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Systemische Beratung für Gesundheitsfachberufe

Fachbuch 2020 93 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Abbildungen

Tabellen

Abkürzungen

1. Einleitung
1.1 Hinweise zur Handhabung
1.2 Hinweise zum Inhalt
1.3 Übersicht der Kapitel?

2. Grundlagen von Beratungsleistungen
2.1 Entwicklung der Beratung
2.1.1 (Neuro-) biologische Perspektive
2.1.2 Psychodynamische Perspektive
2.1.3 Kognitiv-behaviorale Perspektive
2.1.4 Integrative Ansätze
2.1.5 Systemische Beratung
2.2 Definition, Möglichkeiten und Grenzen
2.2.1 Begriffsbestimmungen
2.2.2 Möglichkeiten und Verständnis von Beratung
2.2.3 Die Grundhaltung von Beraterinnen und Beratern
2.2.4 Grenzen von Beratung
2.3 Beratungsformen
2.3.1 An Ressourcen orientierte Beratung
2.3.2 Lösungsorientierte Beratung

3. Der systemische Gedanke im Beratungsprozess

4. Beziehungsgestaltung
4.1 Der Beziehungsbegriff
4.2 Die Bedeutung von Beziehung

5. Kommunikation in sozialen Systemen

6. Interventionen
6.1 Interventionsformen
6.1.1 Einzel-intervention
6.1.2 Partner-intervention
6.1.3 Gruppen-intervention
6.2 Interventionsverfahren
6.2.1 Systemisches Fragen
6.2.2 Reflektierendes Team und reflektierende Positionen
6.3 Aufstellungsarbeit
6.4 Konfliktbearbeitung

7. Anwendungsfelder und Settings
7.1 Beratung im Kontext von Gesundheit
7.2 Beratung im Kontext von Familie
7.2.1 Family Group Conference
7.3 Beratung im Kontext von Erziehung

8. Ausklang

Musterlösungen

Glossar

Literaturverzeichnis

Abbildungen

Abbildung 1: Psychiatrische Notfälle und Erkrankungen, Ursachen

Abbildung 2: Drei-Welten-Modell der Persönlichkeit n. Schmid (2005)

Abbildung 3: Inselmodell

Abbildung 4: Wechselseitige Klientenbeziehung

Abbildung 5: Zirkuläres Fragen (Methode n. König & Volmer)

Abbildung 6: Struktur reflektierendes Team

Abbildung 7: Gewichtung der Sinndimensionen im Verlauf eines Konflikts n. Simon

Abbildung 8: Übersicht Hilfen zur Erziehung (Fendrich, Pothmann, & Tabel, 2012, Abb. 1.1)

Tabellen

Tabelle 1: Übersicht Interventionsformen

Tabelle 2: Fragenmethoden und deren Wirkmechanismus

Tabelle 3: vergleichende Darstellung Skulptur vs. Aufstellung

Tabelle 4: Leistungsbeschreibung

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Lehr-/Lernziele in diesem Kapitel:

- Sie ordnen das Lehr- und Arbeitsbuch thematisch in den Kontext der absolvierten Ausbildung ein.
- Sie ermitteln den eigenen kontextsituierten Informationsbedarf und gestallten einen individuellen Lernplan.

Eine Klientin, Frau Pötter (26 Jahre alt), kommt zum Gespräch. Sie berichtet, sie habe immer mal wieder sehr stressige Phasen, in denen es zu einem unangenehmen Haustauschlag an den Händen komme. Was man denn dagegen tun könne?

Bei einer Internet-Recherche bei Google.de zum Stichwort „Beratung” wurden am Dienstag, 28. November 2017 um 22:48 Uhr ungefähr 88.400.000 Ergebnisse innerhalb von 0,63 Sekunden ausgegeben – eine sehr hohe Anzahl an Einstiegsmöglichkeiten, sich mit dem Thema Beratung auseinander zu setzten. Vielleicht haben sie bereits Erfahrungen sammeln dürfen, vielleicht ist dieses Lehr- und Arbeitsbuch auch die erste Berührung mit dem Beratungskontext. Vielleicht haben Sie hilfreiche oder hinderliche Erlebnisse erlebt, vielleicht lasen oder hörten sie von selbigen. Vielleicht sind die Begegnungen gar keine Beratungsleistungen gewesen. Vielleicht ein paar zu viele „vielleicht“.

Reflexion:

- Bitte notieren sie sich, möglicherweise in einer MindMap®, alle Assoziationen zum Thema „Beratung“.

Beratung kann in vielen unterschiedlichen Facetten erfahren und erlebt werden: als freundschaftlicher Rat, als Finanzierungsgespräch oder als Eröffnung eines medizinischen Befundes, um nur einige Beispiele zu nennen. Allesamt fallen die genannten Szenarien in das Leistungsspektrum von Beratung. Da die Settings sich deutlich voneinander unterscheiden, ist eine Einordnung des Begriffs Beratung vorzunehmen:

- Welche Gemeinsamkeiten sind vorhanden?
- Welche Unterscheidungen können getroffen werden?
- Welche Rahmenbedingungen können gestaltet werden, und welche nicht?

Das vorliegende Lehr- und Arbeitsbuch soll dem Lernenden einen Überblick in die systemische Beratung liefern. Er versteht sich als eine Art Klammer um alle Studienbriefe, der Inhalt kann auf die weiteren Themen angewendet und transferiert werden. Ziel soll es werden, um an das o.a. Praxisbeispiel anzuknüpfen, die Entwicklung einer eigenen Beratungskompetenz zu initiieren. Es ist auch möglich, und sehr wahrscheinlich, dass am Ende mehr Fragen als Antworten generieret wurden. Dann ist es passiert: Neugierde, Interesse und Spaß am Entdecken.

Reflexion:

- Bitte schauen Sie nochmals auf die Aufzeichnungen aus der vorherigen Aufgabe und widmen Sie sich folgenden Leitfragen.

- Was davon wissen Sie sicher?
- Was meinen Sie zu wissen?
- Was wissen Sie nicht, möchten es aber gerne wissen?

Mit der beschriebenen Herangehensweise können bereits vorhandene Informationen zum Thema Beratung eingeordnet und nach dem Informationsbedarf arrangiert werden. Ein Vorteil dieser Vorgehensweise ist, dass sie ihre bisherigen Wissensrepräsentationen nutzen, um unnötige Lernanstrengungen zu vermeiden.

Ein Hinweis in eigener Sache: Teile dieses Lehr- und Arbeitsbuches sind Abschriften der eigenen Forschungsleistungen ohne diese jedoch deutlich zu kennzeichnen. Erstens würde der Charakter eines Lehr- und Arbeitsbuches verloren gehen, zweitens stehen diesmal nicht die eigenen Leistungen, sondern die Ihrigen im Vordergrund.

1.1 Hinweise zur Handhabung

Das vor ihnen liegende Lehr- und Arbeitsbuch soll auf bisheriges Erfahrungswissen aufbauen und problembasiertes Lernen ermöglichen. Hierbei werden sie in die Lage versetzt, eigene Faustregeln zu entwickeln und diese in zukünftige Fragestellungen und Herausforderungen zu transferieren. Um dieses zu ermöglichen, sind sie herzlich zur Mitarbeit eingeladen. An unterschiedlichen Stellen finden sie Reflexionen für den Praxistransfer, mithilfe dessen die Verfestigung des hier dargestellten Inhaltes gelingen möchte.

Am Anfang vieler Kapitel finden sie weiterhin die Lehrziele. Lehrziele sind von mir als Autor intendiert und ich bin mir unsicher, ob es auch die Lernziele der Leser/innen sind?! Auch hier folge ich konsequent dem systemischen Ansatz, dass sie als Lernenden autopoietische und selbstorganisatorische Wesen sind. Im Verlauf des Lehr- und Arbeitsbuches wird deutlich werden, welche Unmöglichkeit damit verbunden ist.

Gleiches gilt auch die die Aufgaben, die am Ende vieler Kapitel zu finden sind. Mit ist beim Erstellen vollkommen bewusst, dass eine „Musterlösung“ erwartet wird. Allerdings gibt es diese nicht und wird es auch niemals geben. Der systemische Gedanke spielt mit den Konstruktionen eines jeden einzelnen, und das was ich als Autor unter der Aufgabe verstehe, muss noch lange nicht ihre Lösung der vermeidlich gleichen (selben?) Aufgabe sein. Viele werden vermutlich nun so ihre Schwierigkeiten haben und denken, dass alles viel zu unverbindlich und unkonkret ist. Vielleicht wünschen sie sich mehr Verbindlichkeit? Und schon haben wir uns auf den Weg zur systemischen Beratung gemacht. Wenn es um Lösungen geht, obliegt die Deutung dieser einzig und alleine beim Lösungserfinder – eine These, die sie noch im Laufe des Lehr- und Arbeitsbuches mehrfach denken werden.

Selbstverständlich gibt es hilfreiche und weniger hilfreiche Lösungen, auch bei der Bearbeitung der Aufgaben. Schlussendlich geht es jedoch um Nachvollziehbarkeit: Kann eine Leserin ihre Erarbeiten Lösungsvorstellung gut nachvollziehen oder braucht es noch etwas? Das kann einerseits ein mehr an (Sach-) Information sein, anderseits ein Perspektivwechsel. Deswegen können keine Musterlösungen vorgegeben werden. Zur Hilfestellung finden sie in Tabelle 4 eine Übersicht, was die in den Aufgaben verwendeten Wörter bedeuten und welche Leistung zu bringen ist.

1.2 Hinweise zum Inhalt

Beratungen kommen in unterschiedlichsten Facetten vor. Allen gemeinsam sind Interaktionen zwischen mindestens zwei Menschen innerhalb eines sozialen Kontextes. Wichtig zu verstehen ist, dass innerhalb der humanwissenschaftlichen Fachdisziplinen auch diverse Schwerpunkte gibt, aufgrund derer die jeweiligen Betrachtungen gemacht werden. Inhaltlich sollen diese einzelnen Fachbereiche innerhalb dieses Lehr- und Arbeitsbuches miteinander betrachtet und, günstigenfalls, kombiniert werden. Ziel ist es, den Brückenschlag zwischen Alltag und Professur, Soziologie und Psychologie zu wagen. Als Rahmen sollen systemisch wirkende Bedingungen genauer betrachtet werden und als Eingrenzung fungieren. Die Grundlage wird, sozusagen als „roter Faden“, aus dem Werk „Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I“ (von Schlippe & Schweitzer, siehe auch Literaturempfehlungen) gebildet. Von hier aus wenden wir uns auch weiteren Gedanken zu.

1.3 Übersicht der Kapitel

Im vorliegendem Lehr- und Arbeitsbuch bewegten wir uns von den Anfängen der systemischen Beratung in Kapitel 2.1, über die Erörterung ihrer Möglichkeiten und Grenzen im Kapitel 2.2. In Kapitel 2.3 folgen wir den verschiedensten Beratungsformen um einen Blick auf die eigentliche Systemische Beratung ab Kapitel 3 zu riskieren. Beziehungsgestaltung in Kapitel 4, Kommunikationsgedanken in Kapitel 5 und der Einsatz von Interventionen, den wir in Kapitel 6 betrachten flankieren unsere Reise, die in den Anwendungsfeldern, wie sie in Kapitel 7 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Bei allem Austausch über Theorien und Gedanken, kann es nur ein erster Einblick sein. Leider – gibt es doch noch so viel mehr zu schreiben, zu erläutern und darzulegen. Gerne würde ich die Gedanken noch viel mehr anregen und eine herzliche Einladung aussprechen, noch viel tiefer in die Materie hinabzusteigen, um sich zu verlieren. Und genau hier liegt die Gefahr bei Lehrbüchern. Es sind keine wissenschaftstheoretischen Abhandlungen einer eng umrissenen Theorie oder eines einzelnen Konzepts. In den jeweiligen Kapiteln finden sich viele, wie ich finde bedeutsame und hilfreiche Informationen, um eine erste Beratungskompetenzen im systemischen Ansatz zu erlangen. Wenn uns das zusammen im Dialog gelingt, dann haben wir vieles richtig gemacht.

Viel Spaß & Erfolg J

Aufgaben in diesem Kapitel:

- Bitte ordnen sie dieses Lehr- und Arbeitsbuch thematisch in den Kontext Ihrer Tätigkeit Ausbildung ein.
- Bitte ermitteln sie den eigenen kontextsituierten Informationsbedarf und gestallten einen individuellen Lernplan.

2. Grundlagen von Beratungsleistungen

Wie eingangs bereits erwähnt, ist das Feld der Beratung kaum von anderen Formen der Begleitung in sozialen und kommunikativen Settings abzugrenzen. Wie die o.a. Internetrecherche andeutet, existiert eine Vielzahl an Vorstellungen, was Beratung und beratungsähnliche Verfahren leisten sollen, welche Ideen von Problemerfassung und wie eine gute, hilfreiche Lösungsentwicklung aussehen soll. Allen gemeinsam jedoch sind die Gedanken, Personen entweder in Bezug auf sich selbst oder innerhalb von Gruppen mit Veränderungen besser umgehen zu können. Es ist ja keine Neuigkeit, dass sich menschliche Beziehungen entfalten, verändern auf- und abbauen. Die Frage ist nur, welche Unterschiede sind in der modernen Kommunikationsgesellschaft vorhanden, in der es eine ganze Beratungsindustrie benötigt. Als Aufgabe derer wird die elegante Überleitung zu den nächsten Leveln von hierarchischen Stufen, Partnerschaften, Herausforderungen etc. gesehen. Was ist also im Verhältnis zu früher, der „guten alten Zeit“ anders?

2.1 Entwicklung der Beratung

Lehr-/Lernziele in diesem Kapitel:

- Sie geben die historische Entwicklung der Beratung wieder.
- Sie gliedern die Beratung in ausgewählte Theorien und stellen diese dar.

Die Entwicklung der Beratung soll zum einen die historische Einordnung und damit ein Verständnis der heutigen Abläufe ermöglichen, andererseits soll ein Einblick in die aktuell geltenden Theorien erfolgen. Daher werden in diesem Unterkapitel folgende Leitfragen im Fokus der Betrachtungen stehen:

- Welchen Ursprung hat das Feld der Beratung?
- Welche Theorien beeinflussten die Beratung?
- Wie könnte Beratung zukünftig gestaltet werden?

Die Anfänge der heutigen Beratung finden sich bereits in den vergangenen Hochkulturen. Schon immer gab es Menschen, die für andere Menschen da gewesen sind, ihnen mit Rat und Tat zu Seite standen. Dieses ist ein Antrieb menschlichen Zusammenseins, welches tief in unserer Psyche verankert ist. Menschen als soziale Wesen agieren und reagieren in kulturell geprägten Gemeinschaften und Gesellschaften. Unsere Alltagsbeobachtung zeigen immer wieder, dass es Personen gibt, die sich für andere einsetzten und mit ihnen Situationen aushalten. Dieses wurde durch Religionsgemeinschaften institutionalisiert und hier ist es völlig unerheblich, um welche Art oder Form von Religion es sich handelt. Die meisten Schriften erzählen von „Samaritern“, also Personen, die für andere da sind und Menschen in schwer aushaltbaren Zuständen begleiten.

Es dauerte dennoch eine ganze Weile, bis das Feld der professionellen Beratung auch wissenschaftlich bearbeitet wurde. Der Ursprung unseres heutigen Verständnisses kann in den Anfängen der klinischen Psychologie angesiedelt werden. Wichtig ist, ein grundlegendes Verständnis der historischen Entwicklung zu erlagen, um einerseits Vorurteilen begegnen und anderseits eine individuelle Positionierung im Beratungskontext generieren zu können. Alle weiteren Betrachtungen beziehen sich auf den europäischen Lebensraum, wohl wissend, dass andere Kulturen andere Ansätze ausbildeten.

2.1.1 (Neuro-) biologische Perspektive

Bis zur Französischen Revolution wurden am Geist erkrankte Personen meist in Ketten weggesperrt und vor der Öffentlichkeit verborgen. In der Regel wurde diese Aufgabe den Klöstern und Kirchen, später auch den Gefängnissen anvertraut. Therapeutische Ansätze waren fast gar nicht vorhanden – die Vorstellung, dass dämonische Kräfte wirkten, war allgegenwärtig. Erst im Verlauf des 18. Jhd. kamen erste Ideen zur systematischen Ursachenforschung auf, die besonders durch Thomas Syndenham (1624-1689), Philippe Pinel (1745-1826), Wilhelm Griesinger (1817-1868) und Emil Kraepelin (1856-1926) maßgeblich geprägt wurden. Die Ideen des Gleichheitsgedankens der jungen französischen Republik zur Folge, passte auch ein Weg- oder Einsperren von psychisch Erkrankten nicht mehr in das Weltbild und es gilt als humanitäre Reform in den Behandlungskonzepten. Mehr noch, es verbreitete sich die Ansicht, geisteskranke Menschen seien dem Grunde nach „ganz normale Leute, denen man mit Mitleid und Verständnis begegnen und die man als Menschen mit persönlicher Würde behandeln sollte“ [an dieser Stelle kann eine erste Brücke zu modernen Beratungsformen geschlagen werden, Anm. Verf.]. Das Aufkommen der empirischen Medizin ist ein weiterer Auslöser zum veränderten Verständnis von Gesundheit und Erkrankung. Hieraus entwickelten sich die auch heute noch verwendeten und adaptierten Klassifikationen der psychischen Störungen (z.B. ICD-10 Klassifikation). Auch wurde ein Verständnis entwickelt, dass Geisteskrankheiten körperliche Krankheiten seien und mittels neuroanatomischen sowie -physiologischen Wissens heilbar sind. Diese Erkenntnisse beeinflussten auch Siegmund Freud in erheblichen Maßen. In diesen Konstrukten wird die Auffassung vertreten, dass, ganz im Sinne Hippokrates, jede Diagnose einer psychischen Störung auch eine somatische Ursache zugeordnet werde. Weiterhin erfolgte zu dieser Zeit such die Einführung des Begriffes Syndrom, unter dem Symptomgruppen zusammengefasst werden.

2.1.2 Psychodynamische Perspektive

Die Aufmerksamkeit auf Motivationen und Gedanken in intrapersonale Konflikten nahm in den Anfängen des 19. Jhd. zu. So wurde in dieser Zeit der Fokus vermehrt auf „normale“ als auch pathologische Geisteszustände gelegt, wodurch eine Vielzahl an Erkrankungen, neben den bekannten dementia praecox oder der manisch-depressiven Erkrankung, beschrieben werden konnte. Bisher wurden weitere Erkrankungen von Philosophen und Wissenschaften kaum wahrgenommen, weshalb eine systematische Untersuchung der dysfunktionalen Gedanken, also der sog. intrapsychischen Konflikte, erst in dieser Zeit erfolgte. Handlende Personen waren z.B. Frank Anton Messner (1734-1815), Jean-Martin Charcot (1825-1893), Pierre Janet (1859-1947) und Josef Breuer (1842-1925) und gelten als Wegbereiter der systematischen Untersuchung. So war zum Teil die Vorstellung, dass Hysterie assoziierte Störungen „durch eine bestimmt Verteilung eines universellen magnetischen Fluidums verursacht würden und mittels Hypnose heilbar seien“ [eine Vorstellung, die noch heute Auswirkungen hat und die Erfolge einer Hypnosebehandlung möglicherweise infrage stellen, Anm. Verf.]. Sigmund Freud (1856-1939) entwickelte auf Grundlage der damaligen wissenschaftlichen Erkenntnisse sein Werk der Entwicklung des Menschen, dessen Persönlichkeit und bestimmter psychischen Störungen. Dieses, eher unter der heutigen Bezeichnung des psychodynamischen bzw. tiefenpsychologische Modell bekannt, Werk wurde unter dem Einfluss weiterer Perspektiven (Jung, Adler, Sullivan) als Basis einer Theorie zur Erklärung (patho-) psychologischer Phänomene sowie als psychotherapeutisches Verfahren zur Behandlung dieser Erkrankungen genutzt (Psychoanalyse). Hierbei kommt es immer wieder zu Widersprüchen, die durch weitere Verfahren aufgelöst werden sollen. Als Beispiele sollen hier die Objektbeziehungstheorie und die interpersonelle Konflikttheorie angeführt werden. Beiden gemein ist die Betrachtung, dass Unbewusstheit eine zentrale Rolle im menschlichen Verhalten zu Teil wird.

2.1.3 Kognitiv-behaviorale Perspektive

Das beobachtbare Verhalten fand in diesem Ansatz eine Würdigung und geht von tierexperimentalen Untersuchungen aus. Diese wurden mittels objektivierten Methoden als Reiz-Reaktions-Kausalität bewertet. Hierbei kommt es zu Lernprozessen, von denen vorhersagbare Verhaltensweisen abgeleitet und deren Beeinflussung ermöglicht werden sollen. Diese Methode gilt auch als Anfang der Verhaltenstherapie, die sich u.a. auf Grundlage der klassischen Konditionierung als eine weitere Säule der Psychotherapie in den 1950er Jahren etablierte. Hierbei gilt die Verhaltenstherapie als Anwendung von modernen Lerntheorien, die in Zusammenhang mit der Behandlung von abweichenden Verhalten stehen. Der Gedanke, dass psychologische Störungen die Folge verfehlter Konditionierungen sind, werden bei der Anwendung diese Konditionierungen durch Lernen verstärkt und demnach umgekehrt oder umgelenkt. Erweiterungen dieser Modelle finden sich in den Untersuchungen, bei denen biologische und genetische Faktoren besonders Beachtung finden. Der kongnitiv-behavoristische Ansatz geht jedoch weit über die Beschreibungen und Erklärungen des beobachteten Verhaltens Reaktionen im Kontext von, ggf. verstärkten Reizen hinaus. Es wird auf das gesamte psychologische Erkenntnis- und Methodenrepertoire zurückgegriffen. Dieses bedeutet, dass Wahrnehmungs-, Begreifens-, Urteils- und Schlussfolgerungsprozesse mit beachtet werden. Im weiteren Entwicklungsverlauf wurden die empirischen Verfahren weiter verfeinert, erreichte infolgedessen eine breite Zustimmung und gilt heute als „genuin psychologisches Behandlungsverfahren der wissenschaftlichen Psychologie“ mit dem Anspruch klinische und empirische Psychologie zusammen zu führen. Handelnde Personen in diesem Ansatz sind Wilhelm Wundt (1832-1920), Iwan Petrowitsch Pawlow (1849-1936), Edward Thorndikes (1874-1949), Frederik Skinners (1904-1990), Hans-Jürgen Eysenck (1916-1997), Johannes C. Bregelmann (1920-1999) und Albert Bandura (*1925).

2.1.4 Integrative Ansätze

Die bereits beschriebenen Perspektiven werden in dem integrativen Ansatz zusammengeführt und durch weitere Erkenntnisse erweitert. Alle genannten Perspektiven scheinen für die Ausformungen, die Verläufe und den Ausgang psychischer Störungen jeweils kontext- und situationsabhängig von Bedeutung zu sein. Zudem sind die unterschiedlichen biographischen Entwicklungen der Patienten/innen auch bedacht und erhalten individuell zugeschnittene Beratungs- und Betreuungsangebote. Grundlage dieser Modelle sind Überlegungen, in denen „Faktoren, Prozesse und Perspektiven in der Auslösung oder Aufrechterhaltung bestimmter Problemkonstellationen unterschiedlich, bidirektional sowie kontextabhängig“ zu sein scheinen. Demnach gibt es unterschiedliche Stadien von Entwicklungen, die je nach Zeitpunkt des Auftretens entweder hemmend oder förderlich für die jeweilige Psyche sein kann. Diese Ideen konnten erst durch die Fortschreitung der technischen Untersuchungsmöglichkeiten aufkommen. Mitte der 1980er Jahre wurde der Transmitterstoffwechsel erforscht, Erkenntnisse zur Plastizität des Gehirns, Entwicklungen in den bildgebenden Verfahren und neuere Ergebnisse der Gen-Untersuchungen führen zu weitreichenden Veränderungen in den bisherigen Theorien. Die Vielzahl der Beteiligten und die zunehmende interdisziplinäre Zusammenarbeit taten ihr Übriges.

Wir erkennen aus den Ausführungen, dass Freud & Co. tiefe Spuren im heutigen Beratungskontext hinterlassen haben, mit denen es auch heute noch umzugehen gilt. Dennoch sind diese Modelle noch immer nicht in der Lage, eine ganzheitliche und umfassende Theorie der Psychologie zu ermöglichen. Alle bisher beschriebenen Perspektiven befinden sich auch noch heute in der Entwicklung oder Überarbeitung. Die Herausforderung ist, innerhalb dieser Gemengelage einen individuellen Weg für die eigene Beratungsleistung zu finden und sich zu positionieren oder auch abzugrenzen. Dieses geschah Mitte des vergangenen Jahrhunderts mit dem Feld der systemischen Beratung.

2.1.5 Systemische Beratung

Als Grundlage und Ausgangsort der systemischen Beratung kann die Familientherapie angesehen werden, die soll Folge näher betrachtet werden soll.

In den 1950er Jahren wurden nun die ersten Ideen der systemischen Sichtweise etabliert. Bisherige Erfahrungen wurden mit einzel- und gruppentherapeutischen Settings in die paar- und familienorientierte Therapie und Beratung zu übertragen. Kurt Levin (1890-1947) als Gruppendynamiker, Alfred Adler (1870-1937) als sozialer Psychoanalytiker, Jacob Moreno (1889-1974) als Psycho- und Sozialdramatologe, Harry Stack Sullivan (1892-1949) als interaktionaler Psychiater sowie weiteren Vertretern aus dem gestaltpsychologischen Umfeld, welches die Selbstorganisationstheorie der menschlichen Wahrnehmung vertrat, waren die ersten Wegbereiter, ohne sich dem Begriff „systemisch“ bewusst genähert zu haben. Die bereits in den beschriebenen Perspektiven vertretenden Strömungen beeinflussten sich zu dieser Zeit wechselseitig, teilweise vertraten sie die gleichen Ansichten und wurden gleichzeitig als Konkurrenz verstanden. Zudem waren die Örtlichkeiten, die handelnden Personen und Institutionen untereinander derart verwoben, dass es zwangsläufig zu gegenseitiger Suggestion kommen musste. Dieses vor dem Hintergrund, dass das noch unbekannte Terrain der Familienberatung wissenschaftlich noch kaum erschlossen war, ja die Beteiligten sich bei ihren ersten Gehversuchen in diesem Feld sogar der Rufschädigung aussetzten. Dieses zeigte sich auch in den vielfachen Diskussionen um gegenseitige Anerkennung sowie Abgrenzung. So ist eine für diesen Lehr- und Arbeitsbuch interessante frühe Form des Familiensettings als eine Erscheinung Therapiegruppe für Patienteneltern zu finden. Allerdings beherrschte die damalige Vorstellung immer noch eine Ursachenorientierung. Die Sichtweise war auf das Individuum geprägt und als pathogene Form formuliert. Eine Perspektive, die heute in Richtung der Ursache – Wirkung sowie Unterschiedsbildung gewichen ist. Dennoch waren diese ersten Versuche ein Paradigmenwechsel und für Änderungen in den Perspektiven verantwortlich. Als Sensation war in diesem Zusammenhang das 1945 erschienene Buch „Patients have Families“ von Henry B. Richardson (1883-1963) zu werten. Die systemische Familientherapie entstand demnach an unterschiedlichen Orten zu gleicher Zeit1.

Es war ein weiter Weg von der Psychoanalyse bis zur Mehrgenerationentherapie. Diese hat als Ziel, die unsichtbaren und als belastend empfundenen Bindungen und Aufträge bewusster zu machen. Diese wirken meist über Generationen hinweg und werden von Familiensystem zu Familiensystem weitergegeben. Bei Sichtbarmachen dieser wirkenden Prozesse können diese durch die betroffenen Personen durchbrochen werden, hierdurch wirkt die Familienstruktur anders, d.h. befreit. Interessanterweise führen, den Ausführungen von Ivan Boszormenyi-Nagy (1920-2007), Familienmitglieder sog. Beziehungskonten. Diese werden soll- und habenmäßig von ihren Inhabern geführt und untereinander verrechnet; meist herrscht ein sehr gutes Gespür für die gerechte Verteilung vor. Wenn also das Beziehungskonto unausgeglichen ist, kann die Stabilität eines Beziehungsgeflechtes infrage gestellt werden (vgl. Kapitel 7.2: Beratung im Kontext von Familie). Beim Blick auf die psychischen Störungen, sind diese Ausdruck von der Suche nach Beziehungsgerechtigkeit. Diese können auch unter dem Aspekt Bindung vs. Ausstoßung betrachtet werden. Helm Stierlin (1926) verfolgte in Heidelberg diesen Ansatz, nach dem in jedem Abschnitt eines Familienlebenszykluses eine gute Balance zwischen Bezogenheit und Individueller Ausprägung gefunden werden muss. Bei einer zu starken Bezogenheit (Bindung) wird die Abgrenzung und Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit erschwert, kommt es zu einer zu starken Individuation zur Isolation (Ausstoßung). Ein weiteres Konzept ist das der Delegation: Familientraditionen, unerfüllte Wünsche sowie nicht ausgelebte Tendenzen werden über Generationen weitergetragen. Um diese wird dann gerungen, Abgrenzungsversuche werden gestartet und wieder verworfen.

Reflexion:

- Wir sind bereits mitten im Beratungskontext angekommen und es kann hilfreich sein, sich mit den eigenen Verflechtungen auseinander zu setzten:

- Welche Familientraditionen (im Sinne von „bei uns werden alle Akademiker“) können Sie innerhalb Ihres eigenen Familiensystems entdecken?
- Gibt es (seitens Ihrer Elterngeneration) unerfüllte Wünsche, die nun auf Sie projiziert werden?
- Sind nicht ausgelebte Tendenzen (z.B. die nicht gemachte Weltreise der Eltern) zu entdecken?

Delegation hat durchaus ihre hilfreichen Seiten, so gibt sie Orientierung und Stabilität. Möglichen Probleme sind erkennbar, so kann es z.B. zu Entgleisungen kommen, wenn die eigenen Fähigkeiten oder Bedürfnissen nur wenig passen. Weitere Ideen, die zu den mehrgenerationalen Ansätzen führten, sind:

- Horst-Eberhard Richter (1923-2011) – Kinder als Indikatoren von Konflikten innerhalb einer Familie und damit für unbewusste Projektionen charakteristisch
- Eckhard Sperling (1925-2007) – Väter als Beteiligte im Therapieprozess (sog. „dreigenerationale Familientherapie“)
- Jürg Willi (*1933) – Prinzip der Unähnlichkeit bei der Wahl des Partners
- Murray Brown (1913-1990) et. al. – Selbstdifferenzierung und Triangulation, bei der ängstlich Betroffene in eine Zweierbeziehung eine dritte Person zur Bewältigung hereinziehen
- Monica McGoldrick, Randy Gerson – Geonogramm, mit dessen Hilfe Familienbeziehungen und gerade die nicht sichtbaren Strukturen dargestellt werden können

Ein weiterer Meilenstein war der Weg zur wachstumsorientierten Familientherapie, bei der die humanistischen Konzepte Beachtung fanden. Diese beruhen allgemein auf dem bewussten Erleben der Beteiligten im derzeitigen Sein (im „Hier und Jetzt“). Diese wurden vermehrt durch praktische und auf Erfahrungen ausgerichtete Settings erlebbar gemacht, hierbei wurde in erster Linie auf eine kongruente Kommunikation eingegangen [z.B. die eigenen Empfindungen auch so dem Gegenüber wiedergeben, wie sie selbst wahrgenommen werden – eine durchaus konfliktreiche Übung, Anm. Verf.]. Eine der Leitfiguren dieses erlebnisorientierten Ansatzes ist Carl Whitaker (1912-1995). Die Methoden sind vielfältig und dienen der „Ermöglichung konkreter Erfahrungen“ [so erwuchs das heutige systemische Standartverfahren der Familienskulptur eben diesem Ansatz, Anm. Verf.].

Die Gedanken und Ideen lerntheoretischer Ansätze wurden in der kognitiv-behavioralen Familientherapie zusammengeführt. Es handelt sich hierbei um die Einbeziehung damaliger (ca. 1970er Jahre) Lerntheorien in die therapeutischen Settings, wie z.B. das klassische und operationelle Konditionieren oder das Lernen am Modell. Ziel dieser Variante ist es, die unerwünschten Verhaltensweisen gegen erwünschte auszutauschen. Dieses wurde im Verlauf auf soziale Systeme übertragen und führte zu den drei konzeptionellen Schwerpunkten:

- behaviorales Elterntraining, bei dem durch Schulungsprogrammen Eltern auf die Ersetzung unerwünschter Verhaltensweisen durch gewünschte mittels der Verstärkung (Belohnungen) ersetzen
- Rollenspiel, bei dem das Modelllernen bei der erwachsenen Paartherapie mittels des Prinzips der gegenseitigen Verstärkung (Belohnung) initiiert werden soll
- Kontingenzverträge, bei denen gegenseitige Vereinbarungen getroffen wurden (z.B. „Ich gebe Dir […], Du gibst mir?“)

Diese Konzepte fußten im Wesentlichen auf der Grundlage der Theorie des sozialen Austausches, bei der die menschliche Bestrebung zur Gewinnmaximierung, bzw. -minimierung die Triebfeder von Handlungen sein soll.

Besonders interessant sind hierbei die Arbeiten von John Gottman (*1942). Dieser konsentiert, dass bei einem Verhältnis von 5:1 positiver Kommentare die Paarbeziehung haltbarer ist [zählen Sie doch einmal ihre heutigen positiven und negativen Kommentare gegenüber Ihrer Partnerin oder Partners – kommen Sie auf dieses Verhältnis? Anm. Verf.]. Spannend werden diese Gedanken, wenn die Behauptung aufgestellt wird, in nur Minuten eine Beurteilung über die Festigkeit der Beziehung machen zu können. Dieses jedoch nur als gedanklicher Exkurs.

Der Mensch als eigenständiges und -gesteuertes Wesen wird erst wieder in den Familienschemata entdeckt. Grundlage hier sind automatisierten Gedanken, die ohne eine logische, d.h. kognitive Überprüfung zu kognitiven Verzerrungen führen können (z.B. „er schaut so ärgerlich, deswegen ist er ärgerlich auf mich“).

(i.A.a. von Schlippe & Schweitzer, 2016, S. 30–53; i.A.a. Wittchen & Hoyer, 2011, S. 11–23)

Reflexion:

- Zählen Sie die Informationen zur historischen Entwicklung der Beratung auf.
- Bringen Sie die Aussagen über die ausgewählten Theorien in eine für Sie logische Reihenfolge, bzw. in eine systematische Ordnung und geben Sie diese strukturiert fachsprachlich u.U. anhand einer Skizze wieder.

Die Zusammenhänge zwischen der hier beschriebenen Entwicklung der systemischen Beratung und den Auswirkungen auf den in diesem Lehr- und Arbeitsbuch behandelten Inhalt werden im Kapitel „Der systemische Gedanke im Beratungsprozess“ wieder aufgenommen.

Aufgaben in diesem Kapitel:

- Bitte geben sie die historische Entwicklung der Beratung wieder.
- Bitte gliedern sie die Beratung in ausgewählte Theorien und stellen diese dar.

2.2 Definition, Möglichkeiten und Grenzen

Lehr-/Lernziele in diesem Kapitel:

- Sie erklären die Begriffe Professionalisierung, Beratung, Intervention, Prävention und Coaching.
- Sie erläutern die Möglichkeiten von Beratungsleistungen.
- Sie stellen die Grenzen der Beratung dar.

In Kapitel 2.1 wurde der Fokus auf die Entwicklung der systemischen Beratung gelegt, die sich wie beschrieben, aus den therapeutischen Ansätzen entwickelte.

- Was möchten wir unter -professioneller- Beratung verstehen?
- Wie möchten wir unsere Beratung in den Kontext der sozial-interaktionalen Tätigkeiten verorten?
- Welche Ziele und erwünschen Wirkungen sind beabsichtigt?

Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit den begrifflichen Definitionen, um ein gemeinsames Verstehen der Beziehungen und verwendeten Begriffe von Beratung und Artverwandten Begriffen zu erlangen. Es sollen in diesem Kapitel die grundlegenden Elemente dargestellt werden. Weiterhin werden die Möglichkeiten aufgezeigt in Relation zu den Grenzen, auch und gerade den therapeutischen, gesetzt.

2.2.1 Begriffsbestimmungen

Unter dem Begriff der Professionalisierung wird zur heutigen Zeit eine Vielzahl an unterschiedlichen Bedeutungsgebungen zusammengefasst und eine detaillierte Trennschärfe noch nicht erreicht. Der sprachliche Ursprung der Profession liegt im 16. Jhd. und hat die Bedeutung einer öffentlichen Angabe, bzw. einem Bekennen zu etwas (vgl. Kluge & Seebold, 2011, S. 724). Professionalität im pädagogischen Sinne kann als Verberuflichung angesehen werden, innerhalb derer eine „Ausdifferenzierung des Arbeitssektors“ sowie die „Herausbildung einer spezifischen Wissensbasis und Handlungsbasis“ gefordert ist (Tenorth & Tippelt, 2007, S. 579). Demnach würde das professionelles Handeln, ein an kontextspezifischen und mit handlungsbasiertem Wissen untermauerten kommunikativen und interaktiven Akten angelehntes Bestreben sein. Leistungen bestimmter Berufe (z.B. die Handlende in medizinischen, juristischen oder religiösen Tätigkeitsfeldern) sind zentralwertebezogen, für die Gesellschaft erbracht und folgen einer nachvollziehbaren Handlungslogik (vgl. Dewe, Ferchhoff, & Radtke, 1992, S. 7–8). Weiterführend kann der Begriff der Professionalisierung in die Richtung einer haltungsbezogenen Definition gedacht werden. Diese Haltung wird z.B. durch den individuellen Reifegrad bestimmt und fordert ein immer widerkehrendes Überprüfen der eigenen, situationsgebundenen und wissensabhängigen Haltung und Weiterentwicklung dergleichen (vgl. Nittel, 2000, S. 15–16). Da Wissensepertoire professioneller Berater/innen reichen von Interaktions-und Kommunikations- bis zu bereichsspezifischem Wissen (vgl. Tenorth & Tippelt, 2007, S. 62). Kurz: Professionelles Handeln ist bewusstes Handeln.

Der Begriff der Beratung wird im Allgemeinen als Hilfeleistung beschrieben, die in der Hauptsache von Sozialpädagogen und Psychologen durchgeführt wird. Oftmals werden zwischen Beratung und Therapie keine Unterschiede gesehen, da diese mit den gleichen Perspektiven, Beziehungsmustern und Interventionen arbeiten. Im Fokus dieser Interventionen steht die Prävention und weniger die Therapie. Wo dieses nicht gesehen wird, so gibt es zumindest einen fließenden Übergang. Weiterhin wird die Perspektive vertreten, dass Beratung im Kontext einer Entwicklungs-, Anpassungs- Rollendefinitionsaufgabe steht. Es werden die unterschiedlichsten, spezifischen Beratungskontexte angeführt, die von der Erziehung über Schule und Beruf bis hin zur Familien-, Ehe- und Sexualberatung geht. Die speisenden Theorien sind die der Psychoanalyse, der Verhaltens- und Humanistischen- (Gesprächs-) sowie die Systemtheorie. (vgl. Böhm & Grell, 2005, S. 73–74; vgl. Tenorth & Tippelt, 2007, S. 62)

Intervention steht für die bewusste und zielorientierte Einwirkung auf ein System, ursprünglich dem französischem entlehnt und in der Bedeutung des dazwischen Kommens gemeint. Systemtheoretisch kann diese Einwirkung zum einen von innen heraus [von einer Person selbst, Anm. Verf.] erfolgen, andererseits kann ein anderes auf ein weiteres System [auf eine andere Person, Anm. Verf.] einwirken. Hierbei ist die Abfolge der einzelnen Interventionen nicht gewiss, da die Eigendynamik der einzelnen Systeme [Personen, Anm. Verf.] unsteuerbar ist (vgl. Kapitel 3). (vgl. Kluge & Seebold, 2011, S. 448; vgl. Willke, 2015, S. V)

Sprachlich gesehen, ist der Begriff der Prävention ein Abstraktum aus dem französischem und bedeutet soviel, wie dem Zuvorkommen einer Neubildung. Dabei ist die Begrifflichkeit einer der zentralen in dem Tätigkeitsfeld der sozialen Arbeit. Es wird davon ausgegangen, dass mittels der Prävention ein mögliches Risiko minimiert oder ein eintreffendes Ereignis verhindert wird. Prävention kann hier enger als die Intervention gefasst werden. Es werden drei Konzepte unterschieden:

- Primäre Prävention im Sinne einer Verbeugung bei vorliegenden Störungen, die aufgrund von fehlgeleiteten Entwicklungen, fehlender bzw. fehlerhafter Anpassung oder ersten Störungsanzeichen vorliegt, angewendet wird.
- Sekundäre Prävention als Früherkennung von Situationen, innerhalb derer es zu möglichen Instabilitäten kommen kann (z.B. Todesfälle o.ä.).
- Tertiäre Prävention beschreibt die Verhinderung von wiederholten Problemaufkommen oder die Begleitung innerhalb einer Rehabilitation.

Prävention ist daher eine Möglichkeit zur Vermeidung oder Verhinderung der Risiken, die zu chronifizierten Störungen führen können. (vgl. Kluge & Seebold, 2011, S. 720; vgl. Opp, 2007, S. 568–569)

Der Prävention kommt in Verbindung mit der World Health Organization (WHO) eine besondere Bedeutung. Durch die umfassende Definition von Gesundheit, nach der diese als „ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden“ (WHO, 1986) beschrieben wird.

Es werden im Beratungskontext immer wieder weitere Begriffe verwendet. Im Folgenden wird insbesondere die Definition des Coachings näher erläutert, da diese der Beratungsarbeit am nächsten kommt:

„Eine einheitliche Definition von Coaching anhand der Literatur gestaltet sich schwierig. So ergab eine am 13. Oktober 2015 durchgeführte Internetrecherche bei dem Suchmaschinen-Anbieter GOOGLE SCHOLAR zu den Suchbegriffen ‚Definition‘ und ‚Coaching‘ innerhalb von ,1 Sekunden ungefähr 11900 Ergebnisse. Hierbei erfolgt eine Darstellung der Suchergebnisse teilweise auf gleiche Angaben und Dokumente. […] Ein Definitionsversuch entsteht aufgrund der Kriterien der gesunden Klienten/innen, der Prozessberater/innen, der Beauftragung durch einen Klienten/in, der Standortbestimmung, der Entwicklung von Zielen, des Kompetenzgewinns sowie der Verbesserung der Lebensqualität (Migge, 2014, S. 30).

Eine weitere Definition führt über die Potentialentfaltung von Menschen, die zu seiner Leistungsmaximierung herausfordern soll und als Prozess beschrieben wird, der „Menschen mit den Werkzeugen, dem Wissen und den Möglichkeiten ausstattet, die sie brauchen, um sich selbst weiterzuentwickeln und erfolgreicher zu werden“ (König & Volmer, 2012, S. 11, nach Peterson/Hicks (1996), S. 14). Ferner ist Coaching „ein personenzentrierter Prozess Beratungs- und Betreuungsprozess, der berufliche und private Inhalte umfassen kann und zeitlich begrenz ist“ (König & Volmer, 2012, S. 12 (Rauen 2001, 64)). Eine weitere Beschreibung ist, „dass Coaching ‚ein klientenzentriertes und individuelles Betreuungskonzept zur Optimierung aller vorhandenen Kräfte und Potentiale von Führungskräften auf kooperativer Basis mit Hilfe eines integrativen Methodenansatzes in Richtung gewollter Entwicklung‘ ist“ (Böning, 2005, S. 24, nach Schmidt (1995)). Weshalb die beschriebene Optimierung lediglich auf Führungskräfte beschränkt wird, konnte nicht geklärt werden. Nach den bisherigen Erfahrungen, sind Menschen im Allgemeinen zur Veränderung bereit, sofern ein entsprechender Leidensdruck verspürt wird: Das eigene Erleben stimmt nicht mit den selbst gesetzten Erwartungen überein, was eine Inkongruenz zur Folge hat und einen Bruch im Selbstkonzept des Menschen sowie den Wunsch nach Veränderung auslöst (Eckert & Biermann-Ratjen, 2012, S. 154).“ (Hanisch, 2015, S. 4–5)

Die Erklärung der hier verwendeten Begriffe stellt also die Grundlage aller weiteren inhaltlichen Überlegungen dar und gibt somit auch ein Verständniskorridor vor.

2.2.2 Möglichkeiten und Verständnis von Beratung

Das Beratungsverständnis hat sich in der neueren Zeit gewandelt. Gründe hierfür sind zum einen die erhöhte, auch mediale, Aufmerksamkeit, die dem Themenfeld zuteilwurde, andererseits etablierte sich die Beratung als eigenständiges Arbeitsfeld. Damit einher gehen Forschungen, die neue Erkenntnisse generieren und somit das ursprüngliche Verständnis, nämlich die reine Informationsvermittlung bzw. -weitergabe, revidieren. Heutzutage möchte sich Beratung im Sinne einer Begleitung bei der Klärung von anliegen und Unterstützung im Lösungsprozess verstanden wissen. Je nachdem, welche Kontexte betrachtet werden, sind unterschiedliche Beratungsbereiche anzutreffen: Organisationsberatung, Beratung im Management, Beratung als Therapie (vgl. Kapitel Beratungsformen). Die Tradition der Beratung ist gerade in den Handlungsfeldern der Pädagogik, der sozialen Arbeit sowie den psychisch-sozialen Berufen sehr alt. Zu beachten ist jedoch, dass sich das Selbstverständnis von den in der Beratung Tätigen Institutionen bislang noch nicht weit von der Weitergabe von Informationen, z.B. bei Erkrankungen, entwickelt haben2. Ein erweitertes Verständnis von Beratungsleistung lässt sich entwickeln, in dem der Fokus auf die ratsuchenden Klientinnen und Klienten gerichtet wird. Wenn Menschen miteinander in Kommunikation gehen, dann wäre es doch vermutlich sehr hilfreich, Experten/innen an ihrer Seite zu haben, die sie bei diesen Prozessen unterstützen und damit einen Zugang zu ihren eigenen Anliegen und deren Lösungsoptionen ermöglichen. Damit können Berater/innen nicht nur als Informationstragende angesehen, sondern, erweitert, als Prozessexperten/innen, die bei Kommunikation und Handlungen zur Verfügung stehen. Damit erweitert sich nicht nur das Selbstverständnis von in der Beratung tätigen, sondern es wird auch gegenüber den Klienten präzisiert:

- Klärung von Anliegen
- Hilfe bei der Orientierung
- Unterstützung bei Entscheidungsprozessen
- Planungen auf Wirksamkeit und Nachhaltigkeit zu prüfen
- Handlungshilfe sein
- ggf. notwendige Informationen nachsteuern oder bei der Beschaffung dienen

Es zeigt sich, dass dieses tiefergehende Verständnis wesentlich komplexer und damit auch störungsanfälliger ist. Zu beachten sind die jeweiligen Umweltbedingungen, unter denen die Beraterin, der Berater, tätig werden und die unbedingt mit in den Prozess einbezogen werden sollten. Interessanterweise werden hier auch wieder die im vorherigen Kapitel betrachteten Sichtweisen, Methoden und Verfahren eingesetzt. Die flankierenden wissenschaftlichen Disziplinen sind die der Pädagogik, Psychologie und Soziologie. Ihr Selbstverständnis und deren Konzepte finden eine breite Anwendung – weil es Menschen sind, mit denen gearbeitet wird.

Inzwischen werden die Begriffe Beratung und Coaching teilweise synonym verwendet, was eine Eineindeutigkeit schwieriger macht. Gerade im Sinne der Professionalisierung ist damit eine Zuordnung der angebotenen Dienstleistung und die Einordnung durch Klienten/innen sehr vage. Daher soll an dieser Stelle die Zielsetzung des Coachings beschrieben werden:

„Als Ziel des Coachings steht daher die Befähigung von Gecoachten ‚mit neuen Situationen, mit unbekannten Problemen oder einfach mit persönlichen Anliegen in einer für sie zufriedenstellenden Weise umgehen zu können‘ (Böning, 2005, S. 23, nach Backhausen & Thommen (2004)). Dabei sind für Coachings nachfolgende Aspekte charakteristisch (Böning, 2005, S. 24, nach Schmidt (1995)): Klientenzentrierter Ansatz, Individuum im Fokus, Aktivierung aller Potentiale, kooperative Beziehungssituation, integrativer Methodenansatz.“ (Hanisch, 2015, S. 5)

Die Einflüsse des Coachings sind vielfältig:

„Coaching kann als ein Teil einer Beratungswissenschaft angesehen werden, die ‚sich zwar in der Fokussierung der begleitenden Beratung einig ist, sich aber auf mehrerer auf mehrere Disziplinen, Modelle, Theorien, Methoden stützt‘ (Aksu & Graf, 2011, S. 10). Interdisziplinäre Betrachtungen ergeben sich aus Einbringung unterschiedlicher Perspektiven von Experten/innen, die dadurch ‚in der Lage sind, komplexere Probleme überhaupt erst befriedigend zu lösen‘ (Aksu & Graf, 2011, S. 11). Die Weiterentwicklung zu einer transdisziplinaren Beratungswissenschaft soll die einzelnen Disziplinen nicht ersetzen, ‚sondern fachliche und disziplinäre Engführungen‘‘ aufheben ‚und zwar dort, wo Probleme und Fragestellungen sich aus lebensweltlichen, nicht nur aus innerwissenschaftlichen Gedankengängen ableiten und deshalb in größeren Zusammenhängen bearbeitet und beantwortet werden müssen‘ (Aksu & Graf, 2011, S. 11).“ (Hanisch, 2015, S. 5–6)

Dieses, eher auf die Prozesse und Interaktionen ausgerichtete, Verständnis soll es sein, die dem Hilfesuchenden eine gütige Begleitung ermöglicht. Gerade in Zeiten, in denen die reine Informationsbeschaffung durch web- und cloudbasierte Dienste zu jeder Zeit und ungefiltert möglich ist. Dieses kann durchaus schon mal überfordernd wirken. Dennoch ist es möglich Beratung und Coaching, durchaus auch in Kombination mit Training bei Gesunden und Erkrankten durchzuführen:

„Coaching könnte zukünftig, im Gegensatz zu den […] beschriebenen Annahmen, auch erkrankte Personen begleiten, wenn eine individuelle Kompetenz bei den Durchführenden erworben wurde (vgl. Lauterbach, 2013, S. 15):

`Coachingprozesse aus der Perspektive der Gesunderhaltung [und Integration von Erkrankungen in einen positiveren Lebensstil, Anm. d. Verf.] zu beschreiben heißt auch, sich angemessener Landkarten und Orientierungsraster zu bedienen, ohne dabei alle Lebenswelten unter die Oberaufsicht der Medizin stellen zu wollen. Der Arbeitsansatz im Gesundheitscoaching nutzt als Basis systemische Theorien, Haltungen und Methoden, das Konzept der Salutogenese und das Modell der Lebensbalancen. In diesem Rahmen lassen sich eine Fülle weiterer Denk- und Handlungsmodelle in die konkrete Arbeit integrieren‘.

Die Experten dieser Disziplin sind – Coaches, die wie gezeigt als Prozessbegleitung fungieren. Bei einer Definition von Gesundheit als ‚lebenslanger Veränderungs- und Lernprozess‘ (Lauterbach, 2013, S. 16) können positive Wirkungen auf Seiten der Klienten/innen erzielt werden (s. H1)

Dem auf Seite 6 skizziertem Bedürfnis nach einer transdisziplinären Beratungswissenschaft, in der heilende und begleitende Fächer miteinander für die Klienten/innen arbeiten könnte so nachgekommen werden. Ein weiterer Beleg für eine Begleitung von somatisch Erkrankten findet sich in der Rolle von Coachenden. Wie in Kapitel 3.1.2 beschrieben, gilt der Expertenstatus für Entwicklung und Lernen innerhalb der Lebenswelten. Genau in diesen sollen sich(chronisch) Erkrankte wieder zurechtfinden und eine Eingliederung finden – die Erkrankung in ihr Leben integrieren. Hierbei ist Coaching ein Ansatz, der diesen Patienten/innen eine hilfreiche Begleitung ermöglichen kann. Zumal, wie oben bemerkt, das Erleben von Gesundheit für jeden Menschen individuell konstruiert wird und eher die Symptome von Erkrankungen bewusst wahrgenommen werden. Interessant wäre in diesem Zusammenhang noch die Frage, welche Wirkung Coaches auf Erkrankte haben, wie sich diese von der des ärztlichen Personals unterscheidet. Möglicherweise können hier eine positive Wirkung erzielt werden, da die Assoziationen von Patienten/innen unterschiedlich sein könnten. Das Wirkungssystem Mensch ist von vielen Faktoren beeinflusst, daher ist eine breit angelegte Begleitung gerade von chronisch Erkrankten auch außerhalb der Psychotherapie möglich. Dort wo Patenten/innen eine reine somatische Diagnose erhalten haben, kann ein systemisch orientiertes Coaching wertvolle Dienste leisten. Wenn denn wie in Kapitel 3.1.2 angeführt die Konsequenzen für das Systemische Coaching sind, dass nicht nur auf einzelne Personen gescheut werden muss, sondern das gesamte soziale System in Betracht zu ziehen ist (König & Volmer, 2012, S. 24): Auf die Personen, auf das Denken derer, auf soziale Regeln, auf immer wiederkehrende Verhaltensmuster, auf die beeinflussende Umwelt und auf die Entwicklungen (vgl. 3.1.2) Bezug genommen werden muss, dann kann diese von Systemischen Coaches geleistet wer- den – schließlich ist es deren ureigene Aufgabe diese Prozesse als Experten zu begleiten. Ergänzend sind alle weiteren Beteiligten im Umfeld der Klienten/innen einzubeziehen. An den Forderungen von und an Coaching im Gesundheitssektor kann abgeleitet werden, dass das Feld von Gesundheit und Medizin nicht nur alleine den Medizinern überlassen werden muss, gerade wenn es um Versänderungen und Integration neuer/anderer Lebenskonzepte geht, sind Gesundheitscoachende kompetente und wissenschaftlich evaluierte Ansprechpartner/innen. Mindestens sollte dieses geprüft werden, um einen langfristigen und nachhaltigen Coaching-Erfolg zu ermöglichen s. (s. H2).

Schlussfolgernd ist systemisches Coaching, ob es auch Gesundheitscoaching genannt werden muss bleibt noch abzuwarten, aufgrund seiner inter- und multidisziplinären Einbettung, den vielfältigen theoretischen Ansätzen sowie den aus der wissenschaftlich fundierten psychotherapeutischen Arbeit entlehnten Methoden geeignet um Menschen in Veränderungs- und Lernprozessen bei Fragen der Gesundheit und Integration von Krankheit in individuelle Lebenswelten zu begleiten.

Das Praxisfeld ist weit gesteckt: Gesundheitsprävention, Begleitung und Beratung bei (chronisch) Erkrankten und Engagement im Kontext des betrieblichen Gesundheitsmanagements sind die Leitplanken in denen Coach in im Spannungsfeld von Gesundheit und Medizin stattfinden kann. Eine einheitliche Richtlinie ist noch vakant, es ergeben sich damit vielfältige Betätigungsmöglichkeiten, deren Professionalisierung noch notwendig ist.“ (Hanisch, 2015, S. 12–13)

Die Möglichkeiten der Beratung scheinen grenzenlos. Dennoch sind die o.a. Grenzen bei allen Tätigkeiten mitzudenken, je nach dem entscheiden diese Grenzen über Erfolg oder auch den Misserfolg des eigenen Beratungsprozesses.

2.2.3 Die Grundhaltung von Beraterinnen und Beratern

Im Verlauf dieses Lehr- und Arbeitsbuches werden Sie noch mit den Prinzipien einer systemischen Einstellung und den damit verbundenen Konsequenten und Wirkungen konfrontiert. Möglicherweise kann es sein, dass diese bei Ihnen Widerstand hervorruft? Wenn wir davon sprechen, auf der einen Seite den Klienten zugewandt zu sein und andererseits die Effektivität im Blick halten, dieses als Verantwortliche, die den Beratungsprozess steuern, ist es sogar sehr wahrscheinlich, die beiden vermeidlich unvereinbaren Poole in erster Instanz weit voneinander entfernt zu betrachten. Die Begriffe Verantwortung, Bescheidenheit, Prozess, Effizienz und Kontrolle erscheinen unvereinbar und sind zeitglich untrennbar miteinander verbunden. Im Zentrum unserer Betrachtungen steht hier die eigene Haltung als Beraterin oder als Berater. Es lässt sich in diversen und oft wiederholten Studien eineindeutig nachweisen, dass durch die Reflexion der (therapeutischen) Haltung und dem damit verbundenen Vorgehen die Dauer von, in unserem Fall, Beratungsleistungen deutlich reduziert werden. Klienten ziehen aus der hier näher betrachteten Methode von Carl. R. Rogers einen großen Nutzen (Prinzip der Nützlichkeit, vgl. Kapitel 2.3.2,). Wir werden uns daher die Gedanken und Erfahrungen der Gesprächspsychotherapie weiter zu Nutzen machen und für die eigene Beratung hilfreich abgeleitete Schlüsse darauf ziehen.

Carl R. Rogers selbst beschreibt in seinem Werk Therapeut und Klient für die erfolgreiche Therapie identifizierten Merkmale, die sich deutlich von anderen Verfahren unterscheiden:

1. Die Hypothese, dass einige Einstellungen von therapeutisch Tätigen einen großen Einfluss auf den Therapieverlauf und -nutzen haben.
2. Das Konzept, dass die therapeutisch Tätigen die Funktion einer stetigen Gegenwärtigkeit und Zugänglichkeit haben. Weiterhin sollen. Diese den Entwicklungen und Erleben des Klienten (ver-) trauen.
3. Die Konzentration darauf, dass Klienten ihre eigene Erlebenswelt generieren und diese auch individuell ausdrücken.
4. Die Theorie, dass die Veränderungen bei den Klienten durch den therapeutischen Prozess begleitet werden. Dieser findet in der klienteneigenen Erlebenswelt statt und verhilft diesen im jetzigen Augenblicken zu bleiben.
5. Die Überzeugung, dass die Selbstwirksamkeitskräfte eines jeden Menschen die Motivation von Klienten/innen sind.
6. Das Interesse, dass der Veränderungsprozess in den Vordergrund steht und weniger die eigentliche Persönlichkeitsstruktur.
7. Die Forschungsarbeit, dass die so gewonnenen Ergebnisse weiterverwendet werden.
8. Die Hypothese, dass allen Personen die gleichen Prinzipien einer therapeutischen Prozessbegleitung zuteil werden kann.
9. Die Auffassung, dass die Begleitung als Sonderfall zu versteh ist und demnach auf alle konstruktiven und zwischenmenschlichen Beziehungen angewendet werden kann.
10. Die Entschlossenheit, dass der Boden aller theoretischen Abfassungen der der Erfahrungen ist und nicht Erfahrungen an eine Theorie angepasst werden.
11. Das Interesse, dass die aus der Praxis hervorgegangenen Schlüsse, philosophisch zu betrachten sind.

Seine o.a. Schilderungen, Forderungen oder Schlussfolgerungen können als Grundlage einer handlungsgeleiteten, erfahrungsbasierten und theoretisch flankierten sowie an wissenschaftlich orientierten Werten ausgerichteten Beratungs- und Begleitmethode angesehen werden. Es ist also keineswegs so, dass die Methode der Gesprächspsychotherapie, deren Gemeinsamkeit mit der Beratung u.a. das gesprochene Wort ist, einem Zufallsprodukt oder gar scharlatanartiger Wirkweise gleichkommt. Im Gegenteil: das gesprächspsychologische Verfahren ist ein wissenschaftlich anerkanntes und mehrfach evaluiertes Verfahren, dessen Methoden sich auch in der vorliegenden Form der Beratung, in welchem Kontext auch immer, wiederfindet. Die Kriterien können somit vollkommen übertragen werden.

Welche hilfreiche und für den Beratungsprozess förderliche Einstellungen oder Haltungen soll denn nun seitens der Beratenden eingenommen werden?

Reflexion:

- Bitte nehmen Sie sich einen Moment Zeit und beschreiben sie Ihre Gedanken in Bezug auf die o.a. Frage. Welche Werte, Normen, Wünsche, Bedürfnisse oder auch Emotionen können Sie nennen. Bitte Beurteilen sie diese, gerne im Kontext einer beratenden Hilfestellung. Was ist eher dienlich, was ist eher hinderlich. Welche Haltung wünschen sie sich von ihrem/r Berater/in?

Vielleicht haben sie Begriffe, wie z.B. Wertschätzung, Empathie oder so etwas in der Art wie Echtheit aufgeschrieben? Oder sie formulierten Begriffe, die jeweils in eine der drei genannten Kategorien eingeordnet werden könnten? Das wäre von einem Wunder weit entfernt, da wir Menschen den beschriebenen Einstellungen sehr gerne unsere volle Aufmerksamkeit schenken und wir dadurch, im Umkehrschluss, als Beratende die Aufmerksamkeit der Klienten erreichen können. Die o.a. Bedingungen erscheinen für den Erfolg einer Begleitung ausschlaggebend zu sein. Dieses ist in vielen unterschiedlichen Forschungsdesigns mehrfach bestätigt worden. Es kann daher sehr hilfreich für die eigene Arbeit sein, sich den Einstellungen zu nähern.

2.2.3.1 Präzises einfühlendes Verstehen, Empathie

Im Fokus dieser Bedingung steht die möglichst präzise und sensible Wahrnehmung der Gefühle und Erlebnisse.

Während die benannte Wahrnehmung auf Seite des Beratenden ist, spielen sich das Erleben und Empfinden auf Seite des Klientensystems ab. Es ist demnach von außerordentlicher Bedeutung, beides voneinander zu trennen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Beraterin oder der Berater, die von der eignenden Seite erlebten, Emotionen auf die Seite des Klienten projiziert. Damit würden verfälschte Wahrnehmungen, auch non-verbal, kommuniziert werden, die zu tiefen Missverständnissen führen könnten. Die Bedeutungsgebung der wahrgenommenen Gefühle würde nicht mehr stimmig sein.

Ziel ist es daher, die (erlebens-) Welt der Klienten zu erspüren und wiederzugeben. Hierin sind auch die ganz persönlichen, individuellen und eignenden Bedeutungen der Klienten gewahr zu werden. Es ist daher hilfreich, völlig in die Welt der Klientin einzutauchen, diese möglichst vollständig zu erfassen und sich dort „gut einzurichten“. Die komplexe Sinnerfassung, die vom Klienten ausgeht, sowie eine möglichst reine Wiedergabe dessen, was seitens der Beratenden verstanden wurde, kann für ein gelingendes Miteinander sehr wertvoll sein. Günstigstenfalls sind die von den Beratenden gemachten Äußerungen ein vollkommenes Abbild des Erlebens und Empfindens des Gegenübers. Mehr noch: die Beschreibung des eher unbewussten Teils des klientenbezogenen emotionalen Erlebens kann weitreichende und günstige Folgen haben, richtet der Klient seine Aufmerksamkeit auf einen Bereich, der ihm vorher noch nicht bewusst gewesen ist. Hierdurch werden weitere Aspekte assoziiert und können somit kaskadenartige Veränderungsprozesse auslösen. Vielleicht versteht sich die gegenüberbefindliche Person besser, oder zumindest Anteile werden eher verstanden.

Das so vorgebrachte und einfühlsame Verstehen ist für Menschen ein sehr wertvolles Erlebnis, welches nicht allzu oft im Alltag vorkommt. Daher werden die so wahrgenommenen Personen in ihrer Selbstachtsamkeit und -wahrnehmung deutlich bestärkt, und gewinnt wieder mehr Vertrauen in sich selbst. Dieses neu gewonnene Selbstvertrauen befindet sich in wechselseitiger Bezugnahme zum Beratenden – wenn mein Berater mich so annehmen kann, kann ich es auch.

Alleine die Erfahrung zu machen, dass sich Gegenüber um das Verstehen der eigenen Gefühlswelt bemühen ist eine sehr Machvolle. Weswegen alleine auch der ehrlich gemeinte Versuch seine Wirkung voll entfalten kann, auch wenn es oftmals nicht ganz genau gelingt, in die Erlebenswelt von Klienten/innen ein-zu-spüren. Die so angesprochenen Menschen öffnen sich mehr und mehr, gewinnen dadurch Vertrauen in das beratende Gegenüber, in den Prozess und damit auch zu sich selbst.

Ob und inwieweit sich Zuhörende empathisch in die Menschen hineinversetzten können, lässt sich anhand von einfachen verbalen Äußerungen der Klienten feststellen:

- Ermutigen sie die Klienten, sich zu äußern.
- Teilen sie eine wahrgenommene emotionale Empfindung mit.
- Sind diese kaum zutreffend, also wenig einfühlend und / oder verstehend ist, werden sie Reaktionen erfahren, die in Richtung Ablehnung interpretiert werden können. So z.B. „natürlich ist das so, das habe ich Ihnen ja auch so gesagt…“
- Sind diese empathisch, präzise und einfühlsam werden sie Reaktionen erhalten, die Zustimmung signalisieren. So. z.B. „ja, genau. Weil…“
- Je genauer die Reaktionen der Klienten sind, desto mitfühlender und empathischer ist ihr Verstehen (ganz gut läuft es, wenn sie nur noch ein „genau!“ ernten – dann haben sie zu viel verstanden, mitgefühlt und es ist im Sinne des Prozesses notwendig, bei den kommenden Wortbeiträgen etwas ungenauer zu sein. Sie erreichen dann wieder einen natürlicheren Gesprächsfluss und können aus dem Überhang, nach der Zustimmung oder Ablehnung, neue Informationen generieren).

Diese Grundhaltung führt also zu selbst-explorativen Erkenntnissen.

2.2.3.2 Wertschätzung oder bedingungsfreies Akzeptieren

Die zu beratende Person kommt mit einem ganzen Rucksack an konstruierten Wirklichkeiten, die allesamt durch das biografische Erleben geprägt sind und die die Grundvoraussetzung zur Entwicklung der eigenen Lösungsmöglichkeiten bieten. Wenn also der Therapeut oder die Therapeutin sich der Person als solche ohne zuschreibende Beurteilungen oder Bewertungen den Gefühlen, Gedanken, Ideen, Einstellungen usw. zuneigt, können diese Potenziale entfaltet und gefestigt werden. Damit wäre ein nicht-bedingtes oder bedingungsfreies Akzeptieren des Klienten erreicht. Es ist etwas so, wie wir als Eltern unsere Kinder zunächst ohne Bedingungen annehmen. Erst im Erziehungsverlauf stellen die meisten Eltern Bedingungen auf, die das Kind erfüllen muss, um so zu einer Akzeptanz – meist in Form einer Belohnung – zu erreichen (vgl. die Kapitel über „Beratung im Kontext von Familie“ sowie „Beratung im Kontext von “). Um nicht missverstanden zu werden: die bedingungsfreie Akzeptanz besagt ausdrücklich nicht, dass alles, was seitens des Klienten gesagt oder getan wird gutgeheißen wird. Es besagt, dass die Klientin angenommen wird, als die, die ist – mit all ihren Fehlern und Unzulänglichkeiten (von denen wir Menschen mehr als genug haben). Nicht erst, wenn das Klientensystem die von den Beratenden aufgestellten Bestimmungen erfüllt, kann ein Begleitprozess stattfinden. Wenn Menschen diese Einstellung spüren, ist die Wahrscheinlichkeit einer positiven, an Lösungen orientierten Arbeit hoch. Es ist demnach so, dass der Prozessbegleitende den Gefühlen des Klienten nicht bejahend, anderen Äußerungen ablehnend gegenübersteht. Sondern es wird versucht, und umgesetzt, eine warmherzige, offene und urteilsfreie Atmosphäre zu schaffen, in dem sich Menschen willkommen und so angenommen fühlen, wie sie zum Berater kommen.

Das ist schwer! Sehr schwer! Die tägliche Arbeit ist voll von Urteilen: über Personen, deren Handlungen, Äußerungen, Einstellungen.

Reflexion:

- Bitte nehmen Sie sich einen Moment Zeit und beschreiben sie Ihre Gedanken in Bezug auf den gestrigen Tag. In welchen Situationen, an welchen Orten haben sie besonders viele und schnelle Urteile gefällt? Beschreiben sie ihr momentanes Empfinden, wenn sie darüber reflektieren.

Es fällt Menschen leichter, defensive, feinselige, negative oder schmerzliche Emotionen zu beurteilen. Liebevolle oder positiv angenommene Gefühle werden, anstatt sie zu benennen, eher einfach so stehen gelassen. Dieses Bewertungs- und Beurteilungsmuster findet sich häufig und bildet damit die Grundlage der Erlebenswelt von Klienten/innen. Dieses Muster zu durchbrechen, übrigens ein überaus systemischer Ansatz, ist die beabsichtigte Wirkung. Auch beim Beratersystem. Dieses führt zu einer deutlichen Vertrauensbildung und legt damit den Grundstein für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Erst durch dieses nicht-bedingte oder bedingungsfreie Akzeptieren des Gegenübers, kann eine Selbstexploration erfolgen und es ergibt sich ein gegenseitiges Auf-sich-einlassen. Diese Haltung kann dann besonders hilfreich sein, wenn es dem Therapeuten ein innerstes Bedürfnis ist, dieses auch wirklich so zu transportieren und die Klienten als das zu akzeptieren, was sie, und auch Beratende, sind: verletzlich, manchmal innerlich hin und her gerissen und bestimmt weit weg von vollkommen.

2.2.3.3 Echtheit oder Kongruenz

Die grundsätzlichste der hier beschriebenen Grundhaltungen ist die der Kongruenz. Rogers beschreibt mehrfach, wie wichtig diese Haltung für einen guten Verlauf von Therapieprozessen sei und dass Echtheit die basale und notwendigste Grundhaltung von den hier besprochenen Haltungen ist. Erst durch ein deckungsgleiches Verhalten, in dem innerste Gefühle auch nach außen transparent gemacht werden, erleben Klienten eine starke Beziehungskraft. Es ist die Demaskierung, die dieses Vertrauen schafft und bringt die eigenen Empfindungen zum Ausdruck. Damit wird der Klient in die Lage versetzt, unmittelbare Erfahrungen seiner Wirkungen zu machen und gleichzeitig hat er die Gewissheit, keinem Schauspiel beizuwohnen.

Von den beschriebenen positiven Wirkungen abgesehen, beherrschen nur ganz wenige Berater/innen die Kunst der Schauspielerei. Und selbst diese bedient sich der schauspielereigenen Emotionen, die dann dargestellt werden. Menschen können nur ganz schwer ihre mimische und gestische Kommunikation kontrollieren, noch mal weniger, wenn eine deutliche Diskrepanz zwischen erlebten und darzustellenden Emotionen gewünscht ist.

Der Versuch der nicht-Kongruenz führt zu emotionalen und kognitiven Dissonanzen, in deren Folge Ablenkung, Wahrnehmungs- und Konzentrationsstörungen stehen.

Die Voraussetzung für eine gute Kongruenz ist, dass sich die Berater/innen ihrer eigenen Emotionen und deren Trigger fortwährend und augenblicklich bewusst sind. Weiterhin ist es notwendig, sich auf das Klientensystem einzulassen und die entgegenkommenden Impressionen mit den eigenen Stimmungen abzugleichen. Diese Prüfung findet sozusagen im Hintergrund statt, im Vordergrund steht weiterhin die Prozessbegleitung. Damit begegnen sich beide Systeme von Person zu Person, also in eine unmittelbare und individuelle Begegnung.

Fraglich ist es bisher, auf welche Weise kongruente Mitteilungen erfolgen können. Hilfreich sind hier Äußerungen, die das eigene Erleben und Empfinden verbalisieren, z.B.:

- „Ich empfinde Freude an dem, was sie erzählen […]“
- „Ich höre Ihnen heute Nachmittag nicht sehr aufmerksam zu, weil mich Gedanken beschäftigen, die ich nicht beiseiteschieben kann.“
- „Ich habe im Augenblick Furcht bei dem, was sie mir erzählen. Ich wünsche, es wäre nicht so.“
- Ich bin im Moment von […] abgelenkt, ich richte meine Aufmerksamkeit jetzt wieder auf […]“

Bei allen Aussagen ist stets zu beachten, dass diese wertfrei und im Einklang zum eigenen, tatsächlichen Erleben und Empfinden stehen. Gerade bei Verbalisierungen, bei denen negative Inhalte transportiert werden, ist dieses unmittelbar zu beachten.

Reflexion:

- Bitte versuchen sie einen Tag, evtl. mit einer Stunde beginnend, ihre empfundenen Gefühle und Gedanken auch kongruent und wertschätzend den Gegenübern mitzuteilen. Sie werden feststellen, wie sehr wir auf „Schauspielerei“ geprägt sind. Lassen sie sich davon nicht abschrecken oder entmutigen – es wird mehr und mehr gelingen J

Insbesondere sind Verbalisierungen, die auf für uns unangenehme Gefühlszustände hinweisen schon eine Herausforderung. Wir möchten den Andren schützen, ihn nicht verstören oder gar verletzten. Allesamt gute Absichten, die jedoch aus den vorgenannten Gründen unzweckmäßig sind. Daher ist es notwendig, sich in der Kongruenz zu üben. Erst dadurch, dass wir über unsere Empfindungen sprechen, diese echt ausdrücken und mitteteilen, selbst wenn es uns auch noch so unangenehm erscheint, wird die Vertrauensbasis gestärkt. Die Reaktion unserer Gegenüber werden demensprechend sein und sich dahingehend verändern, als dass von ihnen auch Ehrlichkeit in der empfundenen Emotion zum Ausdruck gebracht wird.

Um es vorbeugend zu skizzieren. Das kongruente Handeln bedeuten keines Falls, dass Klientinnen oder Klienten mit den Problemen oder Zuständen der Therapeuten/innen belastet werden sollen. Auch ist es nicht beabsichtigt, eine Rollenumkehr zu nutzen, um eigene Anliegen durch die Begleitung von Anliegen-Gebern zu ermöglichen. Weiterhin sind die empathischen Reaktionen seitens der Berater/innen auch nicht als unüberlegte, plötzliche und situativ unbedachte Regungen zu verstehen.

Ziel einer stimmigen Kongruenz soll es sein, die eigenen, erlebten Empfindungen weder zu verleugnen oder zu verdrängen. Eine bewusste Akzeptanz auch der eigenen Emotionen und die wertschätzende sowie vorsichtige Kommunikation hierüber stärkt die Klienten-Therapeuten (Berater) Beziehung ungemein.

Bitte widerstehen sie der Versuchung, sich eine professionelle Maskerade aufzusetzen.

Allerdings CAVE (bemerke / beachte):

Die Reihenfolge der beschriebenen Bedingungen ist im menschlichen Erleben und Empfinden umgekehrt:

1. Kongruenz
2. Wertschätzung
3. Empathie.

In dieser Folge, in der Wertigkeit abnehmend, scheinen für eine gute Beziehungsgestaltung und die damit verbundene erfolgreiche Begleitung, ob in therapeutischen oder beratenden Settings, notwendig zu sein. Insbesondere wird die Echtheit von Beratenden als eine der basalen Notwendigkeiten angenommen. Auch ist es im Erlangen einer solchen Haltung schwieriger Echtheit zu erlangen, als empathische Fähigkeiten weiter zu entwickeln. Mittig ist demnach die Akzeptanz angesiedelt.

(i.A.a. Rogers, 2013, S. 21–32)

2.2.4 Grenzen von Beratung

Meist fehlt innerhalb der Ausbildung von Beratenden das Wissen um Störungen und darf demnach auch keine Therapie in einfacher Form sein. Ziel der Beratung ist mittels Coping-Strategien und Verwendung der schon vorhandenen klientenbezogenen Ressourcen bei einer Lösungsentwicklung zu begleiten. Im Gegensatz zu den Psychotherapien, in denen kaum individual-spezifisches Wissen, z.B. um laufbahnrechtliche oder thematisch-inhaltliche Rahmenbedingungen, notwendig ist, werden beratende Leistungen auch damit konfrontiert. (vgl. Tenorth & Tippelt, 2007, S. 62–63)

Beratung ist daher im Allgemeinen der Arbeit mit einer gesunden Persönlichkeitsstruktur zugeordnet (vgl. Böhm & Grell, 2005, S. 73).

Wer ist gesund, wer krank?

Wie soll zukünftig die Begleitung von Erkrankten und/oder eingeschränkten Personen aussehen. Die Grenzen sind gesetzlich durch das Heilpraktiker-Gesetz geregelt, in dem für die Ausübung heilender Verfahren, Diagnosen oder Maßnahmen eine Erlaubnis benötigt wird. (vgl. §1 Heilpraktikergesetz). Heilen dürfen demnach nur staatlich geprüfte Heilpraktiker/innen oder approbierte Ärztinnen und Ärzte! Dieses soll die Bevölkerung, und hier findet ein recht altertümlicher Begriff Verwendung, vor Quacksalberei geschützt werden (das Heilpraktikergesetz stammt noch aus den Vorkriegszeiten und hat seinen Ursprung im Mittelalter). Da im Setting von Beratung meist mit psychischen Grenzsituationen gearbeitet wird, ist es sehr aufschlussreich, sich den Definitionen, nachdem ein Mensch psychisch erkrankt ist, einmal genauer genähert wird. Eine Definition, nach der Personen als psychisch erkrankt gelten, findet sich zum einen in den jeweiligen Landesgesetzgebungen der Bundesländer wieder. Die aktuelle Diskussion kann am Beispiel Bayerns verfolgt werden, in dem psychisch Erkrankte in der bisherigen (Stand 05/2018) Vorlage mittels Melderegister in die Strafverfolgung einbezogen werden sollen (Prandtl, 2018). Dieses aktuelle Beispiel verdeutlicht die Schwierigkeiten, die im Gegensatz zu den gut evaluierten und standardisierten somatischen Definitionskriterien von Erkrankung oder Verletzung, mit denen psychische Erkrankte als solche diagnostiziert und behandelt werden. Andererseits behandeln nicht nur Heilpraktiker und Ärzte psychisch erkrankte, auch Psychotherapeuten in den unterschiedlichsten Ausbildungsschulen und Denkansätzen sind an der Behandlung, hauptsächlich, beteiligt. Diese sind ebenfalls approbiert, d.h. sie haben eine staatliche Genehmigung, um die Heilkunde ausüben zu dürfen (vgl. §§1,2 Psychotherapeutengesetz).

Eine eindeutige Definition, was psychische Störungen sind, ist auch heute noch nicht erstellt worden. Es gibt in der klinischen Psychologie die verschiedensten Klassifizierungssysteme, in denen psychisch erkrankte eingeordnet werden und mithilfe derer nicht nur therapeutische Maßnahmen, sondern auch und insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland (BRD), die krankenkassenrechtliche Abrechnung erfolgt. Eine solche Klassifikation ist z.B. die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD). Auch die Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) ist eine international anerkannte Klassifizierungssystematik, diese eher im angelo-amerikanischen Raum verortet. Beiden gemein ist eine eingeordnete Beschreibung von Symptomen, anhand derer eine Diagnose genannt wird.

Psychische Erkrankungen können als ein Zustand oder eine Entwicklung angesehen werden, bei dem bzw. der

1. die betreffende Person in erheblicher, manchmal quälender Weise unter psychischen Symptomen leidet und bei dem
2. die entsprechende Symptomatik deutlich in die Lebensführung der betroffenen Person eingreift. Zwischen definitiven psychischen Erkrankungen und psychischer Gesundheit besteht eine breite Übergangszone.

(Arolt, V., Dilling, H. & Reimer, C. (2011). Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie (7. Aufl.). Berlin/Heidelberg: Springer)

Als psychische Störung werden Verhaltensmuster beschrieben, die in Personen auftreten und bei diesen bedeutsamen Leiden oder Beeinträchtigungen auslösen. Das gezeigte Muster darf dabei ausdrücklich kein auf ein verständliches oder kulturelles Ereignis sein, wie es beispielsweise bei Trauer aufkommt. Vielmehr sind tiefgehende Funktionsstörungen im Bereich von Verhalten, Psyche oder Biologie zu identifizieren. Selbstverständlich sind normabweichende Verhaltensmuster oder Konflikte keine psychischen Störungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Psychiatrische Notfälle und Erkrankungen, Ursachen

Es ist durchaus wahrscheinlich, auf psychische Störungen innerhalb von Beratungsleistungen zu treffen. Eine vorherige Absicherung kann da hilfreich sein, in der Regle ist den Betroffenen eine solche Störung bekannt. Einen Überblick über die möglichen Störungsmuster und Ursachenbereiche im Bereich der psychischen Notfälle und Erkrankungen gibt Abbildung . In diesem Lehr- und Arbeitsbuch ist es unmöglich, eine detaillierte Übersicht zu geben. Daher gilt bei einer akut auftretenden Störungssituation:

- Psychische Notfall wird immer an einen Psychiater/Arzt übergeben
- Evtl. bei Übergabe eher Symptombeschreibung und persönlicher Eindruck als Verdachtsdiagnose
- Über die möglichen psychosoziale Unterstützungs-, Beratungs- und Hilfsangebote kann aufgeklärt werden

Im Zweifel ist der Rettungsdienst zu alarmieren!

Und gleichzeitig: Beratung und Psychotherapie schließen sich nicht von vorneheraus aus oder sind ausschließlich widersprüchlich. Ich selbst habe psychisch erkrankte Klienten, die such ihr Coaching sehr gut in beruflichen und privaten Kontexten Aufgaben neu oder anderes bewältigen. Eine enge Abstimmung zwischen Klient, Psychotherapeut und Berater ist ein Faktor für den gemeinsamen Erfolg.

(i.A.a. Engel, Nestmann, & Sickendiek, 2012, S. 25–34, 38–42; i.A.a. Schaeffer, 2012, S. 33–34, 36, 38–42; i.A.a. Wittchen & Hoyer, 2011, S. 9)

Aufgaben in diesem Kapitel:

- Bitte erklären sie die Begriffe Professionalisierung, Beratung, Intervention, Prävention und Coaching.
- Bitte erläutern sie die Möglichkeiten von Beratungsleistungen.
- Bitte stellen sie die Grenzen der Beratung dar.

2.3 Beratungsformen

Lehr-/Lernziele in diesem Kapitel:

- Sie nennen ausgewählte Formen der Beratung.
- Sie ordnen die jeweiligen Formen in den Kontext von Gesundheitsberatung ein.

Die meisten Beratungsformen zielen auf Prävention und Intervention ab und haben Vielzahl an Praxisfeldern: vom privaten über das schulische bis zum beruflichem Umfeld werden Beratungsprozesse etabliert.

2.3.1 An Ressourcen orientierte Beratung

Um die Idee der Ressourcenorientierung nachzuvollziehen, ist es von entscheidender Bedeutung, dass unter dieser Begrifflichkeit keine eigene Konzeption, Theorie oder Methode verbirgt. So ist es z.B. üblich, nach den Problemen zu fragen: „Welches Problem haben Sie?“ oder „Seit wann besteht denn Ihr Problem?“. Hierbei fokussieren die Beratenden jeweils das Problem, und, möglicherweise, wird es dadurch weiter manifestiert. Die Folge ist eine Problemtrance, aus der das Beratung-Klienten-System (vgl. hierzu Kapitel 3) nur schwer wieder herausfinden. Bei der Ressourcenorientierung handelt es sich vielmehr um eine Grundhaltung, bei der eine Ausrichtung auf den Erhalt und, wenn diese Fehlen, auf die Wiederbeschaffung gegeben ist. Zentraler Mittelpunkt der Bemühungen ist stets die Klientin oder der Klient. Deren Ressourcen gilt es zu aktivieren, zu stärken und ggf. zu generieren. Diese kann auch eine, notwendige und gleichzeitig zurückhaltende, Informationsweitergabe im Sinne einer jetzt benötigten Ressource sein.

Damit noch nicht genug! Der Beratungsprozess stellt in dieser Vorstellung die zu begleitenden Personen in das Zentrum des eigenen Handelns. Daher ist stets deren Perspektive für die eigene Planung des Beratungsprozesses maßgeblich.

Als Prämisse des Konzeptes der Ressourcenorientierung stehen die Gedanken, dass alle Lebensführung, die Ausgestaltung des eigenen Alltags, das Wohlbefinden, die Gesundheit, die Erfolge und auch Misserfolge von der Verfügbarkeit und Zugänglichkeit der individuellen Ressourcen abhängt. Diese müssen des Weiteren erfolgreich eingesetzt werden, um zum gewünschten Ergebnis zu gelangen. Zu unterscheiden sind personale und umweltbedingte Ressourcen, was nun auch erklärt, dass die meisten menschlichen Tätigkeiten auf die Generierung und Erhaltung von eben diesen notwendigen Ressourcen ausgerichtet sind. Die jeweiligen konkreten Ressourcen variieren kulturell, gesellschaftlich und epochal und können dennoch innerhalb dieser Klassifikation eingegrenzt werden:

12. Objekte, die zu der menschlichen materiellen Umwelt gehören (z.B.: Bekleidung, Wohnraum, Kommunikationsinstrumente oder Transportmöglichkeiten) und bedürfnisgesteuert bewertet werden (z.B.: Verfügbarkeit)

13. Lebensbedingungen, bzw. -umstände, als menschlich geschätzte Zustände (z.B.: finanzielle Unabhängigkeit oder stabile Bindungen) oder Bedingungen (z.B.: Status oder Zuwendung).

14. Personalmerkmale, als notwendige und wichtige Zugangsmöglichkeiten zu den o.a. geschätzten Zuständen gelten (z.B.: soziale Kompetenz, Selbstwert oder Optimismus)

15. Energieressourcen, als notwendige Mittel zum Erreichen der o.a. erstrebenswerten Objekten (z.B.: Geld, Vertrauen oder Wissen)

Es gilt daher durch den Beratungsprozess herauszufinden, wo welche Bedrohungslage der angeführten Ressourcen vorliegt und wie diese abgewendet werden kann. Hierbei werden die jeweiligen bereits vorhandenen Ressourcen aktiviert und gestärkt sowie weitere benötigten Ressourcen evtl. beschafft. Eine Erweiterung der Thematik findet sich in der These der COR-Theorie (Conversation of resources), in den fehlenden oder nicht zugänglichen Ressourcen zur Verunsicherung führt und damit ein Hilfeersuchen seitens der Klienten/innen auslöst. Diese werden innerhalb der Beratung identifiziert, geklärt und bearbeitet.

2.3.2 Lösungsorientierte Beratung

Im Gegensatz zu der ressourcenorientierten Beratung ist der lösungsorientierte Ansatz ein eigenständiges Konzept, auf der Grundlage der Gedanken von Steve de Shazer (1940-2005). Während beim ersterem eine eher lose Kopplung zwischen Theorie, Methode und Umsetzung vorliegt, gibt es zur lösungsorientierten Beratung eine strukturierte Vorgehensweise, mithilfe dieser ein pragmatischer Zugang zur Beratung möglich ist. Durch die weite Verbreitung und der damit verbundenen Vielfalt an zugänglicher Literatur, ist das Konzept „überschaubar, handhabbar und genießt den Ruf einer effizienten Vorgehensweise“ (Schaeffer, 2012, S. 38). Ebenfalls ist die Fokussierung zwischen einer therapeutischen und beratungsorientierten Ausrichtung anders. Dieses liegt an der Entfaltung des Konzeptes, die Beratung entwickelte sich aus der Therapie. Unterschiedlich ist die Absicht: es sollen ausdrücklich keine langwierigen Beratungsinterventionen verfolgt werden. Beiden gemeinsam ist die humanistisch geprägte Grundhaltung, in der die Beratungssuchenden als selbstorganiserte und -verantwortliche Partner/innen angesehen werden. Ursprünglich orientierten sich die Entwickler an der Kurzzeittherapie. Hierbei wurde deutlich, dass im Durchschnitt sieben therapeutische Sitzungen für einen Behandlungserfolg ausreichen. Im weiteren Verlauf der Entfaltung, wurden die Sitzungsraten auf durchschnittlich fünf reduziert, mithilfe des lösungsorientierten Ansatzes.

[...]


1 Eine übersichtliche Darstellung der unterschiedlichen Strömungen ist bei von Schlippe zu finden (von Schlippe & Schweitzer, 2016, S. 34f.).

2 Bei der Durchführung einer Internetrecherche werden Sie dieses gut feststellen können. Sie treffen m Großteil auf reine Informationsseiten, bei denen Sie vergeblich die angesprochene Begleitung finden.

Details

Seiten
93
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346207852
ISBN (Buch)
9783346207869
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juli)
Schlagworte
beratung gesundheitsfachberufe systemische beratung systemisch pflege notfallsanitäter notfallsanitäterin pflegefachfrau pflegefachmann

Autor

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Titel: Systemische Beratung für Gesundheitsfachberufe