmanns "Gregorius" - Ein radikales Leben am Rande der Existenz?

Vergleich der Bußwege

Seminararbeit 2006 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Buße als elementarer Bestandteil des ‚Gregorius’

2. Die Buße im ‚Gregorius’ – ein radikales Leben am Rande der Existenz?
2.1. Die Buße der Mutter innerhalb der Welt
2.1.1. Die Buße nach dem ersten Inzest
2.1.1.1. Buße als Landesherrin am förderlichsten
2.1.1.2. Aufopferung und Gottesliebe
2.1.1.3. Bußsakrament im weitesten Sinn erfüllt
2.1.2. Die Buße nach dem zweiten Inzest
2.1.2.1. Annahme der Schuld und mangelnde Heilszuversicht
2.1.2.2. Buße als Wohltäterin
2.1.2.3. Bußsakrament durch die vor dem Papst abgelegte Beichte erfüllt
2.2. Die Buße Gregorius’ außerhalb der weltlichen Ordnung
2.2.1. Buße für den Inzest seiner Eltern
2.2.1.1. Erste Bußleistung Gregorius’
2.2.1.1.1. Gregorius nimmt die Schuld seiner Eltern auf sich
2.2.1.1.2. Die Bestandteile des Bußsakraments in Ansätzen erkennbar
2.2.2. Gregorius’ Buße nach dem zweiten Inzest
2.2.2.1. Annahme der außerordentlichen Schuld
2.2.2.2. Bußpraxis
2.2.2.2.1. Abkehr vom bisherigen Leben
2.2.2.2.2. Auslieferung an Gott und Buße bis an den Tod
2.2.2.3.Bußsakrament
2.2.2.3.1. Absolute Buße
2.2.2.3.2. Geheimes Bekenntnis als Beichte erfüllt das Bußsakrament
2.3. Synthese: Zusammenkunft und Gemeinsamkeiten
2.3.1. Kreuzung der beiden Bußwege in Rom: Die Erlösung
2.3.1.1. Vom Büßer zum Papst
2.3.1.2. Zusammenkunft mit der Mutter
2.3.2. Eine radikale Auffassung von Buße, die in ihren Grundzügen übereinstimmt

3. Aufgreifen des Themas Buße auch im Epilog

4. Literaturverzeichnis

Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Buße als elementarer Bestandteil des ‚Gregorius’

Hartmann von Aue stellt in seiner höfischen Legende ‚Gregorius’ die Geschichte eines Inzestkindes dar, das nach der Heirat mit seiner Mutter eine asketische Buße vollzieht und am Ende die Erwählung zum Papst erfährt. Die Tatsache, dass hier eine Entwicklung vom Sünder bzw. Büßer zum Pontifex Maximus stattfindet, der letztendlich Sünden vergibt, rückt die Buße in den Mittelpunkt des Geschehens und schreibt ihr elementare Bedeutung zu. Bereits im Prolog erklärt Hartmann, welche Rolle die Buße in der Religion spielt: sie ist als Indikator für die „wâre triuwe[1], also den aufrichtigen Glauben an Gott, zu betrachten. Doch nicht nur Gregorius büßt in Hartmanns Werk, sondern auch seine Mutter und spätere Ehefrau. Anhand eines Vergleichs des Bußverhaltens der beiden Personen möchte ich nun die These aufstellen, dass die Buße im ‚Gregorius’ von einer gewissen Radikalität durchzogen ist und nach einem bestimmten Schema abläuft.

2. Die Buße im ‚Gregorius’ – ein radikales Leben am Rande der Existenz?

2.1. Die Buße der Mutter innerhalb der Welt

2.1.1. Die Buße nach dem ersten Inzest

2.1.1.1. Buße als Landesherrin am förderlichsten

Um einen ausführlichen Vergleich der Bußpraxis der beiden Hauptpersonen im ‚Gregorius’, also Gregorius selbst und seiner Mutter, anstellen zu können, halte ich zunächst für notwendig, die jeweiligen Umstände näher zu untersuchen.

Die Mutter Gregorius’ schlägt den Bußweg zweimal ein, zuerst nach dem Inzest mit ihrem Bruder, aus welchem Gregorius hervorgeht, ein weiteres Mal nach der Aufklärung des Inzests mit ihrem Sohn.

Die Erkenntnis der Schwangerschaft und der Sünde, die die beiden Geschwister durch den Inzest begangen haben, bringt sie in eine scheinbar aussichtslose Lage, aus der sie sich nur durch Heranziehen eines Vertrauten befreien können. In der Hoffnung, so ihr Ansehen wahren zu können, wenden sie sich an einen Alten, der ihr Vertrauen genießt und bereits als Ratgeber ihres Vaters fungiert hatte:

„Und volge wir sîner lêre:

sô gestât unser êre.“[2]

Im Gegensatz zu ihrem Bruder, der seine körperliche Sünde ebenfalls körperlich, nämlich durch Teilnahme an einem Kreuzzug[3], büßen soll, rät der weise Alte der Schwester nicht dazu, sich aus der Welt zurückzuziehen: Dadurch, dass sie als Landesherrin Besitz und Macht beibehält, soll sie Barmherzigkeit walten lassen und gute Taten vollbringen. Durch diese „innerweltliche Askese“[4] könne sie am besten büßen, da sie mittellos, nur mit gutem Willen, nicht viel ausrichten könne und Besitz ohne eine gute Gesinnung ebenfalls fruchtlos bleibt:

„waz touc der mout [sic!] âne guot ?

oder guot âne muot ?“[5]

Die Schwester soll also auf Rat des Alten hin eine nicht ganz offensichtliche Buße führen, indem nach außen hin alles, bis auf das Verschwinden ihres Bruders, beim Alten bleiben soll. So wird gleichzeitig bei den Untertanen der Schein der heilen Welt gewahrt und verhindert, dass das Bild einer sündigen Herrscherin entsteht. Auch sieht der Vertraute diese Buße „mit muote,/ mit lîbe und mit guote[6] als ausreichend für die begangene Sünde, den Inzest mit ihrem eigenen Bruder.

2.1.1.2. Aufopferung und Gottesliebe

Sie beherzigt die Anweisung und führt sie beharrlich aus, indem sie auf sämtliche Annehmlichkeiten verzichtet, fastet und Almosen verteilt. Dem nicht genug, verschreibt die sich völlig der Liebe und Hingabe zu Gott, geht also eine „geistliche Brautschaft“[7] ein, da sie sich in Bezug auf Gott wie ein „minnendez wîp[8] verhält. So radikalisiert sie ihre Buße über das von ihrem Berater geforderte Maß noch hinaus, da sie Gottes Gnade um jeden Preis wiedererlangen will[9].

2.1.1.3. Bußsakrament im weitesten Sinn erfüllt

Indem sie ihre Sünde aufrichtig bereut, weist sie einen weiteren wichtigen Bestandteil der Buße auf, die „wâre riuwe[10]. Nach der kirchlichen Bußlehre im Mittelalter stellt die Reue, „contritio“, den erster Pfeiler des dreigeteilten Bußsakraments vor „confessio“ und „satisfactio“[11] dar. Die erforderliche Beichte ( confessio) legt die Fürstin zwar nicht im konventionellen Sinn vor einem Priester ab, jedoch könnte man den zu Rate gezogenen Vertrauten als eine Art „Beichtvater“ betrachten. Im Übrigen erfüllt sie auch den letzten Bestandteil des Bußsakraments, die eigentliche Bußleistung (satisfactio), die ihr von dem Alten auferlegt worden war.

2.1.2. Die Buße nach dem zweiten Inzest

2.1.2.1. Annahme der Schuld und mangelnde Heilszuversicht

Nach der Aufdeckung des zweiten Inzests, für den die Mutter das Keuschheitsgelübde gebrochen hat, ist es Gregorius, der seine Mutter bezüglich ihrer Bußleistung berät. Als sie erfährt, dass das aus dem ersten Inzest hervorgegangene Kind nun ihr Mann ist, stellt sie jegliche Hoffnung auf göttliche Gnade in Frage und glaubt, dass ihre „sêle [...] verlorn[12] sei. Fest davon überzeugt, dass sie zum Höllendasein verdammt sei, ist es ihre letzte Hoffnung, dieses wenigstens halbwegs erträglich zu gestalten[13]. Sonst ist sie gänzlich „verzwîvelt an gote[14], d.h. sie hält keine Buße für ausreichend, ihre „Prädestination zur Verdammnis“[15] abzuwenden und weist keinerlei Zuversicht in Gottes Gnade mehr auf. Dieser Mangel an Gottvertrauen wird bereits im Prolog als größte Sünde überhaupt dargestellt, die als einzige nicht durch Reue gelindert werden kann[16]. Ihr Schuldbewusstsein ist demzufolge unumstößlich, sie nimmt bereitwillig und ungefragt die Verantwortung für den zweiten, im Grunde doch unbewussten Inzest auf sich, welcher als „ungewollte Sünde theologisch betrachtet keine Schuld“[17] darstellt, auch wenn die Mutter den Sohn an seinem Seidenstoff hätte erkennen können. Als gemeinsames Ziel sowohl für Gregorius als auch für seine Mutter wird das Bestreben angeführt, nach der Trennung in der Welt letztendlich im Reich Gottes wieder vereint zu sein[18].

2.1.2.2. Buße als Wohltäterin

Nichtsdestotrotz wird die Schuld angenommen und es ist nun an Gregorius, die „alten Bußempfehlungen“ zu erneuern und ihr „Zuversicht“[19] zu geben, indem er sie Gottes Gnade versichert, solange sie nur „in der riuwen bande[20] bleibt und wieder zu einem Leben in Gottvertrauen zurückfindet. Somit schlägt die Mutter ihren zweiten Bußweg ein, der wiederum die innerweltliche Askese beinhaltet. Da sie durch Aufrechterhaltung ihrer Besitztümer und des Herrscherstatus effektiver handeln kann als durch abgeschottetes Eremitendasein, bleibt sie Aquitanien ebenso wie beim ersten Mal als Landesherrin und Wohltäterin erhalten. Erneut soll sie Barmherzigkeit walten lassen, Almosen verteilen, selbst jedoch ihren Körper kasteien und auf weltliche Freuden vollständig verzichten[21]. Reumütig und bußfertig führt sie alles aus und gönnt sich keine Ruhe, was wieder ein Zeichen ihres großen Schuldbewusstseins ist. Als sie nach Jahren von dem neuen Papst in Rom hört, will sie ihn aufsuchen, um ihre Sünden zu beichten und sich Erleichterung ihrer Schuld zu verschaffen[22].

[...]


[1] G, V 76.

[2] G, V 499f.

[3] Vgl. G, V 581f.

[4] Cormeau/ Störmer, S. 117.

[5] G, V 612f.

[6] G, V 621f.

[7] Cormeau/ Störmer, S. 117.

[8] G, V 876.

[9] Vgl. G, V 885ff.

[10] G, V 897.

[11] Christoph, S. 215.

[12] G, V 2677.

[13] Vgl. G, V 2687ff.

[14] G, V 2698.

[15] Cormeau/ Störmer, S. 136.

[16] Vgl. G, 162ff.

[17] Mertens, S. 63.

[18] Vgl. G, V 2740ff.

[19] Cormeau/ Störmer, S. 136.

[20] G, V 2727.

[21] Vgl. G, V2708.

[22] Vgl. G, V3831ff.

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638041539
ISBN (Buch)
9783638939072
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90282
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für deutsche Philologie des Mittelalters
Note
1,0
Schlagworte
Buße Hartmanns Gregorius Leben Rande Existenz Mediävistik

Autor

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