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Bildungssystem und Arbeitsmarkt

Bestandsaufnahme und Herausforderungen anhand ausgewählter Aspekte

Essay 2018 8 Seiten

Arbeitswissenschaft / Ergonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Passungsprobleme

3. Das Übergangssystem

4. Durchlässigkeit

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Deutschland ist international für seine qualitativ hochwertige Bildung bekannt. Insbesondere das duale Ausbildungssystem wird weltweit geachtet und geschätzt. Durch den stetigen Wandel, gesellschaftliche Veränderungen sowie wachsende Anforderungen an zukünftige Arbeitnehmer zeigen sich jedoch deutliche Schwächen dieses Systems (vgl. BMBF 2018, S. 10). Auf drei ausgewählte Problemfelder soll in dieser Arbeit näher eingegangen werden.

2. Passungsprobleme

Die Passungsproblematik auf dem Ausbildungsmarkt ist dabei nur eine der zahlreichen Herausforderungen. Dieses Phänomen bezeichnet das Auftreten von Besetzungsschwierigkeiten der freien Ausbildungsplätze bei einem gleichzeitigen Versorgungsproblem der BewerberInnen (vgl. Matthes et al. 2014, S. 1). In den letzten Jahren scheint sich ein steigender Trend dieses Phänomens beobachten zu lassen. Während 2009 lediglich 3,3% der Ausbildungsstellen unbesetzt blieben, stieg dieser Wert bis letztes Jahr kontinuierlich auf 8,8% an. 2017 kamen auf 805.794 institutionell erfasste Ausbildungsinteressierte 572.226 freie Ausbildungsplätze. Trotzdem pendelt sich der Anteil derer, die ohne Ausbildungsplatz bleiben jährlich bei etwa 13% ein (vgl. BIBB 2018, S.1). Diese Zahlen zeigen, dass in Deutschland sowohl ein Besetzung- als auch ein Versorgungsproblem vorliegt.

Bei den Versorgungsproblemen zeichnen sich deutlich regionale Unterschiede ab. Dabei spielen eine Ost-Westlage, sowie die vorherrschende Arbeitsmarktlage eine große Rolle. Vergleicht man den Anteil der unbesetzten betrieblichen Ausbildungsplatzangebote mit dem Anteil der erfolglosen Ausbildungsplatznachfrager zeigt sich, dass „ein ausgeglichenes Nachfrage-Angebots-Verhältnis (…) am ehesten in großstädtischen Zentren Westdeutschlands mit günstiger Arbeits- marktlage und hoher Dynamik anzutreffen“ (Krone 2010, S. 22) ist. In ostdeutschen Regionen, sowie Regionen mit einer erhöhten Arbeitslosenquote stehen die Chancen auf einen Ausbildungsplatz demnach schlechter (vgl. Krone 2010, S. 22).

Ein weiterer Grund für das Versorgungsproblem stellt die Qualität des absolvierten Abschlusses dar. Obwohl ein Schulabschluss keine zwingende Voraussetzung zur Aufnahme einer Berufsausbildung darstellt, zeigen sich deutliche Unterschiede, wie wahrscheinlich der Übergang in ein Ausbildungsverhältnis nach Schulabschluss ist (Tabelle 1).

Tabelle 1 Übergang in eine Berufsausbildung nach Schulabschluss (eigene Darstellung, vgl.BMBF 2018, S. 50)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Über die Hälfte der Auszubildenden, welche 2016 einen Ausbildungsvertrag unterschrieben, verfügten über einen Realschul- oder höherwertigen Schulabschluss. Ein Viertel der neuen Auszubildenden verfügten über einen Hauptschulabschluss. Nur etwa 3% gelang der Übergang in ein Ausbildungsverhältnis ohne Schulabschluss (vgl. BMBF 2018, S. 50).

Neben der Gruppe der Jugendlichen ohne Schulabschluss fällt es auch der Gruppe der sogenannten AltbewerberInnnen (BewerberInnen, die sich mindestens schon einmal für einen Ausbildungsplatz beworben haben) schwer den Übergang in ein Ausbildungsverhältnis zu schaffen. 2008 waren mit 52,4% über die Hälfte aller erfassten BewerberInnen dieser Gruppe zuzuordnen. In den letzten Jahren konnte die Zahl der AltbewerberInnen allerdings deutlich gesenkt werden. Wurden 2008 noch 320.450 AltbewerberInnen gemeldet (vgl. BMBF 2009, S. 19), sank die Zahl 2016 auf 185.200 (vgl. BMBF 2017, S. 9).

3. Das Übergangssystem

Misslingt Schulabgängern der direkte Übergang nach Schulende in ein Ausbildungsverhältnis bietet das deutsche Berufsbildungssystem eine Vielzahl an Alternativen. Berufsschulische Bildungsgänge, berufsvorbereitenden Maßnahmen oder Einstiegsqualifizierungen sind nur Beispiele für das Angebot des sogenannten Übergangssystems (vgl. Krone 2010, S. 24). Was auf den ersten Blick als sinnvolle Einrichtung für erfolglose BewerberInnen scheint, bezeichnet Krone (2010) treffend als „eine Vielzahl an schulischen Bildungswegen und Maßnahmen, die bezüglich der Voraussetzungen, der Inhalte sowie der Abschlüsse sehr unterschiedlich angelegt sind. Gemeinsam ist ihnen eigentlich nur der Tatbestand, dass sie alle nicht zu einem anerkannten beruflichen Abschluss führen“ (Krone 2010, S. 23). Damit fasst Krone die größten Probleme des Übergangssystems in wenige Worte zusammen. Die - inhaltliche wie institutionelle - Heterogenität der berufsbildenden Maßnahmen schadet der Übersichtlichkeit und Struktur dieses Systems und erschwert Jugendlichen eine zielgerichtete Berufsplanung (vgl. Krone 2010; S. 23).

Ein fehlender qualitativ hochwertiger Abschluss, sowie mangelnde Strukturen aus dem System heraus lässt an der Sinnhaftigkeit der Maßnahmen zweifeln. Für viele Jugendliche wird somit aus dem Übergang eine demotivierende Warteschleife (vgl. Krone 2010, S. 25). Insbesondere Jugendliche mit einem niedrigen oder ohne Schulabschluss haben es schwer, einen Weg aus dem System zu finden. Die BIBB-Übergangsstudie von 2011 zeigt, dass etwa 14 Monate nach Aufnahme einer ersten Übergangsmaßnahme 70% der Schüler mit (Fach)-Hochschulreife in ein Ausbildungsverhältnis mündeten, während bei Schülern mit Hauptschulabschluss nur die Hälfte, bei Schülern ohne Schulabschluss nicht einmal 30% in ein Ausbildungsverhältnis übernommen wurden (vgl. BIBB 2011). Betrachtet man die Zahlen der AnfängerInnen im Übergangsbereich (Tabelle 2) lässt sich seit 2014 wieder ein deutlicher Anstieg betrachteten (vgl. BMBF 2017, S. 62). Bei einer Betrachtung der Statistik sollte jedoch berücksichtigt werden, dass 2016 die Zahl der AnfängerInnen im Übergangssystem mit 298.781 zwar deutlich über dem Vorjahreswert von 266.194 lag, dieser Anstieg von 12,2% allerdings im Wesentlichen darauf zurückzuführen ist, dass im Übergangssystem Deutschkurse für jugendliche Flüchtlinge und Zuwanderer angeboten und dementsprechend stark nachgefragt werden (vgl. BMBF 2017, S. 60).

Tabelle 2: AngfängerInnen im Übergangssystem 2010 bis 2016 (eigenen Darstellung, vgl. BMBF 2017, S. 62)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4. Durchlässigkeit

Historisch bedingt hat das allgemeine und berufliche Bildungssystem in Deutschland zahlreiche Möglichkeiten verschiedenster Bildungsgänge und -stufen hervorgebracht. Um diese Bildungsstrukturen und Ausbildungswege miteinander zu vernetzen und in Beziehung zu setzten wird seit Jahren an deren „Durchlässigkeit“ gearbeitet. Ziel ist es eine „individuelle Bildungsmobilität“ (Frommberger 2009, S. 1) zu ermöglichen. Die Durchlässigkeitsdebatte bezieht sich zum einen auf die vorherrschende starke Trennung der einzelnen Säulen der Berufsbildung, vor allem jedoch auf die notwendige Verbindung zwischen dem dualen und akademischen Bildungssektor. Bisher nutzt lediglich ein Bruchteil der Auszubildenden die Möglichkeit mit ihrer beruflichen Qualifikation ein Hochschulstudium aufzunehmen. Im Wintersemester 2006/07 begannen lediglich 1,9% der StudienanfängerInnen über den dritten Bildungsweg, also durch ihre berufliche Qualifizierung, ein Fachhochschulstudium. An den Universitäten lag der Wert bei 0,6% (vgl. Autorengruppe Berichterstattung 2008, S. 176). Mithilfe verschiedener Programme und Maßnahmen wurde und wird versucht den Übergang nach Ausbildungsende an eine Hochschule einfacher und attraktiver zu gestalten (vgl. Krone 2010, S. 32). Aber auch in umgekehrter Richtung kann Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung von Vorteil sein. Für StudienabbrecherInnen kann eine duale Ausbildung eine attraktive Möglichkeit darstellen, wenn ihnen signalisiert wird, dass dies weder ein sozialer noch qualitativer „Abstieg“ ist. Gleichzeitig profitieren die Betriebe von StudienabbrecherInnen, welche meist ein entsprechendes Vorwissen mit in die Ausbildung bringen (vgl. BMBF 2017, S. 73).

Im Zuge der Durchlässigkeit wird häufig der in Deutschland gefürchtete Fachkräftemangel genannt. Diesem könnte man mit einem flexiblen Bildungssystem effektiv entgegenwirken. Können einmal erworbenen Kenntnisse und Qualifikationen mithilfe eines funktionierenden Anrechnungssystems in einen anderen Bildungsgang übernommen werden, ermöglicht dies eine noch tiefergehende, qualitativ hochwertigere Ausbildung (vlg. Krone 2010, S. 33). Als weiteren positiven Effekt ist neben der individuellen Bildungsmobilität auch die damit einhergehende soziale Mobilität zu nennen, welche „als Chance der sozialen Integration und des Aufstiegs“ (Frommberger 2009, S. 1) einen auch in Zukunft immer wichtiger werdenden Faktor darstellt.

5. Fazit

Besetzungsschwierigkeiten von Ausbildungsstellen bei einem gleichzeitigen Versorgungsproblem der BewerberInnen bilden zum einen den nach wie vor bestehenden Konflikt zwischen Ost und West-Deutschland ab, sowie die Problematik insbesondere Jugendliche ohne oder mit geringwertigem Schulabschluss in ein Ausbildungsverhältnis zu vermitteln. Hierbei besteht die Herausforderung zum einen darin, Jugendliche in der Schule bestmöglich auf eine betriebliche Ausbildung vorzubereiten, sowie bei Ausbildungsbetrieben Anreize zu schaffen, um ein Gleichgewicht bei Angebot-und-Nachfrage herstellen zu können (vgl. Krone 2010, S. 31).

Für diejenigen, die es nicht direkt in ein Ausbildungsverhältnis schaffen, sollte das Übergangssystem eine möglichst kurze Station im individuellen Bildungsweg darstellen. Trotz der sehr kritischen Betrachtung des Übergangssystems ist der eigentliche Gedanke, Übergänge zu schaffen, sinnvoll und wichtig (vgl. Krone 2010, S. 25). Das System muss allerdings noch effektivere Maßnahmen und vor allem Transparenz und Struktur aufweisen, damit möglichst viele den erfolgreichen Übergang in eine Ausbildung oder einen anderen weiterführenden Bildungsweg schaffen. Ein erster Schritt könnte sein „die Vielfalt der Träger sowie die daraus resultierende Vielfalt der Inhalte (…) zu reduzieren und auf die Ausbildungsinhalte der betrieblichen bzw. vollzeitschulischen Ausbildung zu beziehen“ (Krone 2010, S. 27).

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Details

Seiten
8
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346220721
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v907821
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
Bildungssystem Arbeitsmarkt Übergangssyste Durchlässigkeit
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Titel: Bildungssystem und Arbeitsmarkt