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Energiebilanzrelevante Lebensstile von Heranwachsenden

Ein multivariater Erklärungsansatz für Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter

Doktorarbeit / Dissertation 2008 307 Seiten

Sport - Sportpädagogik, Didaktik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 ÜbergewichtimKindes-undJugendalter-einschwerwiegendesProblemmit weitreichenden Konsequenzen
2.1 Definition und Diagnoseverfahren
2.1.1 Der BMI - Ein Näherungsmaß zur Ermittlung des Körperstatus
2.1.2 Besonderheiten bei der Klassifikation des Körperstatus mittels BMI im Heranwachsendenalter
2.1.3 Der BMI in parametrischen Verfahren
2.2 Die epidemische Verbreitung kindlichen und juvenilenÜbergewichts.
2.2.1 Weltweite Trends
2.2.1.1 Geographische Muster der HBSC-Studie
2.2.1.2 Lobsteins Zusammenfassung weltweit verfügbarer Daten
2.2.2 Nationale Daten im Kontext globaler Befunde
2.2.3 Zwischenfazit
2.3 Kurz- und langfristige Folgen vonÜbergewicht im Heranwachsendenalter
2.3.1 ,Einmal dick, immer dick?’ - Die Persistenz desÜbergewichts.
2.3.2 Gesundheitsrisiken und komorbide Krankheitsbilder
2.3.2.1 Allgemeine medizinische Nebenwirkungen
2.3.2.2 Metabolische Veränderungen und ihre Folgeerkrankungen
2.3.2.3 Psychosoziale Konsequenzen und psychiatrische Begleiterkrankungen
2.3.3 Zwischenfazit
2.4 Übergewicht im Heranwachsendenalter - ein Fazit

3 Ätiologiedes Übergewichts-einmultifaktoriellesUrsachengeflecht
3.1 Der Genpool
3.2 Energiebilanzrelevante Verhaltensweisen
3.2.1 Ernährungsverhalten
3.2.1.1 Mahlzeitenmuster
3.2.1.2 Lebensmittelverzehr
3.2.1.3 Gesamtenergiezufuhr
3.2.1.4 ,Körperstatus’ = ,Ernährungszustand’ ?
3.2.2 Körperlich-sportliche Aktivität
3.2.2.1 Sportliche Aktivität
3.2.2.2 Alltagsaktivität
3.2.2.3 Das Ausmaß körperlich-sportlicher Aktivität im Kontext aktueller Empfehlungen
3.2.2.4 ,Faule Kinder’ = ,Dicke Kinder’ ?
3.2.3 Medienkonsum
3.2.3.1 Die Medienwelt der Heranwachsenden
3.2.3.2 Mediale Nutzungszeiten - Zeiten körperlicher Inaktivität
3.2.3.3 ,Generation @’ = ,Generation f@t’ ?
3.2.4 Determinanten kindlichen und juvenilen Verhaltens
3.2.5 Energiebilanzrelevantes Verhalten im Kontext übergreifender Lebensstile
3.3 Adipogene Umweltbedingungen
3.3.1 Die soziale Umwelt
3.3.2 Soziostrukturelle Bedingungen
3.4 Ätiologie desÜbergewichts - Bilanz und Konsequenzen

4 Das Konzept der Lebensstile
4.1 Der Lebensstilbegriff im soziologischen Diskurs
4.1.1 Frühe Verwendungen des Lebensstilbegriffs
4.1.2 Das Konzept der Lebensstile im Kontext sozialer Ungleichheit
4.1.3 Kernpunkte soziologischer Lebensstiltheorien
4.2 Das Lebensstilkonzept als Erklärungsansatz gesundheitlicher Ungleichheit
4.3 Energiebilanzrelevante Lebensstile - ein theoretischer Bezugsrahmen .
4.4 Die Verwendung des energiebilanzrelevanten Lebensstilkonzepts im Heranwachsendenalter
4.4.1 Die Lebensphase des Heranwachsendenalters
4.4.2 Kindliche und juvenile Lebensstile im Kontext sozialisations theoretischer Annahmen
4.4.3 Der proto-typische und transitorische Charakter von Lebensstilen im Heranwachsendenalter

5 Forschungsleitende Zielstellungen

6 Die empirische Untersuchung
6.1 Datenerhebung und -aufbereitung
6.1.1 Rekrutierung der Stichproben
6.1.2 Untersuchungsdurchführung
6.1.3 Aufbereitung des Datensatzes
6.2 Die Stichprobenbeschreibung
6.3 Das Erhebungsinstrumentarium
6.4 Statistische Analyseverfahren

7 Ergebnisse
7.1 Körperstatus und energiebilanzrelevante Verhaltensweisen Paderborner Heranwachsender
7.1.1 Körperstatus
7.1.2 Energiebilanzrelevante Verhaltensweisen
7.1.2.1 Zu den Ernährungsgewohnheiten
7.1.2.2 Zur körperlich-sportlichen Aktivität
7.1.2.3 Zur Mediennutzung
7.1.2.4 Beziehungen energiebilanzrelevanter Verhaltensweisen .
7.1.3 Zusammenhänge zwischen energiebilanzrelevanten Verhaltensweisen und Körperstatus
7.1.4 Diskussion und theoretische Einordnung der Ergebnisse zum Körperstatus und zu energiebilanzrelevanten Verhaltensweisen Paderborner Heranwachsender
7.2 Energiebilanzrelevante Lebensstile
7.2.1 Proto-typische Lebensstile männlicher Kinder
7.2.1.1 Lebensstil 1 der männlichen Kinder
7.2.1.2 Lebensstil 2 der männlichen Kinder
7.2.1.3 Lebensstil 3 der männlichen Kinder
7.2.1.4 Lebensstil 4 der männlichen Kinder
7.2.2 Proto-typische Lebensstile weiblicher Kinder
7.2.2.1 Lebensstil 1 der weiblichen Kinder
7.2.2.2 Lebensstil 2 der weiblichen Kinder
7.2.2.3 Lebensstil 3 der weiblichen Kinder
7.2.2.4 Lebensstil 4 der weiblichen Kinder
7.2.2.5 Lebensstil 5 der weiblichen Kinder
7.2.3 Transitorische Lebensstile männlicher Jugendlicher
7.2.3.1 Lebensstil 1 der männlichen Jugendlichen
7.2.3.2 Lebensstil 2 der männlichen Jugendlichen
7.2.3.3 Lebensstil 3 der männlichen Jugendlichen
7.2.3.4 Lebensstil 4 der männlichen Jugendlichen
7.2.3.5 Lebensstil 5 der männlichen Jugendlichen
7.2.4 Transitorische Lebensstile weiblicher Jugendlicher
7.2.4.1 Lebensstil 1 der weiblichen Jugendlichen
7.2.4.2 Lebensstil 2 der weiblichen Jugendlichen
7.2.4.3 Lebensstil 3 der weiblichen Jugendlichen
7.2.4.4 Lebensstil 4 der weiblichen Jugendlichen
7.2.4.5 Lebensstil 5 der weiblichen Jugendlichen
7.2.4.6 Lebensstil 6 der weiblichen Jugendlichen
7.2.4.7 Lebensstil 7 der weiblichen Jugendlichen
7.2.5 Diskussion und theoretische Einordnung der energiebilanzrelevanten Lebensstile
7.2.5.1 Vergleich der vier energiebilanzrelevanten Lebensstiltypologien
7.2.5.2 Die identifizierten Lebensstile im Kontext der Energiebilanz
7.3 Die Ausprägung des Körperstatus innerhalb der energiebilanzrelevanten Lebensstilgruppen
7.3.1 Der SDS-BMI im Gruppenvergleich
7.3.2 Diskussion und theoretische Einordnung der Ergebnisse zur Ausprägung des Körperstatus innerhalb der energiebilanzrelevanten Lebensstilgruppen

8 Energiebilanzrelevante Lebensstile im Kontext derÜbergewichtsforschung Zusammenfassung und Ausblick
8.1 Zusammenfassung
8.1.1 Quintessenz der empirischen Befunde
8.1.2 Theoretische und methodische Reflexion der Untersuchung . . .
8.1.2.1 Theoretische Kapazität der Studie
8.1.2.2 Methodische Reflexion und Grenzen der Untersuchung
8.2 Ausblick

Literaturverzeichnis

A Anhang

B Anhang
B.1 Bildung des Vereinssportindex
B.2 Bildung des Mahlzeitenindex
B.3 Kinder-Fragebogen
B.4 Jugend-Fragebogen

C Anhang
C.1 Ergänzende Ergebnisse zu Kapitel 7.1
C.2 Ergänzende Ergebnisse zu Kapitel 7.2

Abbildungsverzeichnis

2.1 Perzentile für den BMI für Jungen (oben) und Mädchen (unten) im Alter von 0 bis 18 Jahren (modifiziert nach Kromeyer-Hausschild etal., 2001)

2.2 13- und 15-jährige europäische Heranwachsende, die gemäß BMI übergewichtig/adipös sind (Brettschneider & Naul, 2004; erstellt nach Daten von Currie et al., 2004)

2.3 Veränderungen in der Prävalenz vonÜbergewicht (inkl. Adipositas)unter schulpflichtigen Kindern in Studien seit 1970. Die Graphik zeigt Länder, Messverfahren und den Zeitraum der Beurteilung zu Prävalenz- veränderungen. Messverfahren: Cole=Referenzsystem von Cole; 85th und 90th=Perzentile eines lokalen oder des WHO-Referenzsystems; 110%=Prozent des idealen Körpergewichts (lokal definiert). (modifiziert nach Y. Wang & Lobstein, 2006)

3.1 Mediennutzung deutscher Heranwachsender, 1999 bis 2006 (links: 12 bis 19-jährige Jugendliche - täglich bzw. mehrmals pro Woche; rechts: 6- bis 13-jährige Kinder - täglich/fast täglich bzw. ein-/mehrmals pro Woche) (erstellt nach Daten des MPFS, 1999-2006, 1998-2006)

4.1 Schematische Unterteilung energiebilanzrelevanter Lebensstile

7.1 Übergewichts- und Adipositasprävalenzen nach SES und zukünftiger Schulkarriere (Referenzsystem: Kromeyer-Hauschild)

7.2 Clusterzentren der Vier-Cluster-Lösung in der männlichen Kinder-Stichprobe (VSI: Vereinssportindex; EMI: Ernährungsmusterindex; MZI: Mahlzeitenindex; Fernsehen: Durchschnittliche Nutzungsdauer des Fernsehens; E-Games: Durchschnittliche Nutzungsdauer von E-Games)

7.3 Clusterzentren der Fünf-Cluster-Lösung in der weiblichen Kinder-Stich- probe (VSI: Vereinssportindex; EMI: Ernährungsmusterindex; MZI: Mahl- zeitenindex; Fernsehen: Durchschnittliche Nutzungsdauer des Fernsehens; E-Games: Durchschnittliche Nutzungsdauer von E-Games)

7.4 Clusterzentren der Fünf-Cluster-Lösung in der männlichen Jugend Stichprobe (VSI: Vereinssportindex; EMI: Ernährungsmusterindex; MZI: Mahlzeitenindex; Fernsehen: Durchschnittliche Nutzungsdauer des Fernsehens; E-Games: Durchschnittliche Nutzungsdauer von E-Games)

7.5 Clusterzentren der Sieben-Cluster-Lösung in der weiblichen Jugend Stichprobe (VSI: Vereinssportindex; EMI: Ernährungsmusterindex; MZI: Mahlzeitenindex; Fernsehen: Durchschnittliche Nutzungsdauer des Fernsehens; E-Games: Durchschnittliche Nutzungsdauer von E-Games)

7.6 Theoriegeleitete Positionierung der Lebensstilgruppen der vier Teil Stichproben auf einem Energiebilanz-Kontinuum (1-7 = Lebensstile 1-7; Sport/Medien/Mahlzeit = alters- und geschlechtsübergreifende Le- bensstile mit: Sport = maßgeblich überdurchschnittlicher vereinssport- licher Aktivität - Medien = maßgeblich überdurchschnittlichem Me- dienkonsum - Mahlzeit = maßgeblich unterdurchschnittlichen Mahl- zeitenmustern; ♀/♀♀ = altersübergreifende, weibliche Lebensstile mit: ♀ = unterdurchschnittlichem Ernährungsmusterindex bei überdurch- schnittlichem Mahlzeitenindex - ♀♀ = überdurchschnittlichem Ernährungsmusterindex und unterdurchschnittlicher Fernsehnutzung)

C.1 Übergewichts- und Adipositasprävalenzen anhand des Referenzsystemsvon Cole - differenziert nach Stichprobe und Geschlecht

C.2 Elbow-Kriterium zur Bestimmung der Clusteranzahl innerhalb der Stichprobe der männlichen Kinder

C.3 Elbow-Kriterium zur Bestimmung der Clusteranzahl innerhalb der Stichprobe der weiblichen Kinder

C.4 Elbow-Kriterium zur Bestimmung der Clusteranzahl innerhalb der Stichprobe der männlichen Jugendlichen

C.5 Elbow-Kriterium zur Bestimmung der Clusteranzahl innerhalb der Stichprobe der weiblichen Jugendlichen

Tabellenverzeichnis

2.1 Übergewichts- und Adipositasprävalenzen schulpflichtiger Kinder (basierend auf letzten verfügbaren Daten und dem Referenzsystem nach Cole), und Hochrechnungen für 2006 und 2010 (basierend auf populationsgewichteten und auf das Jahr umgerechneten Zunahmen der Prävalenz) (modifiziert nach Y. Wang & Lobstein, 2006)

6.1 Soziodemographische Merkmale der Untersuchungsstichprobe

6.2 Auflistung der Erhebungsinstrumente

7.1 Schrittweise Regressionsanalyse zur Vorhersage des SDS-BMI anhand der Merkmale der sozialen Lage Stichprobe, Geschlecht, SES, zukünftige Schulkarriere und Migrationshintergrund

7.2 Schrittweise Regressionsanalyse zur Vorhersage des Ernährungsmusterindex anhand der Merkmale der sozialen Lage Stichprobe, Geschlecht, SES, zukünftige Schulkarriere und Migrationshintergrund

7.3 Schrittweise Regressionsanalyse zur Vorhersage des Mahlzeitenindex anhand der Merkmale der sozialen Lage Stichprobe, Geschlecht, SES, zukünftige Schulkarriere und Migrationshintergrund

7.4 Vereinsmitgliedschaft und quantitative Merkmale der sportlichen Aktivität im Verein über die Gesamt- sowie die Teil-Stichproben, jeweils differenziert nach Geschlecht

7.5 Schrittweise Regressionsanalyse zur Vorhersage des Vereinssportindex anhand der Merkmale der sozialen Lage Stichprobe, Geschlecht, SES, zukünftige Schulkarriere und Migrationshintergrund

7.6 Schrittweise Regressionsanalyse zur Vorhersage der durchschnittlichen Nutzungsdauer des Fernsehens anhand der Merkmale der sozialen Lage Stichprobe, Geschlecht, SES, zukünftige Schulkarriere und Migrations hintergrund

7.7 Schrittweise Regressionsanalyse zur Vorhersage der durchschnittlichen Nutzungsdauer des Computers anhand der Merkmale der sozialen Lage Stichprobe, Geschlecht, SES, zukünftige Schulkarriere und Migrations hintergrund

7.8 Schrittweise Regressionsanalyse zur Vorhersage der durchschnittlichen Nutzungsdauer der Spielkonsolen anhand der Merkmale der sozialen Lage Stichprobe, Geschlecht, SES, zukünftige Schulkarriere und Migrationshintergrund

7.9 Partielle Korrelationen zwischen den energiebilanzrelevanten Verhaltensweisen bei Kontrolle der Merkmale der sozialen Lage sowie derjeweiligen anderen Verhaltensweisen

7.10 Partielle Korrelationen zwischen SDS-BMI und dem Verzehr ausgewählter Lebensmittel bei Kontrolle der Merkmale der sozialen Lage sowie Mediennutzung und Sport (Die Skalierung des Lebensmittelverzehrs entspricht den Empfehlungen des Präventionskonzepts der ,Optimier-ten Mischkost’: 0 = abträglich; 1 = angemessen; 2 = optimal)

7.11 Partielle Korrelationen zwischen SDS-BMI und der regelmäßigen Ein-

nahme der Mahlzeiten bei Kontrolle der Merkmale der sozialen Lage sowie Mediennutzung und Sport (Codierung der Mahlzeiten: 1 = nein, 2 = ja)

7.12 Partielle Korrelationen zwischen SDS-BMI und der durchschnittlichen Nutzungsdauer von Fernseher, Computer und Spielkonsole bei Kontrol- le der Merkmale der sozialen Lage sowie Ernährungsverhalten, Sportund der jeweils anderen Medien

7.13 F-Werte (Varianzen) der Vier-Cluster-Lösung in der männlichen Kinder Stichprobe

7.14 Schrittweise Diskriminanzanalyse zurÜberprüfung der prädiktiven Bedeutsamkeit der soziostrukturellen Merkmale SES, zukünftige Schulkar- riere und Migrationshintergrund sowie des Alters im Vier-Gruppen-Fallin der männlichen Kinder-Stichprobe

7.15 Ausprägungen der soziostrukturellen Merkmale in den vier proto-ty-pischen Lebensstilen der männlichen Kinder-Stichprobe (Angaben in%)

7.16 F-Werte (Varianzen) der Fünf-Cluster-Lösung in der weiblichen Kinder Stichprobe

7.17 Schrittweise Diskriminanzanalyse zurÜberprüfung der prädiktiven Bedeutsamkeit der soziostrukturellen Merkmale SES, zukünftige Schulkar- riere und Migrationshintergrund sowie des Alters im Fünf-Gruppen-Fallin der weiblichen Kinder-Stichprobe

7.18 Ausprägungen der soziostrukturellen Merkmale in den fünf proto-typi-schen Lebensstilen der weiblichen Kinder-Stichprobe (Angaben in %)

7.19 F-Werte (Varianzen) der Fünf-Cluster-Lösung in der männlichen Jugend-Stichprobe

7.20 Schrittweise Diskriminanzanalyse zurÜberprüfung der prädiktiven Bedeutsamkeit der soziostrukturellen Merkmale SES, zukünftige Schulkar- riere und Migrationshintergrund sowie des Alters im Fünf-Gruppen-Fallin der männlichen Jugend-Stichprobe

7.21 Ausprägungen der soziostrukturellen Merkmale in den fünf transitorischen Lebensstilen der männlichen Jugend-Stichprobe (Angaben in%)

7.22 F-Werte (Varianzen) der Sieben-Cluster-Lösung in der weiblichen Jugend-Stichprobe

7.23 Schrittweise Diskriminanzanalyse zurÜberprüfung der prädiktiven Bedeutsamkeit der soziostrukturellen Merkmale SES, zukünftige Schulkar- riere und Migrationshintergrund sowie des Alters im Sieben-Gruppen Fall in der weiblichen Jugend-Stichprobe

7.24 Ausprägungen der soziostrukturellen Merkmale in den sieben transitorischen Lebensstilen der weiblichen Jugend-Stichprobe (Angaben in%)

7.25 Mittelwerte und Standardabweichungen des SDS-BMI in den Lebens stilgruppen der vier Teil-Stichproben

7.26 Varianzanalysen zurÜberprüfung von Unterschieden in der Ausprägungdes SDS-BMI zwischen den Lebensstilgruppen der vier Teil-Stichproben der männlichen und weiblichen Kinder sowie männlichen und weiblichen Jugendlichen

A.1 Internationale Cut-off-Punkte für den BMI fürÜbergewicht und Adipositas für zwei bis 18-Jährige Jungen und Mädchen; definiert sind diese Punkte nach demÜbergang zum BMI von 25 kg m [2] und[30] m g [2] imAlter von [18] Jahren; entstanden sind sie durch Mittelwertbildung von Datenaus Brasilien, Großbritannien, Hong Kong, den Niederlanden, Singapurund den USA (modifiziert nach Cole, Bellizzi, Flegal & Dietz, [2000]) . [243] A.[2] Perzentile für den BMI (in kg m [2] )vonJungenimAltervon[0]bis[18]Jahren (Kromeyer-Hausschild, [2005]) [244] A.[3] Perzentile für den BMI (in kg m [2] )vonMädchenimAltervon[0]bis[18] Jahren (Kromeyer-Hausschild, [2005]) [245]

C.[1] Schrittweise Regressionsanalyse zur Vorhersage der regelmäßigen Einnahme einzelner Mahlzeiten anhand der Merkmale der sozialen Lage Stichprobe, Geschlecht, SES, zukünftige Schulkarriere und Migrations- hintergrund (Die regelmäßige Einnahme der einzelnen Mahlzeiten alsjeweils abhängige Variable ist codiert mit [1] = nein und [2] = ja) [282]

C.2 Bivariate Korrelationen zwischen den in die Clusteranalyse einbezogenen z-transformierten energiebilanzrelevanten Merkmalen in der Stichprobe der männlichen Kinder zurÜberprüfung ihrer Gleichgewichtung . 283

C.3 Ausprägungen des Lebensmittelverzehrs in den Lebensstilgruppen 2und 3 der männlichen Kinder (Die Skalierung des Lebensmittelverzehrs entspricht den Empfehlungen des Präventionskonzepts der ,Optimierten Mischkost’: 0 = abträglich; 1 = angemessen; 2 = optimal)

C.4 Bivariate Korrelationen zwischen den in die Clusteranalyse einbezogenen z-transformierten energiebilanzrelevanten Merkmalen in der Stichprobe der weiblichen Kinder zurÜberprüfung ihrer Gleichgewichtung 284

C.5 Ausprägungen des Lebensmittelverzehrs in den Lebensstilgruppen 1 bis 5 der weiblichen Kinder (Die Skalierung des Lebensmittelverzehrs ent- spricht den Empfehlungen des Präventionskonzepts der ,Optimierten Mischkost’: 0 = abträglich; 1 = angemessen; 2 = optimal)

C.6 Bivariate Korrelationen zwischen den in die Clusteranalyse einbezogenen z-transformierten energiebilanzrelevanten Merkmalen in der Stich- probe der männlichen Jugendlichen zurÜberprüfung ihrer Gleichge wichtung

C.7 Ausprägungen des Lebensmittelverzehrs in den Lebensstilgruppen 2, 4 und 5 der männlichen Jugendlichen (Die Skalierung des Lebensmittelverzehrs entspricht den Empfehlungen des Präventionskonzepts der,Optimierten Mischkost’: 0 = abträglich; 1 = angemessen; 2 = optimal) 287

C.8 Bivariate Korrelationen zwischen den in die Clusteranalyse einbezogenen z-transformierten energiebilanzrelevanten Merkmalen in der Stich- probe der weiblichen Jugendlichen zurÜberprüfung ihrer Gleichgewichtung

C.9 Ausprägungen des Lebensmittelverzehrs in den Lebensstilgruppen 1, 3, 4, 5 und 7 der weiblichen Jugendlichen (Die Skalierung des Lebensmittelverzehrs entspricht den Empfehlungen des Präventionskonzepts der,Optimierten Mischkost’: 0 = abträglich; 1 = angemessen; 2 = optimal) 288

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

Die vorliegende Arbeit ist das Ergebnis meiner Forschung im Rahmen des Stipendienprogramms zur Förderung von Promotionen im Bereich des Kinder- und Jugendsports, das von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung initiiert und gefördert wurde. Die Vollendung dieser Dissertation wäre nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung zahlreicher Personen.

Zuallererst gilt mein besonderer und herzlicher Dank meinem Doktorvater Prof. Dr. Wolf-Dietrich Brettschneider. Bereits zu Studienzeiten ermöglichte er mir, in seiner Arbeitsgruppe mitzuwirken, und hat mich seitdem kontinuierlich gefördert. Er gab mir die Gelegenheit, in einem von der Europäischen Kommission finanzierten Projekt mitzuarbeiten. Und er war derjenige, der mich überzeugte, die zugrunde liegende Idee dieses Projekts zu verfolgen und zu diesem Thema zu promovieren. Für seine Förderung und Unterstützung in den Jahren der Zusammenarbeit und insbesondere in den letzten dreieinhalb Jahren der Promotion bin ich ihm außerordentlich dankbar.

Des Weiteren habe ich die Arbeitsatmosphäre in unserer Arbeitsgruppe die ganzen Jahre sehr genossen und bin dankbar für die unzähligen produktiven Diskussionen und Gespräche, die ich mit meinen Kollegen führen durfte. Insbesondere möchte ich meinen Dank Prof. Dr. Hans Peter Brandl-Bredenbeck und Dr. Erin Gerlach ausspre- chen, die für mich neben Wolf-Dietrich Brettschneider maßgebliche persönliche und berufliche Wegbegleiter waren. Auch Meike Zöpnek gilt mein Dank - nicht nur für das Korrekturlesen der Arbeit, sondern insbesondere für ihre ansteckende Fröhlich- keit. Jedes Mal, wenn mich Sorgen plagten, schaffte sie es binnen Sekunden, ’mir alle Sorgenfalten aus dem Gesicht zu bügeln’.

Nicht zu vergessen sind die Kinder und Jugendlichen, die sich bereit erklärten, mich an ihrem Leben in Auszügen teilhaben zu lassen. Ohne ihre Mitwirkung gäbe es den vorliegenden Datensatz und somit auch die vorliegende Arbeit nicht, weshalb ich mich auch bei ihnen bedanken möchte. Die Befragung der Schüler war wiederum nur durch die Unterstützung seitens der Schulleitungen, der beteiligten Lehrer und der Interviewer möglich, für deren Engagement ich mich ebenfalls bedanke.

Maßgeblich zu Dank verpflichtet bin ich der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach- Stiftung für ihr Engagement im Bereich der Wissenschaft und insbesondere für ih- re Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Im Rahmen des Stipendienpro- gramms zur Förderung von Promotionen im Bereich des Kinder- und Jugendsportshat die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung meine Promotion finanziell ermöglicht und begleitet. Ich hoffe, dass dieses Privileg auch zukünftigen Promo- tionsstudenten im Bereich der Sportwissenschaft zukommt und sie die Möglichkeit bekommen, an diesem hervorragenden Förderprogramm teilhaben zu können.

Abschließend möchte ich dieses Vorwort nutzen, um auch meiner Familie Dank zu sagen: Ein Dankeschön, das nicht nur für Euren Rückhalt, Eure Unterstützung und Eure Ermunterungen in beruflichen Belangen wie dieser Dissertation steht. Ich bin Euch zutiefst dankbar, dass Ihr so liebenswürdige Menschen seid, die immer für mich da sind und mein Leben begleiten - Mutti, Papa und Ela. Der wichtigste Dank am Schluss gilt Ingmar. Danke für alles. Du bist für mich der größte Schatz auf Erden.

1 Einleitung

Lange Zeit galten Kindheit und Jugend als Inbegriffe von Gesundheit und Fitness. Die Medien haben diesen ,,Mythos der besonderen Vitalität und gesundheitlichen Stärke von Kindern und Jugendlichen” (Hurrelmann, 2000, S. 1) in den letzten Jahren nicht nur relativiert. Sie stellen die junge Generation als gesundheitlich höchst gefährdet dar. Die Bild titelte kürzlich ,,Depressionen,Ängste, Aggressionen. Ein Fünftel aller Kinder ist psychisch krank”. Ebenso waren Schlagzeilen zu lesen wie ,,Kleine Kinder, große Sorgen” (Die Zeit) oder ,,Jugend wird zum unbeweglichen Speckberg” (Die Tageszeitung - Ausgabe NRW).

Wenngleich die mediale Aufbereitung häufig Schreckenszenarien gleicht, basiert die Feststellung einer veränderten gesundheitlichen Lage der jungen Generation auf fun- dierten Erkenntnissen. Während ’klassische’ Krankheitsindikatoren wie infektionsbe- dingte Krankheiten weitgehend zurück gedrängt sind, bereiten insbesondere psycho- und soziosomatische Störungen Sorge, die in den letzten 20 Jahren zunehmende Inzi- denzraten verzeichnen (Remschmidt, 1997; zitiert nach Hurrelmann, 2002b).

Zu den bedeutendsten gesundheitlichen Beeinträchtigungen werden Fehlsteuerungen des Immunsystems gezählt, die sich insbesondere in Allergien manifestieren. Ebenso bedeutsam sind Fehlsteuerungen der Sinneskoordination, die ihren Ausdruck vor al- lem in Koordinationsproblemen finden, und der Konsum psychoaktiver Substanzen. Des Weiteren gilt eine unzureichende Bew ä ltigung von psychischen Beanspruchungen und sozialen Anforderungen als gesundheitliche Beeinträchtigung. Sie ist für einen Anstieg psychischer und psychosomatischer Störungen wie Nervosität, Kopfschmer- zen, Magenschmerzen und depressiven Störungen, aber auch für nach außen gerich- tete Störungen wie Hyperaktivität, Aggressivität und Gewalttätigkeit verantwortlich. Als letzter wesentlicher Bereich werden Störungen der Nahrungsaufnahme und des Ern ä hrungsverhaltens angeführt, die in Kombination mit verbreiteter Bewegungsar- mut zuÜbergewicht führen (Hurrelmann, 2002b).

Besonderes Augenmerk in dieser gesundheitlichen Diskussion erfahren in jüngster Zeit die steigenden Übergewichts- und Adipositasprävalenzen. Während sich viele Wissenschaftler zu Beginn des Jahrtausends noch sicher in der Ursachenzuweisung waren, stellt James im Jahr 2006 fest, dass unser Wissen über die Hintergründe der steigendenÜbergewichts- und Adipositasprävalenzen rudimentär ist. Fest steht einzig, dass die Verbreitung - sowohl im Heranwachsenden- als auch Erwachsenenalter - epi-

demische Ausmaße erreicht hat undÜbergewicht und Adipositas ,,eines der größten Risiken für Gesundheit und seelisches Wohlergehen der Menschen im 21. Jahrhundert” bilden (Robert Koch-Institut: RKI, 2006, S. 27). Sowohl das epidemische Ausmaß als auch die Erkenntnis, nicht genau zu wissen, weshalb sichÜbergewicht und Adipositas epidemisch verbreiten, veranlassen James zu deren Charakterisierung als einer ,,new public health crisis” (2005, S. V). 2006 verweist er auf eine globale Allianz von fünf medizinischen Gesellschaften - die International Paediatric Association, International Union of Nutritional Sciences, World Heart Federation, International Diabetes Fede- ration und die International Association for the Study of Obesity - die ihren Fokus auf kindliche und juvenile Adipositas als ihre höchste Priorität gerichtet haben.

Obwohl die Prävalenzraten vonÜbergewicht und Adipositas in der Erwachsenenpo- pulation diejenigen der Heranwachsenden weit überschreiten und erhöhte Morbidität und Mortalität vor allem im Erwachsenenalter zu verzeichnen sind, sprechen mehrere Argumente für eine Fokussierung auf kindliche und juvenile Adipositas. Diese Argu- mente stehen alle im Zusammenhang mit der generellenÜbereinkunft, dass für eine Umkehrung des epidemischen Anstiegs vonÜbergewicht und Adipositas Präventi- onsstrategien effektiver sind als therapeutische (Neovius, Linné, Barkeling & Rössner, 2004). Zum einen weisen kindliches und juvenilesÜbergewicht ein persistierendes Mus- ter auf ebenso wie sie langfristig Erkrankungen im Erwachsenenalter zur Folge haben, weshalb es unumstößlich ist, mit Präventionsmaßnahmen bereits in jungen Jahren zu beginnen. Zum anderen sprechen sich Sahota et al. dafür aus, dass Präventionsstra- tegien am Besten auf Heranwachsende gerichtet sein sollten, ,,because adult obesity is difficult to treat” (2001, S. 1; in Anlehnung an Dietz, 1992; Garrow, 1991; WHO, 1997). Nicht zuletzt könnte dies darauf zurückzuführen sein, that ,,it is more difficult to accomplish changes in lifestyle in adulthood” (Guo, Roche, Chumela, Gardner & Siervogel, 1994, S. 810; in Anlehnung an Brownell, 1982; Rees, 1990) - eine mögliche Ursache, an der trotz ungeklärterÄtiologie festgehalten wird.

Wenngleich die Erwachsenen stärker vonÜbergewicht und Adipositas und ihren Folgeerkrankungen betroffen sind als Heranwachsende und die Bedeutsamkeit der an- deren genannten Gesundheitsbereiche in keinster Weise bagatellisiert werden soll, wird sich diese Arbeit aufgrund der Rahmenbedingungen der Forschungsförderung auf den Bereich beschränken, dem von fünf medizinischen Gesellschaften höchste Priorität beigemessen wird. Die Arbeit wird einen multivariaten Erklärungsansatz für das Auf- treten vonÜbergewicht und Adipositas im Heranwachsendenalter präsentieren, um auf Basis dieses Wissens fundierte Empfehlungen für zukünftige Präventionsstrategien auszusprechen.

Die Struktur der Arbeit:

In Kapitel 2 wird zunächst das Problemfeld skizziert. Nachdem im ersten TeilÜbergewicht und Adipositas definitorisch voneinander abgegrenzt und verschiedene Diagnoseverfahren vorgestellt werden, werden im zweiten Abschnitt weltweite und nationale Trends der Verbreitung kindlichen und juvenilenÜbergewichts dargestellt. Die im darauf folgenden Unterkapitel erläuterten kurz- und langfristigen Folgen, die mit Übergewicht im Heranwachsendenalter einhergehen, werden verdeutlichen, weshalb dieser Thematik höchste Priorität beigemessen wird.

Wie bereits oben beschrieben, sind die Ursachen für den epidemischen Anstieg der Übergewichts- und Adipositasprävalenzen ungeklärt. In Kapitel 3 wird der ’state of the art’ der Ursachenforschung aufgezeigt. Ausgehend von der Tatsache, dass sichÜber- gewicht und Adipositas auf Basis einer chronisch positiven Energiebilanz entwickeln, werden alle Faktoren diskutiert, die an der Energiebilanz beteiligt sind. Die Unter- gliederung des multifaktoriellen Ursachengeflechts erfolgt nach drei Teilbereichen: den Genen, den energiebilanzrelevanten Verhaltensweisen und den adipogenen Umweltbe- dingungen. Abschließen wird das Kapitel mit einer bilanzierenden Betrachtung des multifaktoriellen Ursachengeflechts sowie daraus resultierenden Konsequenzen für die Anlage der empirischen Untersuchung.

Kapitel 4 widmet sich dem Konzept der Lebensstile, das vor dem Hintergrund der aktuellen Befundlage zur Ätiologie des Übergewichts den geeigneten theoretischen Rahmen dieser Arbeit darstellt. Aufbauend auf mehreren soziologischen und einem gesundheitsrelevanten Lebensstilkonzept wird ein Lebensstilkonzept entworfen, das auf die Energiebilanz rekuriert und dessen Erklärungspotential auf eine Erweiterung des Wissens um dieÄtiologie vonÜbergewicht und Adipositas im Kindes- und Ju- gendalter zielt. Aufgrund der diffizilen Verwendung des Lebensstilbegriffs in der Phase des Heranwachsendenalters wird im letzten Abschnitt dieses Kapitels eben jene Phase des Lebenslaufs näher erläutert und in einen sozialisationstheoretischen Rahmen ein- gebettet, der eine Verwendung des Lebensstilbegriffs bereits in der späten Kindheit und im Jugendalter legitimiert.

Resultierend aus dem ’state of the art’ der Ursachenforschung, den daraus abgelei- teten Bedingungen für die Anlage einer empirischen Untersuchung sowie der Entwick- lung eines energiebilanzrelevanten Lebensstilkonzepts als theoretische Rahmenkonzep- tion werden in Kapitel 5 die forschungsleitenden Zielstellungen formuliert. Diese gehen der Bedeutung energiebilanzrelevanter Lebensstile im Kontext derÜbergewichtsdis- kussion nach und tragen zur Strukturierung der empirischen Untersuchung bei.

Kapitel 6 skizziert das methodische Vorgehen der empirischen Untersuchung. In ihm werden Datenerhebung und -aufbereitung geschildert ebenso wie die Stichpro- be beschrieben wird. Des Weiteren werden die für die Datenerhebung verwendeten Instrumente und die zur Auswertung herangezogenen statistischen Analyseverfahren vorgestellt.

Das Kapitel 7 bildet den Ergebnisteil dieser Arbeit. Der erste Abschnitt dient vor- nehmlich der Darstellung der erhobenen Merkmale. Während dieser Absatz auch als Teil einer Sozialberichterstattung gesehen werden kann, ist seine Notwendigkeit in der Einordnung der Ergebnisse in die aktuelle Befundlage begründet. Die Aussagekraft der Daten wird somit in diesem Unterkapitel geprüft. Dem Kern dieser Arbeit wird im darauf folgenden Abschnitt nachgegangen. Dieser widmet sich der Identifikati- on energiebilanzrelevanter Lebensstile im Heranwachsendenalter. Die Rekonstruktion der Lebensstile erfolgt dabei getrennt nach den sozialen Lebensbedingungen Alter und Geschlecht. Das letzte Unterkapitel untersucht die Fragestellung, inwiefern zwischen den identifizierten energiebilanzrelevanten Lebensstilen Unterschiede hinsichtlich der Ausprägung des Körperstatus der Heranwachsenden existieren. Die Diskussion und theoretische Einordnung der Befunde erfolgt jeweils am Ende der einzelnen Abschnit- te.

Abschließen wird die Arbeit mit Kapitel 8, in dem die wichtigsten empirischen Befunde zusammengefasst und beurteilt werden. Die theoretische Kapazität der Stu- die wird in dieser Zusammenfassung ermessen. Desgleichen wird sie einer methoden- kritischen Betrachtung unterzogen, ebenso wie die mit diesem Ansatz einhergehen- den Grenzen aufgezeigt werden. Ein Ausblick mit Empfehlungen für zukünftige For- schungsarbeiten und interventorische Maßnahmen beschließt diese Dissertation.

2 Übergewicht im Kindes- und Jugendalter - ein schwer wie- gendes Problem mit weitreichenden Konsequenzen

2.1 Definition und Diagnoseverfahren

In der öffentlichen Diskussion werden die BegriffeÜbergewicht und Adipositas häufig synonym genutzt. Wie im weiteren Verlauf der Arbeit zu sehen sein wird, wird auch in der wissenschaftlichen Literatur nicht immer zwischen diesen Termini differenziert. Politische Interessen könnten der Grund für diese unpräzise Nutzung sein. Wie in Ka- pitel 2.3.2 herausgestellt wird, treten viele gesundheitlichen Folgen nur bei adipösen Personen auf. Nicht selten werden diese Folgen genannt - fälschlicherweise im Zu- sammenhang mitÜbergewichtszahlen. Da die BegriffeÜbergewicht und Adipositas medizinisch eine unterschiedliche Bedeutung haben, eine synonyme Verwendung folg- lich nicht korrekt ist und diese Arbeit einem Erkenntnisgewinn nachstrebt und keine politischen Interessen verfolgt, werden sie für die weitere Verwendung innerhalb dieser Arbeit definitorisch voneinander abgegrenzt.

Des Weiteren existiert eine Vielzahl an Verfahren zur Diagnose vonÜbergewicht und Adipositas, die sich sowohl in ihrer Anwendung als auch in ihren Ergebnissen gravierend unterscheiden. Um die in den nachfolgenden Kapiteln vorgestellten Präva- lenzraten einordnen zu können, ebenso wie ein argumentatives Fundament für die Verwendung eines Diagnoseverfahrens im empirischen Teil dieser Arbeit zu schaffen, werden an dieser Stelle die Vor- und Nachteile einzelner Diagnoseverfahren erläutert.

Definition

In Anlehnung an Kromeyer-Hausschild (2005, S. 4) besteht eine Adipositas, ,,wenn der Anteil des Fettgewebes an der Gesamtkörpermasse über eine definierte Grenze kritisch erhöht ist.” Umgangssprachlich werden deshalb nicht selten auch die Begriffe ,Fettleibigkeit’ und ,Fettsucht’ als Synonym für eine vorliegende Adipositas verwendet (z.B. Blech, 2004). In dieser Arbeit wird von letztgenannten Begriffen jedoch Abstand genommen, da sie zum einen stigmatisieren könnten; zum anderen unterstellt der Begriff ,Fettsucht’ eine ,Sucht nach Fett’, deren kausale Wirkung in Kapitel 3.2.1 zu diskutieren sein wird. Im Gegensatz zur Adipositas istÜbergewicht unabhängig von der Fettmasse. Es liegt vor, ,,wenn das körperhöhenbezogene Körpergewicht ein bestimmtes Maß übersteigt.” (Kromeyer-Hausschild, 2005, S. 4). Während Adipöse in der Regel auch übergewichtig sind, gilt die andere Richtung nicht zwangsläufig.

Soll ermittelt werden, ob ein Individuum adipös ist, muss nach oben aufgeführter Definition in einem ersten Schritt der prozentuale Körperfettanteil ermittelt werden. In einem zweiten Schritt ist die Verwendung eines Referenzsystems notwendig, anhand dessen überprüft werden kann, ob der ermittelte Körperfettanteil erhöht ist.

Diagnoseverfahren

Zu den Diagnoseverfahren zur Schätzung der Körperzusammensetzung, die in der Pädiatrie eingesetzt werden können, zählt Fusch (2005) die Dual-X-ray-Absorptio- metrie (DXA), Stabile Isotope, Hautfaltendicke, Bioelektrische Impedanzanalyse (BIA) und Body Mass Index (BMI). Weitere - im Erwachsenenalter darüber hinaus heran- gezogene - Verfahren wie Unterwasserdensitometrie, TOBEC, K-40-Methode, Magne- tresonanztomographie (MRI/MRS) und In-vitro-Neutronen-Aktivierungsanalyse (IV- NAA) stuft Fusch für einen Einsatz bei Kindern und Jugendlichen als ungeeignet ein. Auf sie wird daher - im Gegensatz zu den von ihm empfohlenen Verfahren - im Fol- genden nicht näher eingegangen. Die Bestimmung der Körperzusammensetzung über Messung von Körperumfängen wird von Fusch nicht diskutiert. Aufgrund der Aktua- lität dieses Verfahrens wird es in den nachfolgenden Ausführungen berücksichtigt.

DXA und Stabile Isotope sind den Labormethoden zuzuordnen, denen positiv zu- zuschreiben ist, dass sie einen sehr geringen Standardfehler in der Einschätzung auf- weisen (SEE). Lohman und Milliken (2003) zufolge beträgt dieser 2% bis 3% für den prozentualen Fettanteil. Nachteilig an Labormethoden ist der hohe Aufwand, die Komplexität und der damit verbundene hohe Kostenfaktor. Im Gegensatz zur häufi- gen Nutzung bei medizinischen Fragestellungen, ist die Verwendung dieser Verfahren in epidemiologischen Studien nicht zu verwirklichen (Cole et al., 2000).

Hier wird vor allem auf Feldmethoden zurück gegriffen, die preiswert und geeignet für die Anwendung bei großen Populationen sind. Zu diesen Verfahren zählen die vier anderen Methoden Messung der Hautfaltendicke, Messung von Körperumfängen, BIA und BMI. Den Feldmethoden gemein ist, dass sie mit größeren SEEs behaftet sind als die Laborverfahren. So liegt der mittlere SEE für den prozentualen Körperfettanteil bei Feldmethoden bei 3% bis 4% (Lohman & Milliken, 2003). Während Hautfalten- dicke, Körperumfänge und BIA den für Feldmethoden geringsten SEE aufweisen, ist die Bestimmung des Körperstatus anhand des BMI im Gegensatz dazu mit einem SEE von 4% bis 6% verbunden. Allerdings variiert der SEE bei Verwendung des BMI zwischen den Gewichtsbereichen. Während unterschiedliche BMI-Werte bei schlanken Heranwachsenden weitgehend auf die fettfreie Körpermasse zurückzuführen sind und folglich einen höheren SEE für den prozentualen Fettanteil bedingen, korrelieren hohe

2.1 Definition und Diagnoseverfahren 9

altersspezifische BMI-Werte auf hohem Niveau mit der Körperfettmasse (Freedman et al., 2005). Die Prädiktion des Körperfettanteils mittels BMI im oberen Gewichtsbereich ist folglich ebenso mit einem niedrigeren SEE behaftet wie bei Prädiktion anhand der Verfahren BIA, Hautfaltendicke und Körperumfänge (Lazarus, Baur, Webb & Blyth, 1996; M. C. Wang & Bachrach, 1996).

Die BIA ermittelt die Körperzusammensetzung in erster Linie über die Schätzung des Körperwassers, das sich ausschließlich in der fettfreien Körpermasse befindet und somit indirekt Aussagen über den prozentualen Körperfettanteil zulässt. Bestimmt wird das Körperwasser über eine Messung des Körperwiderstandes für einen zwischen den Füßen und Händen eingebrachten schwachen Wechselstrom (Fusch, 2005). Die BIA ist somit eine schnelle, nicht-invasive Technik zur Schätzung des Körperstatus und erfordert nur geringe technische Fertigkeiten (Lohman & Milliken, 2003). Die An- forderungen an eine standardisierte Messung erschweren allerdings den Einsatz in groß angelegten epidemiologischen Studien. M. J. Müller (2000a) fordert neben anderen zu berücksichtigenden Einflussfaktoren, dass die Messung nüchtern, d.h. mindestens vier Stunden nach der letzten Mahlzeit erfolgt. Darüber hinaus soll die Messung in Ruhe und mehrere Stunden nach körperlicher Anstrengung stattfinden. Alleine diese beiden Faktoren sind in groß angelegten Studien nur schwer zu kontrollieren.

Die Hautfaltenmessung ist ebenfalls eine akzeptable Technik zur Abschätzung des Körperfettanteils (Lohman, 1981), da sie eng mit der Fettmasse korreliert. Sie birgt aber ebenso wie die BIA einige Nachteile. Messmethodische Probleme, zu denen Dif- ferenzen bei mehreren Untersuchern und erhebliche Messfehler bei Unerfahrenheit im Umgang mit dem Kaliper1 zählen, führen dazu, dass die Messung der Hautfaltendi- cke heutzutage kein Routineverfahren zur Bestimmung der Körperzusammensetzung darstellt (Kromeyer-Hausschild, 2005). Darüber hinaus ist ihr Einsatz in epidemio- logischen Studien, in denen die Datenerhebung in Gegenwart Dritter (beispielsweise im Klassenverband) stattfindet, nicht möglich, da eine Freilegung des Oberkörpers erforderlich ist.

Die Messungen des Hüft- und des Taillenumfangs stellen Goran, Gower, Treuth und Nagy (1998; zitiert nach Kromeyer-Hausschild, 2005) zufolge geeignete Maße zur Beurteilung der intraabdominalen Fettmasse im Kindes- und Jugendalter dar. Die Taillen-Hüft-Relation (,,Waist-to-Hip-Ratio”), die im Erwachsenenalter aussage- kräftige Ergebnisse über die zentrale Fettverteilung eines Individuums ermöglicht, ist im Heranwachsendenalter hingegen nicht geeignet, umÜbergewicht oder Adipositas zu diagnostizieren (Sangi & Mueller, 1991; zitiert nach Kromeyer-Hausschild, 2005). Trotz der Eignung von Hüft- und Taillenumfang zur Bestimmung der abdominellen Fettverteilung ist der Einsatz dieser Verfahren ebenso wie das der Hautfaltenmessung in den Studien nicht zu empfehlen, in denen andere Personen bei der Messung anwe- send sind. Wenngleich keine Freilegung des Oberkörpers erforderlich ist, wird dennoch eine intime Messung vorgenommen, die bei Personen, die mit ihrem Körperstatus beziehungsweise ihrer Figur unzufrieden sind, zu einer Verweigerung der Teilnahme führen kann.

Dem BMI, der zur Bestimmung des Körperfettanteils im hohen Gewichtsbereich den anderen Feldmethoden nicht unterlegen ist, bescheinigt Kromeyer-Hausschild (2005, S. 4) für epidemiologische Studien, dass er ,,ein geeignetes Screening-Instrument zur Feststellung fürÜbergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter” ist. Und auch Y. Wang und Lobstein (2006) resümieren in ihremÜbersichtsartikel, dass sich der BMI in den vergangenen Jahren zunehmend als valides, indirektes Instrument zur Bestimmung von Adipositas bei Heranwachsenden bewährt hat. Die Childhood Group der International Obesity Task Force (IOTF) und die European Childhood Obesity Group (ECOG) auf internationaler Ebene wie auch die Arbeitsgemeinschaft Adiposi- tas im Kindes- und Jugendalter (AGA) auf nationaler Ebene empfehlen die Nutzung des BMI zur Identifikation vonÜbergewicht und Adipositas im Heranwachsendenal- ter (AGA, 2004). Nahezu alle epidemiologischen Studien folgen diesen Empfehlungen und verwenden den BMI als Erhebungsinstrument der Wahl (siehe Kap. 2.2), dem sich auch diese Arbeit anschließen wird. Im Folgenden wird er für das bessere Verständ- nis der anschließenden Kapitel und für die Verwendung im empirischen Teil näher erläutert.

2.1.1 Der BMI - Ein Näherungsmaß zur Ermittlung des Körperstatus

Der BMI ist ein Körpergewichts-Körperhöhen-Index, der sich anhand folgender Formel berechnen lässt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Er ist somit ein Näherungsmaß zur Ermittlung des Körperstatus. Bei diesem Verfahren wird - im Gegensatz zu allen anderen oben erwähnten Verfahren - kein Körperkompar- timent wie die Fettmasse im eigentlichen Sinne gemessen. Dies bietet die Möglichkeit, ihn nicht nur über Messung, sondern ebenso über Selbstauskunft von Körperhöhe und gewicht bestimmen zu können. Auf diese kostengünstigere Erfragung greifen aufgrund der Größe der Stichproben regelmäßig national sowie international repräsentative Stu- dien zurück. Allerdings unterliegen berichtete Werte Zufallsfehlern und - wesentlich bedeutender - systematischen Fehlern, die auf absichtlich fehlerhafter Selbstauskunft beruhen (Black, Taylor & Coster, 1998; Engstrom, Paterson, Doherty, Trabulsi & Speer, 2003; Jeffery, 1996; M. I. Schmidt et al., 1993; Villanueva, 2001; Zhang, Feldblum & Fortney, 1993; zitiert nach Ezzati, Martin, Skjold, Vander Hoorn & Murray, 2006). Das Ausmaß dieser systematischen Abweichungen, die in der Regel Unter- bewertungen darstellen (Elgar, Roberts, Tudor-Smith & Moore, 2005), variiert von Studie zu Studie in Abhängigkeit von Faktoren wie Alter, aktuellem Gewicht, ak- tueller Größe und Bildungsniveau (Engstrom et al., 2003; zitiert nach Ezzati et al., 2006). Um möglichst präzise und fehlerfreie BMI-Werte zu erhalten empfehlen Lob- stein, Baur und Uauy (2004) daher die Bestimmung des BMI anhand gemessener Daten zu Körperhöhe und -gewicht.

Wie bereits beschrieben, korreliert der gemessene BMI insbesondere im oberen Ge- wichtsbereich auf hohem Niveau mit der Körperfettmasse. Lediglich für Personen, die kraftbetonte Sportarten ausüben, ebenso wie Erkrankte, bei denen die Körperzu- sammensetzung pathologisch von der Norm abweicht, ist der BMI kein hinreichendes Verfahren zur Bestimmung der Körperzusammensetzung. Bei diesen Personen sollte er durch weitere Methoden zur Bestimmung des Körperfettanteils ergänzt werden. Dies gilt auch für Heranwachsende, deren biologisches Alter gravierend vom kalendarischen Alter abweicht (Kromeyer-Hausschild, 2005). In epidemiologischen Studien sind diese Ausnahmen jedoch zu vernachlässigen.

2.1.2 Besonderheiten bei der Klassifikation des Körperstatus mittels BMI im Heran- wachsendenalter

Während im Erwachsenenalter anhand des Morbiditäts- und Mortalitätsrisikos ein- deutige Grenzen zur Bestimmung von Übergewicht [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]und Adipositas [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] festgelegtwerdenkönnen(WHO,[1997]),istdieseVerfahrensweisebei Heranwachsenden nicht möglich. Das Auftreten komorbider Krankheitsbilder ist im Heranwachsendenalter geringer als im Erwachsenenalter. Darüber hinaus wird die As- soziation zwischen juveniler Adipositas und einem Gesundheitsrisiko im Erwachsenen- alter vermutlich durch eine Adipositas im Erwachsenenalter selbst moderiert (Cole et al., [2000]). Aber nicht nur diese schwer fest zu legenden morbiditäts- und mortalitäts- bezogenen Grenzwerte bereiten einer Bestimmung vonÜbergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter anhand des BMI Schwierigkeiten. Vor dem Hintergrund von Größenwachstum und Pubertät, die Veränderungen im Verhältnis von Muskel- und Knochenmasse zu Fettmasse bedingen, müssen im Heranwachsendenalter alters- und geschlechtsspezifische Besonderheiten berücksichtigt werden. Aus diesem Grund empfehlen Experten (z.B. AGA, 2004; British Medical Association, 2005; Cole et al., 2000; Kromeyer-Hausschild et al., 2001; Y. Wang & Lobstein, 2006) die Klassifika- tion vonÜbergewicht und Adipositas im Heranwachsendenalter anhand alters- und geschlechtsspezifischer BMI-Perzentile.

Zur Ermittlung dieser BMI-Perzentile für jedes Geschlecht innerhalb einer Stichprobe wird die LMS-Methode herangezogen (Cole, 1990), die eine altersspezifische Charakterisierung der Verteilung des BMI über die drei Parameter Box-cox-power- Transformation (L), Median (M) und Variationskoeffizienten (S) ermöglicht2. Die exakte Bestimmung der Perzentile folgt der Gleichung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

M(t), L(t) und S(t) stehen für die oben genannten Parameter bei einem Alter t. z a ist der z-Wert der Standardnormalverteilung bei Perzentil α. Wird die Gleichung beispielsweise für α=75% berechnet, wird darüber der BMI-Wert, bei dem 75% der in der Stichprobe enthaltenen gleichaltrigen und gleichgeschlechtlichen Peers einen kleineren BMI haben, respektive das 75. BMI-Perzentil, ermittelt. Sind alle Perzentile anhand Gleichung 2.2 bestimmt worden, können in einem nächsten Schritt die Grenzen zu Übergewicht und Adipositas festgelegt werden.

Für die Bestimmung vonÜbergewicht und Adipositas existieren diverse perzentilba- sierte Referenzsysteme, die auf Basis verschiedener Stichproben mittels LMS-Methode entwickelt wurden. Sowohl international als auch national wird die Verwendung ein- heitlicher BMI-Perzentile zur Bestimmung vonÜbergewicht und Adipositas empfoh- len (AGA, 2004). Neovius et al. (2004) halten für einen nationalen Gebrauch die Verwendung eines nationalen Referenzsystems für angebracht, um möglichst effiziente Lösungsstrategien zur konkreten Bekämpfung vonÜbergewicht und Adipositas vor dem Hintergrund einer homogenen Referenzstichprobe im jeweiligen Land entwickeln zu können. Um internationale Vergleiche ziehen und um weltweite Entwicklungstrends erkennen zu können, empfehlen sie hingegen die Verwendung eines internationalen Re- ferenzsystems, das auf einer heterogeneren Stichprobe basiert. Letztere Vorgehenswei- se sehen einige Wissenschaftler jedoch mit Nachteilen behaftet (Poskitt, 1995; Reilly, 2002; Reilly, Dorosty & Emmett, 2000; Y. Wang & Wang, 2002; WHO, 1995; zitiert nach Y. Wang & Lobstein, 2006). Ihre Argumentation beruht auf der Unterschiedlich- keit ethnischer Gruppen, die sich in einer anders gearteten Körperzusammensetzung, einem differenten Körperbau und unterschiedlicher sexueller Reife äußern können. Die über ein internationales Referenzsystem anhand des Morbiditäts- und Mortalitätsri- sikos im Erwachsenenalter zugrunde gelegten einheitlichen Grenzwerte zur Definition vonÜbergewicht und Adipositas könnten demzufolge nicht für alle ethnischen Grup- pen gleich gut geeignet sein (Deurenberg, 2001; Deurenberg, Yap & Van-Staveren, 1998; Ellis, 1997; zitiert nach Y. Wang & Lobstein, 2006). Aufgrund mangelnder Alternativen wird für weltweite Vergleiche aber dennoch auf entsprechende internationale Referenzsysteme zurückgegriffen.

Es existieren derzeit zwei Referenzsysteme für internationale Vergleiche im gesam- ten Heranwachsendenalter - eines von der Weltgesundheitsorganisation (WHO, 1995) und eines, das von der IOTF empfohlen wird. Das letztere, von Cole et al. 3 entwickel- te und im Jahr 2000 veröffentlichte Referenzsystem, ist in Erwiderung auf das Refe- renzsystem der WHO zu betrachten, das lediglich auf Daten einer US-amerikanischen Referenzpopulation basiert (Y. Wang & Lobstein, 2006) und folglich nicht dem Hetero- genitätsanspruch eines internationalen Referenzsystems nachkommen kann. Darüber hinaus werden in dieser Studie willkürlich statistische Cut-off-Punkte beim 85. und 95. Perzentil für die Definition vonÜbergewicht und Adipositas verwendet. Die BMI- Perzentile von Cole hingegen basieren auf zusammengefassten Daten von 192.727 Kin- dern und Jugendlichen aus sechs national repräsentativen Querschnittstudien, welche in den Ländern Brasilien, Großbritannien, dem ehemaligen Hong Kong, den Niederlan- den sowie Singapur und den USA durchgeführt wurden. Die exakten BMI-Perzentile, die als Cut-off-Punkte zur Bestimmung vonÜbergewicht und Adipositas bei Heran- wachsenden genutzt werden, sind - im Gegensatz zum Referenzsystem der WHO - definiert nach demÜbergang zum BMI von 25 [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] imAltervon[18]Jah- ren. Sie sind ausführlich Anhang A Tabelle A.1 zu entnehmen. Im April [2006] ist darüber hinaus ein neues internationales Referenzsystem veröffentlicht worden, die ,New WHO Child Growth Standards’ (WHO, [2006]b). Diese Standards, die anhand von [8440] Kindern aus verschiedenen ethnischen Herkunftsländern und kulturellen Set- tings (Kalfornien, Norwegen, Brasilien, Ghana, Oman und Indien) errechnet wurden, grenzen sich durch das außergewöhnliche Studiendesign deutlich von allen bisherigen Referenzsystemen ab. Es wurden ausschließlich Säuglinge beziehungsweise Kleinkin- der in die Studie einbezogen, die normalgewichtig waren und deren Mütter weder vor, während noch nach der Schwangerschaft geraucht haben. Weiterhin wurden die Säuglinge nahezu ausschließlich bis zu sechs Monaten gestillt. Im Anschluss daran wurde auf eine geeignete Entwöhnung und ein gutes Ernährungsverhalten geachtet. Aufgrund dieser exklusiven Einbeziehung von ,,healthy children living under condi- tions likely to favour the achievement of their full genetic growth potential” (WHO, [2006]b, S. xvii), stellen diese Wachstumskurven nicht nur ein Referenzset von Kur- ven bereit, sondern einen ,Standard’, mit dem alle Säuglinge übereinstimmen sollten (James, [2006]). Obwohl diese Standards von James bereits im Vorfeld ihrer Veröffent- lichung als bemerkenswert beschrieben wurden, sind sie aufgrund der Altersspanne von null bis fünf Jahren für diese Arbeit nicht von Bedeutung. Die Entwicklung eines adäquaten Standards für schulpflichtige Kinder und Jugendliche ist erst im Prozess (WHO, 2006a).

Ebenso wie neben internationalen Referenzwerten nationale Referenzsysteme für andere Länder existieren4, wurde von Kromeyer-Hausschild et al. (2001)5 zu Beginn des neuen Jahrtausends ein eben solches für Deutschland auf Basis von 17 Studien erstellt. Die Daten von 34.422 0- bis 18-Jährigen, die im Zeitraum von 1985 bis 1999 erhoben wurden, sind in die Analyse eingegangen. Zur Definition vonÜbergewicht und Adipositas werden das 90. und 97. alters- und geschlechtsspezifische Perzentil herangezogen, die ,,im Erwachsenenalter nahezu kontinuierlich in die risikobezogenen Grenzwerte des BMI ([Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] fürÜbergewichtbzw.[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]fürAdipositas)”(Kromeyer- Hausschild, [2005], S. [10]) übergehen. Als extrem adipös werden die Heranwachsenden eingestuft, deren BMI oberhalb des [99],[5]. Perzentils liegt. Ebenso wie zum Referenz- system nach Cole sind die exakten BMI-Perzentile nach Kromeyer-Hauschild im An- hang A (Tab. A.2 und Tab. A.3) nachzulesen. Darüber hinaus sind sie graphisch in Abbildung 2.1 veranschaulicht.

Während die Differenzen zwischen den Geschlechtern nur bei sehr genauer Betrachtung auffallen, werden die analog auftretenden altersspezifischen Schwankungen in dieser Abbildung sehr deutlich. Postnatal kommt es in den ersten Monaten zu einem starken Anstieg des BMI. Nach ca. einem dreiviertel Jahr nimmt der BMI im frühen Kindesalter leicht ab, um ab einem mittleren Alter von 4,4 Jahren bei den Mädchen und 5,1 Jahren bei den Jungen bis ins Erwachsenenalter kontinuierlich anzusteigen (Kromeyer-Hausschild et al., 2001).

Ein Vergleich dieser Kurven für deutsche Heranwachsende mit den von Cole für internationale Studien entwickelten Kurven zeigt eine generelle Kongruenz im Al- tersverlauf. Geringe Differenzen existieren bezüglich der Größenordnung der BMI- Werte. In der Referenzstichprobe von Kromeyer-Hauschild sind per Definitionem 10% übergewichtig und 3% adipös. Wird in derselben Stichprobe die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas anhand des Referenzsystems von Cole ermittelt, ist die Übergewichtsprävalenz mit 10,8% für Jungen und 11,2% für Mädchen leicht erhöht. Adipositas wird hingegen seltener identifiziert (2,7% für Jungen; 2,6% für Mädchen) (Kromeyer-Hausschild, 2005). Diese Differenz und der Anspruch, sowohl zu nationalen Lösungsstrategien beizutragen als auch zu internationalen Vergleichen herangezogen werden zu können, haben zur Folge, dass die Prävalenzraten deutscher Studien sowohl nach Kromeyer-Hauschild als auch nach Cole dargestellt werden sollten. Bislang ist das höchst selten der Fall.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.1: Perzentile für den BMI für Jungen (oben) und Mädchen (unten) im Alter von 0 bis 18 Jahren (modifiziert nach Kromeyer-Hausschild et al., 2001)

2.1.3 Der BMI in parametrischen Verfahren

Ein weiterer und abschließend zu eruierender Punkt, der mit der Bestimmung des Körperstatus im Heranwachsendenalter mittels BMI einhergeht, ist statistischer Na- tur. Eine Verwendung des Körperstatus bzw. des BMI als abhängige Variable in para- metrischen Verfahren ist nicht zulässig, da die mittels Referenzsystemen identifizierten Gruppen Normalgewichtiger,Übergewichtiger und Adipöser lediglich Ordinalniveau aufweisen und der BMI intervallskaliert, aber kein normalverteiltes Merkmal ist. Zur Lösung dieses Problems kann wiederum die LMS-Methode herangezogen werden, die eine alters- und geschlechtsunabhängige Berechnung von ’Standard Deviation Scores’ (SDS LMS) ermöglicht, indem Gleichung 2.2 nach z aufgelöst wird und C durch den individuellen BMI ersetzt wird. Für diesen z-Wert, respektive SDS LMS, ergibt sich folglich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Voraussetzungen eines normalverteilten und intervallskalierten Merkmals, die eine abhängige Variable in parametrischen Verfahren erfüllen muss, werden durch diesen z LMS -transformierten BMI erfüllt.

Neben einer deskriptiven Darstellung des Körperstatus über BMI-Perzentile sind für das Kindes- und Jugendalter somit auch parametrische Auswertungen möglich. Der BMI kann daher - trotz alters- und geschlechtsphysiologischer Schwankungen - uneingeschränkt als ein einheitliches Maß zur Beurteilung des Körperstatus über die Lebensspanne beschrieben werden. Nicht zuletzt aufgrund dieser uneingeschränkten Einsatzmöglichkeit wird die Nutzung des BMI zur Identifikation vonÜbergewicht und Adipositas im Heranwachsendenalter - wie bereits geschrieben - von vielen Experten empfohlen.

Im folgenden Kapitel wird die epidemische Verbreitung kindlichen und juvenilen Übergewichts skizziert. In ihm wird deutlich, dass die Mehrzahl der epidemiologischen Studien den Empfehlungen folgt und den BMI als Erhebungsinstrument der Wahl einsetzt.

2.2 Die epidemische Verbreitung kindlichen und juvenilenÜbergewichts

Die Verbreitung vonÜbergewicht und Adipositas hat in vielen Teilen der Welt gravie- rende Ausmaße angenommen. Zahlreiche Studien im Erwachsenenalter und in sehr viel geringerer Anzahl Daten zu Heranwachsenden belegen diese Entwicklung (Y. Wang & Lobstein, 2006).

Um detaillierte Informationen zur Verbreitung vonÜbergewicht und Adipositas in der gesamten Phase des Heranwachsendenalters zu erhalten, werden im folgenden Ka- pitel zwei Studien herangezogen, denen weltweite Trends zu entnehmen sind. Darüber hinaus werden in Kapitel 2.2.2 aktuelle Prävalenzen deutscher Heranwachsender skiz- ziert.

2.2.1 Weltweite Trends

Weltweite Trends kindlichen und juvenilenÜbergewichts darzustellen, kann derzeit nicht mit dem Anspruch hundertprozentiger Korrektheit erfolgen. Methodologische Probleme - zum einen verbunden mit dem Verfahren der Selbstauskunft (siehe Kap. 2.1.1) und zurückzuführen auf variierende Kriterien zur Definition vonÜbergewicht und Adipositas (siehe Kap. 2.1.2), zum anderen hervorgerufen durch fehlende vergleichbare repräsentative Daten einzelner Länder - erschweren die Darstellung eines eindeutigen Bildes. Um dennoch Tendenzen zu skizzieren, werden zwei aktuelle Studien angeführt, die trotz unterschiedlicher methodologischer Probleme zu Ernst zu nehmenden Ergebnissen gelangt sind.

2.2.1.1 Geographische Muster der HBSC-Studie

Die erste zu erwähnende Studie, die sich der Herausforderung gestellt hat, weltweite Trends vonÜbergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter zu ermitteln, ist die Health Behaviour in School-aged Children (HBSC) Studie (Currie et al., 2004). Diese, von einem internationalen Netzwerk von Forschern in Zusammenarbeit mit der WHO durchgeführte Studie, hat in den Jahren 2001/2002 11-, 13- und 15-Jährige in 35 Ländern - vornehmlich vom nordamerikanischen und europäischen Kontinent - einer Fragebogenerhebung unterzogen. Je 1500 Personen pro Altersgruppe und Land wurden als Zielgruppe genommen. In der Mehrheit der Länder und Regionen wur- den die Voraussetzungen an eine minimale Stichprobengröße somit erfüllt (Currie et al., 2004). Unter anderem widmeten sich zwei der gestellten Fragen der Körperhöhe und dem Körpergewicht. Auf Basis dieser erfragten Daten wurde der BMI ermittelt, der seinerseits unter Heranziehung des internationalen Referenzsystems von Cole zur Bestimmung vonÜbergewicht und Adipositas genutzt wurde. Wie bereits in Kapitel 2.1.1 beschrieben, ist das Selbstauskunftsverfahren mit erheblichen Zufalls- und sys- tematischen Fehlern behaftet. Dies hatte in der HBSC-Studie zur Folge, dass für die 11-Jährigen aufgrund einer hohen Fehlquote von 19% keine Angaben zum Körpersta- tus getroffen werden konnten. Und auch in den beiden anderen Altersklassen waren in einigen Ländern erhebliche Fehlquoten zu verzeichnen. Festgestellt haben Currie et al. (2004), dass die Personen, deren Angaben zu Körperhöhe und/oder -gewicht fehlten, verstärkt aus niedrigeren sozialen Schichten stammten. Sie waren seltener körperlich aktiv, gaben häufiger an, eine Diät zu machen, bzw. erachteten eine Gewichtsabnahme für nötig. Darüber hinaus verzehrten sie seltener Früchte, Gemüse und auch Süßig- keiten. Es liegt entsprechend die Vermutung nahe, dass bei einem Teil der Personen Angaben systematisch aufgrund von Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper verwei- gert wurden. Bei Interpretation der Daten ist dies zu beachten. Des Weiteren liegt der erfragte BMI im Vergleich zu gemessenen Daten üblicherweise erheblich niedriger. Aus diesem Grund liefert die HBSC-Studie keine ideale Quelle für absoluteÜbergewichts- und Adipositasprävalenzen.

Unter Annahme, dass sich Zufalls- und systematische Fehler zwischen den Ländern nicht gravierend unterscheiden, bietet die HBSC-Studie aber eine geeignete Basis, geographische Muster in derÜbergewichts- und Adipositasprävalenz weltweit zu iden- tifizieren. Die höchstenÜbergewichtsprävalenzen für 13- und 15-jährige Jungen und Mädchen verzeichnen Currie et al. (2004) mit Kanada, Grönland und den USA in Nordamerika (19-25%), gefolgt von England, Schottland, Wales und einigen südeu- ropäischen Staaten wie Griechenland, Italien, Malta, Portugal und Spanien (15-25%). Die skandinavischen und in Zentraleuropa gelegenen Länder weisen der HBSC-Studie zufolge niedrigere Anteile übergewichtiger Heranwachsender auf (10-13%). Die ge- ringsten Prävalenzraten sind in Osteuropa zu finden (4-13%). Für einen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.2: 13- und 15-jährige europäische Heranwachsende, die gemäß BMI übergewichtig/adipös sind (Brettschneider & Naul, 2004; erstellt nach Daten von Currie et al., 2004)

Vergleich haben Brettschneider und Naul (2004) diese in der HBSC-Studie ermittelten Prävalenzraten europäischer Heranwachsender graphisch veranschaulicht (siehe Abb. 2.2). Das geographische Muster erfährt keine bedeutenden Veränderungen, wenn eine Beschränkung auf Adipöse stattfindet.

Wenngleich nicht ausgeschlossen werden kann, dass die geschlechtsspezifischen Differenzen mit systematischen Fehlern behaftet sind, scheinen die Jungen auf Basis des HBSC-Datensatzes in der Mehrzahl der Länder sowohl höhereÜbergewichts- als auch Adipositasanteile aufzuweisen als die Mädchen (Currie et al., 2004).

Bezüglich zeitlicher Veränderungen derÜbergewichts- und Adipositasprävalenzen können aufgrund des querschnittlichen Designs keine Aussagen anhand des HBSCDatensatzes getroffen werden. Die im Folgenden vorgestellte Studie versucht diese Wissenslücke zu schließen.

2.2.1.2 Lobsteins Zusammenfassung weltweit verfügbarer Daten

Während in der HBSC-Studie Daten anhand einer Fragebogenerhebung ermittelt wur- den, stellt die zweite anzuführende und in der Forschergruppe um Lobstein durch- geführte Studie eine Zusammenfassung weltweit verfügbarer Informationen zuÜber- gewicht und Adipositas im Heranwachsendenalter dar (Lobstein & Frelut, 2003; Lob- stein et al., 2004; Y. Wang & Lobstein, 2006). Trotz methodischer Schwierigkeiten haben Y. Wang und Lobstein (2006) über die Darstellung aktueller Prävalenzzahlen hinaus langfristige Trends der letzten 25 Jahre ermittelt und Prognosen für das Jahr 2010 erstellt.

Auf Basis einer Recherche in einschlägigen Datenbanken wie Pubmed sowie über Konsultation internationaler Kollegen und Experten wurden potentielle Studien aus- findig gemacht. In die Analyse einbezogen wurden Quer- und Längsschnittstudien, die die Prävalenzraten fürÜbergewicht und Adipositas anhand eines Körpergewichts- Körperhöhen-Index wie dem BMI dargestellt haben. Darüber hinaus mussten alle Stu- dien das Kriterium erfüllen, entweder selbst über Längsschnittdaten zu verfügen oder über Zeitreihenstudien Vergleichbarkeit mit ähnlichen Populationen zu gewährleisten. Nicht alle Studien basieren auf national repräsentativen Daten. In den Ländern, in denen keine repräsentativen Daten vorlagen, wurden regionale Studien berücksich- tigt, wenn diese als nützliche Anhaltspunkte für die Gesamtsituation des jeweiligen Landes betrachtet werden konnten. Nach Anwendung aller Einschlusskriterien basiert die Analyse auf Daten aus über 60 Ländern aus verschiedenen Regionen der Welt (25 Länder mit Daten zu schulpflichtigen Heranwachsenden; 42 Länder mit Daten zu Vorschulkindern). Die Gesamtpopulation der in der Analyse berücksichtigten Länder repräsentiert mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung im Jahr 2000 (Y. Wang & Lobstein, 2006).

Die methodologischen Probleme sind in der Beschreibung der Stichprobe in Teilen bereits deutlich geworden. Es wurden neben dem BMI auch andere Körpergewichts- Körperhöhen-Indizes berücksichtigt. Darüber hinaus ist selbst bei Verwendung des- selben Index wie dem BMI die Klassifikation vonÜbergewicht und Adipositas nicht einheitlich. Wurde - wie in der HBSC-Studie - das Referenzsystem von Cole heran- gezogen, müssen des Weiteren die mit ethnischen Differenzen potentiell einhergehen Unregelmäßigkeiten berücksichtigt werden (siehe Kap. 2.1.2). Des Weiteren wurden nicht-repräsentative Daten in die Analyse einbezogen, ebenso wie für Kanada und Finnland ausschließlich erfragte Werte vorlagen. Zuletzt differieren die Altersklas- sen zwischen den Studien. Ebenso wie bei der HBSC-Studie sind die im Folgenden vorgestellten Befunde vor dem Hintergrund dieser methodologischen Probleme zu in- terpretieren.

Wie Currie et al. (2004) kommt auch die Forschergruppe um Lobstein bei ihrer weltweiten Betrachtung zu beträchtlichen Variationen der Prävalenzen vonÜberge- wicht und Adipositas (Lobstein et al., 2004). Dabei ähneln die geographischen Muster in großen Teilen denen der HBSC-Studie - mit den wichtigen Ausnahmen, dass die Prävalenzraten erwartungsgemäß höher liegen und zudem Daten über den nordame- rikanischen und europäischen Kontinent hinaus vorhanden sind. In Tabelle 2.1 sind die Prävalenzraten der verschiedenen WHO-Regionen zusammengetragen, die auf den letzten verfügbaren aktuellen Studien basieren (Y. Wang & Lobstein, 2006).

Demzufolge sind durchschnittlich 27,7% der amerikanischen Schulkinder überge- wichtig, gefolgt von europäischen Schulkindern, die mit 25,5%Übergewichtigen einen

Tab. 2.1:Übergewichts- und Adipositasprävalenzen schulpflichtiger Kinder (basierend auf letzten verfügbaren Daten und dem Referenzsystem nach Cole), und Hochrechnungen für 2006 und 2010 (basierend auf populationsgewichteten und auf das Jahr umgerechneten Zunahmen der Prävalenz) (modifiziert nach Y. Wang & Lobstein, 2006)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

leicht höheren Anteil aufweisen als schulpflichtige Kinder der östlichen Mittelmeerre- gion (23,5%). Deutlich niedrigere Prävalenzzahlen sind im Westpazifik (12,0%) und in Südostasien (10,6%) zu verzeichnen. Mit 1,6% sind afrikanische Kinder nahezu ausnahmslos nicht von erhöhtem Körpergewicht betroffen. Das Bild in dieser Region ist primär durch Unterernährung geprägt. Ebenso wie in der HBSC-Studie verändert sich diese Reihenfolge nicht bei Betrachtung der extremÜbergewichtigen - respekti- ve Adipösen. Allerdings fällt auf, dass der Anteil Adipöser an denÜbergewichtigen höher ist, je höher dieÜbergewichtsprävalenzen generell sind. Während in Südostasien (1,5%) und Afrika (0,2%) lediglich rund 10% derÜbergewichtigen einen Körperfettan- teil besitzen, der sie als adipös klassifiziert, beträgt dieser Wert im Westpazifik 19% (2,3% Adipöse). In Europa mit 5,4% und in der östlichen Mittelmeerregion mit 5,9% sind ein Fünftel bzw. ein Viertel derÜbergewichtigen in diesen Regionen adipös. In Amerika steigt dieser Werte auf 34,7% an. Dies bedeutet, dass mit 9,6% mehr als jeder dritte amerikanischeÜbergewichtige adipös ist.

Innerhalb einzelner WHO-Regionen variieren die Prävalenzraten mitunter stark. Die nordamerikanischen Länder gehören beispielsweise zu den Ländern mit den höchsten Zahlen weltweit. US-amerikanische 6- bis 18-Jährige hatten bereits in den Jahren 1988 bis 1994 einen AnteilÜbergewichtiger von 25,6%. In Kanada lagen die Zahlen 1996 im Alter von sieben bis 13 Jahren bei durchschnittlich 30% (Flegal, Carroll, Kuczmarski & Johnson, 1998; Ogden, Flegal, Carroll & Johnson, 2002; Tremblay, Katzmarzyk & Willms, 2002; zitiert nach Lobstein et al., 2004). Die süd- und zentralamerikanischen Staaten hingegen haben niedrigere Werte und liegen in einer globalen Betrachtung im Mittelfeld.

Auch in Europa sind große Disparitäten zu verzeichnen. Den höchsten AnteilÜber- gewichtiger identifizieren Lobstein et al. (2004) in Analogie zur HBSC-Studie im Süden Europas. Durchschnittlich 20% bis 35% der schulpflichtigen Kinder sind in dieser Re- gion vonÜbergewicht betroffen. Für den Norden Europas errechnen Lobstein et al. (2004)Übergewichtsprävalenzen zwischen 10% und 20%. Während die skandinavischen Länder wie Finnland (1999, Jugendliche: 13%) diesen Wert nach unten beein- flussen, trägt die Prävalenzrate britischer Kinder (2002, 2- bis 10-Jährige: 24,1%) zu dessen Erhöhung bei (M arild, unveröffentlichte Daten; Kautiainen, Rimpel a, Vikat & Virtanen, 2002; zitiert nach Lobstein et al., 2004; und Lobstein, James & Cole, 2003; National Centre for Social Research, Department of Epidemiology and Public Health at the Royal Free and University College Medical School, 2003; zitiert nach Y. Wang & Lobstein, 2006). Ungeachtet dieser Differenzen zählt die europäische WHO-Region wie Nordamerika zu den von kindlichem und juvenilemÜbergewicht am stärksten betroffenen Teilen der Erde.

Des Weiteren variieren die Prävalenzraten in der westpazifischen Region und in Südostasien. Viele Industrienationen dieser Regionen wie Australien gehören zu den ,globalen Spitzenreitern’ und beeinflussen die Auftretenshäufigkeit jeweils nach oben, während ärmere und Entwicklungsländer wie Bangladesch zu dessen Senkung beitra- gen. Die WHO-Region ,östliches Mittelmeer’ ist weitgehend ausgewogen und liegt in einer globalen Betrachtung ebenso wie die süd- und mittelamerikanischen Staaten im Mittelfeld. Mit Ausnahme von Südafrika sind die Prävalenzraten in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara ebenso einheitlich, wenngleich auf weltweit niedrigstem Niveau.

Nachdem bislang lediglich aktuelle Prävalenzwerte referiert wurden, werden im Fol- genden die Veränderungen aufgezeigt, die sich global innerhalb der letzten Jahre und Jahrzehnte hinsichtlich derÜbergewichts- und Adipositasprävalenzen zugetragen ha- ben. Ohne zu den einzelnen Ländern konkrete Vergleichswerte zu liefern, wie sie bei Y. Wang und Lobstein (2006) ausführlich nachzulesen sind, wird sich diese Arbeit auf die Darstellung durchschnittlicher jährlicher Veränderungen beschränken. In Abbil- dung 2.3 sind für schulpflichtige Kinder exemplarisch die langfristigen Trends präsen- tiert, die die prozentualen, jährlichen Veränderungen der Übergewichtsprävalenzen innerhalb der Länder, in denen Daten verfügbar waren, zeigen. Der Abbildung ist zu entnehmen, dass die Prävalenzraten mit Ausnahme von Russland und Polen in allen Ländern steigen. In einigen Ländern, zu denen allen voran Ostdeutschland als Gebiet der ehemaligen DDR zählt, steigt die Prävalenz jährlich um mehr als einen Prozent- punkt an (Y. Wang & Lobstein, 2006). Die gesamte Bundesrepublik liegt mit einer Zuwachsrate von 0,75% per Anno im Zeitraum von 1985 bis 1995 im oberen Drittel der Länder. Wenngleich ein direkter Vergleich aufgrund der 14 Jahre früher einsetzen- den Zeitspanne nicht haltbar ist, liegen die USA mit einer jährlichen Zuwachsrate von 0,53% in der Zeitspanne von 1971 bis 1994 im Mittelfeld dieses Vergleichs. Hinsicht- lich Veränderungen der Adipositasprävalenzen ist ohne Ausnahme in allen Ländern, in denen Daten zu schulpflichtigen Kindern vorliegen, ein Zuwachs zu verzeichnen. Die Spanne liegt zwischen 0,05 Prozentpunkten pro Jahr in Finnland und 0,75 Prozent punkten pro Jahr in Ostdeutschland. Mit einem jährlichen Zuwachs von 0,4% bewegt sich Deutschland in diesem Vergleich in der oberen Hälfte.

Resümierend - auf Basis aller in die Analyse eingeflossenen Daten - kommen Y. Wang und Lobstein (2006) zu dem Ergebnis, dass dieÜbergewichts- und Adiposi- tasprävalenz in nahezu allen Industrienationen, für die Daten verfügbar waren, konti- nuierlich steigt, ebenso wie ein Anstieg in mehreren Ländern mit niedrigerem Brutto- sozialprodukt zu verzeichnen ist. Die Zunahme vollzieht sich dabei in unterschiedlicher Geschwindigkeit und mit differenten Mustern. Am deutlichsten scheint sich Adiposi- tas innerhalb der letzten zwei bis drei Jahrzehnte in Industrienationen ausgebreitet zu haben. In mehreren Industrieländern wie in Gesellschaften, die einem rapiden so- zioökonomischen Wandel unterlagen (z.B. das Gebiet der ehemaligen DDR), hat die kindliche und juvenile Adipositas darüber hinaus in einer beschleunigten Geschwin- digkeit zugenommen. Jackson-Leach und Lobstein umschreiben diese Situation im Untertitel ihres aktuellen Artikels, der sich dieser Thematik widmet, mit dem folgen- den Satz: ,,The increase in the prevalence of child obesity in Europe is itself increasing” (2006, S. 26). Demnach steigen die Prävalenzraten nicht in konstantem sondern in zu- nehmendem Maße. Während dieÜbergewichtsprävalenz (inklusive Adipositas) in den 80er Jahren eine jährliche Zuwachsrate von weniger als 0,5 Prozentpunkten besaß, stieg sie in den späten 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Durchschnitt um mehr als einen Prozentpunkt pro Jahr. Die Zuwachsrate der Adipositasprävalenz ist von ca. 0,1% in den 80ern auf ca. 0,3% pro Jahr in den späten 90ern gestiegen (Jackson-Leach & Lobstein, 2006). Vor dem Hintergrund dieser zunehmenden Präva- lenzraten identifizieren Y. Wang und Lobstein (2006) für die Zeitspanne von 1970 bis 2000 in mehreren großen Ländern eine Verdopplung bis Verdreifachung bei den über- gewichtigen oder adipösen schulpflichtigen Heranwachsenden. Exemplarisch führen sie die Länder Kanada und die USA in Nordamerika, Brasilien und Chile in Südameri- ka, Australien und Japan im Westpazifik, und Finnland, Deutschland, Griechenland, Spanien und Großbritannien in Europa an.

Basierend auf diesen ermittelten langfristigen Trends - und unter der Annahme, dass diese Trends einem linearen Verlauf folgen werden - haben Y. Wang und Lob- stein (2006) Schätzungen derÜbergewichts- und Adipositasprävalenzen für das Jahr 2006 und darüber hinaus für das Jahr 2010 vorgenommen. Sie sind Tabelle 2.1 zu entnehmen. Demzufolge belaufen sich die Hochrechnungen für amerikanische Schul- kinder auf einen Anteil Übergewichtiger von 46,4% im Jahr 2010. Damit wird am Ende der ersten Dekade des neuen Jahrtausends schätzungsweise nahezu jeder zweite amerikanische Heranwachsende übergewichtig sein. In der östlichen Mittelmeerregion wird die Prozentzahl bei voraussichtlich 41,7% und in Europa bei 38,2% liegen. Im Westpazifik beträgt der hochgerechnete Anteil übergewichtiger Schulkinder im Jahr

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.3: Veränderungen in der Prävalenz von Übergewicht (inkl. Adipositas) unter schulpflichtigen Kindern in Studien seit 1970. Die Graphik zeigt Länder, Messverfahren und den Zeitraum der Beurteilung zu Prävalenzveränderungen. Messverfahren: Cole=Referenzsystem von Co- le; 85th und 90th=Perzentile eines lokalen oder des WHO-Referenzsystems; 110%=Prozent des idealen Körpergewichts (lokal definiert). (modifiziert nach Y. Wang & Lobstein, 2006)

2010 27,2%. In Südostasien wird mit 22,9% mehr als jeder fünfte Heranwachsende im Jahr 2010 übergewichtig sein. Für die WHO-Region Afrika, die südlich der Sahara anzusiedeln ist, haben Y. Wang und Lobstein (2006) keine Vorhersagen vornehmen können, da die Datenlage hierfür nicht adäquat war. Hinsichtlich der Verbreitung von Adipositas im Jahr 2010 kommen Y. Wang und Lobstein (2006) zu dem Ergebnis, dass mehr als jeder siebte amerikanische Heranwachsende (15,2%) und jeder zehnte in der östlichen Mittelmeerregion (11,5%) sowie in Europa (10,0%) im Jahr 2010 nach Cole als adipös einzustufen gelten wird.

Vor dem Hintergrund dieser internationalen Trends gewinnen die aktuellen Befunde des vom Robert Koch-Institut bundesweit angelegten Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) an Bedeutung, der erstmals für Deutschland national repräsentative Daten zuÜbergewichts- und Adipositasprävalenzen im Heranwachsendenalter liefert. Sie werden im Folgenden vorgestellt.

2.2.2 Nationale Daten im Kontext globaler Befunde

Im Gegensatz zur problembehafteten Darstellung weltweiterÜbergewichtsprävalen- zen sind auf deutscher Ebene erstmals in den Jahren 2003 bis 2006 vom Robert- Koch-Institut national repräsentative Daten zum Körperstatus der heranwachsenden Generation erhoben worden. Insgesamt nahmen 17.641 Heranwachsende im Alter von 0 bis 17 Jahren an diesem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey teil (Kamtsiuris & Lange, 2006). Auf Basis standardisierter Messungen wurden Körperhöhe und -gewicht ermittelt. Übergewicht und Adipositas wurden über den daraus abzuleitenden BMI anhand des für deutsche Stichproben empfohlenen Referenzsystems von Kromeyer Hauschild definiert (Schaffrath Rosario & Kurth, 2006).

Den Ergebnissen dieses Surveys folgend sind derzeit ca. 1,9 Millionen deutsche Kin- der und Jugendliche übergewichtig, was einem prozentualen Anteil von 15% gleich- kommt. Im europäischen Vergleich der Lobstein-Studie liegen die deutschen Heran- wachsenden damit im Mittelfeld. Mehr als ein Drittel dieserÜbergewichtigen weist eine Adipositas auf (6,3%) (Schaffrath Rosario & Kurth, 2006). Während weder für die Prävalenz vonÜbergewicht noch von Adipositas Unterschiede zwischen den Ge- schlechtern zu verzeichnen sind, differenziert das Alter. Im Alter von drei bis sechs Jahren bewegt sich der AnteilÜbergewichtiger unterhalb der 10%-Marke. Von Adi- positas sind im Vorschulalter ca. 3% betroffen. In der nächsthöheren Altersstufe der 7- bis 10-Jährigen findet im Vergleich zur vorherigen Altersgruppe sowohl fürÜberge- wicht als auch für Adipositas ein Anstieg um ca. 50% statt. Im weiteren Altersverlauf steigen dieÜbergewichtsprävalenzen auf über 18% in der Gruppe der 11- bis 13-Jähri- gen und sinken zum Alter von 14 bis 17 Jahren wieder geringfügig auf 17%. Bezüglich der Auftretenshäufigkeit von Adipositas ist ein kontinuierlicher Zuwachs im Alters verlauf zu verzeichnen, demzufolge die Prävalenz von ca. 6% in der Gruppe der 7- bis 10-Jährigen auf über 8% in der ältesten Gruppe steigt. Die Prävalenzraten der Heranwachsenden gehen damit nahezu kontinuierlich in die Werte der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands über. In der Gruppe der 18-Jährigen ist ca. jeder fünfte übergewichtig. Von dort findet eine konstante Erhöhung des AnteilsÜbergewichtiger bis in die Gruppe der 60- bis 69-Jährigen statt, von denen ca. 80% als übergewichtig kategorisiert werden (RKI, 2005).

Wenngleich die Stichprobenziehung nicht identisch ist, ist ein Vergleich dieser quer- schnittlich erhobenen Daten mit denen der Referenzstichprobe von Kromeyer-Hau- schild aus den Jahren 1985 bis 1999 sinnvoll, um Veränderungen über die Zeit auf- zuzeigen. In Anlehnung an diese Referenzstichprobe, in der per Definitionem 10% der Heranwachsenden übergewichtig und 3% adipös sind (vgl. 2.1.2), ist innerhalb einer Dekade ein Anstieg übergewichtiger Heranwachsender um 50% zu verzeichnen. Die Auftretenshäufigkeit von Adipositas hat sich in der jungen Generation verdop- pelt (Schaffrath Rosario & Kurth, 2006). Dabei sind Zuwächse nur für Schulkinder zu verzeichnen. Im Vorschulalter sind die Prävalenzen, verglichen mit denen der Re- ferenzstichprobe, unverändert. Der Phase des Schuleintritts scheint somit ein bedeu- tendes Moment in derÜbergewichtsproblematik zuzukommen. Gestützt wird dieser artifizielle Zeitreihenvergleich durch lokale und regionale Trendstudien, die auf eine Zunahme derÜbergewichts- und Adipositasprävalenzen im Schulkindalter hindeu- ten (Deutsche Gesellschaft für Ernährung, 2000; Kalies, Lenz & von Kries, 2002; Kromeyer-Hausschild et al., 2001; Spethmann, Mast, Langnäse, Danielzik & Müller, 2002; zitiert nach Brettschneider & Bünemann, 2004; Kromeyer-Hausschild & Zellner, 2007).

Die nationalen Befunde bestätigen somit sowohl die für Europa ermittelten absoluten Zahlen Y. Wang und Lobsteins (2006) als auch deren Schätzungen zeitlicher Veränderungen.

2.2.3 Zwischenfazit

Nachdem bereits anhand der dargestellten Zahlen zum prozentualen Anteil über- gewichtiger Jugendlicher in der HBSC-Studie ein Eindruck eines schwer wiegenden Problems gewonnen werden konnte, wird mittels der Zusammenfassung der Forscher- gruppe um Lobstein das Ausmaß des globalen Problems des kindlichen und juvenilen Übergewichts deutlich. Y. Wang und Lobstein (2006) selbst resümieren, dass ihre Ergebnisse den Beweis liefern, dass die Welt - und insbesondere die Industrienatio- nen - mit einer in ihren Ausmaßen schnell zunehmenden globalen Adipositasepidemie konfrontiert sind. Bereits an zahlreichen anderen Stellen wurde schon zu früherer Zeit der Begriff der Epidemie im Zusammenhang mitÜbergewicht und Adipositas im Heranwachsenden- wie im Erwachsenenalter geprägt (z.B. British Medical Association, 2005; Hebebrand et al., 2004; Kromeyer-Hausschild et al., 2001; WHO, 1997). Malecka-Tendera und Mazur gehen noch weiter und sprechen im Titel ihres aktuellen Aufsatzes von kindlicher Adipositas als ,,pandemic of the twenty-first century” (2006, S. 1). Bekräftigt wird die Schätzung dieser globalen Entwicklung durch die nationalen Befunde der KiGGS-Studie, die im Vergleich zur Referenzstichprobe ebenfalls auf einen drastischen Anstieg hindeutet.

Während die Epidemie ein ,,räumlich und zeitlich begrenztes Auftreten einer Krank- heit” bezeichnet (Reuter, 2004, S. 611), wird unter dem Begriff der Pandemie eine Epidemie verstanden, ,,die ganze Länder oder Kontinente betrifft” (Reuter, 2004, S. 1613). Bezüglich des Ausmaßes der Verbreitung vonÜbergewicht und Adipositas ist die Verwendung dieser Begriffe - sowohl der Epidemie als auch der Pandemie - treffend. Allerdings wird die Frage, obÜbergewicht und Adipositas ein eigenständiges Krank- heitsbild darstellen, derzeit kontrovers diskutiert (ausführlich nachzulesen bei Böhler, 2005 und Hebebrand et al., 2004). Während diese Frage zum gegenwärtigen Zeitpunkt unbeantwortet bleiben muss, habenÜbergewicht und Adipositas im Heranwachsen- denalter kurz- und langfristige Folgen, die eine Verwendung der Begriffe Epidemie und Pandemie durchaus legitimieren. Diese Folgen werden im nachstehenden Kapitel erläutert.

2.3 Kurz- und langfristige Folgen vonÜbergewicht im Heranwachsendenalter

Dem vorangehenden Kapitel ist zu entnehmen, dass es sich bei Übergewicht und Adipositas im Heranwachsendenalter um ein globales Phänomen handelt, das in be- sonderem Maße die Industrienationen betrifft. Betrachtet werden muss es als initialer Auslöser einer Reihe von kurz- und langfristigen Folgen, die in Form von Persistenz (Kap. 2.3.1) und in Form begleitender und langfristiger Gesundheitsrisiken und Er- krankungen (Kap. 2.3.2) auftreten, welche anknüpfend an diese Einleitung skizziert werden.

Die aktuelle Beweislage ist jedoch eher dürftig, da sowohl der Frage der Persistenz als auch insbesondere der Erforschung komorbider Krankheitsbilder im Heranwach- sendenalter bislang nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Zudem liegen häufig nur Angaben zu Adipösen vor, oder eine differenzierte Trennung zwischen Adipösen undÜbergewichtigen wird in der Ergebnisdarstellung einzelner Studien nicht vorge- nommen. Die Darstellung in dieser Arbeit folgt jeweils der Terminologie der zitierten Studie. In der Interpretation der folgenden Subkapitel ist dies zu berücksichtigen.

2.3.1 ,Einmal dick, immer dick?’ - Die Persistenz desÜbergewichts

Bereits im Jahr 1960 widmete sich eine Studie von Abraham und Nordsieck (1960) der Frage, obÜbergewicht ein persistentes Muster aufweist, d.h. ob aus übergewichti- gen Kindern übergewichtige Erwachsene werden. Die Autoren kamen zu dem Ergeb- nis, dass das Körpergewicht in der Kindheit eine wichtige Determinante fürÜberge- wicht im Erwachsenenalter ist (zitiert nach Guo et al., 1994). 37 Jahre später haben Power, Lake und Cole (1997) ein Review verfasst, in dem sie unter anderem der Frage näher auf den Grund gegangen sind, ob und in welchem Maße kindliche und juvenile Adipositas im Zusammenhang mit Adipositas im Erwachsenenalter steht.6 Unter Einbeziehung der Studie von Abraham und Nordsieck ziehen sie das Fazit, dass eine Persistenz beziehungsweise ein ,Tracking’ der Adipositas vom Kindes- und Jugendalter bis ins Erwachsenenalter in einigen Studien nachgewiesen werden konn- te. Allerdings schränken sie ein, dass die Größe des jeweiligen Effekts von mehreren Faktoren abhängig ist. Messmethode, Cut-off-Punkte zur Definition vonÜbergewicht oder Adipositas, Alter zu Beginn der Messung und Studiendauer des Längsschnitts beeinflussen die Ergebnisse maßgeblich, weshalb keine absoluten Aussagen getroffen sondern nur geschätzte Werte genannt werden können. Aus der Zusammenfassung der Studien folgern sie, dass eine schwache bis moderate Korrelation in Höhe von 0.30 zwischen Adipositas im Kindes- und Adipositas im Erwachsenenalter existiert. Zwi- schen 13- bis 14-jährigen Jugendlichen und 25- bis 36-jährigen Erwachsenen hingegen liegt der Korrelationsrange deutlich höher (Männer: 0.46-0.91; Frauen: 0.60-0.78). Ne- ben einer Verwendung von Korrelationswerten wurde das Tracking ebenso anhand der persistenten Gruppenzugehörigkeit dargestellt. Auf Basis dieses Reviews und ergänzt um Daten von Serdula et al. (1993), schätzen Y. Wang und Lobstein (2006), dass näherungsweise die Hälfte der übergewichtigen Jugendlichen und mehr als ein Drit- tel der übergewichtigen Kinder übergewichtige Erwachsene werden. Viner und Cole (2006) kommen in ihrer kürzlich erschienenen Studie zu dem Ergebnis, dass 60,7% der im Jahr 1986 16-jährigen Adipösen 14 Jahre später im Alter von 30 Jahren ebenfalls adipös sind. Unabhängig von der Darstellung der Befunde über Korrelationswerte oder Gruppenzugehörigkeiten steigt die Wahrscheinlichkeit, im Erwachsenenalter überge- wichtig zu sein, mit zunehmendem Alter der übergewichtigen Heranwachsenden an. Diesen Befund belegen auch Guo et al. (1994), die in ihrer Studie zu dem Ergeb- nis gelangen, dassÜbergewicht im Alter von 35 Jahren durch den BMI in jüngeren Jahren vorhergesagt werden kann. Dabei sind die Vorhersagen im Alter von 18 Jah- ren exzellent, gut im Alter von 13 Jahren, aber nur moderat in jüngeren Jahren. Im Gruppenvergleich haben übergewichtige im Gegensatz zu normalgewichtigen Heran wachsenden ein 1,5- bis zweifach erhöhtes Risiko, ein übergewichtiger Erwachsener zu werden (Johnston, 1985; zitiert nach Freedman, Srinivasan, Valdez, Williamson & Berenson, 1997; Rolland-Cachera et al., 1987). Werden Körperkompartimente heran- gezogen, um ein Tracking des Körperstatus zu überprüfen, fällt die Bilanz ebenfalls positiv aus. Guo, Chumela, Roche und Siervogel (1998) demonstrieren, dass sowohl die absolute Körperfettmasse, der prozentuale Körperfettanteil als auch die fettfreie Masse ein persistentes Muster vom Kindes- zum Erwachsenenalter über Fünf- und Zehnjahreszeiträume aufweisen.

Aber nicht nur zwischen Heranwachsenden- und Erwachsenenalter kann demÜber- gewicht nachgewiesen werden, dass es persistiert. Selbst innerhalb der Phase des Heranwachsendenalters weisen Johannsson, Arngrimsson, Thorsdottir und Sveinsson (2006) dem erhöhten körperhöhenbezogenen Körpergewicht ein Maß an Persistenz nach. Ihren Ergebnissen zufolge sind 2,5-jährigeÜbergewichtige im Alter von sechs und neun Jahren häufiger übergewichtig als ihre normalgewichtigen Peers. Im Alter von 12 und 15 Jahren ist diese Differenz nicht mehr zu finden.Übergewichtige im Alter von sechs und neun Jahren waren hingegen im Alter von 15 Jahren häufiger überge- wichtig als die Gleichaltrigen mit normalem Körperstatus. 51% der übergewichtigen 6-Jährigen hatten im Alter von 15 Jahren ein erhöhtes körperhöhenbezogenes Körper- gewicht und machten insgesamt ein Drittel allerÜbergewichtigen dieser Altersklasse aus.

Während im deutschsprachigen Raum keine Studien ausfindig gemacht werden konnten, die sich der Frage nach Persistenz von Übergewicht und Adipositas em- pirisch widmen, sind dennoch Quellen zu finden, die dieser Frage mittels einer Li- teraturrecherche nachgegangen sind. So vertritt Kromeyer-Hausschild (2005) unter Heranziehung des Reviews von Power et al. (1997) und darüber hinaus Bezug neh- mend auf Rolland-Cachera et al. (1987) die bereits oben zu findende Auffassung, dass mit demÄlterwerden die Korrelation zwischen dem BMI im Heranwachsenden- und dem im Erwachsenenalter steigt. Ohne Angabe von Quellen schreibt Wabitsch, ,,aus übergewichtigen Kindern werden übergewichtige Erwachsene” (2004, S. 251), Diese m. E. pauschalisierende Aussage ist in dieser Allgemeingültigkeit nicht halt- bar. Vielmehr kann festgehalten werden, dass die meisten Heranwachsenden nicht bis ins Erwachsenenalter übergewichtig bleiben (Rolland-Cachera et al., 1987). Dennoch existiert ein bedeutsamer - aber vor dem Hintergrund methodischer Probleme nicht exakt zu bestimmender - Prozentsatz an übergewichtigen Heranwachsenden, bei de- nen ein Fortbestehen desÜbergewichts bis ins Erwachsenenalter nachgewiesen werden kann. Generell gesprochen weistÜbergewicht innerhalb der Lebensspanne ein persis- tentes Muster auf. Dabei tritt dieses innerhalb kurzer Zeitintervalle stärker auf als über lange Zeiträume. Insbesondere übergewichtige Jugendliche neigen dazu, auch im Erwachsenenalter der Gruppe derÜbergewichtigen anzugehören.

2.3.2 Gesundheitsrisiken und komorbide Krankheitsbilder

Die mit kindlichem und juvenilem Übergewicht einhergehende Besorgnis hängt in erster Linie nicht mit der Tatsache alleine zusammen, dass ein beachtlicher Teil der übergewichtigen Heranwachsenden dazu bestimmt ist, auch im Erwachsenenalter der Gruppe derÜbergewichtigen anzugehören. Vielmehr existiert diese Besorgnis auf- grund des Auftretens komorbider Krankheitsbilder, die sowohl im Heranwachsenden- alter als auch im Erwachsenenalter mitÜbergewicht einhergehen und mitunter vom Tracking beeinflusst werden. In Kapitel 2.1.2 wurde bereits erwähnt, dass das Auftre- ten komorbider Krankheitsbilder im Heranwachsendenalter geringer ist als im Erwach- senenalter, weshalb es - im Gegensatz zum Erwachsenenalter - nicht zur Bestimmung vonÜbergewicht und Adipositas herangezogen werden kann. Wenngleich deutlich sel- tener, so werdenÜbergewicht und Adipositas dennoch bereits im Heranwachsenden- alter neben häufig auftretenden Gesundheitsrisiken von komorbiden Erkrankungen - sowohl physiologisch, physisch als auch psychiatrisch - begleitet.

2.3.2.1 Allgemeine medizinische Nebenwirkungen

Die ersten adipositas-assoziierten Begleiterkrankungen, die im Folgenden vorgestellt werden, sind medizinischer Natur. Allerdings werden Veränderungen auf metaboli- scher Ebene an dieser Stelle exkludiert, um ihnen aufgrund der ihn zukommenden Bedeutsamkeit im Anschluss an diesen Abschnitt ein Extrakapitel zu widmen (sie- he Kap. 2.3.2.2). Die hier vorgestellten Begleiterkrankungen müssen weitgehend ohne Angabe von Prävalenzraten auskommen, da nahezu keine aussagekräftigen Ergebnisse aus größeren Stichproben vorliegen. Bislang ist zu den meisten Erkrankungen lediglich bekannt, dass sie mitÜbergewicht und/oder Adipositas assoziiert sind.

Zu den medizinischen Erkrankungen, die in allen Altersstufen mitÜbergewicht und Adipositas assoziiert sind, aber über die keine exakten Prävalenzzahlen vorliegen, zählen zweifelsfrei orthop ä dische Erkrankungen. Sowohl in Form von Gelenkschäden als auch Gelenkfehlstellungen kommen diese zum Tragen (Reinehr, 2005). Darüber hinaus sehen Günther und Thielemann als erwiesen an, ,,dass einer Adipositas im Kindes- und Adoleszentenalter für spezifische wachstums-assoziierte Deformitäten ins- besondere im Bereich der lasttragenden unteren Extremitäten eine Triggerfunktion zukommt” (2005, S. 211).

Des Weiteren ist Siegfried und Netzer (2005) zufolge eine extrem ausgeprägte Form der Adipositas einer der größten Risikofaktoren für nahezu alle pulmonalen Krank- heiten. Während ein Zusammenhang zwischen Asthma und Adipositas bislang nicht eindeutig nachgewiesen werden kann, treten beiÜbergewichtigen häufig anstrengungs- bedingte asthmaähnliche Beschwerden auf (Reinehr, 2005). Für das Schlaf-Apnoe- Syndrom ist Adipositas der wichtigste Risikofaktor bei Erwachsenen, Kindern und Übergewicht im Kindes- und Jugendalter - ein schwer wiegendes Problem mit Jugendlichen (Koenig, 2001; Mallory, Fiser & Jackson, 1989; Ward & Marcus, 1996; zitiert nach Siegfried & Netzer, 2005). D.h. dass insbesondere bei extrem Adipösen im Schlaf vermehrt Störungen der Atmungsregulation durch Verengung der oberen Atemwege auftreten. Diese kann zu Müdigkeit und Konzentrationsstörungen führen. Im schlimmsten Fall ist ein plötzlicher Tod die Folge (Reinehr, 2005). Allerdings gehen einige Autoren davon aus, dass sich ein Schlaf-Apnoe-Syndrom bei Adipösen nur vor dem Hintergrund genetischer Komponenten entwickeln kann (Coppola, 1999; Palmer et al., 2003; zitiert nach Siegfried & Netzer, 2005).

Auch endokrinologische Auff ä lligkeiten sind im Zusammenhang mit Adipositas zu diagnostizieren (Grüters, 2005). Neben den Veränderungen der Blutzuckerregulation, die in Kapitel 2.3.2.2 ausführlich dargestellt werden, sind vor allem die an der Pu- bertätsentwicklung beteiligten Hormone maßgeblich betroffen. Bei adipösen Mädchen hat dies zur Folge, dass ihre Pubertätsentwicklung häufig frühzeitig und die sexuel- le Reife signifikant schneller erfolgt als bei normalgewichtigen Mädchen. Bei Jungen ist eher eine konträre Entwicklung zu verzeichnen. Ihre Pubertätsentwicklung setzt im Vergleich zu ihren normalgewichtigen Peers des Öfteren verspätet ein (Shalitin & Phillip, 2003; Y. Wang, 2002; zitiert nach Grüters, 2005). Darüber hinaus werden bei adipösen Mädchen mehrfach Zysten an den Eierstöcken (polyzystische Ovarien) diagnostiziert. Reinehr, Bürk und Andler (2002; zitiert nach Reinehr, 2005) zufolge sind bis zu 20% aller adipösen Mädchen ab dem 14. Lebensjahr von dieser häufig mit übermäßigem Haarwuchs (Hirsutismus), Regelblutungsanomalien und Hauter- krankungen (Akanthosis nigricans) einhergehenden Erkrankung betroffen. Bei Jun- gen hingegen wird eine Vergrößerung der Brustdrüse (Gynäkomastie) mit Adipositas assoziiert (Grüters, 2005; Reinehr, 2005).

Adipositas im Kindes- und Jugendalter steht weiterhin mit Veränderungen im ga- stroenterologischen Bereich im Zusammenhang. Ohne Angaben von Prävalenzen sind Gallenblasensteine beiÜbergewichtigen vermehrt zu finden, vor allem wenn sie sich im Prozess einer Gewichtsreduktion befinden (Reinehr, 2005). Ebenso kann als Folge der Adipositas die Leber in Mitleidenschaft gezogen werden. Eine häufige Erkrankung stellt die Fettleber (Steatosis hepatis) dar, die durch eine reversible Ansammlung überschüssiger Triglyzeride gekennzeichnet ist. Lobstein und Jackson-Leach (2006) zufolge haben in Europa schätzungsweise 28% aller adipösen Heranwachsenden eine Fettleber. In dem Kollektiv der Murnauer Komorbiditätstudie findet die Forscher- gruppe um Wabitsch mit 30% eine nahezu identische Prävalenzrate (Wabitsch, 2004). Allerdings ist die Fettleber lediglich als Vorstufe einer nicht-alkoholischen Steatohe- patitis zu sehen, die mit einer Entzündung einher geht und ,,ein hohes Risiko für die Entwicklung einer Leberzirrhose oder Leberfibrose hervorruft” (Kratzer, 2005, S. 185; unter Bezugnahme auf Neuschwander-Tetri & Caldwell, 2003). Reinehr et al. (2002; zitiert nach Reinehr, 2005) vermuten, dass 7% bis 10% aller übergewichtigen Kinder und Jugendlichen hiervon betroffen sind.

Weitere medizinische Beschwerdebilder stellen eine Erhöhung des Harnsäurespiegels im Blut (Hyperurikämie) bei etwa einem Fünftel aller übergewichtigen Heranwachsenden sowie eine erhöhte Eiweißausscheidung (Proteinurie) bei einer unbestimmten Anzahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher dar. Auf neurologischer Ebene ist ein so genannter Pseudotumor cerebri in größerer Anzahl bei übergewichtigen als normalgewichtigen Heranwachsenden zu finden. Dieser erhöhte Hirndruck wird primär durch starke Kopfschmerzen begleitet (Reinehr, 2005).

Bezüglich der meisten an dieser Stelle aufgeführten medizinischen Begleiterkrankungen besteht Forschungsbedarf. Es bleibt lediglich festzuhalten, dass derartige Erkrankungen mitÜbergewicht oder Adipositas assoziiert sind. Eindeutige Aussagen sind vor dem aktuellen Forschungsstand nicht zu treffen.

2.3.2.2 Metabolische Veränderungen und ihre Folgeerkrankungen

Im vorangehenden Kapitel ist bereits deutlich geworden, dassÜbergewicht und Adi- positas mit einer Reihe medizinischer Auffälligkeiten und Erkrankungen in Zusam- menhang gebracht werden können. Die größte Bedeutung kommt jedoch den metabo- lischen Veränderungen zu, da sie nicht nur eine erhöhte Morbidität bedingen, sondern auch das Mortalitätsrisiko erhöhen. Vermutlich nicht zuletzt aus diesem Grund exis- tieren diesbezüglich - im Vergleich zu den bereits geschilderten Gesundheitsrisiken und komorbiden Krankheitsbildern - die meisten Studien mit der größten Aussagekraft.

In der schon mehrfach zitierten Arbeitsgruppe um Lobstein ist neben der Zusam- menfassung weltweit verfügbarer Daten zuÜbergewicht und Adipositas im Heran- wachsendenalter ein Pendant erschienen, das sich der Anzahl adipöser7 Heranwachsen- der mit Krankheitsindikatoren und komorbiden Krankheitsbildern widmet (Lobstein & Jackson-Leach, 2006). Aufgrund der bereits mehrfach erwähnten unzureichenden Datenlage haben sie ihre - wiederum mit methodischen Problemen behafteten und deshalb grundsätzlich konservativ durchgeführten - Schätzungen nur für das Auftre- ten insulinbezogener und kardiovaskulärer Krankheitsindikatoren vornehmen können. Die Anzahl derjenigen adipösen Kinder, die an adipositas-assoziierten orthopädischen, pulmonalen, psychologischen oder anderen durch Adipositas verursachten Funkti- onsstörungen leiden, konnten sie nicht zuverlässig schätzen (siehe Kap. 2.3.2.3 und 2.3.2.1).

[...]


1 Ein Kaliper dient zur standardisierten Messung der Dicke des subkutanen Fettgewebes an mehreren Körperpunkten, anhand derer ¨uber Regressionsgleichungen der Körperfettanteil ermittelt werden kann (Fusch, 2005).

2 Eine detailliertere Beschreibung der LMS-Methode ist nachzulesen bei Cole (1990) im Original ebenso wie bei Cole et al. (2000), Kromeyer-Hausschild et al. (2001) und Kromeyer-Hausschild (2005).

3 Im Folgenden wird das Referenzsystem von Cole et al. (2000) zur besseren Lesbarkeit abgek¨urzt Cole genannt.

4 In Anlehnung an Kromeyer-Hausschild (2005) existieren nationale BMI-Perzentilkurven z.B. f¨urfranzösische (Rolland-Cachera et al., 1991), englische (Cole, Freeman & Preece, 1995), schwedische (Lindgren, Strandell, Cole, Healy & Tanner, 1995), niederl¨andische (Cole & Roede, 1999) und amerikanische (Kuczmarski et al., 2002) Heranwachsende.

5 In Analogie zu Cole wird bei dem deutschen Referenzsystem im weiteren Verlauf der Arbeit von Kromeyer-Hauschild gesprochen.

6 Wenngleich Power et al. (1997) Studien wie die von Abraham und Nordsieck (1960) einbezogen haben, die sich nicht nur auf Adipöse beschr¨ankten, sondern ebenso ¨Ubergewichtige integrierten, sprechen Power et al. (1997) in ihrer Darstellung dennoch nur von Adipösen. In der Darstellung ihrer Ergebnisse folgt diese Arbeit ihrer griffsverwendung.

7 Ein Großteil der in der Zusammenfassung von Lobstein und Jackson-Leach (2006) einbezoge- nen Studien basierte ausschließlich auf Daten adipöser Heranwachsender. In vereinzelten Studien wurden aber auch DatenÜbergewichtiger integriert. Da die Autoren ausschließlich von Adipösen sprechen, wird sich diese Arbeit in Bezug auf die Studie den Autoren anpassen und ebenfalls von Adipösen sprechen. Es bleibt festzuhalten, dass ein geringer ProzentsatzÜbergewichtiger zu den Schätzungen beigetragen hat.

Details

Seiten
307
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638049849
ISBN (Buch)
9783638945202
Dateigröße
3.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92554
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
sehr gut
Schlagworte
Energiebilanzrelevante Lebensstile Heranwachsenden Übergewicht Adipositas

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Titel: Energiebilanzrelevante Lebensstile von Heranwachsenden