Lade Inhalt...

Die Insel als Besserungsanstalt – Wie Robinson Crusoe zum Bürger erzogen wird

Essay 2006 11 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

„Robinson ist ein komplizierter Mensch.“[1] Es gibt einen vernünftigen und einen unvernünftigen, einen rationalen und einen irrationalen Robinson. Der Held der Geschichte ist nicht immer der Nutzenmaximierer, für den man ihn halten könnte. Vieles spräche allerdings dafür, weil seine Erfolgsbilanz recht beeindruckend ist. Immerhin wird er im Laufe der Geschichte zum Befehlshaber von zwei Einheimischen, einem Spanier sowie einer ganzen Schiffsmannschaft, er entwickelt bemerkenswertes handwerkliches und landwirtschaftliches Geschick und schafft es schließlich, vom Schießpulver einmal abgesehen, unabhängig von den Überresten aus dem Schiffswrack zu leben und sich eine eigene Existenz aufzubauen. Jedoch ist gerade das anfängliche Inseldasein Robinsons auch geprägt von seinem Kampf gegen die ihn überkommenden Leidenschaften, gegen seine Unvernunft. Unser Held lässt sich gehen und fühlt sich hilf- und schutzlos dem strafenden Gott ausgesetzt. Seine Rettung wird die Hinwendung zum Christentum sein. Erst im Laufe der Jahre und mit Hilfe der Religion wird er zum arbeitsamen, strebsamen Menschen, der seine Ressourcen vollkommen nützlich einzusetzen weiß. Der letztendlich erfolgreiche Kampf gegen die Leidenschaften ist auch ein Kampf gegen seine Vergangenheit als Abenteurer und als Sohn eines wohl situierten englischen Kaufmanns deutscher Abstammung. Er kämpft gegen das leichte Leben und den Müßiggang, die ihm ein Überleben auf der Insel unmöglich machen. Er wandelt sich auf der und durch die Insel vom Abenteurer, der nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten will, zum tüchtigen Handwerker und Geschäftsmann. In der Robinson-Fassung von Campe eröffnet er nach seiner Rückkehr gemeinsam mit Freitag eine Tischlerwerkstatt[2] - eine mögliche, wenn auch nicht originalgetreue, Fortsetzung von Robinsons Inselabenteuer in Defoes Abenteuer- und Erziehungsroman[3]. Die Zeit auf dem Eiland ist als Lernprozess für Robinson zu verstehen. Als Lehrer treten die Natur, seine Vernunft und Gott in Erscheinung. Doch unser Held ist nicht nur Schüler, sondern mit dem Erscheinen Freitags auch Pädagoge. Letzten Endes ist die komplette Geschichte ein Lehrstück und Erziehungsroman, das beziehungsweise der viel aussagt über Menschenbild und Erziehungsideale vor fast 300 Jahren. Und selbst wenn uns manche pädagogische Ableitungen aus dem Buch, so wie sie beispielsweise Campe formuliert, heute fremd, weil zu autoritär, erscheinen, so hat Defoes „Robinson Crusoe“ auch heute noch gesellschaftliche Aussagekraft.

Robinson ist ein kalkulierender, umsichtiger, systematischer und zielstrebiger Mensch, der mit Nahrung, Behausung und seinen Waffen sorgsam und vernünftig umgeht.[4] So ordnet er beispielsweise erst seine Sachen und beginnt dann mit dem Tagebuchschreiben. Er gönnt sich keine Ruhe ehe nicht das Wrack des Unglücksschiffes, welches noch vor der Küste liegt, leer geräumt ist. Er teilt sich sein Brot ein, weil er besorgt ist, dass es zur Neige geht. Er verteilt sein Schießpulver an mehreren Orten, aus Sorge es könnte explodieren und dann sein Haus zerstören. So schreibt Crusoe:

„Erst nachdem ich meine Niederlassung beendigt und mein Hauswesen eingerichtet hatte und alles um mich so hübsch wie möglich geordnet war, begann ich mein Tagebuch.“[5]

Und später heißt es:

„Da ich schon seit einiger Zeit bemerkt hatte, dass mein Brot stark zur Neige gehe, schränkte ich mich ein […].”[6]

Robinson ist bestrebt, aus seinem Inseldasein etwas zu machen. Diese Vernunft sichert sein Überleben. Die natürlichen Gegebenheiten formen diese Einsicht. In einer unwirtlichen Sandwüste hätte der Held wahrscheinlich aufgegeben, in dieser fruchtbaren Karibikinsel aber steckt Potenzial. Dazu kommt, dass Robinson vom Autor eine große „künstliche“ Starthilfe geschenkt bekommt: das Schiffswrack. Das liegen gebliebene Schiff voller Vorräte hilft ihm über die ersten Wochen und ist die Brücke zur europäischen Zivilisation. Diese Konstruktion gibt dem Insulaner Zeit, den natürlichen Reichtum des Eilandes zu entdecken, weil er seine Vorräte im Rücken weiß. Ohne das Wrack würde die Geschichte auch nicht funktionieren. Das zeigt sich schon am Beispiel des Schießpulvers oder der Flinten, die Robinson ohne Schiff nicht gehabt hätte und ohne Waffengewalt am Ende womöglich auf dem Speiseteller der Wilden gelandet wäre.

Zum vernünftigen Robinson gehören auch die Schaffung eines und der Schutz seines Eigentums. Dabei umfasst der Begriff Eigentum hier nicht nur die Bedeutung im herkömmlichen Sinne (wie: „Das Auto, das Grundstück, das Haus ist mein Eigentum.“), sondern auch den Besitz an seiner eigenen Person. Schutz des Eigentums heißt damit auch Selbstschutz. Defoe folgt hier, jedenfalls kann man ihn so interpretieren, der Eigentumsdefinition von Locke.[7] Besonders deutlich wird das, wenn man sich die von Locke beschriebene eng mit Arbeit verknüpfte Eigentumsaneignung betrachtet: Alles, was Robinson durch seine Arbeit dem natürlichen Zustand entreißt, gehört ihm und ist damit sein Eigentum, das es auch zu schützen gilt.[8] Von Anfang an ist unser Held besorgt, wie er die Schätze aus dem Schiffswrack unterbringen und sichern kann. Und nicht lange dauert es und er errichtet sich aus allerlei Palisaden „seine“ Festung.

„Zum Eingang in diesen Platz bestimmte ich nicht eine Türe, sondern ich überstieg den Zaun stets mit Hilfe einer kurzen Leiter. Befand ich mich in der Umzäunung so zog ich die Leiter nach und war so, wie ich glaubte, gegen alle Welt sicher verschanzt. In meine neue Festung brachte ich nun mit unsäglicher Mühe all meine Reichtümer, die Lebensmittel, die Munition, das Werkzeug und was ich sonst noch gerettet hatte.“[9]

Der Zaun markiert in dem Fall das Eigentum. Erst durch die Unterbringung oder Einlagerung in seiner Festung werden die Dinge aus dem Wrack für Robinson, so hat man das Gefühl, zu seinen Dingen. Die Festung wird auch später der Bezugspunkt Robinsons auf der Insel sein, jenen Ort, den er als Zuhause[10] bezeichnet. Er sehnt sich auf seinen Erkundungstouren nach seiner „Wohnung“[11]. Robinson schützt dieses Eigentum, also auch sich selbst, erst gegen die unbekannte Gefahr, dann gegen die greifbare in Gestalt der „Wilden“. Dementsprechend baut er seine Festung mit der Entdeckung der ersten Fußspuren auf der Insel aus. Sie wird zur „Burg“[12], er verstärkt seinen Wall und baut Schießscharten[13].

[...]


[1] Fach, Wolfgang (1999): Die Hüter der Vernunft. Eine Einführung in das Ordnungsdenken, Leske + Budrich, Opladen, S. 37

[2] Vgl. Campe, Joachim Heinrich (1779): Robinson der Jüngere. Ein Lesebuch für Kinder, Weismann, 1977, S. 204/205

[3] …, die deshalb nicht dem Originaltext entspricht, da hier im Gegensatz zum Campes Version beide Eltern bei Robinsons Rückkehr tot sind und Robinson beschließt, wieder auf Reisen zu gehen. Gegen Ende wird Freitag von einer Armee Wilder bei einer Seeschlacht getötet. Erst mit 72 Jahren kehrt er endgültig nach England zurück. (Vgl. Defoe, Daniel (1948): Robinson Crusoe, Insel Verlag, Leipzig, S. 249 ff.)

[4] Vgl. Fach, Wolfgang (1999): S. 36

[5] Defoe, Daniel (2001): Robinson Crusoe, Reclam, Stuttgart, S. 21

[6] Ebd. S. 28

[7] Locke schreibt: „[…] so hat doch jeder Mensch ein Eigentum an seiner eigenen Peron. […] Die Arbeit seines Körpers und das Werk seiner Hände, so können wir sagen, sind im eigentlichen Sinne sein.“ (Vgl. Locke, John (2003): Über die Regierung, Reclam, Stuttgart, Abs. 27)

[8] Im Absatz 28 bei Locke heißt es: „Meine Arbeit, die sie dem gemeinen Zustand, in dem sie sich befanden, enthoben hat, hat mein Eigentum an ihnen bestimmt.“

[9] Defoe, Daniel (2001): S. 18

[10] Vgl. ebd. S. 34

[11] Ebd. S. 27

[12] Ebd. S. 42

[13] Vgl. ebd. S. 43

Details

Seiten
11
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638053594
ISBN (Buch)
9783638946629
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91978
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Schlagworte
Insel Besserungsanstalt Robinson Crusoe Bürger

Autor

Zurück

Titel: Die Insel als Besserungsanstalt – Wie Robinson Crusoe zum Bürger erzogen wird