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Demographischer Wandel und Stadtentwicklung - Neue Herausforderungen für die Planung sozialer Infrastruktur

Diplomarbeit 2007 148 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung
1.1 Problemstellung, Zielsetzung und forschungsleitende Fragen
1.2 Konzeption und Methodik

2 Demographischer Wandel und die Bereitstellung sozialer Infrastruktur als Bereich der Stadtentwicklung
2.1 Das Phänomen des demographischen Wandels in Deutschland
2.1.1 Natürliche Bevölkerungsentwicklung
2.1.2 Wanderungsbedingte Bevölkerungsentwicklung
2.1.3 Dimensionen des demographischen Wandels
2.1.4 Die räumliche Perspektive des demographischen Wandels
2.2 Stadtentwicklung bzw. Stadtentwicklungsplanung
2.2.1 Begrifflichkeiten und Rahmenbedingungen
2.2.2 Aktuelle Trends in der Stadtentwicklung - Relevante Strategien
2.3 Demographischer Wandel und Stadtentwicklung
2.3.1 Systematische Erfassung der Folgen des demographischen Wandels für die Stadt
2.3.2 Auswirkungen auf die soziale Infrastruktur im Kindergartensektor
2.3.2.1 Kinderbetreuungseinrichtungen des Typus Kindergarten
2.3.2.2 Überlegungen zur Bedarfsentwicklung bzw. -veränderungen
2.3.2.3 Bedarfsplanung sozialer Infrastruktur
2.3.3 Implikationen für die Stadtentwicklung bezüglich sozialer Infrastruktur für Kinder aufgrund desdemographischen Wandels
2.3.3.1 Kommunale Finanzen
2.3.3.2 Integration als zentrale Herausforderung
2.3.3.3 Chancen der Schrumpfung nutzen
2.3.3.4 Anpassungsstrategien erarbeiten
2.3.4 Synthese der wesentlichen Aspekte zur Entwicklungsplanung im Kindergartenbereich

3 Forschungsdesign
3.1 Erhebungskonzept
3.2 Räumliche und inhaltliche Abgrenzung
3.3 Durchführung
3.4 Auswertung

4 Demographische Strukturen und Prozesse sowie Stadtentwicklungsplanung sozialer
Infrastruktureinrichtungen für Kinder in der Stadt Augsburg
4.1 Bevölkerungsstruktur und -entwicklung sowie Sozialstruktur in der Stadt Augsburg
4.1.1 Demographie und Sozialstruktur in der Stadt Augsburg
4.1.2 Bevölkerungsvorausberechnung für die Stadt Augsburg (2000 bis 2015)
4.1.2.1 Relevante Ergebnisse der Bevölkerungsvorausberechnung
4.1.2.2 Treffsicherheit und kritische Würdigung
4.2 Bestand an sozialen Infrastruktureinrichtungen für Kinder im vorschulischen Alter
4.3 Entwicklungsplanung sozialer Infrastruktur in Augsburg unter aktuellen demographischen

Rahmenbedingungen

5 Darstellung der Ergebnisse
5.1 Ergebnisse der Bürgerbefragung
5.2 Ergebnisse der Leitfadeninterviews
5.3 Ergebnisse der Befragung der Kindergartenleitungen im Planungsraum Oberhausen

6 Ergebnisinterpretation - Implikationen für die Stadt Augsburg und den Planungsraum Oberhausen
6.1 Stadt Augsburg - Implikationen für die Bedarfsplanung 2015 im Kindergartensektor
6.2 Planungsraum Oberhausen - Entwicklungskonzept 2015 für den Kindergartensektor
6.2.1 Soll-Zustand
6.2.2 Ist-Zustand
6.2.3 Handlungserfordernisse aufgrund der Defizite
6.2.4 Zukunftsfaktor Kinderbetreuung - Handlungsfelder
6.3 Planungsraum Oberhausen - Vorschlag für ein Ordnungskonzept 2015 für Kindergärten
6.3.1 Kriterien zur Standortbeurteilung
6.3.2 Räumliche Umsetzung des Anpassungsbedarfs bis 2015

7 Fazit und Abschlussdiskussion

Literatur- und Quellenverzeichnis Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Konzeption für ein Entwicklungskonzept 2015 für soziale Infrastruktureinrichtungen im Kindergartensektor

Abbildung 2: Forschungsdesign

Abbildung 3: Altersstruktur 1910, 2005 und 2050 in Deutschland

Abbildung 4: Der demographische Übergang

Abbildung 5: Prognostizierte Schrumpfung der unter 20-Jährigen bis 2050 nach Altergruppen

Abbildung 6: Lebensformen 30 bis 34-Jähriger Frauen in Prozent im Jahr 2000

Abbildung 7: Zentrale Handlungsfelder für die Kommunen aufgrund des demographischen Wandels

Abbildung 8: Zentrale Handlungsfelder für eine erfolgreiche Quartiersentwicklung

Abbildung 9: Definition der Bedarfsveränderungen

Abbildung 10: Dynamik der natürlichen und wanderungsbedingten Bevölkerungsentwicklung in der Stadt Augsburg (1972 bis 2005)

Abbildung 11: Altersaufbau der Bevölkerung der Stadt Augsburg am 31.12.2001

Abbildung 12: Haushaltsgrößen in der Stadt Augsburg und dem Umland

Abbildung 13: Augsburger Sozialregionen im Vergleich

Abbildung 14: Migrationsrate in Kindertagesstätten der Stadt Augsburg nach Sozialregionen

Abbildung 15: Anzahl der Stadtteilmütter nach Sozialregionen

Abbildung 16: Einschätzung der Familienfreundlichkeit in Augsburg

Abbildung 17: Meinung zur gezielten Vorbereitung der Kinder auf die Schule im Kindergarten

Abbildung 18: Einstellung zur Bildung im Kindergarten

Abbildung 19: Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Augsburg erleichtern die Familiengründung

Abbildung 20: Beurteilung des Kindergartenangebotes

Abbildung 21: Meinung zu Integrationsbemühungen bei Kindern ausländsicher Herkunft im Kindergarten

Abbildung 22: Tendenzen der Veränderung der Kinderzahl in Oberhausener Kindergärten

Abbildung 23: Bewertung der Standortkriterien für Kindergärten

Abbildung 24: Von der deskriptiven Analyse zur Ergebnisinterpretation

Abbildung 25: Zusammenhang einzelner Faktoren mit der Gesamtzufriedenheit in der Stadt Augsburg

Abbildung 26: Fußweg- sowie Park- und Haltesituation Rechts der Wertach (Mittelstraße)

Abbildung 27: Fußweg- sowie Park- und Haltesituation in Oberhausen-Nord (Äußere Uferstraße)

Kartenverzeichnis

Karte 1: Ausländeranteil 2002 und geschätzter Ausländeranteil 2020

Karte 2: Stadt Augsburg nach Planungsräumen und Sozialregionen

Karte 3: Entwicklung der Zahl Drei bis Sechsjähriger in der Stadt Augsburg 2000 bis 2015

Karte 4: Bestand an Kindergärten in der Stadt Augsburg

Karte 5: Versorgungsgrad im Kindergartensektor in der Stadt Augsburg

Karte 6: Bestand an Kindergärten im Planungsraum Oberhausen

Karte 7: Versorgungsgrad mit Kindergärten in den Stadtbezirken Oberhausens

Karte 8: Ordnungskonzept 2015 für den Planungsraum Oberhausen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Demographische Prozesse als Herausforderungen für die Stadt

Tabelle 2: Veränderung der Bevölkerungszahl und -zusammensetzung im Zeitraum 2000 bis 2015

Tabelle 3: Quantitative Anpassungsbedarfe in der Stadt Augsburg auf Planungsraumebene 2007 bis 2015

Tabelle 4: Anpassungsbedarfe Kindergartenplätze im Planungsraum Oberhausen 2007 bis 2015

Tabelle 5: Matrix der Standortbewertung

Vorwort

Die Geographie wird häufig als Schlüsselfach bezeichnet, weil sie durch die Betrachtung konkreter räumlicher und zeitlicher Ausschnitte der Kulturlandschaft einen Schlüssel zu deren Verständnis liefert. Auf Basis dieses ganzheitlichen Ansatzes ist die geographische Disziplin prädestiniert, an der Lösung aktueller Probleme mitzuwirken. Für mich ein guter Grund sich mit Begeisterung diesem Studium zu widmen. Bei meiner Diplomarbeit war es mir wichtig einen praktischen Beitrag zu einer aktuellen gesellschaftlichen Herausforderung zu leisten. Zweifelsohne handelt es sich bei den Auswirkungen des demographischen Wandels auf Städte, etwa im Feld der sozialen Infrastruktur, um eine gewaltige Herausforderung. Denn dort gibt es bisher noch keine erprobten und allgemein angewandten Konzepte, um den notwendigen Anpassungen zu entsprechen und somit den Städten eine positive Entwicklungsvoraussetzung zu sichern. An diesem Punkt knüpft vorliegende Arbeit an. Beispielhaft werden für die Stadt Augsburg und insbesondere für den Planungsraum Oberhausen Überlegungen für eine zukunftsbeständige Stadtentwicklungsplanung sozialer Infrastruktur angestellt.

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei Prof. Dr. Gerd Peyke, Ordinarius des Instituts für Geographie und Inhaber des Lehrstuhls für Humangeographie und Geoinformatik der Universität Augsburg, welcher meine Arbeit betreut und mich mit zahlreichen Anregungen und Hilfestellungen unterstützt hat. Ebenso gilt mein Dank dem Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Statistik, Herrn Wolfgang Mahnkopf, der mich mit wertvollen themen- relevanten Materialen versorgt hat und mir für intensive Gespräche über praktische Aspekte der Stadtentwick- lungsplanung als Fachmann zur Verfügung stand. Danken möchte ich des Weiteren auch verschiedenen lokalen Akteurinnen und Akteuren der Stadt Augsburg, welche als Experten an meinen Interviews teilnahmen - Frau Gabriele Kühn (Kompetenzzentrum Familie), Herr Matthias Garte (AIP Sozialraumplanung), Frau Angela Dömling (Deutscher Kinderschutzbund, KV Augsburg), Frau Sabine Nöllke-Schauffler (Kompetenzzentrum Integration) sowie allen Kindergartenleiterinnen und dem Kindergartenleiter im Planungsraum Oberhausen. Schließlich danke ich auch meinem Freund Bernie Kräußlich, der mir ein wichtiger Diskussionspartner für meine Arbeit war.

Zum Zwecke der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit bei Personenbezeichnungen stets nur die männliche Form verwendet, wobei natürlich gleichermaßen beide Geschlechter angesprochen sind.

Bettina Kühn

Augsburg, im September 2007

1 Einleitung

„Wir werden weniger, älter und bunter.“ Dieser Satz beschreibt treffend die demographische Entwicklung in Deutschland, welche durch Rückgang, Alterung und Wanderungsbewegungen der Bevölkerung gekennzeichnet ist. Gemäß der mittleren Variante der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bun- desamtes [Hrsg.] (2003) ist bis 2050 mit einem Bevölkerungsrückgang von zehn bis 15% zu rechnen. Anders ausgedrückt wird die Bevölkerung in Deutschland laut dieser Prognose auf rund 75 Millionen schrumpfen. Paral- lel zur Schrumpfung verändert sich die Altersstruktur der Bevölkerung. Einem immer größeren Anteil älterer Men- schen stehen immer weniger Junge gegenüber. Das heißt es vollzieht sich ein Alterungsprozess in der Bevölke- rung, welcher bereits eingesetzt hat und sich noch weiter fortsetzen wird. Des Weiteren wird sich auch in Zukunft die interne Bevölkerungsstruktur infolge von inner- und zwischenstaatlichen Wanderungen verändern. Insbeson- dere auf kleinräumiger Ebene wie beispielsweise in Stadtquartieren wirkt sich der demographische Wandel in Gestalt einer veränderten ethnischen und kulturellen Zusammensetzung der Bewohner aus (vgl. Kilper, Müller 2005, S. 36 f).

Aufgrund der angeführten tief greifenden Veränderungen im Bevölkerungsaufbau und der -zusammensetzung verwundert es nicht, dass der demographische Wandel derzeit eines der meist untersuchten und diskutierten Themen in Deutschland ist. Dabei stehen meist gesamtgesellschaftliche Probleme wie etwa die Belastungsgren- zen der Sozialsysteme im Vordergrund. Daneben sind aber auch zahlreiche raumbedeutsame Wirkungsfelder zu benennen, welche entsprechend angepasste Strategien zur Problembewältigung erfordern. Der demographische Wandel ist für nahezu alle Bereiche raumentwicklungspolitischen Handelns von Kommunen relevant und stellt die Verantwortlichen vor neue Herausforderungen. Dabei müssen sich die Kommunen schon frühzeitig mit den Aus- wirkungen des demographischen Wandels beschäftigen und sich mit zentralen Fragestellungen wie etwa den Konsequenzen für die Infrastruktur und die kommunale Finanzsituation auseinandersetzen. Denn die Art und Weise wie heute die Weichen für die Gestaltung des demographischen Wandels gestellt werden, entscheidet über die Zukunftsfähigkeit der Kommunen und die Lebensqualität für ihre Bürger (vgl. Bertelsmann Stiftung 2004, S. 3). Da es sich beim demographischen Wandel jedoch um einen unauffälligen und schleichenden Prozess handelt, haben sich bisher nur wenige Kommunen konkrete Gedanken gemacht, wie sie den damit verbundenen Herausforderungen begegnen wollen. Elaborierte, verallgemeinerbare und evaluierte Handlungsempfehlungen auf kommunler Ebene wurden dementsprechend bislang noch kaum entwickelt (vgl. Hilpert; Kräußlich 2004, S. 47).

1.1 Problemstellung, Zielsetzung und forschungsleitende Fragen

Ein wichtiger Bereich der Stadtentwicklung, welcher stark vom demographischen Wandel beeinflusst wird, ist die Entwicklungsplanung der Versorgung des Stadtraumes mit sozialer Infrastruktur. Veränderungen der Bevölke- rungszahl und des Altersaufbaus aber auch der Trend zur Singularisierung und kulturell-ethnischen Heterogeni- sierung der Bevölkerung bleibt dabei nicht ohne Konsequenzen für die soziale Infrastruktur von Städten. Schon auf mittelfristige Sicht, d.h. in den nächsten zehn bis 15 Jahren, ist bezüglich der sozialen Infrastruktureinrichtungen eine Veränderung der Bedarfsstruktur in den Städten zu erwarten. Dies betrifft vor allem jene Einrichtungen, welche von den Alterskohorten am Anfang und ganz am Ende des Bevölkerungsaufbaus genutzt werden. Die geringe Geburtenrate bedingt einen rückläufigen Bedarf an Einrichtungen für Kinder wie Kindergärten und Schu- len. Genau umgekehrt verhält es sich mit Einrichtungen für ältere Menschen. Kommunen geraten dabei zuneh- mend unter Anpassungsdruck und müssen dieser Aufgabe im Spannungsfeld knapper finanzieller Handlungs- spielräume und der Erfüllung ihres Versorgungsauftrages gerecht werden (vgl. Koch 2005, S. 199). Von diesem Trend ist auch die Stadt Augsburg betroffen, für welche die Auswirkungen des demographischen Wandels beispielhaft für den Kindergartensektor untersucht werden. Demnach ist die Entwicklung der Alters- gruppe drei bis sechs Jahre relevant. Laut der Bevölkerungsprognose des Amtes für Stadtentwicklung und Statis- tik der Stadt Augsburg [Hrsg.] (2000) wird für diese Altersgruppe im Prognosezeitraum 2000 bis 2015 ein Rück- gang von 441 Kindern (6,3%) erwartet. Bemerkenswert ist dabei, dass die prognostizierte Abnahme der Kinder- zahl insgesamt um 441 den Saldo bildet aus einem Rückgang deutscher Kinder um 1.171 und einer Zunahme ausländischer Kinder um 730. Dies zeigt, dass neben der schrumpfenden Kinderzahl auch die kulturell-ethnische Heterogenisierung für die zukünftige Bedarfsstruktur an sozialen Infrastruktureinrichtungen für Kinder eine maß- gebliche Rolle spielt. Diese Entwicklungen sind jedoch nicht in allen Stadtteilen gleich stark ausgeprägt. Bei klein- räumigerer Betrachtung auf Stadtteilebene wird deutlich, dass es sich vielmehr um ein nebeneinander von städti- schen Räumen handelt, in welchen diese Prozesse unterschiedlich stark ausgebildet sein werden. Im Rahmen vorliegender Diplomarbeit wird untersucht, inwiefern die soziale Infrastruktur im Kindergartenbereich in der Stadt Augsburg vor dem Hintergrund des demographischen Wandels Bedarfsveränderungen unterworfen sein wird und was dies für die Stadtentwicklung impliziert. Als räumlicher Bezugsrahmen dient dabei zum Teil die ganze Stadt Augsburg auf Ebene der 17 Planungsräume1. Für tiefer gehende Untersuchungen wurde exempla- risch der Planungsraum Oberhausen herausgegriffen, in welchem aufgrund eines hohen Migrantenanteils die Heterogenisierung stark ausgeprägt ist und aufgrund teilweise problematischer Sozialstrukturen Initiativen im Sinne einer sozialen Stadtentwicklung angestoßen wurden.

Die Arbeit verfolgt zwei Hauptziele. Erstens sollen die durch den demographischen Wandel verursachten Be- darfsveränderungen für den Kindergartenbereich in einem bedarfsgerechten und zukunftsbeständigen Entwick- lungskonzept für 2015 berücksichtigt werden. Zweitens sollen Überlegungen für ein räumliches Ordnungskonzept für 2015 angestellt werden. Die Arbeit möchte somit einen Beitrag für die praktische Arbeit der Stadtentwicklung leisten.

Die forschungsleitenden Fragen sind:

- Welche quantitativen und qualitativen Faktoren beeinflussen den Bedarf an sozialer Infrastruktur im Kin- dergartenbereich?
- Welche quantitativen und qualitativen Bedarfsveränderungen sind bis 2015 zu erwarten?
- Welche Anpassungsbedarfe resultieren aus den Bedarfsveränderungen?
- Wie könnte ein zeitgemäßes Entwicklungskonzept 2015 aussehen?
- Mit welchen Kriterien und Bewertungsmaßstäben können die Standorte von Kindergärten bewertet werden?
- Wie könnte eine praktische Übertragung auf das Stadtgebiet bzw. ein räumliches Ordnungskonzept 2015 aussehen?

1.2 Konzeption und Methodik

Im ersten Teil der Arbeit erfolgt die theoretische Auseinandersetzung mit der Thematik. Um die Basis für weitere theoretische Betrachtungen zu schaffen, wird zunächst das Phänomen des demographischen Wandels betrach- tet. Bei der Darstellung der demographischen Entwicklungen in Deutschland wird im Wesentlichen auf Daten des Statistischen Bundesamtes zurückgegriffen2. Aussagen im prognostischen Bereich beruhen dabei auf der 10. und 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes. Dabei werden stets die „mittleren Varianten“ verwendet, welche die aktuellen Trends fortschreiben. Zur Darstellung räumlicher Unter- schiede werden des Weiteren die kleinräumige, bundesweit flächendeckende Bevölkerungsprognose des Bun- desamtes für Bauwesen und Raumordnung sowie die kleinräumige Bevölkerungsprognose der Bertelsmann Stiftung für alle Kommunen mit mehr als 5.000 Einwohnern verwendet, welche ebenfalls auf der Fortschreibung aktueller Entwicklungen basieren. Auch wenn die Prognosen jeweils eigenständig in ihren Annahmen sind, stim- men die Ergebnisse dennoch in den wesentlichen Punkten überein.

Neben dem demographischen Wandel wird auf die Stadtentwicklung eingegangen, vor allem auf aktuelle themenrelevante Trends.

Ferner werden die beiden Themenkomplexe, demographischer Wandel und Stadtentwicklung, in Zusammenhang gebracht. Dabei werden zuerst systematisch die Folgen der einzelnen Dimensionen des demographischen Wan- dels (Alterung, Vereinzelung, Schrumpfung und Heterogenisierung) für Städte herausgearbeitet. Dabei ist zu erwähnen, dass sich die Literatur über Stadtschrumpfung in Deutschland oftmals auf Ostdeutschland bezieht - da dieser Prozess dort wesentlich stärker ausgeprägt ist -, der Untersuchungsraum vorliegender Arbeit jedoch in Westdeutschland liegt. Allerdings ist zu erwarten, dass die ablaufenden Prozesse allmählich auch immer mehr westdeutsche Städte treffen und daher von den neuen Bundesländern gelernt werden kann. Anschließend fokus- siert sich die Betrachtung auf soziale Infrastruktureinrichtungen für Kinder im Bereich Kindergarten unter aktuel- len demographischen Rahmenbedingungen. Dabei werden zuerst die Auswirkungen auf diesen Typus sozialer Infrastruktureinrichtungen aufgrund des demographischen Wandels beleuchtet. Des Weiteren werden die spezifi- schen Problemlagen und Herausforderungen für die Städte genauer erläutert. Schließlich werden zusammenfas- send die wesentlichen Aspekte für die Entwicklungsplanung von Kindergärten aufgezeigt, woraus sich das For- schungsdesign der Arbeit ableitet.

In einem weiteren Teil der Arbeit erfolgt die Analyse der demographischen Strukturen und Entwicklungen Augs- burgs. Dabei werden die relevanten Ergebnisse der Bevölkerungsprognose erläutert und hinterfragt, mit Fokus auf die prognostizierte Veränderung der Drei- bis Sechsjährigen. Des Weiteren wird die Bestandsstruktur an Kindergärten in Augsburg aufgezeigt sowie auf die Entwicklungsplanung sozialer Infrastruktur in Augsburg unteraktuellen demographischen und sozialen Rahmenbedingungen eingegangen.

Der darauf folgende Teil widmet sich der Darstellung der Ergebnisse der Primärerhebungen.

Anschließend erfolgt die Ergebnisinterpretation. Begonnen wird mit den Implikationen für die Stadt Augsburg auf Planungsraumebene. Daraufhin werden die Ergebnisse für den Planungsraum Oberhausen interpretiert und damit das angestrebte Entwicklungskonzept 2015 (vgl. Abbildung 1) und Ordnungskonzept 2015 erarbeitet.

Abbildung 1: Konzeption für ein Entwicklungskonzept 2015 für soziale Infrastruktureinrichtungen im Kindergartensektor

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

1. Bestandsaufnahme der relevanten Einrichtungen

2. Ermittlung der aktuellen Ausgestaltung des Angebotes der Einrichtungen mit Hilfe verschiedener Indikatoren

3. Variante 1: Ableitung der Bestandsstruktur der Einrichtungen 2015 unter der Annahme einer gleich bleibenden Ausgestaltung des Angebotes

4. Weitere Varianten: Implikationen für die Bestandsstruktur der Einrichtungen 2015 unter der Annahme, dass sichaufgrund veränderter Anforderungen auch die Ausgestaltung des Angebotes ändern sollte

Dazu wurde nach der bereits erfolgten Bestandsaufnahme der relevanten sozialen Infrastruktureinrichtungen die Ausgestaltung des derzeitigen Angebots der Kindergärten untersucht. Dabei spielen sowohl quantifizierbare Determinanten wie der Versorgungsgrad als auch kaum quantifizierbare Determinanten z.B. über Maßnahmen der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund eine Rolle. Im Rahmen des Entwicklungskonzeptes 2015 sollen mehrere Varianten für die Bedarfsplanung der betreffenden sozialen Infrastruktureinrichtungen erarbeitet werden. Variante 1 geht davon aus, dass die Ausgestaltung des Angebotes gleich bleibt und somit lediglich die veränderte potentielle Nutzerzahl die Bestandsstruktur für 2015 verändert. In weiteren Varianten hingegen werden Implikationen zum Umgang mit qualitativen Bedarfsveränderungen aufgrund des demographischen Wandels aufgezeigt, im Sinne einer zukunftsbeständigen Entwicklungsplanung. Dabei wurden zum einen die relevanten Meinungen, Einstellungen und Wünsche der Augsburger berücksichtigt, welche in der Bürgerbefragung erhoben wurden. Mit Hilfe von Interviews mit Experten der Sozialraumplanung, Stadtentwicklungsplanung, Pädagogen etc. fand zunächst eine Annäherung an das Thema statt, um Inputs für den standardisierten Fragebogen zu erhalten. Mit Hilfe einer standardisierten mündlichen Befragung der Leiter der Einrichtungen konnten dann Informationen über veränderte und sich verändernde Ansprüche in der Kinderbetreuung gewonnen werden. Eine wichtige Rolle bei den Handlungsempfehlungen für eine zukunftsbeständige Entwicklung spielen auch Best-Practice- Beispiele, um die Erfahrung innovativer und erfolgreicher Stadtentwicklung zu nutzen.

Des Weiteren wird ein räumliches Ordnungskonzept für Kindergärten im Planungsraum Oberhausen im Jahr 2015 entwickelt und kartographisch dargestellt. Als Grundlage wurde ein Kriterienkatalog für die Bewertung von Standorten sozialer Infrastruktureinrichtungen erarbeitet. Zur Informationsgewinnung dienten ebenfalls die Expertengespräche sowie die mündliche Befragung.

Abbildung 2 zeigt nochmals das Forschungsdesign in übersichtlicher Form.

Abbildung 2: Forschungsdesign

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

2 Demographischer Wandel und die Bereitstellung sozialer Infrastruktur als Bereich der Stadtentwicklung

Zunächst erfolgt eine allgemeine Beleuchtung der Themenkomplexe demographischer Wandel und Stadtentwick- lung hinsichtlich der Grundlagen und aktuellen und zukünftig relevanten Entwicklungen. Anschließend wird das Augenmerk auf die Verbindung der beiden Themenkomplexe und die Betrachtung der Schnittmenge gerichtet.

Dabei soll deutlich werden, wie die Komponenten des demographischen Wandels und Bereiche der Stadtentwicklungsplanung zusammenhängen und welche Herausforderungen in diesem Kontext für die Kommunen entstehen bezüglich sozialer Infrastruktureinrichtungen im Allgemeinen und Kindergärten im Speziellen.

2.1 Das Phänomen des demographischen Wandels in Deutschland

Beim demographischen Wandel handelt es sich um einen global, langfristig und langsam ablaufenden Wande- lungsprozess bezüglich einigen grundlegenden demographischen Verhaltensmustern. Dieser Prozess begann in Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wird im Verlauf des 21. Jahrhunderts alle Länder der Erde in unterschiedlichem Ausmaß erfassen (vgl. Bundesanstalt für Bevölkerungsforschung 2004, S. 9). Die folgenden Ausführungen zum demographischen Wandel beschränken sich jedoch ausschließlich auf seine Ausprägung in Deutschland, da nur diese für die Themenstellung bedeutsam ist. Um die Relevanz des Phäno- mens demographischer Wandel für die räumliche Entwicklung und seine Auswirkung auf die soziale Infrastruktur von Städten zu verstehen, ist es zunächst notwendig, sowohl die Komponenten und Ursachen des demographi- schen Wandels, als auch die aktuellen Entwicklungen und Trends, die ihn charakterisieren, zu kennen. Anschließend wird der demographische Wandel aus Raum differenzierender Perspektive beleuchtet. Dabei wird sowohl der Komplexität seiner unterschiedlichen räumlichen Ausprägung Rechnung getragen, als auch auf die Probleme und Herausforderungen mit Raumbezug eingegangen.

2.1.1 Natürliche Bevölkerungsentwicklung

Zunächst wird nun auf die Faktoren der natürlichen Bevölkerungsbewegung eingegangen, die Mortalität und Fertilität. Eine Ursache des demographischen Wandels ist die Veränderung der Mortalität der Bevölkerung, wel- che durch den Rückgang der Sterblichkeit und den Anstieg der Lebenserwartung charakterisiert ist. Zu dieser Entwicklung haben hauptsächlich Forschritte in der medizinischen Versorgung, der Ernährung, der Hygiene, der Wohnsituation sowie bessere Arbeitsbedingungen beigetragen. So haben beispielsweise Infektionskrankheiten, welche zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine wesentliche Todesursache darstellten, an Bedeutung verloren. Krankheiten, welche heute oftmals zum Tode führen, wie z.B. Krebserkrankungen oder Erkrankungen des Kreis- laufsystems, treten jedoch verstärkt erst im höheren Alter auf (vgl. Statistisches Bundesamt 2006a, S. 36). In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts befand sich die Sterbeziffer noch auf einem sehr hohen Niveau. In der Zeit der einsetzenden Industrialisierung, um ca. 1865, begann diese deutlich zu sinken. Der Rückgang der Sterblich- keit war dabei zunächst vor allem durch einen Rückgang der Säuglingssterblichkeit getragen, was zu einem An- stieg des Anteils jüngerer Altersgruppen in der Bevölkerung führte. Die Folge dieser mortalitätsgeleiteten Verjün- gung der Bevölkerung war, dass somit auch für mehr Menschen die Chance bestand, ein höheres Lebensalter zu erreichen (vgl. Bundesanstalt für Bevölkerungsforschung 2004, S. 10). In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sank auch die Sterblichkeit älterer Menschen erheblich. Insgesamt ist ein kontinuierlicher Anstieg der Lebenser- wartung von Neugeborenen sowie der ferneren Lebenserwartung von älteren Personen festzustellen. Laut Perio- densterbetafeln ist sie bei Frauen seit 1960 von 72 auf 81 Lebensjahre gestiegen und bei Männern von 67 auf 75 Jahre. Bis 2050 wird mit einem weiteren Anstieg der Lebenserwartung um mindestens vier Jahre gerechnet (vgl. Enquete Kommission des Deutschen Bundestags 2002, S. 15). Die fernere Lebenserwartung in höheren Altersgruppen steigt ebenfalls an. Laut der Sterbetafel 1997/99 ergibt sich für einen 60-jährigen Mann noch eine fernere Lebenserwartung von rund 19 Jahren, für gleichaltrige Frauen sogar von rund 23 Jahren (vgl. Enquete Kommission des deutschen Bundestags 2002, S. 19). Trotz der steigenden Lebenserwartung wird die Zahl der Sterbefälle künftig zunehmen. Es werden Jahrgänge in das höhere Alter kommen, welche weit stärker besetzt sein werden, als die der Hochbetagten von heute. Daraus wird ein Anstieg der Sterbefälle resultieren (vgl. Statistisches Bundesamt 2006a, S. 13).

Die Fertilität als zweiter Faktor der natürlichen Bevölkerungsbewegung gestaltet sich komplexer, da es mehrere Möglichkeiten für ihre Ausprägung gibt. Denn während jeder Mensch früher oder später sterben muss, ist es hinsichtlich der Fertilität von individuellen Lebensläufen abhängig wie viele Kinder eine gebärfähige Frau zur Welt bringt bzw. ob sie überhaupt gebärt. Zunächst sei darauf hingewiesen, dass für die Beurteilung der Fertilität einer Bevölkerung auch ihre Nuptialität d.h. die Eheschließungen und -lösungen von Bedeutung sind, wobei sich der Zusammenhang zwischen der Anzahl der Geburten und bestehenden bzw. in einem bestimmten Zeitraum ge- schlossenen Ehen in der Gegenwart abgeschwächt hat. Festzuhalten bleibt aber, dass wenn ein hoher Prozent- satz von Frauen im gebärfähigen Alter ledig bleibt oder erst relativ spät heiratet, die statistische Geburtenwahr- scheinlichkeit dadurch erheblich sinkt. Ebenso hat die Scheidungshäufigkeit Einfluss auf die Fertilität. In Deutsch- land sind derzeit ca. 22 % der Neugeborenen Kinder von Unverheirateten3 (vgl. Bähr 2004, S. 158).

Eine wesentliche Ursache des demographischen Wandels ist ein enormer Geburtenrückgang. Während die Tota- le Fruchtbarkeitsrate (TFR) im Jahr 1950 noch bei 2,6 Kindern lag, sank sie im Jahr 2003 auf 1,4. Dieser Wert liegt deutlich unter dem Reproduktionsniveau, welches derzeit bei einer mittleren Geburtenzahl je Frau von 2,1 Kindern liegt (vgl. Kilper, Müller 2005, S. 36). Der bedrohliche Geburtenrückgang ist dabei weniger als Folge eines medizinisch technischen Fortschritts der Geburtenverhütung entstanden, sondern vielmehr durch die Mög- lichkeit auch ohne Kinder moralisch anerkannt zu leben. Es liegt eine gewandelte moralische Bewertung von Lebensformen vor, die bis in die frühen 1960er Jahre noch eher stigmatisiert und moralisch verurteilt wurden. Hintergrund der demographischen Wende sind also die kollektiven Folgen der individuellen Emanzipation (vgl. Göschl 2003). Als konkrete Gründe für den Rückgang der TFR gelten u. a. die sinkende Heiratsneigung, ver- mehrte Ehescheidungen, Eheschließungen in einer späteren Lebensphase, Anstieg des mittleren Alters von Frauen bei der Geburt des ersten Kindes, vermehrte Kinderlosigkeit und die Zunahme nicht-ehelicher Lebens- gemeinschaften (vgl. Kilper, Müller 2005, S. 36). Ein weiterer Grund liegt in der schlechten Vereinbarkeit von Familie und Beruf, da das infrastrukturelle Angebot an Kinderbetreuungsplätzen oftmals nicht bedarfsgerecht ausgestaltet ist. Während in Ostdeutschland die Situation bereits deutlich besser gelöst ist, fehlt es in West- deutschland sowohl an Kinderbetreuungsplätzen für unter Dreijährige als auch an Ganztagsbetreuungsplätzen und der nötigen Flexibilität für berufstätige Eltern bei den über 3-jährigen. Hinzu kommen insbesondere in West- deutschland Bedenken gegen eine außerhäusige Kinderbetreuung, sodass Mütter, die Beruf und Familie verein- baren, sich oft neben anderen Schwierigkeiten mit einem negativen gesellschaftlichen Urteil auseinandersetzen müssen (vgl. Walla 2006, S. 95).

In Zukunft wird die Geburtenzahl noch weiter absinken, da auch die Zahl der potentiellen Mütter immer kleinerwird. Die Mädchenjahrgänge von heute sind zahlenmäßig bereits kleiner als die ihrer Mütter (vgl. Statisches Bun- desamt 2006a, S. 5). Dabei wird auch die Langfristigkeit der Folgen gegenwärtigen Handelns deutlich. Die Ent- scheidung ca. eines Drittels der letzten Generation kinderlos zu bleiben wird die demographische Entwicklung in Deutschland mindestens 100 bis 120 Jahre prägen. Denn der Ausfall von ca. 30% an Frauen - also nicht gebo- rener Mädchen - verringert auch die Anzahl potentieller Mütter in der Generation der zurzeit erwachsenen Frau- en. Wenn diese sich wiederum entscheidet zu einem Drittel keine Kinder zu haben, setzt sich das Problem nicht nur fort, sondern verschärft sich dramatisch. Die Entscheidung vieler Frauen keine Kinder zu haben, als kollektive Handlung gesehen, wirkt sich folglich also mit über einem Jahrhundert Reichweite im Aufbau der Bevölkerung aus (vgl. Göschl 2003).

2.1.2 Wanderungsbedingte Bevölkerungsentwicklung

Neben der natürlichen Bevölkerungsentwicklung beeinflussen auch Wanderungsvorgänge in starkem Maße die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland. Bei den Wanderungen wird unter dem Gesichtspunkt der Reichweite generell zwischen Binnenwanderung und Außenwanderung unterschieden, je nachdem, ob die Wanderung in- nerhalb eines Gebietes stattfindet oder über die Grenzen dieses Gebietes hinweg erfolgt4. Handelt es sich um Wanderungen über Staatsgrenzen hinweg, wird von internationaler Wanderung bzw. Einwanderung und Aus- wanderung gesprochen. Die Differenz aus Zu- und Abwanderung wird als Wanderungssaldo bezeichnet und bedeutet für das jeweilige Gebiet einen Wanderungsgewinn oder -verlust (vgl. Kuls, Kemper 2000, S. 188).

Seit Mitte der 1960er Jahre wird die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland - bis November 1990 nur die alten Bundesländer betreffend - erheblich durch Ein- und Auswanderungen von Ausländern beeinflusst. Zwischen 1960 und 2004 sind knapp 28 Mio. ausländische Staatsbürger nach Deutschland eingewandert, während 20,4 Mio. aus dem Bundesgebiet ausgewandert sind. Dementsprechend erhöhte sich in diesem Zeitraum der Anteil der Ausländer in Deutschland enorm von 690.000 auf 7,3 Mio., wobei dies neben Zuwanderungsüberschüssen zum Teil auch auf Geburtenüberschüsse5 ausländischer Staatsangehöriger in Deutschland zurückzuführen ist. Des Weiteren wurden zwischen 1960 und 2004 auch rund 4,4 Mio. Aussiedler bzw. Spätaussiedler in Deutsch- land aufgenommen (vgl. Statistisches Bundesamt 2006, S. 24 f). Ohne Zuwanderung hätte die Bevölkerung in Deutschland schon längst zu Schrumpfen begonnen6. Im Zeitraum von 1991 bis ins Jahr 2000 beispielsweise ergab sich aus der natürlichen Bevölkerungsbewegung ein Rückgang um 840.000 Personen. Demgegenüber steht ein Wanderungsgewinn im selbem Zeitraum von ca. 3,3 Mio. Personen, welcher den Bevölkerungsrückgang aus der natürlichen Bevölkerungsentwicklung mehr als nur kompensiert hat (vgl. Enquete Kommission des deut- schen Bundestags 2002, S. 17). Der starke internationale Zuwanderungsstrom und der damit verbundene Anstieg an Bevölkerung mit Migrationshintergrund, ist ein wesentliches Charakteristikum des demographischen Wandels in Deutschland.

Neben den internationalen Wanderungen ist auch die Binnenwanderung - sowohl auf großräumiger als auch auf kleinräumiger Maßstabsebene - von zentraler Bedeutung für die demographische Entwicklung in Deutschland. Großräumig ist die Binnenwanderung in Deutschland derzeit wesentlich durch Ost-West-Wanderungen gekenn- zeichnet bzw. generell durch Abwanderung aus wirtschaftsschwachen Regionen, womit eine zunehmende Pola- risierung zwischen schrumpfenden und wachsenden Regionen einhergeht. Die Gründe für diese Wanderungen liegen vor allem in dem regional unterschiedlichen Arbeitsplatzangebot. Bezüglich der kleinräumigen Wanderun- gen sind vor allem die Sub- und Exurbanisierung als dominante Prozesse zu nennen, was generell zu Bevölke- rungsrückgängen in den Kernstädten führt. Das Umland der Städte ist zur Familienzone der mobilen Mittelschicht geworden, während die Familie mit Kindern aus den Städten nahezu verschwunden ist. Die in den Städten verbleibenden Familienhaushalte sind oftmals allein erziehende Mütter und kinderreiche nicht-deutsche Familien sowie finanziell schlechter gestellte deutsche Familien. Durch den Suburbanisierungsprozess der letzten drei Jahrzehnte kam es demnach zu einer regionalen Umverteilung der Bevölkerung nach Lebenslagen d.h. arm und reich und Lebensformen d.h. Menschen mit Kinder bzw. ohne Kinder (vgl. Strohmeier 2006, S. 143).

2.1.3 Dimensionen des demographischen Wandels

Der demographische Wandel setzt sich aus verschiedenen Dimensionen zusammen. Das sind die Alterung, Schrumpfung, Singularisierung und Heterogenisierung der Bevölkerung.

Alterung

Das Altern der Bevölkerung - als Konsequenz der niedrigen Geburtenziffer und der steigenden Lebenserwartung beschreibt eine Veränderung in ihrer Alterstruktur, der beschleunigte Anstieg des Anteils der Älteren gegenüber den Jüngeren. Es geht also nicht allein um den Anstieg der absoluten Anzahl älterer Menschen in der Bevölke- rung, sondern um Anteilsverschiebungen. Demzufolge altert eine Bevölkerung, wenn die jüngeren Alterskohorten zahlenmäßig kleiner werden oder langsamer wachsen als die Älteren. Die Ursachen für den Alterungsprozess liegen in einer langfristigen Veränderung der Geburten- und Sterbehäufigkeit. Fällt die Geburtenhäufigkeit auf ein so niedriges Niveau, dass die Kindergenerationen zahlenmäßig stets kleiner als die Elterngeneration sind, kommt es zum fertilitätsgeleiteten Altern der Bevölkerung. Führt ein langfristig-kontinuierlicher Anstieg der Lebenserwar- tung dazu, dass zunehmend frühere, geburtenstarke Jahrgänge ein höheres Lebensalter erreichen, kommt es zum mortalitätsgeleiteten Altern. Überlagern sich beide Prozesse, zieht dies eine beschleunigte Alterung nach sich, wie sie momentan in Deutschland abläuft (vgl. Bundesanstalt für Bevölkerungsforschung 2004, S. 9).

Bei Gegenüberstellung der Altersstruktur der Bevölkerung Deutschlands vor ca. 100 Jahren mit der heutigen und mit der für 2050 prognostizierten, kann die Dimension dieses Veränderungsprozesses veranschaulicht werden (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 3: Altersstruktur 1910, 2005 und 2050 in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt 2006, S. 16

Während der Altersaufbau Deutschlands vor knapp hundert Jahren noch eine Pyramidenform besaß, wird dieser bis 2050 in die Urnenform übergehen. Deutlich ist zu erkennen, dass sich zum einen die Basis des Bevölke- rungsaufbaus zunehmend verschmälert, sprich die jüngeren Jahrgänge ausdünnen. Zum anderen rücken derzeit noch stärker besetzte Jahrgänge in ein immer höheres Lebensalter auf7. Der prognostizierte Altersaufbau für 2050 zeigt die Bevölkerungspfade für die Ober- und Untergrenze der „mittleren Bevölkerung“ auf, welche vom Statistischen Bundesamt in der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung ermittelt wurden.

Ausgangspunkt des Alterungsprozesses in Deutschland ist der erste demographische Übergang, welcher sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzog und idealtypisch in fünf Phasen8 verläuft (vgl. Abbildung 4). Er beschreibt den Übergang der Geburten- und Sterbehäufigkeiten von einem hohen zu einem niedrigen Niveau. Gegen Ende der dritten Phase, wenn sich die Geburtenziffer der Ster- beziffer annähert, begann sich der Alterungsprozess zu beschleunigen, da die Geburtenhäufigkeit unter das Ersatzniveau der Elterngeneration fiel (vgl. Bundesanstalt für Bevölkerungsforschung 2004, S. 13).

In den 1960er und 1970er Jahren erfolgte nochmals ein starker Geburtenrückgang. Das Niveau der Geburten- häufigkeit sank unter das der Sterbehäufigkeit ab (vgl. Bundesanstalt für Bevölkerungsforschung 2004, S. 9).

Abbildung 4: Der demographische Übergang

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundesanstalt für Bevölkerungsforschung 2004, S. 10

Schrumpfung

Die Bevölkerungszahl in Deutschland ist seit 2003 rückläufig, d.h. sie schrumpft. Das rasant wachsende Gebur- tendefizit kann durch die Wanderungsgewinne nicht mehr kompensiert werden (vgl. Statistisches Bundesamt 2006a, S. 5). Der Bevölkerungsrückgang wird bis 2020 mit etwa einer Million prognostiziert, was einer Abnahme von rund 1,4% gegenüber 2003 entspricht (vgl. Bertelsmann Stiftung 2006, S. 13 f). Auf längere Sicht wird sich die Schrumpfung noch beschleunigen. Die 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes geht bis 2050 bezüglich der Obergrenze der „mittleren Bevölkerung“ von einem Rückgang um 10% auf 74 Mio. aus. Bezüglich der Untergrenze der „mittleren Bevölkerung“ wird eine Schrumpfung um 17% auf knapp 69 Mio. Einwohner vorhergesagt9. Jedoch ist herauszustellen, dass die Bevölkerungsschrumpfung für Gesamtdeutschland nicht alle Räume gleichermaßen betrifft. Sie wird vor allem durch Binnenwanderungen regi- onal Umverteilt. Aber auch Zuwanderungsströme aus dem Ausland verteilen sich ungleichmäßig (vgl. dazu Kap. 2.1.3).

Gesondert betrachtet wird nun noch die erwartete Bevölkerungsschrumpfung in der Alterklasse der unter 20- Jährigen und insbesondere der unter 6-Jährigen, welche für die Themenstellung relevant ist. Laut der Untergren- ze der „mittleren Variante“ wird die Gesamtzahl der unter 20-Jährigen bis 2050 um 30% abnehmen. Abbildung 5 zeigt den prognostizierten Rückgang der unter 20-Jährigen nach Altersgruppen. Die Gruppe der unter 6-Jährigen also Kinder im Betreuungs- und Vorschulalter -, welche im Jahr 2005 ca. 4,3 Mio. stark war, wird bis 2010 um etwa ein Zehntel abnehmen. Nach 2020 wird sich die Situation noch verschärfen, da die momentan noch relativ starken Mütterjahrgänge dann aus dem gebärfähigen Alter heraus sein werden. Bis 2050 wird ein Rückgang auf ca. drei Millionen erwartet (vgl. Statistisches Bundesamt 2006a, S. 19 f).

Abbildung 5: Prognostizierte Schrumpfung der unter 20-Jährigen bis 2050 nach Altergruppen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt 2006, S. 20

Bezogen auf eine einzelne Stadt ist Stadtschrumpfung die Resultante aus der Suburbanisierung, aus interregionalen Wanderungen bedingt durch ökonomische Probleme altindustrieller Regionen und aus der demographisch bedingten Bevölkerungsschrumpfung. In ostdeutschen Städten kumulieren sich diese Prozesse meist. In westdeutschen Städten hingegen saldieren sie sich eher. Dennoch ist nach 2020 auch in den alten Bundesländern Bevölkerungsstabilität nur noch für wenige Städte realistisch.

Vereinzelung

Eine weitere Dimension des demographischen Wandels ist die Vereinzelung bzw. Individualisierung10. Damit ist die Haushaltsverkleinerung bedingt durch geringe Kinderzahlen sowie die Aufteilung von Haushalten gemeint. Ein Vergleich der Hauhaltsgröße der Jahre 1950 und 2004 macht diese Entwicklung deutlich. Die durchschnittli- che Haushaltsgröße in Deutschland lag im Jahr 2004 bei 2,12 Personen. Lediglich in vier Prozent der Haushalte lebten fünf oder mehr Personen. Jeweils gut ein Zehntel machten die Drei- und Vierpersonenhaushalte mit 13% und knapp elf Prozent aus. Die Zweipersonenhaushalte hatten einen Anteil von 34%. Spitzenreiter waren die Einpersonenhaushalte mit 37%. Besonders in Großstädten waren die Einzelpersonenhaushalte mit 49% zahl- reich vertreten. Im Vergleich dazu wirtschaftete im Jahr 1950 in weniger als 20% der Haushalte eine Person alleine. Die am Weitesten verbreitete Form war der Zweipersonenhaushalt mit über 25%, dicht gefolgt vom Drei- personenhaushalt mit 23% (vgl. Statistisches Bundesamt 2006, S. 34). In direkter Verbindung mit der sinkenden Haushaltsgröße steht die rückläufige Anzahl an Kindern, welche in den Haushalten versorgt werden.

Eine Betrachtung der Lebensformen11 der 30 bis 34-Jährigen Frauen in Deutschland bringt Aufschluss darüber, wie viele junge Menschen noch dem traditionellen Lebensmuster „Heiraten und Kinderhaben“ folgen (vgl. Abbil- dung 6).

Abbildung 6: Lebensformen 30 bis 34-Jähriger Frauen in Prozent im Jahr 2000

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundesanstalt für Bevölkerungsforschung 2004, S. 71

Denn diese Altersgruppe ist bereits in die Familienbildungsphase eingetreten und selbst bei früher Geburt der Kinder hätten diese den elterlichen Haushalt noch nicht verlassen. Eine wichtige Feststellung dabei ist, dass die Mehrheit in dieser Altergruppe noch immer die traditionelle Lebensform wählt, also verheiratet ist und Kinder hat. In den alten Bundesländern sind dies 51,2% und in den neuen 53,1%. In Westdeutschland wird die zweitgrößte Gruppe jedoch bereits von den Alleinlebenden gebildet mit 14%, gefolgt von Verheirateten ohne Kinder mit 11,7% und nichtehelichen Lebensgemeinschaften (NEL) mit 10,7%. Da der Anteil nichtehelicher Lebensgemein- schaften mit Kindern sehr gering ist, wird deutlich, dass zumindest in Westdeutschland für das Zusammenleben mit Kindern immer noch die Ehe bevorzugt wird. In Ostdeutschland ist die Situation anders. Hier sticht vor allem die relativ große Gruppe der Alleinerziehenden mit 14,2% heraus (vgl. Bundesanstalt für Bevölkerungsforschung 2004, S. 70).

Der Wandel in den Lebensformen wurde maßgeblich getragen von der niedrigen Geburtenhäufigkeit, der ver- mehrten Kinderlosigkeit und vielen Ledigbleibenden, durch den späteren Einstieg in die Familienbildung sowie durch die hohe Scheidungsrate. Ausdruck des Individualisierungs- bzw. Singularisierungstrends ist also eine Umverteilung zwischen den Lebensformen, in deren Verlauf vor allem Alleinlebende und kinderlose Lebensfor- men an Bedeutung gewonnen haben (vgl. Bundesanstalt für Bevölkerungsforschung 2004, S. 70 - 72).

Heterogenisierung

Ein weiteres wesentliches Charakteristikum des demographischen Wandels in Deutschland ist die kulturell- ethnische Heterogenisierung bzw. Internationalisierung der Bevölkerung, welche vor allem in den alten Bundes- ländern ausgeprägt ist. Üblicherweise wird in Deutschland die ethnische Heterogenität an der Staatsangehörig- keit festgemacht d.h. über die Ausländerquote operationalisiert. Seit dem Bestehen der Bundesrepublik ist die ausländische Bevölkerung kontinuierlich angestiegen, vor allem aufgrund der Zuwanderung, aber auch in Folge von Geburtenüberschüssen. Im Jahr 2002 lebten 7,3 Mio. Ausländer in Deutschland. Dies entspricht einem Be- völkerungsanteil von 8,9%. Die größte Einzelgruppe stellte dabei die türkische Bevölkerung mit 1,95 Mio. dar, gefolgt von Bürgern aus dem ehemaligen Jugoslawien mit 627.000 (vgl. Bundesanstalt für Bevölkerungsfor- schung 2004, S. 66 - 68). Die Verwendung der Ausländerquote als Indikator der ethnischen Heterogenisierung ist jedoch zunehmend problematisch, da der anzusprechende Personenkreis immer weniger auf diesem Wege er- mittelt werden kann. Denn erstens müssen Einbürgerungen von Ausländern berücksichtigt werden, insbesondere nach der Einführung des neuen Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000. Zweitens sind die in Deutschland ge- borenen Kinder ausländischer Eltern, welche seit 2000 zusätzlich die deutsche Staatsangehörigkeit zu der der Eltern bekommen und sich später für eine der beiden entscheiden können, nicht erfasst. Drittens müssen Spät- aussiedler berücksichtigt werden, welchen die deutsche Staatsangehörigkeit bescheinigt wird. In Anbetracht dieser Überlegungen ergibt sich eine „Bevölkerung mit Migrationshintergrund“, welche deutlich zahlreicher ist als die ausländische Bevölkerung12 (vgl. Kemper 2007, S. 32).

Der Altersaufbau der ausländischen Bevölkerung unterscheidet sich erheblich von dem der deutschen Bevölkerung. Während Kinder und Jugendliche anteilsmäßig höher vertreten sind, fällt der Anteil der Älteren niedriger aus (vgl. Bundesanstalt für Bevölkerungsforschung 2004, S. 68).

Deutschland ist infolge der wirtschaftlichen Öffnung de facto schon seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland. Die Konsequenzen der internationalen Mobilisierung von Arbeitskräften gehen dabei jedoch weit über die ökonomi- sche Dimension hinaus. Auch wenn Zuwanderung in der Regel ökonomische Push- und Pull-Faktoren13 hat, regelt sie sich nicht allein über Marktmechanismen. Vielmehr bedarf sie der Vorbereitung und tatkräftigen Mithilfe der aufnehmenden Gesellschaft. Für Deutschland erwachsen daraus große Herausforderungen bezüglich der Integration, welche allerdings lange vernachlässigt und in ihrer Bedeutung unterschätzt wurden (Bundesamt für Bauswesen und Raumordnung 2006, S. 33).

2.1.4 Die räumliche Perspektive des demographischen Wandels

Aus geographischer Sichtweise ist das Phänomen des demographischen Wandels vor allem hinsichtlich räumlicher Unterschiede und raumspezifischer Ausprägungen interessant, welche wiederum spezielle Problemlagen und Herausforderungen auf klein- und großräumlicher Maßstabsebene mit sich bringen. Im Folgenden wird der demographische Wandel in Deutschland hinsichtlich seiner unterschiedlichen räumlichen Ausprägung behandelt, sowie auf daraus resultierende Herausforderungen für die Kommunen eingegangen.

Aus den verschiedenen Bestandteilen des demographischen Wandels - Alterung, Schrumpfung, Singularisierung und kulturell-ethnische Heterogenisierung - resultieren jeweils spezifische Problemlagen, welche wiederum aus- geprägte räumliche und regionale Differenzierungen aufweisen. So stehen neben Städten die schrumpfen, Städte und Agglomerationen mit Bevölkerungswachstum. Genauso finden sich Gemeinden mit starker Alterung neben solchen, die weniger stark vom Alterungsprozess geprägt sind. Auch hinsichtlich der siedlungsstrukturellen Kate- gorien Kernstadt, Umland und ländlicher Raum sind deutliche Differenzierungen in den demographischen Struk- turen festzustellen. Und die Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist meist kleinräumlich konzentriert. Die Kommunen müssen sich auf die jeweils unterschiedlichen Kombinationen der Auswirkungen des demographi- schen Wandels einstellen, welche dementsprechend angepasste Strategien zur Problembewältigung erfordern (vgl. Kemper 2006, S. 195).

Für die Zukunftsaussichten einer Region ist die demographische Entwicklung gleichermaßen wichtig, wie die ökonomische. Eine florierende Wirtschaft sorgt für Wohlstand, jedoch ist sie nichts ohne Konsumenten und Nachwuchs an möglichst gut qualifizierten Arbeitskräften und Unternehmern. Die besten Voraussetzungen für eine stabile ökonomische Entwicklung bieten somit kinderreiche Regionen. Denn Kinder binden ihre Eltern an den Wohnort und befördern deren bürgerschaftliches Engagement z.B. in Betreuungseinrichtungen. Sie stärken aber auch den Arbeitsmarkt, weil sie verschiedene Institution wie Schulen etc. auf ihrem Weg zum Erwachsen- werden benötigen und später, als Berufseinsteiger, mit frischem Wissen aufwarten können. Der Wettbewerb der Regionen um Einwohner bzw. Humanpotentiale wird sich demnach deutlich verschärfen. Vor allem weil nachein- ander immer mehr Kommunen und Regionen bezüglich ihrer Bevölkerungsdynamik von der wachsenden in die schrumpfende Kategorie wechseln werden (vgl. Berlin-Institut für Bevölkerungsforschung 2006, S. 10).

Bezüglich der einzelnen Bundesländer wird davon ausgegangen, dass 2020 zwölf der 16 Bundesländer dünner besiedelt sein werden als 2003. Die Extremwerte liegen bei knapp zwölf Prozent Bevölkerungsverlust für Sach- sen-Anhalt und bei knapp drei Prozent Bevölkerungsgewinn für Hamburg. Die ostdeutschen Länder sowie Bre- men und das Saarland sind voraussichtlich generell am stärksten von der Schrumpfung betroffen. Bevölkerungs- zuwächse werden großräumig nur für Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg und Schleswig-Holstein erwartet, wobei sich auch dort das Wachstum abschwächt. Der zeitlich versetzte und regional unterschiedliche Beginn der Bevölkerungsschrumpfung ist maßgeblich auf Wanderungen zurückzuführen. Während einzelne Regionen ihre Geburtendefizite durch Wanderungen kompensieren können, wird die Situation in anderen Regionen mit Wande- rungsverlusten zusätzlich verschärft. Großräumige Wanderungsbewegungen zwischen den Bundesländern sind dabei hauptsächlich durch den Arbeitsmarkt bedingt. Kleinräumige Wanderungen werden häufig von der Wohnungsmarkt- und Stadtortattraktivität determiniert (vgl. Bertelsmann Stiftung 2006, S. 14).

Neuere Bevölkerungsprognosen zeigen auch auf Regionsebene starke Unterschiede bezüglich Wachstum und Schrumpfung. Während Alterung und Heterogenisierung überall stattfinden - wenn auch in unterschiedlich inten- siver Ausprägung -, wird jedoch die Schrumpfung keineswegs gleich alle Regionen treffen. So wird es mindes- tens für die nächsten beiden Jahrzehnte weiterhin ein Nebeneinander von wachsenden und schrumpfenden Regionen geben. Dabei wird es zu einer zunehmenden Verstärkung der Gegensätze kommen. Deutschland wird in Boom- und Schrumpfungsregionen zerfallen (vgl. Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung 2006, S. 19).

Bezüglich des Ausländeranteils sind ebenfalls ausgeprägte räumliche Unterschiede festzustellen. Internationale Zuwanderungen haben ihr eigenes räumliches Muster, welches sich an der Siedlungsstruktur orientiert und ein starkes Ost-West-Gefälle aufweist. Wesentliche Pull-Faktoren für dieses Muster waren und sind die Verteilung von Arbeitsplätzen mit hohem Ausländeranteil sowie die Existenz sozialer Netze, welche die Integration neu zugewanderter Personen fördern. Die Wohnstandortwahl internationaler Zuzüge hat insofern sich selbst verstär- kende Effekte, welche im Ergebnis zu großen räumlichen Unterschieden hinsichtlich des Ausländeranteils führen (vgl. Karte 1).

Karte 1: Ausländeranteil 2002 und geschätzter Ausländeranteil 2020

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung 2006, S. 35

Die internationalen Zuzüge konzentrieren sich momentan im Wesentlichen auf große Agglomerationen und Städ- te in den alten Bundesländern. In den ostdeutschen Großstädten fehlen noch gewachsene soziale Netze. Einzige Ausnahme stellt die Hauptstadt Berlin dar. Für die Zukunft wird aufgrund von prognostizierten internationalen Wanderungsgewinnen sowie Sterbeüberschüssen bei der deutschen Bevölkerung, mit einem weiteren Anstiegder Ausländeranteile gerechnet. Unter Fortschreibung der bisherigen Trends wird erwartet, dass sich die ausländische Bevölkerung weiterhin hauptsächlich auf Westdeutschland und dabei auf die Städte konzentriert. Integra- tion scheint demnach in erster Linie ein städtisches Problem zu sein. Dennoch zeichnet sich auch eine zuneh- mende Internationalisierung im Umland von Agglomerationen ab (vgl. Bundesamt für Bauwesen und Raumord- nung 2006, S. 34 f).

Letztlich ist die demographische Entwicklung in Städten und Gemeinden höchst individuell. Es gibt zwar eindeuti- ge regionale Trends, doch auch hier liegen Schrumpfung und Wachstum oft nahe beisammen (vgl. Bertelsmann Stiftung 2006, S. 8). In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage wie der Untersuchungsraum - die Stadt Augsburg - einzuordnen ist. Die Stadt Augsburg ist mit 267.901 Einwohnern (Stand: 01.01.2007) die drittgrößte Stadt Bayerns. Im Wegweiser Demographischer Wandel 2020 der Bertelsmann Stiftung wurden alle Kommunen mit mehr als 5.000 Einwohnern Demographietypen zugeordnet. Grundlage war dabei die kleinräumige Bevölke- rungsvorausberechnung der Bertelsmann Stiftung für alle Kommunen mit mehr als 5.000 Einwohnern. Auf Basis von acht Indikatoren aus den demographischen, sozioökonomischen und wirtschaftlichen Bereich wie beispiels- weise Medianalter14 2020, Arbeitsplatzzentralität 2003 oder Anteil Mehrpersonenhaushalte mit Kindern 2003 wurden dann mit Hilfe einer Clusteranalyse15 die Demographietypen gebildet. Die Stadt Augsburg wurde dabei dem Cluster stabile Großstädte mit geringem Familienanteil zugeordnet, dessen wesentliche Charakteristika nun vorgestellt werden:

Bevölkerungsentwicklung

Die Bevölkerungsentwicklung verläuft derzeit weitgehend stabil und wird dies bis 2020 voraussichtlich auch bleiben. Es wird erwartet, dass sich die Einwohnerzahl bis 2020 um maximal +/- 5% verändert. Der Anteil an Mehrpersonenhaushalten mit Kindern ist in diesem Cluster besonders niedrig. Hingegen ist die Zahl der SingleHaushalte überproportional hoch. Der Anteil an ausländischen Haushalten entspricht mit elf Prozent in etwa dem Durchschnitt der Großstädte in den alten Bundesländern.

Wanderungsbilanzen

Die stabile Bevölkerungsentwicklung ist vor allem auf die positive Wanderungsbilanz junger Menschen zurückzuführen. In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen - also bei den Bildungswanderern und Berufseinsteigern - werden hohe Wanderungsgewinne verzeichnet. Hingegen sind die Wanderungsverluste in der mittleren Generation bzw. bei Familien mit Kindern leicht überproportional.

Alterung

Der Alterungsprozess verläuft im Vergleich zu den anderen Großstädten leicht verzögert, was auf die hohe Zu- wanderung junger Erwachsener zurückzuführen ist. Das Medianalter wird bis 2020 gegenüber 2003 voraussicht- lich um vier Jahre auf 44 Jahre ansteigen. Damit wird es etwas unter dem Durchschnitt von 45 Jahren liegen.

Wirtschaftliche Entwicklung

Die Arbeitsplatzentwicklung verlief in den letzten Jahren weitgehend stabil und fiel gegenüber den meisten anderen Demographietypen positiver aus. Alle Großstädte dieses Clusters gelten als regional und überregional bedeutende Wirtschaftszentren, welche eine große Anzahl an Arbeitsplätzen, Dienstleistungen und Infrastruktur für das Umland bereitstellen. Die Ausprägung weiterer sozialer und wirtschaftlicher Indikatoren wie Arbeitslosenquoten, durchschnittliche Kaufkraft oder der Anteil an Akademikern in der Bevölkerung liegen weitgehend im Durchschnitt aller Städte über 100.000 Einwohner (vgl. Bertelsmann Stiftung 2006, S. 31 - 33).

Nun stellt sich die Frage, welche Problemlagen und Herausforderungen sich für die Städte dieses Demographie- typs ergeben. Als Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung für ihr Umland sind sie in der Pflicht interkommunale Kooperationen weiter auszubauen, um ihre Position im Wettbewerb der Regionen zu sichern. Oberste Priorität sollte die Wirtschafts- und Arbeitsplatzentwicklung im Zusammenhang mit dem demographischen Wandel haben. Ihr differenziertes Bildungs-, Kultur- und Freizeitangebot zeichnet sie als attraktive Standorte mit hoher Lebens- qualität aus. Trotzdem verlassen überdurchschnittlich viele Erwachsene in der Phase der Familiengründung oder Eigentumsbildung die Städte. Dementsprechend ist der Familienanteil der niedrigste aller Cluster. Aus den Kern- städten sind mittelständische Familien mit Kindern nahezu verschwunden. Die verbleibenden Familienhaushalte sind oftmals allein erziehende Mütter und nichtdeutsche, kinderreiche Familien. Der Anteil ausländischer Familien in diesem Cluster liegt mit elf Prozent zwar im Durchschnitt (für genaue Zahlen für Augsburg vgl. Kap. 4.1.1), jedoch sind damit nicht alle Familien mit Migrationshintergrund erfasst. Auch wird durch diesen Wert nicht deut- lich, dass der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in diesen Städten heute schon bei rund 40% liegt. Bezüglich der Altersstruktur wird einem hohen Anteil älterer deutscher Bevölkerung ein steigen- der Anteil jüngerer ausländischer Bevölkerung gegenüber stehen. Die Integrationsfähigkeit dieser Städte wird damit zum entscheidenden Faktor für Zukunftsfähigkeit, wirtschaftliche Entwicklung und soziale Stabilität. Die Bemühungen sollten dabei auf die Vermeidung sozialer Segregation und ein integratives Bildungs- und Ausbil- dungssystem abzielen (vgl. Bertelsmann Stiftung 2006, S. 33 f).

Bislang wurden räumliche Unterschiede des demographischen Wandels auf Bundesländer-, Regions- und Kreis- ebene angesprochen sowie die Situation von Städten bzw. Kommunen angeschnitten. Im Hinblick auf Untersu- chungen zur Stadtentwicklung ist oftmals neben der gesamtstädtischen Betrachtung eine noch kleinräumlichere Differenzierung der demographischen Strukturen und Prozesse relevant. Denn letztlich bestehen sogar unter- schiedliche Ausprägungen der demographischen Merkmale in den einzelnen Stadtteilen oder städtischen Quar- tieren. Auch in Städten mit insgesamt relativ stabilen Bevölkerungszahlen - wie es auch in der Stadt Augsburg der Fall ist - darf nicht übersehen werden, dass es zum Teil deutlich mehr schrumpfende als wachsende Stadttei- le geben wird16. Und diese Unterschiede, sowie der kommunale Umgang mit sich zunehmend ethnisch und kultu- rell segregierenden Gruppen, werden weiterhin an Bedeutung gewinnen. Vor allem die anhaltende Internationali- sierung und Heterogenisierung der Bevölkerung wird auf Ebene einzelner Städte und vor allem der Stadtteile zu einem erhöhten Steuerungsbedarf führen. Folglich müssen die Städte zukünftig neben der Entwicklung der Gesamtstadt verstärkt auch die divergierende Entwicklung ihrer Stadtteile im Auge behalten (vgl. Deutscher Städtetag 2006, S. 4 - 8).

An dieser Stelle bleibt festzuhalten, dass auf kommunaler Ebene eine Vielzahl an Handlungsfeldern identifiziert werden können, welche der demographische Wandel mit sich bringt (vgl. Abbildung 7).

Abbildung 7: Zentrale Handlungsfelder für die Kommunen aufgrund des demographischen Wandels

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Bertelsmann Stiftung 2006, S. 30 und Bertelsmann Stiftung 2004, S. 18 In vorliegender Diplomarbeit wird dabei die Infrastrukturplanung herausgegriffen, speziell für soziale Infrastruktureinrichtungen für Kinder im vorschulischen Alter ab dem dritten Lebensjahr. Diese kann allerdings nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr sind deutlich Schnittstellen zu den Bereichen Kinder- und Familienfreundlichkeit, Integration, Bildung und ehrenamtlichem Engagement gegeben.

2.2 Stadtentwicklung bzw. Stadtentwicklungsplanung

Hinsichtlich des Themenkomplexes Stadtentwicklung werden nun die Begrifflichkeiten und Rahmenbedingungen in knapper Form angerissen, sowie vor allem auf die aktuelle und themenrelevante Strategie der sozialen Stadtentwicklung eingegangen.

2.2.1 Begrifflichkeiten und Rahmenbedingungen

Einleitend sei erwähnt, dass der Begriff Stadtentwicklung in vorliegender Arbeit nicht etwa im Sinne der Genese von Städten zu verstehen ist, sondern als Terminus der Raumplanung. Es handelt sich um Entwicklungsplanung mit dem Ziel eine positive Entwicklung der Stadt durch Entwicklungsmaßnahmen zu bewirken. Leser definiert Stadtentwicklung „in der Regel als Aufgabe der Stadtplanung im Sinne eines zukunftsorientierten Konzeptes zur weiteren Entwicklung einer Stadt“ (Leser 2001, S. 810).

Der von der antiken Polis abgeleitete Politikbegriff macht deutlich, dass die Gründung und Entwicklung von Städten auch viel mit Politik zu tun hat. Die Vorstellung der Stadtentwicklung als politischer Prozess führt zu einem zeitlich und instrumentell erweiterten Beobachtungs- und Untersuchungshorizont. Zeitlich deshalb, weil Stadtent- wicklungsstrategien als kontinuierlich zu steuernde, vielfältigen Einflüssen ausgesetzte und variable Zielgrößen erlaubende Instrumente für einen Veränderungsprozess zu verstehen sind. Und instrumentell, weil sich Stadt- entwicklungsstrategien nicht nur auf das Wirken kommunaler Planungsstellen oder privater Investoren beziehen, sondern auch auf die sie mitgestaltenden Kräfte der Lokalpolitik (vgl. Schneider 1997, S. 14 - 16).

Die Rahmenbedingungen der Stadtentwicklung hängen maßgeblich von der Stellung der Kommune im politi- schen System ab. In Deutschland wirkt der Staat (Bund, Länder, EU) im Wesentlichen über Gesetze und Stand- ortentscheidungen auf die Stadtentwicklung ein. Die deutschen Kommunen sind jedoch frei in der Entscheidung über Ziele und Prozedere der Stadtentwicklung. Die Voraussetzung hierfür ist, neben einem eigenen Gebiet und eigenen Organen, ihr grundgesetzlich verbürgter Selbstverwaltungscharakter. Kommunen besitzen demnach eine Doppelstellung: Sie sind Selbstverwaltungskörperschaft und Erfüllungshilfe des Staates. Durch die gesetzli- che Reglementierung des Staates wird allerdings der Ermessensspielraum der Kommunalverwaltung zum Teil erheblich eingeschränkt. Im Bezug auf Kinderbetreuungseinrichtungen ist in Bayern neben dem Achten Sozialge- setzbuch (SGB VIII) das Bayerische Kinderbildungs- und betreuungsgesetz (BayKiBiG) und der Bayerische Bil- dungs- und Erziehungsplan relevant. Die Haushaltssituation der Kommunen ist als sehr angespannt zu bezeich- nen. Zwar bemühen sich diese u. a. durch Gebührenanpassung oder Gewerbesteuererhöhung, Finanzierungslü- cken zu schließen, jedoch bleiben sie auf staatliche Finanzzuweisungen angewiesen. Durch die demographische Entwicklung wird die Finanzlage der Kommunen noch verschärft (vgl. dazu Kapitel 2.3.3.1).

Für die Themenstellung grundlegend ist, dass des Weiteren die Bevölkerungsentwicklung eine wesentliche Rahmenbedingung der Stadtentwicklung darstellt. Die Maßnahmen derselben müssen sich an der Art und Zusammensetzung der Bevölkerung orientieren. Dies gilt insbesondere hinsichtlich der beiden wichtigsten Fragenkomplexe: Die Bauleitplanung und die Planung der Infrastruktur (vgl. Schneider 1997, S. 62 - 78). Hinsichtlich sozialer Infrastruktureinrichtungen der Kinderbetreuung müssen also Veränderungen in der Bevölkerungszahl (weniger Kinder) und Bevölkerungszusammensetzung (mehr ausländische Kinder bzw. Kinder mit Migrationshintergrund), aber auch parallel ablaufende gesellschaftliche Veränderungsprozesse (neue Haushalts- und Familienformen) aufgrund des demographischen Wandels berücksichtigt werden.

2.2.2 Aktuelle Trends in der Stadtentwicklung - Relevante Strategien

Bevor auf verschiedene Ansätze der Stadtentwicklung eingegangen wird, sei einleitend erwähnt, dass es „die“ Stadtentwicklungsplanung seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr gibt. Das war in den 1960er und 1970er Jahrenunter den Bedingungen des Wachstums von Sozialprodukt, Arbeitsplätzen und Bevölkerung - noch anders. Denn damals hatten es die verschiedenen Kommunen mit ähnlichen Problemstellungen zu tun und es ging in erster Linie darum, die Erweiterung der Stadt in geordnete Bahnen zu lenken (vgl. Schneider 1997, S. 356). Jedoch sind die Rahmenbedingungen dieses Wachstums nicht mehr gegeben. Dementsprechend sind Reform- überlegungen ausgereift, welche den aktuellen Problemen der Stadtentwicklung wie finanzielle Prioritätensetzung, soziale Spaltung und Segregation, Mobilisierung des endogenen Potentials, interkommunaler Wettbewerb, wirtschaftliche Standortsicherung oder Mangel an preiswertem Wohnraum, und der räumlich unterschiedlichen Ausprägung dieser Probleme, begegnen können. In Folge dessen formten sich im politischen Prozess verschiedene Strategien der Stadtentwicklung heraus (vgl. Schneider 1997, S. 356 f).

An dieser Stelle soll nur auf die themenrelevante Stadtentwicklungsstrategie eingegangen werden - die soziale Stadtentwicklung. Soziale Stadtentwicklung kann als Sammelbegriff für lokal wirksame Politikansätze verstanden werden, welche die soziale und ökonomische Benachteiligung und ihre räumliche Konzentration in bestimmten städtischen Teilgebieten zum Ausgangspunkt politischer Eingriffe haben (vgl. Alisch 2002, S. 78). Wichtiges Instrument sozialer Stadtentwicklung ist das Quartiers- bzw. Stadtteilmanagement.

Der momentan in Deutschland ablaufende gesellschaftliche Wandelungsprozess bringt Probleme wie verminder- tes Solidarpotential, gesellschaftliche Ausgrenzung, Armut und hohe Arbeitslosigkeit mit sich. Unter den Rah- menbedingungen der wirtschaftlichen Globalisierung findet eine Entkoppelung von Wirtschafts- und Arbeits- marktentwicklung statt. Vor allem in Großstädten treten die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Konsequen- zen des seit den 1980er Jahren in Deutschland zu beobachtenden strukturellen Veränderungsprozesses zu Ta- ge. Sie werden in der zunehmenden sozialen Ungleichheit in den Städten und Stadtteilen sichtbar. Ganze Stadt- quartiere laufen Gefahr von gesamtstädtischen Entwicklungsprozessen abgekoppelt zu werden. Diese Stadtquar- tiere, in welchen gehäuft benachteiligte Bevölkerungsgruppen leben, sind geprägt u. a. durch infrastrukturelle Unterausstattung, Randlage und niedrigen Wohnungsstandard (vgl. Grimm 2004, S. 9). Armut ist längst keine gesellschaftliche Randerscheinung mehr, zumal sich auch die Zusammensetzung der Armutsbevölkerung stark verändert hat17. Vor allem jüngere Frauen zwischen 25 und 40 Jahren - insbesondere alleinerziehende Mütter - erhalten Transferleistungen vom Staat, wobei auch der männliche Anteil in dieser Altersgruppe wächst. Die am stärksten wachsende Gruppe, welche von materieller Armut betroffen ist, stellen jedoch Kinder und Jugendliche dar. Zusätzlich ist zu erwähnen, dass die nicht deutschen Gruppen unter den Stadtbewohnern eine ca. doppelt so hohe Sozialhilfedichte haben wie die Deutschen. Neben der materiellen Dimension der Armut, darf nicht vernach- lässigt werden, dass Armut auch die eingeschränkte Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben bedeutet und somit ebenfalls eine immaterielle Dimension hat. Demnach wird nicht allein eine Versorgungspolitik benötigt, sondern eine städtische Politik sozialer Integration. Weil die Städte nur bedingt Einfluss auf den regionalen Ar- beitsmarkt besitzen, fehlt ihnen der Zugang zu der bislang bedeutendsten Integrationsinstanz. Deshalb müssen sie sich selbst Integrationsinstanzen schaffen oder vorhandene stärken. In diesem Zusammenhang spielt das Wohnquartier eine wichtige Rolle, denn es ist nicht nur der überschaubare und gestaltbare Lebensraum der Men- schen, sondern dort kann auch die Grundlage zur Existenzsicherung geschaffen und sozialer Austausch und Teilhabe an gesellschaftlichen Institutionen gewährleistet werden. Der Quartiersansatz birgt also die Chance, auf lokaler Ebene Einfluss auf die soziale Integration der Quartierbewohner zu nehmen (vgl. Alisch 2001, S. 8 - 10). Eine wichtige Initiative zur Unterstützung dieser Stadtquartiere ist das seit 1999 aufgelegte Bund-Länder- Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - die soziale Stadt“ (kurz: Soziale Stadt). Die Gemein- schaftsinitiative gilt Stadt- und Ortsteilen, welche aufgrund von sozialräumlicher Segregation davon bedroht sind, ins soziale Abseits zu rutschen. Sie erhebt den Anspruch, Quartiersentwicklungsprozesse zu initiieren, welche die sozialen Problemgebiete zu selbständig lebensfähigen Stadtteilen mit positiver Zukunftsperspektive machen sollen (vgl. AGEBAU 2000, S. 2 - 4). Das Stadtteil- bzw. Quartiersmanagement soll also auf der Quartiersebene Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Entwicklung schaffen. Die wesentlichen Handlungsprinzipien lassen sich mit den Begriffen quartiersbezogen, prozesshaft und bewohnerorientiert charakterisieren (vgl. Alisch 2001, S. 13). Zur erfolgreichen Quartiersentwicklung müssen eine Reihe von Aufgaben erfüllt werden. Die zentralen Handlungsfelder für eine erfolgreiche Quartiersentwicklung sind aus Abbildung 8 ersichtlich. Besondere Bedeu- tung für den sozialen Ausgleich in problembehafteten Gebieten hat die Ergänzung der sozialen Infrastruktur. Der Bedarf an Gemeinschaftseinrichtungen für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ist in diesen Quartieren be- sonders hoch, weil die Bewohner hinsichtlich Ausbildung, soziale Vernetzung, mit Beschäftigung gefüllte Zeit, Gesundheitsvorsorge, Kaufkraft und Mobilität benachteiligt sind (vgl. AGEBAU 2000, S. 4 - 10).

Abbildung 8: Zentrale Handlungsfelder für eine erfolgreiche Quartiersentwicklung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach AGEBAU 2000, S. 4 - 10

Wie stellt sich die Lebenssituation für Kinder in den Quartieren der sozialen Stadt dar? Diese ist oftmals schwierig. Die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern, welche aus Familien mit niedrigem sozialem Status kommen, sind stark beeinträchtigt. Oftmals sind die Eltern durch Arbeitslosigkeit und Armut, Beziehungs- und Generationsprobleme, Gewalt und Hilflosigkeit überfordert, was sich negativ auf die Lebenssituation, gesellschaftliche Integration und Entwicklungschancen ihrer Kinder auswirkt. Deshalb kommt Beratungs-, Bildungs- und Unterstützungsangeboten sowie der Förderung von Eigeninitiative und Nachbarschaftshilfe für Kinder und Familien in diesen Stadtquartieren große Bedeutung zu (vgl. Deutsches Institut für Urbanistik 2004).

Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen wie etwa wachsende Armut in den Großstädten, zunehmende sozialräumliche Segregation und kulturell-ethnische Heterogenisierung der Bevölkerung, ist eine gute Ausstat- tung mit sozialer Infrastruktur - gerade auch im Bereich der Kinderbetreuung - enorm wichtig. Insbesondere giltdies für problembehaftete Gebiete. Im Stadtbezirk Oberhausen-Nord, welcher ein Teil des im Fokus vorliegender Arbeit stehenden Planungsraumes Oberhausen ist, wurde im Rahmen des Bund-Länderprogramms „Soziale Stadt“ bereits ein integriertes Handlungskonzept entwickelt, in welchem auch Aspekte zur Verbesserung der sozialen Infrastruktur im Bereich der Kinderbetreuung zum Tragen kommen (vgl. Kapitel 4.3).

Bei der sozialen Stadtentwicklung ist herauszustellen, dass es sich um integrierte Planung handelt, welche ver- schiedene Aspekte zusammenführt. Die integrierte Stadtentwicklungsplanung kann generell als Schlüsselstrate- gie für die Bewältigung des demographischen Wandels gesehen werden. Für eine demographiefeste Stadtent- wicklungsplanung sind sektorale Fachplanungen, die überwiegend nebeneinander statt miteinender arbeiten, nicht länger geeignet. Es ist notwendig die unterschiedlichen quantitativen, qualitativen und teilräumlichen Aspek- te des demographischen Wandels zusammenzuführen und zu einer konsistenten kommunalen Strategie zu bün- deln (vgl. Deutscher Städtetag 2006, S. 22). Dementsprechend ist die Entwicklungsplanung sozialer Infrastruktur für Kinder mit anderen Bereichen vernetzt zu sehen und in ein Gesamtkonzept zu integrieren.

2.3 Demographischer Wandel und Stadtentwicklung

Demographische Entwicklungen sind stets eine der wesentlichen Rahmenbedingungen der Stadtentwicklung. Vor allem in der gegenwärtigen Situation eines dramatischen Geburtenrückgangs drängt sich die Demographie sehr dominant ins Bewusstsein der Stadtentwicklung. Denn es wird kaum einen Sektor der Stadtentwicklung geben, der nicht vom demographischen Wandel erfasst wird (vgl. Göschl 2003). Der Präsident des Deutschen Städtetags, Christian Ude, stellt dabei zwei wesentliche Handlungsperspektiven für die Kommunen heraus. Erstens müssen sie dem demographischen Wandel - der bereits stattgefunden hat und weiterhin stattfindet - Rechnung tragen d.h. Realitäten anerkennen. Zweitens sind auch gezielte Gegenmaßnahmen zu ergreifen, in der Hoffnung negative Faktoren abmildern bzw. verlangsamen zu können (vgl. Ude 2006, S. 5 f).

Im Folgenden geht es nun darum die Schnittmenge des demographischen Wandels und der Stadtentwicklung herauszuarbeiten. Dabei ist zunächst eine systematische Erfassung der Folgen des demographischen Wandels für Städte zweckdienlich. Daraufhin konzentriert sich die Betrachtung auf die Folgen des demographischen Wan- dels für soziale Infrastruktureinrichtungen für Kinder. Dabei werden zuerst Rahmenbedingungen für deren Bereit- stellung und ihre Funktion vorgestellt. Anschließend werden Aspekte der Bedarfsentwicklung bzw. Bedarfsverän- derung und daraus resultierende Konsequenzen angesprochen sowie die Methodik der Bedarfsplanung angeris- sen. Ferner werden Problemlagen und Herausforderungen für die Stadtentwicklung hinsichtlich sozialer Infra- struktur für Kinder im Kontext der aktuellen demographischen Entwicklungen dargelegt. Die verschiedenen Prob- lemlagen und Herausforderungen gelten dabei meist für alle bzw. ein breiteres Spektrum sozialer Infrastruktur. Jedoch wird bei jedem Punkt Bezug zu Kinderbetreuungseinrichtungen genommen und das jeweils relevante herausgearbeitet. Schließlich werden in einem letzten Punkt die wesentlichen Aspekte zur Entwicklungsplanung von Kinderbetreuungseinrichtungen zusammengefasst.

2.3.1 Systematische Erfassung der Folgen des demographischen Wandels für die Stadt

Da der demographische Wandel nahezu alle Felder der kommunalen Politik intensiv berührt, kann er als eine zentrale Rahmenbedingung der Stadtentwicklung charakterisiert werden. Zur systematischen Erfassung der Folgen des demographischen Wandels für eine Stadt sind die Konsequenzen der vier zentralen Kernbefunde (Alterung und Vereinzelung, Schrumpfung, Heterogenisierung) auf die drei Ebenen, unter denen Stadt verstan- den werden kann, zu reflektieren. Das ist erstens die „Stadt als Wirtschafts- und Lebensraum“. Damit wird die Gesamtheit der ökonomischen und sozialen Prozesse umschrieben. Zweitens die „gebaute Stadt“, welche sich auf das räumliche Erscheinungsbild der Siedlungen in der Stadtregion, auf die räumliche Verteilung der Aktivitä- ten in Gebäuden und Freiräumen, aber auch auf die unsichtbaren physischen Infrastrukturen sowie die Bezie- hungen zur umgebenden Natur bezieht. Und drittens die „politische Stadt“. Darunter wird ihre Verfasstheit als Gebietskörperschaft im föderativen Staat, die demokratische Willensbildung, finanzielle Handlungskraft, Bürger- beteiligung an Planungs- und Entscheidungsprozessen etc. verstanden. Diese drei unterschiedlichen Begriffe von Stadt stehen wiederum in vielfältigen Wechselbeziehungen zueinander. So wird beispielsweise die demographi- sche und ökonomische Entwicklung der „Stadt als Wirtschafts- und Lebensraum“ durch die Dichte und Ausdeh- nung der „gebauten Stadt“ oder durch die finanzielle Handlungskraft der „politischen Stadt“ beeinflusst. Umge- kehrt kann z.B. die Attraktivität der „gebauten Stadt“ Einfluss auf Wanderungsströme und Wirtschaftskraft neh- men (vgl. Mäding 2004, S. 28 f). Basierend auf diesem Ansatz kann als gedankliche Systematik eine Matrix ab- geleitet werden, in welcher die vier demographischen Kernbefunde als Auslöser bzw. Ursache aufgefasst und dabei die Felder mit den wesentlichen Herausforderungen belegt werden (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Demographische Prozesse als Herausforderungen für die Stadt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Mäding 2004, S. 28

Alterung und Vereinzelung

Wegen ihrer weitreichenden Konsequenzen wird die Alterung - oftmals durch den Prozess der Vereinzelung verstärkt - meist als der gesamtgesellschaftlich und gesamtwirtschaftlich bedeutsamste demographische Wandel bezeichnet. Offensichtlich und in der Grundstruktur leicht nachvollziehbar sind die Folgen für die sozialen Siche- rungssysteme. Für die Städte als Wirtschafts- und Lebensraum ist jedoch weniger diese finanzwirtschaftliche Problematik wichtig, sondern vielmehr das infrastrukturelle Leistungsangebot. Unter Betrachtung des Zusam- menhangs zwischen Alter und Krankheitskosten folgt aus einem überproportionalen Anstieg vor allem der Hoch- betagten auch ein überproportionaler Anstieg der Krankheitskosten. Zu bedenken ist dabei auch, dass momentan ca. 80% der Pflegedienstleistungen in Familien erbracht werden, sich dies aber vor dem Hintergrund der zuneh- menden Vereinzelung ändern wird. Denn immer mehr Menschen bleiben kinderlos und Hochbetagte sind ver- mehrt ohne Partner (vgl. Mäding 2004, S. 29). Vereinzelung bedeutet hier die Auflösung familiärer Lebensformen und somit die Reduktion informell erbrachter Dienstleistungen, wie sie hauptsächlich in Familien erbracht werden. In der Folge steigen die Ansprüche an formale Dienstleistungen (vgl. Göschl 2003). Die zunehmende Vergesell- schaftung von Dienstleistungen, bedingt durch neue Familienstrukturen und Lebensformen, macht sich jedoch nicht nur im Bereich der Altenhilfe bemerkbar. Sie ist auch hinsichtlich anderer Betreuungsleistungen oder Erzie- hungsaufgaben festzustellen etwa bei Kinderbetreuungseinrichtungen. Ferner werden die Alterung und Vereinze- lung auch in der „gebauten Stadt“ Spuren hinterlassen, teils über Marktprozesse, teils über politische Entschei- dungen. Die Nachfrage nach altersabhängigen Angeboten wird sich enorm verändern. Einerseits werden mehr altersgerechte Angebote benötigt wie z.B. altersgerechte Infrastrukturen (vgl. Mäding 2004, S. 29 f). Andererseits führt die Alterung zu einer Entleerung ganzer Infrastrukturbereiche, wie Kinder-, Jugend- und Freizeiteinrichtun- gen, da es die jüngere Bevölkerung, welche diese Angebote in Anspruch nehmen könnte, nicht mehr in dem Maße geben wird. Es werden neue Infrastruktursysteme benötigt, welche dem veränderten Altersaufbau der Bevölkerung gerecht werden (vgl. Göschl 2003). Des Weiteren wird durch die Vereinzelung in der „gebauten Stadt“ der Bedarf an Wohnfläche pro Person steigen. Bezüglich der „politischen Stadt“, können Altersverschie- bungen im Wählerpotential Umgewichtungen in den politischen Prioritäten zur Folge haben. Die Unzufriedenheit mit der absehbaren Verschlechterung im Beitrags-Leistungs-Verhältnis der Sozialversicherungssysteme kann eine allgemeine politische Unzufriedenheit auslösen, welche wahrscheinlich sinkende Wahlbeteiligungen nach sich zieht (vgl. Mäding 2004, S. 29 f).

Schrumpfung

Aufgrund der Schrumpfung läuft die „Stadt als Wirtschafts- und Lebensraum“ Gefahr in einen zirkulär-kumulativen Prozess zu geraten. Denn sie produziert Leerstände, womit eine sinkende Attraktivität verbunden ist und somit die Schrumpfung wiederum verstärkt wird. Dies gilt für die Quartiersebene stärker als für die Stadtebene und für die Stadtebene wiederum stärker als für die Regionsebene. Schrumpfung führt für die „Stadt als Wirtschafts- und Lebensraum“ und die „gebaute Stadt“ zu einer sinkenden Nachfrage nach privaten Gütern und Dienstleistungen verbunden mit negativen Folgen wie wirtschaftliche Schwierigkeiten für Gewerbetreibende und Selbständige, Ausdünnung des Angebotes und sinkendes Angebot an Arbeitskräften. Des Weiteren zieht Schrumpfung eine sinkende Infrastrukturnachfrage, unausgelastete Einrichtungen, steigende Stückkosten, evtl. Schließungen, weite Wege etc. nach sich. Ferner bedeutet Schrumpfung auch leere Wohnungen und Geschäfte sowie damit verbun den den Verfall der Immobilienwerte (vgl. Mäding 2004, S. 30 f). Durch den Leerstand wiederum werden selektive Wanderungen verstärkt, welche kleinräumige Segregation und soziale Polarisierung fördern. Zum einen durch sozial selektive Abwanderung ins Umland der Kernstädte. Zum anderen durch sozial selektive Binnenwanderung innerhalb der Kernstädte, welche aufgrund entspannter Wohnungsmärkte in vielen Kernstädten problemlos möglich sind. So können Haushalte mit ausreichendem Einkommen ohne großen finanziellen Mehraufwand ihre Wohnsituation innerhalb der Kernstadt erheblich verbessern. Benachteiligten Stadtteilen droht in der Folge eine Verstärkung der negativen Entwicklungen (vgl. Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung des Landes Nordrhein-Westfalen 2003, S. 11 f). Für die „gebaute Stadt“ kann Schrumpfung jedoch auch positive Aspekte mit sich bringen, wie etwa nachlassender Siedlungsdruck oder ökologische Entlastung.

Aufgrund der aktuellen Tendenzen städtischer Schrumpfung werden vereinfacht dargestellt momentan drei Mo- delle des Rück- bzw. Stadtumbaus diskutiert. Die entsprechende Diskussion und Planung ging dabei von den neuen Bundesländern aus, wobei durchaus vergleichbare Entwicklungen für Westdeutschland erwartet werden. Erstens die Stadtperforation, welche eine partielle Ausdünnung der Bebauung vorsieht, der an anderer Stelle derselben Stadt durchaus auch Wachstum gegenüberstehen kann. Zweitens ist die Stadttransformation zu nen- nen. Mit dieser Form der Schrumpfung geht zum einen ein Wandel der Stadtstruktur einher, da diese in einzelne, mehr oder weniger zusammenhangslose Siedlungsschollen zerfällt. Auf absehbare Zeit wird eine relativ homo- gene, ältere Bevölkerung außerhalb des normalen Lohn- und Arbeitsverhältnisses zurückbleiben. Zum anderen könnte die Stadttransformation auch auf einen Wandel der städtischen Lebensweisen hinauslaufen, wobei diese dennoch mehr als urban zu bezeichnen sein werden. Drittens wird - wenn auch noch zögerlich - über das Modell der Stadtauflösung diskutiert, welches aufgrund der dramatischen Bevölkerungsverluste besonders im Osten aufkam (vgl. Göschl 2004, S. 243 - 247). Um einen qualifizierten Stadtumbau zu gewährleisten, müssen zur Ver- meidung von Stigmatisierungs- und Marginalisierungsprozessen in den vom Rückbau betroffenen Stadtgebieten bauliche Maßnahmen in ein breites Spektrum an Maßnahmen zur Verbesserung der Lebens- und Wohnverhält- nisse eingebettet werden. Dabei sind u. a. auch Fragen der Sicherung und Umstrukturierung sozialer Infrastruktur betroffen (vgl. Siedentop 2004, S. 252 - 257).

Für die Stadtentwicklungspolitik resultieren aus Schrumpfungsprozessen große Herausforderungen, ungleich schwierigere als aus Wachstumsprozessen. Abnehmende Bevölkerungszahlen wirken sich im deutschen Ein- nahmensystem stark auf Steuereinnahmen und Zuweisungen im Finanzausgleich aus. Über die finanzwirtschaft- lichen Konsequenzen schrumpft in der „politischen Stadt“ auch die Handlungskraft der politischen Akteure. Dabei ist auch zu bedenken, dass Schrumpfung noch heute oftmals als Symbol für Misserfolg steht und wie ein Makel über der Amtszeit der jeweiligen politischen Akteure hängt. Darüber hinaus ist Schrumpfung aber nicht nur für Politiker gefährlich, sondern provoziert auch die planende Verwaltung, da dieser die Erfahrungen und erarbeite- ten Instrumente aus der Phase des Stadtwachstums nichts mehr nützen (vgl. Mäding 2004, S. 31 f).

Heterogenisierung

Für die „Stadt als Wirtschafts- und Lebensraum“ stellt die Heterogenisierung vornehmlich aufgrund der vermehrt notwendigen Integrationsleistung eine Herausforderung dar. Es sind deutliche Disparitäten zwischen Deutschen und Ausländern bzw. Zugewanderten festzustellen, welche Indikatorfunktion für unzureichende Integration besitzen wie geringere Bildungsbeteiligung und -erfolg, niedrigere Arbeitsmarktbeteiligung und höhere Kriminalitätsra- ten18. Bezüglich der „gebauten Stadt“ ist die sozialräumliche Segregation die zentrale Herausforderung. Die Gründe für Segregation liegen zum einen in der verständlichen sozialen Kohäsion unter Zuwanderern, welche das Einleben erleichtert. Zum anderen aber vor allem daran, dass die Vergabe von Räumen und Wohnungen vorrangig über den Preismechanismus abläuft und somit die oftmals ökonomisch schwachen Zuwanderer zwangsläufig in wenig attraktiven Räumen und Wohnungen leben, welche sich oft durch Desinvestition noch weiter verschlechtern. Hinsichtlich der „politischen Stadt“ bedeutet Heterogenisierung zunächst, dass im deut- schen Rechtssystem viele Einwohner der Stadt von der formellen Beteiligung am politischen Prozess über Wah- len ausgeschlossen sind. Gekoppelt mit sprachlichen Barrieren führt dies auch dazu, dass zunehmend Einwoh- ner die lokalen Geschehnisse weder mitbesprechen noch mitgestalten und oft nicht einmal passiv mitverfolgen können. Wird die Heterogenisierung vorrangig im Zusammenhang mit ethnischen sozialen Konflikten themati- siert, besteht die Gefahr der Polarisierung Vorschub zu leisten (vgl. Mäding 2004, S. 32 f).

Nun drängt sich die Frage auf, wie die Themenstellung vorliegender Arbeit in diese Systematik einzuordnen ist, sprich welche der dargestellten Herausforderungen auf soziale Infrastruktureinrichtungen für Kinder in Städten zutrifft. Es ist festzuhalten, dass die sinkende Kinderzahl, zwangsläufig zu einer sinkenden Nachfrage nach Kin- derbetreuungseinrichtungen führen wird. Andererseits kann aber auch im Bereich der Kinderbetreuung eine Ten- denz zur Vergesellschaftung der Betreuungsdienstleistungen festgestellt werden, da die Zahl Alleinerziehender oder Familien mit zwei berufstätigen Elternteilen zunimmt. Bei dauerhaft niedrigerer Auslastung von Einrichtun- gen kommt es zu veränderten Kosten-Nutzen-Relationen und somit zu finanziellen Mehrbelastungen für die Kommune und evtl. auch für die Eltern. Daraus resultiert die Gefahr, dass es zur Schließung einzelner Einrich- tungen kommt und somit zu einer Ausdünnung des Versorgungsnetzes. Wesentliche Rahmenbedingung dieser Herausforderungen ist die sinkende Finanzkraft der Kommunen, welche durch den demographischen Wandel noch verstärkt wird. Aufgrund der Heterogenisierung ist die Integrationsleistung gerade bei sozialen Infrastruktur- einrichtungen wie Kinderbetreuungseinrichtungen eine zentrale Herausforderung. Vor allem hinsichtlich der sprachlichen Kompetenz sind Disparitäten zwischen den Kindern deutscher oder nicht deutscher Herkunft bzw. mit Migrationshintergrund festzustellen, welche eine Integration erschweren oder gar unmöglich machen. Durch die angesprochenen Prozesse der sozialräumlichen Segregation entstehen Stadteile bzw. Wohnquartiere, in welchen viele sozial Benachteiligte leben und dementsprechend die Stadt besondere Herausforderungen bewäl- tigen muss. In diesem Kontext ist auch eine aktive Mitgestaltung durch die Bürger bei der Entwicklungsplanung der Infrastruktur wichtig. Die eben angerissenen Problemfelder und spezifischen Herausforderungen werden im Folgenden einzeln aufgegriffen und näher beleuchtet. Somit soll eine fundierte Basis für die Entwicklungsplanung der Kinderbetreuungseinrichtungen geschaffen werden.

2.3.2 Auswirkungen auf die soziale Infrastruktur im Kindergartensektor

Eine zentrale Aufgabe der Städte in Deutschland ist es öffentliche Dienstleistungen vorzuhalten, welche für die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Versorgung ihrer Bürger erforderlich sind. Der Bereich der sozialen Infrastruktureinrichtungen umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Erwachsenenbildungseinrichtungen, Krankenhäuser etc. In diesem Kontext wird auch häufig von wohnortnaher Infrastruktur bzw. Wohnfolgeinfrastruktur gesprochen.

Der demographische Wandel und die knappen finanziellen Handlungsspielräume der Kommunen werfen die Frage auf, wie eine flächendeckende Versorgung mit sozialer Infrastruktur in Zukunft sicherzustellen ist. Dementsprechend müssen die Träger öffentlicher Belange und die räumliche Planung sich frühzeitig auf die - jeweils für sie zutreffende raumspezifische Ausprägung - der Bevölkerungsentwicklung, Alterung und Heterogenisierung einstellen und über notwendige Anpassungsstrategien nachdenken.

Bei Überlegungen zur Infrastrukturplanung muss, wie bei vielen Handlungsfeldern des demographischen Wandels, die Stadtteil- oder Stadtquartiersebene betrachtet werden. Denn ausgeprägte Unterschiede bei den Kernbefunden des demographischen Wandels führen folglich auch zu unterschiedlicher Bedarfsentwicklung bzw. - veränderung und daraus resultierenden Konsequenzen für die Kommunen.

Für vorliegende Arbeit wurden beispielhaft soziale Infrastruktureinrichtungen des Typus Kindergarten herausgegriffen. Diese werden nun in ihrer Funktion und den gesetzlichen Rahmenbedingungen vorgestellt. Ferner werden Überlegungen zur Bedarfsentwicklung und -veränderungen angestellt und die Methodik zur Bedarfsplanung angerissen. Die vorhandene Literatur bezieht sich dabei oftmals auf soziale Infrastruktur im Allgemeinen und wurde für vorliegende Arbeit auf Kinderbetreuungseinrichtungen im Speziellen bezogen.

2.3.2.1 Kinderbetreuungseinrichtungen des Typus Kindergarten

Kindertageseinrichtungen sind außerschulische Tageseinrichtungen mit der Funktion der regelmäßigen Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern. Für vorliegende Arbeit ist in erster Linie der Typus Kindergarten relevant, dessen Angebot sich überwiegend an Kinder im Alter von drei Jahren bis zur Einschulung richtet. Hinsichtlich der Trägerschaft der Kinderbetreuungseinrichtungen kann zwischen kommunalen, freigemeinnützigen und sonstigen Trägern unterschieden werden (vgl. Bayerisches Kinderbildungs- und Betreuungsgesetz 2005, S. 2 f).

Die Kinderbetreuung ist durch eine Reihe von Gesetzen geregelt. Relevant sind vor allem das Achte Sozialgesetzbuch (SGB VIII) zur Kinder- und Jugendhilfe und das Bayerische Kinderbildungs- und Betreuungsgesetz (BayKiBiG). Hinzu kommt der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan, welcher die pädagogischen Inhalte für die Kinderbetreuung enthält.

Entscheidend für die Kommunen ist zunächst folgender Satz des SGB VIII: „Die Träger der öffentlichen Jugend- hilfe19 haben im Rahmen ihrer Planungsverantwortung den Bestand an Einrichtungen und Diensten festzustellen, den Bedarf unter Berücksichtung der Wünsche, Bedürfnisse und Interessen der jungen Menschen und der Personensorgeberechtigten für einen mittelfristigen Zeitraum zu ermitteln und die zur Befriedigung des Bedarfs notwendigen Vorhaben rechtzeitig und ausreichend zu planen (SGB VIII § 80)“. Den Kommunen obliegt somit die Planungsverantwortung, welche auch in Art. 6 BayKiBiG20 formuliert ist.

Bezüglich des Umfangs an Kindergartenplätzen ist ebenfalls ein Hinweis im SGB VIII zu finden: „Ein Kind hat vom vollendeten dritten Lebensjahr bis zum Schuleintritt Anspruch auf den Besuch einer Tageseinrichtung (SGB VIII § 24)“. Dabei haben die Träger der öffentlichen Jugendhilfe, darauf hinzuwirken, dass für die genannte Altersgruppe ein bedarfsgerechtes Angebot an Ganztagsplätzen zur Verfügung steht. Das Ziel der Bedarfsplanung im Kindergartenbereich muss daher eine Vollversorgung sein.

Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Tageseinrichtungen gilt für Kinder bis zur Einschulung. Nach §§ 1 und 2 des Bayerischen Kinderbildungs- und Betreuungsgesetzes gehören dazu Kinderkrippen, Kindergär- ten, Kinderhäuser und integrative Kindertageseinrichtungen21. Im Mittelpunkt des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans stehen die Bildungsbedürfnisse, welche die Kinder bis zur Einschulung für ihre optimale Ent- wicklung haben. Der hohe Wert frühkindlicher Bildung wird dabei ausdrücklich unterstrichen. In der Ausführungs- verordnung zum Bayerischen Kinderbildungs- und Betreuungsgesetz sind auf dieser Basis Bildungs- und Erzie- hungsziele formuliert, welche für alle staatlich geförderten Kindertageseinrichtungen verbindlich sind (vgl. Bayeri- sches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen 2006, S. 37). Die zentralen Ziele des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans sind die Stärkung der Kinder, der kindlichen Autonomie und der sozialen Mitverantwortung. Dabei ist insbesondere die Förderung grundlegender Kompetenzen und Ressourcen, welche die Kräfte des Kindes mobilisieren und es zum lebenslangen Lernen befähigen, von Bedeutung. Auch wenn in Kindertageseinrichtungen weiterhin das Spiel grundlegendes pädagogisches Prinzip bleibt, wird im Baye- rischen Bildungs- und Erziehungsplan ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die dort beschäftigten pädagogi- schen Fachkräfte Lernprozesse begleiten (vgl. Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen 2006, S. 9).

Den Kommunen obliegt jedoch nicht nur die Verantwortung für eine bedarfsgerechte Planung, sondern auch die Finanzierungsverantwortung. Da der Betrieb einer Kindertageseinrichtung ohne Förderung i. d. R. nicht möglich ist - die Elternbeiträge würden ansonsten kaum tragbare Höhen annehmen - spielt dies eine entscheidende Rolle. Dabei erfolgt die Förderung kind- und buchungszeitbezogen d.h. sie orientiert sich am individuellen Betreuungsbedarf des Kindes und der von den Eltern gebuchten Betreuungsdauer. Freigemeinnützige und sons- tige Träger haben gegenüber den Gemeinden unter bestimmten Voraussetzungen einen Förderanspruch.

Für die Gemeinde wiederum besteht, für jedes von ihr geförderte Kind, ein Förderanspruch gegenüber dem Staat22. Interessant ist dabei, dass bei der Berechnung des Förderbetrages dem erhöhten Betreuungsbedarf von Kindern mit Migrationshintergrund - meist aufgrund sprachlicher Defizite - Rechnung getragen wird.

Allerdings müssen verschiedene Voraussetzungen für die Förderung erfüllt sein. Zunächst ist wesentlich, dassdie Kommune nach Art. 7 BayKiBiG im Rahmen ihrer örtlichen Bedarfsplanung entscheidet, welchen örtlichen Bedarf sie anerkennt. Die Bedarfsanerkennung der Kommune ist ein Kriterium für die Förderberechtigung. Des Weiteren muss eine Kinderbetreuungseinrichtung eine Betriebserlaubnis besitzen, geeignete Qualitätssiche- rungsmaßnahmen durchführen und nach dem Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan arbeiten, um gefördert werden zu können (vgl. Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen 2005, S. 8 - 10).

2.3.2.2 Überlegungen zur Bedarfsentwicklung bzw. -veränderungen

Bezüglich der Bedarfsentwicklung soll in dieser Arbeit grundsätzlich zwischen quantitativen und qualitativen Aspekten unterschieden werden. Qualitative Bedarfsveränderungen können dabei auch zu quantitativen Bedarfsveränderungen führen.

Entwicklung des quantitativen Bedarfs

Aufgrund der demographischen Entwicklung verändert sich der quantitative Bedarf in sämtlichen Daseinsberei- chen, wobei die Auswirkungen für Wohnfolgeinfrastruktur von den Nutzergruppen abhängig sind. Für die Gruppe der Kinder im Kindergartenalter ist in fast allen Städten ein deutlicher Rückgang in der Gesamtanzahl festzustel- len23. Dieser kann sich jedoch sehr ungleich zwischen den einzelnen Stadtteilen verteilen, sodass auf Stadtteil- ebene verschiedene Ausprägungsmöglichkeiten der Entwicklung dieser Altersgruppe und somit der potentiellen Nutzerzahl der Kinderbetreuungseinrichtungen bestehen. So kann die Kommune mit einer schrumpfenden Kin- derzahl in ausnahmslos allen Stadtteilen konfrontiert sein oder mit einem Nebeneinander von Stadtteilen mit wachsender und schrumpfender Kinderzahl24. Theoretisch ist natürlich auch eine wachsende Kinderzahl in allen Stadtteilen möglich, praktisch wird dies jedoch, vor dem Hintergrund der demographischen Rahmenbedingungen, immer unwahrscheinlicher. Generell ist aufgrund der niedrigen Geburtenhäufigkeit von einem starken Rückgang in dieser Altersgruppe auszugehen, welcher sich in Zukunft durch die kleiner werdende Müttergeneration noch verstärken wird. Die potentielle Nutzerzahl von Kindergärten wird sich daher weiterhin verkleinern. Ausgehend von einer weitgehenden Vollversorgung wird dies in der Folge zu sinkendem quantitativen Bedarf führen25.

Entwicklung des qualitativen Bedarfs

Abgesehen von dem Befund einer schrumpfenden Nutzerzahl führen weitere Aspekte des demographischen (und sozialen) Wandels wie die kulturell-ethnische Heterogenisierung und die Veränderung Haushalts- und Lebens Kindergartenbereich ergeben sich erhöhte Gewichtungsfaktoren für behinderte Kinder und Kinder, deren Eltern beide nicht deutschsprachiger Herkunft sind.

formen zu qualitativen Bedarfsveränderungen. Des Weiteren stellt die zunehmende sozialräumliche Segregation in den Städten - welche oftmals in enger Verbindung mit der Heterogenisierung steht, aber auch sozial schwä- chere (oftmals kinderreiche) deutsche Familien betrifft - spezifische Herausforderungen an Kinderbetreuungsein- richtungen in sozial benachteiligten Stadträumen. In der Folge werden inhaltliche Veränderungen der Betreu- ungsleistung notwendig.

Erstens ist zu erwähnen, dass zunehmend die Forderung nach einer Ganztagsbetreuung und flexibleren Öffnungszeiten im Kindergartenbereich laut wird. Vor allem für Mütter ergeben sich somit Chancen bezüglich beruflicher Aus- und Weiterbildung, Studium, Aufnahme bzw. Erweiterung der Erwerbstätigkeit und vermehrte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Um dem Wunsch der Mütter nach Teilhabe am Erwerbsleben nachzukommen, bei ganztägiger Sicherstellung der Betreuungs- und Erziehungsbedürfnissen der Kinder, wird planerisch von einem Bedarf von 30% Ganztagsplätzen in der Kindergartenerziehung ausgegangen (vgl. Enquete Kommission des Deutschen Bundestages 2002, S. 42).

Ein wichtiger Aspekt ist des Weiteren, dass Kinderbetreuungseinrichtungen den Charakter einer Bildungseinrich- tung besitzen. Die Bertelsmann Stiftung [Hrsg.] ordnet angesichts der komplexen Herausforderungen in den Großstädten der Bildung eine zentrale Rolle zu. Dabei soll bereits im frühkindlichen Alter mit der Förderung ange- fangen werden (vgl. Bertelsmann Stiftung 2006, S. 29). Denn Kinderbetreuungseinrichtungen als wichtiges Sozia- lisationsfeld schulen die Fähigkeit zum lebensbegleitenden Lernen und leisten Beiträge zur kognitiven, emotiona- len und sozialen Bildung. Dementsprechend kommt Kinderbetreuungseinrichtungen neben den familienergän- zenden Aufgaben ein eigenständiger Bildungsauftrag zu26. Kinder, welche im Kindergarten gut pädagogisch be- treut wurden, beginnen die Grundschule mit besseren Lern- und Leistungsvoraussetzungen. Ein wichtiger Faktor stellt dabei die Gruppenerfahrung mit Gleichaltrigen im Kindergarten dar, welche aufgrund der geringen Kinder- zahl im familiären und auch im Wohnumfeld oftmals nicht mehr gegeben ist (vgl. Enquete Kommission des Deut- schen Bundestages 2002, S. 43). Ein zentraler Aspekt ist darüber hinaus die sprachliche Bildung, welche als die wesentliche Kompetenz gilt, um gut auf die Schule vorbereitet zu sein. Für den schulischen Bildungserfolg ist es für Kinder grundlegend, dass sie bei der Einschulung die deutsche Alltagssprache gut beherrschen. Dies gilt auch, wenn deutsch nicht die Muttersprache ist (vgl. Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen 2006, S. 38).

2.3.2.3 Bedarfsplanung sozialer Infrastruktur

Infrastrukturbedarf kann als vorhandene Nachfrage nach einer Infrastrukturleistung in einem bestimmten Zeitintervall, welcher bei entsprechendem Angebot auch realisiert wird, definiert werden. Da sich die Bedarfsplanung stets auf die Zukunft bezieht, handelt es sich genau genommen um den potentiellen Bedarf, der bei entsprechend vorhandenem Angebot realisiert würde (vgl. Gürtler 1977, S. 6 f).

Zur Beurteilung der Versorgungssituation mit Infrastruktur wird in der Stadtplanung bislang in der Regel mit normativen Vorgaben gearbeitet. Diese normativen Vorgaben sind - aller Vorbehalte zum Trotz - üblicherweise Richt- und Orientierungswerte, welche auf quantitative Einwohnergrößen bezogen sind (vgl. Winkel 1989, S. 96). Die am häufigsten verwendete Form der Bedarfsermittlung mit Hilfe von Richtzahlen besteht in der Multiplikation der potentiellen Bedarfsträger mit einer als Richtzahl vorgegebenen Bedarfsnorm (vgl. Gürtler 1977, S. 12). Wie bereits erläutert, kann nach SGB VIII im Kindergartenbereich die Vollversorgung als anzustrebende Bedarfsnorm abgeleitet werden. Die Bedarfsnorm ist daher bei 100% festzulegen. Sie bezieht sich auf Halbtagsplätze27. Ein weiterer Orientierungswert ist die Gruppengröße, welche im Kindergarten bei 25 Kindern liegt.

Der Bedarf an Infrastruktur ergibt sich aus der Abweichung der tatsächlichen Versorgungssituation von der normativ bestimmten Versorgung. Wenn die Versorgungssituation den normativen Vorgaben entspricht, wird von Bedarfssättigung ausgegangen. Bevölkerungsrückgang wirkt sich dementsprechend auf normative Vorgaben aus. Eine rückläufige Bevölkerungs- bzw. Kinderzahl beinhaltet sinkende Nachfragerzahlen, welche mit einem entsprechend geringeren Angebot an sozialer Infrastruktur versorgt werden können. Mit dem Nachfragerrückgang schwächen sich bestehende Versorgungsdefizite ab. Liegt eine ausgeglichene Versorgungssituation vor, entstehen Unterauslastungen (vgl. Winkel 1989, S. 96).

Problematisch am Richtzahlverfahren ist, dass sie qualitative Aspekte kaum erfassen (vgl. Winkel 1989, S. 112). Dabei wird die Qualität sozialer Infrastruktur - gerade auch vor dem Hintergrund des demographischen und sozi- alen Wandels - zunehmend bedeutsamer. Quantitativer Bedarf und qualitative Ausgestaltung sind jedoch nicht grundsätzlich unabhängig voreinander zu sehen. Für viele Infrastrukturbereiche - so auch bei Kinderbetreuungs- einrichtungen - besteht eine wechselseitige Beziehung zwischen quantitativem und qualitativem Versorgungsni- veau. So bieten etwa im Kindergartenbereich kleinere Gruppen, mehr Räume oder mehr Betreuer für die Kinder tendenziell Möglichkeiten für eine qualitativ hochwertigere Versorgung. Deshalb beinhalten Veränderungen des quantitativen Versorgungsniveaus auch die Tendenz von Veränderungen des qualitativen Niveaus der Versor- gung. Allerdings könnten sehr hohe Auslastungsdefizite auch zu Qualitätseinbußen führen. Werden z.B. im Kin- dergarten zu wenige Kinder in einer Gruppe betreut, gefährdet dies den angestrebten Sozialisationseffekt (vgl. Winkel 1989, S. 97).

Eine andere Möglichkeit zur Bedarfsermittlung sind sozialwissenschaftliche Methoden. Dabei werden die Interes- senten für eine Infrastruktureinrichtung durch die Berücksichtigung kognitiver Bedarfskomponenten in Form von Wünschen und Bedürfnissen ermittelt. Diese sind nur durch Befragung der potentiellen Bedarfsträger zu erfas- sen. Im Bereich der Stadtplanung sind verschiedene soziologisch-empirische Arbeiten zur Bedarfsermittlung durch Nutzerbefragung üblich u. a. Bürgerbefragungen, Imageuntersuchungen oder Wohnwunschbefragungen. Folgende Fragentypologie ist dabei häufig vorzufinden: Fragen nach dem Verhalten bzw. zukünftigen Verhalten, Fragen nach Einstellungen und Meinungen z.B. Zufriedenheit mit der Infrastrukturausstattung, Fragen nach Defi- ziten sowie Fragen nach Wünschen. Ob durch diese Fragen (allein) der Infrastrukturbedarf, wie er eingangs die- ses Kapitels definiert wurde, ermittelt werden kann, ist jedoch fragwürdig.

[...]


1 Die Stadt Augsburg ist in 17 Planungsräume unterteilt, welche sich wiederum aus 41 Stadtbezirken zusammensetzten. 2

2 Die Daten des Statistischen Bundesamtes sind ebenfalls die Basis für die Ausführungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung sowie der Enquete Kommission des Deutschen Bundestages, welche in vorliegender Arbeit mehrmals zitiert werden.

3 Hierbei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Mehr als 50% der Neugeborenen in Ostdeutschland sind Kinder von Unverheirateten während es im Westen weniger als 20% sind.

4 In der amtlichen Statistik werden Wanderungen innerhalb einer Gemeinde als Umzüge und Außenwanderungen als Zuzüge oder Fortzü- ge erfasst.

5 Ausländische Frauen weisen eine höhere Geburtenhäufigkeit als deutsche Frauen auf. Im Jahr 2004 lag ihre durchschnittliche Kinder- zahl um 30% höher als bei deutschen Frauen. Dennoch nimmt auch ihr Geburteniveau kontinuierlich ab (Statistisches Bundesamt 2006a, S. 30).

6 Bei alleiniger Betrachtung der deutschen Bevölkerung, liegt die Zahl der Gestorbenen bereits seit 1972 höher als die Zahl der Geborenen (Statistisches Bundesamt 2006a, S. 13).

7 Auf die ebenfalls gut zu erkennenden Unregelmäßigkeiten im derzeitigen Bevölkerungsaufbau Deutschlands, welche auf einschneidende historische Ereignisse z.B. den Zweiten Weltkrieg zurückzuführen sind, wird hier nicht näher eingegangen.

8 Phase 1 = Vortransformationsphase, Phase 2 = Frühtransformationsphase, Phase 3 = Transformationsphase, Phase 4 = Spättransformationsphase, Phase 5 = Posttransformationsphase. Auf Details zu den einzelnen Phasen des demographischen Übergangs wird in der Arbeit nicht näher eingegangen.

9 Annahmen für die Obergrenze der „mittleren Bevölkerung“: fast konstante Geburtenhäufigkeit, Anstieg der Lebenserwartung bei Frauen um 6,5 und bei Männern um 7,6 Jahre, Wanderungssaldo von 200.000 Personen; Annahmen für die Untergrenze der „mittleren Bevölke- rung“: Wanderungssaldo von 100.000 Personen, ansonsten genauso wie bei der Obergrenze (Statistisches Bundesamt 2006, S. 13).

10 Die Sozialwissenschaften verstehen unter Individualisierung im Allgemeinen den Bedeutungsverlust traditioneller Institutionen für die Ausrichtung des Lebensverlaufs. In dem Fall sind die Institutionen „Ehe und Familie“ gemeint (vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsfor- schung 2004, S. 70).

11 Unter Lebensformen werden verschiedene Muster des Zusammenlebens im privaten Lebensbereich verstanden wie z.B. Alleinlebende, nichteheliche Lebensgemeinschaften, verheiratete Paare mit Kindern oder ohne etc. (vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2004, S. 69)

12 Im Mikrozensus 2005 wurden erstmals Fragen zur Identifikation dieser Bevölkerung gestellt. Daraus ergab sich, dass 19% der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund hat, gegenüber einem Ausländeranteil von neun Prozent.

13 Unter Push-Faktoren werden Faktoren in einem Gebiet verstanden, die sich dahingehend auswirken, den Menschen abzustoßen bzw. ihn fernzuhalten. Im Gegensatz dazu ziehen Pull-Faktoren den Menschen an bzw. halten ihn fest (vgl. Kuls, Kemper 2000, S. 199).

14 „Der Median halbiert eine Verteilung mindestens ordinalskalierter Messwerte“ (Bortz; Döring 2005, S. 733). Dementsprechend ist hier die Altersgrenze gemeint, welche die Bevölkerung in zwei gleich große Gruppen teilt.

15 Multivariate Analysemethode, welche Untersuchungsobjekte nach der Ähnlichkeit ihrer Merkmalsausprägungen in möglichst homogene Gruppen aufteilt (vgl. Bortz; Döring 2005, S. 725).

16 Gemäß der Bevölkerungsprognose für die Stadt Augsburg werden im Prognosezeitraum 2000 bis 2015 sechs wachsende Planungsräume elf schrumpfenden Planungsräumen gegenüberstehen, bei insgesamt fast konstanter Einwohnerzahl.

17 Gemessen an der Zahl der Sozialhilfeempfänger ist Armut zwar nach wie vor weiblich, allerdings ist dies heute weniger ein Problem unterversorgter Witwen, sonder betrifft im hohem Maße jüngere Frauen.

18 Als Gegengewicht wird oftmals die gastronomische und kulturelle Bereicherung einer Stadt angeführt, jedoch oft mehr mühsam als wirklich überzeugend.

19 Bei den Trägern der öffentlichen Jugendhilfe wird unterschieden nach örtlichen und überörtlichen Trägern. Örtliche Träger der öffentli- chen Jugendhilfe sind die Landkreise und kreisfreien Städte. Überörtlicher Träger ist in Bayern der Freistaat (vgl. Bayerisches Landesju- gendamt).

20 „Die örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe tragen für die Versorgung mit Plätzen in Kindertageseinrichtungen und in Tagespflege die Gesamtverantwortung für die Planung“ (Bayerisches Kinderbildungs- und Betreuungsgesetz 2005, S. 14).

21 Eine Kindertageseinrichtung gilt als integrativ, wenn sie von bis zu einem Drittel und mindestens von drei behinderten Kindern besucht wird.

22 Die jährliche staatliche Förderung pro Kind ist das Produkt aus Basiswert, Buchungszeit- und Gewichtungsfaktor. Durch den Gewich- tungsfaktor wird für einen erhöhten Bildungs-, Erziehungs- oder Betreuungsaufwand eine erhöhte Förderung gewährt. Bezogen auf den

23 Im Jahr 2002 waren deutschlandweit zwei Millionen Kinder im Kindergartenalter (drei bis sechseinhalb Jahre). Für das Jahr 2015 wird von 1,8 Millionen (Rückgang um elf Prozent) und 2035 von 1,6 Millionen (Rückgang um 22%) ausgegangen (vgl. Walla 2006, S. 117).

24 Laut Prognose der Stadt Augsburg 2000 bis 2015 werden vier Planungsräume eine wachsende Anzahl an Drei- bis Sechsjährigen verbuchen, ein Planungsraum eine gleichbleibende und zwölf Planungsräume eine schrumpfende Anzahl derselben (vgl. Amt für Stadtentwicklung und Statistik 2000).

25 Hinsichtlich der unter Dreijährigen stellt sich die Situation anders dar. Zwar ist auch hier bis 2035 mit einem Rückgang von 20% zurechnen, jedoch dürfte der Bedarf an Betreuungsplätzen für diese Altersgruppe steigen, da die Versorgung mit solchen Plätzen insbesondere in Westdeutschland sehr gering ist. In Westdeutschland werden derzeit drei von 100 Kleinkindern in einer Krippe betreut, während es in Ostdeutschland 37 von 100 sind (vgl. Walla 2006, S. 118).

26 Es gilt inzwischen als gesicherte Erkenntnis, dass Kinder im Kindergartenalter zwischen drei und sechs Jahren eine Fremdsprache akzentfrei erlernen können und auch im musikalischen und mathematischen Bereich spielerische Förderung sinnvoll ist (vgl. Enquete Kommission des Deutschen Bundestages 2002, S. 43).

27 Bezüglich der Ganztagsbetreuung sind keine gesetzlichen Vorgaben zu finden. Der von der Enquete Kommission angenomme planerische Bedarf von 30% kann als Orientierungshilfe dienen.

Details

Seiten
148
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640151219
Dateigröße
4.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92404
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Institut für Geographie
Note
1,00
Schlagworte
Demographischer Wandel Stadtentwicklung Neue Herausforderungen Planung Infrastruktur

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Titel: Demographischer Wandel und Stadtentwicklung - Neue Herausforderungen für die Planung sozialer Infrastruktur