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Die Einhaltung der Hygiene in der Fleischindustrie in den USA des frühen 20. Jahrhunderts

Ein Vergleich zu Upton Sinclairs "The Jungle"

Hausarbeit 2018 18 Seiten

Geschichte - Amerika

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Eine historische Einordnung
1.1 Pure Food.
1.2 American Labor

2 Die Veröffentlichung - Was ist wahr? Was ist falsch?

3 Theodore Roosevelt - Unterstützer oder Rivale?
3.1 Theodore Roosevelt und Pure Food
3.2 Theodore Roosevelt und American Labor

4 Nach der Veröffentlichung

Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Ara der Muckraker in der amerikanischen Geschichte war gepragt von Enthüllung und Debatten, sowie von Spannungen und Kontroversen. Dabei kam der eine Begriff meist nie ohne den Anderen aus. Doch mit skandalösen Enthüllungen kamen stets auch Diskussionen um die Glaubwürdigkeit der Journalisten auf, die sie manchmal in Bedrangnis bringen konnten. Die Glaubwürdigkeit ihrer Texte war aber ebenso nicht das Hauptziel der Muckraker, sondern sie konzentrierten sich auf Etwas simpleres. Neben dem Erzielen hoher Auflagenzahlen war es vor allem die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, die von starker Bedeutung war. Sie war bedeutend, um auf soziale Missstande hinzuweisen, deren Aufhebung sie sich zu ihrem Hauptanliegen gemacht haben.

Upton Sinclair war es mit The Jungle gelungen, die amerikanische Bevölkerung aufzurütteln und ein radikales Umdenken in der Öffentlichkeit in den USA zu verursachen, was sogar einen legislativen Eingriff zur Folge hatte. Sein Buch erzahlt die Geschichte der fiktiven Figur Jurgis Rudkus, ein litauischer Einwanderer, der in einem der gröBten Fleischbetriebe des Landes einen Job findet. Auf investigativer Recherche beruhend beschreibt das Buch aber auch die realen, schlechten Hygienestandards und Arbeitsbedingungen, unter denen die Arbeiter eines Fleischbetriebes zu leiden hatten. Die Enthüllungen der Beschreibungen waren ein Skandal. Aus der resultierenden Debatte folgten im Kongress legislative Eingriffe hinsichtlich der Hygienestandards in der Fleischindustrie. Die Arbeitsbedingungen blieben unverandert.

„I aimed at the public‘s heart, and by accident I hit it in the stomach”,1 ist wohl aufgrund des treffenden Inhaltes der am meisten zitierte Satz von Sinclair. Spricht man über das Buch The Jungle, so spricht man noch im selben Atemzug über den sog. Pure Food and Drugs Act von 1906. Die Ereignisse überschlugen sich in der Zeitspanne zwischen der Veröffentlichung des Buches und der Gesetzgebung. Der Autor bewies sich auch im weiteren Verlauf als Muckraker und leistete seinen Beitrag, wo er konnte. Durch den Erfolg der Reformen im Hygienebereich der Nahrungsmittelindustrie gelangte das arbeitsrechtliche Thema jedoch in den Hintergrund. Nicht zuletzt von Sinclair selbst war die fehlende Rückwirkung seines Buches auf das Arbeitsrecht als enttauschender Misserfolg angesehen. Doch lassen sich Erfolge nur an rechtlichen Konsequenzen messen? In welcher Relation standen die öffentlichen Diskussionen beider Thematiken zueinander? Warf die Errungenschaft des Gesetzes einen zu groBen Schatten, der uns blind für die sozialen Erfolge macht?

Schon die inflationare Nutzung von Sinclairs berühmten Zitat zeigt, wo die Schwerpunkte der Geschichtswissenschaft bisher lagen. James Harvey Young beschrieb in seinem Werk Pure Food den langen Weg, den Amerika im 19. Jahrhundert zu gesetzlich gesicherten, unverfalschten Essen hingelegt hat. Doch schon hier stand die Frage im Raum, inwiefern The Jungle überhaupt dazu beitragen konnte. AuBerdem hinterfragte die neuere Forschung die Effektivitat des Gesetzes von 1906.2 In den umfangreichen Werken über die amerikanische Arbeitergeschichte von Philip Sheldon Foner fand Sinclairs Buch wenig Bedeutung.3 Es war eher der Autor selbst, welcher in wenigen Bereichen als überzeugter Sozialist in den Mittelpunkt gerückt wurde.

Das Thema der Sauberkeit und Reinheit von Lebensmittel, sowie die Geschichte der Arbeiterbewegung stehen im Mittelpunkt dieser Arbeit. Die Untersuchung setzt in der Mitte des 19. Jahrhunderts an und gibt zunachst den vorgeschichtlichen Verlauf dieser Bereiche wieder bis zur Veröffentlichung von The Jungle. Der darauffolgende Abschnitt behandelt die Ereignisse und Debatten um die Veröffentlichung herum. Dabei fallt die Frage der Glaubwürdigkeit unter eine genauere Betrachtung. Theodore Roosevelt war als amtierender US-Prasident zu der Zeit einer der bedeutendsten Akteure in der Durchsetzung des Pure Food and Drug Acts. Deshalb untersucht das nachste Kapitel sein Verhaltnis zu Sinclair und seinem Buch. Die letzte Textpassage dient als kurzer Ausblick auf die Zeit nach Inkrafttreten des Gesetzes. Über die komplette Ausarbeitung hinweg liegt das Augenmerk auf den Öffentlichkeitsebenen, auf denen die Diskussionen geführt wurden, sowie auf den handelnden Diskussionsteilnehmern.

1 Eine historische Einordnung

Upton Sinclairs Buch fiel in eine der wohl bedeutendsten Epochen der US- amerikanischen Geschichte. Ein drangende Reformwille pragte diese Zeit. Der Reformwille kam womöglich durch die Auswirkungen der groBen Depression in den 1890er Jahren. Der wirtschaftliche Aufschwung aus dem sog. Gilded Age zollte nun seinen Tribut und machte ein Bild der Armut und Korruption erkennbar, das bis dahin mehrheitlich verdeckt geblieben war. Viele Banken und kleine Unternehmen scheiterten und die Arbeitslosigkeit lag bei bis zu 20%. Immer mehr GroBkonzerne gelangten an Monopolstellungen. Sie wurden gleichzeitig zu den gröBten Arbeitgebern, sowie zu den gröBten Produktversorgern im Land. Mit den sog. Trusts4 kontrollierten Sie die Preise und beseitigten ihre Konkurrenz.5

Anfang des 20. Jahrhunderts vollzog das Land auch viele Veranderungen in der Sozialpolitik und eine starker werdende Anzahl von Muckrakern leistete dazu einen Beitrag. Die Medien und die Gesellschaft diskutierten offen über die Probleme in Politik und Wirtschaft, sodass sich in der Bevölkerung ein angstliches Unbehagen über die Monopolstellungen der Konzerne verbreitete. Ein sich wiederholendes Merkmal der Diskussionen waren die teilnehmenden Akteure. Auf der einen Seite „The reform voice”, die Missstande kritisierte und Veranderung forderte, und auf der anderen Seite „The business voice“,6 die Missstande relativierte und vor Veranderungen mahnte.

The Jungle reihte sich somit in eine Zeit in, in der der öffentliche Diskurs in thematischen Bereichen stets eine gewisse Berücksichtigung vieler zeitkontextualer Aspekte bedarf. Um sich der Auseinandersetzung des Themenkomplexes zu nahern, bedarf es zunachst einer Klarung der auffalligsten Ereignisse, die diesem Gebiet zugehören. Der Fokus liegt auf den handelnden Personen und auf den Ebenen der Öffentlichkeit, um einen Überblick und ein Verstandnis für die vorherrschende Diskussionskultur zu schaffen.

1.1 Pure Food

Mit dem zunehmenden Stadtewachstum in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts wuchs das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den verkauften Produkten verschiedener Branchen. Lebensmittel wurden nicht mehr auf den Plantagen erzeugt, sondern in riesigen Fabriken produziert. Immer haufiger warfen Wissenschaftler und Journalisten den Unternehmen Verfalschungen der Waren vor, um Produktionskosten zu sparen oder Einsparungen bei der gesundheitlichen Überprüfung zu machen. Die Forderungen nach unbelastetem, reinem Essen, dem sog. Pure Food, wurden lauter und umfangreicher.

Bei der Besorgnis um die Gesundheit der Fleischversorgung in den USA erscheint es beinahe ironisch, dass ein Pionier des Tierschutzes die erste legislative Regulierung zum Kampf gegen die Verfalschung von Lebensmittelprodukten in Gang setzte. Angestiftet durch den British Adulteration Act von 1860 entwickelte sich in den USA eine groBe Sensibilitat für das Thema. 1874 hatte ein britischer Untersuchungsausschuss einen Verbesserungsvorschlag für das Gesetz eingereicht, der zwar scheiterte, aber dessen Vorbildcharakter viele Aktivisten in den USA motivierte.

George Thorndike Angell7 war einer der führenden Aktivisten. Er schrieb einen Brief mit ausführlichen und giftigen Anschuldigungen gegen die Lebensmittelindustrie, schickte ihn der American Social Science Association und gab ihn weiter an die Presse, die ihn publizierte und somit die Thematik auf eine andere Ebene der Öffentlichkeit anhob.8 Aus Thorndikes aggressiven Anschuldigen entstand schnell eine Diskussion. Der GroBteil der Diskussionsteilnehmer zeigte sich zwar dankbar, relativierte jedoch die Beschreibungen als „a vast deal of misinformation posing as exact scienes“ oder „calculated to create needless alarm“.9 Dennoch befürworteten sowohl die Reform Voice, als auch die Business Voice eine Gesetzgebung, wobei die Ausgestaltung umstritten blieb. Im Frühjahr 1879 prasentierte der Kongressabgeordnete Hendrick Wright die erste Pure Food Gesetzesvorlage dem Reprasentantenhaus. Jedoch schmalerte der Kongress das Gesetz vor der Verabschiedung und im weiteren Verlauf der Geschichte fand es selten Anwendung.

Viele europaische Lander begannen aus Angst vor Lebensmittelkrankheiten Handelssperren gegen amerikanisches Fleisch einzurichten. Unabhangig von dem Pure Food Gesetz setzte der US-Senat kurze Zeit spater einen Ausschuss zur Untersuchung der Trusts in der Fleischindustrie ein, angestiftet von kleinen Fleischbetrieben, die aufgrund der Massenproduktion Versaumnisse der groBen Betriebe in der gesundheitlichen Überprüfung anprangerten. Einige Gegenstimmen meldeten sich zu Wort und erklarten „the most cited cattle diseases (...) were both rare and not threatening to humans“.10 Jedoch spielten diese Gegenstimmen kaum eine Rolle, da sogar die groBen Konzerne ein Gesetz befürworteten, in der Hoffnung, dadurch die Handelssperren aufheben zu können. Es folgte 1891 ein legislativer Eingriff, der die Untersuchung von international exportiertem Fleisch vorschrieb, doch die Untersuchung auf nationaler Ebene unter Freiwilligkeit stellte. Das in den USA verkaufte Fleisch blieb dadurch gröBtenteils unverandert.

Die Geschichte der Fleischindustrie in den USA geht auch einher mit der Geschichte der Big Four, 11 und der Debatte um die Trusts. 1890 verabschiedete der Kongress den Sherman Act, welcher die Bildung von illegalen Trusts erschweren und die Monopolmacht einzelner Betriebe vermindern sollte . Erfolgreiche Anklagen blieben jedoch durch die lautstarke mediale Business Voice bis 1906 aus. Der Aufstieg der Fleischkonzerne war zudem eng verknüpft mit einer neuen Kühlmethode, die den nationalen und internationalen Produkttransport saisonal unabhangig machte. Zur gleichen Zeit kampften die Eisenbahnunternehmen mit dem Sherman Act und unterboten sich gegenseitig um den niedrigsten Preis, was den Aufstieg der Fleischkonzerne begünstigte.

Ein weiterer entscheidender Vorkampfer des 1906 durchgesetzten Pure Food and Drug Acts arbeitete für das Department of Agriculture. Harwey Wiley befasste sich mit „a series of reports in the late 1880s as part of a general study of the chemical composition and adulteration of numerous food products“,12 als er die Leitung der Abteilung Chemie des Ministeriums übernahm. Der Chemiker arbeitete abseits von der Öffentlichkeit mit Senatsabgeordneten zusammen, um Gesetzesentwürfe zu formulieren. In vielen Punkten bildeten diese eine Basis für die Gesetzgebung von 1906, jedoch lehnte der Kongress alle seine Vorschlage ab. Ein Grund für die Ablehnung könnte der Mangel an nennenswerten Diskussionen und öffentlichen Druck gewesen sein.

1.2 American Labor

Nach Beendigung der Sezessionskriege waren die USA innenpolitisch mit der Reconstruction beschaftigt, dem Wiederaufbau und der staatlichen Neuordnung nach den Zerstörungen des Krieges. Der 13. Artikel des Verfassungszusatzes der neuen Verfassung sollte die Abschaffung der Sklaverei in den wiedereingegliederten Staaten bewerkstelligen. Dadurch zeichnete sich zunachst ein Nord-Süd-Gefalle in den Vereinigten Staaten über die Vorstellungen von Arbeit und Arbeitsrecht ab. Der Süden kampfte mit der Durchsetzung des 13. Artikels und mit der Genesung der erkrankten Wirtschaft nach dem Krieg. Die Gründung groBer Fabriken blieb zunachst aus, die meisten Arbeitsplatze boten die Plantagen.13 Der Norden jedoch lieB mit den Veranderungen der Arbeitsvorstellungen nicht lange auf sich warten. Die Hauptursache lag im Wachstum der Stadte zu Metropolen.

[...]


1 Upton Sinclair, What life means to me, in: Cosmopolitan Oktober 1906, S. 594.

2 Der Biochemiker Barry Sears zog eine ironische Resonanz. 100 Jahre nach The Jungle seien die amerikanischen Lebensmittel immer noch ungesund, wahrend das Arbeitsrecht offensichtliche Fortschritte gemacht hat. Vgl., Sears, Barry, The Jungle. With a New Afterword by Dr. Barry Sears, New York 2001, S. 343-349.

3 Hier ist insbesondere seine Arbeit History of the Labor Movement in the United States zu nennen. Sie umfasst 10 Bande, doch Sinclair findet darin kaum Erwahnung.

4 „Der Begriff Trust (...) bezeichnet in der Wirtschaft einen vertraglich vereinbarten Zusammenschluss mehrerer Unternehmen. Das Ziel der daraus entstehenden Kapitalgesellschaft ist der Aufbau eines Markt- oder Produktmonopols“, Moller, Angelika, Trusts, in: USA-Lexikon (2013), 2. Aufl., S. 1082.

5 Vgl. Piott, Steven, Daily Life in the Progressive Era, Greenwood 2001, S. 134-135.

6 Die Verwendung der Begriffe im weiteren Verlauf meiner Arbeit stützt sich auf: Young, James Harvey, Pure Food. Securing the Federal Food and Drugs Act of 1906, Princeton 1989, S. 40-41.

7 Angell machte sich bereits Ende der 1860er als Gründer der Zeitschrift Our Dumb Animals einen Namen, dessen erste Ausgabe 200.000 Auflagen druckte. Ebenfalls gründete er die Massachusetts Society for the Prevention of Cruelty to Animals und verhalf zur Durchsetzung des ersten Anti-Animal-Cruelty Gesetzes. Vgl. MSPCA-Angell, Historical Timeline, https://www.mspca.org/who-we-are/history/historical-timeline/, 21.03.2018.

8 Vgl. Young, S. 47.

9 Albert Leeds, NY Times, November 11, 1869; Francis Thurber, American Grocer, zit. nach Ebd., S. 47 u. S. 49.

10 Zit. nach., Moss, David/Campasano, Marc, The Jungle and the Debate over Federal Meat Inspection in 1906, in: Harvard Business School Case 716-045 (2016), S. 7.

11 Hammond Packing Plant, Swift & Company, Armour & Company und Morris & Company. Alle vier Unternehmen waren in Chicago aktiv und machten die Union Stock Yards der Stadt zum gröBten Schlachthaus des Landes. Vgl. Moss/ Campasano, S. 2.

12 Piott, S. 150.

13 Vgl. Rodgers, Daniels, The Work Ethics in Industrial America, 1850-1920, Chicago 1972, S. 32-35.

Details

Seiten
18
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346230904
ISBN (Buch)
9783346230911
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v914922
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Upton Sinclair Theodore Roosevelt Geschichte der Vereinigten Staaten Fleischindustrie Fleisch-Skandal Schlachthof Fleischerei Fleischbetriebe Sozialgeschichte der Vereinigten Staaten USA Muckraker Journalismus Investigativer Journalismus

Autor

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Titel: Die Einhaltung der Hygiene in der Fleischindustrie in den USA des frühen 20. Jahrhunderts