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Die Ideologie der ersten Generation der Roten Armee Fraktion

Seminararbeit 2006 23 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vorgeschichte

3. Die RAF in den siebziger Jahren
3.1 Die Ereignisse von 1970 bis 1977
3.2 Dokumente
3.2.1 Die Rote Armee aufbauen (5. Juni 1970)
3.2.2 Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)
3.2.3 Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (Mai 1971)

4. Ziele und Ideologie der RAF

5. Schlussbetrachtung

6. Bibliographie

Einleitung

„Immer mehr junge Menschen erwachen heute zu einem revolutionären Bewusstsein. Die Bereitschaft, konsequent und diszipliniert für die proletarische Revolution zu arbeiten, wächst. Die Einsicht, dass diese Revolution ohne eine wissenschaftliche revolutionäre Theorie nicht siegen kann, setzt sich durch; doch werden kaum Konsequenzen daraus gezogen.“ (Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (Mai 1971))

Es wurden vielleicht keine Konsequenzen gezogen von der Masse der Jugendlichen, auch nicht von den Arbeitern, sehr wohl jedoch von einer Gruppe junger Menschen, die erwuchs aus der Protestbewegung von 1967/68 und zu der Personen gehörten wie Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Horst Mahler und Gudrun Ensslin. Diese Gruppe war die erste Generation der Roten Armee Fraktion (RAF).

Was wollte diese Gruppe erreichen? Welche Mittel setzte sie dafür ein? Und auf was für einer Idee fußte die RAF? Dies sind die Fragen, mit denen sich in dieser Arbeit auseinander gesetzt werden soll. Es geht darum, so etwas wie eine politische Ideologie, eine Theorie innerhalb der RAF auszumachen. Welche politischen Ideen wurden aufgenommen und durch die Gruppe weiterverarbeitet, auch diese Frage gilt es zu klären um die Ideologie der RAF verstehen zu können.

Die Arbeit befasst sich ausschließlich mit der frühen Anfangszeit des bundesdeutschen Terrorismus in den Jahren 1970/71. Aus diesen Jahren stammen auch die drei genau zu untersuchenden Dokumente der RAF, „Die Rote Armee aufbauen“ vom 5. Juni 1970, „Das Konzept Stadtguerilla“ vom April 1971 und „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa“ vom Mai 1971. Diese Schriften bergen eine Fülle an Informationen und werden in jeweils eigenen Abschnitten behandelt.

Um jedoch den Fokus auf die frühen 1970er Jahre richten zu können, schien es hilfreich, eine Einführung zu der Zeit vor 1970 zu geben und außerdem die gesamten Geschehnisse bis einschließlich des „Deutschen Herbstes“ 1977 zu beleuchten.

Daran anschließend werden die Dokumente der frühen RAF einzeln betrachtet und analysiert, bevor in einem dritten Teil die verschiedenen Aspekte zusammengefasst werden. Eine Schlussbetrachtung zieht dann ein kurzes Fazit zu den Bestandteilen der Ideologie der Roten Armee Fraktion.

Als Hauptquelle dient das vom ID-Verlag herausgegebene Buch „Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien“, teilweise auch für die chronologische Darstellung der Ereignisse. Zu diesem Zweck wird aber auch das dpa-Archiv herangezogen werden. Unter der Sekundärliteratur wird vornehmlich das Buch „Ideologien und Strategien“, herausgegeben von Iring Fetscher und Günter Rohrmoser, benutzt werden, hinzugezogen werden außerdem „Der blinde Fleck. Die Linke, die RAF und der Staat“ und „Die alte Straßenverkehrsordnung“, herausgegeben von Klaus Bittermann.

2. Vorgeschichte

Die Geschichte der RAF beginnt vor dem 14. Mai 1970 (Befreiung Baaders) und vor den Ereignissen am 2. Juni 1967, nämlich in der Nachkriegszeit: Die Befreiung vom Faschismus weckte Hoffnung bei den Emigranten und Antifaschisten, den Sozialisten und Kommunisten auf eine „antinazistische, demokratische und sozialistische Gesellschaft“, aber die „Verdrängung der nationalsozialistischen Verbrechen, [der] Antikommunismus und [...] das ,Wirtschaftswunder‘“, die Remilitarisierung ab den 1950er Jahren (Kampagne “Kampf dem Atomtod“) und die Notstandsgesetze zur Wahrung der „Inneren Sicherheit“ von 1960 prägten das politische Klima und ließen bei vielen die Erwartungen sinken.[1]

Unter den Studenten entwickelte sich in den 1960er Jahren eine „kulturrevolutionäre Opposition“, orientiert an „den Theoretikern des Marxismus/Leninismus [...], am Existenzialismus, der Kritischen Theorie und des Anarchismus“.[2]

Ab 1962 kam es erst unter Jugendlichen, dann verstärkt auch unter Studenten zu vermehrten gewaltsamen Aktionen. „Der Protest gegen den Vietnam-Krieg wurde zum wichtigsten Bezugspunkt für die Studentenbewegung.“ 1967 rief Rudi Dutschke zur Gründung der APO (Außerparlamentarische Opposition) auf, am 2. Juni desselben Jahres wurde der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien von einem Polizisten getötet. In den darauf folgenden Tagen kam es deutschlandweit zu ausgeprägten Demonstrationen. Im Juni 1967 wurde an der Freien Universität Berlin ein Diskussionsforum unter anderem mit Herbert Marcuse abgehalten. „Große Bedeutung hatte Marcuses ,Kritik der repressiven Toleranz‘, in der er formulierte, ,dass es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein Naturrecht auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben.‘“[3]

Am 2. April 1968 explodierten in Frankfurter Kaufhäusern zwei Brandsätze. Die Aktion sollte verstanden werden als ein Protest gegen „,die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber den Morden in Vietnam‘“.[4] Am 5. April wurden Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Thorwald Proll und Horst Söhnlein als der Tat verdächtig festgenommen.

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April und den anschließenden Demonstrationen, teilweise mit Blockaden und Straßenschlachten, rückte die „Notwendigkeit von Gegengewalt“ in den Fokus der APO. Am 4. November kam es zur „Schlacht am Tegeler Weg“, bei der 130 Polizisten verletzt wurden. Anlass war das Ehrengerichtsverfahren gegen Horst Mahler.

Auch außerhalb Deutschlands kam es zu Unruhen und Protesten. In Frankreich, Italien, Japan, Mexiko und Uruguay wurden Demonstrationen teilweise blutig niedergeschlagen, in Mexiko-City starben 500 Menschen, als das Militär eine Kundgebung „mit einem Massaker“ beendete. Auch die Staaten des Warschauer Paktes waren betroffen. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings marschierten Hunderttausende durch Prag. Die Asten der Westberliner Universitäten erklärten sich solidarisch: „,Die militärische Intervention hat den Kräften des proletarischen Internationalismus erneut gezeigt, wie notwendig ihr Kampf gegen jede Form bürokratischer Herrschaft in den verschiedenen Gesellschaftssystemen ist. Es lebe die sozialistische Weltrevolution!!!‘“[5]

1969 verschärften sich die militanten Auseinandersetzungen noch und wurden „zunehmend zur Aktionsform der APO“. Straßenschlachten in Berlin und Frankfurt, die „Aktion Roter Punk“ in Hannover, das „Knastcamp“ in Bayern, Massenstreiks im Bergbau, all dies sind Beispiele dafür. Außerdem wurden 1968/69 mehrere Anschläge auf US-amerikanische Einrichtungen, Konsulate, Banken und Rathäuser verübt. Unter den Studenten diskutierte man über Werke wie Che Guevaras „Theorie und Methode des Guerilla-Krieges“.[6]

Zu der „Naivität“ der radikalen Linken im Anfangsstadium schrieb Til Schulz, dass die Jugendlichen „Vokabeln wie ,Propaganda der Schüsse‘ (Che Guevara) oder ,Zerschlagung des Staatsapparates‘ an[nahmen] – sei es von Professor Mao Tse-tung, vom Hochschullehrer Meister Guevara oder vom Sattlermeister Marcuse“.[7]

[...]


[1] RAF. Texte und Materialien, S. 14

[2] ebd., S. 15

[3] vgl. RAF. Texte und Materialien, S. 16

[4] zit. n. ebd., S. 17

[5] zit. n. ebd., S. 18

[6] vgl. RAF. Texte und Materialien, S. 18

[7] Schulz, Til, „Sieg im Volkskrieg?“, in: Der blinde Fleck, S. 83

Details

Seiten
23
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638048361
ISBN (Buch)
9783640309566
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90650
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Ideologie Generation Roten Armee Fraktion Einführung Ideengeschichte RAF Stadtguerillla Mahler Baader Ensslin Meinhof

Autor

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