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Flucht und Migration in der Gegenwartskunst

Politischer und künstlerischer Aktivismus in der Kunst der Migration in "Kein Mensch ist illegal" und "Kanak Attak"

Seminararbeit 2020 34 Seiten

Kunst - Installationen, Aktionskunst, 'moderne' Kunst

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Migration und Kämpfe der Migration
2.1 Medien und ihre Perspektiven auf die Migration
2.2 Migration als Ausstellungsthema im Kunstbetrieb
2.3 Kunst: Ein geeignetes Medium für die Migration?

3. Politischer und künstlerischer Aktivismus
3.1 Kein Mensch ist illegal
3.2 Kanak Attak

4. Effekte von politischen und künstlerischen Aktivismus

5. Conclusio

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsnachweis

8. Abbildungen

1. Einleitung

Seit Mitte der 2000er-Jahre kann innerhalb der Kunst, sowie innerhalb der Museumslandschaft, eine ansteigende Intensität bei der Auseinandersetzung mit der Thematik Migration festgestellt werden.1 Immer mehr Künstler und Künstlerinnen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen haben sich daran versucht, die Thematik mit ihren Mitteln zu gestalten und zu erweitern. Die Gründe für diesen Anstieg sind zahlreich und verschieden und sollen u.a. in dieser vorliegenden Arbeit mit dem verknüpften Schwerpunkt, wie künstlerische, aktivistische Organisationen sich vor allem mit den verbundenen Problematiken innerhalb dieser Thematik auseinandersetzen und welche Effekte sie erzielen können, näher untersucht werden. Denn viele aktivistische Gruppierungen haben längst erkannt, dass Migration nicht nur unmittelbar Migranten und Migrantinnen betrifft, sondern auch eine soziale und politische Bewegung2 ist, die gesamtgesellschaftliche Auswirkungen hat.3 Auf der einen Seite befindet sich Migration in einem Spannungsfeld zwischen Gesellschaft und Politik, auf der anderen regt sie auch dazu an, das gesamte Feld der Kunst mit neuen Perspektiven zu erweitern und trägt des Weiteren zu einer verstärkten Betonung des Kunstcharakters bei, nämlich, dass die Kunst der Migration auch eine politische Kunst ist, da Migration ein politisches Thema ist.4 In dieser Arbeit ist der 2015 erschienene Aufsatz von Nanna Heidenreich „Die Perspektive der Migration aufzeichnen/einnehmen/ausstellen/aktivieren“ Ausgangspunkt meiner Vertiefung, um die wechselseitigen Effekte von künstlerischem Aktivismus und Migration herauszuarbeiten. Der Aufsatz ist Teil einer Publikation, die sich dem Zweck gewidmet hat die Sujets Kunst, Theorie und Aktivismus auf deren Überschneidungspunkte hin zu untersuchen, um die Grenzen des Politischen auszutesten, diese zu erweitern, und um dazu beizutragen, potenzielle Lösungen für die verbundenen Problematiken innerhalb der Migrationsdebatte auszuforschen.5 Um in meiner Arbeit auf die Effekte hinleiten zu können, soll zunächst auf Migration und welche Bedeutungen sie in sich vereint, eingegangen werden, um daraufhin einzelne Problematiken zu veranschaulichen. Hierbei sollen keine konkreten Migrationsströme genannt werden, die Untersuchung richtet vielmehr den Fokus auf die Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum. Diese Veranschaulichung ist notwendig, um die resultierenden Kontraste durch die Ansätze des künstlerischen Aktivismus sichtbar zu machen. Da der Schwerpunkt in dieser Arbeit auf künstlerischem Aktivismus liegt, sollen außerdem zunächst Charakterzüge des Aktivismus näher beleuchtet werden. Kanak Attack und Kein Mensch ist illegal werden in meiner Arbeit als Beispiele für Aktivismus in der Kunst der Migration herangezogen. So wie einst Sandro Mezzadra formuliert hat, dass Migration nicht wie ein Wasserhahn auf- und abgedreht werden kann6, dementsprechend nicht gängigen Regulierungsmechanismen unterliegt, sondern weitaus mehr Komplexität in sich vereinnahmt, sollen nun zuallererst die Problematiken, die diesen Begriff umspannen, und die Kämpfer der Migration näher ausgeführt werden.

2. Migration und K ä mpfe der Migration

Migration kann kaum in wenigen Worten beschrieben werden, da sie viele Arten der Lesbarkeit in sich vereinigt und keine Abgeschlossenheit in ihrer Aushandlung darum, was sie nun ist, in sich birgt.7 Eine vorherrschende Perspektive ist die, dass Migration als Problem wahrgenommen wird.8 Dadurch lässt sich bereits im Vornherein ein breites Feld von innewohnenden Komplikationen erahnen. Ansätze, Migration zu beschreiben, können allerdings dazu verhelfen, die Komplexität einzudämmen. Migration kann als Ortswechsel, als raum-zeitlich begrenzter Prozess der Aus- und Einwanderung gedacht werden. Sie wird als urbane9, soziale und politische Bewegung bezeichnet, die dazu in der Lage ist, die gesellschaftliche Normalität zu transformieren.10 Sabine Hess bezeichnet Migration in der 2015 erschienenen Publikation „Movements of Migration“ als eine Geschichte der Vielen. Außerdem ist sie auch: ein sozial hergestelltes und vermitteltes Verhältnis, das ohne diverse Politiken, die sie zu steuern oder deuten, nicht unter den Begriff Migration fallen würde.11 Laut Sandro Mezzadra ist Migration ein „fait social total“, das ausdrücken soll, Migration nicht nur mit den Mitteln und der Sprache eines kanonisierten wissenschaftlichen Faches zu untersuchen, sondern dass sie möglichst viele und diverse narrative, sowie metaphorische Redeweisen und Bilder benötigt.12

Mit Migration steht das Bild von Flüchtlingen in Verbindung, die von einem Ort zu einem anderen wechseln, mit der Hoffnung auf neue Sesshaftigkeit. Als Flüchtling gilt eine Person, die sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und die aus unterschiedlichen Gründen eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung hat und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Furcht vor Verfolgung nicht dorthin zurückkehren kann. Im Gegensatz zu MigrantInnen oder EmigrantIn verlässt der Flüchtling sein Heimatland aufgrund einer unmittelbaren Bedrohung für sein Leben.13

MigrantInnen stellen eine soziale Gruppe in der Gesellschaft dar, die sich mindestens gegenüber einer anderen Gruppe durch ihre kulturellen Formen, ihre Praktiken oder ihre Lebensweise unterscheidet. Die Mitglieder einer Gruppe haben aufgrund ihrer vergleichbaren Erfahrungen und ihrer ähnlichen Lebensweise besondere Affinität zueinander. Das veranlasst sie dazu, sich eher miteinander zu verbinden, als mit Personen, die sich nicht mit der Gruppe identifizieren.14

Politiken und Migration stehen stets in einem Aushandlungsraum und Kräfteverhältnis zueinander. 15 Abhängig von Staatsangehörigkeit und Aufenthaltsstatus wird vielen BewohnerInnen der Zugang zu Wohnraum, Bildung, dem Arbeitsmarkt, politischer Partizipation, zur Teilhabe an der Gesellschaft, verwehrt.16 AsylbewerberInnen in Österreich ist es verboten, sich aktiv politisch zu betätigen. 17 All diese Benachteiligungen verschlechtern die Lebenschancen der MigrantInnen erheblich. Im Mainstream-Diskurs scheint die Unterscheidung in BürgerInnen und Nicht-BürgerInnen nach wie vor legitim, sodass es zu einer fehlenden Bildung von gleichberechtigten Identitäten innerhalb einer Gesellschaft führen kann, was wiederum die Folge einer Aufspaltung in Gruppierungen innerhalb der Gesellschaft mit sich zieht.18 Manche von ihnen werden dadurch an den Rand der Gesellschaft gedrängt.19 Durch eine lang versäumte Einwanderungspolitik war die Entstehung von Parallelgesellschaften vorprogrammiert.20

Durch Politiken des Ausschlusses entstehen neue Formen von sozialer Ungleichheit, die u.a. durch Instrumente wie Pass und Visum aufrechterhalten werden.21 Je nachdem, welchen Pass ein Mensch besitzt, desto durchlässiger werden die Grenzen und desto eher verstärken sich Ungleichverhältnisse. 22 Diejenigen, die von einer Lohnarbeit ausgeschlossen werden, verkörpern Abhängigkeit; eine ökonomische Abhängigkeit, den Lebensunterhalt von einer anderen Person oder Institution zu erhalten. 23 Diese Abhängigkeit befeuert die materielle Ungleichheit in den gesellschaftlichen Gruppierungen.24 Oft spielt die persönliche Geschichte der MigrantInnen kaum eine Rolle in den Ankunftsstaaten25, wodurch verstärkt wird, dass MigrantInnen nicht als politische Subjekte wahrgenommen werden, sondern als hilfsbedürftige Objekte.26 Subjekte mit eingeschränkten Bürgerrechten werden durch die Aufenthaltsgenehmigungen oder -verweigerungen produziert, die u.a. den Zweck haben, Mobilität in Richtung EU abzuschrecken. 27 Menschen, die in Österreich einen ungesicherten Aufenthaltsstatus haben, können nur unter erschwerten Bedingungen in andere EU-Länder reisen. Die Bewegungsfreiheit dieser Menschen wird erheblich eingeschränkt.28 Die Öffentlichkeit steht MigrantInnen oft in einer ablehnenden bis indifferenten Meinung gegenüber, in der die Mehrheit der Menschen kaum Interesse zeigen; weder an MigrantInnen in der Position als gesellschaftliches Feindbild, noch als Opfer von staatlichen Politiken.29 Die migrantischen AkteurInnen werden dadurch unsichtbar geschaltet, da sie nicht in das dominante Raster des „nationalen Bürgers“ passen und disqualifizieren sich durch ihre Fremdheit für einen Platz im öffentlichen Raum.30 Missachtung verstärkt, dass MigrantInnen in Stereotypen routinemäßig herabgesetzt werden.31 Soziale Ungleichheit liegt dann vor, wenn bestimmte soziale Differenzierungen dazu führen, dass einzelne Individuen oder Gruppen in dauerhafter Weise begünstigt und andere benachteiligt sind. Frauen, AusländerInnen oder Farbige sind als Randgruppen besonders davon betroffen.32 Noch dazu kann diese räumliche Ausgrenzung einer sozialen Gruppe den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt beeinträchtigen.33 Und Ungleichheiten sorgen für ein unterschiedliches Entwicklungspotenzial innerhalb einzelner Gruppierungen in der Gesellschaft.34 So kann es passieren, dass sich ein Teil einer Gesellschaft weiterentwickelt und ein anderer auf der Strecke bleibt. Soziale Ungleichheit oder Missachtung von Differenz stellen Hindernisse für eine Demokratie dar. 35 Diese Kluft zwischen den Gruppen ist prädestiniert, um das Potenzial zu haben, unüberschaubare Grade an Konfliktherden herauszukristallisieren. Ungerechtigkeit kann dann auftreten, wenn einseitige kulturelle Dominanz entsteht. Dabei nimmt eine fremde Kultur die Überhand und steht der eigenen bisweilen sogar feindselig gegenüber. Der Kampf um Anerkennung entwickelt sich zunehmend als politischer Konflikt im späten 20. Jahrhundert; Anerkennung der Differenz von Nationalität, Ethnizität oder Gender. Fehlende Anerkennung kann dazu beitragen, MigrantInnen ins Unsichtbare zu verbannen und kann eine Form von Unterdrückung hervorbringen, die bei Betroffenen eine schmerzhafte Wunde hinterlässt.36 Unterdrückt zu sein bedeutet, daran gehindert zu sein, die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und eigene Erfahrungen auszudrücken.37

Migration verändert Gesellschaften.38 Doch diese von Menschen gemachten Verhältnisse sind nicht unantastbar. Die soziale Wirklichkeit ist ein Produkt bewussten menschlichen Handelns in der Vergangenheit und in der Gegenwart, dessen Kräfte in einem starken Spannungsverhältnis zueinander stehen. So ist auch ihre soziale Ungleichheit eine veränderbare Grundtatsache und kann reduziert werden. Ändern sich diese dazugehörigen sozialen Gesetzlichkeiten durch bestimmte menschliche Verhaltensweisen, so verliert auch ihre zugrundeliegende Geltung ihre Wirkung.39 Die Geschichte der Migration ist nicht nur die eines Migranten oder einer Migrantin, sondern die Geschichte von allen Menschen, die unmittelbar in diesem Bereich leben.40 Feststellbar ist, dass das Erstarken rechtsextremer und rechtspopulistischer Parteien besonders nach größeren Migrationsbewegungen zu beobachten ist, denn diese Bewegungen stellen eine Herausforderung für das europäische Grenzregime dar. Staatsgrenzen sorgen für eine Segmentierung von Nationen und sind somit auch identitätsbildend. 41 Grenzen, einst als Gradmesser für militärische Kräfteverhältnisse, werden als Instrumente für die Konstruktion von nationaler Identität umfunktioniert. Sie haben nicht nur eine Abwehrfunktion im Außen, sondern dienen auch zum Schutz des Inneren. Europa ist in Zonen unterschiedlicher Kontrolldichte eingeteilt, um nicht nur Migrationsbewegungen frühzeitig ausfindig zu machen, sondern auch, um die Kontrollregimes insgesamt auszubreiten. 42 Die Migrationsbewegungen als Herausforderung erzwingen, nach neuen politischen Entwicklungen zu eifern, stellen in diesem Kontext die Rolle des Nationalen in seiner Substanz in Frage.43 Die Kämpfe der Migration sorgen dafür, dass ein neues Verhältnis des Politischen konstituiert werden muss.44

Die aufgezählten Bedingungen in diesem Kapitel bilden nur einen geringen Teil jener Kämpfe ab, mit welchen die MigrantInnen zu tun haben. Aktivistische Projekte, die vor allem dadurch gekennzeichnet sind, sich der Öffentlichkeit zu bedienen, können eine Plattform bilden, die bereitstellt, dass MigrantInnen eigenverantwortlich antreten, um unter den vorzufindenden Umständen ihre Migration selbst zu gestalten. 45 Anerkennung, Umverteilung, Gerechtigkeit sind nur einige daraus resultierende Forderungen.46 Denn auch das ist entscheidend und erwähnenswert für die Beschreibung von Migration: Es gibt keine Migration ohne Strategien und Projekte der Migration.47

2.1 Medien und ihre Perspektiven auf die Migration

Welche primäre Wahrnehmung von Migration im Vordergrund steht, wird zu einem erheblichen Teil durch die Formatierung von Bildern gewährleistet. Diese Formatierung leistet einen beachtlichen Beitrag zum Migrationsregime und legt fest, wie Migration gesellschaftlich, politisch und rechtlich verhandelt wird. Medien stehen in der Position, politisch gebraucht zu werden und sind somit in der Lage, mit Bezeichnungen wie „illegale Migration“ Sichtbarkeiten oder Unsichtbarkeiten zu erzeugen.48 Massenmedien können dabei in Bezug darauf, was auf die Öffentlichkeit treffen und was repräsentiert werden soll, zwei bestimmte Muster erzeugen: Sie legen entweder eine Decke des Schweigens über ein Thema, oder aber sie spektakularisieren und skandalisieren.49 So kann es durchaus vorkommen, dass Protesten ein reiner Zerstörungswille nahegelegt und das Politische verschwiegen wird. Zahlreichen Protesten können ihre politischen Anliegen in Abrede gestellt werden und somit ProtestantInnen in der fehlenden Wahrnehmung als politische Subjekte untergraben werden.50

Die immense Kraft, die von dieser politischen Bewegung der Migration ausgeht, wird von einer Welle an Bildern in der öffentlichen Wahrnehmung begleitet, die sie in einer Opfererzählung halten.51 Seit Jahrzehnten werden die Einwanderer und Einwanderinnen in der Medien -und Politsprache als VerliererInnen der Gesellschaft mit geringer Bildung und mangelnden Aufstiegschancen bezeichnet. Zusätzlich fallen sie auch als soziale Problemgruppe auf, die potenziell gewaltbereit, islamistisch, radikal und übergriffig ist.52 Bezeichnungen wie „die neue Völkerwanderung“ oder der „Ansturm der Armen“ werden mit Bildern, die Menschenmassen oder eng aneinander gereihte Flüchtlinge auf Booten zeigen, untermalt. 53 Die inszenierte Vorstellung, Migration als Masse, als Reisende darzustellen, behindert die Möglichkeit wesentlich, die MigrantInnen in der Gesellschaft als Bleibende zu betrachten. 54 Allegorien wie Schiffe, Grenzen, Handschellen oder die Metapher „Festung Europa“55 geistern durch die Medien und kreieren Konditionierungen, die bestimmen, was über Migration gedacht wird. 56 Fernsehbilder zeigen oft nur Stereotypen eines Migranten: männlich und als passives Objekt, das seiner eigenen fatalen Unternehmung, der lebensgefährlichen Flucht, ausgeliefert zu sein scheint. 57 Die gegenwärtige Migration wird in Medien als Herausforderung, oder gar als Bedrohung dargestellt.58 Damit wird auch erkennbar, welche geschichtsschreibenden Kräfte hinter den Medien und auch in der visuellen Kultur tätig sind, die der Migration ihre Bedeutungen zuschreiben.59 Es fällt auf, dass Gegen-Bilder zum gängigen Migrationsdiskurs in der Unterzahl sind.60

Museen dienen wie auch Medien als Plattformen für Informationsbereitstellung. Doch nur, weil diese durch die Ausstellbarkeit von Geschichte und Kunst eine neue Perspektive auf die Migration werfen können, bedeutet das nicht, dass diese effektiver agieren als Medien.

Weshalb Problematiken ebenso in der Museumslandschaft auftauchen können, wird im anschließenden Kapitel verdeutlicht.

2.2 Migration als Ausstellungsthema im Kunstbetrieb

Die Migrationsgeschichte als immer öfter erscheinendes Subjekt von Ausstellungen basiert nicht nur auf einem allgemein ansteigenden Interesse, sondern sie steht auch im Zusammenhang mit der erstmaligen Einführung einer nationalen Einwanderungs- und Integrationspolitik Anfang der 2000er-Jahre. Durch den Integrationsplan wurde Migration als „Thema“ in den Kanon der deutschen Museen aufgenommen. Damit ist sie im Museumsdiskurs angekommen und wird dort verankert. 61 Nach jahrzehntelanger Nichtbeachtung finden sich nun Spuren des Sichtbarmachens, denn wie auch Medien ist die Kunst ebenfalls dazu in der Lage, Sichtbarkeiten zu erzeugen und zu erweitern.62 Hierbei offenbart sich aber schon ein erstes Problem, denn die meisten zu diesem Thema konzipierten Ausstellungen verfolgen ein Konzept, das für viele Themen passend zu sein scheint, nicht aber für Migration. Viele Ausstellungen stellen Migration als ein lineares, chronologisches Projekt dar, das oft seinen Startpunkt mit der Auswanderung setzt und die Integration als Ziellinie deutet 63 oder Migrationsgeschichte als Geschichte über MigrantInnen interpretiert. 64 Da Migration und Integration aber alles andere als ein abzubildendes, chronologisches, historisches Ereignis sind, bleibt fraglich, ob die geläufige Wahl der Darstellbarkeit sich nicht einer Erneuerung unterziehen müsse.65 Das Nutzen von wissenschaftlichen Instrumenten im Kunstbetrieb vermittelt eine Art Einhegung der Kämpfe der Migration und rückt sie damit aus dem notwendigen Feld einer ergebnisoffenen und handlungsfähigen Perspektive heraus.66 Betrachtet man die Geschichte der Entwicklung von Museen, so verwundert die Herangehensweise kaum, da Museen ursprünglich dazu gedient haben, zu einer Herausbildung einer Nationalgemeinschaft des Volkes mitzuwirken, um sich von anderen Nationen abzugrenzen und um Raum für Repräsentation zu schaffen.67 Doch Migration soll und kann nicht repräsentiert werden. Vielmehr sollten Museen bei der Aushandlung mit dieser Thematik ihren Fokus daraufsetzen, als Resonanz- statt Repräsentationsraum zu agieren, und nicht als Identifikationsfabriken. 68 In Deutschland bleibt dennoch ein Großteil der Museen in seiner gewohnten Ausrichtung verankert und hinkt der postmigrantischen Gesellschaft weit hinterher.69 Das Faktum, dass mit Kunst das Politische diskutiert werden kann, rückt immer mehr in den Themenbereich der Kunst. Der Stellenwert der Kunst hat sich in den letzten Jahren rapide verändert und trägt zu der Entwicklung des künstlerischen Aktivismus im Bereich der Migration bei. Inwiefern sich der Stellenwert der Kunst verändert hat und weshalb die Wahl Kunst als aktivistische Ausdrucksform zwar Schwierigkeiten in sich birgt, aber auch Bereicherungen für die Kunst der Migration darlegt, soll im nächsten Kapitel aufgezeigt werden.

[...]


1 Hess 2015, S. 16.

2 Heidenreich 2015, S. 118.

3 Diendorfer/ Dorfstätter 2014, S. 163.

4 Jeannée/Zinggl 2004, S. 174.

5 Fleischmann/Guth 2015, S. 7.

6 Hess 2015, S. 17.

7 Homann 2015, S. 69-72.

8 Grote 2018, S. 13.

9 Homann 2015, S. 69.

10 Bratic 2015, S. 116.

11 Hess 2015; S. 19-20.

12 Heidenreich 2015, S. 113.

13 Karl 2017, S. 47.

14 Fraser 2001, S. 282.

15 Hess 2015, S. 21.

16 Grote 2018, S. 1.

17 Raunig 2017, S. 327.

18 Fleischmann/Guth 2015, S. 14.

19 Fraser 2001, S. 282.

20 Bayer 2015, S. 83.

21 Fleischmann/Guth 2015, S. 14.

22 Grote 2018, S. 9.

23 Fraser 2001, S. 192 - 217.

24 Fraser 2001, S. 23.

25 Bratic 2015, S. 119.

26 Grote 2018, S. 12.

27 Lenz 2007, S. 141.

28 Raunig 2017, S. 327.

29 Hess/Karakayali 2007, S. 42.

30 Dogramaci 2017, S. 235.

31 Fraser 2001, S. 28.

32 Kreckel 2004, S. 17.

33 Karakayali/Tsianos 2007, S. 8.

34 Fraser 2001, S. 13.

35 Fraser 2001, S. 251.

36 Fraser 2001, S. 13-28.

37 Fraser 2001, S. 279.

38 Karakayali/Tsianos 2007, S. 13.

39 Kreckel 2004, S.13-28.

40 Bratic 2015, S. 116.

41 Grote 2018, S. 7.

42 Raunig 2017, S. 351-358.

43 Grote 2018, S. 6.

44 Bojadzijev/Karakayali 2007, S. 205.

45 Karakayali/Tsianos 2007, S. 16.

46 Fraser 2001, S. 24.

47 Karakayali/Tsianos 2007, S. 16.

48 Heidenreich 2015, S. 113-114.

49 Raunig 2017, S. 101.

50 Heidenreich 2015, S. 116.

51 Hess/Tsianos 2007, S. 33.

52 Dogramaci 2017, S. 232.

53 Karakayali/Tsianos 2007, S. 7.

54 Hess 2015, S. 17.

55 Karakayali/Tsianos 2007, S. 12.

56 Homann 2015, S. 69.

57 Kuster 2007, S. 188.

58 Lenz 2007, S. 153.

59 Karakayali/Tsianos 2007, S. 7.

60 Bayer 2015, S. 82.

61 Bayer 2015, S. 76-77.

62 Nitsche 2009, S. 31.

63 Hess 2015, S. 17.

64 Bayer 2015, S. 77.

65 Hess 2015, S. 17.

66 Homann 2015, S. 73.

67 Bayer 2015, S. 79.

68 Frykmann 2015, S. 167.

69 Bayer 2015, S. 94.

Details

Seiten
34
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346205919
ISBN (Buch)
9783346205926
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v911376
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
2,0
Schlagworte
Kunst Kunstgeschichte Gegenwartskunst Migration Integration KMI KeinMenschistIllegal KanakAttak Rassismus Ungleichheit Politik Aktivismus politischer Aktivismus künstlerischer Aktivismus Deutschland Einwanderung Flucht Flüchtling Einwanderungspolitik Aufstände Effekte
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Titel: Flucht und Migration in der Gegenwartskunst