Lade Inhalt...

Wirtschaftskriminalität bei SMEs

Seminararbeit 2007 27 Seiten

BWL - Revision, Prüfungswesen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Erscheinungsformen und Ursachen von Wirtschaftskriminalität
2.1 Fraud Tree
2.2 Fraud Triangle und Fraud Diamond
2.3 Vom theoretischen Ansatz zur individuellen Tat

3 Ausprägungen von Wirtschaftskriminalität
3.1 Ergebnisse der jüngsten Umfragen und Statistiken
3.2 Einfluss der Unternehmensgröße auf Straftaten

4 Spezifika der Wirtschaftskriminalität im Mittelstand
4.1 Kernprobleme und Risikostruktur
4.2 Besondere Bedeutung von Eigentümer- und Managementdelikten
4.3 Einfluss von Unternehmenskultur und internem Kontrollumfeld

5 Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität im Mittelstand
5.1 Präventionsmanagement
5.2 Aufdeckung
5.3 Reaktion im Ernstfall

6 Fazit

Anhang mit Anhangsverzeichnis

Verzeichnis der Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsanweisungen

Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Fraud Tree

Abb. 2: Fraud Triangle

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Zu Wirtschaftskriminalität1 zählen laut polizeilicher Definition „Delikte, die im Rahmen tatsächlicher oder vorgetäuschter wirtschaftlicher Betätigung began- gen werden und über eine Schädigung von einzelnen hinaus das Wirtschaftsle- ben beeinträchtigen oder die Allgemeinheit schädigen können und / oder deren Aufklärung besondere kaufmännische Kenntnisse erfordert.“2 Der International Standard on Auditing (ISA) 240 grenzt sie als beabsichtigte Verstöße in Form von Vermögensschädigungen und Manipulationen der Rechnungslegung ab, welche zu falschen Angaben in der Rechnungslegung führen.3 Eine wirklich aussagefähige Beschreibung des Phänomens erlangt man jedoch nur durch die Betrachtung der komplexen Struktur von Straftaten, ihrer Einflussfaktoren und Folgen. Wirtschaftskriminalität ist ein Problem so alt wie wirtschaftliches Handeln selber, war jedoch nie so präsent wie heute. Die nicht enden wollende Serie immer spektakulärerer Straftaten hat das Thema aus der Tabuzone gezo- gen und ein generelles Bewusstsein der Gefahr in Wirtschaft und Gesellschaft geschaffen, zudem eine Lawine - in ihrer Zweckmäßigkeit bisweilen umstritte- ner - Legislatur wie die Regeln des Sarbanes Oxley Act losgetreten. Das Prob- lem allerdings liegt nach wie vor darin, dass dieses Bewusstsein noch nicht weit genug geöffnet ist und trotz teils Besorgnis erregender Statistiken und Prognosen die eigene Gefahr oft solange schöngeredet und unterschätzt wird, bis es für Prävention zu spät ist. Wirtschaftskriminalität tritt in unterschied- lichsten Formen quer durch alle Branchen und Unternehmensgrößen hindurch auf. Im Rahmen dieser Arbeit soll das Phänomen Wirtschaftskriminalität hin- sichtlich seiner Erscheinungsformen sowie seiner Ursachen und Ausprägungen analysiert werden. Ein besonderer Fokus wird dabei auf den Spezifika mittel- ständischer, also kleiner und mittelgroßer Firmen, so genannter SMEs, sowie dem Vergleich zu Großunternehmen liegen. Mit einer Umsatzbandbreite von etwa einer bis einhundert Millionen Euro sowie bis zu 200 Mitarbeitern weisen SMEs eine sehr spezielle Struktur wirtschaftskrimineller Handlungsmuster auf. Ausgangspunkt der Betrachtung ist im Folgenden die strukturierte Erfassung fraudulenter Straftaten.

2 Erscheinungsformen und Ursachen von Wirtschaftskriminalität

2.1 Fraud Tree

Zur Strukturierung der Delikte existieren eine ganze Reihe unterschiedlicher Modelle, die durch eine differenzierte Abgrenzung der einzelnen Tatbestands- merkmale individuelle und bedarfsgerechte Fraud-Prüfungen ebenso wie funk- tionsfähige Präventiv- und Notfallmaßnahmen ermöglichen sollen. Wohl am geläufigsten und de facto Standard in der professionellen Praxis ist der Fraud Tree4 der Association of Certified Fraud Examiners (ACFE).5 Unter den drei Hauptkategorien Korruption, Vermögensschädigung und Manipulation der Rechnungslegung strukturiert er insgesamt 51 verschiedene, nahezu über- schneidungsfreie Delikte, die unbeeinflusst von unter anderem aufgrund des technischen Fortschritts immer neuen Gefahren das ganze Spektrum wirt- schaftskrimineller Handlungen abdecken. Die wesentlichen Bestandteile des Fraud Tree werden in Abbildung 1 vereinfacht aufgeführt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Fraud Tree

Quelle: Parsow, C. (2006), S. 36.

Die Mehrzahl von 27 der insgesamt 51 erfassten Delikte zählt zu den Vermö- gensschädigungen bei liquiden Mitteln, was bereits eine gewisse Häufigkeit geldnaher Straftaten in der Realität vermuten lässt. Einzigartiges Charakteristi- kum und entscheidender Vorteil des Fraud Tree im Vergleich zu anderen Mo- dellen ist die eindeutige Abgrenzung der drei Hauptkategorien hinsichtlich Täter- und Nutznießerprofil, Umfang, Häufigkeit, Motivation und Wesentlich- keit von Straftaten sowie Größe der betroffenen Unternehmen.6 So ist die Mo- tivation von Rechnungslegungsmanipulationen in aller Regel eine Beeinflus- sung des Aktienkurses zu Gunsten von Unternehmen und Täter, beispielsweise durch Aktienoptionsprogramme oder Bonuszahlungen. Diese, vergleichsweise seltenen Delikte setzen handelbare Aktien und somit meistens eine gewisse Größe des Unternehmens voraus, werden in oberen Managementebenen be- gangen und führen zu sehr hohen Schadenssummen. Vermögensschädigungen hingegen treten in größeren Unternehmen aufgrund meist besser ausgeprägter interner Kontrollsysteme seltener auf. Sie sind ein äußerst häufiges Problem kleiner und mittelgroßer Unternehmen. Mit geringeren Einzelschäden werden sie meist von Angestellten aus persönlichen Motiven begangen. Korruption schließlich nimmt eine Sonderstellung ein. Sie kann in jedem Unternehmen, auf jeder Hierarchiestufe mit unterschiedlichsten Schadenssummen auftreten. Zwingende Voraussetzung ist lediglich das illegale Zusammenspiel zweier Parteien.7

2.2 Fraud Triangle und Fraud Diamond

Die Gründe wirtschaftskrimineller Straftaten sind ein häufig kontrovers disku- tiertes Problem. In Literatur und Praxis hat sich das Modell des Fraud Trinagle, welches auf die Dissertation Donald R. Cresseys aus den 1940er Jahren zu- rückgeht, als herrschende Meinung durchgesetzt.8 Dem Modell zufolge hat jede Straftat genau drei zwingende Voraussetzungen (vgl. Abbildung 2): Es muss eine Gelegenheit zur Tat geben, der Täter muss einen Anreiz oder (meistsubjektiven) Zwang verspüren und schließlich die Tat zumindest vor sich selbst rechtfertigen können. Dabei sind die letzten beiden Komponenten in hohem Maße individueller Natur: Anreize entstehen ne- ben Gier und Neid des Men- schen nicht selten aus wirt- schaftlicher Not, einem zu aufwändigen Lebensstil oder persönlichen Konflikten mit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Fraud Triangle

Quelle: PricewaterhouseCoopers (2005), S. 26.

dem Arbeitgeber.9 Die Rechtfertigung scheint mehr und mehr zur geringsten Hürde der Täter zu werden. Häufigfehlt es an einer adäquaten Vermittlung ethischer Grundsätze in Unternehmen, doch es ist in erster Linie das schwindende Unrechtsbewusstsein aufgrund des allgemeinen Werteverfalls, das den Tätern die Rechtfertigung vereinfacht.10 Somit trifft das Sprichwort „Gelegenheit macht Diebe“ genau den richtigen Ansatzpunkt. Zwar sind die drei Faktoren interdependent verbunden und führt das alleinige Unterbinden der Gelegenheit etwa durch eine ausgeprägte Kon- trollkultur zu keiner Lösung, da eine solche wiederum die subjektive Rechtfer- tigung einer Straftat erleichtern würde. Jedoch reicht bereits der Wegfall einer der Voraussetzungen zur Vermeidung einer Tat. Dabei ist die Gelegenheit für Unternehmen am ehesten beeinflussbar, da sie organisatorisch meist auf das Fehlen oder die Ineffektivität interner Kontrollen zurückzuführen ist.11

Ein jüngerer Ansatz von Wolfe und Hermanson erweitert Cressey’s Modell um die Dimension der individuellen Befähigung zur Durchführung eines Delikts zum Fraud Diamond. Die Gelegenheit öffnet lediglich das Tor zum Delikt, Anreiz und Rechtfertigung können den Täter dazu verleiten; entscheidend je- doch sind Neigung und vor allem Fähigkeit des Täters, dieses Tor als Gelegen- heit zu erkennen und zum eigenen Vorteil zu durchschreiten.12 Aus Sicht der Autoren setze die Befähigung eines Täters eine angemessene Position oder Funktion im Unternehmen voraus und die intellektuelle Kapazität, Schwachstellen des internen Kontrollsystems auszunutzen, zudem ein starkes Ego, großes Selbstvertrauen, nicht entdeckt zu werden, die Fähigkeit, andere zur Beihilfe oder zum Wegsehen zu bewegen und schließlich eine enorme Stressresistenz und die Fähigkeit, effektiv und konsistent zu lügen.13

2.3 Vom theoretischen Ansatz zur individuellen Tat

Wie lassen sich nun die drei beziehungsweise vier theoretischen Voraussetzun- gen einer Straftat auf die Realität übertragen. Was sind die tatsächlichen Grün- de und wie sieht das Täterprofil heutzutage aus? Cressey’s Erkenntnisse, deren Praxisbezug unter anderem auf der Befragung 200 verurteilter Straftäter be- ruhte, wurden auch durch die aktuelle PwC-Studie wieder belegt. Die drei häu- figsten Gründe unternehmensinterner Täter waren demnach ein zu aufwändiger Lebensstil (Anreiz), unzureichende interne Kontrollen (Gelegenheit) sowie ein mangelndes Werte- und Unrechtsbewusstsein (Rechtfertigung).14 Kriminelle Energie als Einflussfaktor tritt nur in den seltensten Fällen (3%) auf.15 Die zu- sätzliche Voraussetzung des Fraud Diamond, die Befähigung, zeichnet sich in einer Reihe signifikanter Korrelationen im durchschnittlichen Täterprofil ab. Die Täter sind meist überdurchschnittlich gebildet, stammen zu mehr als 50%, einschließlich Kollusionen mit Unternehmensexternen ungefähr zu zwei Drit- teln aus den eigenen Reihen16, sind zu 55% seit mehr als fünf Jahren im Unter- nehmen tätig und rund ein Drittel von ihnen besetzt Führungspositionen - an- gesichts des relativ geringen Anteils von Managern an der Gesamtbelegschaft ein ausgesprochen hoher Wert.17 Dieser so genannte Topmanagement-Fraud, der auch häufig aufgrund falscher Anreizstrukturen oder missinterpretierter Unternehmensinteressen begangen wird, zeigt besonders deutlich den signifi- kanten Einfluss der Stellung in der Unternehmenshierarchie auf Art und Scha- densumfang der einzelnen Tat. Manager sind nur in geringem Maße an Ver- mögensschädigungen, jedoch am Großteil der Manipulationen der Rechnungslegung beteiligt. Dabei beträgt laut der jüngsten US-Studie des ACFE der durchschnittliche Schaden bei Management-Fraud das 2,8-fache, bei Eigentü- mer- und Vorstandsdelikten sogar das 13-fache der Delikte „normaler“ Ange- stellter, die mit 78.000$ zu Buche schlagen.18 Ähnliche Ergebnisse liefert diese Studie bei der Betrachtung von Kollusionstaten. Etwa 60% der Straftaten wer- den von Einzeltätern begangen, wobei sich der durchschnittlich verursachte Schaden auf 100.000$ beläuft. In den übrigen 40% der Fälle, in denen zwei oder mehr Täter involviert sind, beträgt die mittlere Schadenssumme fast fünfmal so viel.19 Logische Grundlage des Zusammenhangs ist es, dass neben der höheren Komplexität schwerwiegender Straftaten schon zur Umgehung des Vier-Augen-Prinzips ein Komplize notwendig ist. Insgesamt sind 93% der Tä- ter männlich, zwei Drittel von ihnen zwischen 31 und 50 Jahren alt. Nur die wenigsten sind vorbestraft, jedoch immerhin 14% bereits im eigenen oder in anderen Unternehmen auffällig geworden.20

3 Ausprägungen von Wirtschaftskriminalität

3.1 Ergebnisse der jüngsten Umfragen und Statistiken

Die Schäden, die von Wirtschaftskriminalität verursacht werden, sind enorm. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik betrug der Anteil der 95.887 in 2006 er- fassten Wirtschaftsdelikte an der Gesamtsumme der Straftaten gerade einmal 1,5%, der Anteil am Gesamtschaden mit 4.320 Mio. Euro jedoch 52,7%, was Wirtschaftskriminalität vielmehr zu einem qualitativen als quantitativen Prob- lem macht.21 Zwar existiert eine gewisse Bandbreite der Ausprägungen inner- halb der Studien und Statistiken, jedoch besteht Einigkeit über die tendenziell steigende Zahl der dolosen Handlungen sowie über eine enorme Dunkelziffer. Nach 39% in den vorangegangenen zwei Jahren waren zwischen 2003 und 2005 insgesamt 46% der deutschen Unternehmen betroffen.22 Dieser Anstieg beruht jedoch auch zu einem wesentlichen Teil auf verbesserter Sensibilität und Wachsamkeit der Unternehmen, die zu häufigerer Entdeckung der Straf- taten führen. Die häufigsten Delikte waren dabei klassische Vermögensschädi- gungen wie Diebstahl und Unterschlagung (82%), Untreue (51%) und Betrug (40%), meist in Kombination.23 Zusammen mit Industriespionage und Pro- duktpiraterie, welche ebenfalls zunehmende Gefahren darstellen, verursachten sie zwischen 2003 und 2005 einen durchschnittlichen Schaden von rund 3,4 Mio Euro pro Unternehmen.24 Die Schätzungen des gesamtwirtschaftlichen Schadens haben dabei mittlerweile die Marke von 100 Mrd. Euro überschrit- ten.25 Hierin sind die äußerst schwer zu quantifizierenden, immateriellen Schä- den noch nicht enthalten, von denen 40% der befragten Unternehmen betroffen sind und deren finanzielle Auswirkung unter Umständen weitaus höher als der materielle Schaden ausfallen kann.26 Sie äußern sich durch negative Auswir- kungen auf Reputation, Geschäftsbeziehungen und Mitarbeitermoral.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Die Begriffe Wirtschaftskriminalität und Fraud werden im Folgenden synonym verwendet.

2 Vgl. LKA THÜRINGEN (2007).

3 Vgl. MARTEN, K.-U./QUICK, R./RUHNKE, K. (2007), S. 421.

4 Vgl. ACFE (1996), S. 15; Anhang 1.

5 Vgl. SINGLETON, T. et al. (2006), S. 99. Fingierte Abgrenzung Umsatzerlöse

6 Vgl. SINGLETON, T. et al. (2006), S. 100.

7 Vgl. SINGLETON, T. et al. (2006), S. 100.

8 Vgl. MARTEN, K.-U./QUICK, R./RUHNKE, K. (2007), S. 424; PRICEWATERHOUSECOOPERS(2005), S. 26; SINGLETON, T. et al. (2006), S. 8-9; TURNER, J.L./MOCK, T.J./SRIVASTAVA, R.P. (2003), S. 16.

9 Vgl. EULER HERMES KREDITVERSICHERUNGS-AG (2003), S. 13.

10 Vgl. EULER HERMES KREDITVERSICHERUNGS-AG (2003), S. 12.

11 Vgl. KPMG (2006a), S. 7.

12 Vgl. WOLFE, D.T./HERMANSON, D.R. (2004), The CPA Journal, S. 38-39}.

13 Vgl. WOLFE, D.T./HERMANSON, D.R. (2004), The CPA Journal, S. 39-40}.

14 Vgl. PRICEWATERHOUSECOOPERS (2005), S. 26.

15 Vgl. KPMG (2006b), S. 24.

16 Vgl. ERNST&YOUNG (2003), S. 17.

17 Vgl. SALVENMOSER, S./KRUSE, L.-H. (2006), S. 2.

18 Vgl. ACFE (2006), S. 42.

19 Vgl. ACFE (2006), S. 54.

20 Vgl. KPMG (2006b), S. 14.

21 Vgl. BUNDESKRIMINALAMT (2007), S. 232, Tabelle 7 S. 6.

22 Vgl. PRICEWATERHOUSECOOPERS (2005), S. 7.

23 Vgl. KPMG (2006b), S. 12.

24 Vgl. PRICEWATERHOUSECOOPERS (2005), S. 12.

25 Vgl. EULER HERMES KREDITVERSICHERUNGS-AG (2003), S. 3.

26 Vgl. PRICEWATERHOUSECOOPERS (2005), S. 14.

Details

Seiten
27
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638058315
ISBN (Buch)
9783638956390
Dateigröße
657 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92483
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,0
Schlagworte
Wirtschaftskriminalität SMEs Seminar Rechnungswesen Wirtschaftsprüfung Controlling

Autor

Zurück

Titel: Wirtschaftskriminalität bei SMEs