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Durch das Schöne zum Selbstbewusstsein

Wie durch die ästhetische Betrachtung in Kants "Kritik der Urteilskraft" das Selbst bewusst wird

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 21 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Kants „Ich“

3 Das erkennende Subjekt

4 Ästhetische Wahrnehmung

5 Das Angenehme

6 Das Gute

7 Das Schöne

8 Selbsterkenntnis

9 Gemeinschaft

10 Die Funktion der Kunst

11 Zusammenfassung

12 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Haben sie schon Kants Kritik der reinen Vernunft gelesen? Eine Dunkelheit darin, die ihres gleichen sucht! Mir ist's zu hoch und so etwas auszuklauben, was kann es helfen?“[1]

Immanuel Kant hatte seine beiden bedeutendsten Hauptwerke, 1781 die „Kritik der reinen Vernunft“ und 1788 die „Kritik der praktischen Vernunft“ verfasst, welche beide auf enorme Verständnisprobleme stießen[2]. Daraufhin wurde ihm klar, dass beide Werke hinsichtlich der Ausarbeitung des Ästhetischen und dessen Funktion nicht ausreichend waren, weshalb er, quasi nachträglich, 1970 die „Kritik der Urteilskraft“ verfasste. Hier geht er nun der Urteilskraft, als Bindeglied zwischen Vernunft und Verstand[3], Naturbegriffen und Freiheitsbegriffen, Theorie und Praxis[4], Objekt und Subjekt[5], auf den Grund.

Auch dieses Werk ist im für Kant typischen naturwissenschaftlich-logischem Sprachstil verfasst, was ein Verständnis nicht unbedingt erleichtert, aber wohl doch zur Folge hatte, dass über den Autor soviel gesprochen und vor allem geschrieben wurde, wenngleich wohl auch heute niemand behaupten würde, aus den Tiefen der Kantschen Sätze in völliger Klarheit wieder aufgetaucht zu sein und selbst Gilles Deleuze nähert sich Kant als einen „Feind“.[6]

Kant erläutert, dass es neben der Erkenntnis der Dinge der Welt, die am Ende immer auf eine praktische Anwendung[7] zielen, noch eine Art Metaebene, die ästhetische Wahrnehmung[8] der Gegenstände gibt. Elementar ist hierbei, nicht das Objekt aus der beobachtenden Subjektebene zu beschreiben, sondern die Perspektive zu drehen und die Frage zu stellen, was im Subjekt emotional vor sich geht, während es einen schönen oder gar erhabenen Gegenstand wahrnimmt. „Alle Beziehung der Vorstellungen, [...] [wird] auf das Gefühl der Lust und Unlust [bezogen], wodurch gar nichts im Objekte bezeichnet wird, sondern in der das Subjekt, wie es durch die Vorstellung affiziert wird, sich selbst fühlt.“[9] Schönes und Erhabenes sollen nach Kant dazu beitragen, dass die „Erkenntniskräfte [sich beleben][10] und „Erkenntnis im allgemeinen“ überhaupt spielerisch erst möglich wird.[11] Er geht noch weiter und macht das Geschmacksurteil zu dem entscheidenden Faktor, der den vernunftbegabten Menschen vom unreflektierten Tiere unterscheidet[12], da der Mensch sich in Ansehung des Schönen und Erhabenen erst seines Selbst bewusst wird und seine Vernunft, die moralische Regeln erzeugt, durch welche Gemeinschaft erst möglich ist, richtig arbeiten lässt.

Das Selbst kann also nur in Relation zum Anderen erkannt und bewusst werden? Gemeinschaft im Grunde nur durch die ästhetische Wahrnehmung gefestigt werden?

Wie das Kantsche Modell funktionieren soll und die Antwort auf die gestellten Fragen sollen im Rahmen dieser Arbeit gefunden werden.

2 Kants „Ich“

Um dem Selbstbewusstsein und der Gemeinschaft näher zu kommen, ist es günstig, zunächst zu prüfen, wie Kant das Subjekt an sich, also das „Ich“ zu erklären sucht.

Gilles Deleuze fasst Kants Definition einfach als „Ich ist ein anderer“[13] zusammen und erklärt, dass es quasi zwei „ich“ gäbe. Zum einen jenes mit der Zeit fließende, in welchem unaufhörlich die Mannigfaltigkeit in der Einheit des Subjekts synthetisiert wird und zum anderen jenes „Ich“, welches als ein „Alter Ego“ distanziert erst wahrgenommen werden muss. Das eine synthetisiert die Zeit und dem jeweiligem Ereignis oder Gegenstand, das andere fließt mehr oder minder passiv mit der Zeit und ist einer permanenten Veränderung unterworfen.[14]

Kant greift im Prinzip Descartes „cogito ergo sum“[15] auf und erweitert es nach Deleuze auf ein „ich denke mich, und indem ich mich denke, denke ich irgendein Objekt, auf das ich eine vorgestellte Mannigfaltigkeit beziehe.“[16] Und schon hierin zeigt sich, dass das Subjekt, im Gegensatz zu Descartes Ausführungen, nicht alles anzweifeln kann, sondern fest in der Welt verankert ist. Er ist Teil der Welt und die unbestreitbare Existenz des „ich“ bedeutet gleichzeitig die Existenz der Welt und ihrer Gegenstände, da beide ineinander verwoben sind. Es nicht möglich, zu sagen, ob die „Dinge an sich“ vorhanden sind und so sie es sind, wie sie es sind, denn dies spielt für das Subjekt im Grunde keine direkte Rolle. Da die Dinge nur eine Bedeutung haben, wenn wir sie denken können, was allerdings voraussetzt, dass Dinge existieren, die denkbar sind. Kants „ich“ ist also stets ein „ich denke“, das eben auch einen Teil von sich selbst denkt, indem es ein Selbstbewusstsein entwickelt, welches notwendig der Welt bedarf, wenngleich nur als Vorstellung. Und doch ist die Existenz des „ich“ ein existere im eigentlichen Wortsinn, ein heraus-Stehen, das Zentrum und damit -ganz im Zeichen der Geometer- den Ursprung nicht in sich tragend. Der Mensch hat sein Da-sein nicht selbst veranlasst. Kant spricht dies nur am Rande an, in Abschnitten, in denen er auf die „Zweckmäßigkeit“ eingeht: „Zweckmäßig aber heißt ein Objekt, oder Gemütszustand, oder eine Handlung auch, wenn gleich ihre Möglichkeit die Vorstellung eines Zwecks nicht notwendig voraussetzt, bloß darum, weil ihre Möglichkeit von uns nur erklärt und begriffen werden kann, sofern wir eine Kausalität nach Zwecken, d .i. einen Willen, der sie nach der Vorstellung einer gewissen Regel so angeordnet hätte, zum Grunde derselben annehmen.“[17] Um uns eine Orientierung und damit verbunden Sicherheit in der Welt zu verschaffen, brauchen wir Kausalität, die Gewissheit, dass bestimmte Dinge aus anderen folgen und unsere Art, logisch zu denken ihre Berechtigung hat, weil alles um uns eben genau nach diesen logischen Prinzipien aufgebaut ist. Wer alles so arrangiert und geschaffen hat, ist an dieser Stelle nicht Kants Frage. Er kommt aus einer religiösen Familie[18], doch ist sein Anspruch, all die unaussprechlichen Dinge zwischen Himmel und Erde, die Metaphysik aus dem Bereich der Spekulation und des Übersinnlichen[19] herab auf eine logisch-argumentative Beweisführungs-Ebene zu ziehen, was auch seine haarspalterische Argumentationsweise erklärt, durch die leider z. T. im Verborgenen bleibt, welche weitreichenden Entdeckungen er macht.

3 Das erkennende Subjekt

Während also um uns die Welt abläuft, synthetisiert das Subjekt unaufhörlich Informationen. D. h., um sich in der Welt überhaupt orientieren zu können, ist es notwendig, sie zu strukturieren, weswegen Kant den „äußeren“[20] und den „inneren“ Sinn[21] einführt. „Denken ist ordnen“[22]

Zu aller erst ordnet das Subjekt die Gegenstände um sich herum in den Raum ein. Damit geschieht eine erste Synthese und zugleich Selektion, denn aus dem schier unendlichen Dingen, der so genannten Mannigfaltigkeit, die uns umgibt, wählt es etwas aus, dem nun im Raum sein Platz zugewiesen wird, als ob es in einer Art Koordinatensystem fixiert würde. Hierbei werden Distanzen, Größen und erste Formen erkannt:

Vermittelst des äußeren Sinnes (einer Eigenschaft unsres Gemüts) stellen wir uns Gegenstände als außer uns, und diese insgesamt im Raume vor. Darinnen ist ihre Gestalt, Größe und Verhältnis gegen einander bestimmt, oder bestimmbar.“[23]

Diese ordnet nun der „innere“ Sinn in die Zeit ein[24], d. h. er schafft eine Verbindung des Gegenstandes mit einer linearen Zeitachse[25], um wiederum ein Einzelnes aus dem Mannigfaltigem heraus zu lösen. Auch unsere Sinnesorgane nehmen sukzessive auf, kann sich das Auge doch bspw. nur nacheinander auf mehrere Gegenstände konzentrieren, während bei zu vielen, sich mischenden Gerüchen, akustischen Reizen etc. gern von Reizüberflutung gesprochen wird, was ja bedeutet, zu keinem Erkennen der einzelnen Elemente mehr in der Lage zu sein, so wie nicht selektierte akustische Reize als „Rauschen“ bezeichnet werden.

Auf diese Art, des Sortierens wird es nun möglich verschiedene Aspekte und Eigenschaften des Dinges „abzuscannen“, um diese dann unter einen für passend befundenen Begriff zu subsumieren.

„Also ist die Erkenntnis eines jeden, wenigstens menschlichen Verstandes, eine Erkenntnis durch Begriffe [...]“[26]

Um die Erkenntnisvorgänge im Kantschen Sinne noch deutlicher zu machen, sollte man sich seinen Aufbau des Verstandes vergegenwärtigen. Er teilt stets methodisch seine Systeme in zwei Teile, die dialektisch miteinander in Verbindung stehen und sich wechselseitig beeinflussen. Auf der einen Seite des Erkenntnisapparates befindet sich der „reine“ Verstand, dessen Funktionsweise seine erste Kritik gewidmet ist, während auf der „anderen Seite“ die praktische Vernunft platziert wird:

„So fern in diesen nun Vernunft sein soll, so muß darin etwas a priori erkannt werden, und ihre Erkenntnis kann auf zweierlei Art auf ihren Gegenstand bezogen werden, entweder diesen und seinen Begriff (der anderweitig gegeben werden muß) bloß zu bestimmen, oder ihn auch wirklich zu machen. Die erste ist theoretische, die andere praktische Erkenntnis der Vernunft.“[27]

Im Laufe seiner drei Kritiken, unterteilt er diese beiden Erkenntnissysteme immer weiter in je zwei antithetische Elemente. Der reine Verstand funktioniert nach klaren a priori in das Subjekt gesetzten Regeln, die frei von jeglicher persönlicher Welterfahrung funktionieren, quasi das theoretische Funktionieren unseres rationalen, logischem Denkvermögens als Voraussetzung für Erkenntnis überhaupt[28] Wie läuft Kausalität ab, nach welchen Kriterien werden Begriffe gebildet und unter ihnen subsumiert, etc.

[...]


[1] Schreibt Kants Freund T. G. von Hippel 1781 an Scheffner, vgl. hierzu: Kants Welt, S. 149.

[2] Vgl.: „Kants Welt“ S 148-150.

[3] Vgl. hierzu: Hans-Joachim Pieper, Geschmacksurteil und ästhetische Einstellung, S. 71-72.

[4] Vgl. hierzu die von Kant aufgestellte Übersicht: KdU, S. 110.

[5] Vgl. hierzu: Gernot Böhme, Kants „Kritik der Urteilskraft“ in neuer Sicht, S. 15.

[6] Gilles Deleuze, Kants kritische Philosophie, Klappentext.

[7] Gundula Felten, Die Funktion des sensus communis, S. 23.

[8] Böhme nennt diese „Metaebene“ auch eine Kopräsenz: vgl. hierzu: Gernot Böhme, Kants „Kritik der Urteilskraft“ in neuer Sicht, S. 18.

[9] KdU, § 1, S. 115.

[10] KdU, § 12, S. 138.

[11] Vgl. hierzu: Gundula Felten, Die Funktion des sensus communis, S. 20.

[12] „Annehmlichkeit gilt auch für vernunftlose Tiere; Schönheit nur für Menschen, d.i. tierische, aber doch vernünftige Wesen, aber auch nicht bloß als solche (z.B. Geister) sondern zugleich als tierische; das Gute aber für jedes vernünftige Wesen überhaupt.“, KdU, § 5, S. 123. 1

[13] Gilles Deleuze, Kants kritische Philosophie, S. 9.

[14] Vgl. hierzu Gilles Deleuze: „Kants kritische Philosophie“, S. 9.

[15] In René Descartes „Prinzipien der Philosophie“, S. 5. führt der Autor aus, dass unsere Wahrnehmungsmöglichkeiten nicht klar unterscheiden können, ob die Dinge um uns wirklich oder nur gedacht sind. Das einzige, was dem methodischen Zweifel nicht unterliegt, ist das „cogito“, dem man als Auslöser eines Rationalismus sehen kann, der durch ein Dogma abgebrochen wird.

[16] Gilles Deleuze, Kants kritische Philosophie, S. 45 2

[17] KdU, § 10, S. 135.

[18] Kants Eltern waren pietistisch und vor allem seine Mutter prägte seinen Blick auf die Welt religiös, vgl. hierzu: S. 23ff.

[19] Die ihn noch in seinen „Träumen eines Geistersehers“ stark beschäftigten.

[20] „Vermittelst des äußeren Sinnes (einer Eigenschaft unsres Gemüts) stellen wir uns Gegenstände als außer uns, und diese insgesamt im Raume vor. Darinnen ist ihre Gestalt, Größe und Verhältnis gegen einander bestimmt, oder bestimmbar.“, vgl. KrV, § 2, S. 71.

[21] „Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgen würde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellung der Zeit nicht a priori zum Grunde läge.“, vgl. KrV, § 4, S. 78.

[22] Augustinus, Bekenntnisse, S. 3

[23] KrV, § 2, S. 71.

[24] Hierbei greift Kant die augustinische subjektive Zeittheorie auf, nach der die Zeit ein mentales Konstrukt ist. Vgl. hierzu: Günter Schulte, Schnellkurs Philosophie, S. 66.

[25] Vgl. hierzu ebd. § 2, S. 71.

[26] KrV, S. 109.

[27] KrV, Vorrede, S. 21.

[28] „Denn [...] Vernunft [ist] das Vermögen, welches die Prinzipien der Erkenntnis a priori an die Hand gibt. Daher ist reine Vernunft diejenige, welche die Prinzipien, etwas schlechthin a priori zu erkennen, enthält.“, KrV, VII, S. 62.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638058674
ISBN (Buch)
9783638948760
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91496
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Philosophie
Note
2,3
Schlagworte
Schöne Selbstbewusstsein Kants Theorie Vermögen Kunst Ästhetik Kritik der Urteilskraft Romantik Idealismus Immanuel Kant;

Autor

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