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Das Söldnerwesen der Frühen Neuzeit - ein Prozess der Hierarchisierung, Professionalisierung und Verrechtlichung

Essay 2007 10 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Ausgehend von der Entwicklung des infanteristisch geprägten Kriegswesens der Antike hin zu den berittenen Kämpfern des europäischen Mittelalters, vollzog sich während der Epochenwende zur Frühen Neuzeit ein erneuter Wandel im Militärwesen Europas. Bedingt durch die Verbreitung von Feuerwaffen, Stangenwaffen und der Armbrust verlor der Ritter in der europäischen Gesellschaft seine waffentechnisch beherrschende Rolle auf dem Gefechtsfeld. An seine Stelle trat der Fußkämpfer. Diese „Renaissance der Infanterie“ setzte ein wirksames Zusammenspiel der verschiedenen Waffengattungen voraus.[1]

Jedoch erschwerten die Staatsbildungsbestrebungen der einzelnen Territorialherren des Heiligen Römischen Reiches und die erst am Anfang der Entwicklung stehende Verwaltungsarbeit den Unterhalt einer bewaffneten Macht. Bedingt auch durch den wirtschaftlichen Zusammenbruch im Spätmittelalter tendierte man nun dazu, Kämpfer nur noch für die Dauer eines Feldzuges anzuwerben, da ständig unter Waffen gehaltene Männer enorm kostspielig waren. Das Soldkriegwesen ward geboren.[2]

Im Folgenden soll nun geklärt werden, welcher sozialen Herkunft die Söldner entstammen und aus welchen Gründen diese freiwillig in den Krieg zogen. Des Weiteren wird erörtert wie die Anwerbung und Musterung der Söldner erfolgte. Anschließend wird erläutert, wie der Alltag im Soldkriegwesen ausgesehen hat (Sold und Verpflegung, Artikelsbrief und rechtliche Grundlagen, Tross, Beute etc.)

Obwohl die Quellenlage zum Soldkriegwesen im 16. und 17. Jahrhundert sehr spärlich ist, herrscht in der wissenschaftlichen Forschung weitgehende Einigkeit darüber, dass sowohl niedrige Adlige und Bürger, als auch Bauern in den Reihen der Landsknechte zu finden waren.[3] Der wachsende Bevölkerungsdruck zu Beginn der Frühen Neuzeit hatte weitreichende Veränderungen zur Folge. So mussten vorhandene Lebensmittel, einschließlich des bebaubaren Bodens unter mehr Leute aufgeteilt werden. Dies wurde erreicht durch Bearbeitungsintensivierung, erneute Rodung und Allmendeaufteilung, was eine Verschiebung der Erbfolgegewohnheiten zur Folge hatte. Konsequenz war, dass nicht alle Mitglieder einer bäuerlichen Familie ein Gut erbten, was sie dazu zwang ihren Platz als Landarbeiter und Gesinde anzunehmen. Diese radikale soziale Differenzierung, gesellschaftliche Spannungen, die daraus resultierende Unzufriedenheit und die Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lage trieb die Menschen zu der Ausweichmöglichkeit Solddienst.[4]

Auch das Bürgertum erhoffte sich über das Söldnerdasein eine Verbesserung ihrer Situation. Ausschlaggebend war die Unzufriedenheit mit den rigiden Zunftbestimmungen, die einer breiten Schicht von Gesellen den sozialen Aufstieg verweigerte. Somit mussten sich gestandene Männer mit einem kargen Lohn in einer Stellung abfinden, die mit ihren Zielen einer Karriere nicht übereinstimmten. So lockte der Anreiz von 4 Gulden monatlich (weitaus mehr als der Verdienst eines einfachen Handwerksgesellen) und die Chance durch Erfahrung an eine der begehrten Amtstellen zu gelangen, die Männer in den Solddienst. Viele sahen den Krieg auch als eine Art Zwischenstation, um durch das Geld und Plündergut eine finanzielle Grundlage für die Gründung einer Handwerksexistenz oder einer Familie zu erlangen.[5]

Auch vielen Nichtbürgern ging es bei dem Entschluss Söldner zu werden sicherlich um den Broterwerb, was sie der Arbeit als Tagelöhner vorzogen.[6] Nach einem Verzeichnis aus dem Jahre 1696 hatten nur 21 Gefreite und einfache Soldaten von insgesamt 65 ein Handwerk erlernt.[7] Insgesamt kann daraus geschlussfolgert werden, dass die Lebenswirklichkeit der einfachen Söldner geprägt war von Armut und Wanderbettel, von horizontaler Mobilität und von Saison- und Gelegenheitsarbeit.[8] Die städtische Armutsschicht bildete also auch ein großes Potential für das Soldkriegwesen.

Bei den Patriziersöhnen spielte vor allem die Abenteuerlust eine bedeutende Rolle. Sie hegten die große Sehnsucht etwas erleben zu wollen, die Welt zu sehn und aus dem Alltag der Vaterstadt zu entfliehen.

Weitere, marginale Gründe für den Beitritt in die Soldkriegheere waren: das Bewusstsein ihrer Reichsunmittelbarkeit, Begeisterung für Kaiser und Reich (v.a. für Maximilian) und das Wissen über genossenschaftliche Einung und Mitsprache.

Aus all diesen Gründen strömten die Wahlbewerber wie „ein Heuschreckenschwarm“ in einer „Zahl der Fliegen in heißen Sommern“[9] zu den Musterplätzen. Eine solche Musterung ging folgendermaßen vor sich: Nachdem ein politischer Entscheidungsträger die Entscheidung zum Krieg getätigt hatte, stellte dieser einen Militärunternehmer ein. Gemeinsam wurde eine Bestallorder ausgestellt, die Angaben über die Stärke der anzuwerbenden Truppen, den Auftrag zur Werbung und teilweise sogar Werbebezirke und Lage des Musterplatzes beinhaltete. Anschließend erhielt der Militärunternehmer die erforderlichen Mittel (Lauf- und Antrittsgeld), welcher wiederum zunächst Hauptleute warb und diese ebenfalls mit dem erforderlichen Geld ausstattete. Der eigentliche Akt der Werbung wurde nun eingeleitet durch das Umschlagen der sogenannten Werbetrommel. Jeder interessierte Mann konnte sich auf dem Musterplatz dann in eine Musterrolle einschreiben lassen. Der Geworbene erhält jetzt ein Handgeld und einen Laufpass, auf dem die Lage des Musterplatzes und der Termin des Erscheinens vermerkt waren. Auf dem Musterplatz wurde dann zunächst der Laufpass kontrolliert und der Landsknecht nach drei Kategorien gemustert: Ausrüstung (vor allem Bewaffnung), körperliche Fähigkeiten und besondere Verdienste/ Kenntnisse (die sogenannten „beschossenen Knechte“, also erfahrene Söldnerwaren besonders beliebt). Nach diesen Faktoren bemaßen sich der Wert des Söldners und auch die Einstufung in eine bestimmte Soldgruppe. Dieses Verfahren führte konsequenterweise zu Betrugsversuchen und Bereicherungen (stehlen oder borgen von Waffen, Einschreibung unter sogenannten „Blindnamen“, also mehreren Namen).[10] Aber nicht nur die Angeworbenen, sondern auch die Militärunternehmer betrogen und logen. So versprachen die Hauptleute und Militärunternehmer den Söldnern beim Werbevorgang das Blaue vom Himmel, was später jedoch nur selten eingehalten wurde. Des Weiteren entfernten sie nicht die Namen gefallener Soldaten aus den Listen und kassierten den Sold dieser Soldaten weiterhin. Insgesamt begünstigte eine mangelhafte und oftmals schlampig geführte Verwaltungsarbeit den Betrug.[11]

[...]


[1] Stache, Alexander: ...Der scharffe Sebel ist mein Acker... (=Klose, Dagmar: Perspektiven historischen Denkens und Lernens 1). Potsdam 2005. S. 56.

[2] Ebd. S. 57.

[3] Baumann, Reinhard: Das Söldnerwesen im 16. Jahrhundert im bayrischen und süddeutschen Beispiel (= Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs – Heft 79). München 1978. S. 49.

[4] Baumann, Reinhard: Das Söldnerwesen im 16. Jahrhundert im bayrischen und süddeutschen Beispiel (= Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs – Heft 79). München 1978. S. 85.

[5] Stache, Alexander: ...Der scharffe Sebel ist mein Acker... . (=Klose, Dagmar: Perspektiven historischen Denkens und Lernens 1). Potsdam 2005. S. 26.

[6] Baumann, Reinhard: Das Söldnerwesen im 16. Jahrhundert im bayrischen und süddeutschen Beispiel (= Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs – Heft 79). München 1978. S. 87.

[7] Burschel, Peter: Söldner im Nordwestdeutschland des 16. und 17. Jahrhunderts. Göttingen. 1994. S. 58.

[8] Ebd. 1994. S. 60.

[9] Franck, Sebastian: Chronica. 1531.

[10] Stache, Alexander: ...Der scharffe Sebel ist mein Acker... (=Klose, Dagmar: Perspektiven historischen Denkens und Lernens 1). Potsdam 2005. S. 21f.

[11] Ebd. S.23.

Details

Seiten
10
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638045940
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91189
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Schlagworte
Söldnerwesen Frühen Neuzeit Prozess Hierarchisierung Professionalisierung Verrechtlichung Armee Jahrhundert

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