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Die phantastische Kinder- und Jugendliteratur

Am Beispiel ausgewählter Texte von Astrid Lindgren

Essay 2008 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Versuch einer Annäherung des Begriffs „Phantastik“
2.1 Forschungsstand des Themenfelds „Phantastik“
2.2 Versuch einer zusammenfassenden Begriffsdefinition

3 Die phantastische Kinder- und Jugendliteratur
3.1 Abgrenzung der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur von der phantastischen Erwachsenenliteratur
3.2 „phantastische Elemente“ in Astrid Lindgrens Werken
3.3 Begründung für die Nutzung „phantastischer Elemente“ in Astrid Lindgrens Werken

4. Schluss

5. Literatur

1 Einleitung

Im Jahr 2004 wählten 250.000 Deutsche im Rahmen der TV-Unterhaltungsshow: „Unsere Besten – Das große Lesen“ ihr persönliches Lieblingsbuch. Aus diesen Stimmen entstand eine Liste, die die 50 beliebtesten Bücher der Deutschen repräsentiert. Auf Platz 1 ist J.R.R. Tolkiens Werk „Der Herr der Ringe“ zu finden, Platz fünf belegt „Der kleine Prinz“, Platz neun „Harry Potter“. Was haben diese und viele weitere Werke, wie „Tintenherz“ oder die „Unendliche Geschichte“ in diesem Ranking gemeinsam? Sie werden dem Genre der Fantasy, dem Märchen oder der phantastischen Erzählung zugeordnet und weisen alle in anderer Art und Weise phantastische Elemente auf. Es ist unschwer zu erkennen, dass sich die Phantastik großer Beliebtheit erfreut. Innerhalb dieser Erzählwelten können die Figuren z.B. Fliegen, reisen in ferne Welten oder stoßen auf außergewöhnliche Weggefährten. Doch kaum jemand ist in der Lage den Begriff „Phantastik“ zu definieren, was sich allein darin äußert, dass viele Leser ein Buch nicht dem „passenden“ Genre zuordnen können. Dies könnte wiederum damit zusammenhängen, dass bis heute keine allgemeingültige Definition von „Phantastik“ existiert. Dies wird auch diese Untersuchung nicht leisten. Es werden jedoch einige Definitionsansätze bezüglich des ausgewählten Themenfeldes vorgestellt. Im Anschluss daran fasse ich die wesentlichen Merkmale phantastischer Literatur zusammen, mit deren Hilfe der Begriff „Phantastik“ soweit eingegrenzt werden kann, dass eine Vorstellung darüber entsteht, was dieses Genre kennzeichnet. Diese Darstellung wird den Themenschwerpunkt von Kapitel zwei bilden. Dabei stütze ich mich im Wesentlichen auf die Werke von Uwe Durst: „Theorie der phantastischen Literatur“ (2007) und „Zauberland und Tintenwelt“ (2006) von Jörg Knobloch. Da im weiteren Verlauf der Arbeit einige Werke von Astrid Lindgren, bezüglich deren phantastischer Elemente, untersucht werden, ist es zunächst von Bedeutung, die phantastische Kinder- und Jugendliteratur von der phantastischen Literatur für Erwachsene zu differenzieren. Welche Unterschiede sind im Genauen auszumachen? Diese Frage bildet den ersten Abschnitt des dritten Kapitels. Der letzte Abschnitt umfasst die Diskussion, inwieweit Astrid Lindgrens Werke von ihren eigenen Wertevorstellungen beeinflusst worden sind. In diesem Kontext soll zudem erläutert werden, welche besondere Rolle die phantastischen Elemente in ihren Geschichten einnehmen.

Die Ausführungen des dritten Kapitels werden vor allem gestützt von Sanna Pohlmann: „Phantastisches und Phantastik in der Literatur“ (2004), Vivi Edström: „Astrid Lindgren und die Macht des Märchens“ (2004) und der Dankesrede von Astrid Lindgren anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels (1978).

Im Schlussteil werden die Ergebnisse zusammengefasst.

2 Versuch einer Annäherung des Begriffs „Phantastik“

2.1 Forschungsstand des Themenfelds „Phantastik“

In Deutschland setzte in den 70iger Jahren eine Diskussion bezüglich des Phantastikbegriffs ein, vor allem aufgrund des stärkeren Interesses an phantastischer Literatur und begünstigt durch die Übersetzungen der Untersuchungen der französischen Theoretiker Roger Callois, Louis Vax sowie Tzvetan Todorov. Vor allem letzterer gilt nach wie vor als grundlegend innerhalb dieser Diskussion. Uwe Durst ordnet diese Theorien zwei verschiedenen Erklärungsmodellen zu, der maximalistischen und minimalistischen Genredefinition. Zu den maximalistischen Werken zählt Durst „alle Texte, in deren fiktiver Welt die Naturgesetze (unserer Gesellschaft) verletzt werden“. Zu den Vertretern der maximalistischen Sichtweise zählt Durst neben Louis Vax auch Roger Caillois, deren Untersuchungen im Folgenden näher vorgestellt werden. Wie es der Begriff „maximalistisch“ bereits andeutet, fasst diese Definition viele Texte zusammen, die sich durch unterschiedliche Strukturen kennzeichnen lassen, wie das Märchen, Science-Fiction etc., worauf jedoch im Einzelnen in dieser Untersuchung nicht näher eingegangen wird. Durst selbst sieht sich als Anhänger einer minimalistischen Genredefinition, ebenso wie Tzvetan Todorov, dessen Theorie ebenfalls erläutert werden wird.

Louis Vax als auch Roger Callois beziehen sich auf die Handlung eines Textes und arbeiten die „stofflich-inhaltlichen“ Besonderheiten heraus. Allgemein hin geben diese handlungstheoretischen Bestimmungen den „Riss“ als wesentliches Merkmal an, um ein Werk der Phantastik zu kennzeichnen. Dieser Riss entsteht dann, wenn einer realistisch gekennzeichneten, empirisch-alltäglich bestimmbaren Welt eine Welt gegenübertritt, die Irrational-Unerklärlich erscheint. Vax sagt, dass das „Phantastische im strengen Sinne“ den „Einbruch eines übernatürlichen Ereignisses in eine von Vernunft regierte Welt“ erfordert. Vax wie auch Callois sehen diesen Einbruch als etwas Bedrohliches für die „normale“ Welt. Diese Bedrohungen können nach Callois von folgenden Motiven ausgehen, vom Teufelspaktmotiv, von Gegenständen, die zum Leben erwachen, vom Vampirmotiv, das Motiv vom Stillstand oder der Wiederholung der Zeit.

Nach Todorov wiederum verlangt die Erfüllung von Phantastik drei Bedingungen. Zuerst muss der Leser „die Welt der handelnden Personen wie eine Welt lebender Personen betrachten und ihn, bis über das Ende des Textes hinaus, unschlüssig werden lassen angesichts der Frage, ob die hervorgerufenen Ereignisse einer natürlichen oder unnatürlichen Erklärung bedürfen“. Wenn der Leser also nicht zu entscheiden vermag, ob die Ereignisse im Text rational erklärt werden können oder sie nur mit der Erklärung des Übernatürlichen begründet werden können, handelt es sich um einen phantastischen Text. Zweitens kann diese „Unschlüssigkeit“ ebenso von der handelnden Figur empfunden werden, so dass sich der Leser in dieser Person wieder erkennen kann. Auf diese Weise wird die besagte „Unschlüssigkeit“ zu einem thematischen Gegenstand des jeweiligen Werks. Zuletzt ist die Haltung des Lesers zum Text entscheidend. Der Leser wird einen phantastischen Test weder allegorisch noch poetisch interpretieren, ihn also wortwörtlich lesen. Die meisten phantastischen Texte erfüllen diese drei Merkmale, wobei das erste und das letzte Merkmal tatsächlich die Gattung festlegen. Das zweite Kriterium muss nicht erfüllt sein, ist es aber in den meisten Texten. Todorov siedelt die Phantastik des Weiteren zwischen zwei „Polen“ an, zwischen dem „unvermischt Unheimlichen“ und dem „unvermischt Wunderbaren“. Ein Text ist „Unheimlich“, wenn es natürliche Erklärungen, gemäß unserem rationalen Denken, für die Ereignisse gibt. Wunderbar ist er dann, wenn Held und Leser bisher nicht erklärbare Gesetze ohne weiteres akzeptieren, bestes Beispiel hierfür ist das Volksmärchen. Todorov zählt beide Textformen jedoch nicht zur phantastischen Literatur. Demnach gehören z.B. das Volksmärchen und auch die Science-Fiction nicht dem Bereich der Phantastik an. Diese Meinung wird jedoch kontrovers gesehen, da wiederum andere Theoretiker wie Haas das Märchen z.B. sehr wohl der Phantastik zuordnen würden.

Da bei Todorov nur noch wenige Texte, im Sinne der angesprochenen minimalistischen Definitionsweise, übrig bleiben, die dem phantastischen Bereich entsprächen, führt er zwei weitere Bereiche an. Texte, deren Unschlüssigkeit über die Geschehnisse nur vorübergehend anhält, zählt Todorov zum Einen zur Mischform des „Phantastisch-Unheimlichen“ und zum Anderen zum „Phantastisch-Wunderbaren“, die wiederum der „Phantastik“ angehören. Es scheint also, dass Todorov über die Wirkungs/Rezeptionsebene zu definieren versucht, ob ein phantastischer Text vorliegt, im Gegensatz zu Callois und Vax, die die stofflich-inhaltliche Ebene als Ausgangspunkt nehmen. Todorov selbst kann dem jedoch nicht zustimmen, da er betont, dass ein jeweiliger Leser einen Text als phantastisch einordnen kann, ein anderer aber wiederum nicht, so dass am Ende der Eindruck und das Gefühl des Lesers, bezüglich der Einordnung des Textes, den Ausschlag gibt. Demnach wäre das Phantastische lediglich individuell und temporär zu bestimmen und würde sich damit jeglicher Analyse entziehen, wie Pohlmann richtig anmerkt. Das Indiz der Unschlüssigkeit sei daher gefährlich für die Charakterisierung eines Textes. Denn, und so äußert sich Wünsch treffend, ein einziger Satz am Ende eines Textes kann die scheinbar phantastische Erzählung zurück auf die Realitätsebene bringen, wie: „Und X erwachte, verwundert über seine albernen Träume“. Demnach würde sich die Textsorte jedoch in den Bereich des Phantastisch-Unheimlichen einordnen lassen und diesen Bereich zählt Todorov, wie bereits erwähnt, ebenso zur phantastischen Literatur. Von daher lässt sich Wünschs Einwand meines Erachtens relativieren.

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Details

Seiten
14
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638062398
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92664
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Schlagworte
Kinder- Jugendliteratur Astrid Lindgren Fantastik Phantastik phantastische Literatur Todorov Brüder Löwenherz Mio mein Mio

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Titel: Die phantastische Kinder- und Jugendliteratur