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Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung in der Familienhilfe. Sozialpädagogisches Handeln in der Praxis

Hausarbeit 2020 22 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept Lebensweltorientierte Soziale Arbeit
2.1. Alltags- und Lebensweltorientierung
2.2. Gegenstand einer Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit

3. Soziale Arbeit im Kontext der sozialpädagogischen Familienhilfe
3.1. Grundlagen der Sozialpädagogischen Familienhilfe
3.2. Gesellschaftlicher Wandel unter dem Einfluss der Sozialen Arbeit
3.3. Notstand moderner Familien

4. Die Bedeutsamkeit der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit für die Sozialpädagogische Familienhilfe
4.1. Struktur- und Handlungsmaxime der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit
4.2. Dimensionen pädagogischen Handelns - professionelle Haltung im Rahmen der Sozialpädagogischen Familienhilfe
4.3. Pädagogisches Handeln in der Praxis

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Einrichtung von Hilfsangeboten, die Familien als primären Schutzverbund Unterstützung gewähren soll, wenn diese aufgrund von fehlenden Ressourcen ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen kann, nimmt in der Sozialpädagogik einen ganz bedeutenden Stellenwert ein. Das staatliche Hilfesystem setzt voraus, dass Kindheit durch Familie gesichert wird und diese für das Hineinwachsen junger Menschen in die Gesellschaft verantwortlich ist. Bei Versagen ist es die Pflicht der Sozialen Arbeit sich den betroffenen Familien zuzuwenden und ihnen in schwierigen Lebenslagen beiseite zu stehen. Hierzu existieren Gesetzgebungen, wie z. B. das Familienrecht im Bürgerlichen Gesetzbuch und das Sozialgesetzbuch (Kinder- und Jugendhilfe, Sozialhilfe, Altenhilfe, etc.), die für die familiäre Sicherheit sorgen sollen. Die Soziale Arbeit hilft entweder familienunterstützend oder familienergänzend.

Die sozialpädagogische Familienhilfe wird in der Bundesrepublik in unterschiedlichen Organisationsformen und auf Basis unterschiedlicher Konzepte geleitet. Hierzu gehören zum Beispiel Beratungsstellen, der ASD, stationäre / ambulante Jugendhilfeeinrichtungen, Mutter-Vater-Kind-Einrichtungen, Familienbildungsstätten, Familienzentren, Kindertagesstätten und einige mehr. (vgl. Friedrich, S. 151f., 160)

In meiner Arbeit thematisiere ich ein familienunterstützendes Angebot, das sich grundlegend auf die Lebenswelt der Familie konzentriert. Ziel ist es dabei zu untersuchen, wie lebensweltorientierte Soziale Arbeit in der Familienhilfe gelingt. Dabei soll unter Theoriebezug pädagogisches bzw. professionelles Handeln in der sozialpädagogischen Familienhilfe mit der Praxis verknüpft werden.

Das erste Kapitel umfasst die Begriffserklärung Alltags- und Lebensweltorientierung und stellt den Zusammenhang mit der Sozialen Arbeit sowie dessen Inhalte und Aufgaben in den Vordergrund. Im darauffolgenden Kapitel erhält die sozialpädagogische Familienhilfe große Aufmerksamkeit. Nach einer detaillierten Erläuterung des Gegenstandes schließt sich das eigentliche Problemfeld an, also weshalb es ein Hilfesystem wie dieses überhaupt braucht und was die Soziale Arbeit damit zu tun hat. Abschließend kommt die Bedeutsamkeit der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit für die Familienhilfe zum Tragen und versucht eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis zu rekonstruieren.

2. Das Konzept Lebensweltorientierte Soziale Arbeit

Soziale Arbeit und Lebenswelt sind in der Sozialpädagogik schon seit geraumer Zeit keine Fremdwörter mehr. Beide Begriffe stehen in unmittelbarem Zusammenhang und sind in der Literatur nicht mehr voneinander getrennt auffindbar. Dieses Kapitel befasst sich im Detail mit dem Konzept der Lebensweltorientierung bzw. der Alltagsorientierung oder auch Lebenswelt, die in der Sozialpädagogik auch als Synonym verwendet werden und zieht die Aufgaben und Ziele des Konzeptes in den Vordergrund.

2.1. Alltags- und Lebensweltorientierung

Lebenswelt ist nicht einfach zu fassen. Sie erschließt sich aus phänomenologischer Deutungsperspektive, also nur in Relation zum Beurteilungsvermögens des Individuums (vgl. Biesel, 2007: S. 125). Lebensweltorientierung bezeichnet eine grundlegende Orientierung sozialpädagogischer Praxis, aber auch ein Rahmenkonzept sozialpädagogischer Theorieentwicklung, die sich in rechtlichen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen, in Konzepten sozialpädagogischen Handelns und in institutionellen Programmen und Modellentwicklungen konkretisieren (vgl. Grunwald/Thiersch, 2005: S. 1136). Des Weiteren befasst sich das Konzept mit den Lebensverhältnissen und den daraus ergebenden Strukturprinzipien der Sozialen Arbeit. Ins Zentrum rücken hier Professionalisierungsmuster, institutionelle Arbeitsstrukturen und Kriterien zur Kritik an Institutionen und der Struktur heutiger Sozialer Arbeit, die den Lebensverhältnissen angemessen erscheinen. (vgl. Grunwald/Thiersch, 2004: S. 13)

Um Lebensweltorientierung als Ganzes besser verstehen zu können, werden zwei wesentliche Zugänge zur Rekonstruktion von Lebenswelt dargeboten und wie folgt beschrieben:

- Lebenswelt als Selbstverständlichkeit: Lebenswelt wird an dieser Stelle als Wirklichkeit beschrieben, in der wir uns selbstverständlich bewegen. Im Vordergrund steht hier die Bewältigung von Alltagsaufgaben, die durch Routinehandlungen und Typisierungen vereinfacht werden.
- Lebenswelt als Aufgabe: Die Wirklichkeit lässt sich hier durch den sozialen Wandel kennzeichnen. Traditionelle Lebensformen werden aufgrund der Individualisierung der Lebensführung brüchig. Für den gesellschaftlichen Wandel hat dies aber auch positive Folgen: Große Chancen auf vermehrte Selbstbestimmung für den Einzelnen. Die Aufforderung zur selbstständigen Alltagsorganisation überfordert den Menschen aber im Allgemeinen und Lebenswelt wird unübersichtlich, riskant und schwierig, geprägt von Ratlosigkeit und Desorientierung. (vgl. Thiersch, 1993: S. 144)

Alltagsorientierung meint einen allgemeinen Modus des Lebens, also eine spezifische Form des Zugangs zur Wirklichkeit, in dem sich der Mensch schon immer vorfand. Er muss sich mit seiner Wirklichkeit auseinandersetzen, weil diese für ihn bestimmt ist. Auch Alltäglichkeit wir als phänomenologischer Zugang bezeichnet, da die Wirklichkeit erfahren ist und somit „gilt“. Sie ist in all ihren Dimensionen von Raum, Zeit und sozialen Beziehungen bestimmt, die in die unterschiedlichsten Bewältigungsmuster und Erfahrungen greift, wie der Gewöhnung, Routinisierung und Pragmatik (Grunwald/Thiersch, 2016: S. 34). Das Eingreifen in das Leben Anderer bzw. in den Alltag, was von Professionellen kontrolliert wird, führte zu dem Begriff Alltagsorientierung und später dann zu Lebensweltorientierung. (Fiebig, 2014: S. 5)

Thiersch bezeichnet Alltag als „pseudokonkret“. Das meint das unterschiedliche Wahrnehmen und die Gestaltung von Adressaten (Thiersch, 2006). Der Prozess Verstehen und Wahrnehmen fordert immer einen Dialog mit allen Beteiligten, weshalb es sich die Soziale Arbeit zur Aufgabe gemacht hat den Alltag des Einzelnen zu verstehen. (Lambers, 2013: S. 105)

2.2. Gegenstand einer Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit

Die Arbeit der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit unterstützt Menschen in schwierigen Lebenslagen und hilft bei der Erweiterung ihrer Bewältigungsmöglichkeiten (vgl. Schilling/Zeller, 2012: S. 140). Sie zielt auf Empowerment und Selbsttätigkeit, da Soziale Arbeit nach dem Prinzip der Selbsthilfe zu einem gelingenderen Alltag beitragen soll und Menschen in ihren Möglichkeiten der Lebensbewältigung gesehen werden. Die Probleme und Schwierigkeiten der AdressatInnen werden in den Vordergrund gerückt, weil Lebensweltorientierte Arbeit nach Normalität des Alltags strebt (vgl. Thiersch, 2012: S. 20/Schilling, 2012: S. 163). Zudem möchte sie Einfluss auf gesellschaftliche Ungleichheiten nehmen und somit gesellschaftliche Veränderungen bewirken. Da Soziale Arbeit einen Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit leistet, ist Lebenswelt immer mit Bedingungen der Gesellschaft verbunden. (vgl. Fiebig, 2014: S. 4)

Lebensweltorientierte Soziale Arbeit ist einer der maßgeblichsten Ansätze in der Praxis aber auch in der Theorie der Sozialen Arbeit und bestimmt hier die zugrundeliegenden Standards. Das Konzept möchte zwischen den Möglichkeiten professionell gefasster Sozialer Arbeit und der Eigensinnigkeit der Bedürftigkeit der AdressatInnen eine möglichst stabile Verbindung herstellen. Hierzu wurde ein Entwurf von methodischen und institutionellen Konzepten gefertigt, der sich in drei Phasen gliedert. Dieses Konzept wird nachfolgend kurz dargestellt.

In der ersten Phase wurden soziale Arbeitsansätze aus den Zeiten der Aufklärung und der sozialpolitischen Reformdiskussion aus dem vorherigen Jahrhundert neu aufgenommen (vgl. Grunwald/Thiersch, 2016: S. 25). Entwickelt hat sich das Konzept zu Beginn der 1970er Jahre auch als Reaktion auf die sozialpolitische Entwicklung und deren Kritik gegen konventionelle Strukturen der Sozialen Arbeit (vgl. Fiebig, 2014: S. 5) sowie anschließend an die Tradition, die im Rahmen der Frauenbewegung und der Jugend- und Arbeiterforschung entwickelt wurde. Diese Anhaltspunkte regten die gegenwärtige moderne Soziale Arbeit maßgeblich an (vgl. Dörr/Füssenhäuser/Schulze, 2015: S. 9). Durch sozialwissenschaftliche, institutionelle und professionelle Neu- und Weiterfassungen wurde Soziale Arbeit erst realisierbar. Sie diente neben der zunehmenden spezialisierenden Fachlichkeit und der radikalisierenden Politisierung als Systemberuhigung und betont die zugrundeliegende Selbstverständlichkeit und Widersprüchlichkeit der Alltagserfahrungen, die die lebensweltorientierte Soziale Arbeit als Unhintergehbarkeit deklariert. Phase zwei befasst sich mit der allmählichen Etablierung und Differenzierung der Sozialen Arbeit. Sie ist nun integraler Bestandteil der sozialen Infrastruktur. Das Konzept verwendet hier die Begrifflichkeit „Neue Praxis“ mit Struktur- und Handlungsmaximen, einem spezifischen Handlungskonzept, flexiblen Organisationsformen und methodischen Zugängen. Im Aufbau von Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit konnten viele Neuansätze vorangetrieben werden. Die Positionierung des Konzeptes in neue Herausforderungen markiert die dritte Phase und versucht soziale Entgrenzung und Spaltung zu verdeutlichen. Der konzeptuelle Ansatz beharrt an dieser Stelle auf der gesellschaftlichen Begründung an einem gelingenderen Alltag bezogen auf sozialer Gerechtigkeit. (vgl. Grunwald/Thiersch, 2016: S. 25f.).

3. Soziale Arbeit im Kontext der sozialpädagogischen Familienhilfe

Die sozialpädagogische Familienhilfe (in den folgenden Kapiteln der Arbeit mit SPFH abgekürzt) ist in der Sozialen Arbeit eines der größten Felder, die staatliche Unterstützungs- und Fördermaßnahmen in Anspruch nehmen und auch benötigen. Unter ihr zählen als Schwerpunkt die Kinder- und Jugendhilfe, die in dieser Arbeit aber nicht näher thematisiert wird. Ich beziehe mich in dem nachfolgenden Punkten grundsätzlich auf die Familie als Ganzes und erläutere, wie der gesellschaftliche Wandel die Familienhilfe vermehrt in den Vordergrund rückte. Die Soziale Arbeit spielt in diesem Kapitel eine ganz zentrale Rolle und wird mit der SPFH in Relation gesetzt.

3.1. Grundlagen der Sozialpädagogischen Familienhilfe

Unter der Sozialpädagogischen Familienhilfe versteht man eine Form der Hilfe zur Erziehung. Eine sozialpädagogische Fachkraft besucht die Familie regelmäßig zu Hause und begleitet, unterstützt und berät sie in den verschiedensten Belangen des alltäglichen Lebens, damit sie befähigt werden, ihren Kindern ein Zuhause zu bieten, in dem sie sich entfalten und entwickeln können.

Auftraggeber und gleichzeitig Kostenübernehmer ist das Jugendamt. Wird innerhalb einer Familie unterstützende Hilfe benötigt, so kommen Jugendamt und Familie ins Gespräch, um eine geeignete Lösung und Form der Hilfe zu ermitteln. Sollte dies nicht gelingen, so kann das Jugendamt unter Zwangsverordnung der Familie mit z. B. Sorgerechtsentziehung aufgrund von Kindeswohlgefährdung drohen und den Antrag auf Hilfeleistung somit in Auftrag geben. Dafür sucht das Jugendamt einen Träger, der einen Hilfeplan mit den Familienmitgliedern erstellt. Hierzu werden auch noch anderen Personen(gruppen) mit integriert, wie ein Mitarbeiter des Jugendamtes, der zukünftige Familienhelfer und bei Bedarf weitere Fachkräfte sowie vertraute Kontakte aus dem Umfeld der Familie. Nach einer mehrwöchigen Klärungs- und Probephase, um Ziele und Aufgaben besser fassen zu können, finden regelmäßige Besuche statt, um in weiteren Hilfeplangesprächen die Ziele zu überprüfen, den bisherigen Verlauf zu reflektieren und die Zukunft zu planen. Sollte der Fall eintreten, dass keine Besserungen auftreten, können ggf. andere Hilfeformen in Anspruch genommen werden. (Gut, 2014: S. 13 f.)

Im Gegensatz zu anderen Hilfeformen bezieht sich die SPFH auf die gesamte Familie und orientiert sich an dieser. Gerade in den Punkten „Entwicklungsaufgaben“ und „Sucht/Vernachlässigung“ wird SPFH bewilligt, die aufgrund der Forderungen Ender der 60er Jahre nach Reduzierung der Fremdplatzierung von Kindern aus sozial benachteiligten Familien entstanden. Die Leistungen der SPFH fassten dennoch erst Mitte der 80er Jahre fuß und sind mittlerweile im gesamten Land präsent (vgl. Friedrich, S. 16). Anspruch auf Hilfe hat ein Personensorgeberechtigter nach § 27 des KJHG dann, wenn das „Wohl des Kindes entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist“ (Friedrich, S. 14). Seitens des Sorgeberechtigten existiert ein Wunsch- und Wahlrecht im Hilfeprozess. Ein eigenständiges Erziehungsrecht der öffentlichen Träger gibt es nicht.

Die Soziale Arbeit tritt an dieser Stelle auch wieder vermehrt in den Vordergrund. Die in den ab 1883 gegründete gemeinwesenorientierte Arbeit in den Wohngemeinschaften junger Akademiker, später die „Jugend- und Wohlfahrtspflege“ des Nationalsozialismus bis hin zum Jugendhilfeverständnis der Nachkriegszeit, hat die Orientierung an der „Normalfamilie“ extrem verstärkt. Die Soziale Arbeit und die Jugendhilfe findet nach ihrer Weiterentwicklung Ausdruck im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG). Im §31 des KJHG heißt es wie folgt:

Der § 31 im KJHG lautet: „Sozialpädagogische Familienhilfe soll durch intensive Betreuung und Begleitung Familien in ihren Erziehungsaufgaben, bei der Bewältigung von Alltagsproblemen, der Lösung von Konflikten und Krisen sowie im Kontakt mit Ämtern und Institutionen unterstützen und Hilfe zur Selbsthilfe geben. Sie ist in der Regel auf längere Dauer angelegt und erfordert die Mitarbeit der Familie.“ (Friedrich, S. 15, zit. n. Helming et al., 1998)

3.2. Gesellschaftlicher Wandel unter dem Einfluss der Sozialen Arbeit

Soziale Arbeit versteht sich in der Theorie und Praxis als Oberbegriff für Sozialpädagogik und Sozialarbeit. In der Herausbildung der Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit sind die Begriffe jedoch eng miteinander verknüpft. Hier wird lediglich zwischen primär auf Erziehung und Bildung gerichtete Sozialpädagogik und primäre Hilfe und Unterstützung ausgelegte Sozialpädagogik unterschieden (vgl. May, 2010: S. 24). Als Instanz der Bearbeitung „sozialer Probleme“ (Blumenthal/Lauermann/Stig, 2018), richtet sich die Soziale Arbeit an Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen und gestaltet eine Vielzahl an Dienstleistungsangeboten (vgl. Graßhoff/Renker/Schröer, 2018: S. 151). Die Beurteilung dieser Konflikte wird im Allgemeinen von den Menschenrechten abgeleitet. „Soziale Probleme entstehen dann, wenn Freiheits-, Bürger- oder Sozialrechte nicht einlösbar sind und menschliche Bedürfnisse und legitime Wünsche nicht befriedigt werden können.“ (Blumenthal/Lauermann/Sting, 2018: S. 9) Die Angebote können als Unterstützung für etwaige Entwicklungsaufgaben und -belastungen verstanden werden und sind in jedem Fall mit der eigenen Biografie eng verbunden. Der Mensch, der das Angebot in Anspruch nimmt, steht hier im Zentrum des Problems. Erst wenn am Individuum allein kein Problem festgestellt werden kann bzw. keine Lösung für das bestehende Problem ermittelt werden kann, wird die Familie zum Thema. Jede sozialpädagogische Interaktion hat im weiteren Sinne mit der Familie zu tun (vgl. Graßhoff/Renker/Schröer, 2018: S. 151 f.). Um die sozialpädagogische Arbeit mit Familien besser verstehen zu können bedarf es im folgenden Absatz an Grundlagen, wie der Begriffsbestimmung und die Aufgabenfelder von Familien.

Durch die Industrialisierung in den Städten kam es zu einer grundlegenden Wandlung der Familie. Pluralisierung und ein demographischer Wandel führten zudem zu neuen Aufgaben im Bereich der Sozialen Arbeit mit Familien. Die Kern- bzw. Elementarfamilie ist die älteste Form, bestehend aus Mutter, Vater und Kind(ern), und bildet die allgemeine Definition des Familienbegriffs. Sie dient als „soziales Netzwerk“ und als „Lebensfeld“ (Grunwald/Thiersch, 2004). Lebensfelder in dem Sinne drücken Teilstücke des Lebens aus, die wir als Individuum durchlaufen werden. Die im Leben gemachten Erfahrungen tragen zur Handlungsfähigkeit bei und ergänzen zusätzlich die sich gegenseitig ergänzenden Lebensfelder. Die Familie ermöglicht indessen Stabilität und Sicherheit durch Routinen und prägt den Lebenslauf der nachfolgenden Generationen. (vgl. Graßhoff/Renker/Schröer, 2018: S. 151-159)

Der Sozialpädagogik kam nun die Aufgabe zu, Familienstrukturen, die brüchig geworden waren, durch Bildung, Fürsorge und soziale Kontrolle wiederherzustellen. Hierbei kommt jedem Bürger und jeder Bürgerin staatliche Hilfe zu, denen aufgrund des gesellschaftlichen Wandels kein normales Maß an Fürsorge zukommen kann (vgl. Fiebig, 2014: S. 7). Soziale Arbeit tritt vermittelnd als unterstützungskompetente Profession zwischen Staat und Familie und richtet sich gezielt an Familien oder einzelne Mitglieder, bei denen soziale Nachteile und Risiken auftreten und innerfamiliäre Leistungen nicht ausreichen. Die Familie hat in unserer Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert und bekommt eine ganz besondere sozialpolitische Aufmerksamkeit zugeschrieben. In der sozialpädagogischen Arbeit existiert eine Systematisierung nach sozialen Situationen und Problemen, in der die Soziale Arbeit einschreitet. Armut, prekäre Lebenslagen, Scheidung sowie gesundheitliche Beeinträchtigungen zählen zu den Problemlagen, wobei Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe als zentralster Punkt der Hilfe gelten. (vgl. vgl. Graßhoff/Renker/Schröer, 2018: S. 160)

Im Laufe der Zeit wurden familiäre Lebensformen immer vielfältiger. Zentrale Lebenslagen wurden durch Pluralisierung und Lebensverhältnisse durch Individualisierung zunehmend geprägt. Allmählich begannen sich traditionelle Familienformen aufzulösen und neue Möglichkeiten zur Gestaltung des Lebens und des Alltags rückten vermehrt ins Licht (Fiebig, 2014: S. 7). Ein Grund können die angebotenen Leistungen der Sozialen Arbeit für Familien sein, die sich als Ergebnis von De-Familialisierungsprozessen präsentieren. Der Sozialpädagogik kam die Aufgabe zu, familiäre und gemeinschaftliche Abhängigkeiten und Zwänge abzubauen, Mitglieder von Betreuungspflichten zu entlasten und die Familie im Interesse des Erhalts zu befreien. Staatliche Unterstützungen und innerfamiliäre Leistungen wurden bezogen auf ihre Aufgaben umverteilt. Dennoch bleibt die Familie der Ort, an dem die Kinder aufwachsen, auch wenn die Erziehungsaufgaben seitens des Staates kontinuierlich zunehmen. (vgl. Graßhoff/Renker/Schröer, 2018: S. 162/ Fiebig, 2014: S. 7)

„Staatliche Leistungen, die zuvor soziale Risiken von Familien abmilderten, werden (wieder) verstärkt ins Private verschoben und als Re-Familialisierungsprozesse bezeichnet.“ (Graßhoff/Renker/Schröer, 2018: S. 162)

Nachdem die Soziale Arbeit einen Großteil der Aufgaben übernommen hatte, versuchte man stückweise den Familien ihre Aufgaben zurückzugeben. Jedoch hat dies die Familien stark überfordert, vor allem dann, wenn die Netzwerke und Ressourcen nicht mehr zur Bewältigung der strukturell bedingten Probleme und Konflikte ausreichen und zugleich staatliche Leistungen reduziert werden. Die Vervielfältigung familiärer Lebensformen und die damit einhergehenden Unsicherheiten stärken die Re-Familialisierung, was sich darin äußert, dass informellen und familiären Netzwerken vermehrt soziale Risiken überlassen werden. Zudem werden Familien(mitglieder) wieder vermehrt eingebunden, wie z. B. bei Leistungen gegenüber älteren Hilfebedürftigen Menschen. Die Aufgabe des Staates ist es an dieser Stelle Ersatzleistungen zu bieten sowie die Übernahme von Herausforderungen verändernder Familienstrukturen und die Kompensation sozialer Risiken. (vgl. Graßhoff/Renker/Schröer, 2018: S. 162)

3.3. Notstand moderner Familien

Die Modernisierung bestehender Familienstrukturen hat prekäre Veränderungen bewirkt. Traditionen und Leitbilder erscheinen nicht mehr logisch, was sich nicht nur auf die Lebensformen, sondern auch auf das Verhalten der Familienmitglieder auswirkt. Zwei wesentliche Begriffe spielen hier eine zentrale Rolle: Desintegration und Desorganisation. Desintegration ist die faktische Isolation der Kernfamilie gegenüber der Gemeinde und der Verwandtschaft. Desorganisation ist im weitesten Sinne die Unfähigkeit der Familie, sich durch äußere und auch innere Umstände im familiären Zusammenhalt zu entwickeln bzw. aufrechtzuerhalten. Bei diesem Zustand reicht die Stabilisierung der innerfamiliären Bindungen nicht mehr aus und kann ohne mangelnde Integrationsvorgänge eintreten. Steht eine Familie unter dauernder Desorganisationsgefahr, so ist dies durch die Desintegration bedingt und führt schlussendlich zur Krise. In seiner Gesamtheit ist das ein dynamischer Umformungsprozess, der auf dem gesellschaftlichen Wandlungsprozess beruht. Auslöser können hier zum einen das Elternhaus, zum anderen aber auch der Einfluss des Bildungssystems sein. Der geringe Zusammenhalt innerhalb der Familie und die frühe Entwurzelung der Kinder kann ein Prädikator für diesen Wandlungsprozess darstellen. Individualisierung und Pluralisierung beschäftigt die Gesellschaft schon seit geraumer Zeit und gelten als Herausforderungen, die Familien bewältigen müssen. Herausforderungen an sich stellen jedoch noch keine Krise dar. Trotz dessen suchen sich Familien vermehrt Unterstützung zur Bewältigung von Krisensituationen. (vgl. Nürnberg, 2010: S. 39-41)

Als Voraussetzung zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben braucht es nach Fränkel-Dahmann an materiellen Ressourcen, die in einem Mindestmaß vorhanden sein sollten. Sie verdeutlicht daher den Zusammenhang zwischen permanenten Krisen und sozialer Benachteiligung. Familien mit geringen Ressourcen schweben ständig in Gefahr eine Krise zu erleiden, d. h. permanent mit Erwartungen, Ansprüchen und Problemen konfrontiert zu werden, die weitere Schwierigkeiten nach sich ziehen. Durch soziale Benachteiligung kann sozialer Druck ausgelöst werden und das wiederum führt dann zu einer permanenten Krise. (vgl. Friedrich, S. 18)

An dieser Stelle tritt wieder die Frage nach der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit ins Licht und wie diese optimal in die Familien in Krisensituationen eingreifen und unterstützen kann. Dieses Anliegen soll im nächsten Kapitel näher beleuchtet werden.

Zuvor befassen wir uns noch mit dem Klientel der SPFH. Sie wirft auf die Familien ein Auge, deren Anpassungsfähigkeit an die Gesellschaft nicht oder nur zum Teil vorliegt. Eine bedeutende Rolle spielen hier Alleinerziehende und Familien, die durch geringen Bildungsstand oder durch prekäre wirtschaftliche Situationen betroffen sind. Ziele können dann besser erreicht werden, wenn, wie oben bereits erwähnt, die Familien bereits über Ressourcen verfügen. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, dass Unterstützung langfristig fruchtet, größer, wenn sich Einkommen und Bildung erhöhen. Durch materielle Not fehlt es den Familienmitgliedern oft an sozialer Anerkennung durch beispielsweise Beruf und Konsum. Daher sind Familien mit einem niedrigen Bildungsstand auch eher betroffen und dies kann sich auf die Gestaltung des Familienalltags auswirken. Eine grundlegende Bedingung für das Gelingen sind zudem die Freiwilligkeit und die Einstellung der AdressatInnen (vgl. Nürnberg, 2010: S. 50 f.). Die Freiwilligkeit ist aus diesem Grund so wichtig, da sich der Alltag gegen Veränderungen wehrt. Veränderungen, die von außen kommen, sind stärkeren Abwehrmechanismen ausgesetzt. Die Auflösung bestehender Strukturen birgt Verunsicherungen, auch weil die Geschwindigkeit der Veränderungen stetig zunimmt. Diese sind jedoch notwendig, damit innerfamiliäre Verhältnisse befestigt werden können. Routinen, die bedingt durch den Alltag beibehalten werden, rücken vermehrt in den Vordergrund und hemmen somit den Entwicklungsprozess der AdressatInnen. Der Alltag als Problem erfordert eine breite Sichtweise und eine hohe Empathiefähigkeit. Wie sich die Soziale Arbeit dieser Verantwortung stellen will und kann, muss sie selbst entscheiden. (vgl. Micale, 2013: S. 29)

4. Die Bedeutsamkeit der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit für die Sozialpädagogische Familienhilfe

Im abschließenden und auswertenden Teil meiner Arbeit versuche ich zu erläutern, wie sich der Alltag bezüglich pädagogischen Handelns in der Familie strukturiert. Zunächst lege ich die Struktur- und Handlungsmaximen dar, welche als Leitfaden im Praxisfeld der Sozialen Arbeit unabdingbar sind. Darauf folgen die Dimensionen pädagogischen Handelns, sprich die pädagogische Haltung im häuslichen Umgang mit Familien und das pädagogische Handeln im Arbeitsfeld.

4.1. Struktur- und Handlungsmaxime der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit

Die Soziale Arbeit konkretisiert sich in Struktur- und Handlungsmaximen. Sie umfassen Prävention, Alltagsnähe, Regionalisierung, Integration sowie Partizipation. Sie bilden die Prinzipien einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit und verhindern somit eine Soziale Arbeit die den zentralistischen, systematischen Erfordernissen folgt. (vgl. Otto/Thiersch, 2011: S. 859)

Alltagsnähe meint zum einen die Präsenz von Hilfen im Alltag der AdressatInnen, zum anderen die Erreichbarkeit von Angeboten. Hilfsangebote dürfen nicht geschwächt werden, wenn man sich darauf konzentriert, dass offene Zugänge gegenüber speziellen Hilfsangeboten gestärkt werden müssen. Prävention hat es sich zur Aufgabe gemacht eine bereits vorhandene unterstützende Infrastruktur und allgemeine Kompetenzen zur Lebensbewältigung zu stabilisieren oder zu erschaffen. Hierbei muss aber beachtet werden, dass nicht zu viele vorbeugende Maßnahmen eingesetzt werden, da sie sonst einschränkend wirken können. Regionalisierung oder auch Dezentralisierung meint die alltagsnahe intendierte Hilfe vor Ort. Unter diesem Aspekt befindet sich auch die Vernetzung bzw. Einmischung, welche die Handlungsmaxime ergänzt. Lebenswelt sollte ohne Ausgrenzung, Gleichgültigkeit und Unterdrückung charakterisiert werden. Gleichheit, Respekt und Offenheit sollten in ihren Unterschiedlichkeiten anerkannt werden, weshalb zunächst eine rechtliche und politische Gleichheit eingerichtet werden muss. Das ist das allgemeine Prinzip der Integration unter dem Aspekt lebensweltorientierter Sozialer Arbeit. Das letzte bedeutende Strukturmaxim ist die Partizipation. Sie zielt auf die Vielfältigkeit von Mitbestimmungsmöglichkeiten ab und Ressourcen sowie Artikulationsmöglicheiten zur Verhandlung sind Voraussetzung für Partizipation. Auch an dieser Stelle ist Gleichheit von Bedeutung. (vgl. Thole, 2002: S. 175-196)

Struktur- und Handlungsmaxime müssen immer zusammenhängend angewendet werden. Nach ihnen orientiert sich die Gestaltung zwischen dem Sozialpädagogen und den AdressatInnen. Nach dem Prinzip der Nähe werden sozialpädagogische Maßnahmen innerhalb der SPFH zur Lebenswelt der AdressatInnen entworfen und Ressourcen durch bestimmte Maßnahmen gefördert, welche Vorrang vor denen, haben die eigene, pädagogische Arrangements schaffen und die Lebenswelt ersetzten (bspw. der Heimerziehung oder Behindertenhilfe). Für die Arbeitsfelder haben die Maximen verschiedene Bedeutungen und müssen gesondert für die Arrangements realisiert werden. Grundsätzlich geht es in der SPFH um Stabilisierung des Alltags und darum, die vorhandenen Ressourcen zu stärken. (vgl. Otto/Thiersch, 2011: S. 859f.)

4.2. Dimensionen pädagogischen Handelns - professionelle Haltung im Rahmen der Sozialpädagogischen Familienhilfe

Neben dem sozialpädagogischen Handeln innerhalb der Familie ist ein theoretischer Bezugsrahmen zwingend notwendig. Gerade für die Erziehungswissenschaft ist ein Wechselspiel von Theorie und Praxis sehr günstig. Ganzheitliches Lernen kann in diesem Bezug durch das Aneignen von erfahrungsbezogenem Lernen gut realisiert werden. Die Maxime der Alltagsorientierung ist im Sinne einer situationsbezogenen Sozialen Arbeit ein methodisches Vorgehen Akzeptanz gegenüber der Familienkultur der AdressatInnen zu erlangen. Aus der Sicht der Sozialpädagogik werden zwei Arten des Lernens unterschieden:

- Indirektes Lernen: Pädagogisches Handeln als Umgang. „Vom Miteinander-Leben, vom Sich-Einlassen auf einen gemeinsamen Alltag, vom Sich-Brauchen in gemeinsamen Erfahrungen und Unternehmungen […].“
- Erfahrungsbezogenes Lernen: „Basis und Voraussetzung jeder Art von Lernen sind die realen Erfahrungen derer, die lernen ihre Probleme, ihre Interpretationen, ihre Ängste und Hoffnungen […].“ (Woog, 1998, S. 180 zit. n. Thiersch, 1986a)

Aus dieser Einsicht können für die AdressatInnen Kriterien für eine einzunehmende pädagogische Haltung entworfen werden, die im folgenden Absatz skizziert werden.

Durch eine Interaktion gewinnt man bestimmte Einsichten in das Denken, Handeln und Fühlen des jeweils anderen. Durch diesen Prozess kann unterstützende Haltung entstehen und pädagogisches Handeln wird als regulatives Prinzip bestimmt. In der Arbeit mit Familien ist es unabdingbar solch eine Haltung zu entwickeln. Welche Haltung an dieser Stelle positive Auswirkungen auf individuelles und alltagsorientiertes Lernen hat werde ich nun genauer erläutern.

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Details

Seiten
22
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346250735
ISBN (Buch)
9783346250742
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Note
1,3
Schlagworte
soziale arbeit lebensweltorientierung familienhilfe sozialpädagogisches handeln praxis

Autor

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Titel: Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung in der Familienhilfe. Sozialpädagogisches Handeln in der Praxis