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Lässt sich der Erfolg der AfD als Ausdruck einer neuen gesellschaftlichen und kulturellen Spaltung begreifen?

Eine kritische Betrachtung der normativen Debatte um einen neuen Cleavage

Hausarbeit 2019 30 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Wahlforschung
Cleavage-Theorie
Klassifizierung

„Kosmopoliten“ vs. „Kommunitaristen“

Empirische Daten
Zusammenfassung und Rückschlüsse

Modernisierungsverlierer-These

Einordnung

Diskussion
Neoliberale Modernisierung

Fazit

Literatur

Anhang

Einleitung

Vor zwei Jahren, am 24. September 2017 zog die AfD als drittstärkste Kraft mit 12,6 % ins Parlament ein und legte damit um 7,9 % zur vorherigen Bundestagswahl zu (vgl. Bundeswahl- leiter 2017). Auch die letzten Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg waren von großen Gewinnen der AfD geprägt (vgl. Rößner 2019). Der Erfolg der rechtspopulistischen Partei ist kein Einzelfall, sondern reiht sich in einen europaweiten -man kann auch sagen weltweiten- Trend ein Ob in Frankreich, Italien, Österreich oder Brasilien, rechtspopulistische Parteien und Kandidaten erfreuen sich an zunehmender Popularität.

Der rasante Aufstieg (rechts-) populistischer Parteien ist daher auch zu einem höchstrelevanten Forschungsgegenstand der Sozialwissenschaften, somit auch der Politikwissenschaft gewor- den, die aus unterschiedlichen Perspektiven der Frage nachgehen, wie sich das Phänomen „Rechtspopulismus“ erklären lässt und warum sich große Teile der Bevölkerung dazu entschei- den ihren demokratischen Einfluss genannter Parteien zu übertragen.

Auf die Frage wieso sich viele Menschen der AfD zuwenden wird oftmals postuliert, dass die Gründe sozioökonomisch bedingt seien, bei empirischen Untersuchungen trifft die stereotypi- sche Vorstellung der „Modernisierungsverlierer“ jedoch nur bedingt zu, sodass weitere Erklä- rungsansätze hinzugezogen wurden.

Im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs wird in diesem Zusammenhang ein neuer ge- sellschaftlicher Konflikt postuliert der zwischen den Befürwortern und Gegnern einer „offe- nen“ bzw. multikulturellen Gesellschaft verläuft. Anhaltspunkte sehen Experten bspw. in pola- risierenden Wahlkampfstrategien die sich von „Grenzen schützen!“ (AfD) bis „Eine offene Ge- sellschaft ist die beste Heimat“ (Bündnis 90/Die Grünen) erstrecken. Auch das Brexit-Referen- dum, sowie der französische Wahlkampf zwischen Macron und Le Pen war geprägt von proeu- ropäischen und antieuropäischen, unilateralen und multilateralen Diskursfragen (vgl. Adler- Bartels 2019, S. 62).

Im Rahmen dieser Hausarbeit wird untersucht ob die bereits angeschnittene These einer neuen gesellschaftlichen und kulturellen Spaltung als Erklärungsansatz fungieren könnte, oder sich andere Erklärungsmuster anbieten um den Erfolg rechtspopulistischer Parteien zu erklären. Dazu werde ich zunächst das Grundkonzept der Cleavage-Theorie nach Lipset und Rokkan erläutern, die These eines neuen Cleavage noch einmal genauer beschreiben, empirische Erhe- bungen von Wählenden der AfD hinzuziehen und in dem Zusammenhand noch einmal kompri- miert auf die erwähnte „Modernisierungsverlierer-These“ eingehen. Anschließend wird die These einer neuen Konfliktlinie kritisch diskutiert, ein weiteres theoretische Modell zur Erklä- rung des Rechtsruckes hinzugezogen und daran anknüpfend über das Geschriebene resümiert.

Wahlforschung

Wahlen sind einer der zentralen Gegenstände bei der Formulierung gesellschaftlichen Zusam- menlebens, sei es in den repräsentativen oder anderen konstituierten Demokratien oder sogar eingeschränkt auch innerhalb anderer Staatsformen, wie die Autokratie. Die empirische Wahl- forschung untersucht das Wahlverhalten, so auch das Nichtwählen und wie wir zu einer Wahl- entscheidung kommen. Allgemein versucht sie also auf unterschiedlichen Ebenen mit einer Vielzahl an theoretischen und analytischen Instrumenten herauszufinden, wie Wahlverhalten zu erklären ist. Da sich gesellschaftliches Wahlverhalten ändert, ändern sich auch die Schwer- punkte der pluralen Wahlforschungsformen, welche sich auf die Perspektiven der soziologi- schen, makrosoziologischen, psychologischen, sowie ökonomischen Eben begründen (vgl. Fal- ter & Schoen 2014, S. IX).

Cleavage-Theorie

Einer der prägendsten Wahlforschungstheorien in der Politikwissenschaft ist die von Lipset und Rokkan 1967 niedergeschriebene Cleavage-Theorie, die „dauerhafte politische Konflikte, die in der Sozialstruktur verankert sind und im Parteiensystem ihren Ausdruck finden“ (Pappi 1977, S. 493), beschreibt. Lipset und Rokkan unterschieden vier Cleavages, im Deutschen übersetzt als gesellschaftliche „Spaltung“ oder „Kluft“, die durch Entwicklungsherausforderungen, Mo- dernisierungsschübe, einhergehende Wertekonflikte, sowie Interessengegensätze entstanden sind und die die politische Willensbildung von Wähler*innen im 19. Jhdt. in Form der Partei- enbildung maßgeblich prägten (vgl. Rösel 2019, S. 44; vgl. Lipset & Rokkan 1967, S. 13ff.). Als epochaler Großkonflikt lässt sich bspw. die im 16./17. Jhdt. zu beobachtende Spaltung der Religionen identifizieren. Im Industriezeitalter des 19. Jhdt. war hingegen die Spaltung gesell- schaftlicher Klassen, die Säkularisierung und das Entstehen von Nationalismen dominant (vgl. Priester 2019, S. 23).

Die ersten modernisierungsbedingten Konfliktlinien nach Lipset & Rokkan bildeten Zent- rum/Peripherie, sowie Staat/Kirche und lagen den nationalen Revolutionen, dem Konflikt der Nationalstaatenbildung autonomer regionaler und zentralistischen Entscheidungsinstanzen und der Säkularisierungsschüben, Konflikte der Bildungshoheit bspw. in den Schulen, zugrunde. Im Zuge des Industrialisierungsprozesses -der zweiten Modernisierungswelle- entstanden die Konfliktlinien Arbeit/Kapital, die in der Literatur insbesondere durch marxistische und sozia- listische Formulierungen der sozialen Verhältnisse von Arbeitgebenden und Arbeitenden oder Kapitaleignern/abhängig Beschäftigten umschreibt und durch die Organisation von Arbeiter- parteien ihren Klientelinteressen Ausdruck verlieh. Als vierte Konfliktline wird Stadt/Land als Ausdruck primärer und sekundärer Wirtschaftssektoren formuliert, die ebenfalls der industriel- len Revolution zu Grunde liegen und der urbanen Bevölkerung durch effektivere Herstellungs- möglichkeiten einen rasanten sozialen Aufschwung ermöglichte (vgl. Hartleb 2007, S.253; vgl. Mielke 2013, S.180; Adler-Bartels 2019, S. 64).

Die beschriebenen Hauptspannungslinien dienen der Erklärung politisch und gesellschaftlichen Wandels und helfen Positionierung und Polarisierung der Parteien, sowie außerparlamentari- sche Bewegungen nachzuvollziehen. Lipset & Rokkan Analyse endet mit der „freezing“-These, dem Einfrieren nationaler Parteisysteme nach der Etablierung einer gesellschaftlich demokra- tisch verankerten Parteienlandschaft, insofern Aspekte der Parteienidentifikation und die orga- nisatorische Verbundenheit von Parteien und Interessengruppen relativ hoch sind bzw. hoch bleiben. „The party systems of the 1960’s reflect, with few but significant exceptions, the cle- vage structure of the 1920’s“ (Lipset & Rokkan 1967, S. 50).

Klassifizierung

Innerhalb der Politikwissenschaften wurde der Begriff „Cleavage“ durch die breite Beschrei- bung unterschiedlich aufgefasst und verwendet. Stefano Bartolini kritisierte diese Pluralität des Begriffes und wirkt dem Definitionsdefizit entgegen, in dem er den Begriff Cleavage zu einem analytischen Konzept erweiterte (vgl. Merkel 2017, S. 11). Um von einem vollumfänglichen Cleavage zu sprechen, müssen nach Bartolini und Mair drei konstitutive Ebenen angesprochen bzw. vorhanden sein, die sich aus unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Merkmalen der Wahlforschung zusammensetzen - ein sozialstruktureller, ein institutioneller und einer auf Werte basierender Aspekt (vgl. Schoen 2014 S. 183). Die „sozialstrukturelle Komponente“ gibt auf Basis soziologisch-analytischer Merkmale Auskunft über die Systematisierung bestimmter Gruppen, Bewegungen und Parteien. Um Gruppen zu identifizieren muss demnach auch ein relativ stabiler Cleavage vorliegen, welcher sich auch intergenerationell feststellen lässt und sich daher bspw. eher an Merkmalen sozialer Schichten äußert. Das zweite Merkmal orientiert sich an der „organisatorisch-institutionellen Komponente“ und fragt, inwiefern sich soziale Gruppen mit den genannten Konfliktlinien identifizieren und organisatorisch tätig werden. Ein wichtiger Aspekt betrifft hierbei die Selbst- und Fremdwahrnehmung. Im Bewusstsein seiner Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, unterscheiden sich Wertvorstellungen über eine wün- schenswerte Gesellschaft und konsolidieren sich daher auch ähnliche Interessen. Die organisa- torisch-institutionellen Komponenten formen demnach Wertvorstellungen durch „institutiona- lisierte Segmentierung“, die dann der Ebene „normative Dimension“ zugeschrieben werden kann. Ein Problem der „wertbezogenen Komponente“ zeichnet sich dadurch aus, -und unter- scheidet sich wesentlich von den beiden anderen Dimensionen-, da sich dieser deutlich kompromissloser zeigt als die ökonomischen Verteilungskonflikte (vgl. Schoen 2014, S. 183f.; Merkel 2017, S. 11f.; Adler-Bartels 2019, S. 64).

„Kosmopoliten“ vs. „Kommunitaristen“

„Seit einiger Zeit wird ein neuer Cleavage postuliert, der sich durch die Trennlinie einer ‚offe- nen‘ und einer ‚geschlossenen‘ Gesellschaft bzw. Identitätspolitik auszeichnet und ‚[…] die traditionelle Konfliktlinie zwischen ‚links‘ und ‚rechts‘ beziehungsweise ‚oben‘ und ‚unten‘ übertüncht und zum Teil verdrängt“ (Bizeul 2019, S. V).

Der neu postulierte Konflikt fokussiert ökonomische und kulturelle Dimensionen, die sich in den zentralen Fragen nationalstaatlicher Grenzen äußert und somit Bereiche der Staatssouverä- nität und der Staatssolidarität im globalen Zusammenhang anschneidet. Dies betrifft die Ab- gabe nationalstaatlicher Kompetenzen an supra- und transnationale Institutionen, sowie die Öff- nung globaler Märkte für Güter, im breiten Sinne betrifft dies also auch Dienstleistungen, Ka- pital, Arbeitskräfte etc., sowie (Menschen)-rechte, die als Folge der Globalisierung verstanden wird. Auf der einen Seite stehen demnach „Kosmopoliten“, die sich für die Öffnung globaler Märkte und universeller Menschenrechte aussprechen, den „Kommunitaristen“ gegenüber, die ein hohes Interesse an nationalstaatlichen Grenzen auf den beschriebenen Ebenen bekunden (vgl. Merkel 2017, S. 9). Kosmopoliten präferieren den Multikulturalismus und das Abgeben nationalstaatlicher Kompetenzen auf supranationale Institutionen, da, so ein Kernargument ih- rerseits, nationalstaatliche Kompetenzen nicht wirksam genug sein, um den Herausforderungen der fortschreitenden Globalisierung und weitreichender Probleme wie bspw. dem Klimaschutz entgegenzuwirken. Idealtypisch sind sie überdurchschnittlich gebildet und verfügen somit über ein hohes „Humankapital“, lehnen Assimilation ab und sind in ihrer beruflichen Ausübung nicht auf einen festgelegten Standort beschränkt. Die Definition des Kommunitaristen be- schreibt sich maßgeblich über die jeweiligen Gegenüberstellungen idealtypischer Kosmopoli- ten. Weiter wird argumentieren, dass sich die beiden Ausrichtungen auch in einer neuen politi- schen Ideologie, einer neuen Weltanschauung äußert. „We expect cosmopolitanism and com- munitarianism as political ideologies to rise in the age of globalization, because citizens develop initially unstructured preferences in the face of new opportunities and threats that provide a potential for political entrepreneurs to capitalize if they can articulate a political ideology that harnesses such preferences“ (Zürn & Wilde 2016, S. 294).

Im Fokus dieser ideologischen Spaltungslinie liegen also unterschiedliche kulturelle Wertvor- stellungen über Themenbereiche wie Zuwanderung, internationale Kooperation nichtstaatlich- gouvermentaler Institutionen, sowie alternativer Lebensformen, die sich in einem „Cultural Backlash“ äußern und zum Erfolg populistischer Parteien führen, die diesen Diskurs entgegen- wirken (vgl. Lengfeld & Dilger 2018, S. 184; Betz & Johnson 2004, S. 322).

Das Aufkommen neuer Parteien wird, wie es Lipset & Rokkan beschreiben, durch den Verlust der Parteiidentifikation, den Vertrauensverlust in die Politik(er) allgemein und Demokratiede- fizite begünstigt. Hooghe und Marks gehen noch einen Schritt weiter und bekunden, dass „neue“, meist rechtspopulistische Parteien, Fragen im Zusammenhang mit Europa und Einwan- derung aufwerfen, die die etablierten Parteien lieber ignorier(t)en und somit den Einzug neuer Parteien im nationalen und europäischen Parteiensystem provozierten oder ihren Wahlerfolg begünstigen (vgl. Hooghe & Marks 2017, S. 18).

Die These eines neuen Cleavage fußt also auf der Annahme, dass eine neue kulturell bedingte Konfliktlinie zwischen einer „offenen“ und einer „geschlossenen“ Gesellschaft entstanden ist, die den Erfolg der AfD und anderer zumindest nationalkonservativer-populistischer Parteien erklären lässt.

Empirische Daten

Zur Überprüfung der These stütze ich mich auf empirische Erhebungen, die im Rahmen der Longitudinal Election Study (GLES) im Juni 2016 durchgeführt wurden und die von Verena Hambauer und Anja Mays analysiert und online 2017, in der „Zeitschrift für vergleichende Politikwissenschaft“, 2018, publiziert wurden. Die Erhebung umfasst Kernfragen zur politi- schen Einstellung, darunter zum Institutionenvertrauen, sowie zu sozio-demografischen Fragen und zur politischen Wirksamkeitswahrnehmung (vgl. V. Hambauer & A. May 2017, S. 138). Auch umfasst die Erhebung Fragemodule zur „Flüchtlingskrise“, die ich jedoch bewusst aus- schließe, da die Positionen weitgehend bekannt sind, und die sich in dieser Studie „nur“ bestä- tigen. Zudem erfassen Fragen zur „Flüchtlingskrise“ nicht ausreichend die Kernfragen der po- litischen Positionierung oder der soziostrukturellen Identifikation eines Cleavage, da sie eher Ausdruck einer polarisierten, kontroversen Debattenkultur sind, die natürlich bedingt auf wei- tere inhaltliche Dimensionen Einfluss haben können, bei meiner Analyse aber nicht im Fokus stehen sollen. Dieser Aspekt wird nach der Analyse noch einmal genauer erläutert. Die verwen- deten Tabellen befinden sich im Anhang.

Die erste Tabelle betrachtet soziodemographische Merkmale der Wählerschaft in der Bundes- republik Deutschland und verifiziert, dass die AfD wachsenden Zuspruch von weniger gut si- tuierten, meist männlichen Personen bekommt. Des Weiteren ist zu festzustellen, dass die AfD im Gegensatz zu den Vergleichsparteien am meisten Zuspruch von Wählenden geringer Schul- bildung gewinnen konnte (1/3). Zwar verhält sich die Differenz zur nächsten Partei (SPD) in punkto Schulabschluss nur um 3%, ist aber im Zusammenhang der Variablen, dass die Wäh- lenden der AfD deutlich weniger im hohen Schulabschluss-Item zu finden sind (25 %, knapp 10 % Abstand bis zur Linkspartei), zu beachten. Eine weitere Ausfälligkeit zeigt sich in den beiden Items „Beruf“ und „Erwerbstätigkeit“. So zeichnen sich AfD Wähler*Innen 2016 ver- gleichsweise stark dadurch aus, dass sie Vollzeit berufstätige „Arbeiter“ sind (in Abgrenzung zu Angestellten oder Beamten) (vgl. Tabelle 1). Bei den nachfolgenden Tabellen, die die Wäh- lerstruktur der AfD in Ost und West aufteilen, gibt es jedoch gravierende Unterschiede hin- sichtlich Geschlechtes, Berufsgruppe und Schulabschluss. Die Altersstruktur unterscheidet sich um eine Dekade, so erhält die AfD im Osten von den 35-44 Jährigen Zustimmung, im Westen am häufigsten von den 45-54 Jährigen, wobei sich dieser Wert nur minimal von dem im Osten unterscheidet (vgl. Tab. 2). Der festgestellte Wert, dass 1/3 der AfD-Wählenden einen geringen Schulabschluss besitzen, ist besonders im Ost-West-Vergleich interessant. So wählten im Wes- ten 40 % der Befragten mit einer geringen Schulbildung die AfD, im Osten verläuft sich dieser Wert „nur“ auf 14 % und liegt somit hinter dem Wert der SPD. Weitergehend hat die AfD im Osten mit 52 % hohe Zustimmungswerte bei Wählern mit mittlerem Schulabschluss (vgl. Tab. 3). Die Geschlechterstruktur (75 % männlich) der „Männer-Partei“ ist durch den Befund, dass 80 % der im Westen lebenden AfD-Wählenden männlich sind, stark verzerrt, im Osten beläuft sich dieser Wert nämlich „nur“ auf 57 % (vgl. Tab. 4). Konstant bleibt in Ost- und Westdeutsch- land, dass AfD-Wählende überdurchschnittlich Vollzeit berufstätigt sind und als berufliche Stellung „Arbeiter“ angeben. Die Prozentzahl der Arbeiter beläuft sich im Osten auf 35 %, im Westen auf knapp 27 % und hebt sich damit in ganz Deutschland deutlich von der Arbeiter- Wählerschaft der anderen Parteien ab (vgl. Tab. 5) Hambauer und Mays kommen bei der Ge- samtberechnung der AfD-Wählenden auf knapp ein Drittel der „Arbeiter“, bei den Vergleichs- parteien beträgt der Anteil im Schnitt nur 12 %. Weitergehend zeigt sich, dass das Berufsfeld der Angestellten zwar im Ost-West-Vergleich variiert (im Westen gibt es mit der Differenz von 21 % mehr Angestellte unter der AfD-Wählerschaft, was sich allerdings im gesamt bedingten Ost-West-Trend abzeichnet) sich die Wählenden der AfD im Vergleich 17 % weniger in einem Angestellten-Verhältnis befinden (vgl. Tab. 5; Hambauer & Mays 2017, S. 141).

In der subjektiven Schichtenzugehörigkeit positionieren sich die Wähler*innen im Osten und Westen Deutschlands relativ gleich hoch, insgesamt ordnen sich 57 % der Unterschicht, Arbei- terschicht oder unteren Mittelschicht zu. Dieser Wert wird nur von der Wählerschaft der Links- partei übertroffen (60 %). In der CDU/CSU beläuft sich der Anteil auf 30 %, in der SPD auf 38 % und unterscheidet sich somit erheblich (CDU/CSU Differenz: 27 %, SPD Differenz: 19 %) (vgl. Tab. 6; Hambauer & Mays 2017, S. 142).

Das Nettohaushaltseinkommen des durchschnittlichen AfD-Wählers ist diskrepant. Bei der Ge- samtbetrachtung beläuft sich das Nettoeinkommen jedes fünften AfD-Wählers auf unter 1500 Euro, im Osten jedoch bei jedem dritten (im Osten 33 %, im Westen 19 %) und unterscheidet sich somit stark von den Werten anderer Parteien, abgesehen von den Werten der Linkspartei. Ein anderes Bild zeichnet der Befund, dass 38 % im Osten und 48 % im Westen der AfD- Wähler*Innen ein Einkommen unter 5000 Euro netto zu verzeichnen haben. Im Vergleich mit den anderen Parteien zählen diese Werte jedoch noch zu denen des unteren Bereiches (vgl. Tab. 7; Hambauer & Mays 2017, S. 142).

Ein weiterer Fragenkatalog beschäftigt sich mit der Wahlabsicht nach verschiedenen Ängsten, darunter zur wirtschaftlichen Entwicklung auf individueller und gesellschaftlicher Ebene in Deutschland. Abgekürzt lässt sich sagen, dass die Wählerschaft der AfD deutlich pessimisti- scher ist, als die Wähler*Innen anderer Parteien, sowohl wenn es um die Entwicklung der indi- viduellen sowie der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung und dem Stellenverlust geht (vgl. Tab. 8; Tab. 9). Hambauer & Mays fügen noch an, dass alle Befragten in Ostdeutschland pes- simistischer auf die wirtschaftliche Entwicklung schauen (vgl. Hambauer & Mays 2017, S. 146).

Darüber hinaus befasst sich ein Fragemodul mit der politischen Wirksamkeit und dem politi- schen Interesse der Befragten. Demnach zeigen Wähler*innen der AfD ein sehr hohes Interesse an der Politik bzw. an politischen Fragen. Jedoch zeigen sich hierbei wieder erhebliche Unter- schiede bezüglich Ost- und Westdeutschlands. So äußern ostdeutsche AfD-Wähler*innen mit 70 % ein sehr stark ausgeprägtes politisches Interesse, wohingegen Westdeutsche mit 57 % deutlich weniger Interesse bekunden. Allerdings zeigt sich auf Seiten der westdeutschen Wäh- lerschaft mit 85 % ein deutlich höherer Wert bei der Aussage, dass Parteien nur Wählerstimmen bekommen wollen. Bei den Ostdeutschen beläuft sich der Wert auf 65 % und läge allein be- trachtet im Vergleich zu den anderen Wähler*innen anderer Parteien auf dem dritten Platz (nach der Linkspartei: 72 % und der FDP: 66 %). Starke Unterschiede zu den Vergleichsparteien gibt es zudem auch bei der Bewertung des Verständnisses politischer Fragen. Nur 20 % der Befrag- ten AfD-Wähler*innen äußern, dass politische Fragen schwer zu verstehen seien (vgl. Tab. 10; Hambauer & Mays 2017, S. 147).

Zusammenfassung und Rückschlüsse

Bei der Betrachtung soziodemographischen Merkmale der AfD-Wählerschaft 2016 fällt primär auf, dass sie überdurchschnittlich Vollzeitbeschäftige sind und sich beruflich unter „Arbeiter- schaft“ verstehen. Ihre Kernwählerschaft ist zwischen 35 und 54 Jahren alt, sieht ihre persönli- che sowie die generelle wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands eher pessimistisch und gibt an, dass politische Fragen eher nicht schwer zu verstehen seien. Bei allen anderen Ergebnissen sollte man mindesten zwischen Ost- und Westdeutschland unterscheiden.

In Westendeutschland zeichnet sich der AfD-Wählertypus primär dadurch aus, dass 40 % einen niedrig angesehenen Schulabschluss besitzen, mit 80 % der Wählertypus übermäßig männlich ist, weniger politisches Interesse zeigt als der Ost-AfD-Wählende und mit 85 % der Aussage zustimmt, dass Parteien primär gewählt werden wollen, um Wählerstimmen zu generieren.

Im Osten generiert die AfD 14 % der Befragten mit einem niedrigen Schulabschluss und liegt damit noch hinter der SPD (20 %). Mit 52 % bekommt sie im Osten eher Zustimmung von Wähler*Innen mit einem mittleren Schulabschluss. Zudem beläuft sich der männliche Anteil der Wählenden auf 57 % und liegt somit nur knapp über dem Durchschnitt der Vergleichspar- teien (54 %). Zudem beläuft sich das Nettoeinkommen bei 33 % der befragten Wählerschaft der AfD auf unter 1500 Euro, bei der westdeutschen Wählerschaft der AfD beläuft sich dieser Wert auf 19 %. Weitergehend sind sie zu 13 % politisch interessierter und gehen im Vergleich zu den westdeutschen AfD-Wähler*Innen und Wählenden anderer Parteien weniger davon aus, dass Parteien nur Wählerstimmen generieren wollen.

Eine reine ökonomische Variable lässt den Erfolg der AfD also nicht hinreichend, jedoch begingt erklären, Tendenzen, dass Wähler der unteren Einkommensklasse -die der Globalisie- rungsverlierer- vermehrt die AfD wählen, sind besonders in Westdeutschland zu beobachten. Ein höherer Wert wird hingegen der (Schul-) Bildung im Zusammenhang mit der individuellen und gesamt eher pessimistisch gesehenen Wirtschaftsentwicklung zugesprochen. 57 % der AfD-Wählenden zählen sich zur Unter- oder Mittelschicht und haben einen geringen oder mitt- leren Bildungsnachweis, was wiederum in einem „offenen globalen Markt“ die wirtschaftlichen „Abstiegsängste der Mitte“ und die daraus resultierende Unzufriedenheit mit der Politik erklä- ren kann. Bildung bzw. Bildungsnachweise in einem „globalen Markt“ können demnach als mit der Ausbildung kosmopolitischer und kommunitaristischer Wertevorstellungen korrelierte, begründet werden. Demnach fällt es den Kosmopoliten auch leichter sich universalistischen Wertvorstellungen, -„kulturellem Kapital“- anzunähern, welches über national- politische, rechtliche und ökonomische Einstellungen hinausgeht, da sich die Identität eines „Weltbürger“ im Kontext globaler Ebenen erstreckt.

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Details

Seiten
30
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346205735
ISBN (Buch)
9783346205742
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906966
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Schlagworte
ausdruck betrachtung cleavage debatte eine erfolg lässt spaltung

Autor

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Titel: Lässt sich der Erfolg der AfD als Ausdruck einer neuen gesellschaftlichen und kulturellen Spaltung begreifen?