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Rassenideologie und Antisemitismus im faschistischen Italien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 24 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Entwicklung des Antisemitismus im faschistischen Italien
1.1 Lage der italienischen Juden vor der Machtergreifung des Faschismus
1.2 Klerikaler Antisemitismus
1.3 Antisemitismus in der faschistischen Ideologie
1.4 „Dekret zum Schutz der Rasse in Italien“
1.5 Die Jahre 1938 bis 1943

2. Rassenideologie im faschistischen Italien
2.1 Das Problem des rassistischen Faschismus
2.2 Die Auswirkungen des „Dekrets zum Schutz der Rasse in Italien“ auf die italienischen Kolonien in Afrika
2.3 Apartheid in Abessinien

3. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In dieser Hausarbeit mit dem Titel „Rassenideologie und Antisemitismus im faschistischen Italien“ untersuche ich den italienischen Faschismus hinsichtlich rassistischer und antisemitischer Tendenzen.

Der italienische Faschismus, der als Vorbild für den deutschen Nationalsozialismus fungierte, der sich selber auf die Fahnen geschrieben hatte, das Judentum in seiner Gesamtheit auszurotten, war in seiner ursprünglichen Form nicht rassistisch oder antisemitisch. Der Antisemitismus des deutschen Nationalsozialismus, der eine der Hauptpfeiler der nationalsozialistischen Ideologie darstellte, war in dieser Form dem italienischen Faschismus fremd. Warum sich aber im Laufe der dreißiger Jahre doch staatlich regulierter Antisemitismus in Italien sowie ein Rassismus, der an das Apartheidregime in Südafrika erinnert werde ich versuchen zu untersuchen und zu analysieren.

Ich werde zunächst auf die Lage der italienischen Juden am Vorabend des Faschismus eingehen, um einen kurzen Überblick ihrer gesellschaftlichen Situation zu geben. Dann werde ich auf den Antisemitismus in der italienischen katholischen Kirche eingehen, da dieser später noch einen gewichtigen Einfluss auf den Faschismus haben sollte. Ich werde versuchen, zu klären, ob eine antisemitische Ideologie den Faschismus schon immer begleitet hat, oder ob dieser erst später Einzug hielt. Im darauffolgenden Abschnitt werde ich konkret auf das „Dekret zum Schutz der Rasse in Italien“ eingehen, da dieses Gesetz die Lage der Juden und ihre zukünftige Stellung im italienischen Staat regelte. Den ersten großen Komplex werde ich dann mit einer Art Übersichtsdarstellung der Jahre 1938 bis 1945 abschließen.

Im zweiten Komplex dieser Hausarbeit werde ich zunächst auf das Problem des Rassismus im Faschismus eingehen, ob er so, wie er später staatlich reglementiert wurde, eine Doktrin des Faschismus war, oder ob er erst später durch äußere Einflüsse Einzug gehalten hat in die Ideologie des Faschismus. Dann werde ich anhand eines konkreten Beispiels, der rassistischen Kolonialpolitik Italiens in Afrika, versuchen herauszustellen, inwieweit der Rassismus der Theorie in einen praktischen Rassismus umgesetzt wurde.

Im dritten Teil meiner Hausarbeit werde ich noch eine Zusammenfassung meiner hier dargelegten Ausführungen geben. Gleichzeitig werde ich in der Zusammenfassung versuchen die Frage zu beantworten, ob und wenn ja, wie der Antisemitismus und Rassismus Teil der Ideologie des italienischen Faschismus werden konnte.

Zum Faschismus allgemein ist inzwischen schon viel publiziert worden, allen Werken voran Ernst Nolte mit seiner Habilitationsschrift und heutigem Klassiker der Faschismusforschung „Der Faschismus in seiner Epoche“. Weitere wichtige Publikationen zum Faschismus, von denen ich auch einige verwendet habe sind „Payne, Stanley: Geschichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung“ sowie „Faschismus in Italien und Deutschland: Studien zu Transfer und Vergleich von Sven Reichardt und Armin Nolzen herausgegeben, welches gute Informationen zum vergleich der beiden totalitären Regime Deutschlands und Italien bietet. Darüber hinaus waren mir auch hilfreich die kurze Darstellung von Brunello Mantelli, sowie u.a. zwei Aufsätze von Gabriele Schneider und Aram Mattioli, die sich explizit mit dem Apartheidsregime in Abessinien beschäftigten, ein Thema, welches bis jetzt meiner Meinung nach in der historischen Forschung noch unterrepräsentiert ist, bzw. zu dem es kaum Publikationen gibt.

1. Entwicklung des Antisemitismus im faschistischen Italien

1.1 Lage der italienischen Juden vor der Machtergreifung des Faschismus

Seit dem Abschluss des Risorgimento, also der Gründung des italienischen Nationalstaates, der die Einheit Italiens als Staat und die Auflösung des Kirchenstaates 1870 und die damit eingehende Eingliederung desselbigen beinhaltete, waren die italienischen Juden nach jahrhunderterlanger Unterdrückung endlich italienische Bürger mit vollen Rechten und Pflichten geworden. Dies hatte zur Folge, dass viele Juden nun in höchste öffentliche Ämter aufrücken konnten. Viele Juden nahmen dieses neue Angebot dankbar an und es dauerte auch nicht lange, bis erste Italiener jüdischen Glaubens in höchste Positionen des öffentlichen Lebens vorstießen. Traditionell waren viele Juden im Bereich der Wissenschaft, der Kunst und der Kultur vertreten, darüber hinaus jedoch auch in hohen Ämtern der Verwaltung. Dankbar für die Gleichberechtigung, versuchten sie sich gleichzeitig in die italienische Gesellschaft zu integrieren und auch zu assimilieren, was ihnen Jahrhunderte lang verwehrt geblieben war (diese Assimilation wurde aber ebenso vom italienischen Staat für die neue Gleichberechtigung seiner jüdischen Bürger erwartet). Tatsächlich unterschieden sie sich kaum von ihren nichtjüdischen Mitbürgern. Da Italien kein Einwanderungsland für orthodoxe Juden aus Russland, Polen oder der Ukraine war, gab es dementsprechend kaum typische ostjüdische Familiennamen wie z.B. Mandelbaum, Rosenbaum, oder Rosenthal, somit war eine Abgrenzung zu Italienern nichtjüdischen Glaubens kaum vorhanden[1]. Italienische Juden hatten italienische Namen, sprachen italienisch und hatten somit eine wesentlich leichtere Integration als wie schon gesagt, die Ostjuden im deutschsprachigen Raum. Die Juden waren nun also formal vollkommen gleichgestellt und nahmen die Angebote, die für Staatsbürger da waren, auch an und gliederten sich nahtlos in die italienische Gesellschaft ein. Allerdings gab es aber auch Gruppen, die keineswegs mit der Emanzipation der italienischen Juden einverstanden waren und ihre Meinung auch öffentlich kundtaten, die größte Gruppe dieser Antisemiten war die katholische Kirche.[2]

1.2 Klerikaler Antisemitismus

Im Zuge des Risorgimento wurde, wie schon oben erwähnt, der Kirchenstaat aufgelöst und in den neuen italienischen Staat eingegliedert, der Papst hatte somit alle seine weltlichen Güter verloren und auch seinen Status als weltlicher Herrscher. Der Vatikan war darüber wenig begeistert und suchte, wie es schon an anderer Stelle in der Geschichte vorgekommen war, einen Sündenbock für die missliche Lage. Und wie so oft auch in der Geschichte mussten wieder einmal die Juden diesen Part des Sündenbocks übernehmen, denn sie galten nun nicht mehr „nur“ als Christusmörder, sondern vielmehr als Inbegriff des Liberalismus, des Sozialismus, des Kapitalismus und der Moderne schlechthin. Zusätzlich zum religiösen Hass auf die Juden war man neidisch auf dieselbigen, da diese in relativ kurzer Zeit durch harte Arbeit und Bildung schnell zu Vermögen gekommen waren. Besonders seit dem Pontifikat Papst Leos XIII. war ein deutlicher Aufschwung des Antisemitismus seitens der Katholischen Kirche bemerkbar. Die Kleriker im Vatikan griffen, um ihrem Ärger Luft zu machen, wieder die alten Vorurteile auf, zu nennen wären Ritualmordvorwürfe, die wieder aufgewärmt wurden, sowie das alte Bild vom Juden als eine Art Vampir, der dem hart arbeitenden christlichen Menschen das Blut aussaugt.

Der Vatikan war zwar nicht unbedingt gesamtheitlich antisemitisch eingestellt, aber viele, dem Heiligen Stuhl nahestehende Presseorgane wie etwa der „Osservatore Romano“ und die „La Civilta Cattolica“ hetzten ununterbrochen gegen die Juden.[3] Diese wurden hier unter anderem als Ausbeuter der christlichen Welt bezeichnet, was wohl eher ökonomisch gemeint wurde. In der Civilta Cattolica wurden unter anderem die Protokolle der Weisen von Zion veröffentlicht, welche eine angebliche jüdische Weltverschwörung zum Inhalt hatten, heutzutage aber als Fälschung einwandfrei entlarvt wurden.[4]

Neben den vatikanischen Gruppen, die öffentlich scharf antisemitisch waren, gab es jedoch auch innerkirchliche Gruppen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, den Antisemitismus endgültig zu überwinden. Eine dieser Gruppen nannte sich selbst „Amici Israel“, also die „Freunde Israels“. Die Amici Israel wurden 1926 als Zusammenschluss von Priestern gegründet und wollten durch Reformen der Liturgie den Antisemitismus erst einmal formal aus der katholischen Kirche verbannen. Die Amici wollten die alten kirchlichen und antisemitischen Stereotypen der Juden, wie ihre angebliche Unbekehrbarkeit, ihr Fluch als Christusmörder und ihre angeblichen geheimen Praktiken (dazu gehörten auch Ritualmordvorwürfe) endlich ausmerzen. Sie wollten darüber hinaus eine Aussöhnung zwischen der Katholischen Kirche und den Juden und die Ausrottung des Antisemitismus und seiner Wurzeln auf Ewigkeit. Im Endeffekt wurden jedoch den eigentlich noblen Bemühungen der Amici Israel ein jähes Ende gesetzt, denn 1928 wurden sie, trotz positiver Meinung des Papstes Pius XI., verboten bzw. aufgehoben und ihre Reformvorschläge nicht weiter verfolgt. Man sieht also ganz deutlich, dass es trotz der Judenhetze seitens kirchlicher Gruppen aber wiederum auch Gruppen gab, die sich entschieden gegen den Antisemitismus stellten und versuchten dies auch in der katholischen Kirche durchzusetzen.[5]

Am 25.Februar 1928 veröffentlichte Papst Pius XI. ein Dekret, in dem er erstmals öffentlich den rassischen Antisemitismus und jedweden Völkerhass zwar verurteilte, jedoch weiterhin den Schutz der Christenheit vor den Juden durch die Katholische Kirche besonders hervorhob, scheinbar waren die Bemühungen der Amici Israel spätestens ab hier endgültig gescheitert.

Insgesamt muss man feststellen, dass sich trotz der antisemitischen Hetze der beiden oben genannten Blätter ein allumfassender Antisemitismus in Italien, das ja schließlich sehr katholisch geprägt war, nicht durchsetzen konnte, weder im Volk noch in den staatstragenden Gruppen, es sei denn, sie waren politische oder journalistische Arme der katholischen Kirche. Die italienischen Juden selber lebten, trotz der Diffamierungen, ihr gewohntes Leben ohne irgendwelche Repressalien weiter. Dies sollte sich jedoch ab dem 11. November 1929 ändern, als das faschistische Italien mit dem Vatikan die Lateranverträge abschloss und so die katholische Kirche wieder einen erheblichen Einfluss auf das öffentliche und private Leben in Italien erhielt.[6] Es ist wichtig, die Einstellung des Vatikans gegenüber den Juden zu kennen, denn erst mit den Lateranverträgen sollte der Antisemitismus staatlich reglementiert werden und somit den italienischen Juden zum Nachteil gereichen. Man kann nur darüber spekulieren, ob es ohne die Annäherung des Faschismus an den Heiligen Stuhl die antisemitischen Gesetzgebungen, insbesondere das „Dekret zum Schutz der Rasse in Italien“, dessen antisemitische Komponente besonders bei der Kirche Anklang fand, überhaupt gegeben hätte.

1.3 Antisemitismus in der faschistischen Ideologie

Vorab gesagt ist es schwierig von einem dogmatischen Antisemitismus im italienischen Faschismus zu sprechen, denn anders als z.B. im deutschen Nationalsozialismus, in dem der Antisemitismus das eigentliche Kernelement der Ideologie darstellte, findet man im Faschismus keine antisemitische Doktrin, jedenfalls nicht im ursprünglichen Faschismus. Dem italienischen Faschismus waren rasseantisemitische Ansichten fremd. Nicht wenige Juden waren selbst Faschisten und unterstützten diesen auch. Enrico Rocca, der Gründer des römischen Faschismus war Jude, der Theoretiker des Korporativismus Gino Arias ebenfalls. Dies soll und darf aber nicht heißen, dass im Faschismus keine antisemitischen Äußerungen oder Positionen vorkamen. Dies geschah sicherlich, aber, und das ist ein großer Unterschied, waren diese Meinungen/Äußerungen von einigen Mitgliedern der PNF (Partito Nazionale Fascista) rein persönlicher Natur und (anders als Nationalsozialismus) nie die Lehre des Faschismus insgesamt.

[...]


[1] Zum Themenkomplex Jüdische Nachnamen und deren Bedeutung: Etymologisches Lexikon der jüdischen Familiennamen / von Eva H. Guggenheimer und Heinrich W. Guggenheimer, München [u.a.] 1996.

[2] Brechenmacher: S.128-142.

[3] Brechenmeyer, Thomas: Der Vatikan und die Juden: Geschichte einer unheiligen Beziehung vom 16.Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2005, S. 136ff.

[4] vgl. dazu: Warrant for Genocide, The Myth of the Jewish World Conspiracy and the Protocols of the Elders of Zion, London 1967.

[5] Brechenmeyer: Der Vatikan und die Juden, S.154ff.

[6] Carsten, Francis L.: Der Aufstieg des Faschismus in Europa, Frankfurt am Main 1968, S.91.

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638061148
ISBN (Buch)
9783638950619
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92313
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Volkskunde/Kulturgeschichte
Note
2,0
Schlagworte
Rassenideologie Antisemitismus Italien Faschismus

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