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Amerikanisierung der Politik durch die Medien? Das Zusammenspiel von Publizistik und Politik unter systemtheoretischer Perspektive.

Diplomarbeit 2000 131 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis:

Einleitung

Kapitel 1 : Systemtheoretischer Ansatz
1.1 Das Verständnis von Systemen – Grundbegriffe der Systhemtheorie
1.1.1 Komplexität und Kontingenz
1.1.2 Sinn und Grenzen
1.1.3 Codierung und Programmierung
1.1.4 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien
1.2 Funktionale Differenzierung und die Teilsysteme Politik und Publizistik
1.2.1 Theorie funktional differenzierter Teilsysteme:
1.2.2 Modernisierung als Umstellung der Differenzierungsform:
1.2.3 Aus- und Binnendifferenzierungen:
1.3 Systembeiträge und Interdependenz
1.3.1 Funktionen und Leistungen:
1.3.2 Interdependenzen:
1.3.3 Steuerungsmedien – Publizität als Währung:

Kapitel 2 : Tendenzen in Gegenwartsgesellschaften
2.1 Versuch einer Lagebeschreibung
2.1.1 Moderne als Epoche der Entfaltung und Entgrenzung von Kommunikation:
2.1.2 Amerikanisierung als Zeitdiagnose:
2.2 Aufmerksamkeitsökonomie
2.2.1 Relevanzsteigerung von Publizistik, Werbung und Public Relations:
2.2.2 Gesellschaftliche Tauschmärkte:
Exkurs: Von Gauklern und Stars

Kapitel 3 : Intersystembeziehungen von Politik und Publizistik
3.1 Konsequenzen struktureller Kopplung
3.1.1 Darstellungszwänge und Camouflage:
3.1.2 Politische Kommunikation
3.2 Wahlkampf als Versuch, Anschlußkommunikation zu erzeugen
3.2.1 Resonanz
3.2.2 Der Transformationsprozeß von Geschenken

Schlußbetrachtung: Amerikanisierung – Resümee eines Mißverständnisses?

Literaturliste

Anhang Abbildungen

Abbildungsverzeichnis

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Abkürzungsverzeichnis

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Einleitung

Eines der hervorstechenden Merkmale der Politik in der Demokratie ist ihr Mitteilungsreichtum: Politik hat mit Kommunikation zu tun. In plural verfaßten Gemeinwesen offenbart sich dieser Umstand traditionell in Form von Diskussionen, die in meist öffentlicher Form Kontroversen artikulieren, dabei durch Rede und Gegenrede, sowie durch den Redner selbst, verschiedenen Positionen ein Gesicht verleihen und so den Diskurs zu einer tragenden Säule der politischen Kultur institutionalisiert haben. Disputation ist somit die idealtypische (politische) Erscheinungsform von Rationalität (MÜNCH, 1986). Moderne Demokratien sind Verhandlungsdemokratien und daher sind es die Kommunikationen im öffentlichen Raum, die das Fundament des Politischen bilden. Dies gilt um so mehr, als wir es mit einer Ordnung zu tun haben, bei der die Geschicke Aller nicht vom Handeln Einzelner abhängen, sondern von einem fortwährenden Handlungs- und Kommunikationengeflecht verschiedener Akteure - auch und gerade korporativer Akteure.

Die Geschichte des kommunikativen, diskursiven Gemeinwesens reicht bis in die Antike zurück. Es war Solon von Athen, der um 594 v.Chr. als erster den Gedanken der Gesamtverantwortung der Bürgerschaft für das Ganze, die Polis, in einen reformierten Verfassungsentwurf zur Neuordnung Athens einbrachte.[1] Zur Erlangung dieses Antrags, zur Begründung seiner Maßnahmen und zu ihrer späteren Rechtfertigung, hat sich Solon unmittelbar an die gesamte Bürgerschaft gewendet. „Er tat dies mittels Gedichten (Elegien), die er auf der Agora vortrug; beim ersten Mal erreichte er die Aufmerksamkeit für dieses (...) Verfahren, indem er sich als wahnsinnig gewordener Herold präsentierte“ (NIPPEL, 1991, S.19). Solon gelang noch eine direkte Vermittlung gesellschaftsimmanenter Zusammenhänge, ein Umstand, der sich grundlegend gewandelt hat: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ (LUHMANN, 1996, S.9). Heutzutage kann man sich noch nicht einmal über Politik streiten, ohne die Komponente ihrer Vermittlung zumindest implizit zu berücksichtigen, denn bereits das strittige Thema oder der mit einem Thema verbundene Politiker - und selbst diese Zuordnung wurde meist massenmedial vermittelt - stellen eine Art Sekundärerfahrung des kollektiven Gedächtnisses dar. Die Bilder und Vorstellungen, die wir heute vom politischen Leben und seinen Akteuren haben, stammen meist nicht aus eigener Anschauung, sondern eher vom Zu-schauen, vom Rezipieren eines journalistischen Beitrags in Rundfunk und Presse.

Tauscht man sich im Alltag über Politik aus, so sind die gemeinsamen Wissensvorräte, die diese Kommunikation erst ermöglichen, in der Regel auch vermittelte Sinnbestände – Rezeptionsergebnisse aus der Publizistik. Gleiches gilt für ein beliebiges Sport- oder Kulturereignis ebenso, wie für Naturkatastrophen oder Börsenkurse.

Hinzu tritt bei der Politik das Problem der Abstraktheit des Gegenstandes, denn das Politische ist seinem Wesen nach nicht direkt zugänglich, weder als Struktur, noch als Prozeß. Ähnlich wie die Idee des Staates, bleibt das „Ding an sich“ sowohl inhaltlich als auch räumlich den Menschen fern, es bedarf daher der Vermittlung und der Übermittlung. Selbst die Akteure aus Fleisch und Blut, die Politiker, haben sich als reale Personen seit den Zeiten Solons unserem Blick und unserem Ohr entzogen - ausgenommen wir sitzen gerade auf der Zuschauertribüne eines Plenarsaales oder verfolgen eine Wahlkampfveranstaltung in räumlicher Kopräsenz „live“ mit. Die Agora der griechischen Polis ist aus unserer Welt ebenso verschwunden, wie der klassische Bote - die modernen Massenmedien sind hinzugetreten. Sie haben die öffentliche Kommunikation der antiken Foren in den Privatbereich des Haushalts geholt, mit Radio und Fernsehen gleichsam elektronische Foren geschaffen, die im Vergleich zu den antiken Vorbildern jedoch ungleich geringere Feedbackchancen eröffneten[2] - „Entscheidendes Charakteristikum heutiger öffentlicher Kommunikation ist ihre institutionalisierte Unpersönlichkeit“ (RÜHL, 1980, S.243). Die modernen Massenmedien bedingen wohl auch den Verlust an Unmittelbarkeit und Sinneserfahrung, sind jedoch kaum ursächlich dafür. Es ist vielmehr die allgemeine Entwicklung hin zur Neuzeit, u.a. sind zu nennen der Flächenstaat und die moderne „wissenschaftlich-technische Zivilisation“ (RONNEBERGER, 1978[a]) als Massengesellschaft, die eine generelle Mittelbarkeit von Erleben und Erfahrung bedingen - eine „time-space-distanciation“ – wie etwa GIDDENS (1990) meint, als Ausdruck gesellschaftlicher Modernität. Fest steht also: „Ein großer Teil des politischen Handelns ist heute öffentliche Kommunikation“ (MÜNCH, 1992). Auf Politik kann man daher kaum eingehen, ohne das Mediensystem, die Publizistik zu berücksichtigen und umgekehrt. Der kleinste gemeinsame Nenner lautet daher zunächst: Es besteht eine Beziehung. Von welcher Art und Beschaffenheit dieser Zusammenhang ist, soll diese Arbeit untersuchen.

Als Themen und Forschungsfelder sind Politik und Kommunikation aufgrund der gesellschaftlichen Relevanz dieser Beziehung und v.a. durch die Expansion der Massenmedien und ihren Wandel unter dem Titel „politische Kommunikation“ zu einem stark beachteten Gegenstand gerade der Kommunikationswissenschaft geworden.

Der Zugang zur Erforschung der Zusammenhänge von Politik und Kommunikation läuft dabei meistens auf zwei Grundfragen hinaus:

1) Auf welche Weise bestimmt Kommunikation den politischen Prozeß?
2) Auf welche Weise bestimmt Politik die gesellschaftliche Kommunikation? (SCHULZ, 1991).

Beiden Positionen gemeinsam ist, daß unter Kommunikation meistens öffentliche Kommunikation, also Massenkommunikation mit publizistischen Medien, verstanden wird. Außerdem wird bei beiden Zugangsweisen ein jeweils unterschiedliches Abhängigkeits- oder Determinierungsverhältnis unterstellt, gewissermaßen ein Beziehungsgefälle der gegenseitigen Einflußnahme.[3] Unbeachtet bleibt bei einer solchen a priori Schwerpunktlegung meist die neutrale Position als mögliche dritte Konfiguration und Zugangsweise. Diese wird repräsentiert von der theoretischen Konzeption nicht-hierarchischer, getrennter und funktional differenter Teilsysteme von Gesellschaft und ihren spezifischen Leistungserbringungen füreinander. MARCINKOWSKI (1993) spricht von der Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels weg von mechanistischen Beeinflussungsmodellen gesellschaftlicher Teilbereiche durch hierarchische Steuerung, hin zu der modifizierten Sichtweise gesellschaftlicher Selbststeuerung, wie sie von der neueren Systemtheorie repräsentiert wird.

Mit der Wahl einer makroperspektivischen, systemtheoretischen Perspektive auf das Zusammenspiel von Publizistik und Politik, soll somit auch eine unvoreingenommene theoretische Position eingenommen werden.

Zahlreiche, oft schlagwortartige Termini, teils in Form von Buchtiteln, kennzeichnen die Analyse dieses so interessanten Verhältnisses. Sie reichen von neutraler „Politischer Kommunikation“ (SCHULZ, 1997), über „Mediatisierung“ (KAASE, 1998), und „Symbolische Politik“ (SARCINELLI, 1987), bis zur „Amerikanisierung“ (RADUNSKI 1996; Fluck 1998, HARDT 1998, WENZEL 1998, PLASSER 2000, u.a.). Gerade dieses Etikett der „Amerikanisierung“ erlebte in jüngster Zeit, auch in der nicht-wissenschaftlichen Diskussion, eine enorme Begriffskarrière, wobei der Bedeutungsgehalt zwischen Schlagwort und Konzeption höchst unterschiedlich definiert wird (PLASSER, 2000). Es war namentlich der Bundestagswahlkampf im Herbst 1998, besonders die Art und Weise, wie er geführt und gewonnen wurde, und auch die Person Gerhard Schröders, die die Rede vom „Medienkanzler“, vom „Wahlkampf neuen Typs“ und auch von der „Amerikanisierung“ brachte. Dabei blieben Begriffsbestimmung und Begriffsgeschichte denkbar unscharf - es war, als sei eine lediglich intuitiv erfühlte Andersartigkeit im politischen Gebahren, mit einem ebenso exotischen Begriff belegt worden. Dabei wurde und wird jedoch oftmals der Zusammenhang übersehen: Amerikanisierung hat irgendwie mit Amerika zu tun! Die Frage ist nur: In welcher Weise? Amerika als Vorbild? Dies gilt bereits seit 1949 für die gesamte Bundesrepublik als Staat mit Westbindung ebenso, wie für ihre Politiker. Eine schlichte Sicht der Dinge könnte so zu dem Ergebnis kommen: Von Amerika lernen, heißt siegen lernen! Getreu diesem Motto sind auch alle deutschen Wahlkämpfer seit Konrad Adenauer im Vorfeld der Wahl nach Amerika, sprich nach Washington gepilgert, um sich Rat, Unterstützung und nicht zuletzt Medienbeachtung zu holen. Es war nicht erst Gerhard Schröder und sein Team, die ein professionelles Kampagnenmanagement betrieben, bei dem die USA offensichtlich Vorläufer- und Vorbildfunktion hatten. Schon im Wahlkampf 1969 bereiste Willy Brandt mit seinen Beratern die USA, nicht nur zum Händeschütteln, sondern um den dortigen Medieneinsatz und die Wahlkampforganisation zu studieren und nutzbar zu machen. Die Personalisierungsstrategie auf die Person des Kanzlers im Wahlkampf und 1972 die „Willy wählen!“ – Kampagne mit dem Slogan „Willy Brandt muß Kanzler bleiben“ (TOMAN-BANKE, 1996, S.245) waren konkrete Ergebnisse dieser Bemühungen – der Wahlsieg ein mögliches.

Also: Wenn Amerikanisierung ein in der oben skizzierten Art gemeinter, einfacher Zusammenhang sein soll, ist er jedenfalls nicht neu! Es darf jedoch vermutet werden, daß sich dahinter mehr verbirgt, handelt es sich doch bei unserem Schlagwort um einen ei- gentlich etwas angestaubten Kampfbegriff – einen kulturkämpferischen und damit tendenziösen, der ähnlich unterschwellige Assoziationen zu transportieren vermochte, wie sein vergessenes Gegenstück, die „Sowjetisierung“ zu Zeiten des Kalten Krieges (DUDEN, 1982). Doch anders als letztere, kehrte die Amerikanisierung immer wieder in den journalistisch-politischen Diskurs zurück, erlebte gleichsam einen subtilen Inhaltswandel - die Landtagswahl vom 14. Mai 2000 in Nordrhein-Westfalen machte da keine Ausnahme. Die enormen Stimmengewinne der F.D.P. und der Wahlkampf ihres Spitzenkandidaten Jürgen Möllemann, entzündeten die Diskussion um Themen, Personen, Inhalte und Aufbereitung erneut unter dem liebgewordenen Sammelbegriff (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 20.5.2000).[4] Eigentlich eher ein begriffliches Sammelsurium, was hierbei alles gemeint sein soll: Von Professionalisierung, Modernisierung, Personalisierung, Emotionalisierung, Entideologisierung und Inszenierung ist die Rede, man kann es sich „passend“ heraussuchen. Es drängt sich die Frage auf, ob analog zu Begriffs- und Bedeutungswandel der Amerikanisierung nicht auch Politik einen substanziellen Wandel durchlebt hat: Wenn etwa der stellvertretende nordrheinwestfälische Ministerpräsident Michael Vesper nach den herben Stimmenverlusten seiner Partei „Bündnis 90-die Grünen“ bei den Landtagswahlen fordert, man brauche „(...) bessere Performance, bessere Leitbilder und Botschaften (...)“ (ZDF heute-journal vom 16.5.2000), so läßt sich dies auch als eine Entwicklung von Programmatik zu Pragmatik deuten – und zwar einer medialen. Kündigt sich in den Vollzügen der Politik ein subtiler gesellschaftlicher Paradigmenwechsel von Gehalt zu Gestalt oder von Introversion zu Extraversion unter den Bedingungen einer Informationsgesellschaft an?

Um dieser - weit mehr als nur begrifflichen - Unschärfe zu begegnen, soll mit dieser Arbeit zum Verhältnis der beiden Funktionssysteme Politik und Publizistik versucht werden, Klarheit zu schaffen und den vermeintlich oder vermutlich gemeinten Umstand, den der Modebegriff journalistischer und wissenschaftlicher Publizisten ausdrücken will, in einen systemtheoretischen Kontext zu stellen. Aus der Grundfrage nach dem „Wie“ des Zusammenspiels der beiden Funktionssysteme, ergibt sich auch eine präzisere Formulierung des Begriffs (oder gar Konzepts) der Amerikanisierung, die Einbettung in übergeordnete Zusammenhänge und die Antwort auf die durchaus interessante Frage: Wer „amerikanisiert“ hier eigentlich wen – (wenn überhaupt!)? Mithin Antworten auf die Frage nach Dominanz und/oder Autonomie im Zusammenspiel zwischen zwei so herausragenden Funktionssystemen der modernen Gesellschaft, wie es Politik und Publizistik sind.

Zur weiteren Vorgehensweise und zum Aufbau:

Bevor der Bezug zum Titel dieser Arbeit hergestellt werden kann und die Forschungsfragen vor dem Hintergrund der neueren Systemtheorie erörtert werden können, gilt es, im ersten Kapitel den Begriffsapparat zu klären, um so die Grundlage für das Verständnis von Funktionssystemen in differenzierten Gesellschaften zu umreißen. Die hier relevanten Teilsysteme Politik und Publizistik sollen dabei mit ihren Spezifika theoretisch nachgezeichnet werden.

Der theoretischen Fundierung schließt sich das zweite Kapitel an, welches Tendenzen gegenwärtiger Gesellschaften unter kommunikationswissenschaftlichem Blickwinkel zum Gegenstand hat. Beginnend mit dem Versuch einer Lagebeschreibung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Repräsentativität angesichts des Gegenstandes „Gesellschaft“, geht es hier um ein Stimmungsbild, einen Blick auf Kommunikation und Gegenwart. Der Begriff der Amerikanisierung wird hier wieder aufgegriffen und in einen größeren, neuen Zusammenhang gestellt, der zu einer Umdeutung und Erweiterung führt. Den eher makro-gesellschaftlichen Hintergründen folgt dann eine Spurensuche, die versucht, Publizistik unter veränderten Ausgangsbedingungen in einem neuen Licht aufzuzeigen: Fragen nach dem Wesen des gesellschaftlichen und v.a. publizistischen Tauschs, - danach, um was es bei einer Ökonomie des Informationszeitalters eigentlich geht, sowie die diesbezüglichen Folgen für Politik - stehen hier im Vordergrund. Ein Exkurs lenkt den Blick von Sozialsystemen weg, zu Menschen hin - ein Perspektivewechsel zu personalen Akteuren auf der medialen Bühne des Lebens: Es geht um Stars und ihre Bedeutung im Kontext von Massenmedien, Politik und Publikum. Das dritte Kapitel beinhaltet den Transfer der theoretisch gewonnenen Erkenntnisse auf die Intersystembeziehungen von Publizistik und Politik. Einer allgemeinen Analyse folgt die Fokussierung auf die Beispielsituation des Wahlkampfs. Ihn gilt es exemplarisch zu beschreiben, und so den erkenntnisstiftenden Bogen zur Beantwortung der Ausgangsfrage nach dem Verhältnis zweier Teilsysteme von Gesellschaft zu schließen. Eine zusammenfassende Schlußbetrachtung rundet diese Arbeit ab.

Der Grundgedanke der vorliegenden Diplomarbeit ist die Annahme, daß es zur Analyse zweier grundlegend verschiedener gesellschaftlicher Sphären, in der Phase offensichtlichen Wandels – erstens - einer theoretischen Zugangsweise bedarf, um Vorgänge in der Komplexität der Welt in eine handhabbare Modellvorstellung zu übersetzen und dadurch zum Verstehen eines Ausschnitts von Wirklichkeit beizutragen. Und – zweitens - es einer Makroperspektive bedarf, um jenes weite Feld, unter Opferung mancher Detailtreue, überhaupt zu überschauen. Jedoch: Die (Abstaktions-)Höhe der Betrachtung läßt tiefer blicken und tiefer denken und so vielleicht auch ein Stück weiter nach vorne sehen!

Mehr vielleicht auch, als die Standbilder und Momentaufnahmen, einer datenreichen, quantitativen Empirie.

Kapitel 1: Systemtheoretischer Ansatz

1.1 Das Verständnis von Systemen – Grundbegriffe der Systhemtheorie

Zunächst einige einführende Darlegungen zum Systembegriff, Systemen und Umwelt(en).

In der Umgangsprache begegnet man dem Systembegriff recht häufig, diese Allgegenwärtigkeit weist zugleich aber eine große Unspezifität auf. „Das Wort referiert keinen eindeutigen Sinn“, so LUHMANN (1987[a], S.15) in der Einführung von „Soziale Systeme“. Der Fremdwörterduden bietet als Übersetzung „Zusammenstellung, Prinzip, Ordnung, Plan“ an, was wohl am ehesten jenem Alltagsverständnis entspricht. Zusätzlich wird jedoch auch auf den Gefügecharakter verwiesen, auf „(...) eine Menge von Elementen, zwischen denen bestimmte Beziehungen bestehen (...)“ (DUDEN, 1982, S.745).

Eine Bestimmung, die schon etwas tiefer schürft, jedoch zu weit gefaßt erscheint, um den Systembegriff in sozialwissenschhaftlichem Kontext zu erfassen. Das „Lexikon zur Soziologie“ (FUCHS, 1988) füllt mit Einträgen zum Stichwort System sieben Seiten, ein besonderes Augenmerk muß sich also auf bestimmte Formen von Systemen richten, um den Begriff hinreichend zu klären. LUHMANN (1987[a]) nimmt folgende Einteilung vor, Systeme sind demnach: Maschinen, Organismen, psychische Systeme und soziale Systeme. Letztere werden auf einer weiteren Ebene aufgegliedert in: Gesellschaften, Organisationen und Interaktionen. Der Titel seines Hauptwerkes weist ebenfalls den Weg – es sind Sozialsysteme, um die es hier geht. Ein System grenzt einen Möglichkeitsbereich ab, etwas, auf das die Unterscheidung von „innen“ und „außen“ anwendbar ist. Ähnlich WILLKE, wenn er vorschlägt, als System einen ganzheitlichen Zusammenhang von Teilen zu bezeichnen, deren Beziehungen untereinander intensiver und produktiver sind, als ihre Beziehungen zu anderen Elementen (1993). Er verweist damit schon auf den Grundtatbestand, daß die Annahme des Bestehens von Systemen, auch die Annahme einer Differenz von System und Umwelt beinhaltet. Hierin liegt der „Letztbezug aller funktionalen Analyse“ (LUHMANN, 1987[a], S.242). Die Besonderheit sozialer Systeme liegt nun darin, nicht dinghaft-räumlich zu sein, sondern symbolisch-sinnhaft. Somit kann man sagen, ein soziales System ist ein Sinnzusammenhang von aufeinander verweisenden sozialen Handlungen, die sich von einer Umwelt abgrenzen (KNEER/NASSEHI, 1997). Diese Umwelt gibt es nicht schon an sich, sondern nur in bezug auf etwas, z.B. ein System. Umwelten sind hingegen zu unterscheiden und zwar in Systemumwelten und Nicht-Systemumwelten, sinnhafte (also sinnverwendende) und nicht-sinnhafte (also nicht-sinnverwendende) Systemumwelten. Desweiteren ist prozedural zu unterscheiden zwischen den Beziehungen eines Systems zu seiner System umwelt allgemein (als dem abstrakten Anderen) und derer zu Systemen in seiner Umwelt (als dem sich selbst bestimmenden Anderen) (KRAUSE, 1999). „Jedes System nimmt nur sich aus der Umwelt aus. Daher ist die Umwelt eines jeden Systems eine verschiedene. (...) Sie ist keine operationsfähige Einheit, sie kann das System nicht wahrnehmen, nicht behandeln, nicht beinflussen. (...) Die Umwelt ist einfach »alles andere«“ (LUHMANN, 1987[a], S.249).

Die Beschreibung sozialer Systeme als autopoietisch ist ein Merkmal der neueren Systemtherie, die eine ursprünglich biologische Kategorie der selbstreproduzierenden Operationsweise lebender Organismen aufgreift und auf soziale Systeme überträgt. Der Bezug liegt in der Selbstreferenz der Operationen eines Systems und impliziert eine umweltunabhängige Tiefenstruktur der kontinuierlichen, gegenwärtigen Selbststeuerung (WILLKE, 1996). Autopoietische Systeme erzeugen die Elemente, aus denen sie bestehen, durch Verknüpfungen zwischen den Elementen, aus denen sie bestehen. Diese Letztelemente sind Kommunikationen (KRAUSE, 1999).

1.1.1 Komplexität und Kontingenz

Komplex ist die Welt, weil sie ereignishaft und ereignisreich ist (RÜHL, 1980). Komplexität ist zunächst die Gesamtheit der Möglichkeiten. Weltkomplexität bezeichnet eine äußerste Grenze: Die Grenze alles Möglichen. All dieses ist nur möglich in der Welt. Komplexität ist somit ein Weltproblem, auf das hin sich Möglichkeiten der Problemlösung aufdrängen. Weil das menschliche Vermögen zur Erfassung der Weltkomplexität nicht ausreicht, klafft eine Verarbeitungslücke zwischen unbestimmter Komplexität der Welt und begrenzter Verarbeitungskapazität des Menschen.[5] An dieser Stelle treten soziale Systeme in Funktion, indem sie zwischen Weltkomplexität und menschlicher Komplexitätsverarbeitungskapazität vermitteln. Dies geschieht durch Sy- stembildung, welche zunächst nur „Inseln geringerer Komplexität“ schafft (KNEER/NASSEHI, 1997, S.41) und so ein Komplexitätsgefälle stabilisiert, durch Abbau der möglichen Ereignisse und Zustände des Äußern, im Innern. Nur sehr wenig von dem, was möglich ist und wäre, wird in einem sozialen System auch zugelassen – die Umwelt ist stets komplexer als das System: „Komplexität (...) heißt Selektionszwang, Selektionszwang heißt Kontingenz, (...) heißt Risiko“ (LUHMANN, 1987[a], S.47). Der Kontingenz begriff wird gewonnen durch Ausschluß von Notwendigkeit und Unmöglichkeit - „Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist, (...) im Hinblick auf mögliches Anderssein, (...) im Horizont möglicher Abwandlungen“ (DERS., ebd., S.152). Sozusagen „possible worlds“ (ebd., S.152) in der Gegebenen, die durch codemäßige Selektion auf Möglichkeitenintervalle eine Kontingenzeinschränkung erfahren. Kontingenz bezeichnet somit das Maß an Freiheitsgraden der Selbststeuerung von sozialen Systemen, inwieweit ein System auf spezifische Art so - oder anders - beobachten, selegieren und entscheiden kann (WILLKE, 1996).

1.1.2 Sinn und Grenzen

Sinn ermöglicht eine Erfassung und Reduktion von Komlexität, indem er auf (frühere, bekannte) Sinnbestände verweist, auf „identifizierbare Erwartungsstrukturen“ (RONNEBERGER/RÜHL, 1992). Sinn ist somit selbstreferentiell. Als Simultan-Präsentation von Wirklichem und Möglichem, die Einheit der Differenz von Aktualität und Possibilität (KRAUSE, 1999), legt Sinn stets bestimmte Anschlußmöglichkeiten nahe, Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Handelns und Erlebens (LUHMANN, 1987[a]). Dadurch, daß der Sinn eine Orientierung des Handelns ermöglicht, vollbringt er eine wichtige Selektionsleistung: Sinnloses wird von Sinnvollem geschieden. Die andere wichtige Leistung ist die der Differenzierung zwischen Innen und Außen, zugehörig und nicht-zugehörig, womit sich das System als „Sinnprovinz“ begrenzt und konstituiert. Sinn als Steuerungskriterium begrenzt und ordnet, ist mithin eine Ordnungsform der Welt, ein „Universalmedium“ (KRAUSE, 1999) und eine Verarbeitungsform von Weltkomplexität, die Grenzen schafft, denn Sinn ist immer systemspezifisch (WILLKE, 1993; KNEER/NASSEHI, 1997).

Demzufolge ist die System grenze neben der Unterscheidungsfunktion zugehörig/nicht-zugehörig, zunächst nur die Markierung eines Komplexitätsgefälles. Die Aussage „Der Sinn von Grenzen liegt in der Begrenzung von Sinn“ (WILLKE, 1993, S.44), deutet darauf hin, daß es sich bei den Systemgrenzen in erster Linie um prozedurale Selektionsmechanismen handelt, die eine erste Reduktion leisten und so durch Stabilisierung der bestehenden Innen-/Außen-Differenz der System-Umwelt-Relation das System erhalten. Diese Reduktion von Komplexität durch Systemgrenzen führt zwangsläufig dazu, daß, gemessen an den jeweils spezifischen Selektionskriterien, nur bestimmte Umwelten systemrelevant sind. Doch bedingen Grenzen auch stets ein „dahinter“ und haben somit auch die Doppelfunktion der Trennung und Verbindung von System und Umwelt (LUHMANN, 1987[a]). „Eine Grenze trennt also Elemente, nicht notwendigerweise auch Relationen; sie trennt Ereignisse, aber kausale Wirkungen läßt sie passieren“ (DERS., ebd., S.52).

Diese koordinierende Selektion begründet gleichzeitig das Prinzip operativer Geschlossenheit, beruhend auf Selbstreferenz innerhalb des durch die Systemgrenzen eingeschlossenen Bereichs (WILLKE, 1993).

1.1.3 Codierung und Programmierung

Selektionsmechanismus aller Operationen ist der binäre Code des sozialen Systems. Die Tiefensteuerung, eine strikte, zweiwertige Leitdifferenz zur Erzeugung von Unterscheidungen (KRAUSE, 1999), wobei die Alternativen einander komplementär sind und Drittes ausschließen (KNEER/NASSEHI, 1997). Diese binären Codes sind nicht Teil des Systems oder seiner Grenze, sie sind die eigentlichen Konstituenten eines Teilsystems als soziales System (DIES., ebd.), quasi ein „Raster im Hintergrund“ zur Entscheidungsunterlage (BLÖBAUM, 1994, S.273).

Mit anderen Worten, Codierung sorgt für operative Schließung, indem durch die ausschließliche Zweiwertigkeit der Leitunterscheidung eine Welt innerhalb der Werte dieser Unterscheidung aufgespannt wird, in der nichts anderes vorkommt, als das, was innerhalb dieser Unterscheidung Platz hat. Operative Geschlossenheit bedeutet Selbstreferentialität: „Das System erzeugt sich als eine Form, die eine Innenseite, das System, und eine Außenseite, die Umwelt, trennt; und die Innenseite der Form ist die Seite, auf der allein die Operationen sich selbst reproduzieren können, die die Form, die Differenz, das System produzieren“ (LUHMANN, 1995[a], S.12). Sorgen die Operationscodes für die Schließung eines sozialen Systems, so gewährleisten Programme die Offenheit und stellen somit eine wichtige Voraussetzung für die offen-geschlossene Systemkonzeption dar. Programme versorgen soziale Systeme mit Regeln zulässigen Kommunizierens, stellen somit inhaltliche Vorgaben für die codegeführten Operationen dar (KRAUSE, 1999). Indem sinnhafte Ereignisse den positiven Codewerten zugewiesen werden und so Anschlußfähigkeit gesichert wird, verwandeln Programme die Codes in symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien (DERS:, ebd.). Programmierung ist grundsätzlich als Selbstprogrammierung gedacht, die es dem System ermöglicht, externe Begebenheiten in Betracht zu ziehen, Freiheitsgrade des Entscheidens zu erzielen (RÜHL, 1980), gewissermaßen der Wiedereintritt des (durch die schließenden Codes) ausgeschlossenen „Dritten“ (=Externen) in das System (KRAUSE, 1999).

1.1.4 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien

Unter Medien versteht LUHMANN allgemein „Diejenigen evolutionären Errungenschaften, die an jenen Bruchstellen der Kommunikation ansetzen und funktionsgenau dazu dienen, Unwahrscheinliches in Wahrscheinliches zu transformieren“ (1987[a], S.220). Als generalisiert werden diese Medien i.Ggs. zu Sprache oder Verbreitungsmedien wie Presse und Rundfunk bezeichnet, weil sie die Realisierung einer Vielheit verschiedenster kommunikativer Selektionen in einer Einheit (dem jeweiligen Medium) erlauben (KRAUSE, 1999). Symbolisch sind diese Medien, weil sie selbst die Einheit des Verschiedenen lediglich repräsentieren, so wie etwa das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium „Geld“ des ökonomischen Systems die Einheit der Differenz von Zahlung und Nichtzahlung repräsentiert, also der Vorgriff auf die Wahl zwischen Annahme und Ablehnung einer systemspezifischen Kommunikation. Das durch symbolisch generalisierte Medien bezeichnete läßt als Einheit einer Differenz den Operationscode mit seinem Wert und seinem Unwert - zahlen/nicht-zahlen – stets mitschwingen, der im Zeichen dieses Mediums präsentiert wird (KRAUSE, 1999). LUHMANN (1987[a]) nennt als Beispiele für symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien Wahrheit, Liebe, Geld, Macht, Recht und verweist damit über diese Medien zugleich auf verschiedene, funktional ausdifferenzierte Teilsysteme von Gesellschaft.[6] Das macht klar, daß diesen Medien neben ihrer Funktion als „Innenskelette“ (WILLKE, 1996) und Steuerungsmedien, auch der Nebeneffekt der Spezialisierung und damit Entlastung zukommt. Da funktional ausdifferenzierte Teilsysteme in ihren Leistungen voneinander abhängen, jedoch über ebenso funktional differenzierte Kommunikationsmedien verfügen, stellt sich das grundlegende Problem der Konvertibilität oder Übersetzbarkeit fremdmedial codierter Information in den systemeigenen Code.[7] Eine Interaktion zwischen Teilsystemen setzt mithin voraus, daß die jeweiligen systemspezifischen Kommunikationsmedien anschließbar sind (WILLKE, 1996).

1.2 Funktionale Differenzierung
und die Teilsysteme Politik und Publizistik

1.2.1 Theorie funktional differenzierter Teilsysteme:

„Mit Hilfe einer Theorie der Systemdifferenzierung kann man (...) sehen, daß jede Teilsystembildung nichts anderes ist, als ein neuer Ausdruck für die Einheit des Gesamtsystems“ (LUHMANN, 1990[b], S.204). Das Paradigma funktionaler Differenzierung, das heute von der Systemtheorie repräsentiert wird[8] (MAYNTZ, 1988), beschreibt die Ordnung des Gesamtsystems Gesellschaft, hervorgegangen durch Evolution im Sinne einer laufenden Abstimmung von Möglichkeiten. Ihre Kennzeichen liegen in der funktionalen Gleichheit ungleicher Systeme bei der Bearbeitung und Lösung gesellschaftlicher Problemfelder und in der an sich paradoxen Steigerung von Komplexität durch Reduktion von Komplexität (KRAUSE, 1999).

LUHMANN (1987) unterscheidet drei Typen sozialer Systeme, denen sich auch Ebenen steigender Komplexität zuweisen lassen. Auf der Mikroebene sind dies Interaktionen, die auf die Präsenz und Kopräsenz von Personen angewiesen sind. Als Organisationen werden Sozialsysteme auf der Mesoebene bezeichnet, die durch Mitgliedschaften gekennzeichnet sind und sich über Entscheidungstechniken reproduzieren. Auf der Makroebene findet sich schließlich Gesellschaft als umfassendstes Sozialsystem, welches sowohl Interaktion, als auch Organisation in sich vereinigt (KNEER/NASSEHI, 1997).

Gesellschaft ist für LUHMANN „(...) ein soziales System, das Kommunikationszusammenhänge ausdifferenziert und abgrenzt gegen eine Umwelt, die aus anderen Systemen (...) besteht.“ (1987[b], S.51). Also die Gesamtheit aller erwartbaren Kommunikationen, als ein hyperkomplexes Potential von aneinander anschließenden Kommunikationen. Oder, wie MARCINKOWSKI meint, „(...) äußerst dichte Verflechtungen von Kommunikationen (...)“ (1993, S.136). Die klassische Vorstellung von Differenzierung geht von einer Aufgliederung eines Ganzen in verschiedene Teile aus, was auch als Dekompositionsparadigma bezeichnet wird (MAYNTZ, 1988). Als ursächlich für diesen Aufgliederungsvorgang sieht LUHMANN die dadurch gegebene Möglichkeit, komplexere Systeme in einer komplexeren Welt zu stabilisieren (WILLKE, 1993). Das System steht unter Entscheidungszwang, es muß selegieren. Dieser Sachverhalt der Einschränkung zulässiger Ereignisse auf ein bestimmtes Möglichkeitsintervall, greift erneut den Kontingenzbegriff auf (sieh 1.1.1.). Plastischer wird der Sachverhalt, wenn man den traditionellen Begriff der Arbeitsteilung auf den Differenzierungsprozeß überträgt. Arbeitsteilung heißt in seiner einfachsten Form, dem Wortsinn nach: die Arbeit (im weiten Sinne erfolgsnotwendiger Problembewältigungen) wird geteilt - nicht jede Einheit macht alles. Das gilt auch für Funktionszusammenhänge ganz allgemein. Somit ist das historisch alte Konzept der Arbeitsteilung inzwischen zum Konzept der sämtliche Lebensbereiche umfassenden funktionellen Differenzierung generalisiert. Hinsichtlich der funktionalen Bedeutung für Gesellschaften stellen diese Spezialisierungsprozesse eine leistungssteigernde evolutionäre Errungenschaft dar (MAYNTZ, 1988), LUHMANN spricht daher auch vom „Prinzip der Spezifikation von Teilsystemen“ (1990[b], S.207). MAYNTZ (1988) vermerkt, daß der Schlüsselbegriff der Differenzierung einen Bedeutungswandel hin zu Aus-Differenzierung vollzogen hat, womit weniger die Betrachtung des Ganzen, als vielmehr die Analyse einzelner Teile und somit Austauschrelationen im Vordergrund stehen. Folglich kennzeichnet moderne Gesellschaften ganz wesentlich das Spannungsverhältnis zwischen partieller Autonomie gesellschaftlicher Teilbereiche

einerseits und der Notwendigkeit andererseits, Zusammenspiel und Zusammenhalt zu gewährleisten.[9]

Als primäre Differenzierung bezeichnet man diejenige Form der Differenzierung, die auf der bereits erwähnten Makroebene der Gesellschaft, für das Gesamtsystem charakteristisch ist (KNEER/NASSEHI, 1997). Diese primäre oder dominante, weil die Strukturen beeinflussende Differenzierungsform, ist für moderne Gesellschaften die funfktionale Differenzierung. Funktion bedeutet zunächst allgemein, die Konsequenz eines sozialen Sachverhalts. Funktionen stellen immer Synthesen von mehreren Möglichkeiten dar. In systemtheoretischem Kontext und angelehnt an den mathematischen Begriffsgebrauch, ist unter Funktion eine Beziehung gemeint, die ein soziales (Teil-)
System zum Gesamtsystem unterhält (FUCHS u.a., 1988). Es ist also die Bezüglichkeit auf das Ganze, was die Teile funktional differenzierter Gesellschaften ausmacht, wobei LUHMANN (1987[a]) darauf hinweist, daß nur diese Funktionsorientierung ein Ersatz für Hierarchie sein kann und somit eine Akzentverschiebung von Problemen sozialer Ordnung hin zu Fragen nach der Erfüllung zentraler gesellschaftlicher Bestandsvoraussetzungen stattgefunden hat.

Das zentrale Spezifikum der funktionalen Differenzierung ist die sinnhafte Spezialisierung (MAYNTZ, 1988). Diese besteht einerseits in Verengung des Wahrnehmungshorizonts durch codemäßige Selektion. Zum anderen durch Intensivierung, da eine Funktionserbringung für das Gesamtsystem nun exklusiv und damit anstelle und stellvertretend für alle anderen Teile geleistet wird. „Funktionale Spezialisierung meint nicht weniger, als den vollständigen Abbau aller multifunktionalen Redundanzen (...)“ (MARCINKOWSKI, 1993, S.134/135). Das Zusammenwirken, die Beziehungen von verschiedenen Funktionssystemen bei vielen gesellschaftlichen Problemlagen, ist somit nicht trotz, sondern gerade wegen der funktionalen Differenzierung unverzichtbar (DERS., ebd.).

1.2.2 Modernisierung als Umstellung der Differenzierungsform:

„The master trend of differentiation identified the replacement of multifunctional institutions and roles by more specialized units as one of the most theoretically and empirically significant aspects of modern social change“ (zit. n. BLÖBAUM, 1994, S.78). Unter dem Aspekt der Systemkapazität für Komplexitätsreduktion, unterscheidet LUHMANN drei evolutionäre Stufen einer dominanten gesellschaftlichen Differenzierungsform (WILLKE, 1993; KNEER/NASSEHI, 1997). Die einfachste Stufe nennt er segmentäre Differenzierung und versteht darunter ein in gleiche Teile differenziertes Gesellschaftssystem, wie es für archaische Gesellschaften typisch ist. Die Grenzen der Teilsysteme einer segmentär differenzierten Gesellschaft bestehen in konkreten Handlungssituationen, die auf die Anwesenheit von Personen angewiesen sind. Die Folge ist eine geringe Arbeitsteilung. Der Komlexitätsgrad eines solchen Gebildes ist demnach recht niedrig, es bestehen kaum Variations- oder Selektionsmöglichkeiten. Da es an funktionaler Differenzierung fehlt, sind die anfallenden Systemoperationen zeitlich abfolgend organisiert, was langwierig ist und Problembewältigung erschwert. Wächst der Komplexitätsdruck, so daß ungleiche Sachverhalte nicht mehr in der gleichen Zeit zu bewältigen sind, drängt sich der Gesellschaft eine neue Differenzierungsform auf (KNEER/NASSEHI, 1997).

Diese zweite Stufe nennt Luhmann stratifikatorische Differenzierung. Das entscheidende Einteilungsprinzip sind hier ungleichartige und ungleichrangige Teile. Hierarchische Beziehungen sind kennzeichnend für das Verhältnis der Teilsysteme untereinander. Die Leitdifferenz besteht in der Unterscheidung zwischen oben und unten (DIES., ebd.). Als Prototyp können höfische Gesellschaften angeführt werden, deren strikte Standesgrenzen ihre Kohäsion in einer religiös fundierten, „gottgewollten“ Ordnung fanden und so auf externe, transzendentale Regelung verwiesen. Die Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Kommunikationen, sieht LUHMANN (1987[b]) als unerläßliche Grundbedingung für alle weitere Modernisierung. Hinzu kommen am Übergang zur Neuzeit zwei weitere Zusatzbedingungen oder Veränderungen: 1) die Verbreitung von Kommunikationen durch technischen Fortschritt, v.a. die Einführung des Buchdrucks. 2) die stärkere Ausdifferenzierung zentraler Teilsysteme.

Grob vereinfachend gesagt ist es das allmähliche Zerbrechen der religiösen Herrschaftslegitimation, die den Übergang zu dem nächstkomplexeren Differenzierungstyp hierbei mitbewirkt: Temporalstrukturen werden umgebaut, Zukunft und Welt als gestaltbar und veränderbar begriffen (BLÖBAUM, 1994). Das Entstehen einer Differenz zwischen Religion und Politik an der Schwelle der Neuzeit bedingt eine Reflexion der Politik auf sich selbst, die zu Selbstreferenz anstelle von Fremdreferenz führt.[10] Es ist also nicht nur die bloße Zunahme von Komplexität, die den Übergang zu einem neuen Differenzierungstyp bedingt, sondern zusätzlich deren neue Handhabung im Sinne eines Zwanges aus sich selbst heraus (KNEER/NASSEHI, 1997). LUHMANN (1987[b]) betont auch das Entstehen von Reflexionstheorien für spezifische Funktionsbereiche seit dem 18. Jahrhundert als wichtiges Evolutionsmoment. Weiter ist festzuhalten, daß bei diesem entscheidenden Modernisierungsschritt bereits die beiden Teilsysteme Publizistik – zumindest mittelbar, keimhaft über den Buchdruck – und Politik eine entscheidende Rolle gespielt haben. Nach BLÖBAUM (1994) erhält der Buchdruck den Rang einer Schlüsseltechnologie, da er die Möglichkeit eines verbesserten und v.a. breiteren Anschlusses an Kommunikationen eröffnet. Die Aufwertung gedruckter Information in einer Gesellschaft und die Transformation von Information aus der „Sphäre des Geheimnisvollen“, stellen für ihn die Vorraussetzungen für das Entstehen eines journalistischen Systems dar (DERS:, ebd.). Für den weiteren Fortgang kann zumindest ein nicht schwindender Impuls im unvollendeten und „unvollendbaren Projekt der Moderne“ (MÜNCH, 1995) unterstellt werden.

Dieser neue, nunmehr funktionale Differenzierungstyp, hat sich bis spätestens zur Mitte des 19. Jahrhunderts etabliert (KNEER/NASSEHI, 1997) und ist gekennzeichnet durch Teilsystembildungen, als gleichzeitige innere Ausdifferenzierungen der Gesellschaft. Es sind im wesentlichen Entkoppelungsprozesse mit der Herausbildung jeweils spezifischer Codes, die eine Autonomisierung der verschiedenen gesellschaftlichen Teilsysteme zur Folge haben. Wichtig ist, daß die Teilsysteme nicht mehr durch eine allen gemeinsame Grundsymbolik integriert werden können. Die Ausbildung monokontexturaler Strukturen über spezifische Codes bedingen eine geschlossene Operationsweise der Teilsysteme, die diese Integration verhindert. Damit ist die offen-geschlossene Systemkonzeption etabliert, deren Umweltbeziehungen in Kategorien der Autonomie zu beschreiben sind, bei gleichzeitiger operativer Geschlossenheit (MARCINKOWSKI, 1993).

1.2.3 Aus- und Binnendifferenzierungen:

Eine bedeutsame Limitation besteht für die Teilsysteme in ihrer gegenseitigen Nicht-Substituierbarkeit. „Daß ein Teilsystem für eine bestimmte Art von Handeln in der Gesellschaft primäre Zuständigkeit besitzt, gehört zwar schon zur Minimaldefinition des Begriffs, aber es gibt deutliche Unterschiede im Grad der Monopolisierung (...)“ (MAYNTZ, 1988, S.22).

Wichtig ist, wie weit es gelingt, die Exklusivität der Zuständigkeit für einen bestimmten Bereich durchzusetzen. Als exemplarische Reihe funktionaler Teilsysteme identifiziert BLÖBAUM (1994) Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Recht, Erziehung, Sport, Literatur und Journalismus. Die zugeschriebene Funktion des Letzteren sei dabei, in Anlehnung an RÜHL (1980), Themen zur öffentlichen Kommunikation her- und bereitzustellen. Die der Politik, kollektiv bindende Entscheidungen herbeizuführen. Bevor es jedoch zu identifizierbaren Beitragserbringungen kommen kann, müssen grundlegende Strukturelemente im Ausdifferenzierungsprozeß entstehen, die es gestatten, von einem auf Dauer gestellten Funktionssystem zu sprechen. Diese sind:

1) Leistungsrollen, 2) Publikumsrollen, 3) Leistungsorganisationen und 4) die Herausbildung eines spezifischen, symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums, mit dessen Hilfe Sinn zugeordnet und unterschieden werden kann (BLÖBAUM, 1994).

Als weiteres Merkmal wiederholt sich der Systembildungsvorgang im ausdifferenzierten Teilsystem und schafft so durch Binnendifferenzierung Subsysteme mit neuen System-Umwelt-Differenzierungen.

Politisches System:

LUHMANN versteht das politische System als autopoietisch operierendes Teilsystem der funktional differenzierten Gesellschaft, ein System der Machtanwendung, „(...) in dem alle Macht auf Macht angewandt wird und selbst der Machtanwendung unterliegt: also ein (...) System, das Kommunikation unter dem Kommunikationscode von Macht ermöglicht und keinerlei Machtanwendung davon ausnehmen kann“ (1987[b], S.87). Die Binnendifferenzierung des Teilsystems erfolgte parallel zu einer Ausweitung und Monopolisierung von Herrschaft[11] im Zuge der Demokratisierung, die als Selbstreferenzformel - „Das Volk regiert das Volk“ (DERS., ebd., S.147) - bereits Leistungsrollen gewählter Regierender und Publikumsrollen regierter Wähler zuweist. LUHMANN sieht durch diesen Übergang zu „kreisförmigen Machtprozessen“ die Verfestigung und Verselbständigung einer dreifachen Binnendifferenzierung des politischen Systems in Verwaltung, Politik und Publikum (1987[b]). Unter „Verwaltung (im weitesten Sinne)“ (DER., ebd., S.148, Kursiv i. Orig.) subsumiert er dabei Parlamente, Regierungen und Verwaltungsbürokratien, welche mit der Herstellung bindender Entscheidungen befaßt seien. Diese lassen sich als konstituierende Strukturelemente auch den Leistungsorganisationen zuordnen (sieh Abschnitt 1.2.3. Punkt 3)). Eine ergebnisorientierte Bündelung der Institutionen, die üblicherweise von Politikwissenschaftlern getrennt behandelt werden.[12]Politik (im engeren Sinne)“ (DERS., ebd., S.148, Kursiv i. Orig.) ist dasjenige Subsystem des politischen Systems, welches für die Vorbereitung von Themen (Programmen), sowie für die Auswahl von Personen und das Testen von Konsenschancen und für den Aufbau von Macht zuständig sei. Existenznotwendiges Kernstück dieses Subsystems von Politk sind nach LUHMANN die politischen Parteien (DERS., ebd.). Diese Zuweisung deckt sich mit den aus dem angelsächsischen Bereich stammenden, häufig verwendeten politics- und policy-Dimensionen des Politikbegriffs. Politics erfaßt dabei den Kampf um die Macht als konflikthaften Aushandlungsprozeß zwischen Personen, Gruppen oder Parteien. Policy deckt dagegen die inhaltlichen Handlungsprogramme, die Werte und Ideologien ab (JAKUBOWSKI, 1998). Unter „Publikum“ faßt LUHMANN sowohl Leistungs- als auch Publikumsrollen zusammen. Ähnlich argumentiert BLÖBAUM (1994), der u.a. im Aufkommen des Anstaltsstaates, der Entstehung der politischen Figur des Staatsbürgers und der Etablierung einer Bürokratie die Hauptmarkierungen der Modernisierung, sprich - Binnendifferenzierung im Bereich politischer Herrschaft sieht.

Aus systemtheoretischer Sicht läßt sich somit zusammenfassend sagen, daß das Gesellschaftssystem als übergeordnete Einheit, solche Teilsysteme ausdifferenziert, die dabei behilflich sind, Komplexität zu reduzieren und spezifische Problemlösungen zu erarbeiten, die hinsichtlich der Gesamtgesellschaft relevant und funktional sind. Ein Teilsy- stem seinerseits, wie etwa Politik, differenziert dann wiederum Subsysteme aus, welche die ihnen zufallenden Systembeiträge erbringen (JAKUBOWSKI, 1998). Insofern es hier gewissermaßen um Zuarbeit und Leistungserbringung für eine übergeordnete Einheit geht, sind auch durchaus andere Binnendifferenzierungen des politischen Systems, als die von LUHMANN vertretenen, möglich. In verfassungsrechtlichem Kontext könnte man die Gewaltenteilung als Binnendifferenzierung ansehen, unter föderalistischer Sichtweise das Subsidiaritätsprinzip der Aufgliederung in Bund und Länder. Wie auch immer, es bleibt beim Prinzip steigender Komplexität in Mehrebenenkonzeptionen, die letztlich alle den Sinn haben, Komplexität für das Ganze zu reduzieren, wozu Beiträge in irgendeiner Form unumgänglich sind.

Publizistisches System:

Allein schon der Begriff Publizistik ist problematisch, konkurriert er doch vielfach mit dem des Journalismus, der Massenkommunikation oder den Massenmedien (RÜHL, 1993[b]). Der Theorieentwurf MARCINKOWSKIS (1993) hat jedoch zu einer begründeten Neuauflage des Publizistikbegriffs geführt, indem er Publizistik als Funktionssystem rekonstruiert.[13] Dabei greift er zunächst auf die weit verbreitete, „prominente Funktionsbestimmung“ (GÖRKE/KOHRING, 1996) von RÜHL (1980) zurück, die Journalismus als „(...) Herstellung und Bereitstellung von Themen zur öffentlichen Kommunikation“ versteht (RÜHL, zit. n. MARCINKOWSKI, 1993, S.46). Er erweitert sie jedoch, indem er folgert, daß eine solche Bestimmung jegliche Thematisierungsleistung als Journalismus begreifen müsse und somit weit über die „klassischen Medienorganisationen“ hinaus auf weitere Handlungs- und v.a. Kommunikationszusammenhänge verweist (MARCINKOWSKI, 1993). „Auf der Basis einer solchen Funktionsbestimmung läßt sich offensichtlich keine Differenz zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus mehr entdecken“ (DERS., ebd., S.46). In ihrer Kritik an MARCINKOWSKI meinen GÖRKE/KOHRING (1996), man müsse dann alle Veröffentlichungsentscheidungen als Journalismus bezeichnen, wenn man das Gesamt aller Veröffentlichungen als publizistisches System definiert. Dies ist ein offensichtlicher Fehlschluß, auch begrifflich, denn wenn das Gesamt aller Veröffentlichungen des publizistischen Systems mit dem Code „öffentlich/nicht-öffentlich“ definiert ist (MARCINKOWSKI, 1993, S.65), muß man diese zunächst lediglich als öffentliche- eben publizistische Kommunikation bezeichnen und in weiteren Analyseschritten klären, ob es sich etwa um eine journalistische Kommunikation handelt, die in genuin journalistischen Darstellungsformen auftritt oder etwa um eine werbliche Kommunikation, die ebenfalls genuine Darbietungsformen besitzt. Da gelingende Kommunikation jedoch grundsätzlich nur über ordnende Themen möglich ist, auf die sich die Beiträge beziehen können, müssen generell alle Kommunikationssysteme über einen Themenhaushalt verfügen, mithin permanente Thematisierungsleistungen erbringen (DERS., ebd.) - die allerdings nicht unbedingt im Hinblick auf Öffentlichkeit geleistet werden (GÖRKE/KOHRING, 1996). Die Besonderheit von Publizistik, die ja immer öffentliche Kommunikation ist, besteht nun im Unterschied zu anderen Teilsystemen, die nur über Themen ihrer eigenen subsystemischen Kommunikation verfügen, darin, „(...) potentiell alle Themen des umfassendsten Sozialsystems Gesellschaft (...)“ zu kommunizieren (MARCINKOWSKI, 1993, S.50). Mithin reicht Publizistik in seiner Allgemeinheit als Funktionssystem über Journalismus hinaus, denn „Publizistik kommuniziert Themen im Medium der Öffentlichkeit“ (DERS., ebd., S.53) und zwar als Ergebnis der Ermöglichung von Selbstbeobachtung der Gesellschaft (MARCINKOWSKI, 1993, S.118) und als Beitrag zur Synchronisation der Weltgesellschaft (BLÖBAUM, 1994, S.261). Die Technizität der Verbreitungsmedien noch als Kriterium hinzuzufügen, erscheint dagegen weder ausreichend, noch sinnvoll (THEIS-BERGLMAIR, 1994). Mit der erweiterten Beschreibung von Publizistik durch RÜHL (1993[a]), die nun neben die Herstellung und Bereitstellung, auch die Annahme und Verarbeitung durchsetzungsfähiger Themen zur Anschlußkommunikation berücksichtigt, eröffnen sich ebenfalls breitere Sichtweisen. Das ließe es zu, Werbung, Public Relations und Journalismus als mögliche Subsysteme des Funktionssystems Publizistik mit einzuschließen, wie es RONNEBERGER/RÜHL (1992) andeuten. THEIS-BERGLMAIR (2000) verweist jedoch auf das theoretisch keineswegs geklärte Verhältnis, ob etwa Public Relations nun ein eigenständiges Funktionssystem sei oder nur die jeweils systemeigenen Operationen eines anderen Funktionssystems[14], der Autor JAKUBOWSKI (1998) faßt dagegen Werbung und Public Relations als „kommunikative Subsysteme“ der Publizistik auf. Will man die oben für die Politik mit BLÖBAUM (1994) durchgeführte und als sinnvoll erachtete Binnendiffe- renzierung anhand von Strukturelementen weiterführen, so ergeben sich für das publizistische System ebenfalls Leistungsrollen, Publikumsrollen, Leistungsorganisationen und Programme als spezifische Kommunikationsformen (DERS., ebd.). Als formale Organisationen des Journalismus bezeichnet BLÖBAUM die Massenmedien, die sich ausgehend vom Printmedium Zeitung entwickelt haben, bis hin zu audiovisuellen elektronischen Medien des 20. Jahrhunderts. Parallel dazu entstehen als Prozeß der Verberuflichung und Professionalisierung Leistungsrollen, wie die des Journalisten oder des Verlegers und Publikums- oder Rezipientenrollen. Übertragen auf einen breiter verstandenen Publizistikbegriff, bedeutet eine solche Einteilung, daß als publizistische Leistungsorganisationen all jene zu begreifen sind, welche die Hervorbringung und Distribution öffentlicher Aussagen „industriell“ betreiben und sich dabei an Massenpublika wenden, welche haushaltsmäßig rezipieren. Denkbar sind dann neben den herkömmlichen Medienorganisationen, wie Zeitungen, Radio- oder Fernsehveranstaltern, auch Public Relations- und Werbeagenturen als organisationsförmige Leistungserbringer. Die Leistungsrollen umfassen dann ebenfalls nicht nur den klassischen Medienjournalisten, sondern auch den Agenturjournalisten, den Pressesprecher und Öffentlichkeitsarbeiter und den Werber insofern, als sie berufsmäßige Aussagenproduzenten im öffentlichen Raum sind. Entscheidend für eine deutlichere Unterscheidung zwischen öffentlich-kommunikativen Formen wie Journalismus oder Public Relations sind dann die jeweiligen Programme (Zweck., Routine- und Konditionalprogramme) sowie die Techniken und Darstellungsweisen, mit denen, bzw. unter deren Hilfe die Aussagenentstehung sich – jeweils spezifisch – vollzieht.

[...]


[1] Zu politischen Theorien der griechisch-römischen Antike, vgl. Nippel, 1991.

[2] Teilweise wird Massenkommunikation als interaktionsfreie Kommunikation klassifiziert, vgl. Görke/Kohring, 1996. Das Internet hält zwar Gesprächsforen in großer Anzahl bereit, deren Charakter jedoch ein gänzlich anderer ist, als eine klassische face-to-face Rede- oder Versammlungssituation, die durch die Möglichkeit direkter Intervention, über ein weit größeres Maß an Spontaneität und ein breiteres Spektrum von Humankommunikation verfügt. Man denke etwa an die ad-hoc-Redner an der Londoner Hydepark-corner.

[3] Es scheint analytisch weniger sinnvoll, eine Dominanz-Dependenz-Beziehung bereits als gegeben in bezug auf ein bestimmtes Beziehungsgefüge wie etwa das von Politik und Publizistik oder auch von Publizistik und Ökonomie zu unterstellen. Hinsichtlich einer komplexen, funktional ausdiffernzierten Gesellschaft gar von einem symbiotischen „Supersystem“ zu sprechen (vgl. Plasser, 1985), erscheint dagegen unlogisch.

[4] Artikel von Jakob Augstein unter dem Titel: „Fürchtet euch nicht. Seit einer Woche herrscht Angst vor einer sogenannten Amerikanisierung der Politik in den Medien. Warum eigentlich?“

[5] Die Wahrnehmungspsychologie bestätigt die begrenzte Kapazität des menschlichen Sensoriums, v.a. der Aufmerksamkeit. Vgl. Zimbardo, 1995.

[6] Zu den symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien als „Währung“ sieh 1.3.3. dieser Arbeit.

[7] Zur Frage der Übersetzung und des Tauschs von Systembeiträgen bei den Intersystembeziehungen, sieh 2.2.2. und 3.2.2.

[8] Gleichwohl ist die Differenzierungstheorie das weitaus ältere theoretische Konzept, vgl. Mayntz, 1988.

[9] Ähnlich Münch (1992), der den größten Teil gesellschaftlichen Handelns in diesen Interdependenzzonen verortet.

[10] Selbstreferenz meint: Selbstbeobachtung, inklusive Selbstbeschreibung, heißt: „Staat“ als Bezugsrahmen der Politik. Vgl. Luhmann, 1987[b].

[11] Blöbaum benennt hier das frühe 19. Jahrhundert als Zeitpunkt (1994, S.97 ff.), Luhmann für sichtbar ausdifferenzierte Staatsgewalten das 17.- und für die spezifische Modernität von Verfassungsstaaten das Ende des 18. Jahrhunderts (1987[b], S.86).

[12] So etwa bei von Beyme: Das politische System der BRD, 1991.

[13] Sieh dazu Abbildungen 4, 5, 6.

[14] Problematisch ist hierbei v.a. die Frage nach den jeweiligen Operationscodes, vgl. Görke/Kohring, 1996. Sieh auch Kap. 2.2.1.

Details

Seiten
131
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638158886
Dateigröße
801 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9083
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft/Journalistik
Note
1,3
Schlagworte
Amerikanisierung Politik Medien Zusammenspiel Publizistik Perspektive Studiengang Diplom-Germanistik/Journalistik

Autor

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Titel: Amerikanisierung der Politik durch die Medien? Das Zusammenspiel von Publizistik und Politik unter systemtheoretischer Perspektive.