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Soziales Lernen mit Tieren

Entstehung und Bedeutung der Mensch-Tier-Interaktion in der Sozialen Arbeit

Diplomarbeit 2006 108 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Vorwort

2. Grundlagen der Mensch – Tier - Beziehung
2.1. Wurzeln der Mensch – Tier – Beziehung
2.2. Kommunikation zwischen Mensch und Tier
2.3. Heilender Prozess in der Interaktion Mensch – Tier

3. Tiergestützte Pädagogik und Therapie
3.1. Zur Klärung der Begriffe „Therapie“ und „tiergestützt“
3.2. Lernen mit Tieren
3.3. Tiere als therapeutische Begleiter

4. Rahmenbedingungen für die Arbeit mit Tieren
4.1. Herkunft der Tiere
4.1.1. Tiere des Therapeuten
4.1.2. Tiere des Klienten
4.1.3. Tiere der Institution oder aus dem Tierheim
4.2. Hygienische Anforderungen
4.2.1. Tiere als Infektionsquelle
4.2.2. Tiere als Erschwernis im Alltag der Institution
4.2.3. Rechtsnormen für die institutionelle Arbeit mit Tieren

5. Auswahl und Einsatz der Tiere
5.1.Hund, Katze, Maus - Heimtiere
5.1.1. Vorteile der Heimtiere in der tiergestützten Therapie / Pädagogik
5.1.2. Arbeit mit Hunden
5.1.3. Arbeit mit Katzen
5.1.4. Arbeit mit Ziervögeln
5.1.5. Arbeit mit Aquarien- und Terrarientieren
5.1.6. Arbeit mit Kleintieren (Kleinsäugern)
5.2. Nutztiere im klassischen Sinn - Haustiere
5.2.1. Vorteile der Nutztiere in der tiergestützten Therapie / Pädagogik
5.2.2. Arbeit mit Ziegen
5.2.3. Arbeit mit Schweinen
5.2.4. Arbeit mit Eseln und Rindern
5.2.5. Arbeit mit Geflügel
5.2.6. Arbeit mit Lamas und Alpakas (Neuweltkameliden)
5.2.7. Arbeit mit Bienen
5.2.8. Arbeit mit Pferden – Therapeutisches Reiten
5.2.9. Arbeit mit Schafen

6. Setting
6.1. Einrichtung des Gesundheitswesens
6.1.1. Arbeit als Tierbesuchsdienst
6.1.2. Krankenhäuser und Seniorenheime
6.1.3. (Psycho)Therapeutische Einrichtungen
6.1.4. Tiere in der Resozialisierung
6.2. Jugendfarmen
6.3. Schulbauernhöfe
6.4. Tiere in Schulen, Kindergärten und –tagesstätten
6.4.1. Bauernhofkindergärten

7. Tiere in sozialen Projekten
7.1. Soziale Arbeit mit Neuweltkameliden
7.2. „Die kleine Schweineschule“
7.4. Der Klassenhund - „Schule mit Jule“
7.4. „Green Chimneys“ in den USA
7.5. Konzeptgedanke „Almpädagogik“

8. Tiere im Rahmen der Freizeitgestaltung
8.1. Trekking mit Tieren
8.2. Hundeschlittenfahrten

9. Schlusswort

10. Quellennachweis:

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit „Soziales Lernen mit Tieren, Entstehung und Bedeutung der Mensch – Tier Interaktion in der Sozialen Arbeit“ beschäftigt sich mit den grundlegenden Auswirkungen der Interaktion zwischen Mensch und Tier. Der Ursprung dieser, sowie der Wandel der Interaktion zwischen Mensch und Tier im Laufe des Zeitgeschehens wird ebenso beleuchtet wie die heute bekannten Forschungsergebnisse und der daraus folgende Einsatz in der Sozialen Arbeit.

Wie diese Zusammenhänge für die Soziale Arbeit zu nutzen sind, in welchen Bereichen „tierische Therapeuten“ zum Einsatz kommen können und wie auch landwirtschaftliche Haustiere wie Schweine, Schafe oder Rinder hierin und in den verschiedensten Projekten zu integrieren sind, wir hier verdeutlicht werden.

Auf Lernerfahrungen durch den professionellen Einsatz von Tieren in der Sozialen Arbeit aber auch im Rahmen der privaten Tierhaltung wird besonderer Wert gelegt.

Ein enormes Repertoire an Möglichkeiten, „sozial zu lernen“, also z. B. Formen des Zusammenlebens, Wert- und Normvorstellungen oder Erfahrungen zum Aufbau des Selbstwertgefühles, stehen durch den Einsatz von Tieren zur Verfügung und werden hier erläutert.

Ich beabsichtige bestehende Theorien und Ansätze mit meinen Erfahrungen in diesem Bereich zu verschmelzen um den Bereich der tiergestützen Therapie bzw. des Lernens mit Tieren durch meine Erfahrungen in der langjährigen Arbeit mit Tieren um einige Facetten zu erweitern.

Ich selbst befasse mich nun seit mehr als zehn Jahren mit der Haltung von landwirtschaftlichen Nutztieren.

Jetzt betreibe ich neben der Haltung vieler anderer Tiere eine kleine Landwirtschaft mit den Schwerpunkten Imkerei und der Landschaftspflege mit Schafen und Ziegen. Hierbei lege ich großen Wert auf die Ursprünglichkeit der anfallenden Produkte wie dem Honig und Bienenwachs, der Schafwolle, der Milch und später dem Käse.

Das Betreiben einer Alm um Pädagogik mit Tierhaltung zu verbinden wäre als Zukunftsvision zu nennen. (s. Kapitel „Almpädagogik“)

Die „Hippotherapie“, also die tiergestützte Arbeit mit Pferden, möchte ich aufgrund der in ausreichendem Maße angestellten Forschungen und vorhandener Literatur aus Platzgründen nur kurz anreißen, die „Delphintherapie“ klammere ich aus der räumlich unzureichenden Verfügbarkeit für die tiergestützte Arbeit in Deutschland aus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.1. Vorwort

In einem Großteil der deutschen Haushalte werden die unterschiedlichsten Haustiere wie Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Fische oder Terrarientiere gehalten, wobei zum Teil horrende Summen für die Tierhaltung ausgegeben werden.

Warum findet das Halten von Haustieren einen so immensen Zuspruch? Welche Auswirkungen der Tiere auf den Menschen werden erwartet? Warum wird in bestimmten (Lebens-)Situationen auf die Präsenz von Tieren Wert gelegt? Warum wünscht sich der Großteil der Kinder ein Haustier? Wie kann der Kontakt mit Tieren in die verschiedensten Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit integriert werden und welche Ergebnisse sind zu erwarten?

„Jeder Mensch hat ein angeborenes Bedürfnis, mit Tieren umzugehen. Bereits seit Jahrhunderten haben Tiere in der Therapie ihren Platz. Katzen werden schon seit der Antike vor allem bei nervlichen und psychischen Problemen eingesetzt. Seit den 60er Jahren wird wissenschaftlich an Universitäten untersucht, welchen gesundheitsfördernden Einfluss Tiere auf den Menschen haben können. Dabei fand man heraus, dass sich der Umgang mit Vierbeinern positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt.

Die Tiertherapien erlebten so ihre Geburtsstunde.“ (www.br-online.de, o. V., aufgerufen am 09.01.06)

Auffallend ist, dass das Hingezogensein zu Tieren in allen Fällen von Kindesbeinen an bei jedem Kind zu finden ist, die spätere Ausprägung doch zu großen Stücken von der Erziehung durch die Eltern bzw. die Sozialisation des Kindes abhängt.

So bewundern z. B. alle vorbeilaufenden Kinder die Schafherde und haben mehr oder weniger den Wunsch, eines dieser wolligen Tiere zu streicheln, anzufassen und dabei im wahrsten Sinne des Wortes zu „begreifen“. Wo sonst wenn nicht beim Schäfer kann das Gefühl der warmen Wolle der Schafe unmittelbar vermittelt werden? Leider kommt es nicht selten vor, dass sobald sich das Kind einem Schaf (oder anderem Tier) nähert, seine Begleitperson es von der Berührung des Tieres abhalten will, damit es sich nicht schmutzig macht, nicht unangenehm riecht und das Kind schimpft. Durch mehrmalige Wiederholung dieser Situation – Pawlows Hund lässt grüßen - wird das Kind ebenfalls Tiere mit Schmutz, „Gestank“ und anderen negativen Eigenschaften verbinden, und das Interesse daran verlieren.

Umso wichtiger ist der gezielt herbeigeführte Kontakt zwischen Mensch und Tier mit all den sich daraus ergebenden Möglichkeiten um Lernerfahrungen in den verschiedensten (Lebens)Bereichen tätigen zu können.

2. Grundlagen der Mensch – Tier - Beziehung

2.1. Wurzeln der Mensch – Tier – Beziehung

Schon sehr früh in der Geschichte der Menschheit ist der Umgang mit Tieren anzutreffen, um sich durch den erwirtschafteten Nutzen Vorteile in verschiedenster Hinsicht zu erlangen.

Zum einen natürlich, um durch das Töten eines Tieres Nahrung zu erhalten, später aber, im Zuge der Sesshaftwerdung der Menschen durch Domestikation von Tieren diese wohnortnah und somit jederzeit verfügbar zu haben. Als erste dieser domestizierten Tiere sind das Schaf, die Ziege und der Hund, also der Wolf, zu nennen. (Späth, 2000, Seite 16). Schafe und Ziegen dienten hierbei zum einen als Fleisch- bzw. als Milchlieferanten, zum anderen zum Beispiel zur Beseitigung von Busch- Strauchwerk um spätere Ackerflächen freizuhalten. Natürlich trugen die Schaf- und Ziegenhäute auch dazu bei, dass der Mensch kältere Klimazonen bevölkern und dort überleben konnte. Erst verhältnismäßig spät kamen dann die heute üblichen Rinder als Milch- und Fleischlieferanten – aber viel wichtiger – als Zugtier zum Vorschein.

Außer als Nahrungslieferanten dienten Tiere auch seit der Antike in der Mythologie und der Religion der Menschen. Zum einen galten sie als Opfertiere zugunsten der herrschenden Gottheiten, zum anderen wurden Götter häufig in Tiergestalt dargestellt, oder von Tieren begleitet. „Selbst Bacchus, der Gott des Weines, wurde im Ziegengespann sitzend dargestellt. Die Ziege wurde das Hauptopfertier der Menschen für Zeus und seiner Gattin Hera, welche gern Ziegenfleisch aß“ (Späth, 2000, Seite 18).

Auch heute sind Tiere in Sprichwörtern und Sinnbildern zu finden, sprechen wir doch auch vom „Sündenbock“, dem „Schwarzen Schaf“, dem „dummen Huhn“, usw.

Neben diesen „Nutztieren im eigentlichen Sinn“ nahm der Wolf, bzw. der daraus resultierendem Hund eine besondere Stelle schon seit Beginn der Haustierwerdung ein.

Er diente als elementarer Begleiter zur Jagd und zum Schutz der Menschengemeinschaft von anderen Tieren oder feindlichen anderen Gruppen. Auch zum Hüten des Viehs oder zum Transport von Waren wurden und werden Hunde eingesetzt.

Man nutzte die Fähigkeit der andauernden Sozialisation im Wolfsrudel, wodurch Hunde zu treuen und permanenten Weggefährten wurden. Außerordentlich deutlich ist diese Sonderstellung des Hundes auch daran zu erkennen, dass dieser allein von allen anderen bis dahin gehaltener Haustiere Zutritt zu den Wohnbereichen der Menschen zugesprochen bekam, der den anderen Tieren versagt blieb.

Er wurde in das Familienleben integriert und wurde mehr und mehr zum Spielgefährten der Kinder. Schon hier ist das Bedürfnis der Kinder ersichtlich, außerhalb des Spielens mit Gleichaltrigen, die vorhandene Zeit mit Tieren zu verbringen.

Dieses Privileg der Haustierhaltung im heutigen Sinne, nämlich im Sinne von Spielgefährten oder als Beschäftigung in der Freizeit, blieb damals den Königshäusern vorbehalten. Hier war es auch, wo exotische Tiere aus fernen Ländern zur Belustigung der Menschen herbeigeschafft wurden, die Raubkatzen in den Kolossen, aber auch das Meerschweinchen aus dem fernen Neu Guinea seien hierfür Beispiele.

Der Großteil der Bevölkerung hatte aber weder Zeit, noch Geld, noch den Bedarf sich Tiere als Spielgefährten zu halten. Da diese sowieso aus landwirtschaftlich geprägten Familienstrukturen stammten, war hier permanenter und unmittelbarer Kontakt zum Tier zwingend erforderlich.

Hier war der Bezug zum Tier von dem erwarteten Nutzen geprägt, d. h. der Versicherung für die (Groß-)Familie weiterhin überleben zu können. Wurde hier zwar für die heutigen Verhältnisse eine geringe Anzahl von Tieren gehalten, wurde doch auf eine Vielzahl der unterschiedliche Tierarten Wert gelegt was zur Pluralität der erzeugten Lebensmittel beitrug, und man so von der allgemeinen Wirtschaft unabhängiger war. Heute wird dieser Pluralität der Lebensformen auch in der Landwirtschaft zunehmende mehr Beachtung gewidmet, heute unter dem neuen Aspekt der „Biodiversität“ bekannt und diskutiert.

Der Bezug zum Tier und der Natur war unmittelbar, da sich eine Krankheit oder der Tod eines Tieres ebenso unmittelbar auf das Wohlergehen der Familie niederschlug. Dementsprechend war auch der Umgang mit den Tieren von Fürsorge und Achtung der Tiere als Lebewesen bestimmt.

Der Umgang mit Tieren war für die Menschen bis vor dem zweiten Weltkrieg und in weiten Teilen Deutschlands auch noch lange Zeit im Rahmen kleinbäuerlicher Strukturen nicht wegzudenken und bestimmte zu großen Teilen den Tages- bzw. den Jahresablauf. Auch für die Kinder gehörte es zum Alltag, das Vieh zu versorgen und die ihnen aufgetragene Arbeit auf Hof und Feld zu verrichten. „War es doch immer ein Erlebnis, mit den Kühen zum Ackern aufs Feld zu fahren“ (mündl. Mitteilung eines ehem. Landwirtes).

2.2. Kommunikation zwischen Mensch und Tier

Die Tatsache, dass Menschen Beziehungen zu Tieren aufbauen können, die denen zu anderen Menschen qualitativ gleichen, ist für viele Verhaltensforscher gleichzeitig auch der entscheidende Hinweis darauf, dass Tiere auch als therapeutische Helfer eingesetzt werden können. Damit solch eine Therapie mit Tieren wirkt, ist das Empfinden der betreffenden Person ausschlaggebend, es handle sich um Partnerschaft. Dass Menschen ihren lieb gewonnenen Vierbeinern Namen geben, ist z. B. das äußere Zeichen für Empfindungen dieser Art.

Diese innige Verbindung zu den Tieren ist den Menschen im Laufe der Industrialisierung immer mehr verloren gegangen. Durch die Pluralität der möglichen Beschäftigungsmöglichkeiten und den Erhalt des Status quo war man auf das Halten von landwirtschaftlichen Nutztieren zum Erhalt bzw. zur Verbesserung der familienwirtschaftlichen Lage immer weniger angewiesen. Die bis dahin vorherrschende innige Beziehung zu den Tieren beschränkte sich nun immer mehr auf bestimmte Personengruppen, welche sich berufsmäßig noch mit der Nutztierhaltung beschäftigten. Einem Großteil der Bevölkerung war es hingegen möglich, Lohn und Brot in einer nahe liegenden Stadt zu verdienen.

Nun war es auch erdenklich, außerdem bedingt durch den wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands, die erwirtschafteten finanziellen Mittel zur Gestaltung der eigenen Freizeit zu verwenden, was mit einer Verlagerung der vorherrschenden Wertvorstellungen wie dem Drang zur Individualisierung, der Möglichkeit zur Exploration usw. einherging.

Ein Zurück aus dieser Situation, hinein in die vermeintlich einengende Tierhaltung im Sinne der Landwirtschaft ohne Urlaub, Ferien oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, kam den Meisten nicht in den Sinn.

Seit den letzten zehn bis 20 Jahren – mag es im Zuge der „Biowelle“ geschehen – findet man immer häufiger Menschen, die den Bezug zur Landwirtschaft und vor allem zu der damit verbundenen Tierhaltung suchen.

Warum wollen sich diese Menschen „das Leben schwer“ machen? Tag und Nacht zu arbeiten und sich dabei Sorgen um das Wohlergehen der Tiere machen?

Hierbei ist entscheidend, dass die anwesenden Tiere mehr und mehr als Gegenüber mit eigenen Rechten, Gefühlen und damit verbundenen Wahrnehmungen angesehen werden.

Hinsichtlich der früheren Entwicklungen, Tiere möglichst effizient als Versuchstier oder aber als „Produktionseinheit Muttersau“ zu betrachten, wird durch das verändere Gegenübertreten dem tierischen Mitgeschöpf gegenüber ebenfalls die Verantwortung, das Tier den entsprechenden Bedürfnissen zufolge zu pflegen und mögliches Übel von ihm abzuhalten. „Wird Schmerz allgemein als Übel angenommen, so ist die Leidensfreiheit eines jeden Wesens anzustreben.“ (Otterstedt, 2003, Seite 28; vergl. Koltermann, 1994, Seite 162).

„Seit dem 1. August 2002 ist in Artikel 20a (Umweltschutz) des Bundesdeutschen Grundgesetzes (GG) die Schutzwürdigkeit auch der Tiere als Staatsziel verankert. Deutschland nahm damit eine Vorreiterrolle innerhalb der Europäischen Union (EU) ein. Die jetzige Fassung lautet:

Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung. “ (aus Wikipedia, Suchbegriff Tierrechte, aufgerufen am 26.08.2007)

Warum liegt den Menschen nun etwas an den Empfindungen der Tiere, wo sie diese doch lange Zeit leugneten und die Tiere dementsprechend behandelten?

Ein jeder der gut 23 Mio. Heimtierhaltern[1] in Deutschland wird diese Frage ohne weiteres beantworten können.

Ist doch der mit einem Mäntelchen bekleidete und einer rosa Schleife auf dem Kopf tragende kleine Hund einer älteren Dame oft der einzige Gesprächspartner nach dem Tod des Ehegatten. Wird in einem anderen Fall für die geliebte Katze noch ein Blättchen Petersilie an den Rand des Fressnapfes (oder des Porzellantellers?) gelegt, wie in der bekannten Fernsehwerbung propagiert.

Woher kommt diese (nicht selten übertriebene) Hinwendung zu einem Haustier? Seit nicht nur die (digitale) menschliche Sprache als Mittel zur Kommunikation zwischen Mensch und Tier als einziges Kommunikationsmittel betrachtet und somit negiert wurde, sondern auch die nicht an Worte gebundene analoge Kommunikation unterschieden wurde, zeigen sich auch neue Wege in der Kommunikation zwischen Mensch und Tier. (vergl. Watzlawick et. al. , 1969)

Hierbei spielen Gesten, die Mimik, die Sprache der Augen des Gesichtsausdruckes oder der Ton der Stimme eine tragende Rolle. Hier kommt es weniger auf den Inhalt (Inhaltsaspekt) der zu vermittelnden Botschaft als auf das „Wie“, also den Beziehungsaspekt der Kommunikation an. Klassisch sieht man das z. B. an einer Mutter (oder einem Vater) mit ihrem Säugling, mit welchem sie sich unaufhörlich „unterhält“. Der Beziehungsaspekt, also das „Wie“ spielt hier die weitaus größere Rolle.

Diese Eigenschaft findet man auch bei der Kommunikation zwischen Menschen und den meisten Tieren. So wird ganz selbstverständlich mit dem jeweiligen Haustier gesprochen, obwohl es den digitalen, also durch Sprache verschlüsselten Teil der Kommunikation, nicht im eigentlichen Sinne versteht. Viel mehr findet man hier eine Zuwendung des Menschen zu den Tieren durch dessen liebevolle Behandlung, das Streicheln und dessen Fürsorge.

Im Gegenzug sind Tiere ebenfalls wie Menschen in der Lage, ihre Gefühle analog auszudrücken. So können sie Freude, Schmerz u. ä. durch Einsatz ihrer Mimik oder Gestik ausdrücken und sind in dieser Beziehung auf gleicher Ebene mit den Menschen anzusiedeln. Dies sieht man an einem freudig mit dem Schwanz wedelnden Hund oder einem neugierig schnuppernden Kaninchen sehr deutlich.

Die analoge Kommunikation tritt beim Menschen aber mit zunehmendem Alter (eben ab dem Erlernen der Sprache) gegenüber der digitalen in den Hintergrund und ist meist nur noch bei existenziell bedeutsamen Situationen wie Trauer, Kampf, Wut oder der Angst des Sterbens hervor. Die Form der analogen Kommunikation wir durch die Anwesenheit von Tieren angeregt (vergl. Otterstedt, 2003).

„Tiere antworten auch vor allem auf die analogen Anteile (einer Botschaft, Anm. des Verf.). Damit verlangen sie von der Person, die mit ihnen in Beziehung steht, eine echte, eine stimmige Bezogenheit. Und diesen Menschen gelingt es oft, eine bessere Abstimmung zwischen analoger und digitaler Kommunikation bei sich selber herzustellen. Sie stehen seltener in Gefahr, die bewussten Inhaltsaspekte von den weniger oder gar nicht bewussten Beziehungsaspekten zu trennen. Sie dürften seltener double-bind-Botschaften aussenden, bei denen eine Diskrepanz zwischen dem Besteht, was die Person aufgrund ihrer Worte wahrgenommen haben möchte und dem, was sie nonverbal sendet – und was manchmal die wirklichen Empfindungen oder Bewertungen der Person ausdrückt.“ (ebd. Seite 87)

Der Anspruch auf digitale, sprachliche Kommunikation von Seiten der Tiere hin zu den Menschen ist an sich nicht erforderlich (obwohl in den USA Projekte zur „Sprachförderung von Primaten“ laufen); Haustiere dienen vielmehr als dankbare und geduldige Zuhörer mit ihrer eigenen Art untereinander und mit uns Menschen zu kommunizieren.

Der Kontakt zu Tieren kann unter Umständen leichter hergestellt werden, als dies zu Menschen möglich ist. Häufig sind sie auch der Anlass zu Kontaktaufnahmen, auch mit unbekannten Menschen. So berichten Spaziergänger mit Hund, sehr häufig auf Grund der Anwesenheit des Hundes von anderen Menschen angesprochen, angelächelt oder gegrüßt zu werden. Offensichtlich lässt das Beisein eines Tieres den Menschen zugänglicher erscheinen. Der Umgang mit dem Tier selbst bietet außerdem die Möglichkeit Kommunikation (wieder) einzuüben, auszuleben und zu festigen.

2.3. Heilender Prozess in der Interaktion Mensch – Tier

Unter anderem hierin beginnen die heilenden und somit für die Soziale Arbeit bedeutsamen Aspekte einer Beziehung zwischen Mensch und Tier.

Die Begegnung mit einem Tier, ob im Rahmen der Heimtierhaltung oder durch Therapeuten oder Pädagogen herbeigeführt, rufen beim Menschen verschiedenste positive Auswirkungen hervor. Die hierbei erlebten Situationen und die daraus resultierenden Erfahrungen sollen als grundlegendes Prinzip der Sozialen Arbeit mit Tieren zu einem gelingenderen Alltag bzw. der Erhöhung der Lebensqualität beitragen, wobei hier deutlich die Verknüpfung zur Erlebnispädagogik bzw. –therapie erkennbar ist.

Die Arbeit mit Tieren stellt dabei jedoch eine Ausnahme bzw. eine Erweiterung dieser dar. Der erlebnispädagogische Background wird durch gezielt herbeigeführte Situationen, in welchen Menschen auf Tiere treffen, erweitert.

„Soziale Interaktion gilt als die Bezeichnung für das wechselseitig aufeinander bezogene Verhalten zwischen Menschen, für das Geschehen zwischen Personen, die wechselseitig aufeinander reagieren, sich gegenseitig beeinflussen“ (Hobmair 1998, Seite 161)

Diese Begriffsklärung kann auch für die Interaktion zwischen Mensch und Tier herangezogen werden, ohne an Gültigkeit zu verlieren.

Natürlich kann hier nicht erwartet werden, dass durch den Kontakt mit Tieren sämtliche Krankheiten zu heilen wären; das Hauptaugenmerk wird hierbei zum einen auf die Arbeit mit Menschen mit Behinderung (körperlich und / oder geistig), der Arbeit mit psychisch kranken und älteren Menschen gelegt. Außerdem gewinnt das Arbeitsfeld der Jugendarbeit bzw. –hilfe in diesem Rahmen immer mehr an Bedeutung.

„Ein heilender Prozess ist hier im Rahmen einer ganzheitlichen Entwicklung gemeint. Die durch die Begegnung mit einem Tier herbeigeführten Impulse beeinflussen unsere körperlichen, seelischen, geistigen und sozialen Kräfte.“ (Otterstedt, 2003, Seite 61)

So sind Veränderungen des Gesichtsausdrucks sowie der Körperhaltung beim Menschen während des Tierkontaktes zu bemerken. Die verkniffenen Gesichtzüge als Zeichen innerer Anspannung wechselten zu einer entspannten, freundlich wirkenden Mimik, dem sog. „offenen Gesicht“. Dieses „offene Gesicht“ findet man bei großem Erstaunen, wahrhaftigem Interesse oder erwartungsvollem Warten. (vergl. Otterstedt 2001, Seite 176)

Von elementarer Bedeutung für die positiven Aspekte der Arbeit mit Tieren in der Sozialen Arbeit ist die beidseitige Freiwilligkeit der Begegnung zwischen Mensch und Tier.

Nur dies, verbunden mit der Erwartungshaltung der Menschen gegenüber dem Tier, aber auch die eventuell vorherrschenden Ängste oder Befürchtungen, welche meist nach kurzer Zeit abgebaut werden können, tragen zu einem positiven Ergebnis bei. Otterstedt spricht hier von einem therapeutischen Mittel, welches der Patient im Zusammenwirken mit dem Therapeuten erfährt.

Nicht das Tier selbst, sondern vielmehr die Situation, welche durch die Begegnung dadurch geschaffen wird, weist heilenden Charakter auf.

So wird die (therapeutische) Bindung z. B. in einer dafür geschaffenen Einrichtung durch ein bewusstes, möglichst unreglementiertes „beschnuppern“ der vorhandenen Tiere und der anwesenden Menschen im wahrsten Sinne des Wortes, in die Wege geleitet. Hierbei wird den Tieren die Möglichkeit gelassen, sich „ihren“ Menschen selbst zu wählen, durch den Therapeuten wird nur bei drohender Gefahr (z. B. unvorhersehbare Panik auf der Seite des Menschen) eingegriffen. Auch wenn das auf den Patienten zukommende Tier – z. B. ein Lama – nicht zu dessen Lieblingstieren zählt und sogar etwas Bedenken gegenüber der ungewohnten Gestalt gehegt werden, wird hier trotzdem eine bedeutsame Bindung geschaffen. Bei Patienten mit einer Phobie gegen ein bestimmtes Tier (z. B. Arachnophobie) wird dieses Tier hier natürlich nicht anwesend sein, damit die Freiwilligkeit von beiden Seiten aus bestehen bleibt.

Anders wird im Normalfall das Tier seine durch die jetzt anwesenden Menschen veränderte Umgebung neugierig erforschen und auf einen Menschen zukommen. Im Normalfall reagiert dieser anfangs ebenso zögerlich wie das ihm begegnende Tier, welches von eventuell an dieser Stelle zu frühen Berührungsversuchen durch den Menschen zurückschreckt. Durch die wiederholte Annäherung des Tieres kann der Mensch aus dem Vorherigen lernen und dem Tier ggf. etwas vorsichtiger entgegentreten. Außerdem wird hier der unmittelbare Bezug zwischen Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion deutlich sichtbar.

Nach mehreren Annäherungsversuchen wächst das Vertrauen in das Gegenüber, und Berührungen nehmen zu. Falls es dem Patienten oder dem Tier zu schnell oder zu heftig zugeht, steht ihm wie jederzeit die Möglichkeit des Zurückziehens offen.

Die Freiheit, also die Entscheidung aus freien Stücken, dieser Mensch – Tier – Beziehung prägt den heilenden Charakter dieser Form des therapeutischen Handelns.

Für Menschen mit Tierphobie bietet sich aber eine abgewandte Form der freien Begegnung im Rahmen der systematischen Desensibilisierung an. Hierbei wird z. B. ein Hund zuerst auf einem Photo gezeigt, dann sehr weit entfernt, über weniger weit entfernt bis unmittelbar vor dem Patienten stehend herangeführt. Die individuelle Grenze der Erträglichkeit des Menschen darf trotzdem zu keiner Zeit überschritten werden. Je nach Schweregrad der Phobie ist nach einer gewissen Zeit sogar das Anfassen, also unmittelbarer Tierkontakt, möglich.

In einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Langzeitstudie heißt es weiterhin, dass die Anwesenheit eines Heimtieres generell förderlich für die Gesundheit ist und die Arztbesuche abnehmen. Zu diesen Erkenntnissen kamen die Wissenschaftler Bruce Headey und Markus Gabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

„In einem Zeitraum von fünf Jahren lag die Zahl der Arztbesuche bei Menschen ohne Haustiere um 18,5 % höher als bei jenen mit Tieren im Haushalt. In einer Gruppe der Tierbesitzer fiel die Zahl der Arztbesuche innerhalb des Studienzeitraumes zwar nur leicht von 2,8 auf 2,7 Visiten im Jahr, aber aufgrund des steigenden Alters der Befragten hatte man eher eine Zunahme der Konsultationen erwartet.

Bei den Befragten ohne Haustiere stieg hingegen die Zahl der Arztbesuche im gleichen Zeitrahmen von 3 auf 3,2. Dieses Phänomen war unabhängig von den Lebensumständen der Befragten: Es galt gleichermaßen für Frauen und Männer, für Jüngere und Ältere, mit ihrem Leben Zufriedene und Unzufriedene.

Nach der Analyse der Wissenschaftler hat auch die Dauer des Haustierbesitzes einen Einfluss auf die Gesundheit. Menschen, die ihr Tier länger als fünf Jahre besaßen, waren gesünder als jene, die sich erst seit kurzer Zeit der Gesellschaft eines tierischen Hausgenossen erfreuten. Headey und Grabka werteten für ihre Studie Daten aus, die im Rahmen des Sozioökonomischen Panels (SOEP) von 1996 bis 2001 erhoben wurden. In dieser Zeit wurden jährlich rund 6.000 Haushalte mit 12.000 Personen in Deutschland befragt.“ (www.diw.de, o. V., aufgerufen am 01.01.2006)

„Forscher der britischen Universität Warwick haben unter anderem untersucht, wie oft Kinder, die Haustiere haben, wegen Krankheit in der Schule fehlen. Dies verglichen sie mit Kindern, die keine Haustiere haben. „Das Halten von Tieren ließ sich ganz klar mit einem besseren Unterrichtsbesuch verbinden “, sagte die Psychologin June McNicholas dem „Daily Telegraph“ (…). „ Das war in allen Altersklassen so, aber besonders in der Grundschule.“ (www.pedigree.de, o. V., aufgerufen am 01.01.2006)

„Die Beziehung von Kindern zu ihren Heimtieren ist eine ganz besondere und hat auf die Entwicklung des Kindes positiven Einfluss. Studien zeigen, dass Kinder mit Heimtieren ein höheres Selbstbewusstsein sowie besseres Sozialverhalten haben und bei Gleichaltrigen höher angesehen sind. Sie üben sich in Fürsorge und werden einfühlsamer und verständnisvoller. Nachweislich fördert die Heimtierhaltung die nonverbale Kommunikation.“ (ebd.)

Klar wird diese Position auch in dem Artikel des Onlinedienstes der Zeitschrift „Haus + Garten“: „Haustiere lieben Kummer weg, stiften Freundschaften, heilen Krankheiten in jedem Alter. Psychologen und Mediziner haben die Welt der Tiere entdeckt. Nach ihnen müsste es Hund, Katze & Co. auf Rezept geben.“

Außerdem fällt auf, dass bei den meisten Tierbesitzer oder –betreuern die eigene, innere Bereitschaft krank zu sein („Vulnerabilität“, lat. „ vulnus “, Wunde, Verwundbarkeit, Verletzlichkeit; http://www.wikipedia.de, aufgerufen am 22.02.06) wie auch aus o. g. Quellen ersichtlich um ein Vielfaches geringer ist. Zu beobachten ist dies z. B. auch bei allein erziehenden Eltern, welche erstaunlich selten Krankheiten erliegen. Dies ist an der in hohem Maße getragenen Verantwortung, bzw. dem Gefühl für etwas oder jemanden verantwortlich zu sein festzumachen. (s. auch Kapitel 6.1.3.1.)

Das Gefühl für etwas gebraucht zu werden stellt besonders bei Menschen in psychischen Lebenskrisen, nach Trennung, Scheidung oder aber auch im hohen Lebensalter oftmals den entscheidenden Impuls dar um erneut Mut zu fassen.

All diese Ergebnisse verschiedenster Initiatoren machen eines deutlich: Der Kontakt mit Tieren hat heilende Wirkungen der verschiedensten Ausrichtungen.

3. Tiergestützte Pädagogik und Therapie

3.1. Zur Klärung der Begriffe „Therapie“ und „tiergestützt“

„Unter dem Begriff Therapie werden allgemein Heilbehandlungen, Behandlungen von Krankheiten oder andere Heilverfahren verstanden. Feuser (1991) versteht unter Therapie ein „ Mittel der Strukturierung von Lebens- und Lernfeldern in einer Weise, dass sie unter den individuellen Bedingungen eines jeden Menschen aneigbar sind, d. h. auf die Verhältnisse einzuwirken und sie zu verändern, damit in den Aneignungsprozessen andere Verhaltensweisen in der Rückwirkung auf die Verhältnisse reduzieren können“ (ebd., zit. Nach Wald/Berger o. J.).

Bei der „Therapie“ handelt es sich also um menschliches Lernen, welches sich im Zusammenhang mit einer Strukturierung von Aneignungsprozessen vollzieht, mit dem Ziel die eigene Lebensqualität zu steigern.“ (Förster, 2005, Seite 26)

„In Anlehnung an die amerikanischen Termini AAA (Animal Assisted Activities) und AAT (Animal Assisted Therapy) (Burch et. al., 1996), unterscheidet man in Deutschland zwischen tiergestützten Aktivitäten (z. B. Tierbesuchsdiensten) und tiergestützter Therapie sowie tiergestützter Pädagogik. Unter tiergestützter Therapie versteht man gezielte Interventionen im Rahmen eines therapeutischen Konzeptes, die Tiere einbeziehen.“ (Endenburg, N. 2003 in Otterstedt 2003; vergl. Auch Förster 2005 Seite 26 f.)

Die tiergestützte Therapie ist von der tiergestützten Pädagogik nur schwer und daher unzureichend zu trennen, da auch zur tiergestützen Therapie Elemente der tiergestützen Pädagogik („Lernen mit Tieren“) benötigt werden um die auch hier notwendigen Lernprozesse anzuregen.

3.2. Lernen mit Tieren

Das Lernen mit Tieren stellt das Herzstück der tiergestützen Pädagogik dar.

Mit dem Begriff „lernen“ wir von den meisten Menschen sofort der Begriff „Schule“ mit all den damit verbundenen positiven oder negativen Erinnerungen assoziiert.

Das Lernen natürlich im Rahmen der Schule stattfindet, aber bis an das Lebensende hinausgeht, wir von vielen Menschen nicht beachtet. Der Begriff des „lebenslangen Lernens“ hat in den letzten Jahren in Verbindung mit der demographischen Entwicklung in Deutschland immer mehr an Bedeutung gewonnen.

Nicht nur das Drücken der Schulbank wir hier im Rahmen des Lernens gesehen, sondern all die Lernprozesse, welche Menschen im Laufe ihres Lebens durchlaufen.

„Lernen ist ein nicht beobachtbarer Prozess, der durch Erfahrung und Übung zustande kommt und durch den Verhalten relativ dauerhaft entsteht oder verändert wird.“ (Hobmair, 1998, Seite160)

Lernen wir hierbei als ständige Veränderung des Menschen betrachtet, die andauernde Adaption an veränderte Lebensbedingungen.

So fallen neben dem Erlernen verschiedenster Kenntnisse wie z. B. die Fähigkeit der logischen Problemlösungen in der Mathematik, handwerklicher Kenntnisse oder dem Erlernen eines Vokabelwortschatzes auch die als „soft-skills“ bezeichneten Eigenschaften einer Person, deren Schlüsselqualifikationen, in den Bereich des Lernens. Diese sind im Gegensatz zu den „hard-skills“ nicht auf Zertifikaten nachzulesen. Neben den im (beruflichen) Alltag geforderten soft-skills wie Pünktlichkeit u. ä. zählen auch Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit usw. zu den gewünschten Eigenschaften einer Person. Diese Eigenschaften müssen ebenso erlernt werden, wie Mathematik oder Vokabeln.

„Man spricht hier von der emotionalen und der sozialen Intelligenz, dessen Ausprägung die Entwicklung andere Fähigkeiten keineswegs beeinträchtigt. (…) Jede Aktivierung bewusster Prozesse – also auch das Lernen – ist von Emotionen begleitet. Sie (die Emotionen, Anm. d. Verf.) bewerten psychische Aktivitäten, geben ihnen zum Beispiel eine positive oder negative Tönung. So können sie im Falle von positiven Emotionen durchaus eine zuvor nur partielle Informationsverarbeitung erweitern, sie können genauso im Falle negativer Emotionen zur Begrenzung, ja, zur Abspaltung ganzer Bereiche von Wissen beitragen.“ (vergl. Schwarzkopf 2003, Seite 255)

Unter der intrapersonalen Intelligenz versteht man die Regelung der innerpsychischen Prozesse der eigenen Person, z. B. der Abstimmung des Selbst- und Fremdbildes sowie der daraus resultierenden Handlungen, was ein hohes Maß an mit der Realität übereinstimmender Selbstwahrnehmung bedeutet.

Die interpersonale (soziale) Intelligenz bezeichnet die Art und Weise der Beziehungen der eigenen Person zu Mitmenschen oder Tieren. Darunter zählen auch die Ausprägung der Empathie gegenüber Mitmenschen, das abstrakte „sich in jemanden hineinversetzen“, sowie das Deuten der daraus abgeleiteten Gefühlsregungen. Die Fähigkeit zum Erfassen sozialer Beziehungen beinhaltet ebenfalls, die nonverbalen Regungen des Gegenübers deuten und danach handeln zu können.

Durch die Pluralität der sozialen Erfahrungen während der Sozialisation v. a. der dadurch entstehenden „schwierigen“ Jugendlichen fehlt es oft an diesen Fähigkeiten. Die im Laufe der Zeit als „Soziopathen“ bezeichneten Personen haben enorme Schwierigkeiten, sich im bestehenden Sozialgefüge zurechtzufinden und die herrschenden Werte und Normen bzw. die zwischenmenschlichen Verhaltensregeln zu akzeptieren. Gefühle wie Mitleid oder Liebe zu zeigen werden mit „Schwäche zeigen“ in Verbindung gebracht. Gegenüber Mitmenschen würden sich diese Menschen (insb. Jugendlichen) nur sehr schwer oder gar nicht öffnen oder anvertrauen. So werden bestehende Probleme nur unzureichend verarbeitet oder mit Hilfe von Gewalt „gelöst“. Jugendliche, welche sich als folgende Konsequenz in Jugendstrafanstalten o. ä. aufhalten, könnten mit Hilfe von Tieren lernen, eine gelingende soziale Beziehung aufzubauen und am Fortbestehen dieser beizutragen. Dies könnte dann wiederum auf das herrschende Umfeld übertragen und in den lebensweltlichen Kontext eingebunden werden.

Die Art der sozialen Beziehung, in der das Lernen stattfindet ist also von großer Bedeutung. So können zum einen Chancen und Möglichkeiten geschaffen, zum anderen Zugänge gestört bzw. verschüttet werden. Zu sehen ist dies z. B. bei als „Schulverweigerer“ bezeichneten Jugendlichen, welche nach erfolgter Bestätigung des eigenen Handelns durch erzielte Erfolge (intrinsisch) oder durch Dritte (Lehrer, Pädagogen, peer-group; extrinsisch) unerwartet „aufblühen“ und Lernerfolge sichtbar werden.

3.3. Tiere als therapeutische Begleiter

Dies kann und wird in verschiedensten pädagogisch-therapeutisch arbeitenden Einrichtungen durch die Arbeit mit Tieren als „Co-Therapeuten“ gezielt gefördert.

Es werden Situationen geschaffen, in denen Menschen durch den Kontakt oder die Betreuung von Tieren in ihrem Handeln bestärkt werden. So wird ein Lama, eine Kuh oder sonstiges Tier erst nach gewisser Zeit Vertrauen fassen und sich dem Menschen nähern (s. o.). Durch das der Situation angepasste Handeln erfährt der Jugendliche durch das Tier zunehmende Bestätigung durch dessen Hinwendung zum Menschen.

Vertrauen ggü. der eigenen Person zu erfahren und sich angenommen fühlen, egal mit welcher körperlichen Erscheinung stellt für viele Menschen z. B. mit schwerer körperlicher Behinderung oder aus zerrütteten familiären Verhältnissen, eine bedeutsame Erfahrung dar. Durch die Bestätigung der Person wird es möglich, verloren gegangenes Selbstvertrauen und das damit verbundene Selbstwertgefühl erheblich zu steigern. Durch Mitmenschen verletzte Personen wie Opfer sexueller Gewalt wird durch das „Medium Tier“ der Zugang zu anderen Menschen erleichtert oder überhaupt erst ermöglicht.

So werden einem Tier, viel leichter und schneller als einem Mitmenschen, die eigenen Ängste anvertraut und über bestehende Sorgen gesprochen. Durch dieses verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte, d. h. der Bewusstwerdung der eigenen Lage, eingebettet in den sozialräumlichen Kontext – i. S. der Erschließung oder Bewusstwerdung bestehender Netzwerke - wird der Weg zur gelingenden Kommunikation zu anderen Menschen und die Möglichkeit das eigene Handeln zu reflektieren geschaffen.

Je nach Wohnort und / oder Lebensweise wird jeder Mensch unterschiedlichen Kontakt mit Tieren aufsuchen. Außerhalb des üblichen Kinderwunsches, ein Haustier als Spielkameraden zu betreuen, verändern sich im Laufe des Lebens und der individuellen Sozialisation die Wünsche entsprechend den jeweiligen individuellen Bedürfnissen des Menschen. „Das Tier wird Partner im sozialen Leben, Begleiter in Freizeit und Sport usw. Ein Tier hilft auch in Krisensituationen. Eine Ratte oder ein Hund kann beispielsweise einem Obdachlosen Respekt und Sicherheit geben („Sonst wär man ja ganz allein unter den vielen Menschen“), ist ihm Kumpel und Partner, der ihm unabhängig von seiner Lebenssituation achtet und ihm vertraut.“ (Otterstedt, 2001, Seite 19)

Trotz den offensichtlichen Vorteilen, den der Kontakt mit Tieren mit sich bringt, treten viele Einrichtungen dieser Idee mit Skepsis gegenüber. Vielmals wird befürchtet, dass ein Tier einen älteren oder geschwächten Menschen durch das Übertragen von Krankheitserregern gefährlich sein könnte.

Erfahrungsberichte zeigen jedoch, dass sich Tierbesuche auch bei Menschen mit angeschlagenem Immunsystem als sehr hilfreich für die Rekonvaleszenz erwiesen, wenn ein angemessenes Maß an Hygienemaßnahmen getroffen wird. Dieses Problem soll später aber noch ausführlich behandelt werden.

Was in angelsächsischen Ländern seit Jahren zur üblich Praxis gehört und in Deutschland in der Durchführung begonnen wird, zählt Otterstedt auf:

[...]


[1] Quelle: Industrieverband Heimtierbedarf e. V. (IVH)

Details

Seiten
108
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638059695
ISBN (Buch)
9783638950107
Dateigröße
15.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91692
Institution / Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
Soziales Lernen Tieren

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Titel: Soziales Lernen mit Tieren