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Familienassessment - Überblick und Vergleich aktueller Verfahren zur Familiendiagnostik und -forschung

Hausarbeit 2008 19 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Familie und Familiendiagnostik
2.1 Der Begriff der Familie
2.2 Familiendiagnostik

3. Familienpsychologie im Aufwind: eine forschungs- und anwendungsorientierte Disziplin
3.1 Familientheoretische Ansätze
Die Familiensystemtheorie
Die Familienentwicklungstheorie
Die Familienstresstheorie
Die Bindungstheorie

4. Drei ausgewählte familiendiagnostische Modelle und dazu gehörende Erhebungsinstrumente im Vergleich
4.1 Das „Beavers’ Systems-Model“
4.2 Das „Circumplex-Model of Marital and Family Systems“
4.3 Das „McMaster Model of Family Functioning“

5. Vergleichendes Fazit

6. Ausblick und Schlussteil

7. Literaturverzeichnis

8. Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

Ziel einer jeden kinder- und jugendpsychiatrischen Untersuchung ist die Erhebung von verhaltensbezogenen Problemen, Symptomen und wahrgenommener Befindlichkeit bei Kindern und Jugendlichen. Der jeweilige soziale Kontext bzw. die individuelle Lebens- und Entwicklungsgeschichte bildet nicht selten der Entstehungshintergrund einer Störung und wird als Entwicklungsfaktor bei einer Exploration immer mit erfasst. Nach Steinhausen (2006) beginnt ein diagnostisch-therapeutischer Prozess in folgenden Schritten: Untersuchung, Exploration, Verhaltensbeobachtung und meistens die Anwendung mehrdimensionaler Tests, die dimensionalen wie auch kategorialen Klassifikationsansätzen (vgl. ICD-10, DSM-IV) unterliegen. Die gesammelten Daten fliessen in eine Diagnose (psychopathologischer Befund) und ermöglichen nach einer körperlichen-, verhaltens- und bedingungsanalytischen Betrachtung eine individuelle, mehrdimensionale Interventions-planung.

Beim Untersuchungsprozess gelten in der Regel die Erhebung der Eigen- (Kind) und Familienanamnese (Eltern), neben dem Einbezug verschiedener anderer Zusatzabklärungen, als wichtigste Informationsquellen (ebd.). Je nach vorliegender Problematik steht die familienanamnistische Erörterung am Anfang oder am Ende einer Untersuchung. Die Familienanamnese ergibt neben psychiatrischen und genetischen Aspekten wichtige Einblicke in die jeweilige Lebenswirklichkeit von Familien. Um sie zu erfassen, bedarf es spezifischer familiendiagnostischer Modelle und Instrumente. Neben der Erfassung der Lebenswirk-lichkeit zählen neben aktuellen auch vergangene Probleme und Ereignisse der elterlichen Lebens- und Entwicklungsgeschichte. Das Ziel der Familienanamnese ist die Gewinnung eines Eindrucks von den Erziehungspersonen, ihren persönlichen Voraussetzungen, ihren Verhaltensweisen und der Wahrnehmung ihrer elterlichen Funktionen. Die Familienanamnese endet mit einer Bestandesaufnahme der inner- wie auch ausserfamiliären Bedingungen. Als äussere zählen beispielsweise die Familienzusammensetzung, der sozioökonomische Status, Wohnsituation und die Arbeitstätigkeit der Eltern. Die „innere Situation“ charakterisiert sich einerseits durch die elterlich-partnerschaftliche Beziehungsqualität, den Eltern-Kind-Beziehungen, dem allgemeinen emotionalen Familienklima sowie den sich daraus ergebenden Belastungen und Problemen (ebd.).

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Erfahrung dieser „inneren Situation“. Nach der Umschreibung des Begriffs „Familie“ und theoretischen Überlegungen dazu, werden weitere Ausführungen zur Familiendiagnostik angestellt. In einer Übersicht – es handelt sich um eine Auswahl – werden die aktuellsten familientheoretischen Ansätze, wie beispiels-weise die Familiensystemtheorie, die Familienentwicklungstheorie, die Familienstresstheorie und die Bindungstheorie knapp umrissen. Sie bilden die Basis für diagnostischen Modelle und den daraus entwickelten Instrumente wie auch für Forschungstätigkeiten in den Bereichen Prävention und therapeutische Interventionen. Kaum eine Richtung innerhalb der Psychologie kann auf eine so breite und vielfältig fundierte Palette diagnostischer Instrumente (Fragebögen, Skalen, Beobachtungssysteme etc.) zurückgreifen, wie die Bereiche Partnerschaft und Familie (Bodenmann, 2008). In Anbetracht der reichhaltigen Fülle bestehender diagnostischer Instrumente, beschränkt sich die Arbeit auf eine Auswahl. Anschliessend werden drei leistungsfähige Modelle mit dazugehörenden Instrumenten exemplarisch vorgestellt und hinsichtlich ihrer Bedeutung für Familienassessments miteinander verglichen. Das letzte Kapitel verweist auf weitere technische Verfahren der Familiendiagnostik und rundet die Arbeit mit einem Forschungsblick in die Zukunft ab.

2. Familie und Familiendiagnostik

Die in der Familiendiagnostik erfassten klinischen Phänomene sind u.a. davon abhängig, was man unter Familie versteht bzw. wie man sie definiert (Cierpka, 2003). Folgende Ausfüh-rungen umschreiben verschiedene Aspekte des Familienbegriffs.

2.1 Der Begriff der Familie

In Anbetracht des gesellschaftlichen Wandels ist in den vergangenen 25 Jahren eine zunehmende Ausdifferenzierung von Haushalts- und Lebensformen beobachtbar. Nave-Herz (2000, S. 20) beschreibt diese Entwicklung als eine „Pluralisierung von Lebensformen“ und eine gestiegene „Pluralisierung von Familienformen“. Aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen nimmt die Familie für die Individuations- und Entwicklungsprozesse eine herausragende Funktion ein und bildet als unmittelbares Umfeld die Rahmenbedingungen (Fend, 1998; 2000). Idealerweise bildet die Familie für die Kinder einen Raum, in dem Gegensätzliches, wie Ablösung und Bindung, Selbständigkeit und wechselseitige Abhängigkeit vereinigt ist (Mattejat, 1993). Wie in den später beschriebenen Theoriemodellen aufgezeigt wird, verfügt eine „erfolgreiche“ Familie über ein bestimmtes Mass an Reaktions- und Anpassungsfähigkeit hinsichtlich Veränderungen und trägt somit fundamental zu positiven Entwicklungsbedingungen bei (Mattejat, 1993). Die Familie entscheidet über die Art und Weise des Zusammenseins sowie das erlaubte Abgrenzungsbedürfnis der Familienmitglieder. Durch eine fördernde, unterstützende und falls nötig korrigierende Haltung – bei allfälligen Fehlentwicklungen – begleitet sie ihre Kinder. Für einen positiv verlaufenden Individuationsprozess hat das Familienklima eine entscheidende Bedeutung. Die Familie prägt jedoch nicht nur die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder, sondern vermittelt auch gesellschaftlich-kulturelle Werte (Fend, 2000).

Die Entwicklungen von Familien und den darin gelebten Beziehungen verlaufen nicht immer ideal. Unterschiedliche Bedingungen ergeben sich aus Aspekten wie beispielsweise der elterlichen Arbeit, persönlichen Problemen und geringen materiellen, sozialen oder kulturellen Ressourcen. Die qualitative Spannweite möglicher Eltern-Kind-Verhältnisse kann sehr gross sein und dementsprechende unterschiedliche Entwicklungsvoraussetzungen darstellen (Fend, 1998). Exemplarisch werden die Untersuchungen von Horst-Eberhard Richter (2007) erwähnt. Während seiner Tätigkeit in einer familientherapeutischen Einrichtung beobachtete er verschiedene klinische Fälle und zeigte auf, dass der Persönlichkeit der Eltern (innerhalb von Familien) bei der Entstehung von psychopathogenen Prozessen und Konflikten eine besondere Rolle zukommt.

Nach Cierpka (2003) ist die Familie ein komplexes soziales Gebilde und daher schwierig zu definieren. Jede wissenschaftliche Disziplin fokussiert Familie aus einer unterschiedlichen Perspektive und hat ihre eigenen normativen Definitionen. Aus der Perspektive der Familiendiagnostik formuliert Cierpka (2003) folgende Definition: „In einer (Ein- oder Zweieltern) – Familie leben mehrere, meistens die zwei Generationen der (leiblichen, Adoptiv-, Pflege-, Stief-) Eltern und der (leiblichen, Adoptiv-, Pflege-, Stief-) Kinder, zusammen“ (S. 22). Das familiäre Zusammenleben ist weiter charakterisiert durch kollektive Aufgabenstellungen, die Suche nach Intimität, Privatheit und dem utopischen Zukunftswunsch der Familie. Die Gründung einer Familie ist immer ein Gemeinschafts-produkt, in das bewusste wie auch unbewusste Vorstellungen von Familie beider Partner einfliessen. In wechselseitigen Auseinandersetzungs- und Findungsprozessen werden diese Utopien unter dem Einfluss der sozialen Realität verwirklicht. Es entsteht eine neue Basis für eine gemeinsame Lebensform und damit verbunden neue Lebens- und Entwicklungsaufgaben (Cierpka, 2003).

2.2 Familiendiagnostik

Familiendiagnostik wird als theoriegeleitete Diagnostik verstanden (Cierpka, 2003). Basis bilden differenziert ausgebildete familientheoretische Modelle, mit deren Hilfe sich familienspezifische Entwicklungsprozesse identifizieren lassen (ebd.). Sie ist insofern eine psychologische Diagnostik, als valide und reliable Instrumente eingesetzt werden, um Familien hinsichtlich relevanter Dimensionen mit einer repräsentativen Stichprobe zu vergleichen (ebd.). Schneewind (2002) fasst diese Bedingungen in folgender Definition zusammen: „Familiendiagnostik bezieht sich auf jenen Bereich psychologischen Handelns, der anhand wissenschaftlich begründeter Verfahren die Erfassung von Informationen zur Struktur und zu den Prozessen von Familiensystemen sowie zu deren Einbettung in andere Lebenskontexte ermöglicht“ (S. 51).

Familiendiagnostik bezieht sich auf einen äusserst komplexen und dynamischen Gegenstand und kann unterschiedlichen Zielsetzungen dienen. Schneewind (1999, 45ff; 2002, 157ff) nennt Grunddimensionen der Familiendiagnostik, nach denen Form und Ausrichtung des diagnostischen Prozesses bestimmt werden kann:

- Erkenntnistheoretische Annahmen: Diese können eher linear-reduktionistisch sein oder dem Konzept der zirkulären Kausalität entsprechen.
- Begriffliche Orientierung: vorgeschlagen wird eine Differenzierung in theoretische und nicht-theoretische Ansätze (z.B. als „Best-Practice“-Erfahrungen von Diagnostikern).
- Anwendungsschwerpunkt: Familiendiagnostik kann mit dem Ziel erfolgen, die Forschungslage zum Konzept Familie zu erweitern oder Grundlage für anschliessende Therapiearbeit zu sein.
- Schwerpunkt der Analyse: Der Fokus kann entweder auf die Struktur oder die familiären Interaktionen gelegt werden.
- Ebene der Diagnostik: Auf dieser Ebene muss abgeklärt werden, ob sich Diagnostik auf die einzelnen Individuen, auf familiäre Subsysteme oder die ganze Familie bezieht.
- Repräsentationsmodus: Erhobene Daten können entweder verbal oder bildhaft-metaphorisch dargestellt werden. Für die letztgenannte Repräsentationsform spricht, dass sie aufgrund der Sprachfreiheit auch für Kinder zugänglich sind.
- Zeitperspektive: Familiendiagnostik kann sich auf die Vergangenheit beziehen, indem die Entwicklungsgeschichte erfasst wird. Sie kann aber auch in der Gegenwart ansetzen oder Erwartungsversionen der Zukunft beinhalten (vgl. Kapitel 1 in dieser Arbeit).
- Datenquelle: Grundsätzlich können Daten von Insidern (den Familienmitgliedern) oder Outsidern (z.B. professionelles Personal) eingeholt werden. Es ist zu beachten, dass sich die beiden Perspektiven oft nur beschränkt entsprechen.
- Datenart: Unabhängige Daten können eher subjektiv erfahrungsorientiert oder objektiv sein, indem beispielsweise mit beobachtungsbezogenen Kodiersystemen gearbeitet wird.
- Erhebungs- und Auswertungsmodus: Für Forschungszwecke ergibt sich die Frage, ob qualitative Daten erhoben oder ob quantitativ gearbeitet wird (ebd.).

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Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638035613
ISBN (Buch)
9783640101771
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90453
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Psychopathologie
Note
gut
Schlagworte
Familienassessment Vergleich Verfahren Familiendiagnostik

Autor

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Titel: Familienassessment - Überblick und Vergleich aktueller Verfahren zur Familiendiagnostik und -forschung