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Wer ist musikalisch? - Zur Persönlichkeit von Musikern aus musikpsychologischer Sicht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 21 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkungen

2. Der Musiker – Charakterzüge und Selbstkonzept
2.1 Zum Begriff ‚Persönlichkeit’
2.2 Charakterzüge
2.3 Selbstkonzept

3. Persönlichkeitsmessung: Theorie und Methodologie
3.1 Tests zur Persönlichkeit von Musikern
3.1.1 Hintergrund
3.1.2 Cattells Faktoren
3.1.3 Eysencks „Typen“
3.1.4 Jungs psychologische Typen
3.1.5 Die „Großen Fünf“ (Big Five)
3.2 Alternative Sichtweisen bei der Untersuchung von Musikern

4. Kategoriale Unterschiede bei Musikern – Kemps Untersuchungen
4.1 Orchestermusiker
4.2 Pianisten
4.3 Sänger
4.4 Dirigenten
4.5 Komponisten
4.6 Musiklehrer (Schulmusiker)

5. Fazit und weitere Fragen

6. Literatur

ANLAGE 1

ANLAGE 2

ANLAGE 3

1. Vorbemerkungen

Die Fragestellung im Titel verdeutlicht ein Problem, dass seit der Entwicklung musikalischer Aufführungen und diesbezüglicher ästhetischer Anschauungen vielfältig diskutiert worden ist – die Nachweisbarkeit musikalischer Präferenzen oder Determinationen sowie deren „inneres“ Wesen.

Bereits 1888 stellt Theodor Billroth die eigentlich daraus resultierende Frage:

„Die Frage: Wer ist musikalisch? muss eigentlich lauten: Woran erkennt man, dass Jemand musikalisch veranlagt und dass er musikalisch gebildet ist?“[1]

Im heutigen Sinne muss die Fragestellung dahingehend formuliert werden, welche Merkmale der Persönlichkeit von Musikern sich aufweisen lassen, welches Selbstbild damit verbunden ist und welche Unterschiede sich zwischen verschiedenen Musikern feststellen lassen.

Die musikpsychologische Forschung hat aufbauend auf Konzepte und Theorien der Verhaltens-, Entwicklung- und Differentiellen Psychologie dazu schon erhebliche Erkenntnisse gewinnen können, die allerdings noch relativ weit entfernt sind von der Formulierung eines allgemein gültigen Theoriegebäudes.

Vorliegende Arbeit soll die verschiedenen Strömungen und Auffassung von der Musikerpersönlichkeit darstellen. Daran anschließend wird ein Ausblick auf mögliche, daraus folgende Fragestellungen entwickelt, der weder Anspruch auf Vollständigkeit erhebt noch der letzten Wahrheit verpflichtet ist.

Hinter den Überlegungen stehen verschiedene Fragestellungen, die in den einzelnen Kapiteln beleuchtet werden sollen:

- Haben Musiker mit bestimmten Instrumenten ein bestimmtes Persönlichkeitsprofil?
- Welche Faktoren (Erziehung, Lebensgeschichte, Geschlecht usw.) spielen bei der Entwicklung dieser Persönlichkeiten eine Rolle?
- Ist das Spielen eines bestimmten Instruments prägend für die Persönlichkeit und auf welche Art und Weise geschieht dies?

Um neben der theoretischen Fundierung einen Einblick in angewendete Forschungsfelder zu geben, wird in Kapitel 4 eine empirische Studie von Antony Kemp vorgestellt, die sich anhand vorzustellender Theoriegebäude mit kategorialen Unterschieden (und Gemeinsamkeiten?) bei Musikern beschäftigt.

Im Hinblick auf den begrenzten Umfang der Arbeit können einzelne Probleme oftmals nur angerissen werden, wobei der Versuch unternommen worden ist, durch recht umfangreiche Hinweise auf Sekundärliteratur weitere Neugier zu befriedigen.

Sämtliche Nennungen des Begriffs ‚Musiker’ beinhalten sowohl die männliche und weibliche Form.

2. Der Musiker – Charakterzüge und Selbstkonzept

2.1 Zum Begriff ‚Persönlichkeit’

Im alltäglichen Gebrauch wird der Begriff ‚Persönlichkeit’ sehr ambivalent verwendet. Für die Betrachtung persönlichkeitsbezogener Merkmale im Sinne der (Differentiellen) Psychologie gilt es einige Grundbedingen zu beachten:

Im Allgemeinen werden Persönlichkeitsmerkmale „von außen“, d.h. von Beobachtern eingeschätzt. Grob gesagt, gibt es also eine verbindende Tendenz von Verhalten (im psychologischen Sinn) und Wahrnehmung. Das dabei Selektionen und Akzentuierungen stattfinden, kann als Binsenweisheit bezeichnet werden, ist aber von immanenter Bedeutung bei der Bewertung bzw. Beurteilung von Persönlichkeitsmerkmalen. Aus Sicht der Beurteiler wird eine Persönlichkeitstheorie zugrunde gelegt, die alle Eigenarten vereinfachender Kategorisierung von sozialen Kognitionen aufweist[2].

Für die Betrachtung von Künstlerpersönlichkeiten ist ferner der „Haloeffekt“[3], den Edward Lee Thorndike bereits in den 1920er Jahren prägte, von einiger Bedeutung. Er tritt dann auf, wenn einzelne Eigenschaften den Gesamteindruck einer Person derart beeinflussen, dass er die weitere Wahrnehmung determiniert. Dieser Sonderfall „[…] entspringt dem Wunsch einer konsistenten, für alle auf eine Person bezogenen Aspekte gleich bleibenden Einschätzung […]“[4]. Denn obgleich Persönlichkeitspsychologie eine Individualitätsforschung bedeutet, zielt sie darauf ab, allgemeine Aussagen über Charakterzüge zu bestimmen.

Gleichzeitig beinhaltet sie neben der Suche nach Unterschieden zwischen Personen auch den Wunsch, situationsübergreifende und konstante Eigenschaften festzustellen.

2.2 Charakterzüge

Die Hauptlinie der Forschung gilt nicht einer Prognose, sondern der Frage, ob sich bestimmte Charakterzüge in unterschiedlichen Musikerberufen positiver auswirken als andere.

Sehr allgemeine Aussagen lassen sich anhand von Studien[5] der frühen 1990er Jahre machen:

Demnach sind Musiker im Allgemeinen ausgezeichnet durch ein hohes Bildungsniveau und eine gehobene soziale Herkunft. Dies ist in dem Sinne gedeutet worden, dass Musizieren weiter ein „Privileg höherer Gesellschaftsschichten“[6] sei. Definitiv ließ sich aus den Studien eine Korrelation des Musizierens innerhalb gebildeter Schichten und dem Bildungsniveau der Musiker herstellen.

Eine direkte Prognose scheint nach den Forschungen von Kemp nicht möglich, da die spätere Ausrichtung bei jungen Musikern nicht eindeutig festzustellen ist. Allerdings wies Hans Günter Bastian auf den bei jungen Blechbläsern häufig vorkommenden „sozial“[7] ausgerichteten Typus hin.

Anhand verschiedener Testverfahren[8] sind Zusammenhänge zwischen Musikerberuf und Persönlichkeitsmerkmalen erkannt worden, die sich auf die fünf wichtigsten Charaktereigenschaften beziehen lassen. Dabei stellt sich allerdings die Frage, was diese Ergebnisse eigentlich aussagen? Möglicherweise besteht deshalb die Lösung der Frage nach dem oben genannten Zusammenhang nicht in der Darbietung „fertiger“ Modelle – die auch nur Modelle mit allen verallgemeinernden Nachteilen sein können – sondern in der Formulierung sich daraus ergebender Fragestellungen, die weitere Gebiete neben der Musikpsychologie berühren (z. Bsp.: musikpädagogische Konsequenzen, methodische Konzeptionen der Musikerausbildung uvm.).

2.3 Selbstkonzept

Persönlichkeitseigenschaften stellen in den meisten Tests Selbstbeurteilungen dar. Dabei wird jedoch ein Konzept der zeitlichen Stabilität der festgestellten ‚Eigenschaften’ impliziert. Dagegen wird bei Forschungen zur Motivation ein Konzept zugunsten situativer Umstände entwickelt. Die in den 1990er Jahren einsetzende Diskussion solcher Selbstkonzepttheorien ist maßgeblich beeinflusst worden durch Arbeiten von George A. Kelly[9] aus den 1950er Jahren.

Kelly legte – im Widerspruch zur psychoanalytischen Annahme innerer Kräfte und zu behavioristischen Lerntheorien – dar, wie jedes Individuum eigene Weltsichten entfaltet und diesen eine eigene Sinngebung verleiht, die jedoch durch ständige Lernprozesse verändert wird und deshalb zeitlich nur relativ stabil ist.

Daraus entwickelten sich verschiedene Theorien über das Selbstkonzept[10], die zwar verschiedene Ansätze verfolgen aber auch Gemeinsamkeiten aufweisen. Es sind hierarchische Konzepte, die drei Komponenten bezüglich auf das eigene Selbst bezogener Beurteilungen vorsehen[11]: selbstbezogene Kognitionen, affektive Bewertungen (Selbstwert) und funktionale Auffassungen über die so genannte Selbstwirksamkeit (self-efficacy).

Selbstwirksamkeit ist als Konstrukt zu sehen, dass mit Erfolgsmotivation bzw. Mißerfolgsangst[12] zu tun hat. Wer Vertrauen in seine Selbstwirksamkeit hat, benutzt Strategien in anderer Weise als derjenige, der nicht auf seine Fähigkeiten vertraut.

Der Glaube an die Selbstwirksamkeit ist in musikalischen Zusammenhängen noch nicht hinlänglich untersucht worden. Helga de la Motte-Haber stellt zum Beispiel die Frage, inwieweit dieses Konstrukt die „Selbstdarstellungsfreude“[13] beeinflusst.

Als weitere bestimmende Faktoren zum Selbstkonzept von Musikern werden Selbstaufmerksamkeit, Selbstvergessenheit und Selbstdarstellung hinzugezogen.

Ersteres ist vor allem interessant in Hinblick auf aufführungsspezifische Probleme. Hier ist vor allem die Kontrolle von Verhaltensweisen interessant bezüglich der Frage, wie ein Musiker auf der Bühne seine Aufmerksamkeit teilt zwischen dem, was er auszuführen gedenkt und der Art und Weise, wie er es tut[14].

Ein widersprüchliches Verhältnis zur Selbstaufmerksamkeit hat die Selbstvergessenheit, da zwar beide Prozesse der Selbstregulierung darstellen, dabei allerdings auf unterschiedliche Handlungsebenen ausgerichtet sind. Dabei sollen die Aktivitäten völlig widerstandslos ablaufen, wobei das Hauptaugenmerk auf ein „in der Sache Aufgehen“ gerichtet sind. In Musikerkreisen ist dieses als ‚Flow’ bezeichnete Phänomen weit verbreitet, seit Mihaly Csikszentmihalyi[15] es in allerlei Zusammenhängen beschwörend beschrieben hat, wobei schon der Titel einen ideologisierenden Charakter hat, der zur kritischen Auseinandersetzung mit dieser Theorie maßgeblich beigetragen hat. Waren die Flow-Effekte bei Csikszentmihalyi noch an überdurchschnittliche Leistungen gebunden, geht man heute davon aus, dass die Anforderungen der jeweiligen Leistungshöhe angepasst sein müssen[16].

Die Gesellschaft hat spezifische Erwartungen an Musiker, denen diese mittels einer Selbstdarstellung genügen müssen. Dabei wird die Selbstdarstellung sowohl von der Selbstaufmerksamkeit als auch vom Glauben an die Selbstwirksamkeit beeinflusst.

Selbstdarstellungen sind grundsätzlich auf Zustimmung ausgerichtet, d.h. es finden Lernprozesse statt. Daraus ergeben sich vordergründig Fragen zur Starproblematik aber auch zur Selbstbestimmung von Musikern im speziellen. Inwieweit ist die Musikerpersönlichkeit hinsichtlich der beschriebenen psychologischen Theorien ein künstlerisch selbstbestimmt agierendes Individuum. Hervorgehoben werden muss in diesem Zusammenhang die Bedeutung des musikalischen Talents, das allerdings einer medialen Inszenierung bedarf. In diesem „Teufelskreis“ bewegt sich der handelnde Künstler und muss daraus selbst Strategien und Konzepte zur Selbstverwirklichung (sic!) entwickeln.

Die Forschungen zur Persönlichkeit von Musikern sind noch relativ lückenhaft. Deshalb ist noch kein geschlossenes Theoriegebäude aufgestellt worden, sondern es existiert lediglich ein breites Spektrum von Betrachtungsmöglichkeiten, die Charakterzüge und Selbstkonzepte betreffen.

Inwieweit diese empirisch untersucht werden können und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen, soll im Folgenden dargestellt werden.

3. Persönlichkeitsmessung: Theorie und Methodologie

3.1 Tests zur Persönlichkeit von Musikern

3.1.1 Hintergrund

Auf die Theoriebildung zur Persönlichkeit ist bereits oben eingegangen worden. Im Hinblick auf die Messung von Persönlichkeit muss die Genese dieser Forschungsrichtung betrachtet werden.

Neben empirischen Arbeiten, die von einem lexikalischen Ansatz ausgingen entwickelte sich eine auf klinischen Ansätzen beruhende Tradition. Prinzipiell unterscheidet man zwei Ansätze zur Persönlichkeitsmessung. Auf der einen Seit werden Persönlichkeitsmerkmale als Grundlage der Erhebung genutzt, auf der anderen Seite wird von Typen ausgegangen.

Es besteht kein grundsätzlicher Widerspruch zwischen beiden „Systemen“, wenn man davon ausgeht, dass Persönlichkeitsmerkmale als Aspekte der Alltagserfahrung zur Typenwahrnehmung gesehen werden können.

Dies berührt die Hauptkontroverse der Persönlichkeitsforschung, die seit den 1960er Jahren die Forscher[17] beschäftigt. Nämlich die „Rolle und der Einfluss von Umweltfaktoren auf menschliches Verhalten im Gegensatz [zur] inneren Determination durch die Persönlichkeit“[18].

Im Folgenden soll eine Auswahl von Verfahren dargestellt werden, die immer wieder in der Literatur und in vielen Untersuchungen zu Musikern angewendet werden.

[...]


[1] Hanslick, E. (Hrsg.), Wer ist musikalisch? Nachgelassene Schrift von Theodor Billroth, Faksimile-Nachdruck der 2. Auflage von 1896 (Berlin), Hamburg 1985, S. 228.

[2] Vgl. Bruner, J., Taguiri, R., Person Perception. In: Lindzey, G., Aronson E. (Hrsg.), The Handbook of social psychology, Bd. 2, New York 1998, S. 634-654.

[3] Thorndike, E.L., A constant error on psychological rating. In: Journal of Applied Psychology 4 (1920), S. 25-29.

[4] de la Motte-Haber, H., Die Musikerpersönlichkeit. In: de la motte-Haber, H., Rötter, G. (Hrsg.), Musikpsychologie, Laaber 2005, S. 515.

[5] Vor allem: Vogl, M., Instrumentenpräferenz und Persönlichkeitsentwicklung. Eine musik- und entwicklungspsychologische Forschungsarbeit zum Phänomen der Instrumentenpräferenz bei Musikern und Musikerinnen, Frankfurt/M. u.a. 1993.

[6] Ebd., S. 87.

[7] Bastian, H.G., Jugend am Instrument. Eine Repräsentativstudie, Mainz 1991, S. 238.

[8] Siehe dazu Kapitel 3.1. Tests zur Persönlichkeit von Musikern.

[9] Vor allem: Kelly, G. A., The Psychology of Personal Constructs, New York 1955.

[10] Synonym wird ‚Selbstbild’, ‚Selbstschema’, ‚Selbstdefinition’ gebraucht.

[11] Vgl., Hannover, B., Pöhlmann, C., Springer, A., Selbsttheorien der Persönlichkeit. In: Pawlik, K. (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie, Bd. V: Theorien und Anwendungen der Differentiellen Psychologie, Göttingen 2004, S. 317-364.

[12] Vgl. Hoffmann, G., Psychoanalytische Aspekte der Podiumsangst. In: Heiner Gembris u.a.(Hg.), Musikpädagogische Forschungsberichte, Augsburg 2001, S. 189-204.

[13] de la motte-Haber (2005), a.a.O., S. 544.

[14] Vgl. Spahn, C., Zschocke, I., Selbstaufmerksamkeit als Persönlichkeitsmerkmal von Musikern. In: Behne, K-E., Kleinen, G., de la Motte-Haber, H. (Hrsg.), Musikpsychologie. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie. Bd. 16 Wahrnehmung und Rezeption, Göttingen, 2002. S. 30-52.

[15] Csikszentmihalyi, M., Flow, das Geheimnis des Glücks, Stuttgart 1992.

[16] Vgl. Burzik, A., Flow-Erfahrungen bei Orchestermusikern. In: Das Orchester 1 (2002), S. 14-18.

[17] Vor allem: Mischel, W., Personality and assessment, New York 1968.

[18] Kemp, A. Persönlichkeit von Musikern. In: Oerter, R., Stoffer, T. (Hrsg.), Spezielle Musikpsychologie

(= Enzyklopädie der Psychologie, Musikpsychologie Bd. 2), Göttingen u.a. 2005, S. 246.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638052726
ISBN (Buch)
9783638945585
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91930
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
1,0
Schlagworte
Persönlichkeit Musikern Sicht

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