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Die Krieg-in-Sicht-Krise 1875

Seminararbeit 2001 22 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Bedingungen der Krise oder: Die Politik der Mutmaßungen
1.1. Die Lage nach 1871: Deutsches Reich – Frankreich
1.2. Die Wiederherstellung Frankreichs
1.3. Bismarcks Drohpolik

2. Ist der Krieg in Sicht? La guerre, est-elle en vue ?
2.1. Außenpolitische Offensiven Bismarcks
2.2. Auslöser der Krise
2.3. Vom Krieg-in-Sicht-Artikel zur politisch, philosophisch und christlich begründeten Präventivkriegsdrohung
2.4. Peripetie: die Intervention Englands und Russlands

3. Die Nachwirkungen und die Überwindung der Krise
3.1. Neue Wege, neue Ziele
3.2. Deutsch-französische Freundschaft ?

Schluss

Anhang

Quellenverzeichnis

Einleitung

Seit 1815 garantierten die fünf Großmächte das europäische Gleichgewicht. Die Wiener Ordnung sah vor, dass der neutrale Deutsche Bund in der Mitte als Puffer die Ausgewogenheit des Systems sichern sollte. Das restaurative Konzept Metternichs konnte den großen Konflikt zwar verzögern, auf Dauer verhindern ließ er sich jedoch nicht. Seit 1848 war das Europäische Konzert angeschlagen, nach dem Krimkrieg zerstört. Das Jahr 1856 bildet insofern eine Zäsur im Prozess der Wandlung des europäischen Staatensystems, als nach diesem Jahr die Pentarchie, die den Status quo in Europa seit dem Wiener Kongress garantiert hatte, nicht mehr zusammentrat. Die Neuordnung Mitteleuropas durch die Kriege von 1866 und 1871 vollzog sich folglich nicht mehr unter der Garantie des Konzerts der Mächte. Der Bestand der mit dem Jahr 1871 vorläufig abgeschlossenen Veränderungen hing nun von Wohlwollen, Missgunst, Gleichgültigkeit oder Machtlosigkeit der davon indirekt betroffenen Mächte – sprich: Russland, Österreich-Ungarn und Großbritannien - ab.

„Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt“[1], das waren Bismarcks Worte in seiner Rede vor dem Reichstag am 6. Februar 1888. Tatsächlich aber war die gesamte Politik der Ära Bismarck nach 1871 von Furcht – und nicht nur Gottesfurcht – geprägt. Die Furcht vor revisionistischen Koalitionen, das nach Revanche gierende Frankreich als Kern, die Furcht, das Reich könnte innerlich nicht zusammenhalten - so etwa sah man zu Beginn der siebziger Jahre die Lage im neuen Deutschen Reich. Aufgrund der rasanten Machtentwicklung Preußen-Deutschlands seit den sechziger Jahren erscheint diese Furcht auch ihre Berechtigung gehabt zu haben. Frankreich war, geschwächt und innerlich zerrissen, in Anbetracht der Außenpolitik vor allem ein Faktor der deutschen – Bismarcks – Politik, und wenngleich einflussreiche Kräfte in Frankreich den Revanchegedanken propagierten, so war ein Vergeltungskrieg wegen aus dem verlorenen Krieg entstandenen isolierten Lage vorerst nicht greifbar. Befreiung von den Hypotheken des verlorenen Krieges, innere Reorganisation und Wiederherstellung des eigenen Gewichts im Spiel der Mächte waren die Leitlinien für Frankreichs zu Beginn der siebziger Jahre. Aber wer konnte die Entwicklung vorhersehen, wenn es keine Garantiemächte für den Frieden mehr gab?

Die Entwicklung der Krieg-in-Sicht-Krise gründete auf dem Axiom der unsicheren Friedenslage, es steckten jedoch weit tiefgehendere Absichten und Verflechtungen dahinter, deren Erörterung jedoch nur aus den Bedingungen heraus möglich ist, aus denen die Krise entstand. Diese Arbeit ist folglich ein Versuch, die Entstehung der Krieg-in-Sicht-Krise aus der europäischen Situation im Gefolge des Krieges von 1871 nachzuvollziehen, ihre Ereignisse anschaulich darzustellen und auf ihre weitreichenden Folgen für die europäische Politik hinzuweisen. Das Hauptaugenmerk soll dabei stets auf die deutsch-französischen Beziehungen gerichtet sein, wenngleich es für das Verständnis notwendig ist, auch Ereignisse und Vorgänge in Betracht zu nehmen, die außerhalb des Fokus liegen.

1. Die Bedingungen der Krise: 1871-1875 oder: Die Politik der Mutmaßungen

Das Kriegsjahr 1871 sah auf beiden Seiten des Rheins die Formation einer jeweils neuen Staatsform; sowohl die Dritte Französische Republik als auch das Deutsche Reich waren Produkte dieses Krieges. Die Niederlage Frankreichs, die Proklamation des Reiches in Versailles – gewissermaßen auf dem Rücken des Feindes – machten eine Verständigung schwierig; unter dem Eindruck des im Mai 1871 unterzeichneten Frankfurter Friedens, mit dem Frankreich die Annexion Elsass-Lothringens faktisch anerkannte und zur Zahlung einer Reparationssumme von fünf Milliarden Goldfrancs einwilligte, schien eine Verständigung nahezu unmöglich.

1.1. Die Lage nach 1871: Deutsches Reich – Frankreich

Beide Staaten sahen sich vorerst mit der Aufgabe der Konsolidierung des Erreichten konfrontiert. Das Deutsche Reich war Befürchtungen der übrigen europäischen Mächte ausgesetzt, es werde nach der Hegemonie auf dem Kontinent greifen, denn eine Selbstbeschränkung schien angesichts der bewiesenen Schlagkraft seiner Armee, der Annexion des Reichslandes Elsass-Lothringen und der generellen geschichtlichen Erfahrung unwahrscheinlich. Man rechnete vielmehr damit, dass ein „pangermanisches“ Reich sich mit Blut und Eisen alle Menschen deutscher Zunge in Europa zu Untertanen machen werde. Dem entgegen stand der deutschen Politik scheinbar zu befürchten, dass sich eine revisionistische Koalition gegen den deutschen Nationalstaat formieren könnte, oder aber die „Reichsfeinde“, Sozialisten und Klerikale, durch ihre Verbindungen ins Ausland eine anti-deutsche Verschwörung initiieren könnten. So schien das neue Reich gefährlich und gefährdet zugleich zu sein. Der Reichskanzler Bismarck strebte eine vorsichtige Integration des Reiches in die europäische Politik an und versuchte einerseits, den Befürchtungen Englands, Österreichs und Russlands entgegenzuwirken, indem er das Reich, mit einem Wort Metternichs, für „saturiert“ erklärte und der deutschen Politik nicht Macht- sondern lediglich Sicherheitsinteressen attestierte[2]. Er wusste, dass ein erneuter Krieg die übrigen Mächte wahrscheinlich gegen das Reich verbündet hätte. Er verstand es andererseits, einen Nutzen aus der gefährlichen Lage für das Deutsche Reich zu ziehen: „Gott hat uns [...] die kriegerischste und unruhigste Nation, die Franzosen an die Seite gesetzt [...]; sie zwingen uns zu einer Anstrengung, die wir freiwillig nicht leisten würden, sie zwingen uns auch zu einem Zusammenhalten unter uns Deutschen, das unserer innersten Natur widerstrebt“[3]. Eine latente, von Frankreich ausgehende Gefahr schien geeignet, den nötigen Einigungsdruck herzustellen. Hier ging das Interesse Bismarcks mit der französischen Politik Hand in Hand, denn auch in der Dritten Republik wurde um Anhängerschaften geworben und keine Regierung hätte es sich erlauben können, einen dauernden Verzicht auf Elsass-Lothringen auszusprechen. Das Reichsland wurde als Einigungsmotiv auf beiden Seiten des Rheins verwandt und somit die „blaue Linie der Vogesen“ zum Symbol der Erbfeindschaft erhoben. Léon Gambetta sprach in seiner Rede von Chambéry im September 1872 von Frankreichs Aufgabe, die verlorenen Provinzen zurückzuerobern: „Denken wir immer an das, was wir zu tun haben, sprechen wir aber nie davon“[4]. Bismarck versuchte dementsprechend den Deutschen einzureden, „daß jede [französische] Regierung, welcher Partei sie auch angehören möge, die Revanche als ihre Hauptaufgabe betrachten wird [...]. Es kann sich nur darum handeln, welche Zeit die Franzosen brauchen werden, um ihre Armee und ihre Bündnisse so weit zu reorganisieren, daß sie ihrer Ansicht nach fähig ist, den Kampf wiederaufzunehmen“[5]. Die demütigende Wirkung des Frankfurter Friedens vermochte die Dritte Republik zu stabilisieren; auf der anderen Seite des Rheins bildeten die Feindschaft der Franzosen und die Furcht vor einem Revanchekrieg das „Einigungsmoment“. Beide Staaten versuchten so, durch ihre Außenpolitik die innere Reorganisation beschleunigen und Konflikte ablenken zu können. Man muss mit Blick auf Frankreich allerdings anmerken, dass das Land trotz allem nicht zum ausschließlich wütenden und brodelnden Rachegelüst wurde; ein großer Teil der Politiker sowie der Bevölkerung ließ sich zwar von einem Gefühl im Sinne Gambettas einnehmen, andere Kreise jedoch vertraten demgegenüber die Ansicht, dass Frankreich seine Niederlage selbst verschuldet hatte und deswegen auch die Konsequenzen tragen musste. Wie lange jedoch der Gedanke der Revanche in den französischen Köpfen präsent blieb, zeigte sich 1919, als auf den Tag genau 48 Jahre nach der Reichsgründung die Friedensverhandlungen der Alliierten über Deutschland begannen, was für Frankreich, zwar verspätet, Triumphcharakter hatte.

Die Nationalversammlung hatte am 17. Februar Adolphe Thiers zum ersten Präsidenten der Dritten Republik gewählt; er musste jedoch die Hauptstadt Paris zuerst gegen die Kommune, die gegen die Bedingungen des Friedens mit Deutschland und gegen die monarchisch gesinnte Nationalversammlung und die Regierung Thiers rebellierte, freikämpfen. Die Folgejahre waren von der innenpolitischen Auseinandersetzung über die Staatsform geprägt, Einigkeit bewiesen Republikaner und Monarchisten lediglich in der Feindschaft gegen das Deutsche Reich.

Ziel der Außenpolitik Bismarcks war es, das Deutsche Reich in eine neue europäische Ordnung zu integrieren und gleichzeitig Frankreich isoliert und bündnisunfähig zu halten, um ein anti-deutsches Revisionsbündnis verhindern zu können. Man darf daraus jedoch nicht schlussfolgern, dass Bismarck von 1871 an eine konsequente und geradlinige Friedenspolitik verfolgte; die deutsche Außenpolitik war bis zur Krieg-in-Sicht-Krise von einer nervösen Unruhe gekennzeichnet, die darauf schließen lässt, dass der Reichskanzler seinen Bewegungsspielraum erst abtasten und seine Grenzen erfahren musste, um sich auf eine politische Konzeption für das Reich festlegen zu können.

Frankreich war nach 1871 nach außen isoliert, im Innern zerrissen, von der Siegermacht in Teilen besetzt und von Reparationslasten bedrückt, somit temporär keine ernsthafte Bedrohung für das Reich. In Bismarcks Augen musste es in diesem Zustand, der die Unattraktivität für potenzielle Bündnispartner gewährleistete, gehalten werden. Eine scheinbare Garantie dafür bot die Konsolidierung der republikanischen Staatsform in Frankreich, und Bismarck scheute nicht davor zurück, die französische Regierung wissen zu lassen, dass seiner Ansicht nach ein fortdauernder Friede mit dem Fortbestand der republikanischen Regierungsform assoziiert war. Er tat dies schlichtweg aus politischem Kalkül; eine französische Republik sollte für potenzielle Partner, wie Russland oder Österreich, bündnishemmend wirken, denn Bismarck fand immer noch Glauben an die alte Tradition der Solidarität der Monarchen. Eine Monarchie in Frankreich, die zusätzlich noch in Verbindung mit der römischen Kurie stehen würde, konnte zum Kern eines „ultramontanen“, gegen das protestantische Deutsche Reich gerichteten Koalition werden. Er unterschätzte aber, dass die übrigen europäischen Mächte immer noch ein starkes Misstrauen gegen das Deutsche Reich hegten, das entgegen aller Beteuerungen der „Saturiertheit“ seine Drohpolitik gegen Frankreich (hiervon wird noch zu sprechen sein) nicht aufgab. In deren Augen konnte Frankreich möglicherweise auch ein Gegengewicht zum neuen Machtstaat in der Mitte bilden.

[...]


[1] Bismarck, Otto von: Gedanken und Erinnerungen. Reden und Briefe, Essen o. J. S. 431.

[2] Vgl. Milatz, Alfred (Hg.): Reichsgestaltung und europäische Friedenswahrung. Darmstadt 1973 (=Otto von Bismarck. Werke in Auswahl, Bd. 5, Teil 1). S. 452.

[3] Bismarck, O.: Gedanken und Erinnerungen. S. 417.

[4] Zitiert aus: Sieburg, Heinz-Otto: Geschichte Frankreichs. Stuttgart 1975. S. 343.

[5] Zitiert aus: Ullrich, Volker: Die nervöse Großmacht. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918, Frankfurt a.M. 1997. S. 75 f.

Details

Seiten
22
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638159166
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9132
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Lehrstuhl für Neuere Geschichte II
Note
gut
Schlagworte
Krieg-in-Sicht-Krise Proseminar Erbe Erbfeindschaft

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