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Global Governance für die Umweltpolitik? Machtasymmetrien als intervenierender Faktor für die internationale Umweltkooperation am Beispiel der Klimapolitik

Masterarbeit 2007 95 Seiten

Politik - Internationale Politik - Klima- und Umweltpolitik

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Regimetheorie
2.1. Definition Regime
2.2. Regimeentstehung
2.3. Typen von Regimen
2.3.1. Interessenbasierte Ansätze
2.3.2. Machtbasierte Ansätze
2.3.3. Wissensbasierte Ansätze
2.4. Regimewirkung

3. Analysemethode und Hypothesenbildung
3.1. Der situationsstrukturelle Ansatz
3.1.1. Koordinationsspiel ohne Verteilungskonflikte (KOV)
3.1.2. Koordinationsspielen mit Verteilungskonflikten (KMV)
3.1.3. Dilemmasituation
3.1.4. Rambospiel
3.2. Definition und Einflussgrad von Machtasymmetrien
3.2.1. Macht als Einflussfaktor
3.2.2. Spezifika in der Klimapolitik
3.2.3. Betroffenheit und Anteil am CO2 Ausstoß als Machtressourcen in der Klimapolitik

4. Die Klimakonferenzen in Rio der Janeiro 1992 und Kyoto 1997
4.1. Akteurspräferenzen am Beginn der INC-Prozesses
4.1.1. USA
4.1.2. Europa
4.1.3. Japan und Russland
4.1.4. Entwicklungsländer
4.2. Konfliktlinien im UNCED Jahr 1992
4.3. Von New York nach Rio
4.4. Ergebnisse des Verhandlungsprozesses und der Konferenz in Rio der Janeiro
4.5. Innenpolitische Entwicklung während des Rio Prozesses
4.5.1. USA
4.5.2. Europa

5. Die Konferenz von Kyoto
5.1. Akteurspräferenzen
5.1.1. Europäische Union
5.1.2. USA
5.1.3. Japan
5.1.3. Russland
5.1.4. G77
5.2. Verhandlungsverlauf vor Kyoto
5.3. Die Konferenz von Kyoto
5.4. Inhalte des Kyoto-Protokolls
5.5. Innenpolitik
5.5.1. USA
5.5.2. EU

6. Die Situationsstruktur in den Klimaverhandlungen in Rio de Janeiro und Kyoto

7. Machtasymmetrie in den Klimaverhandlungen, inhibierend oder irrelevant
7.1. Anteil CO2 Emissionen als Machtfaktor in den Klimaverhandlungen
7.2. Betroffenheit als relevante Variable für Verhandlungspräferenzen
7.2.1. Objektive Betroffenheit
7.2.2. Politische Betroffenheit
7.2.2.1. USA
7.2.2.2. Europäische Union
7.2.2.3. Entwicklungsländer

8. Fazit

9. Literaturliste

1. Einleitung

Wenn über die Zukunft der internationalen Umweltkooperation debattiert wird, so taucht in den letzten Jahren immer wieder der Ansatz des Global Governance in den wissenschaftlichen Diskussionen auf.[1] Dieser Ansatz wurde durch den enormen öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs über das Phänomen der Globalisierung ausgelöst. Der Begriff Globalisierung wird häufig benutzt, um das weltweite Zusammenwachsen von Wirtschafts- und Finanzmärkten zu beschreiben. Jedoch hat die zunehmende Interaktionsdichte auch dazu geführt, dass sich die Folgen dieses Prozesses auf andere Bereiche nationalstaatlicher Politik auswirken. Gerade die Umweltpolitik produziert Externalitäten, die sich flächenübergreifend bemerkbar machen und nicht durch nationalstaatliche Barrieren zu blockieren sind. Exemplarisch kann dies in den letzten Jahren auf dem Feld der Klimapolitik beobachtet werden. In der aktuellen klimapolitischen Diskussion geht es zunehmend darum, wie globale Umweltpolitik gesteuert und wodurch Problemen wie der Klimaerwärmung entgegengewirkt werden kann.

Der Lösungsansatz des Global Governance entstand durch den von der Commission on global Governance vorgelegten Bericht im Jahre 1994, an dem sich viele Wissenschaftler und Institute, unter anderem auch die Stiftung für Entwicklung und Frieden (SEF) sowie das an der Universität in Duisburg beheimatete Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) um Franz Nuscheler und Dirk Messner, orientieren.[2] Der Grundgedanke ist, dass der zunehmende internationale Problemdruck, bedingt durch steigende Transaktionskosten bei nicht-kooperativem Handeln, Global Governance produziert.[3] In diesen Prozess sind aber auch Akteure wie NGOs, multinationale Konzerne, Parteien und Gewerkschaften involviert. Das Konzept des Global Governance konstituiert sich also als ein Mehrebenensystem, welches in seinen Ebenen als tripartistisch charakterisiert werden kann – die Akteursebene, die Regelungsformen und die Handlungsebenen. Als exemplarisch für den Global Governance Ansatz wird hier oft die Europäische Union genannt, die jedoch regional begrenzt agiert. Befürworter des Global Governance-Ansatzes sind vor allem die UN Commission on Global Governance (1995), die Gruppe von Lissabon (1997) und die Leiter des Instituts für Entwicklung und Frieden, unter ihnen Forscher wie Michael Zürn, Franz Nuscheler und Dirk Messner. Als Gegner gelten Ulrich Brand, Achim Brunnengräber, Lutz Schrader, Christian Stock und Peter Wahl. Sie beklagen den fehlenden theoretischen Unterbau und die Verleugnung von Machtasymmetrien.[4] In dem Bericht der Commission on Global Governance wird die Offenheit des Ansatzes – in dem zwar ein konkreter Aktionsplan fehlt, aber eine normative Grundstruktur existiert - akzentuiert, die sich auf eine „universelle Wertehaltung“ stützt.[5] Als intrinsisches Motiv wird angenommen, dass die Globalisierungsfolgen einen Problemdruck erzeugen, der zu einem Aufbau und Ausbau von Globale Governance führen wird. Der daraus erwachsende internationale wissenschaftliche Diskurs über eine angemessene Architektur und Handlungstheorien wird dabei als Konsequenz vorausgesetzt.[6] In den drei Grundcharakteristika des Global Governance als Wiedergewinn staatlicher Handlungsfähigkeit, neuem Politikmodell und aufgebaut auf einem ethischen Minimalkonsens, lassen sich die Grundstrukturen des Ansatzes erkennen.

In dem Bereich der umweltpolitischen Forschung finden sich immer wieder Ansätze, die den Global Governance Ansatz auch auf die Umweltpolitik übertragen möchten. Die bereits existenten Regime zu umweltpolitischen Themen sind für sie ein Hinweis darauf, dass eine internationale Institutionenbildung für eine globale Umweltpolitik möglich wäre. Eine transnationale Steuerung der Umweltpolitik soll dabei nicht nur souveräne Staaten, sondern auch „NGOs, z.B. aus dem Umwelt-, Entwicklungs- oder Verbraucherschutzbereich, ebenso wie Gewerkschaften und die Privatwirtschaft samt ihrer Verbände als wichtige "stakeholders" und Partner mit einbeziehen.“[7] Anhänger dieser Richtung des Global Governance Konzeptes fordern, „den Spielraum für politische Gestaltung zu erhöhen, und zwar insbesondere zur Bewältigung von globalen und grenzüberschreitenden Problemen wie Klimaveränderungen, (…) denen sie eine besondere Dringlichkeit beimisst.“[8]

In dieser hier vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob der Wunsch nach einer transnationalen Steuerung in Form einer häufig gewünschten internationalen Weltumweltbehörde nicht die gegebene Realität verkennt. Denn bisher sind immer noch die Staaten die dominierenden Akteure in der internationalen Umweltpolitik. Es gelang ihnen in der Vergangenheit nicht, ein konsensuales Fundament zu entwickeln, von dem aus Schritte in Richtung einer Weltumweltpolitik unternommen werden konnten. Anspruch dieser Arbeit soll es sein, die Gründe dafür zu eruieren, warum eine internationale Zusammenarbeit in der Umweltpolitik bisher kaum oder zumindest in vielen Gebieten nur rudimentär erfolgt ist. Die Klimapolitik ist in der vergangenen Dekade verstärkt als ein Paradigma betrachtet worden, in dem eine internationale Koordinierung nötig erscheint, es wurden daher in den 90er Jahren verstärkte Anstrengungen unternommen, eine internationale Koordination der Klimaschutzmaßnahmen durch bindende Abkommen zu erreichen. Obwohl in Bezug auf den anthropogenen Einfluss auf das Klima in der Wissenschaft keinesfalls ein einheitlicher Konsens herrscht, so sieht die überwiegende Mehrzahl der Wissenschaftler jedoch akuten Handlungsbedarf, der in seiner politischen Ausformung zu der Errichtung des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) führte.[9] Auf dem Erdgipfel in Rio 1992, wo eine Vielzahl von umweltpolitischen Themen diskutiert wurde, konnte erstmals ein bindendes Abkommen zwischen einer großen Anzahl von Staaten unterzeichnet werden, allerdings blieb die Effektivität der erreichten Konvention kontrovers, da sie durch massive Zugeständnisse an die USA in ihrer Wirkung erheblich abgeschwächt wurde. Auf der Klimakonferenz in Berlin 1995 verabschiedeten die teilnehmenden Staaten nach langen Debatten das so genannte Berliner Mandat, das zu einer Einigung über ein Protokoll oder einem anderen völkerrechtlichen Instrument auf der dritten Vertragskonferenz 1997 führen sollte.[10] Obwohl 1997 in Kyoto 167 Staaten eine völkerrechtlich bindende Konvention unterzeichneten, wurde diese in der Folge durch die Nicht-Ratifizierung der USA im Senat entwertet. Zwar trat das Protokoll im November 2004 durch den Beitritt Russlands in Kraft, jedoch erwies sich die Umsetzung als ungenügend, erschwerend kommt überdies hinzu, dass seine Vertragslaufzeit im Jahre 2012 endet.[11] Obgleich die Verabschiedung von Kyoto schon eine Dekade zurück liegt, haben sich während dieser Zeit noch immer keine alternativen Handlungsoptionen konstituiert, vor allem, weil sich die USA gegenüber international koordinierten Maßnahmen weiterhin ablehnend verhalten.[12]

Diese Beobachtungen legen den Verdacht nahe, dass inhibierende Faktoren existieren, die eine klimapolitische Kooperation entscheidend beeinflussen. So scheint das Interesse der teilnehmenden Akteure an einer Einigung aufgrund problemspezifischer Interessenlagen unterschiedliche Ausprägungen zu besitzen. Die Europäische Union trat in den Verhandlungen immer wieder als Motor und Initiator auf, während die USA sich vermehrt als Bremser konstituierten. Es gelang beispielweise den USA in Kyoto, das Protokoll stark abzuschwächen und nach ihren Präferenzen auszugestalten, allerdings gelang es ihnen nicht, die Entwicklungsländer in bindende Verpflichtungen einzubeziehen.[13] Die Entwicklungsländer konnten sich vertraglichen Bindungen immer wieder entziehen und sind deshalb bisher durch die Konventionen nicht von genuinen Restriktionen betroffen. Diese unterschiedlichen Interaktionsergebnisse lassen die Vermutung zu, dass in den internationalen Verhandlungen Machtasymmetrien entstehen, die den Einfluss der Akteure auf das zu verhandelnde Paradigma determinieren. Diese Determinanten sollen für den Gegenstand der Klimapolitik definiert und am Beispiel der beiden Konferenzen von Rio und Kyoto verifiziert werden. Die Fallauswahl bezieht auch deshalb auf diese beiden Konferenzen, weil sie als Kernelemente der bisherigen klimapolitischen Vereinbarungen betrachtet werden. Mit der Rahmenkonvention in Rio 1992 entstand ein Fixpunkt, von dem aus sich die weitere institutionelle und verfahrentechnische Entwicklung der internationalen Klimapolitik vollzog.[14] In Kyoto dagegen konnte eine Konvention mit umfassenden Vertragszielen unterzeichnet werden, die bis heute einen Referenzrahmen für weiterführende klimapolitische Überlegungen bildet.[15] Infolgedessen sind beide Konferenzen durch die Sekundärliteratur in Bezug auf die Verhandlungskonstellationen und ihren Verlauf umfassend untersucht worden, dies ermöglicht eine umfassende Analyse der Akteurspräferenzen und Interessen während des Verhandlungsverlaufes. In der Literatur finden sich jedoch keine expliziten Untersuchungen bezüglich des Themenkomplexes der Machtasymmetrie.

Um methodisch eine Analyse der internationalen Verhandlungsebene im Bereich der Klimapolitik vorzunehmen, wird als theoretischer Ansatz mit der Regimetheorie gearbeitet. Regime entstehen durch die sich verstärkenden internationalen Interdependenzen und die daraus erwachsenden Problemfelder der Politik. Die sich aus diesem Druck konstituierenden Regime sind problemspezifisch gebunden und beziehen sich meist auf ein signifikantes Politikfeld, konträr zu internationalen Organisationen besitzen internationale Regime jedoch keine Akteursqualität.[16] Für die Untersuchung der Klimakonferenzen durch die Regimetheorie wird nach Ott davon ausgegangen, dass bereits ein Regime entsteht, dieses aber „befindet sich zur Zeit noch im Anfangsstadium und ist in seiner Entwicklung weit entfernt von (…) Regimen zum Schutz der Ozonschicht.“[17] Die Regimentstehung erfolgte nach Ott in Rio, das den Kern der weiteren Ausgestaltung in den Verhandlungen bildete. Wichtig für die Regimetheorie ist, dass die Entscheidungen von Akteuren zu einer Kooperation freiwillig getroffen werden, ihr Entscheidungsfreiraum ist jedoch durch die Macht und Interessen von anderen Akteuren eingeschränkt. Um die vermuteten Machtasymmetrien identifizieren zu können, wird in dieser Arbeit auf einen bestimmten Ansatz der Regimetheorie zurückgegriffen, dem situationsstrukturellen Ansatz. Diese hauptsächlich von Zürn entwickelte Subtheorie ist eine Weiterentwicklung der neoinstitutionalistischen Regimetheorie von Keohane.[18] Die Kernhypothese des Ansatzes besagt, dass die „für die Erklärung des Konfliktaustrags relevanten Einflussfaktoren, je nach Typ der Situationsstruktur einen spezifischen Einfluss entfalten.“[19] So kann in einer komparativen Analyse der beiden Konferenzen die situative Einflusskraft der verschiedenen Akteure berücksichtigt werden, die sich in Form von Machtasymmetrien manifestieren sollten. In Konformität mit diesem Erkenntnisinteresse verhält sich auch der situationsstrukturelle Ansatz, da er in seiner Prämisse davon ausgeht, dass eine asymmetrische Machtverteilung auch inkongruente Einflüsse auf ein Interaktionergebnis bedeuten.[20] Mit diesem Instrumentarium lassen sich also die Chancen für eine Kooperation auf der transnationalen Ebene eruieren und die dafür relevanten Einflussfaktoren bestimmen.

Zürn hat weiterhin von sekundären Einflüssen gesprochen, die auf die Verhandelnden wirken. Hierbei gibt er unter anderem auch die Machtressourcen als Einflussvariablen an. Wenn von Machtressourcen in der Klimapolitik gesprochen wird, dann scheint dies in erster Linie auf die CO2-Emissionen zuzutreffen, deren Senkung in den Verhandlungen zentraler Diskussionsgegenstand war. So waren den Problemverursachern der Klimaerwärmung auch gleichzeitig die größten Reaktionskapazitäten in Form von Emissionsreduktionen immanent, die diese als Druckmittel einsetzen konnten „man kann von einer asymmetrischen Emissionsstruktur sprechen.“[21] Dieses Problem wird noch dadurch verschärft, dass die Auswirkungen der Emissionen global sind, also kollektiv und nicht nur auf bestimmte Staaten beschränkt wirken, die vermehrt Emissionen ausstoßen. Es bleibt zu überprüfen inwiefern der Anteil der Emissionen eines Staates in den Verhandlungen eine Machtasymmetrie produzieren konnte, also inwiefern dieser Faktor für die Ergebnisse relevant war.

In dieser Arbeit wird jedoch nicht nur die systemische Ebene als Betrachtungsperspektive untersucht, sondern auch die subsystemische. Dies bedeutet eine Erweiterung des situationsstrukturellen Ansatzes um das von Zangl erarbeitet two-level game.[22] Zangl hat darauf hingewiesen, dass für die Verhandlungsergebnisse nicht nur die Akteure auf der transnationalen Ebene von Bedeutung sind, sondern auch innerstaatliche, die auf die Verhandelnden einwirken. Es wird für die Untersuchung davon ausgegangen, dass sich auf der innerstaatlichen Ebene Einflusskräfte bilden, die einen Handlungsdruck auf die transnationalen Akteure produzieren können. In dieser Arbeit wird dafür die Variable der Betroffenheit verwendet, die als Druck von der subsystemischen Ebene funktionierte und auf die Verhandlungspräferenzen einwirkte. Betroffenheit wird dabei verstanden sowohl als objektive aber auch subjektive Auswirkung, hervorgerufen durch einen in den Konferenzen diskutierten Konfliktgegenstand, deren Konsequenzen bei Kooperation bzw. deren nicht zu Stande kommen negative oder positive Einflüsse auf die sich in der Verhandlungsarena befindlichen Akteure haben. Diese vorläufige Definition wird in dem methodischen Teil der Arbeit genauer differenziert werden.

In der sich anschließenden Analyse wird eruiert, ob sich Machtasymmetrien als Faktoren in den Klimaverhandlungen nachweisen lassen und welchen Einfluss die aufgestellten Variablen auf diese Machtasymmetrie haben. Es ist zu prüfen, ob anhand der Kriterien eine Einordnung der Chancen der Akteure auf ein Interaktionsergebnis nachzuweisen ist und wie sich diese in beiden Klimakonferenzen unterschieden.

2. Regimetheorie

„Die Literatur zu internationalen Regimen hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine kaum noch zu überblickende Fülle von theoretischen und empirischen Arbeiten zur Regimeentstehung und den Bedingungen ihres Weiterbestehens hervorgebracht“.[23]

Die hier folgende Regimedefinition soll sich darauf beschränken, die für die Arbeit vorliegenden fundamentalen Kriterien der Regimetheorie herauszustellen und für die gegebene Fragestellung operationalisierbar zu machen. Dabei kann aufgrund des gegeben Umfangs nicht auf alle Disparitäten der verschiedenen Forschungsströme eingegangen werden, es soll ferner versucht werden, die wesentlichen Elemente zusammenzutragen und diese in Bezug zueinander zu setzen.

2.1. Definition Regime

Als theoretischer Referenzpunkt soll hier die Regimetheorie dienen. Die Regimetheorie hat ihren Ursprung in den späten 70er und frühen 80er Jahren. Der Ansatz verstand sich als eine bewusste Abgrenzung zu den in dieser Zeit dominanten Paradigmen des Neoliberalismus sowie des Liberalismus. Ausgangspunkt der Regimetheorie war die Forschungslandschaft der USA, hier interessierte man sich primär für die Analyse von Wirtschaftskooperationen. Empirisch-normativ leitete die Regimetheorie ihre Maximen aus der Beobachtung der Ölpreisschocks der 70er Jahre und der zunehmenden Institutionenbildung ab. Als verstärkender Faktor kam die abnehmende Macht der USA im Verhältnis zu ihrer Position nach dem 2.Weltkrieg hinzu.[24] Als wichtigste Autoren der Regimetheorie gelten Robert O. Keohane, Stephen D. Krasner und Oran R. Young. Im deutschen Sprachraum taten sich vor allem Michael Zürn, Volker Rittberger und Manfred Elfinger hervor. Die deutsche Diskussion über die Regimetheorie fokussierte sich in den 80er Jahren im Kontext eines sich entspannenden Ost-West Verhältnisses auf sicherheits- und rüstungspolitische Aspekte.[25] In der Folge wurde das Forschungsinteresse breiter und man konzentrierte sich zunehmend auch auf die neu entstandenen Einrichtungen, wie Finanz-, Umwelt- oder Abrüstungsregime.

Obwohl sich die Regimetheorie keinesfalls als homogener Forschungsbereich charakterisieren lässt, kann als definitorische Basis die Auslegung von Krasner herangezogen werden, „Regimes can be defined as sets of implicit principles, norms, rules, and decision-making procedures around which actor expectations converge in a given issue-area. Principles are beliefs of fact, causation, and rectitude. Norms are standards of behaviour defined in terms of rights and obligations. Rules are specific prescriptions or proscriptions for action. Decision-making procedures are prevailing practices for making and implementing collective choice.”[26] Regime entstehen also durch die sich verstärkenden internationalen Interdependenzen und die daraus erwachsenden Problemfelder der Politik. Die sich aus diesem Druck konstituierenden Regime sind problemspezifisch gebunden und beziehen sich meist auf ein signifikantes Politikfeld, konträr zu internationalen Organisationen besitzen internationale Regime jedoch keine Akteursqualität.[27] Regime stehen danach vielmehr als intervenierende Variable „between basic casual variables (…) and outcomes of behaviour.“[28]

In einer Welt, die von souveränen Staaten dominiert wird, so Krasner, kann die fundamentale Funktion eines Regimes nur darin bestehen, eine Koordinationsleistung der verschiedenen Staaten zu erreichen und deren Ziele in einem bestimmten Politikfeld zur Umsetzung zu verhelfen. So kann sich in Abgrenzung zu einer internationalen Organisation ein Regime einschränkend immer nur auf einen bestimmten Bereich von Politikfeldern beziehen.[29] Auch Keohane sieht die grundlegende Funktion von Regimen in der Absicht, „to facilitate the making of mutually beneficial agreement among governments, so that the structural condition of anarchy does not lead to a complete ‘war of all against all’”.[30] Young definiert internationale Regime, wie alle anderen „social institutions“, von ihrem genuinen Charakter mehr oder weniger formal und je nach Kontextbedingung begleitet von internationalen Institutionen.[31] Regime sind demnach spezifische Vereinbarungen, die nur genau definierte Bereiche umfassen. In diesen Vereinbarungen sind jedoch nicht immer alle Mitglieder der internationalen Gemeinschaft erfasst, oft findet sich nur eine Teilmenge in diesen Regimen wieder. Die spezifischen Regime haben ihre Grundlage in dem Rechtsrahmen der internationalen Ordnung, in die sie eingebettet sind, und werden daher meist auf dem Fundament von eher allgemeinen Institutionen gebildet. „It follows, therefore, that analyses of specific international regimes cannot be complete without some consideration of the extent to which they are embedded in the larger institutional orders that are operative in international society.”[32] Basis und Grundcharakteristika der Cluster der internationalen Regime sind also Rechte und Regeln, deren Ausformung je nach Politikbereich differiert.

Schon in der Entstehungsphase der Regimetheorie stand primär die Frage nach der Differenzierung der Begriffsbasis, besonders von Normen und Regeln, zur Disposition.[33] Krasner weist hier auf entscheidende Unterschiede zwischen den definitorischen Kriterien hin.[34] Normen und Prinzipien liefern die grundsätzliche Charakteristik eines Regimes, während Abweichungen bzw. Veränderungen der Regeln oder der Entscheidungsmechanismen endogene Transformationen des Regimes sind. Sie bewirken also, im Gegensatz zu Normen und Prinzipien, keinen fundamentalen Wandel in der Konstitution. Entscheidungsstrukturen können sich also transformieren, Normen aber, die dem Regime zu Grunde liegen, bleiben gleich. „Changes in principles and norms are changes of the regime itself“[35] Dieser Definition stimmt auch Keohane zu. Regeln stellen für ihn, im Gegensatz zu Normen, eine spezialisierte und ausformulierte Form des Akteursverhaltens da.[36] Er weist jedoch auch darauf hin, dass die Unterscheidung von Normen, Prinzipien, Regeln, Prozeduren keinesfalls so leicht differenziert werden kann, wie von Young und Krasner behauptet. Alle diese Attribute stehen in einem interdependenten Verhältnis zueinander und alle enthalten Aussagen über das Verhalten. Sie wirken alle sowohl präskriptiv als auch proskriptiv und können je nach der Gegebenheit in einem spezifischen Regime variieren. So kann angenommen werden, dass in einem starken internationalen Regime die Verbindung zwischen Prinzipien und Regeln eher ausgeprägt ist, was zu der Aussage führt, dass auch die Verbindung der einzelnen Elemente in einem Regime eben diesem seine Legitimität gibt. “It is these intermediate injunctions – politically consequential but specific enough that and changes can be indentified –that I take as the essence of international regimes.[37] Trotz dieser Einschränkung, die es zu berücksichtigen gilt, kann man davon ausgehen, dass, wenn sich die Normen in einem Regime ändern, mit hoher Wahrscheinlichkeit mit den Modifikationen ein neues Regime entsteht oder es den Bezug zu seiner spezifischen “issue area” verliert. Dies muss allerdings dahingehend eingeschränkt werden, dass die Transformation auch mit der Konstitution eines Regimes und der Konnexität der vier Kriterien korreliert.

Die oben genannten Faktoren von konstitutiven Normen und Prinzipien und den, in einem bestimmten Rahmen, variablen Regeln und Rechten tragen also dazu bei, dass die in den Regimen agierenden Akteure eine Ordnung schaffen, die von den Mitgliedern vereinbart worden ist und ihnen Verhaltensvorschriften gibt. Dadurch soll die verlangte Ausrichtung der Akteure an einer Ordnung erreicht und diese bei Missachtungen mit Sanktionen belegt werden.

Es kann also zusammengefasst werden, dass Normen und Prinzipien über präskriptive Charakter verfügen, indem sie Verhaltensstandards vorgeben, die sich als Pflichten und Rechte konstituieren, sowie sich, in einem zweiten Kontext, in Handlungsimperative umformen lassen, die sich in konkreten Ver- und Geboten manifestieren. Diese vier Kriterien können noch um jene der Effektivität und Dauerhaftigkeit erweitert werden. Dies dient auch als Abgrenzung zu Regimebegriffen, die von völkerrechtlichen Verträgen oder Vertragssystem ausgehen.[38] Auf diese beiden Begriffe wird in einer genaueren Explikation auch in dem folgenden Kapitel eingegangen. Der ihr zu Grunde liegende Gedanke ist jedoch, dass eine Dauerhaftigkeit eine Interdependenz von den Interessen und Machtstrukturen schafft, also Eigeninteressen hinter Norm zurückstellt und Effektivität „ein Mindestmaß an Wirksamkeit der Normen“ garantiert, damit von einem Regime gesprochen werden kann.[39]

2.2. Regimeentstehung

Im Folgenden soll darauf eingegangen werden, unter welchen Bedingungen Regime entstehen, welche Kriterien dafür notwendig sind und wie das Kooperationsdilemma zwischen den Staaten überwunden werden kann.

Damit die Entstehung eines Regimes forciert werden kann, muss zunächst eine Bedarfssituation, ausgelöst durch eine Kontroverse, entstehen, die meist durch einen Handlungsdruck auf Akteure durch grenzüberschreitende Interdependenzen ausgelöst wird. Die Bedarfssituation ist keine genuine Bedingung für eine Kooperation oder die Entstehung eines Regimes, sie kann aber fördernd einwirken. Die Entscheidungen von Akteuren zu einer Kooperation werden freiwillig getroffen, ihr Entscheidungsfreiraum ist jedoch durch die Macht und Interessen von anderen Akteuren beschränkt. Diese intervenierenden Akteure können sich aber nicht nur als Staaten, sondern auch als subsystemische Akteure oder internationale Organisation konstituieren.

Nachfolgend wird hier von einem strukturellen Analyseansatz ausgegangen, der sich dadurch kennzeichnet, dass objektive Situations- und Problemstrukturen gegeben sind. Diese objektiven Kriterien werden jedoch von den beteiligten Akteuren subjektiv aufgenommen und schieben sich als Variablen in Form von Bewertungen und Einschätzung in die Interessenkalkulation. Die enge Fixierung der Akteure auf ihr Selbstinteresse und ihren individuellen Gewinn führt hierbei immer wieder zu einem nicht wünschenswerten Ergebnis.[40] Es wird aber auch davon ausgegangen, dass die subjektiven Kriterien keinen apodiktischen Charakter tragen, sondern die Präferenzen der Akteure inkonstant sind und je nach Situation oder Konflikt umdefiniert oder neu bestimmt werden können.

Bei der Problemstruktur geht es um die Gegebenheit eines entsprechenden Konfliktgegenstandes. Hier ist nicht genau determiniert, ob der Konfliktgegenstand relativ oder absolut bestimmt wird, dies korreliert wesentlich mit der Ausrichtung der Akteure.[41] Wird davon ausgegangen, dass das Kalkül der Akteure egozentristisch bestimmt wird, so fließen die Nutzenkalküle der anderen Akteure nicht in seine Überlegungen ein. Dies ist von Seiten der Realisten immer wieder kritisiert worden, sie postulieren, dass diese altruistische Sichtweise nicht den faktischen Gegebenheiten der Staatenwelt entspricht. „Mit Wahrnehmung und Präferenzordnung variieren also Situations- und Problemstrukturen.“[42] Diese beschriebenen Handlungsrestriktionen können dazu führen, dass suboptimale Ergebnisse erreicht werden, aus denen sich ein Konfliktpotenzial ergibt, das in unterschiedlichen Formen aufgelöst werden kann.[43] Die beiden Prinzipien entsprechen einer kollektiven oder regellosen Austragung des Konfliktes. Wesentliches Kriterium für die Form der Konfliktbewältigung ist die Konsistenz ihres Gegenstandes. Wenn in diesem Bereich jedoch sowohl individuelle als auch komplementäre Interessen der Akteure vorhanden sind, so können „Prinzipien und Normen entstehen, die sich als intervenierende Variablen zwischen Macht- und Interessenstruktur einerseits und den Politikergebnissen andererseits schieben.“[44] Dieses Optimum kann allerdings nur erreicht werden, wenn sich die Einsicht durchsetzt, dass ein unilaterales Streben nach der Verwirklichung des eigenen Interesses zu suboptimalen kollektiven Ergebnissen führt.

Regime sollen also primär Vereinbarungen vereinfachen. Dies verlangt jedoch von den an einer Kooperation beteiligten Akteuren, dass sie die Reziprozität akzeptieren und kurzfristige Gewinne und Interessen in der Erwartung aufgeben, dass dies die Verhandlungspartner ebenso tun, obwohl sie keiner Restriktion unterworfen sind. Regimes „must embody some sense of general obligation.“[45]

Eine wichtige Bedingung für die Entstehung eines Regimes ist also, dass die an ihr beteiligten und in ihr agierenden Akteure ihre genuinen Eigeninteressen den Normen und Regeln eines Regimes unterordnen und sich gegen eine Aberration anderer Mitglieder einsetzen.[46] Die Tübinger Schule um Eilfinger, Rittberger und Zürn bezeichnet diese Kriterien auch als jene von Effektivität und Dauerhaftigkeit. Auch Krasner sieht die Dauerhaftigkeit als wichtiges Kriterium, Regime dürfen in diesem Kontext nicht als bloße „ad hoc, often ´one shot´ arrangements“ diffamiert werden, sondern konzeptionieren sich als eine dauerhafte Bindung an Regeln, Normen und Verpflichtungen, die ein kurzfristig maximiertes Einzelinteresse übersteigen.[47] Die erwähnte Abberation von Mitgliedern erweist sich jedoch in der Praxis oft als schwierig, so spricht Young davon, dass „Smoothly functioning international regimes are not easy to establish.“[48] Es kommt immer wieder zu Verletzungen von gesetzten Rechten. Dies kann auch in Bezug zu dem von der Tübinger Schule genannten Begriff der Effektivität gesetzt werden. Young geht davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit der Regelverletzung so lange anhält, wie die Chance, erwischt zu werden, gering ist. Man kann weiterhin vermuten, dass als weiterer Faktor die Sanktionen bei Regelverletzungen eine Rolle spielen. Es muss aber auch davon ausgegangen werden, dass eine verstärkte Konnexität der Akteure in solchen Regimen besteht, in denen die zu erwartenden Kooperationsgewinne hoch sind.

Subsumierend wird also gezeigt, dass nicht nur Macht, im Sinne der realistischen Theorie, als zentrale Erklärungsvariable für Kooperation herangezogen werden kann, sondern auch ein Bedürfnis nach Normen und Werten entsteht, die je nach issue-area unterschiedlich definiert werden können. Es muss aber auch auf Einschränkung für das Weiterbestehen von Regimen hingewiesen werden. Wie bereits durch die Definition vorgegeben, konstituiert sich ein Regime über das Entstehen von Prinzipien, Normen, Regeln und Verfahrensregeln. Wenn diese Kriterien sich abschwächen oder wenn eine Divergenz zwischen den formellen Regularien und der normativen Praxis besteht, so kann sich die Wirkung eines Regimes verringern.

2.3. Typen von Regimen

Neben bereits erwähnten situations- und problemstrukturellen Ansätzen existieren noch weitere alternierende Ansätze als Erklärungsvariablen der Regimetheorie. Eine Subsumierung der unter dem Begriff Regimetheorie existierenden Ansätze bieten Rittberger, Mayer und Hasenclever an.[49] Sie verwenden die drei Metakategorien von machtbasierten, interessenbasierten und wissensbasierten Ansätzen, unter denen sie die verschiedenen Theoriestränge zusammenfassen.

2.3.1. Interessenbasierte Ansätze

Dieser Ansatz, wie auch im Kapitel 2.2. zur Regimeentstehung verwendet, ist der in der Forschung am häufigsten gebrauchte Ansatz. Wesentliche Aufgabe der Regime in diesem Kontext ist es, das Interesse der an der Kooperation interessierten Staaten zu koordinieren. Die Wirkung und die Bindung der in ihm agierenden Akteure an das Regime kann auch dann noch Bestand haben, „even when the factors that brought them into being are no longer operative.”[50] Wie oben erwähnt, agieren die Staaten bei interessenbasierten Ansätzen als rationale Einzelakteure und sind vor allem an einer Ressourcenmaximierung interessiert. Das Umfeld für kooperative Vereinbarungen wird in diesem Ansatz oft durch spieltheoretische Ansätze dargestellt. Zu diesen zählen nicht nur das klassische Gefangenendilemma, sondern auch situationsstrukturelle und problemspezifische Ansätze.[51] Als bedeutender Beitrag in diesem Zusammenhang gilt der von Keohane entwickelte systemisch funktionale Ansatz, unter dem auch die Theorie der hegemonialen Stabilität subsumiert werden kann.[52]

Die Theorie der hegemonialen Stabilität war die theoretische Antwort der Realisten auf die Regimetheorie.[53] Diese besagt, dass Konstituierung und Permanenz eines Regimes nur dann möglich sind, wenn ein Hegemon existiert, der über die Ressourcen und den Willen verfügt, eben dieses zu gestalten. Der Hegemon muss in der Lage sein, die Kosten für die Regimeentstehung und die Normendurchsetzung einseitig zu tragen. Die hegemoniale Führung kann hierbei ein Zwangsmittel darstellen, dessen Bedürfnis von einem Selbstinteresse des entsprechenden Staates an Sicherheit angetrieben wird. Des Weiteren ist auch ein ökonomisch motiviertes Bedürfnis nach einer Schaffung von Märkten die Ursache für eine Regimeentstehung. So wird das Entstehen des Bretton-Woods Abkommens in der Post-Kriegsära immer wieder als Interesse der USA gedeutet, eine internationale Ordnung nach ihren Vorstellungen zu etablieren.[54] Auch die Permanenz eines Regimes wird durch die ihm inhärente Hegemonie bestimmt. Das Regime kann nur so lange von Bestand sein, wie der Hegemon ein Interesse an seiner Existenz hat und er seine Machtposition in dem Regime behaupten kann.[55] Das empirische Fundament dieser theoretischen Behauptung hat seine Grundlage vor allem in dem Bereich der Ökonomie. Viele Autoren beschäftigten sich fast ausschließlich mit der wirtschaftlichen Kooperation von Akteuren unter der Führung der USA.[56]

Die Theorie der Hegemonialen Stabilität ist in der Folge von vielen Seiten kritisiert worden. Keohane kritisierte, dass ein Hegemon zwar durchaus die Etablierung eines Regime stützen kann, aber „cooperation does not necessarily require the existence of a hegemonic leader after international regimes have been established. Post-hegemonic cooperation is also possible.”[57] Außerdem ist die empirische Beweiskraft für einen Hegemon als notwendiges Kriterium für die Entstehung von Regimen nicht überzeugend. „The empirical evidence for the general validity of hegemonic stability theory is weak, and even its chief adherents have doubts about it“.[58] In der Geschichte hat es, bei einer engen Definition, nur zwei wirkliche Fälle einer omnipotenten Hegemonie gegeben, die Pax Britannica und die Pax Americana.[59] Patterson sieht eine dauerhafte Kooperation nach der Hegemonie im Bereich des Möglichen. Er geht ferner davon aus, dass komplementäre Interessen von großen Staaten es wahrscheinlicher machen, die Kooperation aufrecht zu erhalten. Über diesen Verbund kann dann allerdings vermutet werden „that such continued cooperation will become more strained.“[60]

2.3.2. Machtbasierte Ansätze

Machtbasierte Ansätze gehen davon aus, dass der Akteur nicht nur ein Interesse an absoluten, sondern auch an relativen Gewinnen hat. „Realists argue, that states are more likely to concentrate on the danger that relative gains may advantage partners and thus may then emerge of a more powerful potential adversary.”[61] Diese Prämisse, so die Realisten, sei bei der internationalen Kooperation nicht weniger zentral als bei jener bilateralen zwischen Staaten. Die Distribution von Machtressourcen zwischen den Akteuren, so eine zentrale Aussage, beeinflusst die Aussicht für die Entstehung eines Regimes. Sie ist fundamental sowohl für seine Konstituierung als auch für sein Weiterbestehen.[62] Wieder andere Realisten haben hervorgehoben, dass die Betrachtung der Macht Hindernisse für internationale Kooperationen darstellt, die sich auf die Frage nach der Effektivität eines Regimes auswirken. Nicht immer kann bei einer kooperativen Absicht die Pareto-optimale Lösung erreicht werden. Hier hat die Machtverteilung der Akteure einen entscheidenden Einfluss auf das Equilibrium zwischen den an der Kooperation beteiligten Staaten. Die relative Machtüberlegenheit in Form von spezifischen Ressourcen kann dazu genutzt werden, die Spielregeln zu bestimmen und die Distribution unter den Teilnehmern zu beeinflussen.

Grieco unterscheidet vor allem zwischen den Realisten und der neoliberalen Institutionalisten. Beide sehen zwar die internationale Anarchie als eine durch die Abwesenheit einer Zentralgewalt geprägt, aber die Konsequenz für die Realisten besteht im Gegensatz zu den neoliberalen Institutionalisten darin, dass „danger states perceive that others might seek to destroy or enslave them.“[63] Dies führt vor allem dazu, dass ein gemeinsames Interesse und ein kollektiver Nutzen an einer kooperativen Verbindung von Staaten im Sinne der Realisten abgelehnt werden, weil Opponenten einen relativen höheren Gewinn an der Kooperation haben. Diese Restriktion gilt für die neoliberalen Institutionalisten nicht. Eine derartige Nutzenkalkulation der Staaten inhibiert die Chancen einer Zusammenarbeit zwar beträchtlich, macht diese aber nicht unmöglich. Als hilfreich bei der Überwindung dieses Dilemmas könnten eine Erhöhung der Kooperationspartner, kürzere Zeithorizonte und die engere Definition des Verhandlungsgegenstandes sein.

2.3.3. Wissensbasierte Ansätze

Die Ausgangsüberlegung sowohl der interessen- als auch der machtbasierten Ansätze sind rational kalkulierende Akteure. Dieser Vorbedingung gilt das Interesse der wissensbasierten Ansätze.

Wissensbasierte Ansätze fokussieren sich auf die Quelle der Interessen, also ihren Ursprung, die von Staaten wahrgenommen werden und akzentuieren in diesem Kontext die Rolle von kausalen und normativen Ideen. Sie werden auch oft als komplementär zu den interessenbasierten Ansätzen gesehen, bei dem Versuch, ihnen eine theory of preference formation hinzuzufügen.[64] Diese Präferenzformationen kreieren die Staaten aufgrund ihres bestehenden Wissens, bei dessen Akkumulation sie, gerade bei spezifischen Fachfragen, auf den Input von Experten angewiesen sind. Veränderungen bei den Einschätzungen der Experten können, wenn diese Einfluss auf die Entscheidungsprozesse haben, auch zu einer Veränderung bei der Bildung und Regelung von Regimen beitragen.[65] Dieser Ansatz wird von Rittberger, Mayer und Hasenclever auch als schwacher Kognitivismus bezeichnet.

Starke Kognitivisten verstehen sich dagegen nicht als eine Ergänzung zu anderen Ansätzen, sondern als eine eigenständige Theorie. Sie betonen, dass die interessenbasierten Ansätze nur ein rudimentäres Bild der Ressourcen eines Regimes aufzeigen und nicht in ihre Betrachtung einbeziehen, dass die Auswirkungen von einem institutionalisierten Umfeld und deren Handlungsmaximen und Verfahren, einen Einfluss auf die Identität der Staaten haben. “International institutions appear as necessary features of international politics, because they are prerequisites for, rather than consequences of, rational choices.“[66] Der Begriff des internationalen Umfeldes wird hier aber im Gegensatz zu Realisten als von internationalen Institutionen strukturiert verstanden. Die Identitätsfindung und die Normen spielen also bei der Bildung von Interessen der Staaten eine wichtige Rolle. Es besteht eine ausgeprägte Reziprozität zwischen den jeweiligen sozialen Vorraussetzungen und Strukturen sowie den Akteuren, diese Reziprozität bestimmt die Auffassung und Erwartungshaltung der Akteure.

2.4. Regimewirkung

Im Nachstehenden soll der Frage nach der Wirkung eines Regimes nachgegangen werden. Regime können, in einem durch zunehmende Interaktionen in diversen Politikfeldern verursachten Drang zu einer Kooperation, eine Verhandlungsarena anbieten, in der das Interesse von Akteuren an kooperativem Handeln verwirklicht werden kann. Das Regime fungiert hier vor allem als Hilfesystem, weil in ihm die grundlegenden Parameter, Verfahrensregeln, Verhandlungspartner und Verhandlungsziele feststehen. Keohane betonte besonders, dass der Anreiz für die Partizipation in einem Regime darin besteht, dass die mit der Kooperation verbundenen Transaktionskosten gesenkt werden können.[67] Dies wirkt sich nicht nur auf die Ergebnisse an sich aus, sondern sorgt vielmehr dafür, dass auch die Anerkennung des Regimes gewährleitstet bleibt und eine Kooperationssicherheit besteht.

Eine weitere Funktion ist die Reduktion von Unsicherheit der Staaten im internationalen System.[68] Das Regime dient hierbei als Verlässlichkeitsfaktor für die Staaten und verfestigt deren Kooperation. Die Erwartungsunsicherheit wird hierbei reduziert, die Forschung spricht hier von einem Schatten der Zukunft, den die Staaten durch Kooperation mindern können.[69]

Zusammenfassend offerieren internationale Regime den in ihnen agierenden Staaten einen Rahmen für eine Kooperation unter erleichterten Bedingungen, sie reduzieren bisher unkontrollierte Transaktionskosten, geben einen Regelungsrahmen und senken Unsicherheiten. „Von daher kann geschlossen werden, dass IR in der Tat zusammenarbeitsfördernde Funktionen erfüllen und somit dazu beitragen – kollektiv betrachtet – suboptimale Ergebnisse zu verhindern.“[70]

3. Analysemethode und Hypothesenbildung

3.1. Der situationsstrukturelle Ansatz

Die oberste Prämisse der hier vorliegenden Arbeit soll es sein, den intervenierenden Einfluss von Machtasymmetrien auf die Entwicklung der Klimapolitik zu bestimmen.

In Kapitel II wurde die Mannigfaltigkeit der Regimetheorie und ihrer verschiedenen Ansätze thematisiert. Sie gliedern sich nach Rittberger, Mayer und Hasenclever in machtbasierte, interessenbasierte und wissensbasierte Ansätze. Für die hier folgende Analyse scheint der interessenbasierte Ansatz heuristisch am wertvollsten zu sein, denn der Ansatz geht in seiner zentralen Annahme, wie in Punkt 2.3.1. erwähnt, von einem rationalen Akteur aus, der seinen Nutzen in Abhängigkeit von seiner Ressourcenausstattung maximieren will.

Der spieltheoretische Aspekt ist hierbei ein zentrales Element des interessenbasierten Ansatzes, da sich durch ihn die Kooperationswahrscheinlichkeit in einer spezifischen Konstellation abstrahieren lässt. Es wird also versucht Konditionen zu benennen, unter denen eine Kooperation möglich ist. In einer der Spieltheorie zugeordneten Analyse wird aber von einer situativen Verteilung von Verhandlungsmacht ausgegangen, diese kann deshalb „neben `issue area structure` als eine weitere Form der Desaggregierung der Grobkategorie systemischer Machtfaktoren verstanden werden.“[71] Hier erfolgt die Betrachtung allerdings nicht ausschließlich problemorientiert, sondern fokussiert sich auch auf die situative Beziehungsstruktur der verschiedenen Akteure. Als Analysemethode soll hier also eine Betrachtung der jeweiligen Verhandlungssituation und die ihr inhärente Verteilung von Machtressourcen dienen.

[...]


[1] Rechkemmer: Globalisierung und internationale Umweltpolitik (2007), S.14 ff.

[2] Braunmühl; Winterfeld: Global Governance Eine begriffliche Erkundung Spannungsfeld von Nachhaltigkeit, Globalisierung und Demokratie (2003), S,13.

[3] Ebend., S.14.

[4] Scherrer: Global Governance, zu welchen Zweck? (2000), S.3.

[5] Braunmühl; Winterfeld: Global Governance Eine begriffliche Erkundung (2003), S.14.

[6] Ebend.

[7] Brunnengräber: Neue globale Umweltarchitektur: Mehr Umwelteffizienz durch stärkere Institutionen? (2002), S.2.

[8] Scherrer: Global Governance, zu welchen Zweck? S.3.

[9] Missbach: Das Klima zwischen Nord und Süd. Eine regulationstheoretische Untersuchung des Nord-Süd-Konflikts in der Klimapolitik der Vereinten Nationen (1999), S.20.

[10] Quennet-Thielen: Stand der internationalen Klimaverhandlungen nach dem Klimagipfle in Berlin (1996), 82.

[11] Vorholz, Fritz: Alle wollen das Klima retten, keiner tut es. Die ZEIT (2005).

[12] Browne, John: Beyond Kyoto (2004), S.21.

[13] Sprinz; Weiß: Domestic Politics and Global Climate Policy (2001), S.90.

[14] Ott: Das internationale Regime zum Schutz des Klimas (1997), S.201.

[15] Holtrup: Das Scheitern der Klimaschutzdiplomatie. Öl ins Feuer der transatlantischen Beziehungskrise (2000), S.31.

[16] Zangl: Regimetheorie (2003), S.219.

[17] Ott: Das internationale Regime zum Schutz der Klimas (1997), S.201.

[18] Ott: Das internationale Regime zum Schutz der Klimas (1997), S.131.

[19] Zürn: Interessen und Institutionen in der internationalen Politik. Grundlegung und Anwendung des situationsstrukturellen Ansatzes (1992), S.168.

[20] Ebend., S.170.

[21] Steffan: Die Bemühungen um eine internationale Klimakonvention –Verhandlungen, Interessen, Akteure – (1994), S.24.

[22] Zangl: Politik auf zwei Ebenen Hypothesen zur Bildung internationaler Regime (1994), S.280 ff.

[23] Sprinz: Internationale Regime und Institutionen (2003), S.253.

[24] Sprinz: Internationale Regime und Institutionen (2003), S.251.

[25] Siehe Rittberger: International Regimes in East-West Politics (1990).

[26] Krasner: Structural causes and regime consequences: Regimes as intervening variables (1983), S.2.

[27] Zangl: Regimetheorie (2003), S.119.

[28] Krasner: Structural causes and regime consequences (1983), S.5.

[29] Müller: Chancen der Kooperation. Regime in den internationalen Beziehungen (1993), S.26.

[30] Keohane: International Institutions and state power (1989), S.106.

[31] Young: International Cooperation Building Regimes for Natural Resources and the Environment (1989), S.13.

[32] Ebend., S.14.

[33] Sprinz: Internationale Regime (2003), S.252.

[34] Krasner: Structural causes and regime consequences (1983), S.3

[35] Krasner: Structural causes and regime consequences (1983), S.4.

[36] Keohane: After Hegemony: Cooperation and Discord in the World Political Economy (1984), S.58.

[37] Ebend., S.59.

[38] Wolf: Internationale Regime zur Verteilung globaler Ressourcen (1991), S.43.

[39] Efinger, Rittberger, Zürn: Internationale Regime in den Ost-West Beziehungen (1988), S.69.

[40] Young: Regime dynamics: The rise and fall of international regimes (1983), S.97.

[41] Müller: Die Chance der Kooperation (1993), S.35.

[42] Müller: Die Chance der Kooperation (1993), S.35.

[43] Efinger; Rittberger; Zürn: Internationale Regime in den Ost-West-Beziehungen (1988), S.65 ff.

[44] Ebend. S.66.

[45] Krasner: Structural causes and regime consequences (1983), S.3.

[46] Kohler-Koch: Zur Empirie und Theorie internationaler Regime (1989), S.30.

[47] Krasner: Structural causes and regime consequences (1983), S.3.

[48] Young: International Cooperation. Building Regimes for Natural Resources and the Environment (1989), S.20.

[49] Siehe: Rittberger; Mayer; Hasenclever: Theories of international Regimes (1998).

[50] Rittberger; Mayer; Hasenclever: Theories of international Regimes (1998), S.4.

[51] Zum situationsstrukturellen Ansatz siehe Kapitel 3.

[52] Sprinz: Internationale Regime und Institutionen (2003), S.253.

[53] Crawford: Regime Theory in the Post-Cold War World Rethinking Neoliberal Approaches to International Relations (1996), S.54.

[54] Ebend., S.57.

[55] Sprinz: Internationale Regime und Institutionen (2003), S.131.

[56] Siehe Stein: The Hegemon´s Dilemma: Great Britain, the United States, and the International Economic Order (1984) und Keohane: The Theory of Hegemonic Stability and Chances in international Economic Regimes (1980).

[57] Keohane: After Hegemony (1984), S.32.

[58] Ebend., S.38.

[59] Breitmeier: Wie entstehen globale Umweltregime? Der Konfliktaustrag zum Schutz der Ozonschicht und des globalen Klimas (1994), S.37.

[60] Paterson: Global Warming and global politics (1996), S.94.

[61] Grieco: Anarchy and the Limits of Cooperation. A Realist Critique of the Newest Liberal Institutionalism (1988), S.500 ff.

[62] Rittberger; Mayer; Hasenclever: Theories of international Regimes (1998), S.3.

[63] Grieco: Cooperation among Nations. Europe, America, and Non-Tariff Barriers to Trade (1990), S.50.

[64] Rittberger; Mayer; Hasenclever: Theories of international Regimes (1998), S.5.

[65] Sprinz: Internationale Regime und Institutionen (2003), S.256.

[66] Rittberger; Mayer; Hasenclever: Theories of international Regimes (1998), S.139.

[67] Zangl: Regimetheorie (2003), S.125.

[68] Schweller; Priess: A Tale of Two Realisms: Expanding the Institutions Debate (1997), S.3.

[69] Axelroad; Keohane: Achieving Cooperation under Anarchy: Strategies and Institutions (1989) S.234.

[70] Zürn: Gerechte internationale Regime (1987), S. 36.

[71] Ebend., S.75.

Details

Seiten
95
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638057493
ISBN (Buch)
9783638948081
Dateigröße
837 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91648
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Fakultät der Sozial- und Verhaltenswissenschaften, Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Global Governance Umweltpolitik Machtasymmetrien Faktor Umweltkooperation Beispiel Klimapolitik

Autor

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Titel: Global Governance für die Umweltpolitik? Machtasymmetrien als intervenierender Faktor für die internationale Umweltkooperation am Beispiel der Klimapolitik