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Sozialwissenschaftliche Betrachtung der rassistischen Ausgrenzung

Darstellung und Diskussion der individual- und sozialpsychologischen Erklärungsansätze rassistischer Ausgrenzung

Hausarbeit 2008 23 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Rassismus:Begriffsklärung

2 Die Philosophie des Rassismus
2.1 Verschiedene Definitionsversuche des Rassismus
2.2 Elemente des Rassismus nach Albert Memmi
2.2.1 Die eng- und weitgefasste Definition des Rassismus nach Albert Memmi

3 Der Erklärungsansatz rassistischer Ausgrenzung aus psychoanalytischer Sicht
3.1 Die psychische Disposition des Rassisten aus psycho- analytischer Sicht
3.2 Die Auswirkungen der Realität
3.3 Die Auswirkungen des Über-Ichs
3.4 Die Auswirkungen des Es

4 Der sozialpsychologische Erklärungsansatz rassistischer Ausgrenzung
4.1 Die Theorie der sozialen Identität
4.2 Die Leitgedanken der Theorie der sozialen Identität
4.3 Die Elemente der Theorie der sozialen Identität

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der hier vorliegenden Hausarbeit werde ich mich aus sozialwissenschaftlicher Sicht mit dem Phänomen der rassistischen Ausgrenzung beschäftigen. Die Auseinandersetzung untergliedert sich hierbei in die folgenden drei Hauptthemen: die Gegenstandsdefinition und Klärung des Begriffs „ Rassismus“, die Erklärung des Rassismus aus psychoanalytischer Auffassung und die Annäherung an die rassistische Ausgrenzung aus der sozialpsychologischen Theorie.

Ich möchte zunächst eine Begriffsklärung leisten: Der Terminus „ Rassismus“ stellt eine umgangssprachlich undifferenzierte und in der sozialwissenschaftlichen Fachliterartur recht weitgefasste und umstrittene Bezeichnung dar. Es werden parallel zum Terminus „ Rassismus“ Begriffe wie Vorurteil, Ausländerfeindlichkeit, Xenophobie, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (Wilhelm Heitmeyer) und weitere verwandt.

Eine überzeugende und schlüssige Festlegung des Begriffs „ Rassismus“ möchte ich dieser Arbeit voranstellen. Diesem Gedanken werde ich im Abschnitt 2.4 - entlang der Betrachtungen von Albert Memmi - nachgehen. Ich folge seiner Darstellung in verkürzter Weise und behandle neben der erwähnten Schwierigkeit der Definition und der terminologischen Präzision zur Erfassung des sozialen Phänomens Rassismus auch die damit in engem Zusammenhang stehenden Aspekte der Unterscheidung, der Wertung, der Verallgemeinerung, und der Funktionalität, des Nutzens der rassistischen Ausgrenzung. Die Nachzeichnung der Gedanken Memmi`s münden in der abschliessenden Vorstellung einer weitgefassten und einer enggefassten Definition des sozialen Phänomens Rassismus.

Im darauffolgenden Abschnitt 3 möchte ich dann den individualpsychologischen Erklärungsansatz der rassistisch motivierten Ausgrenzung aus Sicht der psychoanalytisch fundierten Betrachtung vorstellen. Auf Grundlage des Instanzenmodells nach Sigmund Freud und seines psychosexuellen Phasenmodells individueller Persönlichkeitsentwicklung werde ich die intrapsychischen Konflikte des Einzelnen in Bezug auf „ das Fremde“ nachzeichnen und erläutern. Ich beziehe mich hier in der Hauptsache auf die Veröffentlichung Klaus Ottomeyers: „ Psychoanaly-tische Erklärungsansätze zum Rassismus. Möglichkeiten und Grenzen“ aus dem Buch

„ Psychologie des Rassismus“. Die geäusserten Grundgedanken werde ich durch entsprechende zentrale Aussagen Freud´s aus dessen Aufsatz „ Vom Unbehagen in der Kultur“ aus dem Jahre 1930 ergänzen.

Im vierten Abschnitt werde ich mich mit dem sozialpsychologischen Theoriemodell zur Erklärung von Ausschlussprozessen aus der gruppenpsychologisch orientierten Sozialforschung befassen. Die Erkenntnisse Tajfel`s und seiner „ Theorie der sozialen Identität“ stehen hierbei im Mittelpunkt meiner Auseinandersetzung. Henri Tajfel versucht mit seinerm Theoriemodell die sozialpsychologisch bedeutsamen Prozesse zu erfassen, welche zu Gruppenidentifikation und Gruppenbildung sowie der damit in Zusammenhang stehenden Ein- und Ausgrenzungspraxis in den modernen Gesellschaften führen. Die Theorie der Sozialen Identität bezieht sich nicht intentional auf die Erklärung rassistischer Ausgrenzungspraktiken; ich ziehe sie heran, um allgemeinmenschliche Verhaltensmöglichkeiten, welche in rassistisch motivierter Diskriminierung münden können, offenzulegen. Die Betrachtung dieser psychologischen Vorgänge werde ich im Kapitel 4 vornehmen.

Ich hoffe, dass ich mit der vorliegenden Arbeit einen erkenntnisreichen Beitrag zum Verständnis des sozialen Phänomens des Rassismus leisten kann. Durch die mehrperspektivische Annäherung an das Thema kann eine differenzierte und auch detailgenaue Auseinandersetzung erfolgen. Im Schlussbetrachtungsteil meiner Arbeit werde ich die gewonnenen Erkenntnisse für den interessierten Leser in gestraffter Weise zusammenfassen.

1.1 Rassismus: Begriffsklärung

Zu Beginn möchte ich - nach einer kurzen Zuwendung zu Albert Memmi`s „ Phi-losophie des Rassimus“ - klären, was unter dem Begriff „ Rassismus“ im Rahmen dieser Hausarbeit zu verstehen ist. Zu diesem Zwecke werde ich einführend verschiedene sozialwissenschaftliche Definitionen des Begriffs Rassismus vorstellen. Hiermit werde ich mich dem schwierig zu fassenden Thema in breitgefächerter Weise zuwenden und die Vielfalt der Begriffsbestimmungen der präzisen und tiefergehenden Auseinandersetzung mit der Begriffsdefinition voranstellen. Für die tiefergehende Auseinandersetzung werde ich mich auf die von Albert Memmi im Jahr 1992 in seinem Essay „ Rassismus“ geäusserten Grundgedanken zum Rassismus beziehen und im Abschnitt 2.4 dessen Argumentationsaufbau nachzeichnen. Abschliessend werde ich festlegen, in welcher Wortbedeutung ich den Begriff des Rassismus im Kontext dieser Arbeit verwenden werde.

2 Die Philosophie des Rassismus

Um einzukreisen, was der Gegenstand derAuseinandersetzung mit dem Phänomen Rassismus eigentlich ist, hat der französiche Soziologe Albert Memmi eine Art unwissenschaftliche „ Philosophie des Rassismus“ , - gedacht aus der Perspektive des Rassisten - auf den Punkt gebracht. Rassismus bestünde demnach aus drei Hauptargumenten. Diese bestehen aus den folgenden drei Behauptungen:

- Es gäbe reine und also von anderen unterscheidbare menschliche Rassen im Sinne bedeutsamer biologischer Unterscheidungsmerkmale.
- Daraus liesse sich eine biologische Überlegenheit reiner Rassenin psychologischer, sozialer, kultureller und geistiger Hinsicht ableiten.
- Aus dieser Überlegenheit heraus lasse sich die Dominanz der höherstehenden Rasse gegenüber der niedrigstehenderen Rasse begründen und rechtfertigen.

Memmi disqualifiziert diese Argumente unter Verweis auf deren Pseudowissenschaftlichkeit. Versatzstücke aus der Evolutionsbiologie und den Naturwissenschaften werden durch den Rassisten in wissenschaftlich unzulässiger Weise auf menschliche Kulturgemeinschaften angewandt. Beispielsweise werde das Konzept der Reinheit aus der Chemie auf die vom Rassisten behauptete Rassenvermischung übertragen. Memmi betont demgegenüber, dass es unmöglich sei, eine soziale Gruppe mit einer biologischen Konstellation zur Deckung zu bringen. Die biologische Natur des Menschen bilde sich im Rahmen fortwährender Vermischungsprozesse heraus. Straffend lässt sich mit Memmi sagen: Es gibt keine biologisch homogenen Gruppen und selbst dann, wenn diese existierten, wären sie nicht zwangsläufig biologisch, geistig, kulturell überlegen. „ Wären sie es dennoch, dann verliehe ihnen auch dies kein unantastbares Recht, mehr zu essen, besser zu wohnen, und bequemer zu reisen als die anderen.“( Memmi, Rassismus, S. 27) Memmi spitzt die von ihm beobachtete „ Philosophie des Rassimus“ folgendermassen zu: Der Rassismus gehöre nicht zur Ordnung der Vernunft; mit logischen und wissenschaftlichen Argumenten bekäme man ihn nicht zu fassen. Um den Rassismus zu begreifen, müsse man verstehen, aus welchen Beweggründen und Motiven er gespeist wird und was er zum Ziel hat. Als zweiten Punkt zum Verständniszugang weist Memmi auf den Umstand hin, dass der Rassismus keine wissenschaftliche Theorie darstelle, sondern vielmehr eine Pseudotheorie. Damit qualifiziert er den Rassismus als eine „.. mythisierende und rationalisierende Projektion ab, die ihre Grundlage in der gelebten Erfahrung des Rassisten habe.“( Memmi, Rassismus, S. 30)

Es sollte deutlich geworden sein, dass sich der Rassismus - als pseudowissenschaftliches Konzept von menschlichen „ Rassen“ verstanden – auf biologische und damit unveränderliche Unterscheidungsmerkmale bezieht.

2.1 Verschiedene Definitionsversuche des Rassismus

Zunächst beziehe ich mich auf die sozialwissenschaftliche Begriffsbestimmung nach Christoph Butterwegge. Dieser betrachtet den Rassismus im Spannungsfeld zwischen Menschenrechten und Individualität. Er bezeichnet Rassismus als ein nach körperlichen oder kulturellen Merkmalen Charaktereigenschaften und Fähigkeiten zuschreibendendes und damit Gruppen konstruierendes Denken. Hierdurch entstünden – auch ohne vorgegebene Hierarchien – die Ungleichverteilungen sozialer Ressourcen und politischer Rechte, somit die Existenz von Privilegien. Der Anspruch auf diese werde legitimiert; die Gültigkeit universeller Menschenrechte hingegen werde negiert.

Die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Philomena Essed betrachtet den Rassismus in den drei Dimensionen von Ideologie, Struktur und Prozess. In diesen drei Dimensionen werden bestimmte Gruppierungen auf Basis tatsächlicher oder zugeschriebener biologischer oder kultureller Eigenschaften als wesensmäßig andersartige und minderwertige «Rassen» oder ethnische Gruppen bewertet. Solcherlei konstruierte Unterschiede halten als Erklärung her, um Mitglieder dieser Gruppierungen von Zugängen zu den materiellen und nicht-materiellen Ressourcen auszuschliessen. Der Rassismus beinhaltet also Gruppenkonflikte bezüglich kultureller und materieller Ressourcen. Rassismus ist Essed`s Definitionsversuch zufolge darüberhinaus ein strukturelles Phänomen. Dies meint, dass ethnisch spezifizierte Ungleichverteilungen in ökonomischen und politischen Institutionen, im Bereich von Bildung und Erziehung und in den Medien wurzeln und durch diese Strukturen reproduziert werden. Somit erweitert Essed den Begriff «Rassismus» in die Dimension realer Strukturen und Prozesse, wodurch ihre Definition auch Phänomene wie „ All-tagsrassismus“ oder „ institutionellen Rassismus“ miteinschliesst.

George M. Fredricksons Verständnis von Rassismus basiert auf den zwei Komponenten: „ Differenz“ und „ Macht“. Rassismus entspringt ihm zufolge einer Denkweise, wodurch „ Sie“ sich von „ Uns“ dauerhaft unterscheiden, ohne dass es die Möglichkeit gäbe, die Unterschiede zu überbrücken. Dieses Gefühl der Differenz liefert eine Rechtfertigung dafür, dass „ Wir“ unseren Machtvorteil einsetzen, um den „ Anderen“ auf eine Weise zu behandeln, die wir als grausam oder ungerecht ansehen würden, wenn Mitglieder unserer eigenen Gruppe davon betroffen wären. Zusammenfassend liesse sich sagen, dass Rassismus vorliegt, wenn eine ethnische Gruppe oder ein historisches Kollektiv auf der Grundlage von Differenzen, die sie für erblich und unveränderlich hält, eine andere Gruppe beherrscht, ausschließt oder zu eliminieren versucht.Hierbei ist nicht die „ Differenz“ entscheidend, bereits das „ Ge-fühl der Differenz“ liefert dem Rassisten das ausreichende Motiv zur Machtausübung, und Rechtfertigung der Diskriminierung. Zur Konstruktion von „ Wir“ und „ Sie“ bedarf es also keines realen Unterschiedes, ein «gefühlter Unterschied» ist ausreichend.

Es sollte deutlich geworden sein, dass die hier beispielhaft angeführten Definitionsversuche ein Phänomen einzukreisen versuchen, welches sich der Festlegung und Bestimmung konzeptuell entzieht. Mark Terkessidis verweist in diesem Zusammenhang auf den Prozess der Wissensproduktion, in welchem Objekte konstituiert und damit einhergehend auch rassistisch konnotiert würden. „ ..in der Konstruktion der Anderen als „ Objekte“ des Wissens verkörpert sich die parteiliche Weltsicht der übergeordneten Gruppe.“ (Terkessidis, Psychologie des Rassismus, S. 69) Die Position des Wissenschaftlers selbst rückt somit in den Fokus der Kritik. Terkessidis bestimmt folgerichtig eine kritische Haltung in der Auseinandersetzung mit Rassismus als Voraussetzung für eine gelungene Gegenstandsbildung. Diese Haltung besteht in einer Bezugnahme auf einerseits Werte: um die tatsächliche, rechtliche und wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Gruppen zu problematisieren und in einer Bezugnahme andererseits auf die Perspektive der untergeordneten Gruppe: um die Mechanismen der Objektivierungsprozesses aufzuzeigen. Dieser Hinweis sei der Betrachtung der Definitionsbildung des Rassismus vorausgeschickt.

Ich möchte die Auseinandersetzung mit der Begriffsdefinition im Folgenden vertiefen und im Abschnitt 2.3 die Definition Albert Memmi`s aus dem Jahre 1964 - veröffentlicht in Deutschland im Jahre 1992 - genauer vorstellen.

2.2 Elemente des Rassismus nach Albert Memmi

Albert Memmi versucht, die genaue Wortbedeutung des Rassismus anhand von vier Kriterien zu fassen, welche sich auf die Unterschiede in der jeweiligen Wahrnehmung anderer Menschen, anderer Gruppen beziehen. Diese sind die Differenz, die Wertung, die Verallgemeinerung und die Funktion. Wirken diese vier Elemente in der Konstituierung von Objekten zusammen, so könne man von Rassimus sprechen. Diese vier Aspekte der Rassismusdefinition von Memmi möchte ich in der gebotenen Kürze näher betrachten.

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Details

Seiten
23
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638046800
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90436
Institution / Hochschule
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
Schlagworte
Sozialwissenschaftliche Betrachtung Ausgrenzung Sozialwissenschaft

Autor

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