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Über "bibliothek" von Ernst Jandl. Analyse eines Gedichtes des 20. Jahrhunderts

von Chris K. (Autor)

Essay 2020 8 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Die Analyse der Kommunikationssituation im Gedicht

Die Analyse der Inhaltsseite des Gedichts

Die Analyse der Stilmittel des Gedichts

Fazit

Quellen

Einleitung

Diese Gedichtanalyse befasst sich mit dem Gedicht „bibliothek“ des Lyrikers Ernst Jandl. Ernst Jandl ist ein Autor des 20. Jahrhunderts, welcher es versteht mit den Normen der deutschen Sprache zu brechen, die Sprache sprichwörtlich zu befreien. In seinem Gedicht beklagt Jandl, dass die Sprache in den Normen gefangen ist.

Ernst Jandl

Bibliothek

1 die vielen buchstaben
2 die nicht aus ihren wörtern können
3 die vielen wörter
4 die nicht aus ihren sätzen können
5 die vielen Sätze
6 die nicht aus ihren texten können
7 die vielen texte
8 die nicht aus ihren büchern können
9 die vielen bücher
10 mit dem vielen staub darauf
11 die gute putzfrau mit dem staubwedel

(Hinck 2012: 188), die Striche bezeichnen die Stammsilben

Die Analyse der Kommunikationssituation im Gedicht

Das Gedicht „bibliothek“ (1977) von Ernst Jandl ist gedichtuntypisch von keiner direkten Kommunikationssituation geprägt. Dies erkennt man bei der Betrachtung des Gedichtes. Es zeigt sich, dass es keine direkt angesprochene Instanz gibt. So wird niemand direkt in Form eines „du“ angesprochen, vielmehr wird eine Situation aus der Beobachterperspektive beschrieben. Der Leser wird allenfalls indirekt angesprochen. Das Gedicht ist sehr sachlich und unemotional verfasst. Diese Unemotionalität drückt sich durch sehr wenige Adjektive und einer monotonen, sich wiederholenden Verfasstheit in reiner Beschreibungsform aus. Allerdings könnte man das sich stetig wiederholende „viele“ (V. 1, 3, 5 etc.) als eine emotionale Überspitzung, vielleicht eine Subjektivität verstehen, auf die noch weiter eingegangen wird.

Die Analyse der Inhaltsseite des Gedichts

Das Gedicht beschreibt eine Bibliothek. Dies geschieht allerdings nicht auf die Art und Weise, wie der geneigte Leser es sich vorstellt. Die Beschreibung der Bibliothek steigt direkt bei den kleinsten Einheiten der Bibliothek ein: den Buchstaben. Weitergeführt wird diese Beschreibung mit immer höheren Einheiten der Bibliothek. Sehr bildhaft geht es nun über zu den Wörtern: „die vielen wörter /die nicht aus ihren sätzen können“ (V. 3/ 4). In der immer gleichen Wiese geht es nun weiter mit den Sätzen, den Texten, und den Büchern. Das Gedicht zeigt also eine Beobachtung von der kleinsten zur größten Einheit der Bücher innerhalb der Bibliothek, der Bücher. Am Ende des Gedichtes steht folgende Phrase: „die gute putzfrau mit dem staubwedel“ (V. 11). Dies bezieht sich auf den Staub auf den Büchern, welcher ein Vers vorher beschrieben wird. Die Putzfrau putzt den Staub von den Büchern. Sie pflegt die Bücher, in denen die Texte, Sätze, Wörter und Buchstaben nicht herauskönnen. Die jeweiligen Einheiten können nicht aus ihren höheren Einheiten heraus. Man kann dies so deuten, dass sie gefangen sind und die Putzfrau sich um sie sorgt, sie von Staub befreit. Das Gedicht zeigt also eine stufenhafte Beschreibung, die zu immer höheren Einheiten übergeht. Jedoch sind diese ineinander gefangen. Das Gedicht ist so konstruiert, dass es sich endlos weiterschrieben ließe (vgl. Hinck 2012: 189). Die Bibliothek ist das Gefängnis, der Inhalte, welche sich dort befinden. Dieses Gefängnis steht im Kontrast zu den freiheitlich-künstlerischen Inhalten der Bibliothek. Auch der Staub wird als Gefängnisring wahrgenommen (vgl. Hinck 2012: 189): „die vielen Bücher / mit dem vielen Staub drauf.“ (V.9/10). Die Putzfrau möchte die Gefängnisruhe nicht stören und ist auch nicht in der Lage dazu (vgl. Hinck 2012: 190). Auch der Leser oder Betrachter dieser Bibliothek möchte diese Totenruhe gar nicht stören. Die Sprechinstanz nimmt eher eine klagende, gelähmte Haltung ein. Dieses Gedicht „bibliothek“ lässt sich auf Jandl gesamtes Werk übertragen. Für einen Dichter wie Jandl, der jede sprachliche Konvention durchbricht, kann die Bibliothek schon wie ein Gefängnis wirken (vgl. Hinck 2012: 190). „Gegenüber dem Gefängnis, dem Terror des nur scheinbar alternativlosen Systems ist Poesie Befreiung, Eröffnung einer fast unbegrenzten Vielzahl von Alternativen innerhalb der Wörterwelt.“ (vgl. Hinck 2012: 192). Laut Jandl richtet sich die Poesie gegen Gewöhnung und Sprache sei anders einzusetzen, als im gewöhnlichen normativen System (vgl. Hinck 2012: 192). Das Gedicht ist somit selbstreferentiell. So beschäftigt es sich mit den Ureigenen Materialien des Lyrikers: Das Wort, den Text, das Buch. Aber auch in seiner Deutung ist das Gedicht Jandls sehr selbstreferentiell. Nicht nur behandelt es die Bibliothek als Ort der Literatur. Auch die Deutung des Gedichtes mit dem Bezug auf den Autor selbst zeugt von Selbstreferenzialität. Hier wird der Autor und seine Ansichten selbst indirekt eingebunden. Das Gedicht referiert somit nicht nur auf die Sprache, in Form von Buchstaben, Wörtern und weiterem, es referiert nicht nur auf den größten Aufbewahrungsort für Literatur, die Bibliothek, nein, es referiert auch auf den Autor und seine Art Gedichte zu schreiben selbst. Ist mehr Selbstreferentialität möglich?

Die Analyse der Stilmittel des Gedichts

Das Gedicht stammt aus dem Jahr 1977 (vgl. Hinck 2012: 188). Das Gedicht ist am 20.09. 1977 entstanden und in den Gedichtband Jandls „Die Bearbeitung der Mütze“ eingefügt worden (vgl. Hinck 2012: 192). So gehört das Gedicht der Lyrik des 20. Jahrhunderts jenseits der Nachkriegslyrik an. In den 1960er Jahren wird die Lyrik durch journalistische Reden und Texte und Poetikvorlesungen angereichert. Parallel entwickelte sich dazu eine sprachspielerische Lyrik, auch Dadaismus genannt. In dieser Lyrik wird die materielle Seite der Sprache, wie der Buchstabe oder der Laut hervorgehoben. Hier hatte Ernst Jandl (1925-2000) neben Friederike Mayröcker (1924-/) eine starke Wirkung (vgl. Burdorf 2015: 118).

Aus diesen Gründen besitzt auch das Gedicht „bibliothek“ von Ernst Jandl eine große Abweichung von der deutschen Standardsprache. Das Gedicht ist geprägt von Reduzierung der Sprache, von fragmentarischen Sätzen mit nur rudimentären Verben. Das Gedicht erlangt eine Energie durch den Kontrast zwischen dem gebrochenen Deutsch und der Konsequenz des Inhalts (vgl. Hinck 2012: 192). Es fällt sofort ins Auge, dass jedes Wort klein geschrieben ist, auch das Nomen. Selbst der Titel beginnt mit einem für ein Nomen untypischen Kleinbuchstaben.

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Details

Seiten
8
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346210548
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v903093
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
2,3
Schlagworte
Gedicht 20. Jahrhundert modern Analyse Dadaismus Jandl Deutsch Lyrik Bibliothek Wörter Verse Laute konkrete Poesie

Autor

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    Chris K. (Autor)

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