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Case Management. Ein kurzer Überlick

Hausarbeit 2008 35 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Gliederung

1. Prolog

2. Begriffsbestimmung des Case Managements

3. Historische Entwicklung des Case Managements

4. Axiologie des Case Managements

5. Theoretischer Hintergrund des Case Managements
5.1. Zentrale Funktionen des Case Managements
5.2 Systemtheorie

6. Praxiologie des Case Mangements
6.1 Handlungsfelder und Anwendungsgebiete
6.2 Überblick verschiedener Phasenmodelle
6.3 Das Phasen-Modell nach Manfred Neuffer
6.4 Schlüsselqualifikationen des Case Managers

7. Möglichkeiten und Grenzen des Case Managements in der Sozialarbeit

8. Epilog

Literaturverzeichnis:

1. Prolog

Im Fokus der Fachdiskussionen der Sozialarbeit steht wieder vermehrt die Fallarbeit mit Einzelnen und Familien. Die Leistungs- und Qualitätsanforderungen an die Fallarbeit nehmen immer höhere Ausmaße an, da sich die Lebenslagen der Menschen geändert, ihre Problemsituationen gewandelt und häufig zu komplexen mehrbelasteten Problemsituationen geworden ist. Hinzu kommt der Anstieg des Rechtsanspruches auf eine professionelle Hilfestellung.[1]

„Die Schwierigkeiten und Nöte von Menschen sind inzwischen im Alltag so sehr verwickelt, daß (!) sie kaum verschwinden, wenn ab und an Geld gegeben wird oder guter Rat oder wenn man den sozialen Belastungen mit einer Psychotherapie oder mit Medikamenten beizukommen sucht. In einer komplexen Lage ist vielleicht alles zusammen erforderlich, abgestimmt aufeinander, oder auch nur eine bessere Organisation in der Bewältigung des Alltags.“[2]

Diese multidimensionalen Lebenssituationen des Klientels, aber auch neue handlungstheoretische Erkenntnisse des systemischen Denkmodells verlangen es, neue ganzheitliche Konzepte zu entwerfen und anzuwenden. Ebenso tragen die Reformen im Sozial- und Gesundheitswesen ihren Teil dazu bei. „Die Richtung der Neugestaltung ist in allen Versorgungsdiensten für Menschen ... die gleiche: es muß (!) rationalisiert werden, wobei auf die Gewährleistung von Qualität und auf die Begrenzung der Kosten gesehen wird.“[3]

Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Bedürftigen die für sie geeigneten Hilfeleistungen nicht kennen oder ihnen nicht zugänglich sind. Daher ist es „In wachsendem Maße ...[erforderlich,/ die Verf.] Abstimmungen und Kooperationen zwischen den Diensten, den Leistungsträgern, den Fachkräften und denen ..., welche die Unterstützung erhalten sollen[zu treffen/ die Verf.].“[4]

Seit einiger Zeit richtet sich daher die Aufmerksamkeit auf das Konzept des Case Managements, das eine qualifizierte Fortschreibung der sozialen Einzelfallhilfe darstellen könnte.[5]

2. Begriffsbestimmung des Case Managements

Um eine erste Annäherung an den Begriff „Case Management“ zu erzielen, ist es nach meiner Ansicht sinnvoll, ihn ins Deutsche zu übersetzen. „Case“ bedeutet „Fall“ und „to manage“ bezeichnet Tätigkeiten wie Führen, Verwalten und das Leiten von Betrieben.

Bezogen auf die Sozialarbeit geht es also grob skizziert darum, einen Fall mit all seinen Facetten aufzunehmen, an andere Stellen und Institutionen weiterzuvermitteln, jedoch den Gesamtüberblick zu behalten und den Fall somit zu verwalten und zu führen.

Das Case Management nimmt laut Wendt ihren Ausgang in zwei Tatsachen. Die erste ist die Feststellung, dass die Klienten in der Sozialarbeit zumeist einen ganzen Problempool aufweisen. Die zweite Tatsache bezieht sich auf die Vielzahl von Hilfen und Unterstützungsleistungen die für eine Problemsituation in Frage kommen würde. Daraus folgert Wendt, dass „... eine koordinierende und arrangierende Leistung nötig ...“[6] scheint, um mit dieser Situation erfolgreich umzugehen.[7]

Stimmer erklärt, dass das Case Management in der Einzelfallhilfe eben dieses unkoordinierte Nebeneinander verschiedener Hilfeleistungen zu einem Gesamtprozess zusammenfügt.[8] Dieser wird von dem Case Manager koordiniert und investigiert, um somit den verschiedenen Aspekten der komplexen Lebenslage von Menschen möglichst effektiv zu begegnen. Der Klient wird „als aktiver Partner und eigenständiger Nutzer des Dienstleistungsangebotes gesehen...“[9]. Daher wird das Case Management wohl von seinen Befürwortern auch als eine Weiterentwicklung der klassischen Einzelfallhilfe verstanden, die eine Akzentverschiebung vornimmt.[10]

Gemäß Ballew und Mink weist das Case Management zwei Akzentuierungen auf, die Stimmers Meinung unterstreichen:

1. Die Entwicklung/ Verbesserung eine Ressourcen-Netzwerkes
2. Die Stärkung der persönlichen Befähigungen des Klienten.

Ersteres entsteht durch den Wunsch verschiedener Personen und Institute einem Klienten zu helfen und die Koordinierung dieser Hilfen durch einen Case Manager. Zweiteres umfasst „das Wissen, die Fertigkeiten und die Einstellungen des Klienten.“[11].[12]

„Sorgfältige Einschätzung („assessment“) der Bedürftigkeit, umfassende Pflegeplanung, Koordination der Dienstleistungen und Nachuntersuchung – das zusammen macht im großen (!) und ganzen (!) Case Management aus. (...) Seine spezifischen Ziele und Funktionen können beträchtlich variieren.“[13]

Nach Easterling kann das Case Management nach seiner beruflichen Verortung in fünf Kategorien unterteilt werden. Er spricht hier von dem privaten, dem primärärztlichen, dem krankenpflegerischen und dem Case Management bei Versicherungen. Hinzu kommt das soziale Case Management[*], dass sich durch die „... Unterstützung einer Person oder Familie mit einer Mehrzahl von Diensten, die planmäßig und koordiniert zum Einsatz kommen sollen.“[14] auszeichnet.[15]

Das Case Management versteckt sich hinter vielen Begrifflichkeiten.[**] Im Englischen wird dem Case Management je nach Fachbereich ein weiteres Adjektiv hinzugefügt (siehe Pkt. 6.1.). Wendt hat den Terminus „Unterstützungsmanagement“ als deutschen Begriff vorgeschlagen, der sich mittlerweile eingebürgert hat. Des Weiteren finden sich die Begriffe Fallmanagement bzw. klinisches Fallmanagement, die für das Case Management im medizinischen Bereich gebraucht werden.[16]

„Case Management ... bietet also die Chance, einzelfallorientiertes Vorgehen mit personaler Netzwerkarbeit und Sozialraumorientierung ganzheitlich verbinden zu können. Der grenzüberschreitende Ansatz gibt den Betroffenen mehr Sicherheit, differenzierte Hilfestellungen zu finden in ihren vielschichtigen Problemen, Belastungen und Benachteiligungen, in der auf sie zugeschnittenen Form und zum richtigen Zeitpunkt, bei gleichzeitig weniger zu leistenden Anpassungsbemühungen.“[17]

3. Historische Entwicklung des Case Managements

In den USA dominiert, anders als in Europa, freies Engagement. Daher wird „... die Erbringung von Sozialleistungen weniger durch Ämter mit breiter Zuständigkeit, wie sie bei uns die Jugend-, Sozial- und Gesundheitsämter besitzen[, /die Verf.] reguliert.“[18]

Laut Galuske wurde das Case Management ab Ende der 70er Jahre in den USA als eine Methode der Sozialen Arbeit aus zwei Beweggründen entwickelt:

Die Zersplitterung sozialer Dienstleistungsangebote führte zu Orientierungsproblemen auf der Seite der Klienten, auf der Seite der Anbieter führte diese Zersplitterung zu wenig effektiven Überschneidungen und zu Koordinationsproblemen.[19] Hinzu kam, dass „... das System sozialer Dienstleistungsangebote im Zuge der konservativen, neoliberalen Politik der Reagan-Administration zunehmend unter Druck gesetzt[wurde/ die Verf.], soziale Dienste kostengünstiger und effizienter zu organisieren.“[20].

Mitte der 70er Jahre kam es außerdem in den USA und in weiteren Ländern zu der Kampagne der Deinstitutionalisierung die dazu führte, dass die stationären Angebote reduziert wurden. Es wurden

„... chronisch psychisch kranke, geistig behinderte und pflegebedürftige Menschen in großer Zahl aus der stationären Unterbringung[entlassen/ die Verf.]. Man hielt es von den Rechten der Bürger her nicht mehr für vertretbar, sie in Heimen und Anstalten festzuhalten, und hatte auch erkannt, dass (!) die Versorgung dort die Insassen lebensuntüchtig macht, viel kostet und mehr schadet als nutzt.“[21]

Durch die Deinstitutionalisierung wurde es nun notwendig „... eine hinreichende ambulante Betreuung durch soziale und medizinische Dienste zu organisieren.“[22]

Das Case Management sollte als ein Instrument des Umgangs mit dieser spezifischen Problemkonstellation dienen. Das Ziel war es in erster Linie eine organisierte Abstimmung von Angebot und Nachfrage nach sozialen Dienstleistungen zu schaffen.[23]

1988 legte die britische Regierung ihr Konzept innerhalb eines White Papers vor „und definierte darin community care als lokale Bereitstellung der Dienste und der Unterstützung, welche Menschen mit Problemen des Alters, einer psychischen Erkrankung, mit geistiger oder körperlicher Behinderung oder einer Sinnesbehinderung benötigen, um fähig zu sein, weitestgehend unabhängig in ihrer eigenen Wohnung oder in vergleichbaren Wohnformen am Ort leben zu können (...) Ein Management im Einzelfall diene diesem Zweck und wird darum ausdrücklich empfohlen.“[24]

Seit Ende der 80er Jahre wird das Case Management auch verstärkt in Deutschland genutzt.[25]

4. Axiologie des Case Managements

Laut Wendt geht das Case Management von der Annahme aus, „daß (!) Menschen, die in ihrer Lebensführung allein zurechtkommen und einigen Erfolg haben, auf den Gebieten geschäftig sind oder sein können, wo im eingetretenen Fall der Unterstützungsbedürftigkeit ein Defizit besteht.“[26]

Demnach ist dem Sozialarbeiter bewusst, dass das angestrebte Ergebnis des Case Managements nicht lieferbar ist. Lediglich der Klient selbst und das entstandene Ressourcen-Netzwerk können dieses Ziel erreichen. Daher trägt der Klient die Verantwortung für seinen möglichen Lernprozess.[27]

Jegliche Hilfen und Unterstützungen knüpfen an die Ressourcen des Klienten an. „Daß (!) solche Stärken vorhanden sind, muß (!) nicht der Klient beweisen; es gehört schon zur Sache der Sozialarbeit, die Kompetenzen in gemeinsamer Einschätzung festzustellen und mit ihnen, nicht an den Defekten, produktiv zu werden.“[28]

Moxley beschreibt sechs leitende Grundsätze der Praxis des Case Managements im Rahmen der Sozialarbeit. Obwohl sich nicht alle diese Grundsätze auf das Menschenbild des Case Managements projizieren lassen, möchte ich der Vollständigkeit halber trotzdem alle nennen.

Zunächst soll der Case Manager sich an das Prinzip halten, den Klienten dort abzuholen wo er gerade steht. Zudem soll eine ganzheitliche Betrachtung des Klienten und seiner Problemlage stattfinden, anstatt den Klienten auf das spezifische, aktuelle Problem zu reduzieren. Da das Case Management mit Verwaltungsprozessen zu tun hat, müssen die Case Manager Kompetenz im administrativen Bereich vorweisen. Klinische Verfahren und Fähigkeiten ermöglichen eine profunde Beschäftigung mit dem Verhalten des Klienten und dessen Hintergründen. Im Gegensatz zu Wendt schreibt Moxley in seinem fünften Grundsatz: „Der Case Manager konzentriert Verantwortlichkeit mit seinem Wissen über Klienten und ihre Lage auf sich.“[29]

Moxleys letzter Grundsatz besagt, dass Case Manager versuchen, eine Unität sozialer Dienstleistungen zu erreichen, so dass diese ergänzend zu den Bewältigungsmöglichkeiten der Klienten wirken.“[30]

Ballew und Mink gehen davon aus, dass es bestimmte Hindernisse gibt, die einen Menschen daran hindern, von Hilfequellen Gebrauch zu machen. Sie haben diese Hindernisse in drei Kategorien eingeteilt; 1. externe Behinderung, 2. eigenes Unvermögen und 3. interne Hemmungen. Zu den externen Behinderungen zählen sie „... Mängel in der Umgebung des Klienten...“[31], die benötigte Hilfsquelle existiert nicht oder ist nicht in der Lage den Bedarf zu decken oder eine generelle Verfügbarkeit einer Ressource die jedoch für einen bestimmten Klienten nicht zur Disposition steht.[32] Eine weitere externe Behinderung ist es wenn, „Die Hilfsquelle ... vorhanden[ist/ die Verf.] ; man braucht aber, um sie zu erschließen, eine zweite Ressource, und diese ist nicht verfügbar. Zu den sekundären Ressourcen zählen Information, Transportmittel und Kinderbetreuung.“[33]

Das eigene Unvermögen als Hindernis zur Erschließung von Hilfsquellen impliziert geistige Behinderungen, schwere psychische Erkrankungen, physische Gebrechen und Alkohol- und Drogenmissbrauch.[34]

Interne Hemmungen werden von Ballew und Mink wie folgt definiert: „... Überzeugungen, Haltungen oder Werte des Klienten, die zu Verhaltensmustern führen, welche sich der Person bei der Suche oder der Annahme von Hilfe in den Weg stellen.“[35]. Dazu gehören, entsprechend ihrer Ausführungen, der Pessimismus, der Kritizismus, der Fatalismus und der Zynismus.[36]

Zusammenfassend möchte ich Obrecht zitieren, der im Rahmen seines handlungstheoretischen Rahmens das Menschenbild für die Sozialarbeit schriftlich fixiert hat:

„Menschliche Individuen sind in der Sicht des sozialwissenschaftlichen Systemismus neugierige, aktive, mitgliedschafts- und beziehungsorientierte, lern- und selbstwissensfähige Biosysteme.“[37]

5. Theoretischer Hintergrund des Case Managements

5.1. Zentrale Funktionen des Case Managements

Ziel des Case Managements ist die selbstständige Lebensführung des Klientels. Um dies zu erreichen, sollen Hilfen angeboten werden, die möglichst wenig in die gewohnte Lebenswelt eingreifen. Des Weiteren arbeitet das Case Management ressourcenorientiert. Die Ressourcen des Klienten und des ihn umgebenden sozialen Netzwerkes sollen die Basis der Hilfen darstellen.[38]

„Ressourcen in einen Hilfeprozess einzubeziehen, heißt Stärken und positive Kräftefelder aufspüren, die alle Beteiligten, insbesondere die KlientInnen, motivieren Veränderungen in Angriff zu nehmen. Gerade in komplexen und mehrfach belasteten Situationen wird eine Antriebskraft benötigt, die Bewegung in Systeme und ihre Umwelt bringt. Heute wird dieses Vorgehen unter anderem mit dem Konzept Empowerment in Verbindung gebracht.“[39]

In Entsprechung zu Neuffers Ausführungen erfolgt die ressourcenorientierte Fallarbeit auf fünf Ebenen.

1. Persönliche Ressourcen

Diese bezeichnen Stärken und Kompetenzen die in dem Klienten selbst liegen. Sie können sich auf den Körper oder den kognitiven Bereich beziehen. Auch die Fähigkeiten soziale und emotionale Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten fallen in den Bereich der Persönlichen Ressourcen.

2. Familiäre Ressourcen

Das Zentrum des Interesses bilden hier die Wechselbeziehungen zwischen den Familienmitgliedern. Diese zeigen sich im Kommunikationsgeschehen, in den einzelnen Teilsystemen und den aufgestellten Werten und Normen.

3. Sozioökologische Ressourcen

Diese finden sich häufig in der Nachbarschaft, in der Verwandtschaft, dem Freundeskreis, in Selbsthilfegruppen und in Bürgerinitiativen wieder. Sie verhelfen einer Person bzw. einer Familie dazu, Beziehungen und Partizipation im Sozialraum oder im Milieu zu erweitern.

4. Sozioökonomische Ressourcen

Hiermit sind Ressourcen gemeint, die der Bildungsbereich, ein Arbeitsplatz und die materielle Grundversorgung zur Verfügung stellen und damit gesetzliche Absicherung bieten. Sie spielen daher eine wichtige Rolle und sollten bei den individuellen kognitiven Fähigkeiten des Klientels ansetzen.

5. Kulturelle Ressourcen

Diese charakterisieren Ressourcen, die sich durch den kulturellen Hintergrund eines Menschen ergeben. Laut Neuffer können „Zugehörigkeit und die darin zu findende Orientierung, Anerkennung und Begegnung ... entscheidende Stärkefelder darstellen.“[40]

Neuffer bemängelt, dass diese Form der Ressourcen zu wenig beachtet werden und viel stärker in den Hilfeprozess der Sozialarbeit Eingang finden müssen.[41]

Betrachten wir das Case Management unter dem Aspekt der ressourcenorientierten Fallarbeit, ergeben sich klare Arbeitsaufträge für die fallführende Fachkraft. Die verschütteten und vorhandenen Ressourcen des Klienten müssen ausgekundschaftet, erschlossen und eingefordert werden. Des Weiteren müssen neue Ressourcen herausgebildet und geschaffen werden.[42]

Durch die ressourcenaktivierende Fallarbeit, wird es dem Klienten ermöglicht, spätere Problemlagen selbstständig aufzulösen. Mit dem Begriff der Selbstständigkeit sind an dieser Stelle zwei Formen gemeint: Zunächst, dass der Klient sich selber hilft, aber auch, dass der Klient in der Lage ist, sich Hilfen zu suchen, die ihm bei der Lösung des Problems behilflich sein können. Ziel der ressourcenorientierten Fallarbeit ist es also keineswegs, dass ein Klient alle nachfolgenden problembehafteten Situationen als Einzelner meistert.

5.2 Systemtheorie

Die Systemtheorie bietet eine Struktur, aus der sich spezifische Handlungskonzepte entwickeln und begründen lassen, die sich an einem gemeinsamen handlungstheoretischen Rahmen ausrichten.[43] Sie „...bietet für die Disziplin und die Profession Soziale Arbeit einen Bezugsrahmen, der von Metatheorie bis zu Alltagspraxis reicht und gerade die für die Soziale Arbeit notwendigen Handlungskonzepte wie Case Management, Beratung, Mediation, Soziale Netzwerkarbeit professionsspezifisch herausbildet. Die Systemtheorie bietet mit ihrem Grundverständnis den Boden für einen reflexiven Hilfeprozess, in dem zukünftige Veränderungen im Vordergrund stehen, sei es im eigentlichen Klientsystem, sei es in der ihn umgebenden Umwelt oder im Helfersystem selbst.“[44]

Die Position des kritischen Konstruktivismus zur Systemtheorie ist für die Sozialarbeit am bedeutsamsten. „Das Subjekt (System) schafft sich in einem Austausch und in Auseinandersetzung mit der Umwelt, zusammen mit Anderen, sein Verstehen und seine materielle Basis ... . Eine materielle Welt wird in diesem Ansatz als gegeben gesehen, ohne den Anspruch, diese wirklich abbilden zu können.“[45]

Hinter dem Begriff der Systemtheorie verbergen sich verschiedene theoretische Ansätze.[46] Laut Neuffer ist der handlungstheoretische Ansatz auf Basis des kritischen Konstruktivismus von Obrecht am weitesten und aktuellsten.

„Ein System weist in dieser Theorie durch die Zusammenhänge seiner Teile Charakteristika aus, die seinen Teilen alleine fehlen (Emergenz). Über interne Verbindungen entstehen konkrete Systeme, ebenso durch ihre externe Verbindungen mit der Umwelt.“[47]

6. Praxiologie des Case Mangements

Gemäß Marie Weils Ausführungen ist jeder Case Manager für drei Haupttypen von Dienstleistungen verantwortlich:

„1. für die direkte Arbeit, wie etwa die Beratung der Klienten und vielleicht ihrer Familien
2. für das Koordinieren von Diensten, wozu das Zusammenwirken mit anderen Fachkräften und Einrichtungen gehört, und
3. für das anwaltliche Handeln für (und mit) Klienten, um ihnen den Zugang zu Dienstleistungen zu ermöglichen, um erforderliche Unterstützungen beizuschaffen und um die Angemessenheit und Qualität der Dienste zu sichern.“[48]

Es bestehen verschiedene Modelle des Case Managements. Der verbreitetste Ansatz ist das Generalistenmodell, bei dem ein Case Manager einen Klienten über den gesamten Hilfeprozess hindurch begleitet.[49] Marie Weil hat die verschiedenen Modelle kategorisiert und einander zugeordnet.

Gemäß Marie Weils Ausführungen bestehen drei wesentliche Modellformen in der Praxis des Case Managements, die sich in unterschiedliche Hauptformen unterteilen:

1. ein Case Management, „das von Professionellen aus den Sozialdiensten oder von speziell eingeübten Paraprofessionellen geleistet wird;

1.1 der generalistische Case Manager
1.2 der primäre Therapeut als Case Manager
1.3 das interdisziplinäre Team

2. Case Management, ausgeführt von Nichtprofessionellen, die in einer besonderen Beziehung zu den Klienten stehen;

2.1 die Familie (oft die Eltern) als Unterstützungsmanager
2.2 der unterstützende Pfleger als Case Manager
2.3 der freiwillige Case Manager

3. Dienstleistungszentren mit dem Angebot von Case Management.“[50]

Der Generalist nimmt alle Anforderungen des Case Managements wahr. Er koordiniert die benötigten Hilfen, leistet einige direkt und absolviert den anwaltlichen Beistand, der nach Weil in jedem Case Management vonnöten ist.[51]

Der primäre Therapeut als Case Manager übernimmt die Eigenschaften des Case Managements als Segment oder als Amplifikation einer therapeutischen Intervention.[52]

Das interdisziplinäre Team teilt die unterschiedlichen Aufgaben und Funktionen eines Case Managers untereinander auf. Gemeinsam bilden sie einen exhaustiven Case Management-Prozess.[53]

Gemäß Weils Ausführungen ist das Konzept des Case Management durch Nichtprofessionelle „... nicht sehr weit entwickelt, und ...[es ist/ die Verf.] empirisch kaum überprüft...“[54]. Sie können sich jedoch in den Bereichen des Empowerments als nützlich erweisen und dabei helfen, Mittelkürzungen stand zu halten. Wichtig sei es aber, die Nichtprofessionellen entsprechend einzuweisen und auszubilden.[55]

Das Familienmodell strebt eine Partnerschaft zwischen den Eltern und den Fachkräften an. Durch diesen Umstand können erstere den Professionellen über Problematiken der Unterstützung in Kenntnis setzen. Zudem können sich beide Parteien beratend mit Veränderungen der Gegebenheiten beim Klienten oder dem Netz der sozialen Dienste auseinandersetzen. Die Fachkraft ist trotzdem für die Gewährleistung der qualitativen Durchführung verantwortlich.[56]

Das Modell der unterstützenden Pflege hat seinen Ursprung in der Hypothese „daß (!) die psychologischen Erfordernisse und der Unterstützungsbedarf, damit chronisch psychisch Kranke im Gemeinwesen zurechtkommen, in ihrer heimischen Nachbarschaft und von den Mitbürgern abzudecken sind, und daß (!) überdies, falls eine stützende Struktur und Anleitung vorhanden ist, Bürger in der Lage sind, selber Dienst für die seelische Gesundheit zu leisten und Klienten mit anderen notwendigen offenen Hilfen in einer wirksamen und ökonomischen Weise zusammenzubringen.“[57]

Wollen oder sollen Freiwillige als Case Manager agieren hängt dies laut Weil von einer tragfähigen Partnerschaft der Dienststelle ab, die die Verantwortung für das Case Management trägt.[58] Ähnlich, wie bei den Paraprofessionellen, ist es bei den freiwilligen Case Managern von essentieller Bedeutung „... daß (!) die rechtlich und professionell Zuständigen für das Case Management sich nicht davor drücken, ihre Verantwortung für das Wohlergehen von Klienten wahrzunehmen.“[59]

Service-Zentren mit dem Angebot von Case Management stellen zumeist umfassende Dienstleistungen bereit. Sozialer und emotionaler Beistand, Berufstraining und Unterkünfte/ Wohnmöglichkeiten stellen einige dieser Dienstleistungen dar. Allerdings sind diese Leistungen oft den Menschen vorbehalten, die in solchen Dienstleistungszentren untergebracht sind.[60]

6.1 Handlungsfelder und Anwendungsgebiete

„Die Größe, der Umfang und die Struktur einer Einrichtung beeinflußt (!) die Gestaltung des Unterstützungsmanagements und bestimmt größtenteils, welche seiner Funktionen betont werden.“[61]

In Entsprechung zu dieser Ausführung von Marie Weil möchte ich nun zunächst auf die unterschiedlichen organisatorischen Rahmenbedingungen eingehen, in denen ein Case Management denkbar und effektiv anzuwenden wäre.

Weil führt zu dieser Thematik acht Kategorien von dienstlichen Organisationsstrukturen nach Raymond Steinberg und Generiere Carter (1983) auf, „die ein Case-Management-Programm „beherbergen“ und fördern können:

a) ein eigenständiger Dienst (!)
b) eine Spezialabteilung in einem Planungsbüro,
c) eine Spezialabteilung eines Informations- und Überweisungsdienstes,
d) eine Spezialabteilung bei einem Sozialdienst vor Ort,
e) ein spezieller Bereich in einer Einrichtung oder in einem Multifunktionsdienst,
f) ein Konsortium oder Verband sowie
g) Mitgliedervereinigungen.

Es mag noch andere Strukturen geben, aber die genannten bilden in den meisten Fällen den Rahmen für Case Management-Programme.“[62]

Wie schon eingangs erwähnt, ist das Case Management besonders in den sogenannten Multiproblemfamilien angezeigt, „... da es hier oft zu kontraproduktiven und die sozialen Dienstleistungen unnötig verteuernden Überschneidungen verschiedenster Unterstützungsangeboten kommt.“[63]

Mit Recht behauptet Neuffer, dass es sich bei Case Management um einen Arbeitsansatz handelt, „... der in ganz unterschiedlichen Feldern der Humandienstleistungen zum Einsatz kommen könnte. Die Arbeitsbedingungen und Problemsituationen im Sozial- und Gesundheitsbereich unterscheiden sich, doch lässt sich dieses Konzept auch in die Arbeitsbereiche berufliche Integration, Pflege und Gesundheit übertragen.“[64]

Viele Autoren haben aufgrund dieses breiten Spektrums an Anwendungsfeldern eine Einteilung dieser vorgenommen, um so mehr Struktur in das Konzept des Case Managements zu erhalten.

Eine solche Klassifikation hat unter anderem auch Wendt vorgenommen. Er hat das Case Management in neun Rubriken eingeteilt, die ich im Folgenden aufgrund ihrer Diversität vorstellen möchte.

1. Häusliches Pflegemanagement

Die Selbst- und Angehörigenhilfe wird hier mit den Hilfen ambulanter Dienste abgestimmt und koordiniert.

2. Geriatrisches Case Management

Ausgehend von einer stationären Versorgung wird eine spezialisierte medizinische und pflegerische Versorgung arrangiert.

3. Case Management im Krankenhaus

Dieses bezieht sich auf die Betreuung eines Patienten, von der Aufnahme bis zur Entlassung aus einem Krankenhaus. In Zusammenarbeit mit allen Beteiligten soll der beschriebene Zeitraum qualitativ möglichst hochwertig aber auch möglichst kostengünstig gestaltet werden.

4. Notfall-Verfahrensmanagement

Bei zum Beispiel einem schwerverletzten Unfallopfer verlangen die Versicherungen eine kongruierende, kosteneffiziente Behandlung.

Um bei einer akuten Krisis ebenso handeln zu können, wird fachliches Know-How, schnelle Reaktionen und ein entsprechendes Instrumentarium benötigt.

5. Langzeit-Versorgungsmanagement

Bei den Klienten im Langzeit-Versorgungsmanagement handelt es sich zumeist um chronisch Kranke oder Behinderte, die über einen längeren Zeitraum versorgt werden müssen.

Der Case Manager hat hier die Aufgabe, die erforderlichen Dienstleistungen zu vermitteln und zu koordinieren. Außerdem erstellt er eine Langzeit-Planung und bietet dem Klienten informelle Unterstützung in seinem sozialen Umfeld.

6. Klinisches Case Management

In die Behandlung von psychischen Störungen und Problemen soll das soziale Umfeld, verschiedene formelle Dienste und informelle Hilfen einbezogen werden.

7. Psychiatrisches Case Management

Wendt begründet diese Kategorie des Case Managements damit, dass einem psychisch kranken Menschen nach einer erfolgreichen, medizinischen Behandlung, noch nicht geholfen wurde, (wieder) ein selbstständiges Leben zu führen und soziale Integration (zu erfahren und) zu erlangen.

8. Case Management mit Straffälligen

Laut Wendt ist die Resozialisierung vor und nach der Entlassung aus dem Strafvollzug der Dreh- und Angelpunkt dieses Case Management-Typs.

9. Case Management am Arbeitsplatz

Diese Form des Case Managements findet sich noch hauptsächlich in den USA. Die Mitarbeiter eines Betriebes werden in ihrer Gesunderhaltung, im Krankheitsfall und in ihrem Wohlbefinden individuell unterstützt. Die Unternehmen haben erkannt, dass dieser Einsatz am erfolgsversprechendsten und kosteneffizientesten für sie ist. Angeboten werden unter anderem Präventionsprogramme, soziale Unterstützung bei einer Erkrankung oder Behinderung, aber auch die berufliche Wiedereingliederung nach einer Therapie.[65]

Neuffer fügt in seiner Kategorisierung der Einsatzbereiche des Case Managements noch die Schuldnerberatung, die Obdachlosenbetreuung, die Arbeit mit Prostituierten und die gesamte Palette der Arbeit im Jugendamt (u.a. ASD, HzE, Jugendgerichtshilfe) hinzu.[66]

Hansen betont zusätzlich, dass das Case Management „... im Zusammenhang der Neuorganisation der Arbeitslosen- und Sozialhilfe umgesetzt.“[67] wird.

Am häufigsten erprobt und umgesetzt ist das Case Management jedoch im Rahmen der ambulanten Versorgung von behinderten, chronisch psychisch oder physisch kranken wie auch alten Menschen.[68]

Wendt behauptet außerdem, dass diese Form des Case Managements eine Alternativlösung zur stationären Unterbringung bieten kann.[69]

6.2 Überblick verschiedener Phasenmodelle

Bevor ich beginne, einen Einblick in die verschiedenen Phasenmodelle zu schaffen, möchte ich mich den Worten von Wendt anschließen:

„Bevor wir uns den Details des Verfahrens zuwenden, sei daran erinnert, daß (!) es immer ein Zusammenhang von Handlungen ist, der im Case Management herbeigeführt, gestaltet und gesteuert wird. Eine einzelne Beratung, die medizinische Akutversorgung oder die soziale Nothilfe sind kein Gegenstand von Case Management. Wer hungert, dem ist nicht mit einem Case Management geholfen. Wenn „auf der Hand liegt“, was zu tun ist, braucht man keine Strategie für das richtige Nacheinander und Miteinander. Ein überlegtes Vorgehen ist angebracht, wenn Zeit und eine Menge Ressourcen benötigt werden, um an ein Ziel zu gelangen, oder wenn unter Alternativen zu wählen ist und wenn mehrere Personen (mindestens zwei) beteiligt sind.“[70]

Trotz der unterschiedlichen Ansichten über die Anwendungsgebiete und das berufliche Verständnis von Case Management, besteht in der Literatur ein Konsens über eine sinnvolle Abfolge einzelner Handlungsschritte. Zwar bestehen zum Teil erhebliche terminologische Unterschiede, der allgemeine Ablauf ist jedoch im Kern derselbe.[71]

David Moxley (1989) hat den Case Management-Prozess in fünf, zirkulär angeordnete Phasen gesplittet:

1. „assessment“
2. „planning“
3. „intervention“
4. „monitoring“
5. „evaluation“

Diese fünf Phasen dehnen sich nach Moxley in drei Dimensionen aus. Die erste Dimension ist die Selbstsorge, die zweite ist die sozialdienstliche Versorgung (einschließlich staatlicher Sozialleistungen) und die dritte Dimension bildet sich aus der gegenseitigen Anteilnahme im persönlichen Beziehungsnetz von Menschen.[72]

Das „assessment“ umfasst eine umfassende Einschätzung der Lebenslage des Klienten, bei der dieser aktiv mitwirkt. Hierzu zählen der gesamte Lebenszusammenhang des Klienten, seine Stärken und Schwächen, seine Aktiva und Passiva und angebrachte Hilfemöglichkeiten. Selbstverständlich sollte auch geklärt werden, welche Probleme vorhanden sind.[73]

Das asessment findet in der Praxis häufig in Form von verschiedenen Gesprächen statt. Der Case Manager muss mit dem Klienten selbst, seinen Angehörigen und anschließend mit den Fachkräften weiterer Dienststellen Gespräche führen.[74] „Die Formalisierung des Prozessablaufes lässt Unzulänglichkeiten des Assessments spätestens bei der Kontrolle des Leistungsprozesses und der Evaluation erkennbar werden.“[75] Gemäß Wendts Ausführungen kann diese Einschätzung schrittweise erfolgen, wiederholt und korrigiert werden.[76]

In der Phase des „plannings“ werden die Bewältigungs- und Unterstützungsaktivitäten nach den Gesichtspunkten des „Nacheinanders“ und des „Nebeneinanders“ geordnet. Beide Aspekte werden auf die individuellen Situation und die Ziele des Klienten ausgerichtet.[77]

„Es gilt, sich aktiv der Varietät der Bedingungen anzupassen. Eine praktische Konsequenz ist, daß (!) die Planung als ein Prozeß (!) wiederholt stattfinden muß (!), wobei kurzfristige Verabredungen jeweils neu mit mittelfristigen und längerfristigen Dispositionen abzugleichen sind.“[78]

Die dritte Phase ist die „intervention“. „Im Feld sozialer Unterstützung arbeitet das Management in unmittelbarer Beziehung zur Lebensgestaltung des oder der Klienten sowie in der Steuerung der Unterstützung in der relevanten Umwelt und den administrativen Strukturen.“[79] Wendt nennt zu dieser Phase sechs unterschiedliche Rollen eines Case Managers. Die Chronologie dieser Rollen hat eine besondere Bedeutung. Je weiter „hinten“ beziehungsweise. „unten“ die Rolle zu finden ist, desto mehr nimmt die Direktivität des Case Managers ab und die Selbstständigkeit des Klienten zu.

1. „Der Case Manager als „implementer“: Er nimmt eine „Sache in die Hand“ und geleitet sachwaltend den Klienten aus seiner Krise oder Not heraus;
2. der Case Manager als Lehrmeister oder Instrukteur, der etwas vormacht und Fähigkeiten entwickeln hilft;
3. der Case Manager als „guide“, als beratender Begleiter bei der Erschließung von Ressourcen und der Nutzung diverser Dienste im Verlauf der Hilfe;
4. der Case Manager als „processor“, der eine Art technischer Assistenz leistet; er hilft den Klienten, geeignete Hilfen auszuwählen und in der Problemlösung voranzukommen; der Case Manager bringt auf diese Weise sein Expertenwissen instrumentell zum Einsatz;
5. der Case Manager als Spezialist für Informationen über das Sozialleistungssystem;
6. der Case Manager als „supporter“, der den Klienten dazu anhält, sich selber fähiger zur Situationsbewältigung und Problemlösung zu machen.“[80]

Die Phase des „monitoring“ umfasst eine Prüfung, eine Revision, eine Informationsverarbeitung und eine Berichterstattung. Der Case Manager übernimmt während der Durchführung der verschiedenen Hilfen eine Kontrollfunktion mit Doppelmandat. Auf der einen Seite übt er diese Funktion gegenüber dem Klienten aus, den es zur aktiven Mitwirkung und selbstständigen Bewältigung anzuhalten gilt. Zum Anderen wird er seiner Funktion gerecht, indem er die informellen und formellen Hilfen und dem System ihres Zusammenwirkens auf Kurs hält und Reflexionen der bisherigen Arbeit einfordert.[81]

Den Abschluss bildet die „evaluation”. Sie hat eine „... Beurteilung der Wirkung von Handeln oder des Wertes ..., der durch dieses Handeln zustandekommt (!).“[82] zum Inhalt.

Ballew und Mink fügen eine sechste Phase hinzu, die vor dem Assessment mittels verschiedener Interviewtechniken stattfindet. In der Phase der Verpflichtung oder des „engagements“ soll eine effektive Arbeitsbeziehung aufgebaut werden, die auf dem Vertrauen des Klienten gründet. Außerdem sollen während dieser Phase die Rollenerwartungen geklärt werden.[83]

Wendt weist darauf hin, dass aus der Sicht einer Einrichtung, nicht das Assessment der erste Schritt ist. „Für den Leistungsanbieter beginnt seine Arbeit ... damit, sich den möglichen Nutzern vorzustellen und für sie erreichbar zu werden.“[84]

Marie Weil führt insgesamt acht grundlegende Funktionen (auch Schlüsselkomponenten) des Case Managements auf, wobei sich die fünf Phasen von Moxley in ihnen wiederfinden. Vor Moxleys Assessment findet nach Weil „das Ausfindigmachen und die Auswahl der Klienten“ statt. In dieser Phase soll die Zielgruppe bestimmt und einzelne Mitglieder der Gruppe identifiziert werden.[85]

Nun folgt die „individuelle Einschätzung und Diagnose“, die inhaltlich mit Moxleys assessment übereinstimmt.[86] Die „Planung der Dienstleistung und die Bestimmung von Ressourcen“ bildet den Konsens zu Moxleys planning.[87] Als vierte Phase nennt Weil das „Heranführen des Klienten an die von ihm benötigten Dienste“. Hiermit umfasst sie ganz konkrete Handlungen, wie zum Beispiel das physische Hintransportieren des Klienten und das Begleiten bei Aufnahmevorgängen, als auch abstraktere Vorgänge wie die Vermittlung zu und die Absprache zwischen den einzelnen Diensten.[88] Weils fünfte Phase, die „Implementation und Koordination der Dienstleistungen“ entspricht inhaltlich der Intervention aus Moxleys Phasen.[89] Danach folgt die „Kontrolle der Erbringung von Dienstleistungen“, diese Phase stimmt mit dem monitoring von Moxley überein.[90] Die siebte Funktion gemäß Marie Weils Ausführungen ist das „anwaltschaftliche Handeln“. Dies ist gemäß Weils Ausführungen sowohl auf der Einzelfall- als auch auf der Systemebene von Bedeutung, da „... viele der gefährdeten Personengruppen, die unterstützt werden, keinen fairen Zugang zu den Diensten gehabt haben, als ungeeignet für entsprechende Dienstleistungen gehalten wurden oder von seiten (!) der Politik ... benachteiligt worden sind.“[91]

Weils letzte Phase des Case Managements ist, ebenso wie bei Moxley, die Evaluation.

6.3 Das Phasen-Modell nach Manfred Neuffer

Manfred Neuffer stellt in seinem Buch „Case Management – Soziale Arbeit mit Einzelnen und Familien“ einen Ablauf und Phasen des Case Managements vor.

Die einzelnen sechs Phasen „... gehen von einer inneren Logik aus und bedingen sich gegenseitig.“[92]

1. Phase: Kontaktaufnahme, Intake, Klärungshilfe

Als wichtige Grundlage für diese Phase nennt Neuffer die Öffentlichkeitsarbeit, mit deren Hilfe die vorgesehene Zielgruppe erreicht werden soll. Angemessen wären nach Neuffer eine Telefonseelsorge, eine Web-Site im Internet und zielgruppengerechte Flyer, die nach Möglichkeit mehrsprachig angefertigt werden sollten. Auch Multiplikatoren wie Vereine, Kirchen, Taxifahrer, Lehrer, Rechtsanwälte, Ärzte, Frisöre und Kneipiers können wichtige Vermittler darstellen. Das Engagement für die Zielgruppe kann auch durch entsprechende Auskünfte am Telefon, ansprechende Raumgestaltung, Sprechzeiten oder Erreichbarkeiten an Wochenenden, also eine nutzerorientierte Dienstleistungshaltung, ausgedrückt werden. Ist der Kontakt erst einmal hergestellt, wird die Dienstleistung an sich im Intake eröffnet und erläutert. An dieser Stelle sollte auch festgestellt werden, ob diese dem Klienten überhaupt effektiv bei der Lösung seines Problems behilflich sein kann. Anschließend sollten die Erwartungen und Fragen der Klienten geklärt werden, um später eine erste Analyse der konkreten Fallsituation des Klienten zu beginnen. Zu beachten ist es, den Klienten über seine Rechtssituation aufzuklären, damit dieser weiß auf was er Anspruch hat und sich somit ein umfassendes Bild über die momentane Hilfesituation machen kann. Die Anliegen beider Parteien werden nun vorläufig bewertet. Nachdem die nächsten Schritte, wie Ziele, Zeitraum, Ort und Vertraulichkeit vereinbart wurden, gelangt man zu einer Metakommunikation über das Gespräch. Hierbei werden die positiven Aspekte der Sitzung betont. Die Reflexion sollte nicht mehr als etwa zehn Minuten in Anspruch nehmen.

Das Intake kann sich gemäß Neuffers Ausführungen durchaus über mehrere Gespräche erstrecken und muss nicht beim eigentlichen „Erstgespräch“ abgeschlossen werden.

Der Case Manager sollte während der ersten Phase darauf achten, keine Ratschläge zu geben, sondern lediglich die benötigte Hilfe abzuklären. Zudem sollte er sich für eine ausführliche Bestandsaufnahme Zeit nehmen und sofortige Hilfeleistungen ablehnen, es sei denn es besteht eine akute Krisensituation. Die Wünsche des Klienten sollten akzeptiert werden, jedoch sollten ihm auch die Grenzen des Case Managements und die der Fachkraft selbst aufgezeigt werden. Im Allgemeinen ist es zudem wichtig, Respekt vor und Interesse an dem Klienten zu zeigen und ihm nichts zu unterstellen, sondern bei Unklarheiten nachzufragen. „Erst wenn ich als Sozialarbeiterin das Gefühl habe, zu verstehen, um was es den KlientInnen geht, kann ich umgekehrt ihnen Verständnis signalisieren und bin auch dann erst handlungsfähig.“[93] Dieses aufrichtige Interesse bietet eine gute Basis für einen späteren Vertrauensaufbau. Eine kompetente Gesprächsführung und eine Falldokumentation ist während des Intakes (aber auch während des gesamten Prozesses) von besonderer Bedeutung.[94]

Zur Dokumentation und späteren Evaluation ist vor allem ein Stammblatt von Nöten, das allgemeingültige Personalien sowie sozio-demographische Daten eines Klienten erfasst.[95]

Das Intake-Protokoll ist im Gegensatz zum Stammblatt, das eher allgemeingültige Daten erfasst, stark fallspezifisch ausgelegt. Alle Informationen und Erkenntnisse des Intakes können hier schriftlich festgehalten werden.[96]

[...]


[*] Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass der Hauptaspekt der folgenden Ausführungen das soziale Case Management sein wird.

[*] Innerhalb meiner weiteren Ausführungen werde ich mich, der Verständlichkeit halber, auf den Begriff „Case Management“ beschränken.

[1] vgl. Neuffer, 2007: 18

[2] Wendt, 1995a: 7

[3] Wendt, 2001: 7

[4] Wendt, 1995b: 11

[5] vgl. Neuffer, 2007: 18

[6] Wendt, 1988:19

[7] vgl. Wendt, 1988:19

[8] vgl. Stimmer, 2006: 61

[9] Stimmer, 2006: 61

[10] vgl. Galuske, 1998: 184

[11] Ballew/ Mink, 1995: 56

[12] vgl. Ballew/ Mink, 1995: 56

[13] Renshaw/ Hampson/ Thomason u.a. (1995): 124

[14] Easterling u.a. 1995: 3 f; zitiert in Wendt, 2001: 55 f

[15] vgl. Easterling u.a. 1995: 3 f ; zitiert in Wendt, 2001: 55 f

[16] vgl. Wendt, 2001: 49

[17] Neuffer, 2007: 19

[18] Wendt 1995b: 16

[19] vgl. Galuske, 1998: 183

[20] Galuske, 1998: 183

[21] Wendt, 2001: 14 f

[22] Wendt, 2001: 15

[23] Galuske, 1998: 183

[24] Caring for People, 1989: 3, zit. In: Wendt,2001:17

[25] Galuske, 1998: 183

[26] Wendt, 1988: 20

[27] vgl. Wendt, 1988: 20

[28] Wendt 1990: 69 f. zit. In: Wendt, 1995b: 53

[29] Moxley, 1989: 142ff zit. In: Wendt, 2001: 54 f

[30] vgl. Moxley, 1989: 142ff zit. In: Wendt, 2001: 54 f

[31] Ballew/ Mink, 1995: 69

[32] vgl. Ballew/ Mink, 1995: 69

[33] Ballew/ Mink, 1995: 69

[34] vgl. Ballew/ Mink, 1995: 69

[35] Ballew/ Mink, 1995: 69

[36] vgl. Ballew/ Mink, 1995: 70

[37] Obrecht, 1999: 20

[38] vgl. Neuffer, 2007: 19

[39] Neuffer, 2007: 22

[40] Neuffer, 2007: 24

[41] vgl. Neuffer, 2007: 24

[42] vgl. Neuffer, 2007: 24

[43] vgl. Neuffer, 2007: 209

[44] Neuffer, 2007: 213 f

[45] Neuffer, 2007: 203 f

[46] vgl. Merten, 2005: 951

[47] Neuffer, 2007: 207

[48] Weil, 1995: 100

[49] vgl. Neuffer, 2007: 41 f

[50] Weil, 1995: 101

[51] vgl. Weil, 1995: 103

[52] vgl. Weil, 1995: 104

[53] vgl. Weil, 1995: 105

[54] Weil, 1995: 109

[55] vgl. Weil, 1995: 109

[56] vgl. Weil, 1995: 110

[57] Levine/ Fleming 1984:21 zit. In: Weil, 1995: 111

[58] vgl. Weil, 1995: 112

[59] Laufer, 1978; k.S. zit. In: Weil, 1995: 113 f

[60] vgl. Weil, 1995: 108

[61] Weil, 1995: 114

[62] Weil, 1995: 114 f

[63] Galuske, 1998: 183

[64] Neuffer, 2007: 19

[65] vgl. Wendt, 2001: 56 f

[66] vgl. Neuffer, 2007: 47 ff

[67] Hansen, 2006: 17

[68] Wendt, 1995b: 46

[69] vgl. Wendt, 1995b: 46

[70] Wendt, 2001: 96

[71] vgl. Wendt, 2001: 97

[72] vgl. Wendt, 2001: 98 f

[73] vgl. Wendt, 1995b: 27

[74] vgl. Wendt, 1995b: 29

[75] Hansen, 2006: 21

[76] vgl. Wendt, 2001: 109

[77] vgl. Wendt, 1995b: 30

[78] Wendt, 1995b: 31

[79] Wendt, 1995b: 33

[80] Wendt, 1995b: 33 f

[81] vgl. Wendt, 1995b: 35

[82] Wendt, 1995b: 36

[83] vgl. Ballew/ Mink, 1995: 65

[84] Wendt, 2001: 100

[85] vgl. Weil, 1995: 85

[86] vgl. Weil, 1995: 87

[87] vgl. Weil, 1995: 88 f

[88] vgl. Weil, 1995: 89 f

[89] vgl. Weil, 1995: 90 f

[90] vgl. Weil, 1995: 92

[91] Weil, 1995: 95

[92] Neuffer, 2007: 53

[93] Neuffer, 2007: 59

[94] vgl. Neuffer, 2007: 53 ff

[95] vgl. Neuffer, 2007: 116

[96] vgl. Neuffer, 2007: 119

Details

Seiten
35
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638062510
ISBN (Buch)
9783638954457
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92699
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,3
Schlagworte
Case Management

Autor

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Titel: Case Management. Ein kurzer Überlick