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Differenzlinie Geschlecht in Sprache, Gesellschaft und Schule

Examensarbeit 2007 87 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung und wissenschaftliche Fragestellung
1.1 Annäherung an das Thema
1.2 Wissenschaftliche Fragestellung
1.3 Probleme der Empirie
1.4 Aufbau der Arbeit

2 Zur gesellschaftlichen Konstruktion von Geschlecht
2.1 Einleitung
2.2 Vier aktuelle Diskurse
2.2.1 Gleichheitsdiskurs
2.2.2 Ontologisierung
2.2.3 Androgynitätskonzepte
2.2.3.1 Bisexualitätskonzept
2.2.3.2 Morphologisches Konzept
2.2.4 Post-Feminismus
2.2.4.1 Ethnomethodologischer Konstruktivismus
2.2.4.2 Dekonstruktion
2.3 Diskurse und Differenz in der Erziehungswissenschaft

3 Zur biologischen Konstruktion von Geschlecht
3.1 Einleitung
3.1.1 Biologische Determinierungen von Geschlecht
3.1.2 »Formen« und »Häufigkeit«
3.2 Intersexualität in der Medizin
3.2.1 Geschichte
3.2.2 Aktuelle Forschungen und Vorgehensweisen
3.2.2.1 Der eine Weg: Pränatale Diagnostik und die Behandlung mit DEX
3.2.2.2 Der andere Weg: Sanfte Methoden
3.3 Intersexualität in der Gesellschaft
3.3.1 Schwierigkeiten eines intersexuellen Aufwachsens
3.3.2 Schwierigkeiten eines intersexuellen Lebens
3.4 Zur Gültigkeit des binären Geschlechts
3.5 Lösungswege und Forderungen

4 Zur sprachlichen Konstruktion von Geschlecht
4.1 Einleitung
4.1.1 Vielfalt der Ansätze
4.1.2 Systematische Unterscheidung: Sprachsystem und Sprachgebrauch
4.2 Männliche Dominanz in der deutschen Sprache?
4.2.1 Antwort: Nein, im Sprachsystem
4.2.2 Antwort: Ja, im Sprachgebrauch
4.2.3 Das Indefinitpronomen »man«
4.3 Die Bedeutung der Sprache in der schulischen Arbeit
4.4 Sprache und Intersexualität

5 Gender in der Schule
5.1 Einleitung
5.2 Begriffserklärungen: »Gender Mainstreaming«, »Gendersensible Pädagogik«
5.3 Gender Mainstreaming in der Schule
5.3.1 Strukturelle Genderarbeit
5.3.2 Erzeugung von Geschlecht im Unterricht
5.4 Intersexualität in der Schule

6 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einführung und wissenschaftliche Fragestellung

1.1 Annäherung an das Thema

„In Deutschland war es Frauen […] bis 1908 durch das Gesetz verboten, sich zum Zweck politischer Diskussion zu versammeln“ (Trömel-Plötz 2004 S.295f). Ziemlich genau zum hundertjährigen Jubiläum dieser Gesetzesänderung kann festgehalten werden, dass die Rede von einer Geschlechterdemokratie immer noch eine utopische ist. Dass in den letzten einhundert Jahren aber viele Schritte immerhin in diese Richtung gegangen werden konnten ist zum größten Teil der Verdienst der Frauen[1] die diese Entwicklung in Politik und Wissenschaft beständig vorangetrieben haben und vorantreiben.

Dabei hat sich in der erziehungswissenschaftlichen Betrachtung von oppositionell gesetzten Paaren (arm/reich, männlich/weiblich, Deutsche/Ausländer) ein Wandel vollzogen: Während früher einzelne Oppositionen in der Erziehungswissenschaft separat behandelt wurden (Ausländerpädagogik, Frauenforschung, etc.) werden seit etwa zehn Jahren Differenzlinien nicht mehr ausschließlich voneinander getrennt diskutiert, sondern tendenziell in einen Diskurs zusammengeführt (vgl. Hansen 2003 S.59). Dieser Zugriff ermöglicht eine differenziertere und komplexere Diskussion von Ungleichheiten. Außerdem ermöglicht diese Herangehensweise Erkenntnisse über das Zusammenspiel und Zusammenwirken mehrerer Differenzlinien.

Das Titelwort »Geschlecht« wird hierbei als Kategorie – angelehnt an die Entwicklung dieses Begriffes von Rendtorff/Moser – betrachtet. Im Begriff der Kategorie wird durch die Abgrenzung von der Interpretation, dass die Einteilung in die Geschlechter naturgegeben sei, die Konstruiertheit des Verhältnisses der Geschlechter betont. Die Aufteilung nach dem Geschlecht würde also ausschließlich „in einem gesellschaftlichen Ordnungsprozess […] vorgenommen, ausgelegt (interpretiert) und befestigt“ (Rendtorff/Moser 1999 S.17). Für diese Arbeit noch relevant ist die Feststellung von Rendtorff/Moser, dass unklar sei, welche Rolle die anatomische Gestalt dabei spiele. Darüber müsse noch diskutiert werden (ebd. S.17). Diese Diskussion wird in dieser Arbeit stattfinden[2].

Die Kategorie Geschlecht soll also vor dem Hintergrund der Differenzlinien-Theorie in drei verschiedenen Bereichen betrachtet werden: Geschlecht ist zweifellos eine der wichtigsten Differenzlinien (im Folgenden: DL) in unserer Gesellschaft. Ein Indiz dafür ist die Verwirrung über ungeklärte Geschlechtsverhältnisse, so rufen z.B. Menschen, deren Geschlecht nicht visuell eindeutig bestimmbar ist bei den Betrachtenden oft Irritationen hervor. Zudem muss auf sprachlicher Ebene untersucht werden, ob und wie Sprache und Geschlecht sich gegenseitig bedingen, hervorbringen oder umdeuten können. Dabei wird eine performative Rolle der Sprache als gesetzt angenommen, deswegen wird sich der Autor nach bestem Gewissen bemühen eine gendergerechte Sprache zu gebrauchen. Weiterhin wird versucht, überkorrekt zu sein, was mögliche sprachliche Benachteiligungen oder Ungleichheiten betrifft. An manchen Stellen mögen dadurch Irritationen entstehen, die durchaus beabsichtigt sind. Bleibt nur noch ein Titelwort einzuführen: Vielleicht ist Schule nur ein Ort, an dem wie überall anders auch die Dynamiken des Geschlechterverhältnisses zum Tragen kommen. Vielleicht ist Schule aber auch der Ort an dem Geschlecht erst, oder zumindest in einem großen Anteil produziert wird. Und vielleicht ist Schule der Ort, in dem Veränderungen im Geschlechterverhältnis initiiert werden können und letztendlich der Ausgangspunkt der das Thema in eine breite Öffentlichkeit bringt.

Offensichtlich sollte sein, dass es unmöglich ist einen allumfassenden Überblick über die aktuelle Forschung zu allen zu den Titelwörtern gehörigen Themengebieten im Rahmen dieser Arbeit vorzustellen. Also muss es darum gehen einen (möglichst tief greifenden) Einblick in jedes Teilgebiet zu gewährleisten.

1.2 Wissenschaftliche Fragestellung

Die Geschlechterfrage in all ihren Facetten wurde in der Fachliteratur und anderswo ausführlich(st) und erschöpfend diskutiert. Dieser Eindruck drängt sich zumindest oft auf. Heutzutage fühlen sich junge Frauen gleichberechtigt, „[d]aher finden sie ein ausgesprochen feministisches Engagement häufig übertrieben und unzeitgemäß“ (Klann-Delius 2005 S.v). In dieser Arbeit soll nun der aktuelle Stand der Geschlechterforschung dargestellt werden.

Einen neuen Blickwinkel auf die Geschlechterfrage ermöglicht dabei die Beschäftigung mit Intersexualität. »Alte« Diskussionen und Forderungen erscheinen in einem völlig anderen Licht, wenn mensch[3] sie mit dem Wissen von einem kontinuierlichen, anstatt des momentan gültigen binären Geschlechts betrachtet. In dieser Arbeit soll also untersucht werden, inwieweit eine dichotome Geschlechtereinteilung Gültigkeit behalten kann, wenn Intersexualität den Status Krankheit verliert. Die Tatsache (was zu zeigen Teil dieser Arbeit sein wird) eines kontinuierlichen Geschlechts zieht sich durch die ganze Arbeit. (Die »Entdeckung« der) Intersexualität wird also in gesellschaftliche Erklärungsmuster eingewoben, Möglichkeiten der schulischen Umsetzung des Themas werden erläutert, sowie Probleme des deutschen Sprachsystems bezogen auf Intersexualität beleuchtet.

Dem Autor ist bewusst, dass weder alle Menschen die unter der Bezeichnung Intersexualität geführt werden mit dieser Bezeichnung einverstanden sind und sich darin wieder finden, noch, dass der Begriff ein passender wäre, da er Menschen nicht eigenständig, sondern lediglich zwischen einer (im Terminus vorausgesetzten) Bipolarität platzieren kann (vgl. Reiter 2005 S.136). Außerdem vermittelt die Endung auf »-sexualität« ein falsches Bild, da es sich ja keinesfalls um eine sexuelle Orientierung handelt. Dennoch wird – mangels eines passenderen/angemesseneren Begriffs – in dieser Arbeit der Begriff Intersexualität verwendet.

Präzisieren lässt sich die wissenschaftliche Fragestellung also so: Welche Ansätze der Geschlechterforschung bestimmen den aktuellen Diskurs? Welche Rolle spielt das System Sprache dabei? Welche neuen Argumentations- und Handlungskonzepte bergen das Erkennen und die Anerkennung von Intersexualität für diesen Diskurs? Wie kann sich – aus dem Vorangegangenen gefolgert – eine schulische Genderarbeit konstatieren, die Gender, und damit auch Intersexualität in ihren Kanon einbindet?

1.3 Probleme der Empirie

Sowohl Klann-Delius (auf die sprachliche Ebene begrenzt wie unter 4. noch zu sehen sein wird) wie auch Güting sehen das Problem der Diskrepanz zwischen Theorien zum Geschlechterverhältnis und tatsächlichen empirischen Erkenntnissen in diesem Feld (vgl. Güting 2004 S.10). „Während die theoretischen Ansätze und Debatten zu einer ethnomethodologisch-interaktionistischen Perspektive auf Geschlecht ausdifferenziert werden und zunehmen, steht die empirische Erforschung der Bedingungen und Mechanismen der sozialen Konstruktion von Geschlecht in Alltagsinteraktionen noch eher am Anfang“ (ebd.).

Klann-Delius bemerkt weiterhin kritisch, dass die meisten Studien zu kommunikativen Verhalten oder solche, die Sprache mit Blick auf die Kategorie Geschlecht betrachten, alle anderen differenztheoretisch-relevanten Kategorien außer Acht lassen, so werden z.B. Status, soziale Rolle und Stereotypen „selten systematisch einbezogen“ (Klann-Delius 2005 S.136). Um diese Komplexität empirisch fassen zu können werde ein differenzierteres Modell als alle gängigen benötigt, da: „Human behavior may be so complex that we cannot predict much of the variance in it by reference to any single variable, including sex or gender“ (Wood und Dindia, zitiert nach Klann-Delius 2005 S.136).

Ähnliche Probleme sieht auch Güting: Dieses Feld sei empirisch schwer zu fassen, da die Kompaktheit „zum einen durch massive Redundanz und Vernetzung von Praktiken der Geschlechterkonstruktion erzeugt“ (Güting 2004 S.10) wird und das binäre Geschlechterverhältnis als ein natürliches gesehen wird und dadurch den Teilhabenden nicht bewusst ist, wie sie diese Binarität schaffen (vgl. Güting 2004 S.10). Allen sieht die Forschungslage sogar in einer „current crisis“ (zitiert aus Klann-Delius 2005 S.137). Es ist also deutlich geworden, mit welchen Schwierigkeiten bei Forschungen in diesem Feld zu rechnen sein wird. Offensichtlich gibt es keine einfachen Fragestellungen, und schon gar keine einfachen Antworten.

1.4 Aufbau der Arbeit

Wie oben schon bemerkt wird sich das Thema Intersexualität wie ein roter Faden durch diese Arbeit ziehen. In einer früheren Planungsphase dieser Arbeit war vorgesehen, Intersexualität lediglich am Rande im Umfang eines Unterkapitels zu behandeln. Im Prozess der Erschließung des Themas traten jedoch die Chancen einer ausführlichen Beschäftigung mit dem Thema deutlich hervor. Aus diesem Grund richtet sich das Hauptaugenmerk bei der Betrachtung der DL Geschlecht in allen im Titel genannten Bereichen auf die Menschen, die bildlich gesprochen ihr Leben auf der Trennlinie zwischen den jeweils (scheinbar) homogenen Gemeinschaften der männlichen sowie weiblichen Menschen führen.

Dennoch soll zunächst ein Überblick über den aktuellen Diskurs der Geschlechterforschung gegeben werden, um diesen danach auf potentielle Forderungen an die Institution Schule hin zu untersuchen. Anschließend soll – soweit wie in diesem Rahmen möglich – Intersexualität in ihrer gesamten Vielfältigkeit vorgestellt werden. Danach wird erstens die Rolle der Sprache für den gesamten Geschlechterdiskurs, sowie zweitens die sprachlichen Problematiken die sich aus der Anerkennung von Intersexualität ergeben (würden), behandelt. Einen Abschluss findet diese Arbeit in der Vorstellung des Gender-Mainstreaming in Bezug auf die Institution Schule, nebst Möglichkeiten der Beschäftigung mit Intersexualität in der Schule.

2 Zur gesellschaftlichen Konstruktion von Geschlecht

„Welchem Geschlecht jemand angehört, ist neben dem Alter das wichtigste zur allgemeinen Charakterisierung eines Menschen herangezogene Merkmal“

(Trautner, zitiert nach Klann-Delius S.1)

2.1 Einleitung

In diesem Kapitel soll einleitend die Vielfältigkeit der erziehungswissenschaftlichen Betrachtungsweisen auf das Geschlechterverhältnis vorgestellt werden. Angeregt wurde die (breite) wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Geschlechterverhältnis durch die internationale Frauenbewegung (vgl. Prengel/Glaser/Klika 2004 S.9), so dass seit etwa einem Vierteljahrhundert zahlreiche Erklärungsansätze der Kategorie Geschlecht existieren. Um einen Überblick zu ermöglichen wird im Folgenden versucht, eine Einordnung der verschiedenen Ansätze vorzunehmen.

Diese Einteilung in vier Diskurse[4] ist angelehnt an den Aufsatz „Differenzen über Differenz – Einführung in die Debatten“ von Lutz und Wenning (Lutz/Wenning 2001 S.11-24). Eine ähnliche Einteilung findet sich bei Micus-Loos (2004 S.112). In der seit 30 Jahren andauernden Diskussion existieren diese Diskurse parallel nebeneinander. Zwischen den einzelnen Diskursen und teilweise auch innerhalb von ihnen existieren widerstreitende Ansichten im Hinblick auf das Verständnis der Kategorie Geschlecht. Dennoch ist – wie diese Arbeit hoffentlich zeigen kann – jeder Diskurs für sich wichtig und unverzichtbar. Wenn hier die einzelnen Diskurse vorgestellt werden, so kann diese Vorstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit und/oder Abgeschlossenheit erheben. Das liegt an der Vielschichtigkeit und dem Facettenreichtum der einzelnen Positionen innerhalb jedes Diskurses.

2.2 Vier aktuelle Diskurse

„Denken in Differenzen, Aushalten eines Widerstreits, ohne eine übergreifende Versöhnung anzustreben, ist nur möglich, wenn es sich dem Gestus der letzten Bestimmung in der Alternative von Entweder-Oder entziehen kann“

(Meyer-Drawe 1990 aus Micus-Loos 2004 S.112)

2.2.1 Gleichheitsdiskurs

Der Gleichheitsdiskurs ist unter den hier vorgestellten der am längsten währende. Natürlich rückten immer wieder aktuelle Ereignisse in den Fokus des Diskurses, jedoch der Kern, nämlich die Forderung nach Gleich-Berechtigung, ist stets dieselbe geblieben. So ist der Ursprung des Gleichheitsdiskurses im 19. Jahrhundert in der Debatte über den Ausschluss der Frauen von Bürgerrechten und weiterbildenden Bildungsinstitutionen zu finden. Formal existiert heutzutage (zumindest hierzulande), durch das Gleichberechtigungsgesetz ein Zustand der Gleichberechtigung aller Menschen. Folglich müssten auch Frauen (und intersexuelle Menschen[5]) gleichberechtigt sein. VertreterInnen des Gleichheitsdiskurses (eine Übersicht findet sich bei Rang 1999 S.157ff) attestieren der bestehenden Gesellschaft jedoch ein Ungleichgewicht, welches aus einer strukturellen Differenz zwischen Mann und Frau resultiere.

Diese strukturelle Ungleichheit lasse sich beispielsweise deutlich erkennen, wenn mensch den Anteil an Frauen im Managementsektor betrachtet: So sei zwar eine steigende Tendenz feststellbar, jedoch besetzen weltweit nur 22% Frauen Managementpositionen. In den Vorständen führender deutscher Unternehmen sind Frauen mit nur 3% noch deutlicher unterrepräsentiert (vgl. Der Spiegel 24/2007 S.64). Solche und vergleichbare Fakten, wie z.B. das Gefälle in der Einkommensverteilung (siehe dazu Klann-Delius 2005 S.2) gelten für die VertreterInnen des Gleichheitsdiskurses als Indizien für ein strukturelles Ungleichgewicht.

Dass nicht nur das wissenschaftliche Interesse an diesem Diskurs ungebrochen bzw. wiedererwacht ist, sondern auch in einem Großteil der Bevölkerung die Forderung nach Gleichheit immer noch Aktualität besitzt zeigt die Bewegung des

»third wave feminism« in Amerika. Im Unterschied zum Feminismus der ersten Welle werden nicht mehr die Männer als das unterdrückende Element gesehen, sondern die vorherrschenden Strukturen. Diese gelte es mit der gesamten Gesellschaft, also Frauen und Männern, zu bekämpfen.

2.2.2 Ontologisierung

Zeitlich parallel zum Gleichheitsdiskurs entwickelt sich als Reaktion auf diesen die so benannte Ontologisierung. Die Ausgangsthese dieser Strömung ist, dass einer Diskussion über eine Gleichberechtigung eine Prüfung der Bedürfnisse und Unterschiede der (beiden) gleich zu berechtigenden Parteien vorausgehen müsse.

In diesem Sinne wird von einem naturgegebenen Gegensatz der Geschlechter ausgegangen: Demnach sei das »Männliche« aggressiv, expansiv, zerstörerisch und inhuman, währenddessen das »Weibliche« als pazifistisch, lebenserhaltend und versorgend angesehen wird. Grundthese der Ontologisierung ist folglich, dass Gleichberechtigung nur durch positive Anerkennung von Differenz erreicht werden kann (vgl. Lutz/Wenning 2001 S.13f). Hier wird sich also deutlich von dem Modell, »Differenz herrscht vor, und diese muss abgeschafft werden, um Gleichheit herzustellen«, distanziert. Es sei unmöglich die beiden Kategorien als sich ausschließend zu entwerfen (vgl. Löw 2001 S.112), denn andernfalls würde laut Prengel Gleichheit in Gleichschaltung und Differenz in Hierarchie münden (übernommen aus Micus-Loos 2004 S.114). Aus dieser Charakterisierung erklärt sich auch die Benennung dieses Diskurses, denn Ontologie bedeutet laut Brockhaus die „Lehre vom Seienden, die die formalen und materialen Prinzipien des Gegebenen begrifflich zu bestimmen sucht“ (Brockhaus Band 7 2005 S.4531). Die Begriffe (männlich und weiblich) sind das begrifflich zu bestimmende, als »das Seiende« kann die gegenseitige Anerkennung der Differenz gesehen werden.

An der Ontologisierung wurde und wird ähnliches kritisiert wie an dem Gleichheitsdiskurs. Unterschiede werden als gegeben angenommen und damit unabschaffbar. Die beiden vorgestellten Strömungen werden von Nemitz wie folgt kritisiert: „Die Strategien […] setzen die Binarität[6] des Kategoriensystems als gegeben voraus. Sie beobachten ihren Gegenstand mit Hilfe des jeweiligen Oppositionspaares, sie machen die Binarität jedoch nicht zum Untersuchungsgegenstand“ (Nemitz 2001 S.193). Die vorangegangenen Diskurse befänden sich also in dem Dilemma sachlich richtig zu argumentieren, jedoch von irreleitenden Grundannahmen auszugehen.

2.2.3 Androgynitätskonzepte

Dieses Konzept versucht die Fehler des Gleichheitsdiskurses und der Ontologisierung zu vermeiden, indem nicht mehr von einer Ungleichheit zwischen Mann und Frau gesprochen wird, also in einem binären System gedacht wird, sondern vielmehr gerade diese Binarität als Untersuchungsgegenstand in den Fokus gerückt wird. VertreterInnen des Androgynitätskonzeptes fordern, dass nicht die Ungleichheit aufgelöst werden müsse, sondern vielmehr das Modell der Binarität – in Zeiten wachsenden Heterogenitätsbewusstseins – als veraltetes Denkmodell verabschiedet werden, oder aber zumindest ernsthaft auf seine Gültigkeit überprüft werden sollte. Argumentativ abgesichert wird diese Position durch Ergebnisse der Meta-Studie von Maccoby und Jacklin wie sie Kreienbaum/Urbaniak vorstellen: „Die Unterschiede (zwischen den Geschlechtern) sind, falls vorhanden, im Verhältnis zu den Schwankungen unter Angehörigen desselben Geschlechts so gering, dass es fast unmöglich ist, sie durchgängig oder statistisch signifikant nachzuweisen. Die Geschlechtsunterschiede sind statistisch gesehen nicht signifikant“ (In Kreienbaum/Urbaniak 2006 S.42). Diese ungewöhnlichen Ergebnisse werden als Beleg der Konstruiertheit des binären Geschlechtes gedeutet.

Unter der Bezeichnung Androgynitätskonzepte werden verschiedene Erklärungsansätze zusammengefasst, von denen hier exemplarisch zwei vorgestellt werden sollen.

2.2.3.1 Bisexualitätskonzept

Das Bisexualitätskonzept, welches Lutz/Wenning unter Verweis auf Badinter und Hoffmann (Lutz/Wenning 2001 S.14) vorstellen, geht von einer psychischen Bisexualität aller Menschen aus – diese gehe erst durch die einzelnen Sozialisationsinstanzen verloren, bzw. werde zugunsten einer eindeutigen und binären Geschlechterzuweisung abtrainiert. Nun fordern die VertreterInnen dieses Konzepts diesen Urzustand wiederherzustellen, denn der Mensch sei nur psychisch ganz, wenn er das Anders-Geschlechtliche in seine Identität integrieren könne. In diesem Vorgehen, also in der Auflösung der Geschlechterdifferenz, liege der einzige Weg, die Reproduktion von geschlechtlichen Hierarchien zu verhindern.

2.2.3.2 Morphologisches Konzept

VertreterInnen dieses Konzeptes fordern die völlige Abschaffung der binären Geschlechtersicht. Dabei wird sich der Argumentation bedient, dass ein zweigeteiltes Geschlecht biologisch gesehen nie gegeben war. So ließe sich laut Tyrell bei drei Prozent aller Säuglinge nicht ohne weiteres entscheiden, ob sie dem männlichen, oder weiblichen Geschlecht zugewiesen werden könnten (übernommen aus Nemitz 2001 S.183). Daraus wird gedeutet, dass es nie männlich oder weiblich gegeben habe, sondern ein Kontinuum zwischen den Geschlechtern herrsche und dass die beiden bislang gültigen, binären Charakterisierungen (männlich und weiblich) höchstens als Werte auf einer nominalen Skala gesehen werden könnten. Es gäbe also nicht mehr nur Mann oder Frau, sondern Menschen, die ein bisschen weiblich, etwas männlich, oder gar keines von beidem seien, je nach persönlichem Empfinden und individueller Wahl. Dieses – dann naturgegebene – individualisierte Verständnis von Geschlecht eröffnet völlig neue Chancen für die Diskurse. Da aus diesem Konzept unweigerlich die Frage folgt, „ob die behauptete Alleingültigkeit zweier Geschlechter noch aufrecht erhalten werden kann – wobei der Fokus diesmal kein dekonstruktivistischer ist, sondern Intersexuelle als Gegenevidenz und Bejahung der Wichtigkeit der Fragestellung in das Diskursfeld geführt werden (und sich selbst führen)“ (Reiter 2005 S.141), wird die biologische Konstruiertheit von Geschlecht in Kapitel 3 ausführlich behandelt. Zuvor wird aber u.a. der eben angedeutete dekonstruktivistische Fokus auf die Kategorie Geschlecht vorgestellt.

2.2.4 Post-Feminismus

Unter dem Überbegriff Post-Feminismus werden alle Formen des Konstruktivismus und der Dekonstruktion zusammengefasst, im Einzelnen: Radikaler Konstruktivismus, Sozialkonstruktivismus, Kognitionstheoretischer Konstruktivismus, Ethnomethodologischer Konstruktivismus sowie diverse Verständnisse von Dekonstruktion. Im Folgenden wird nur auf den ethnomethodologischen Konstruktivismus sowie auf Judith Butlers dekonstruktivistischen Ansatz eingegangen werden. Diese beiden Ansätze werden vorgestellt, da sie am ehesten geeignet scheinen Geschlechterprozesse und das Verhältnis der Geschlechter im erziehungswissenschaftlichen Rahmen erklären zu können.

2.2.4.1 Ethnomethodologischer Konstruktivismus

Der Ansatz des Ethnomethodologischer Konstruktivismus geht von folgender Grundthese aus: Gesellschaftliche Wirklichkeit wird als eine durch soziale Handlungen innerhalb von Interaktionsprozessen kollektiv hervorgebrachte Sozialordnung begriffen. Es ist also der Fall, dass gesellschaftliche »Tatbestände« nicht unabhängig von sozial interaktiven Handlungen existieren, sondern erst durch diese geschaffen und beständig reproduziert werden. Es findet also laut Knorr-Cetina eine kollektive Sinnproduktion von gewissen Ordnungen statt, so dass diese von Individuen „als objektiv, äußerlich, und quasi naturgegeben“ (übernommen aus Micus-Loos 2004 S.116) wahrgenommen werden, obwohl sie laut Theorie selbstverständlich keineswegs natürlichen Ursprunges sind.

Dies führt zu der Leitfrage des ethnomethodologischen Konstruktivismus: „Wie kommt es zur binären Klassifikation von zwei Geschlechtern und wie funktioniert die alltägliche Aufrechterhaltung dieser Exklusivität?“ (Micus-Loos 2004 S.116) Als Möglichkeit einer Antwort bzw. eines Antwortprozesses auf diese Fragestellung ist das Prinzip des »doing gender« entstanden: Dieses Konzept geht davon aus, dass „Geschlechtszugehörigkeit […] zu keiner Zeit festgeschrieben ist, sondern […] in jeder alltäglichen Interaktion durch den Prozess der Geschlechtsdarstellung, -wahrnehmung und -zuschreibung hergestellt, bzw. konstruiert“ (ebd.) wird. Diesen Prozess, oder besser diese Prozesse, gilt es umfassend zu visualisieren und zum Politikum zu machen, was durch das Gender-Mainstreaming zumindest teilweise auch gelungen zu sein scheint.

Mit dieser Sichtweise von nicht festgeschriebenen Geschlechtern wird die Rede von „Geschlechtszugehörigkeit“ und „Geschlechtsidentität“ in Frage gestellt, und Hagemann-White postuliert: „Geschlecht [ist] nicht etwas, was wir ,haben’ oder ,sind’, sondern etwas, was wir tun“ (übernommen aus Micus-Loos 2004 S.116).

Mit dem ethnomethodologischen Konstruktivismus wurde auf die Kritik an den ersten beiden Strömungen (Gleichheitsdiskurs und Ontologisierung) reagiert: Denn die alltagstheoretische Vorannahme einer naturgegebenen Zweigeschlechtlichkeit wird denaturalisiert und somit sensibilisiert gegen einen Herrschaftsverhältnisse erhaltenden Diskurs im Rahmen der binären Geschlechtsmatrix.

2.2.4.2 Dekonstruktion

Der dekonstruktivistische Ansatz nach Judith Butler beschäftigt sich mit der Antwort auf die leitende Fragestellung, was in bestimmten Diskursen durch die Binarität verworfen, nicht-gedacht oder ermöglicht wird. Wodurch werden Macht- und Unterordnungsverhältnisse stabilisiert und begründet? Butler stellt fest, dass Sprache eine wichtige - wenn nicht die wichtigste - Rolle einnimmt. Sprache umfasst hier sowohl geschriebenen Text sowie verbale und nonverbale Kommunikationsakte. Dabei ist die Sprache nicht mehr nur Kommunikationsmedium, sondern erst die Sprache bringt die Ordnung der Dinge hervor und verleiht Dingen den Status von Wirklichkeit. Basis dieser Überlegungen sind die poststrukturalistischen und sprachphilosophischen Ansätze von Foucault, Barth und Derrida. In Bezug auf unser Thema bringt Butler diese Erkenntnis zu folgender These: Geschlecht wird diskursiv und performativ erzeugt. Das bedeutet also, dass ein Ding nicht einmalig bezeichnet wird, sondern Bezeichnungen erst aus einem sich wiederholenden Prozess von Sprechakten entstehen. Als Beispiel: Die Aussage »Es ist ein Mädchen« ist nicht nur Beschreibung, oder Feststellung, sondern durch ihre Performativität ist die Aussage erst Anweisung weiblichen Geschlechtes zu sein. Damit ist die Zum-Mädchen-Machung-des-Mädchens noch nicht abgeschlossen, die Aussage ist nur die erste Anrufung und wird beständig „von den verschiedensten Autoritäten … immer aufs neue wiederholt“ (Butler 1995 S.29). Nach Butler existiere kein biologisches Geschlecht, es werden lediglich biologische Merkmale genutzt um dem Körper ein (und nur ein) Geschlecht einzuschreiben (nach Micus-Loos 2004 S.118-122).

Nun wissen Anhänger der Dekonstruktion aber auch, dass, mittels der Performanz und dem Wiederholungsprozess, Bedeutungen umgedeutet und verschoben werden können. Daraus ergibt sich die optimistische Annahme der Dekonstruktion, nämlich dass u.a. das Konstrukt Geschlecht dekonstruierbar ist. Durch Umdeutungen soll nun Akzeptanz von Differenz im Sinne (potentiell) unendlich vieler Geschlechter sowie eigener Weiblichkeit und Männlichkeit geschaffen werden.

2.3 Diskurse und Differenz in der Erziehungswissenschaft

Die Feststellung aus der Einleitung, dass die Diskurse keineswegs abgeschlossen und vollständig behandelt werden konnten, sei wegen ihrer Wichtigkeit hier noch einmal wiederholt: „Es gibt zahlreiche Kombinationen dieser Strömungen und ebenso viele Auseinandersetzungen über ihre praktische und politische Relevanz“ (Lutz/Wenning 2001 S.14). Es wäre auch nicht sinnvoll die Strömungen aufgrund ihrer politischen (oder praktischen) Relevanz ordnen zu wollen. Ertragreicher für die Bewegung ist doch, die Strömungen nebeneinander koexistieren zu lassen, und jede einzelne dort wirken zu lassen, wo sie ihre Stärken besitzt. Die vorzeigbarsten Ergebnisse kann bislang die Kombination aus den ersten beiden Diskursen, also die »Gleichberechtigung ohne Angleichung« vorweisen. Auch die bislang förderlichsten Handlungskonzepte für die praktische pädagogische Arbeit gehen aus diesen Diskursen hervor. Aber die Möglichkeiten dieses Diskurses sind eben begrenzt, da durch das Verharren im binären Modell Ungleichheiten verhärtet und sogar reproduziert werden. Andererseits besteht die Möglichkeit diesen Diskurs in die DL-Theorie einzuarbeiten. Die aus diesem Diskurs gewonnenen Erkenntnisse können bei der Analyse des Zusammenspieles der verschiedenen DL genutzt werden. An der Aktualität dieser Diskurse bestehe laut Klann-Delius kein Zweifel, es bestehe sogar ein „ökonomischer Zwang zur Realisierung der Bildungschancengleichheit der Geschlechter und zur wissenschaftlichen Analyse der noch bestehenden Barrieren“ (Klann-Delius 2005 S.17).

Das Androgynitätskonzeptes sowie der Post-Feminismus sind weniger handlungs- und praxisbezogen ausgerichtet. Eben dieses wird den Konzepten des Öfteren vorgeworfen, nämlich die Verantwortung für die pädagogische Praxis sowie die Eröffnung konkreter Handlungsmöglichkeiten zu vernachlässigen[7]. Teilweise geht die Kritik sogar soweit die Forderungen (Abschaffung des binären Geschlechtermodells) der Bewegung als feministische Allmachtsphantasie zu bezeichnen und damit abzuwerten. Aber gerade in der Theorielastigkeit der Diskurse liegt ihre Stärke begründet, nämlich dass es sich bei ihnen um eine „Suchstrategie mit offenen Antwortmöglichkeiten“ (Breitenbach 2005 S.73) handelt. Dadurch erst ist eine weitergehende wissenschaftliche Erforschung der gesellschaftlichen, sprachlichen und philosophischen Strukturen, die Geschlecht produzieren und bedingen, möglich. Genau diese Neukonzeption als ausschließlich wissenschaftliche Arbeitsweise wird von mehreren VertreterInnen eingefordert. So fordert Hirschauer in der Geschlechterforschung auf die „Verquickung von Politik und Forschung“ (übernommen aus Forster 2006 S.205) zu verzichten, um wieder das wesentliche, nämlich Antworten auf die grundlagentheoretische Frage nach der Differenzbildung, zu erschließen. Durch eine komplementäre Ausrichtung der Diskurse auf einen handlungsbezogenen (Gleichheitsdiskurs, Ontologisierung, Androgynitätskonzept) bzw. erkenntnisgeleiteten (Konstruktivismus, Dekonstruktivismus) Fokus in den Genderstudien können diese ihrer doppelten Bestimmung von Forschung und Bildung gerecht werden (vgl. Faulstich-Wieland 2006 S.87).

Im folgenden Kapitel soll der biologischen Beschaffenheit der Geschlechter auf den Grund gegangen werden, also der Frage nachgegangen werden, welche Rolle die Anatomie der einzelnen Körper für die Konstruktion des Geschlechterverhältnisses spielen. Vorweg wird auf zwei Besonderheiten der DL Geschlecht im Unterschied zu anderen DL aufmerksam gemacht. In der Theorie werden die DL in zwei Gruppen eingeteilt: Biologische DL (Alter, Gesundheit, Abstammung, Begabung) und kulturelle DL (Sozialstatus, Religion/Konfession, Sprache). Die Einteilung der Kategorie Geschlecht bereitet mehr Mühe als zunächst erwartet. Gewiss sind anatomische, also biologische Determinanten ein nicht unwesentlicher Faktor der Konstitution von Geschlecht, aber die intuitive Zuordnung von Geschlecht zu der biologischen Gruppe ist nicht hinreichend. Denn Geschlecht wird auch sozial und von Kultur zu Kultur unterschiedlich konstruiert. Insbesondere ist – wie das dritte Kapitel zeigen wird – das gängige Modell einer binären Geschlechtereinteilung biologisch nicht gegeben und somit ein kulturell konstruiertes. Des Weiteren nimmt die DL Geschlecht durch ihre absolute Festlegung des Anderen bei der Konstitution der Wir-Gruppe eine Sonderstellung ein. Durch die Wir-Abgrenzung bspw. der Deutschen gegenüber Anderen ist eine heterogene Zusammensetzung der Anderen offensichtlich. Bei der DL Geschlecht ist die jenseits der Linie geschaffene Homogenität im Vergleich die Stärkste. Denn auch wenn die Subjekte der beiden Gruppen unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensentwürfe entwickeln und einfordern, so wird doch die Zugehörigkeit zur jeweiligen Gruppe nie hinterfragt. Durch die Markierung der Außenlinien erzeugt die DL Geschlecht im Vergleich am wirksamsten Homogenität auf den jeweiligen Innenseiten. Aus diesen Überlegungen folgt für die erziehungswissenschaftliche Arbeit die Arbeitshypothese, dass durch das Aufbrechen/Aufweichen dieser in unserer Gesellschaft absoluten Homogenitäten eine Sensibilität für eine heterogene Welt entwickelt werden kann. Somit kann in der pädagogischen Arbeit bei den beteiligten Subjekten der Blick über den Tellerrand der (anderen) DL hinaus gefördert werden.

3 Zur biologischen Konstruktion von Geschlecht

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der [… Geschwisterlichkeit …] begegnen“

(Art. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte –

unwesentlich abgeändert)

3.1 Einleitung

Geschlecht wird im Alltag in erster Linie an Äußerlichkeiten erkannt. Daneben gibt es mehrere biologische Gesichtspunkte die (anscheinend) die Menschheit eindeutig in Männlein und Weiblein einteilt. So existiert weitestgehend die Annahme, dass ein XY-Chromosomensatz einen Mann ausmacht, sowie sich eine Frau entwickelt, wenn genetisch ein XX-Satz weitergegeben wurde. Dass beide Annahmen irrig sind, dass also weder äußerlich, noch chromosomal, noch anderweitig Geschlecht eindeutig binär ist, soll in diesem Kapitel gezeigt werden. Dies findet statt, indem dargestellt wird, dass auf allen genannten Ebenen ein »Dazwischen« existiert und dieses keineswegs nur eine krankhafte Abweichung vom »Normalen« ist. Wie in Kapitel 1.2 schon angedeutet ist die Benennung der verschiedenen Formen des »Dazwischen« keineswegs eindeutig. Relativ neu im Diskurs ist der Begriff Transgender. Dazu die Definition von Kromminga: „Transgender (als Identitätsbegriff) bezeichnet Menschen, die sich jenseits von oder zwischen männlich und weiblich verorten“ (Kromminga 2005a S.113). Im Jahr 2005 wurde auf der Konsensuskonferenz eine neue Nomenklatur und ein neues Klassifikationsschema erarbeitet. Demnach sollen durch die Einführung des Begriffes „Disorders of sex development“ (DSD) die bisherigen, unscharfen und teilweise diskriminierenden medizinischen Bezeichnungen wie Pseudo-Hermaphoditismus u.ä. ersetzt werden (vgl. Netzwerk Intersexualität 2007)[8]. Es bleibt abzuwarten, ob sich einer dieser neuen Oberbegriff durchsetzen kann. Hier wird zunächst weiter der Begriff Intersexualität verwandt. Wobei Intersexualität keineswegs als sexuelle Neigung[9], sondern als Oberbegriff für alle Menschen verstanden wird, die im konstruierten Geschlechterdualismus nur bedingt (oder gar k)einen Platz finden. Zunächst soll in diesem Kapitel gezeigt werden, wie biologisch versucht wird Geschlecht in die Kategorisierungen Mann und Frau zu fassen und welche Problematiken dabei entstehen. Nach einem Überblick über den Umgang mit Intersexualität im Lauf der Geschichte, werden Abschnitte über die Rolle der Intersexualität in der Medizin und der Gesellschaft folgen. Denn das größte – und leider lange Zeit einzige – wissenschaftliche Interesse erweckten intersexuelle Menschen zweifellos in den Reihen der Mediziner: Noch bis vor nicht allzu langer Zeit und auch heute noch wurde und wird von Abnormalitäten gesprochen, die schnellstmöglich nach der Geburt medizinisch zu korrigieren und dem normalen Bild entweder eines Mannes oder einer Frau anzupassen seien. Daran anschließend wird das Geschlechterverhältnis aufgrund neuer Erkenntnisse erneut kritisch hinterfragt. Abschließen wird dieses Kapitel mit Forderungen von diversen intersexuellen Interessensgruppen.

In diesem Abschnitt der Arbeit wird es schwer den wissenschaftlichen Anspruch einer Examensarbeit weiterhin aufrechterhalten zu können. Dafür gibt es zwei Gründe. In erster Linie liegt das daran, dass es sich bei Intersexualität um ein gesellschaftliches Tabuthema handelt. Dies mag ein Grund dafür sein, dass (bislang) nur wenige wissenschaftliche Studien zu diesem Thema geführt wurden auf die mensch zurückgreifen könnte. Des Weiteren ist es schwierig an dieses Thema mit dem notwendigen emotionalen Abstand heranzugehen. Das liegt schlicht und einfach an den erschreckenden (mensch erschrickt keineswegs vor den Personen, sondern nur an dem Umgang der Gesellschaft mit diesen Menschen) Lebensberichten Intersexueller, die momentan die einzigen Einblicke in dieses Tabuthema liefern können. Der so genannte „insight view“ (Sytsma 2006a S.xxii), ermöglicht „non-intersexed people insight into the effects of medical practices and social attitudes concerning intersexuality“ (Sytsma 2006a S.xxii). Er birgt aber auch die Gefahr den notwendigen professionellen Abstand zu verlieren.

Eine Folge des Desinteresses der restlichen Wissenschaften, mit Ausnahme der Medizin, am Thema ist, dass bislang sehr wenig Literatur[10] zur Intersexualität veröffentlicht wurde. Gewichtigste Grundlagen dieser Arbeit sind einerseits das Buch „Leben zwischen den Geschlechtern“ von Fröhling sowie der wissenschaftliche Sammelband „Ethics and Intersex“ herausgegeben von Sytsma. Fröhling gelingt es auf sensible Art und Weise das besondere Leben mehrerer intersexueller Erwachsener und Kinder zu porträtieren, somit ermöglicht ihre Arbeit den eben erwähnten »insight view«. »Ethics and Intersex« ist in der Reihe der »International Library of Ethics, Law and the New Medicine« erschienen und präsentiert Beiträge von 22 WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Fachgebieten zum Thema Intersexualität. In diesem Umfang (336 Seiten) ist dieser Titel m.W. das umfassendste interdisziplinär angelegte Werk, welches sich mit Intersexualität beschäftigt. Ergänzt werden diese beiden Quellen durch diverse Internetplattformen von Interessengruppen und medizinischen Einrichtungen, sowie das von der Neuen Gesellschaft für Künste (im Folgenden NGBK) herausgegebene „1-O-1 [one ´o one] intersex“, eine Sammlung von Publikationen zur gleichnamigen Kunstausstellung.

Um einer weiteren Tabuisierung entgegenzuwirken sind die folgenden Kapitel eher deskriptiver Natur. Erst ab dem Kapitel 3.4 wird die Arbeit wieder überwiegend argumentativen Charakter annehmen.

[...]


[1] Laut Forster sei eine Männerforschung die „eine umfassende Geschlechterdemokratie vorantreibt“ zwar allgemein akzeptiert, die praktische Ausführung aber sei „Gegenstand heftiger Debatten“ (Forster 2005 S.42).

[2] Zugegeben: Rendtorff/Moser haben wohl eine andere Form der Diskussion vorgesehen.

[3] Die Begründung warum das sonst übliche »man« in dieser Arbeit durch »mensch« ersetzt wird findet sich im Kapitel 4.2.3.

[4] Für Micus-Loos sind Diskurse „begriffliche[s] Denken“ (Micus-Loos 2004 S.122), der Brockhaus definiert Diskurs wie folgt: „Verfahren der argumentativ-dialogischen Prüfung von Behauptungen oder Aufforderungen mit dem Ziel, einen universalen, d.h. für alle vernünftig Argumentierenden gültigen Konsens zu erreichen“ (Brockhaus 2005 S.1262).

[5] Siehe speziell 3.4.

[6] Das binäre System (in diesem Zusammenhang wird auch oft von bipolarem Geschlecht gesprochen – da zwei Pole aber ein Dazwischen nicht kategorisch ausschließen wird in dieser Arbeit der treffendere Begriff »Binarität« verwandt) besteht aus einem Zeichenvorrat von nur zwei Elementen: 1 und 0. In einem binären System können klare und eindeutige Zuordnungen getroffen werden.

[7] Dass auch dies nicht zutreffend ist, zeigt das Zitat von Zemon Davis: „Es ist für mich unmöglich zu behaupten, dass das Reale nichts anderes als eine Konstruktion ist. Zweifelsohne ist eines unserer Ziele, die Konstruktion zu zeigen. Aber man soll nie die Verantwortung für das verlieren, was man das ,Reale’ nennen könnte“ (In Casale 2006b S.61).

[8] Das Netzwerk Intersexualität übersetzt DSD mit „Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung“, der pathologische Beigeschmack von disorder (Störung/Fehlsteuerung) jedoch wird von mehreren Intersexuellen bemängelt (vgl. Einträge im Forum des Netzwerk Intersexualität).

[9] Die Endung auf »-sexualität« wird oft als unglücklich empfunden (vgl. Reiter 2005 S.136).

[10] Und auch in der Literatur zu Genderwissenschaften wird Intersexualität wenn überhaupt (keinerlei Erwähnung z.B. bei Kreienbaum/Urbaniak 2006 S.39: „Menschen haben ein biologisches Geschlecht (engl. sex): Sie sind männlich oder weiblich.“), dann pathologisierend (siehe z.B. Klann-Delius 2005 S.171: „Störungen der Normalentwicklung“), oder lediglich am Rande erwähnt (Güting legt den Schwerpunkt eher auf Transsexualität, erwähnt Intersexualität aber immerhin (Güting 2004 S.29f)).

Details

Seiten
87
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638054591
Dateigröße
787 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92768
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Schlagworte
Differenzlinie Geschlecht Sprache Gesellschaft Schule

Autor

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Titel: Differenzlinie Geschlecht in Sprache, Gesellschaft und Schule