Lade Inhalt...

Der Gründerkrach 1873 - Ursachen sowie politische und wirtschaftliche Folgen der anschließenden Gründerkrise

Hausarbeit 2008 14 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Auswirkungen des Gründerbooms 1870-73

3. Die Gründerkrise 1873-79
3.1. Der Gründerkrach 1873
3.2. Verlauf der Krise
3.3. Folgen

4. Gegenmaßnahmen nach der „Konservativen Wende“ 1878
4.1. Veränderung der politischen Machtverhältnisse
4.2. Ordnungspolitische Maßnahmen

5. Zusammenfassung

Anhang
I. Literaturverzeichnis
II. Erklärung

1. Einführung

Bei der Betrachtung der heutigen weltwirtschaftlichen Lage fällt jedem halbwegs finanzpolitisch Interessierten auf, dass dem Börsenmarkt als Richterskala von politischen Krisen eine hohe Bedeutung zukommt. Weiterhin zeigt gerade das Beispiel der Krise auf dem amerikanischen Börsenmarkt, inwieweit deutsche Banken oder Anleger involviert sind und von der Krise profitieren oder Schaden nehmen. Diese weltwirtschaftlichen Verflechtungen vor allem der Finanzmärkte zeigen besonders deutlich die Vor- und Nachteile von Globalisierung. Ohne weitere Vorahnungen verkünden zu wollen soll die Brücke zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschlagen werden, die zeitlich den Rahmen dieser Untersuchung einnimmt.

Gerade diese Zeit stellte den Beginn des Höhepunktes der Industrialisierung dar, die sich vor allem im immer mehr zusammen wachsenden Deutschland vollzog. Die Idee eines deutschen Nationalstaates wurde dabei zunächst im Rückblick auf die Revolution von 1848/49 von liberalen Kräften getragen, denen zusätzlich der Freihandel als Mittel der wirtschaftspolitischen Maxime für Europa und den Welthandel zuzuordnen war. Wie heute in Wirtschaftswissenschaft bekannt ist, haben Volkswirtschaften mit einer mehr markwirtschaftlich orientierten Wirtschaftsordnung und einem niedrigen Staatseingriff eine größere wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeit, so wie es seit den 1850er Jahren in vielen deutschen Staaten und auch im Deutschen Reich ab 1870/71 erfolgte.

Wo liegen aber nun die Ursachen für eine Abkehr von diesen Prinzipien? Allein das Argument einer Krise vermag nicht zu überzeugen, da jede wirtschaftliche Krise nicht automatisch einen Systemwechsel nach sich zieht. Im Folgenden wird das wirtschaftliche Wachstum während und nach der Reichsgründung 1871 bis hin zum Krach der Berliner Börse 1873 auf destabilisierende Faktoren hin analysiert. Weiter wird der Krach für sich und seine Ursachen betrachtet, wobei diese auf einen Zusammenhang zum Wachstum untersucht werden. Den Hauptteil macht die Betrachtung der auf den Börsenkrach folgenden Krise aus, deren Folgen dann im Zusammenhang mit den Maßnahmen des Staates betrachtet werden. Die Literaturlage stellt sich in diesem Bereich als ergiebig heraus, was die Nachvollziehbarkeit über vorliegende empirische Befunde und Statistiken belegt.

2. Auswirkungen des Gründerbooms 1867-73

Die hier gewählte zeitliche Eingrenzung des wirtschaftlichen Aufschwunges in Deutschland war gekennzeichnet durch eine Phase der Hochkonjunktur, die durch den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 zurück gestaut worden war, da zum einen vorübergehend ein Arbeitskräftemangel durch die hohe Mobilisierung von Truppen herrschte und zum anderen die Ausrichtung der Schwerindustrie in Teilen der Transportkapazitäten auf die Rüstung durchgeführt wurde.[1] Nichtsdestotrotz war gerade die Schwerindustrie für den wirtschaftlichen Aufschwung mit verantwortlich, was aus der Nachfrage der durch technischen Fortschritt wachsenden Eisenbahnindustrie nach Stahl resultierte.[2]

Damit einher ging der Ausbau des Börsenverkehrs und des Kapitalmarktes, da gerade für die Expansion des Streckennetzes enorme Kapitalströme notwendig waren. Um diesen Strom sicherzustellen stieg die Anzahl der für diesen Zweck gegründeten Eisenbahn-Aktiengesellschaften von 1851 bis 1870 auf 20 an mit einem Nominalkapital von etwa 1,7 Milliarden Mark, die nicht zuletzt den Investoren enorme Gewinne ermöglichten.[3] Begünstigt wurde die Entwicklung durch die am 21.06.1867 erlassene Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes, die de facto eine Gewerbefreiheit im Bundesgebiet ermöglichte. Nach dem für das am 18.01.1871 gegründete Deutsche Reich siegreichen Ausgang des Krieges wurde nicht nur die mangelnde Risikobereitschaft bei Anlegern wieder belebt, sondern auch wirtschaftspolitisch eine weitestgehende Vereinheitlichung der deutschen Staaten, von einigen Reservatrechten im postalischen und fiskalischen Bereich abgesehen, vollzogen.

Diese Rahmenbedingungen, erweitert durch die Liberalisierung der Wirtschaft, und die französischen Reparationszahlungen von fast fünf Milliarden Franc führten zu einer Welle „ökonomischen Optimismus“.[4] Obwohl sich etwa die Hälfte der Zahlungen im Rahmen von Wechseln bereits in Deutschland befand,[5] war die auf den Kapitalmarkt gelangte Geldmenge doppelt so hoch wie der Bargeldumlauf in Preußen um 1870.[6] Die Zahlungen kamen neben der Schuldentilgung der Bundesstaaten und der gesamten Kriegskosten vor allem den Besitzern von Kriegsanleihen zu Gute, die nach deren Auszahlungen den Betrag investieren wollten und damit u. a. die Nachfrage nach Konsumgütern erhöhten. Ein Großteil verwendete die Summen zur Anlage in Produktionsdarlehen und vor allem für die Beteiligung an Gründungen von Aktiengesellschaften, was durch die liberale Gesetzgebung gefördert wurde, da 1870 sämtliche Beschränkungen im Kapitalverkehr und die Konzessionspflicht durch Verabschiedung der Aktienrechtsnovelle 1870 für solche Gesellschaften aufgehoben worden waren.[7] Dadurch wurde ein bedeutender Anreiz für Investitionen geschaffen, der jedoch eine Absicherung von Gläubigern und Aktionären sowie Haftungsbestimmungen vermissen ließ.[8]

Dieser Anreiz, der sich in einer Flut von Spekulationen in Hoffnung zu erwartender hoher Gewinne wegen des Anstieges der Börsenkurse äußerte, führte parallel zu einer Welle von Bankgründungen, die sich ebenfalls an Spekulationen mit Kapital als Kommissionäre für private Wertpapierhändler beteiligten.[9] Das Bankenwesen kannte hier ähnlich wie bei den Aktiengesellschaften keine Haftungspflicht, so dass deren Rechenschaft über Kapitalgeschäfte auch nicht verpflichtend war. Weiterhin war durch die Vereinheitlichung des Geldwesens unter Leitung der Reichsregierung die Goldwährung de jure ab 04.12.1871 eingeführt worden, die neben der Aufnahme der französischen Summen auch den Geldumlauf durch den nicht erfolgten Einzug alter Münzen erhöhte, was dem weiteren Anreiz zu Investitionen zu Gute kam.[10]

3. Die Gründerkrise 1873-79

3.1. Der Gründerkrach 1873

Die hohen Nettoinvestitionen führten zwar zu einem starken Ausbau der Kapazitäten und, als Folge daraus, zu einer Ausweitung der Produktion, jedoch in der Konsequenz wegen fehlender Limitierung zu einem Überangebot, das wegen der nach dem Krieg explodierenden Nachfrage zu einem dementsprechenden Preisverfall führte.[11] Weiterhin wurde durch die Abschaffung bzw. Senkung des Zolls für Roheisen ab 01.10.1873 die Internationalisierung der Wirtschaftskreisläufe verstärkt, was im Gegenzug in einer hohen Anzahl von Handlungen mit Aktienpapieren aus den USA und Österreich an deutschen Börsen, vor allem in Berlin, mündete.[12] Im Mai 1873 kam es an der bedeutenden Wiener Börse zu einer Krise wegen eines Kursfalls bei Industrieaktien, was durch ein Gesetz zur Stundung von Schulden und dem ungedeckten Druck von Banknoten im Wert von fast 200 Millionen Gulden aufgefangen werden sollte.[13] Diese Krise wirkte sich im Oktober umso stärker an der Börse in Berlin dahingehend aus, dass der Hauptträger des Aufschwunges, das Eisenbahnwesen, in den USA wegen der Beteiligung an der Berliner Börse eine Welle des Konkurses durchlebte und somit die Nachfrage nach Stahl verebbte.

[...]


[1] Henning, Friedrich-Wilhelm: Wirtschafts- und Sozialgeschichte Band 2. Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914. o.O. 1973, S. 205.

[2] Krahnen, Jan Pieter; Wieland, Volker (Hrsg.): Der deutsche Kapitelmarkt vor dem Ersten Weltkrieg. Gründerboom, Gründerkrise und Effizienz des deutschen Aktienmarktes bis 1914. Frankfurt am Main 2005, S. 6.

[3] Krahnen/Wieland 2005, S. 6.

[4] Ebd. S. 8.

[5] Walter, Rolf: Wirtschaftsgeschichte. Vom Merkantilismus bis zur Gegenwart. 4. Aufl. Köln 2003, S. 110.

[6] Krahnen/Wieland 2005, S. 12.

[7] Ullrich, Volker: Die nervöse Großmacht. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918. Frankfurt am Main 1997, S. 39.

[8] Krahnen/Wieland 2005, S. 28.

[9] Ebd. S. 30.

[10] Pohl, Manfred: Die Deutsche Bank in der Gründerkrise 1873 bis 1876, in: Beiträge zu Wirtschafts- und Währungsfragen und zur Bankgeschichte 11 (1973), S.291.

[11] Henning 1973, S. 204.

[12] Kiesewetter, Hubert: Industrielle Revolution in Deutschland 1815-1914. Frankfurt am Main 1989, S. 83.

[13] Otto, Hans: Gründerzeit. Aufbruch einer Nation. Bonn 1984, S. 218.

Details

Seiten
14
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638071031
ISBN (Buch)
9783640282159
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91637
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Gründerkrach Ursachen Folgen Gründerkrise

Autor

Zurück

Titel: Der Gründerkrach 1873  -  Ursachen sowie politische und wirtschaftliche Folgen der anschließenden Gründerkrise