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Koloniale Identitätskonstruktionen in der Literatur zwischen den Kriegen

Magisterarbeit 2008 106 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Erste koloniale Gehversuche: neu Teutschland

III. Die Kolonialerwerbungen des Deutschen Reiches

IV. Kulturmission und wissenschaftlicher Rassismus
IV.1. Kampf gegen den Sklavenhandel
IV.2. Der Vorzug des Weißen vor dem Neger

V. Deutsch-Südwestafrika: Besiedlung und Völkermord
V.1. Die einzige deutsche Siedlungskolonie
V.2. Der Herero-Nama-Aufstand

VI. Feindbild und deutsche Identitätskonstruktion in Peter Moors Fahrt nach Südwest

VII. Die »Kolonialschuldlüge«: Zäsur nach dem Ersten Weltkrieg

VIII. Die Konstruktion von Siedleridentität bei Hans Grimm
VIII.1. Aus Gustav Voigts' Leben
VIII.2. Die Geschichte vom alten Blut und von der ungeheuren Verlassenheit

IX. Die deutsche Frau in Paul Kedings Deutsch-Südwest

X. Fazit

XI. Anhang

XII. Bibliographie
XII.1. Primärliteratur
XII.2. Sekundärliteratur
XII.3. Internetressourcen
XII.4. Bildnachweis

I. Einleitung

„Manchmal erscheint am Horizont ein großer grauer Koloß, mit drei oder gar vier Schornsteinen und mit Kanonentürmen. Dann läßt Vater de Bonsac sogar seinen »Krieg und Frieden« sinken und sagt: »O, Kinder! Seht mal dort! Ist das nicht fa-bel-haft? Diese Kraft?« Und er kann sich vorstellen, welchen Nachdruck diese Ungeheuer den weltweiten Unternehmungen deutschen Geistes verleihen. Die Neger, was die wohl denken, wenn man ihnen so kommt?”[1]

In Walter Kempowskis Roman Aus großer Zeit fallen solche Beobachtungen zu den Kolonien meist beiläufig. Er gibt mit feiner Ironie die Haltung des deutschen Bürgertums im Kaiserreich wieder, und hier, in dieser Passage, die Haltung zu den Kolonien und damit gleichzeitig das Bild, das sich ein gutsituierter Bürger der deutschen »Kulturnation« von sich machte, von seinem Platz in der Welt und von dem seiner nach Weltgeltung strebenden, noch quasi frischgebackenen Nation. Und er entwirft ein Bild, wie man es sich in solchen Kreisen von seinen neuen Mitmenschen in den deutschen »Schutzgebieten« in Übersee bildete. Schon allein das Wort »Neger« evozierte Primitivität und Minderwertigkeit. Es gab noch keinen Aimé Césaire oder Léopold Senghor, die versuchten mit dem bewusst positiv besetzten Begriff der Négritude das kulturelle Selbstbewusstsein der Negro-Afrikaner und deren Nachfahren außerhalb Afrikas wieder aufzuwerten.[2]

Die »Neger«, was die wohl dachten, darüber machte man sich nicht wirklich Sorgen; sie waren unterlegen, dessen war man sich gewiss und hatten sich zu fügen, wenn eine zivilisierende »Kulturnation« ihre Präsenz im »wilden« oder »finstern« Afrika mit Kanonenbooten (Kanonenbootpolitik) manifestierte und absicherte. Es war ganz klar nicht nur ein Glaube an die eigene Überlegenheit, der sich da beim Vertreter des wilhelminischen Bürgertums regte, sondern ein »wissenschaftlich« fundiertes Wissen. Der Afrikaner wurde besonders im Laufe des 19. Jahrhunderts in einem verwissenschaftlichten Rassismus „als diametraler Gegensatz zum Weißen konstruiert und am unteren Ende der Seinskette eingeordnet. [Dieses wissenschaftliche Prozedere war] notwendiger Bestandteil der sich etablierenden neuen bürgerlichen Ordnung. Um sich der eigenen privilegierten Position innerhalb des Systems der Natur zu vergewissern, war ein Gegenpol nötig, der »naturgegeben«, »biologisch« unfähig war, den von den Europäern beanspruchten Grad der Zivilisation und Rationalität zu erreichen.“[3] Die Negro-Afrikaner sollten gefälligst die »Schutzverträge« des Reiches mit Dankbarkeit annehmen, die ihnen ironischerweise von bewaffneten Expeditionen oder von drohenden Kriegsschiffen, „grauen Kolossen“ aus anempfohlen wurden.[4] Es wurde eine widerspruchslose Unterwerfung unter die europäische Überlegenheit gefordert.[5]

Doch in den 450 Seiten des oben zitierten Romans können die Referenzen zu den afrikanischen Kolonien an einer Hand abgezählt werden, obwohl das Thema Kolonien im Kaiserreich quasi allgegenwärtig war. Der Kolonialdiskurs wurde mal mit mehr, mal mit weniger Begeisterung und Vehemenz geführt, doch war er nicht wegzudenken. Vom Kolonialwarenhandel über Firmenreklame, Filme, Ausstellungen (Völkerschauen), Kolonialvereine, Belletristik und Publizistik bis hin zu scheinbar unscheinbaren »Mohrenköpfen« oder eindeutig rassistischen Begriffen wie »Affenland« und »Paviansland« (Afrika) oder ganzen, teilweise heute noch gebräuchlichen Phrasen (z.B.: „Hier gehts ja zu wie bei den Hottentotten!”) waren die Kolonien teil des Alltags in Deutschland. Eng mit der Darstellung und räumlichen und intellektuellen Inbesitznahme »Schwarzafrikas« ist auch der Umgang mit den »Eingeborenen«, sprich den Negro-Afrikanern, in Diskurs und alltäglicher, kolonialer Praxis verwoben. Auch heute noch „ist die negative Symbolfunktion, die Schwarze auf der diskursiven Ebene erfüllen, nicht zu übersehen.“[6]

„Der neue Bereich »Massenkultur« betonte auf noch nie dagewesene Weise das Visuelle. (…) Manifest wurde dieser neue »visual appeal« vor allem in der Werbung.”[7] Der Bürger als Konsument erfuhr selbst dann von den immer wieder gepriesenen Vorzügen der kolonialen Gebietserwerbungen, wenn er sich nicht explizit dafür interessierte. „In Annoncen, auf Plakaten, Verpackungsmaterial oder Ladenschildern lud in der Regel ein freundlicher Mohr (Mohr = Synonym für den Afrikaner schlechthin) zum Kauf von Kaffee, Tabak, Schokolade, von Baumwolleerzeugnissen und Fettprodukten ein.”[8] Auch Brettspiele für Kinder und Erwachsene hatten schon 1885 die deutschen Kolonien als Setting. Das Kamerun-Spiel oder King Bell und seine Leute etwa „ist geprägt durch Auszeichnungs- und Bestrafungsaktionen (…). Hinrichtungen, gnadenhalber und gegen Zahlung von Spielgeld in Verbannung umgewandelt, gehören ebenso dazu, wie Belohnungen für »Gesang in der Negersprache«, der den Kolonialherren »Ergötzen« bereitet hat.”[9] Der Kolonialismus sollte „spielerisch-alltäglich »eingeübt« und die angebliche sittliche (Fehl-)Disposition bestimmter afrikanischer Stämme transparent werden.”[10]

Auch nach dem Ersten Weltkrieg, als die Alliierten die deutschen Kolonien im Rahmen des Völkerbundes als Mandatsgebiete unter sich aufteilten, blieb der einstige Kolonialbesitz in Phantasie und Politik, wo eine Revision des Versailler Vertrags gefordert wurde, präsent.

Heute hingegen scheinen die deutschen Kolonien eher vergessen, das Wissen um sie ist verschwindend gering und im Alltag spielen sie fast keine Rolle. Sie sind auch nicht in dem Maße über eine afro-deutsche Diaspora aus den ehemaligen Kolonien sichtbar, wie das in anderen europäischen Ex-Kolonialmächten der Fall ist, und die dazu anregen könnte „to remind Germans of the past violence that Europeans had inflicted on non-European peoples, what Homi Bhabha has called »colonials (…), minorities (…) who will not be contained within the Heim of the national culture and its unisonant discourses but are themselves the marks of a shifting boundary that alienated the frontiers of the modern nation«“[11]. Obwohl es seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine schwarze Minderheit in Deutschland gab, die hier die kolonialen Rassengesetze umgehen konnte. Es gab sogar schwarze Soldaten und Offiziere in der kaiserlichen Armee, doch meistens mussten sie Berufe ergreifen, die sich »natürlich« für sie ergaben: Kellner, Tänzer, Musiker.[12]

Selbst wenn es seit kurzem eine wachsende afrikanische Diaspora in der BRD gibt, die Kolonien sind aus dem heutigen historischen Selbstverständnis der Deutschen getilgt. Vergessen sind Namen wie Karl Peters, Emin Pacha, Adolf Lüderitz, Paul von Lettow-Vorbeck oder Hermann von Wissmann, oder auch die Namen derer, die Widerstand leisteten gegen die europäische »Expansion von Nationalität«[13], Hendrik Witbooi, Samuel Maharero, Simon Kopper, Jakob Marengo, um Beispiele aus Südwestafrika (SWA) zu nennen. Vergessen auch, dass das in angelsächsischen Ländern noch heute verbreitete Bild vom Deutschen als barbarischer Hunne auf einen rednerischen faux-pas des Kaisers anlässlich der Niederschlagung des Boxeraufstandes in Peking (1900) zurückgeht. „Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bekannt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.“[14]

Es kann zu Recht von einer Amnesie in Bezug auf Afrika in der historischen Selbstwahrnehmung der Deutschen gesprochen werden. Auch in der Literatur stößt man –besonders im Vergleich zur französischen oder englischsprachigen Literatur– eher selten auf dieses Thema. „Deutschland war nie eine große Kolonialmacht, so wird immer wieder behauptet.”[15] Die deutsche Herrschaft entfaltete nie das Ausmaß und das Gewicht der britischen Überseeexpansion, sie dauerte knapp dreißig Jahre, endete nach dem Ersten Weltkrieg und damit sei Deutschland auch nie in Dekolonisierungskriege und –konflikte verwickelt gewesen, die auch nur annähernd an die schmerzhaften Erfahrungen –auf beiden Seiten- und die Brutalität der Kriege in Algerien, Angola, Indochina oder im Kongo heranreichten.[16] So wurde besonders nach dem Zweiten Weltkrieg argumentiert und das Schweigen und graduelle Vergessen um das Thema deutsche Kolonien gerechtfertigt.

Es gibt auch keinerlei heute noch populäre und in Deutschland produzierte Filme zum Thema Kolonien. Der deutsche Kolonialist taucht höchstens als Randerscheinung, Gegenspieler oder plakativ gestalteter, kolonialer Erzbösewicht in Hollywoodproduktionen auf. Als Beispiele seien The African Queen (1951) von John Huston, 55 Days at Peking (1963) von Nicholas Ray oder auch noch Out of Africa (1985) von Sydney Pollack genannt.

Das Thema Kolonialismus wurde sowohl von den Deutschlandhistorikern als auch von der literaturgeschichtlichen Forschung noch bis vor kurzem weitestgehend gemieden. In Literaturgeschichten taucht Kolonialismus wenn überhaupt dann nur am Rande auf.[17]

„Die postkoloniale Theorie hat dagegen immer wieder darauf hingewiesen, dass keine Region dieser Erde den Wirkungen kolonialer Herrschaft entkommen konnte.”[18] „Kaum ein Individuum (…) das heute lebt, ist von den Imperien der Vergangenheit unberührt geblieben“[19], so bekräftigt Edward Said seine Auseinandersetzung mit dem Thema Imperialismus. Und so kam schon kurz „nach dem Ersten Weltkrieg (…) der französische Ökonom Arthur Girault zu dem Ergebnis, das Festland der Erde sei zu etwa der Hälfte von Kolonien bedeckt. Mehr als 600 Millionen Menschen, d.h. ungefähr zwei Fünftel der Weltbevölkerung, unterstünden kolonialer Herrschaft: (…) [allein schon] 120 Millionen in Afrika”[20]. Globalisierung, meint die jüngere Forschung, setzte nicht erst vor Kurzem ein, es ist „keine neue Erfahrung. Schon das späte 19. Jahrhundert war eine Hochphase der weltweiten Interaktionen und der Austauschprozesse, bevor nach dem zwei Weltkriegen eine Epoche der Abschottung einsetzte. () Deutsche Geschichte fand keineswegs nur innerhalb der Grenzen des Nationalstaates statt.“[21]

Es geht auch nicht an, eine Analyse des deutschen Afrikadiskurses als überflüssig anzusehen, nur weil das Deutsche Reich anscheinend eine zweitrangige Kolonialmacht war (Said etwa widmet dem deutschen Afrikadiskurs zu Unrecht keine Aufmerksamkeit). Denn selbst wenn dies stimmen würde, „die Kolonialimperien der Neuzeit [waren] keine hermetisch abgeschotteten Einheiten”[22]. Der deutschsprachige Afrikadiskurs setzte mal davon abgesehen auch schon lange vor dem tatsächlichen deutschen Ausgriff nach Afrika in den 1880er Jahren ein. So waren etwa „die zur anatomischen Untermauerung der Rassentheorien benutzten »Wissenschaften« der Physiognomik, der psychologischen Gesichtsdeutung, und Phrenologie, der Charakterdeutung aufgrund der Schädelform, (…) im späten 18. Jahrhundert von Deutschen entwickelt worden.“[23]

Doch in „der Erforschung der deutschen kolonialen Vergangenheit zeichnet sich eine Trendwende ab.”[24] Im Zuge der postkolonialen Studien, ein Forschungsfeld, welches maßgeblich beeinflusst wurde durch das Erscheinen von Saids Orientalism (1978), geraten die einstigen Kolonien des Deutschen Reiches vermehrt in den Fokus der Forschung. Es geht dabei nicht nur um die Herrschaft einer Nation über die andere, sondern auch um die Rolle der Kultur. „Vornehmlich die Kulturproduktionen sind es, die den Imperialismus zu einer Kraft haben werden lassen, die über das geographische Empire weit hinausreicht. Sie erfüllen nicht nur eine Funktion, sondern sind Quelle für Identität“[25].

Ausschlaggebend für das neue Interesse am einstigen Kolonialreich ist nicht zuletzt das traurige hundertjährige »Jubiläum« des Herero-Nama-Krieges in Deutsch-Südwestafrika (1904-1909), der heutigen Republik Namibia. Die Klage von Vertretern der Herero vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag und vor einem U.S.-Gericht in Washington D.C. erregten mediales Aufsehen.[26] Doch im „kollektiven Gedächtnis in Deutschland (…) spielt die Vernichtung der Herero und Nama eine allenfalls marginale Rolle”[27] ; es scheint vielleicht auch wegen der zeitlichen und räumlichen Distanz ein abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte zu sein. Die allgemeine koloniale Amnesie kommt dann noch erschwerend hinzu. „The German focus on the Holocaust as the central and unavoidable fact of German history may also have occluded Germans' view of European colonialism and their own complicity (…) in it.“[28]

Eine wahre Flut von neuen Publikationen ist besonders in und um das Jahr 2004 zu verorten, und die Möglichkeit, diesen Krieg als Vernichtungskrieg gegen zwei Völker einstufen zu müssen, macht ihn besonders attraktiv für die Forscher; bietet es sich doch geradezu an –dank eines regelrechten Genozidbefehls- darin ein Vorspiel zur bürokratischen, militärischen, ja industriellen Massentötungsmaschinerie des NS-Regimes zu sehen. So findet die Forschung dann doch über das Thema Holocaust oder Völkermord zu den Kolonien zurück. Dabei wird dann aber leider oft vergessen, dass sich im gleichen Zeitraum in Deutsch-Ostafrika ein ähnliches Desaster mit fast drei Mal so vielen Opfern ereignete: der Maji-Maji-Aufstand (1905-1907) kostete wohl 300.000 Menschen das Leben (davon 23 Weiße).[29]

Literarisch verarbeitet wurde der „große Südwesterkrieg”[30], wie es heroisierend bei Autor Hans Grimm (1875-1959) heißt, in neuester Zeit besonders in zwei Romanen. Da wäre, zuletzt erschienen, der Roman Herero[31] von Gerhard Seyfried, der eher als Cartoonist bekannt sein dürfte, und dann der weitaus ambitioniertere Roman von Uwe Timm, der „die Gewalt generierenden Konstruktionen kolonialer Rede und die Gewaltsamkeit kolonialer Praxis darzustellen”[32] versucht: Morenga[33].

Der Kolonialkrieg in SWA war der erste richtige Krieg des noch jungen Kaiserreiches und verspäteten deutschen Nationalstaates, der, nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution 1848/49 erst im Spiegelsaal von Versailles, im Anschluss an den französisch-preußischen Krieg 1870/71 ausgerufen worden war. Einiges um diesen Kolonialkrieg bedarf noch der Klärung, auch wenn die Fakten von der Forschung öffentlich gemacht wurden. Es fängt schon an bei der zeitlichen Umgrenzung des Konfliktes –die Angaben variieren, je nach dem Schwerpunkt den der Historiker legt, von 1904-1907 bis 1904-1909[34] - und damit hängt die weitaus gewichtigere Frage zusammen, ob dieser Krieg die für die Zeit übliche blutige Niederwerfung eines Aufstandes war, ein geplanter Völkermord, nämlich die Vernichtung der Herero und »Hottentotten« (wie die Nama abwertend bezeichnet wurden) oder, als dritte Option, die Wahnsinnstat eines geltungsbedürftigen preußischen Generals: Lothar von Trotha.

Neuere Untersuchungen, etwa Kolonialschuld und Entschädigung von Janntje Bölhlke-Itzen, oder der Historiker Jürgen Zimmerer sehen in dem Kolonialkrieg ganz klar einen Vernichtungskrieg, der durchaus als Völkermord bezeichnet werden kann und als „ultimativer Tabubruch”[35] als Vorgeschichte zum Holocaust gesehen werden muss.

Das deutsche Kolonialprojekt und selbst der aufs brutalste geführte Herero-Nama-Krieg waren Themen, die in der deutschen (Trivial)-Literatur durchaus behandelt wurden, doch sind es meistens Werke, die zu Recht aus dem literarischen Kanon verschwunden sind. Allenfalls kennt man noch den Titel Volk ohne Raum von Hans Grimm, da er als agitatorisches Schlagwort Eingang in die nationalsozialistische Propaganda fand. Doch da diese deutsche Raumansprüche in Osteuropa geltend machte, würden nur die wenigsten Kolonialbelletristik damit in Verbindung bringen.

Nazis und Kolonialagitatoren vertraten beide ein Ideal von Bauern- und Soldatentum, das in der kriegerischen Erziehung der Jugend zu einem „militanten Siedlertyp, dem in den faschistischen Eroberungsplänen eine wichtige Funktion vorbehalten war“[36], gipfelte. Obwohl es gewisse Sympathien gab, war für die Naziführung Afrika doch immer nur ein zweitrangiges Ziel.[37] Kolonialliteratur war für sie nützlich und störend zugleich. „Die Kolonialliteratur wurde vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda und der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums zwar geduldet, aber nicht gefördert. In Hellmuth Langenbuchers halboffizieller Literaturgeschichte Volkhafte Dichtung der Zeit (…) wird sie auf wenigen Seiten abgetan“[38]. Unter den vielen Autoren sind besonders Hans Grimm und Gustav Frenssen den Nazis der Erwähnung wert.[39]

Diese beiden Autoren gehörten zu den beliebtesten und erfolgreichsten Verfassern von Kolonialliteratur, ihre Bücher erlebten bis zum Kriegsende große Auflagen, wurden in den Schulen gelesen und fanden auch als Feldpostausgaben Verbreitung.[40] Der Roman Peter Moors Fahrt nach Südwest erschien schon 1907, noch ehe der Krieg ganz vorbei war und rechtzeitig zu den Neuwahlen des aufgelösten Reichstages, den sogenannten »Hottentottenwahlen«. Der neue Reichstag setzte die zuvor verweigerte Finanzierung des Krieges in SWA durch, der Roman hat Anteil an der Mobilisierung der Wählerschaft gehabt und ist ein Beispiel dafür, „daß Romane an einer extrem langsamen, unendlich kleinen Politik teilnehmen, die bisweilen eine Politik ist, die Vorstellungen von und Einstellungen zu (…) [Deutschland] und der Welt klärt, verstärkt, gelegentlich vielleicht sogar vorantreibt.“[41] Vor allem Frenssens durchschlagender Erfolg und die Gültigkeit seiner Darstellung des Herero-Aufstandes über Kaiserreich und Weimarer Republik hinaus bis hin zum Zusammenbruch des Dritten Reiches haben mich dazu bewogen den Roman in diese Arbeit mit einzuschließen.

Selbst in der nach dem Ersten Weltkrieg sich entwickelnden Diskussion darüber, ob den Deutschen ihre Kolonien zurückerstattet werden sollten, spielte Frenssens Entwicklungsroman noch eine Rolle. Gustav Frenssens Roman in Form eines fiktiven Feldzugsberichtes gilt als ein Werk, „der deutschen kolonialen belletristischen Kriegsliteratur (…), das man bei jeder Auswahl, diese Literatur betreffend, schwerlich beiseite lassen kann.“[42]

Die Texte von Hans Grimm und Paul Keding stammen aus den Zwanziger und frühen Dreißiger Jahren, als diese Diskussion in Deutschlands erzwungener postkolonialen Situation von Kolonialbegeisterten in Gang gehalten wurde. Ihre Texte müssen im Zusammenhang mit der »Kolonialschuldlüge« gesehen werden. Darunter verstanden Kolonialagitatoren die in einem Blaubuch[43] zusammengetragenen Anschuldigungen gegen die deutsche Kolonialherrschaft im heutigen Namibia. In der Zwischenkriegszeit war Deutschland bestrebt diese Vorwürfe zu widerlegen und zu entkräften. In dieser Situation fand die Konstruktion von Identitäten in der Kolonialliteratur der Zwischenkriegszeit statt.

Identitätsbildung ist kein plötzliches Ereignis, sondern ein langwieriger Prozess, der durchaus durch gewisse Geschehen (besonders kriegerische Auseinandersetzungen) beschleunigt und verstärkt werden kann. Teil des Prozesses von Identitätsbildung ist seit Ende des 18. Jahrhunderts der Roman und die neue historische Erzählung, die Romanform als neue literarische Leitgattung des sich an der Macht etablierenden, vom identitätsstiftenden Nationalismus beseelten Bürgertums.[44] Said kann eine „mehr als beiläufige Konvergenz zwischen den Schemata der Erzählautorität einerseits, die für den Roman konstitutiv ist, und einer komplexen ideologischen Konfiguration andererseits erkennen, die der Tendenz zum Imperialismus zugrunde liegt. Der Roman ist grundlegend mit der bürgerlichen Gesellschaft verwoben; mit den Worten von Charles Morazé; er begleitet die und ist ein Teil der Eroberung der westlichen Gesellschaft durch die, die er »les bourgeois conquérants« nennt.“[45] Als Beispiel könnte man Goethes Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre anführen, wo einige Protagonisten im Zuge der gesellschaftlichen Umwälzungen nach der bürgerlichen Revolution in Frankreich in die »neue Welt« aufbrechen, um „drüben über dem Meere um Jahrhunderte verspätet den Orpheus und Lykurg zu spielen“[46]. Für Said steht fest: „Imperialismus und Roman verstärken einander in solchem Maße, daß es (…) unmöglich ist, den einen zu erschließen, ohne sich mit dem anderen auseinanderzusetzen.“[47]

Mit den klassischen politischen und ökonomischen Fragen muss so „die privilegierte Rolle der Kultur in der modernen imperialen Erfahrung“[48] behandelt werden. „In einem wichtigen Verstande setzen wir uns mit der Bildung kultureller Identitäten auseinander, die nicht als Essentialisierung aufgefaßt werden (…), sondern als kontrapunktische Phänomene, denn es ist nun einmal so, daß Identität nicht aus sich selbst und ohne Widerpart, Negationen und Oppositionen existiert: Griechen brauchen Barbaren, Europäer brauchen Afrikaner“[49]. „Im Feld des Austausches zwischen den Europäern und den »anderen«, der, auf systematische Weise, vor einem halben Jahrtausend begann, ist die einzige Idee, die sich kaum verändert hat, die, daß es eben ein »wir« und ein »sie« gibt, daß beide feststehen, deutlich, unanfechtbar selbstverständlich sind.”[50] Die Idee vom »wir« und »sie« begann nicht erst mit den Entdeckungsfahrten im ausgehenden Mittelalter.

Schon die Historien, das Werk Herodots, des »Vaters der Geschichtsschreibung« berichten von „der Zwietracht zwischen den Hellenen und den Barbaren”[51], die, so Herodot, in grauer Vorzeit durch Frauenraub zwischen Phöniziern und Hellenen begann. In kleinen novellenartigen Erzählungen werden immer wieder ähnliche Begebenheiten wiedergegeben (z.B. der Kampf um die „schöne Hellena” aus dem Urwerk der europäischen Literatur, der Ilias), welche schließlich auf den in epischer Breite erzählten Konflikt zwischen dem barbarischen und tyrannischen Osten und dem freien Hellas zusteuern, die Perserkriege.

Die Konfrontation zwischen dem riesigen Perserreich und den kleinen griechischen Stadtstaaten, die sich um Athen und Sparta scharten wurde seit jeher als Bewährungsprobe dessen gesehen, was wir heute als westliche Zivilisation bezeichnen. Aus den Historien stammen die berühmten Berichte über die Schlachten bei Salamis und Marathon oder bei den Thermophylen, wo dreihundert Spartaner ein Millionenheer aufhielten und damit Hellas, Hort der Freiheit und der Kultur, retteten. Die Schilderung der Perser und ihrer asiatischen und afrikanischen Hilfsvölker ist ohne Zweifel bestimmend und stilbildend für die Art und Weise, wie der Orient selbst heute noch gesehen wird.

Erst kürzlich erschien der Film 300, basierend auf der von Herodot inspirierten Comicvorlage Frank Millers[52] ; ein bildgewaltiges Sandalenepos, in dem die tapferen, treuen und hypermännlichen Spartaner Massen von sklavisch unterwürfigen, anonymen, hinterhältigen und degenerierten Persern niedermetzeln. Ideologisch steht das filmische Blutbad in der Nähe der Vertreter des »Clash of Civilisations«, als deren Urvater man Herodot wohl auch bezeichnen könnte. Dass der Film dann erscheint, wenn die USA Truppen im Irak stationiert haben und die Beziehungen mit dem benachbarten Mullahregime Irans (früher Persien) mehr als angespannt sind, mag ein –freilich komischer- Zufall sein. Es ist eins von vielen Beispielen, die zeigen, wie Kultur, speziell das Spiel mit Identitäten und Machtspiele von Imperien sich gegenseitig stützen. „Doch wer auch immer diese Art von »Identitäts«-Denken entzündet hat, bis zum 19. Jahrhundert war es das Kennzeichen imperialistischer Kulturen ebenso wie jener Kulturen, die den Übergriffen Europas zu widerstehen suchten.”[53]

Diese Arbeit geht der Identitätsbildung im Rahmen (gewünschter) kolonialer Expansion nach. Drei deutsche Autoren finden dabei Berücksichtigung: Gustav Frenssen, Hans Grimm und Paul Keding. Die „gewaltvolle Macht der Repräsentation“[54], aber auch der historische Prozess der kolonialen Landerwerbung und die Etablierung eines »wissenschaftlich« fundierten Rassismus in Deutschland müssen behandelt werden. Die „Kontinuitäten von Repräsentationsformen der Kolonisierten“[55] und Kolonisierenden sollen daran deutlich werden. Sie trugen bei zu Ausbeutung, Apartheid und –die wohl grausamste Konsequenz eines gnadenlos praktizierten Sozialdarwinismus- zum ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Vor allem Grimm und Keding müssen sich in ihren Texten mit dem Scheitern des deutschen Kolonialismus auseinandersetzen und auf die Anschuldigungen der Alliierten Bezug nehmen, die dem Reich vorwarfen ein unmenschliches Regime in SWA geführt zu haben.[56]

II. Erste koloniale Gehversuche: neu Teutschland

„Es kamen aus Europa immer neue Schiffe (…). Der Menschenvulkan spie weiter. Lang und grausig war der Weg, den die Weißen gehen mußten, um sich zu vernichten und zu verlieren.“

(Alfred Döblin: Land ohne Tod)

„Nun wollen wir in Schiffen über das Meer fahren, da und dort ein junges Deutschland gründen, es mit den Ergebnissen unseres Ringens und Strebens befruchten, die edelsten, gottähnlichen Kinder zeugen und erziehen: wir wollen es besser machen als die Spanier, denen die neue Welt ein pfäffisches Schlächterhaus, anders als die Engländer, denen sie ein Krämerkasten wurde. Wir wollen es deutsch und herrlich machen: vom Aufgang bis zum Niedergang soll die Sonne ein schönes, freies Deutschland sehen und an den Grenzen der Tochterlande soll, wie an denen des Mutterlandes, kein zertretenes unfreies Volk wohnen, die Strahlen deutscher Freiheit und deutscher Milde sollen den Kosaken und Franzosen, den Buschmann und Chinesen erwärmen und verklären.”[57]

Diese Aufforderung, eine Politik der Weltmacht zu betreiben, richtete der königlich-sächsische Hofkapellmeister Richard Wagner im Revolutionsjahr 1848 an seinen heimatlichen Vaterlandsverein. Die Rede stand ganz im Zeichen der „bürgerlichen Träume eines starken Nationalstaates, zu denen –wie bei anderen großen Nationen- ein Kolonialreich und, nicht zuletzt zu dessen Schutz, eine weltweit operierende Flotte gehörte.”[58] Doch mit dem Scheitern der Revolution und der einsetzenden repressiven Restauration rückten die Wünsche von einem bürgerlichen Nationalstaat, geschweige denn von Kolonien in Übersee, denen man die „Strahlen deutscher Freiheit” aufdrängen konnte, wieder in weite Ferne.

Vorerst blieb es in den bürgerlichen Stuben und Handelsunternehmen also beim Wunschdenken. Eine gewisse Frustration muss auch dabeigewesen sein, musste doch auffallen, wenn man sich mit Kolonien beschäftigte, dass es in vorangegangenen Jahrhunderten weder an Versuchen gemangelt hatte, Kolonien zu errichten, noch an Abenteurern, Conquistadoren und Entdeckern die aus Deutschland stammten. Seit dem 16. Jahrhundert, dem Zeitpunkt wo Europa eben durch das konsequente Betreiben von kolonialer Expansion zum Motor eines merkantilistisch-kapitalistischen Weltmarktsystems wurde, mischten die Deutschen mit.[59]

„Die zwei ersten deutschen Kolonialversuche handelspolitischer Art in Übersee fanden in den Jahren 1527 und 1680 statt.”[60] Im Namen des Königs von Spanien errichteten die Welser Faktoreien in Südamerika. 1528 verlieh Karl V. der augsburgschen Familie der Welser dann sogar die „Statthalterschaft des zum spanischen Kolonialreich gehörenden Venezuela”[61]. Doch die Deutschen verstanden sich mehr „als Kaufleute denn als politisch bewußte Kolonisatoren.”[62]

Besonders das Gold hatte es ihnen angetan; sie schickten Expeditionen aus, das sagenhafte El Dorado zu suchen.[63] Diese Expeditionen, an ihrer Spitze standen meistens verarmte und verschuldete Edelmänner, drangen in unerkundete Gebiete vor und suchten den Indianern ihr Gold abzunehmen, sei es friedlich und durch Betrug –man gab ihnen billigen Tand für das Edelmetall-, sei es durch rohe Gewalt. So endete auch mit dem Tode des Welsers Bartholomäus VI. bei der Rückkehr von einer Entrada, wie der bewaffnete Raubzug in Indianergebiet genannt wurde, die Herrschaft dieses Handelshauses in Südamerika. Den Welsern wurde in Spanien sogar der Prozess gemacht. „Hauptvorwurf der spanischen Krone war, daß die Kompanie ihrem Auftrag, das übertragene Land zu erobern, zu besiedeln und zu christianisieren, nicht nachgekommen sei.”[64]

Nicht nur die Welser wollten von den Entdeckungsfahrten der Spanier und Portugiesen profitieren.[65] Alle großen Handelshäuser, die Fugger und Hochstätter, auch Nürnberger Unternehmen nahmen daran Teil und bauten auf Grund der Expeditionsberichte, an denen ebenfalls deutsche Seefahrer, Söldner, Karthographen etc. beteiligt waren ihre Stützpunkte in Lissabon, der Weltmetropole des Seehandels, aus. Der älteste noch erhaltene Globus, der sogenannte »Erdapfel« geht auf zwei Nürnberger zurück, den Sohn einer Patrizierfamilie und Nautiker Martin Behaim, der u.a. auf Afrikafahrten mit den Portugiesen war, und Ruprecht Kolberger.

Die Berichte, welche die Rückkehrer verfassten und die sich großer Beliebtheit erfreuten, enthielten neben geographischen Kenntnissen natürlich auch Beschreibungen von »Eingeborenen«. Worauf diese hinausliefen lässt sich oft schon aus den reißerischen Titeln erahnen. Hans Staden, ein aus Hessen stammender Landsknecht veröffentlichte 1557 ein Buch über seine Zeit in Brasilien mit dem vielversprechenden Titel Die wahrhaftige Historie der wilden, nacketen, grimmigen Menschenfresser-Leute. Das Buch fand europaweite Verbreitung, wurde innerhalb eines Jahrzehnts fünf Mal nachgedruckt und übte „einen großen Einfluß auf das Indianerbild Europas im 16. Jahrhundert aus.”[66]

Auch aus Afrika drangen ab dem 16. Jahrhundert vermehrt Nachrichten nach Europa. Wir begegnen schon 1509 in dem Büchlein Die Merfart und erfahrung nüwer Schiffung und Wege zu viln onerkannten Inseln und Künigreichen von Balthasar Springer einem Volk, dem die kolonialen Großmachtphantasien der Deutschen noch übel mitspielen sollten, den Nama, oder wie die Holländer sie tauften, den Hottentotten:

„Die Einwohner dieses Landes sind ein halbwildes Volk. (…) Alle gehen nackt herum, nur die Scham bedecken sie mit hölzernen oder ledernen Scheiden und binden den Knaben ihre Schwänzlein nach oben. Sonst ist es ein angenehmes Land (…). Sie haben eine schnelle, seltsam wunderliche Sprache, und ihre Wohnungen sind unter der Erde.”[67]

Später klangen die Berichte immer negativer.[68] So ist bei Johann Jacob Saars 1672 im Druck erschienen Buch nachzulesen: „Diese Heiden werden genennet Hottendot, fast Unmenschen, von Statur nicht groß, sehr dürr und mager.“[69] Konnte man in Südamerika noch nicht wirklich von einem deutschen Kolonialversuch reden, denn so „wirtschaftlich mächtig sie auch waren, handelten die Welser in Venezuela nur im Auftrag einer fremden Macht”[70], so kam der zweite erwähnenswerte Versuch der Idee, die Johann Joachim Becher, ein Vertreter des Merkantilismus, voranzutreiben versuchte, näher. Er forderte: „Wohlan denn, dapffere Teutschen, machet, daß man in der Mapp neben neu Spanien, neu Frankreich, neu Engelland, auch ins künftige neu Teutschland finde.”[71]

Zu den prominentesten Pionieren in Sachen deutsche Kolonien gehört der »Große Kurfürst«, Friedrich Wilhelm von Brandenburg, „der in seiner Jugend in den Niederlanden gewesen und dort Zeuge des wirtschaftlichen Aufschwungs der Holländer geworden war”[72] ; die hatten zu dem Zeitpunkt eines der größten Handelsimperien ihrer Zeit errichtet. Der »Große Kurfürst« wurde dann auch gerne noch von den Kolonialpropagandisten des 19. und 20. Jahrhunderts als ihr Vorfahre zitiert.[73]

Friedrich Wilhelm sandte einen seinen Militärs aus, Major von der Gröben, der 1683 in Tres Puntas, einem Kap an der Goldküste (Ghana) an Land ging und zum Bau einer Festung einen Berg in Besitz nahm. Die Inbesitznahme erfolgte wie es für solche Akte typisch bleiben sollte: man pflanzte seine Fahne „mit Pauken und Schalmeien”[74] und gab Salutschüsse mit Kanonen oder Musketen ab. Darauf folgte ein weiterer typischer Akt - Spivak spricht in diesem Zusammenhang von „worlding”, also vom Prozess des „Welt-Machens”[75]: von der Gröben gab diesem Stückchen „neu Teutschland”[76] einen neuen Namen: „Und weil SR. Chf. Dl. Name in aller Welt groß ist, also nennete ich auch den Berg: Den Großen Friedrichs-Berg.”[77]

Die kurbrandenburgische Feste Groß-Friedrichsburg wurde aber schließlich vom Nachfolger des Kurfürsten, dem »Soldatenkönig« Friedrich Wilhelm I. an die holländische Westindien-Kompanie verkauft. Er sah keinen Sinn in dem Abenteuer in Übersee. Zudem verpflichtete sich Preußen gegenüber dem um seine Vormachtstellung bangenden Holland „nie wieder an den Küsten Afrikas Kolonien zu errichten oder Handel zu treiben”[78].

Eine weitere Besitzung der Preußen, die Insel St. Thomas in der Karibik (Teil der dänischen Jungferninseln) gelangte in den Besitz der Dänen. Die Jungferninseln wurden den Preußen später zweimal angeboten. 1864 um einen Teil Schleswigs behalten zu können und dann nochmals 1896 im Tausch gegen Nordschleswig. „Entrüstet lehnte Wilhelm II. es ab, deutsches Gebiet abzutreten. Schließlich verkauften die Dänen die Inselgruppe an die USA, die sie noch heute als einverleibtes Territorium besitzen.”[79]

Solche Gebietstausche waren im Zeitalter des Imperialismus durchaus üblich und Kolonialbesitz in Übersee wurde gerne in die Waagschale geworfen, wenn es galt territoriale Besitzansprüche auf dem europäischen Kontinent durchzusetzen oder das Kräfteverhältnis der europäischen Großmächte auszubalancieren.

Man darf Kolonialismus mit Imperialismus nicht gleichsetzen. „Imperialismus impliziert (…) nicht bloß Kolonialpolitik, sondern “Weltpolitik”, für welche Kolonien nicht allein Zwecke in sich selbst, sondern Pfänder in globalen Machtspielen sind.”[80] Für Osterhammel waren weder Frankreich, noch Deutschland, Japan oder Russland jemals vollwertige imperialistische Mächte, da sie nicht lang genug präsent und „wirtschaftlich zu schwach zur Durchdringung ferner Ökonomien”[81] waren.

Ein Beispiel imperialistischen Handelns von Seiten des Kaiserreiches ist der sogenannte Helgoland-Sansibar-Vertrag von 1890. In Folge des „Wettlaufs um Afrika” stießen die Interessen der europäischen Mächte öfters aufeinander und man beseitigte solche Probleme in der Regel am Verhandlungstisch, wo man kurzerhand Interessenssphären in meist noch komplett unerforschten Gebieten mit dem Lineal trennte.

So etwa im Jahr 1890, als Deutschland zugunsten der Briten auf seine Ansprüche auf Uganda verzichtete. Der „Vertrag, den Caprivi, Bismarcks Nachfolger, der –wie dieser- die Ansicht vertrat: »Je weniger Afrika, desto besser!«, mit den Engländern schloß, [hatte] auch sein Gutes: Er gab den Deutschen die Insel Helgoland zurück, die die Engländer – seit der Kontinentalsperre gegen Napoleon – besetzt hatten und den meisten Deutschen immer noch näher lag als irgendein Reich in Afrika. Ja, nicht nur Uganda, selbst die Insel Sansibar war man bereit dafür herzugeben.”[82] Es ist der einzige Akt der deutschen Kolonialpolitik, der Deutschland mit der Hochseeinsel Helgoland eine dauerhafte territoriale Veränderung brachte. Ein weiteres Trostpflaster für die Deutschen in diesem Abkommen war der sogenannte Caprivi-Zipfel, ein Stück Land im Nordosten der Kolonie Südwestafrika, zur Ehre des Kanzlers nach ihm benannt. Dass Sansibar eigentlich einen Sultan hatte, kümmerte die beiden Kolonialmächte wenig. Wie üblich unter europäischen Vertragspartnern, wurden die Afrikaner übergangen. „Die Briten konzedierten den Deutschen die festländischen Besitzungen des Sultans und bemächtigten sich ihrerseits – neben Kenia, das ja auch zum Hoheitsgebiet des Sultans gehört hatte – der Insel Sansibar.”[83] Caprivi und Bismarck erscheinen im Lichte dieses Tausches eher als Imperialisten denn als glühende Vertreter des Kolonialismus. „Kolonialforderungen, usw. – zum Austarieren der internationalen, vornehmlich der innereuropäischen, Machtbalance einzusetzen, ist typisch “imperialistisch” und einem “kolonialistischen” Denken fremd, das Kolonien als dauerhaft “erworben” oder “anvertraut” betrachtet.”[84]

Der Gedanke von dauerhaft „erworbenem” »Lebensraum« spielt dann natürlich in der Kolonialpropaganda und völkischen Literatur vom Kaiserreich bis hin zum Dritten Reich eine wesentliche Rolle. Der Roman Volk ohne Raum (1926) –der Titel war wie gemacht für die Propaganda des Dritten Reiches- von Hans Grimm „war in diesem Spektrum nur einer von vielen Romanen, jedoch der auflagenstärkste und auch populärste Kolonialroman, dessen „umständliche[…] deutschtümelnde[…] Betulichkeit” dem merkantilen und psychologischen Erfolg keinen Abbruch tat.”[85]

Wie aber gelangte Deutschland schließlich in den Besitz von Kolonien, wenn sowohl der Reichskanzler Bismarck als auch sein Nachfolger Caprivi so wenig Afrika wie nur möglich wollten?

III. Die Kolonialerwerbungen des Deutschen Reiches

„Die Entscheidung, daß Deutschland nach den Jahren der Kolonialabstinenz im Frühsommer 1884 in die Reihe der europäischen Kolonialmächte eintrat, geht auf Reichskanzler Otto von Bismarck zurück.”[86] Ab 1871 – der Flickenteppich aus deutschen Kleinstaaten war nach dem schnellen Sieg über das Second Empire zu einem Nationalstaat zusammengefasst worden – stand der Erwerb von Kolonialbesitz wieder auf der Tagesordnung eines national gesinnten Bürgertums. „Die Gründung des geeinten Deutschen Reiches hatte die Voraussetzungen grundlegend geändert.”[87]

Doch dem begeisterten, durch den Sieg bei Sedan selbstbewusster und aggressiver gewordenen deutsch-nationalen Bürgertum standen noch die recht kühlen Ansichten der Reichsführung, speziell des Kanzlers, betreffs der Kolonialphantasien gegenüber. So verlangten hanseatische Kaufleute, Militärs und die Marine, dass Frankreich nach seiner Niederlage Cochinchina mit der Hauptstadt Saigon abtreten müsse. Frankreich wäre dazu bereit gewesen, wenn es im Gegenzug die Provinzen Elsass und Lothringen hätte behalten dürfen.[88] „Bismarcks Stellungnahme zu diesen Absichten ist bekannt: »Ich will auch gar keine Kolonien. Die sind bloß zu Versorgungsposten gut … diese Kolonialgeschichte wäre für uns genauso wie der seidne Zobelpelz in polnischen Adelsfamilien, die keine Hemden haben.«”[89]

Um das Gleichgewicht der Kräfte in Europa bemüht, war der »Eiserne Kanzler« nicht wirklich offen für die Bemühungen gewisser bürgerlicher und adliger Kreise um ein Kolonialreich. Zu groß war das Risiko, dass die Interessen von Frankreich, besonders aber von England mit denen des Reiches irgendwo in Übersee kollidieren könnten. Die Folge wäre womöglich ein Krieg am anderen Ende der Welt gewesen, der bei der englischen Übermacht zur See realistisch gesehen nicht zu gewinnen gewesen wäre.[90]

Doch der Aufbruchsstimmung der Bürgertums und des Handels tat dies keinen Abbruch, „viele [hatten] das Gefühl, bei der Verteilung der Welt unter den Mächten zu spät zu kommen.”[91] Schon 1848 wollte man Flotte und Kolonialbesitz und führte man in der deutschen theoretischen Kolonialliteratur Argumente auf, die so oder so ähnlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder auftauchten und denen man eine Kontinuität bis in die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts nachweisen kann.

Ein Argument, von rücksichtslosem Chauvinismus und nationalem Geltungsdrang geprägt, formulierte Carl Peters (1856-1918), Mitbegründer der Gesellschaft für deutsche Kolonisation (1884) und conquistadorenhafter Gründer von Deutsch-Ostafrika (1885)[92], folgendermaßen: „Die deutsche Kolonialbewegung (…) ist die natürliche Fortsetzung der deutschen Einheitsbestrebung. Es war nur natürlich, daß das deutsche Volk, nachdem es seine europäische Machtstellung auf den Schlachtfeldern von Königgrätz und Sedan emporgerichtet hatte, sofort das Bedürfnis empfand, nunmehr auch der elenden und zum Theil geradezu verächtlichen Stellung unserer Nation jenseits der Weltmeere ein Ende zu machen und zur gleicher Zeit Theil zu nehmen an den Vortheilen materieller Art, welche eine Herrschaftsentfaltung im großen Styl noch zu allen Zeiten geboten hat.“[93]

Peters, der sich gerne –besonders später in Afrika- als »Herrenmensch« inszenierte, argumentierte, neben den „Vortheilen materieller Art”, vor allem mit der Ehre und dem Stolz der Nation, und es kränkte ihn persönlich, dass Deutschland scheinbar nicht die Stellung in der Welt einnahm und nicht den Respekt einflößte, das es nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 seiner Meinung nach verdiente.

Typisch für ihn und auch für andere, national gesinnte Kolonialbegeisterte war übrigens eine große Bewunderung für die Engländer, die oft darauf beruhte, dass sie einige Jahre in England verbracht hatten, sozusagen das Empire hautnah erfahren hatten.[94] Auch der Autor Hans Grimm empfand eine »(Haß-)Liebe« zu England.[95] Diese sonderbaren Sympathien beruhten übrigens auf Gegenseitigkeit. Theoretiker auf beiden Seiten des Ärmelkanals sahen sich als zur Weltherrschaft bestimmte »Herrenrasse« und dachten sogar an eine enge Zusammenarbeit. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, wo das Reich kolonialen Besitz erwarb und in Konkurrenz mit Großbritannien trat; „große Minderwertigkeitsgefühle”[96], Frustration auf deutscher Seite (vor allem darüber bei den als arrogant empfundenen Briten nicht als Weltmacht zu gelten) und Antipathie machten sich breit, „for a new threat to the security of the Empire was now unmistakably looming. (…) And, by a singular irony, it was a threat posed by the one people whom both Cecil Rhodes[97] and Joseph Chamberlain (…) had regarded as the English-speaking race's equals. The Germans.”[98] Dieser Antagonismus zwischen Briten und Deutschen wird natürlich auch in der deutschen Kolonialbelletristik sichtbar.

Besonders dem Thema der Auswanderung wandten sich viele deutsche Kolonialtheoretiker, beseelt von nationalistischen Vorstellungen eines heroischen Germanentums, begeistert zu. „Berufungen auf die Vergangenheit gehören zu den verbreitesten Strategien der Deutung der Gegenwart.“[99] Ein gewisser Ernst Diffenbacher legte 1848 der Nationalversammlung in Frankfurt eine Denkschrift vor. „Die »germanische Rasse« hielt er für besonders prädestiniert zu weltweiter Expansion, fügte indessen bedauernd und mit Blick auf die frühe europäische Expansionsphase hinzu: »Deutschland, die fruchtbare Mutter germanischer Völker, hat nur indirekt an dieser großen Mission teilgenommen, der Strom, der von ihm ausging, hat wohl Einöden befruchtet und Wüsten in blühende Gärten verwandelt, aber die Rückwirkung des neuen Lebens auf den alten Körper war abgeschnitten, wenn nicht gar feindselig – eine Folge der inneren Ohnmacht und Zerrissenheit von den Zeiten der Religionskriege an.«”[100] Auffällig dürfte sein, dass auch, wenn von den Siedlereigenschaften der „germanischen Rasse” gesprochen wird, die zu kolonisierenden »Rassen« unerwähnt bleiben, hier wird vor allem mit Raum-Phantasien gespielt, vielleicht auch weil noch kein realer Kontakt mit Negro-Afrikanern bestand.

Auswanderung wurde als probates Mittel gegen die Proletarisierung des Volkes gesehen, allerdings gingen der Nation, durch massenhafte Abwanderung in assimilationskräftige Länder wie die USA, nationale Kräfte verloren, es sei ein wahrhafter Aderlaß, so die damalige These.[101]

Der prominenteste Vertreter einer „gelenkten Auswanderung” war Friedrich Fabri (1824-1891), Inspektor der Rheinischen Mission, welche seit 1842 in SWA „im Weinberg des Herrn” arbeitete.[102] „Im Jahr 1879 erschien eine aufsehenerregende und in hohen Auflagen verbreitete Broschüre (…): »Bedarf Deutschland der Kolonien?« (…) Von seinen Schriften ist im Kaiserreich wohl die stärkste kolonialpropagandistische Wirkung ausgegangen.”[103]

In Fabris Schrift gibt es eigentlich nur noch einen Weg, Deutschland zu retten, „auch Industrie und Gewerbe vermögen im günstigsten Falle den eingetretenen Nothstand nicht völlig wieder zu überwinden. So bedürfen wir nothwendig noch eines weiteren, dritten Weges: der Auswanderung. Ja wir müssen sagen: die Organisation einer starken deutschen Auswanderung ist zu einer Lebensbedingung des Deutschen Reiches geworden.”[104]

Die Schrift und ihre Rezeption muss vor dem Hintergrund der gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich angespannten Situation des Deutschen Reiches gesehen werden.[105] Als Folge der Industrialisierung erfuhr Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrere Wirtschaftskrisen, die erste brach schon 1857 aus. Weitere folgten: 1873-1879, dann 1882-1886. Und mitten in dieser letzten Krise, in kaum mehr als einem Jahr, nämlich 1884/1885, war Deutschland mit einem Schlag Kolonialmacht geworden.

Fabri sah die Ursache für diese Wirtschaftskrisen in Überbevölkerung, Überproduktion und Kapitalüberschuss, die Lösung sei der Erwerb von Kolonien und damit verbunden, „die Exportoffensive an Waren, Kapital und Mensch.”[106] Neben der Lösung sozialer Probleme „hat Fabri die Kolonialpolitik noch als nationalen Integrationsfaktor in der offensiven Funktion einer deutschen »Kulturmission« definiert, die er wiederum als »Lebensfrage« sowohl für die nationale und geistige Entwicklung Deutschlands, als auch in der machtpolitischen Auseinandersetzung mit konkurrierenden Nationen betrachtete.”[107] Das Problem aber war, dass weder Fabri „noch seine kolonialpropagandistischen Mitstreiter (…) ausgesprochene Wirtschaftsfachleute [waren]. Ihre Thesen entsprangen nicht der Kenntnis von Wirtschaftsabläufen”[108].

Gleichzeitig mit den Wirtschaftskrisen hatte Deutschland tatsächlich noch mit anderen Problemen zu kämpfen, die seit der Reichsgründung immer virulenter wurden. Eine ständig sich vergrößernde Arbeiterschaft rutschte seit der industriellen Revolution ins Elend ab, die Menschen flüchteten vom Lande in die Städte. Als Folge der sich verbessernden medizinischen Versorgung und der Industrialisierung stieg die Bevölkerung sprunghaft an, von knapp 18 Millionen um die Mitte des 18. Jahrhunderts bis auf 45 Millionen Menschen im Jahr 1880. Bis zum Ersten Weltkrieg sollten es noch mehr als 65 Millionen sein. Der anhaltende Bevölkerungswachstum war „eines der wichtigsten Argumente”[109] der Kolonialpropaganda gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Situation der Arbeitssuchenden in den 1880ger Jahren war infolge des Überangebotes an Arbeitskraft katastrophal: kümmerliche Löhne, Kinderarbeit, 18-Stunden-Tag, Barackensiedlungen. Das autokratische Regime Bismarcks fürchtete nicht zu Unrecht eine Revolution des Proletariats, die »rote Gefahr«, wie man es nannte.

„So ergibt sich eine logische Verknüpfung der Argumente Peters' und Fabris, die einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Reichsgründung und Wirtschaftskrise einerseits, aus denen soziale Spannungen und politische Forderungen erwachsen, und Kolonialismus und Imperialismus andererseits, die als Ausweg gesehen werden, erklärt.”[110]

Doch es waren weder die Schrift Fabris, noch die als explosiv empfundene Situation im Reich allein –Fabri spricht von anarchistischen „Umsturz-Parteien“[111], die „internationalen Charakter gewonnen“[112] haben und in der Nähe der 1871er Pariser Communarden stehen-, die zur Erwerbung der Kolonien führten. Gisela Graichen und Horst Gründer führen u.a. noch an, dass die Kolonialerwerbungen Deutschlands in eine Zeit relativer Ruhe in Europa fiel, während gleichzeitig England mit Frankreich um Ägypten stritt und mit Russland um Afghanistan. Bismarck hatte also etwas Raum zum Handeln, da diese Kolonialmächte in der Ferne mit sich selbst beschäftigt waren. Zudem nutzte er das momentane »Kolonialfieber« für die anstehenden Reichstagswahlen im Herbst 1884. Von Bismarck selbst ist bekannt, dass er diese Unternehmen als „Schwindel”[113] bezeichnete, den er halt für die Wahlen brauche. Und schon 1888/89 verfluchte er diesen Schritt wieder, als es in Ostafrika und Samoa zu Unruhen und Aufständen kam.[114]

Am liebsten wäre ihm gewesen, die Handelsfirmen kümmerten sich selbst um die Kolonien. Bismarck war es auch, der den Ausdruck »Schutzgebiete« für die Erwerbungen in Übersee prägte, er wollte nicht von Kolonien reden.[115]

Es waren dann auch die Kaufleute, die am wirksamsten auf den Erwerb der Überseeterritorien drängten. Wie oben erwähnt geschahen diese Erwerbungen in einem relativ kurzen Zeitraum: Togo, Kamerun, SWA, Ostafrika und Neuguinea wurden alle im Jahr 1884 deutsche »Schutzgebiete«. Die territorial Ausdehung dieser Schutzgebiete konnte in den darauffolgenden Jahren noch beachtlich variieren. Allein die afrikanischen Kolonien waren von ihrer Fläche her fünfmal so groß wie das Deutsche Reich.[116] Erst in den neunziger Jahren wurden die Kolonien Samoa (1899) und das chinesische Kiautschou (1897) erworben. Kiautschou war als befestigte Hafenstadt mit etwas Umland die kleinste Kolonie; sie wurde von der Admiralität der Marine verwaltet. Die Übernahme der Landeshoheit durch das Reich über diese riesigen Gebiete erfolgte oft (etwa in Ostafrika erst 1891) einige Jahre später und flankiert durch beachtliche militärische Aufgebote und »Strafexpeditionen«. Dies, weil die Gesellschaften, die zur Verwaltung der Kolonien gegründet worden waren, nicht in der Lage oder Unwillens gewesen waren, ihren Auftrag auszuführen und durch ihr rücksichtsloses, profitmaximierendes und ausbeuterisches Vorgehen Aufstände unter den »Eingeborenen« ausgelöst hatten. Bismarcks Konzept von der Eigenverantwortlichkeit des Kapitals war damit relativ schnell gescheitert.[117]

In „Afrika führten die handelspolitische Konkurrenz und der einsetzende Wettlauf um Interessensphären und Protektorate [in den 1880ger Jahren] zu einer wachsenden Unruhe unter den deutschen Afrikahändlern. Für den Erwerb der afrikanischen Kolonien (bis auf Deutsch-Ostafrika) spielten in diesem Zusammenhang zwei Kaufleute eine wichtige Rolle: der Bremer Tabakwarenhändler Adolf Lüderitz (1834-1886) und der Hamburger Reeder und Großkaufmann Adolph Woermann (1847-1911).”[118] Auch in den Kolonialromanen tauchen diese Name immer wieder auf. Der Reeder Woermann besonders im Zusammenhang mit seinen Afrika-Dampfern, die einen regelmäßigen Linienverkehr zwischen Hamburg und den afrikanischen Kolonien herstellten.

„Als Bismarck am 19. Mai 1884 Reichskommissar Gustav Nachtigal die Weisung erteilte, neben Angra Pequena [im heutigen Namibia] die Bucht von Guinea anzulaufen, handelte es sich nicht zuletzt um den »Schutz« jener Gebiete, die die Hamburger Handelskammer-Denkschrift [nach eindringlicher Überzeugungsarbeit Adolph Woermanns] vorgeschlagen hatte.”[119]

[...]


[1] Kempowski, Walter: Aus großer Zeit. Roman. München: Knaus Verlag 1996 (3. Aufl.), S. 245.

[2] Vgl. Négritude. In: Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart: Kröner Verlag 2001 (erw. 8. Aufl.), S. 555.

[3] El-Tayeb, Fatima: Schwarze Deutsche. Der Diskurs um »Rasse« und nationale Identität 1890-1933. Frankfurt, New York: Campus Verlag 2001, S. 12.

[4] Vgl. Westphal, Wilfried. Ein Weltreich für den Kaiser. Geschichte der deutschen Kolonien. Köln: Parkland Verlag 2001, S. 165.

[5] Vgl. Said, Edward W.: Kultur und Imperialismus. Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht. Aus dem Amerikanischen von Hans-Horst Henschen. Frankfurt a.M.: Fischer 1994, S. 60.

[6] El-Tayeb: Schwarze, S. 9.

[7] Ciarlo, David M.: Rasse konsumieren. Von der exotischen zur kolonialen Imagination in der Bildreklame des Wilhelminischen Kaiserreichs. In: Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus. Frankfurt, New York: Campus Verlag 2003, S. 136.

[8] Benninghoff-Lühl, Sibylle: Deutsche Kolonialromane 1884-1914 in ihrem Entstehungs- und Wirkungszusammenhang. Bremen: Übersee-Museum 1983 (=Veröffentlichungen aus dem Übersee-Museum, Reihe F; Bd. 16) S. 22.

[9] Hillrichs, Hans Helmut: Waldaffen, »Nickneger«, schwarze Perlen – Und ewig leben die (Zerr-)Bilder. In: Graichen, Gisela; Gründer, Horst: Deutsche Kolonien. Traum und Trauma. Unter Mitarbeit von Holger Dietrich. Berlin: Ullstein 2007, S. 456.

[10] Ebd.

[11] Friedrichsmeyer, Sara; Lennox, Sara; Zantop, Susanne: Introduction. In: The Imperialist Imagination: German Colonialism and its Legacy. Hrsg. v. Sara Friedrichsmeyer, Sara Lennox und Susanne Zantop. University of Michigan Press 1999 (=Social History, Popular Culture, and Politics in Germany) S, 4.

[12] Vgl. El-Tayeb: Schwarze, S. 143f.

[13] Vgl. Said: Kultur, S. 133.

[14] Zitiert nach: Graichen, Gisela; Gründer, Horst: Deutsche Kolonien. Traum und Trauma. Unter Mitarbeit von Holger Dietrich. Berlin: Ullstein 2007, 217f.

[15] Castro Varela, Maria Do Mar; Dhawan, Nikita: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld: Transcript 2005 (=Cultural Studies; 12) S. 11.

[16] Vgl. Friedrichsmeyer: Introduction, S. 3.

[17] Vgl. Berman, Russell A.: Der ewige Zweite. Deutschlands Sekundärkolonialismus. In: Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus. Hrsg. v. Birthe Kundrus. Frankfurt, New York: Campus Verlag 2003, S. 19.

[18] Castro Varela: Theorie, S. 11.

[19] Said: Kultur, S. 39.

[20] Osterhammel, Jürgen: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen. München: Beck 4. Aufl. 2003 (=C.H. Beck Wissen in der Beck'schen Reihe; 2002) S. 29.

[21] Leick, Romain: Raus aus dem Tunnel. Der Historiker Sebastian Conrad will die nationalstaatliche Perspektive überwinden. In: Der Spiegel 46 (2007) S. 188.

[22] Ebd.

[23] El-Tayeb: Schwarze, S. 14.

[24] Berman: Sekundärkolonialismus, S. 19.

[25] Castro Varela: Postkoloniale Theorie, S. 51.

[26] Vgl. Graischen: Deutsche Kolonien, S. 153. und http://www.trotha.de/biographien/general-lothar/ >20.10.2007<

[27] Brehl, Medardus: »Das Drama spielte sich auf der dunklen Bühne des Sandfeldes ab«. Die Vernichtung der Herero und Nama in der deutschen (Populär-)Literatur. In: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen. Berlin: Links Verlag 2003, S. 86.

[28] Friedrichsmeyer: Introduction, S. 4.

[29] Vgl. Graichen: Deutsche Kolonien, S. 152.

[30] Grimm, Hans: Einleitung. In: Das deutsche Südwesterbuch. Von. H. Grimm. Lippoldsberg: Klosterhaus-Verlag 1970 (Erstdruck: 1929 Albert Langen/ München) S. 19.

[31] Seyfried, Gerhard: Herero. Berlin: Aufbau Verlag 2004.

[32] Brehl: Drama, S. 95.

[33] Erstdruck: Timm, Uwe: Morenga. Königstein: Verlag Autoren-Edition 1978.

[34] 1909 legten die letzten Aufständischen um den Nama-Kapitän Simon Kopper die Waffen nieder. Vgl. Helbig, Helga; Helbig, Ludwig: Mythos Deutsch-Südwest. Namibia und die Deutschen. Weinheim, Basel: Beltz Verlag 1983, S. 168. Zu den unterschiedlichen Daten vergleiche man schon allein die Titel einiger Publikationen: Zimmerer, Joachim; Zeller, Joachim (Hg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen. Berlin: Links Verlag 2003. Oder: Böhlke-Itzen, Janntje: Kolonialschuld und Entschädigung. Der deutsche Völkermord an den Herero 1904-1907. Einführung von Norman Peach. Frankfurt a.M.: Brandes & Apsel 2004 (=Perspektiven Südliches Afrika; 2).

[35] Zimmerer, Jürgen: Krieg, KZ und Völkermord in Südwestafrika. In: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen. Berlin: Links Verlag 2003, S. 62.

[36] Zimmermann, Peter: Kampf um den Lebensraum. Ein Mythos der Kolonial- und der Blut-und-Boden-Literatur. In: Die deutsche Literatur im Dritten Reich. Hrsg. v. Horst Denkler und Karl Prümm. Bibliograph. Mitarb. u. Reg.: Helmut G. Hermann. Stuttgart: Reclam 1976, S. 174.

[37] Vgl. ebd., S. 171.

[38] Ebd., S. 171.

[39] Vgl. ebd.

[40] Siehe z.B. Grimm, Hans: Der Zug des Hauptmanns von Erckert. Feldpostausgabe 316.-335. Tsd. Gütersloh: Bertelsmann 1941. Es ist ein Auszug aus Volk ohne Raum.

[41] Said: Kultur, S. 122.

[42] Sadji, Amadou Booker: Das Bild des Negro-Afrikaners in der Deutschen Kolonialliteratur (1884-1945). Ein Beitrag zur literarischen Imagologie Schwarzafrikas. Berlin: Dietrich Reimer Verlag 1985 (=Beiträge zur Kulturanthropologie) S. 196f.

[43] Ein Neudruck dieses Berichtes ist seit kurzem wieder verfügbar: Silvester, Jeremy; Gewald, Jan-Bart: Words Cannot Be Found. German Colonial Rule in Namibia: An Annotated Reprint of the 1918 Blue Book. Leiden, Boston: Brill 2003 (=Sources for African History; 1).

[44] Vgl. ebd., S. 101.

[45] Ebd., S. 118.

[46] Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden. Stuttgart: Reclam 2004 (Universal-Bibliothek; 7827) S. 94.

[47] Said: Kultur, S. 117.

[48] Ebd., S. 39.

[49] Ebd., S. 93.

[50] Ebd., S. 30.

[51] Herodot: Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H.W. Haussig. Mit einer Einleitung von W.F. Otto. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1971, S. 1. Verfasst im letzten Drittel des 5. Jh. v. Chr.

[52] Miller, Frank; Varley, Lynn: 300. Milwaukee: Dark Horse Comics 1999. Zum Film: 300. Warner Bros. Pictures, USA 2006. Regie: Zack Snyder. Scriptwriters: Zack Snyder, Kurt Johnstad, Michael B. Gordon. Darsteller: Gerard Butler, Lena Heady, Dominic West, Rodrigo Santoro u.a. Dauer: 117''.

[53] Said: Kultur, S. 30.

[54] Castro Varela: Postkoloniale Theorie, S. 24.

[55] Ebd., S. 25.

[56] Vgl. Kouame, Kouassi: La propagande colonialiste dans la littérature allemande (de la Conférence de Berlin 1884/85 à la Deuxième Guerre Mondiale). Contribution à la critique de l'idéologie impérialiste. Saarbrücken, Metz: Univ. Phil. Diss. 1981, S. 93f.

[57] Zitiert nach: Graichen: Deutsche Kolonien, S. 33.

[58] Ebd., S. 34.

[59] Vgl. Sadji: Bild, S. 31.

[60] Sadji: Bild, S. 31.

[61] Graichen: Deutsche Kolonien, S. 14.

[62] Sadji: Bild, S. 31.

[63] Vgl. Graichen: Deutsche Kolonien, S. 15.

[64] Ebd., S. 17.

[65] Im Folgenden Folge ich, wenn nicht anders angegeben den Ausführungen von Horst Gründer und Gisela Graichen, vgl. S. 18-27.

[66] Ebd., S. 18.

[67] Zitiert in: ebd., S. 22.

[68] Vgl. Jahn, Janheinz: Wir nannten sie Wilde. Begegnungen in Übersee einst und jetzt. Aus alten und neuen Reisebeschreibungen zusammengestellt und kommentiert. Ein Buch in drei Motiven, elf Kapiteln und achtundzwanzig Begegnungen. München: Ehrenwirth Verlag 1964, S. 27f.

[69] Zitiert nach: ebd., S. 36. Johann Jacob Saars / Ost-Indianische Funfzehen-Jährige Kriegs-Dienste / und wahrhafftige Beschreibung / Was sich Zeit solcher funfzehen Jahr / von Anno Christi 1644. biß Anno Christi 1659. zur See / und zu Land / in offentlichen Treffen / in Belägerungen / in Stürmen / in Eroberungen / Portugäsen / und Heydnischer / Plätze und Städte / in Marchirn, in Quartirn, mit Ihm / und andern Seinen Camerades begeben habe / am allermeisten auf der großen / und herrlichen / Insul CEILON. Zum andern mahl heraus gegeben / und mit vielen denkwürdigen Notis und Anmerckungen / wie auch Kupfferstücken / vermehret / und gezieret. Psal. XXIV. Vers I. Die Erde ist des HERRN / und was darinnen ist; der Erdboden / und was darauf wohnet. Denn ER hat ihn an die Meer gegründet / und an den Wassern bereitet. Nürnberg. Zu finden bey Johann Daniel Tauber / Buchhändler / Gedruckt bey Johann-Philipp Miltenberger / Im Jahre Christi / 1672, S. 157.

[70] Sadji: Bild, S. 31.

[71] Zitiert nach: Westphal: Weltreich, S. 11.

[72] Ebd.

[73] Vgl. Graichen: Deutsche Kolonien, S. 27. Kouame: propagande, S. 197f.

[74] Westphal: Weltreich, S. 12.

[75] Vgl: Castro Varela: Postkoloniale Theorie, S. 13.

[76] Westphal: Weltreich, S. 11.

[77] Ebd., S. 12.

[78] Vgl. ebd., S. 13.

[79] Graichen: Deutsche Kolonien, S. 32.

[80] Osterhammel: Kolonialismus, S.27.

[81] Ebd., S. 28.

[82] Westphal: Weltreich, S. 140.

[83] Ebd.

[84] Osterhammel: Kolonialismus, S. 27.

[85] Wolter, Heike: “Volk ohne Raum”. Lebensraumvorstellungen im geopolitischen, literarischen und politischen Diskurs der Weimarer Republik. Eine Untersuchung auf der Basis von Fallstudien zu Leben und Werk Karl Haushofers, Hans Grimms und Adolf Hitlers. Münster, Hamburg, London: LIT Verlag 2003 (=Sozial und Wirtschaftsgeschichte; 7), S. 59.

[86] Graichen: Deutsche Kolonien, S. 89.

[87] Ebd., S. 39.

[88] Vgl. ebd., S. 39.

[89] Ebd.

[90] Vgl. ebd., S. 90.

[91] Baer, Martin; Schröter, Olaf: Eine Kopfjagd. Deutsche in Ostafrika. Berlin: Links Verlag 2001, S. 24.

[92] Vgl. Peters, Carl. In: Biographisches Lexikon zur deutschen Geschichte. Hrsg. v. Udo Sautter. München: C.H. Beck 2002, S. 328.

[93] Zitiert nach: Westphal: Weltreich, S. 100.

[94] Vgl: ebd., S. 60-63.

[95] Vgl. Koch, Gert: Dichtertage bei Hans Grimm, Autor des Romans Volk ohne Raum, in Lippoldsberg an der Weser. In: Literarisches Leben, Exil und Nationalsozialismus. Berlin – Antwerpen – Sanary-sur-Mer – Lippoldsberg. Hrsg. v. Gerd Koch. Frankfurt a.M.: Brandes & Apsel 1996 (=Wissen & Praxis; 64) S. 94.

[96] Baer: Kopfjagd, S. 24.

[97] Cecil Rhodes (1853-1902), rassisstischer Befürworter des britischen Imperialismus, Gründer des Staates Rhodesien.

[98] Ferguson: Niall. Empire. How Britain Made the Modern World. London: Penguin 2004, S. 287f.

[99] Said: Kultur, S. 37.

[100] Zitiert nach: Graichen: Deutsche Kolonien, S. 37.

[101] Vgl. Westphal: Weltreich, S. 105 und Graichen: Deutsche Kolonien, S. 81.

[102] Graichen: Deutsche Kolonien, S. 60.

[103] Ebd., S. 79.

[104] Fabri, Friedrich: Bedarf Deutschland der Colonien?/ Does Germany Nees Colonies? Eine politisch-ökonomische Betrachtung. Dritte Ausgabe. Translated, Edited and Introduced by Eleonore C.M. Breuning and Muriel E. Chamberlain. Lewiston, Queenston, Lampeter: The Edwen Mellen Press 1998 (=Studies in German Thought and History; 2) S. 74.

[105] Ich folge den Ausführungen von Westphal: Weltreich, S. 100-4.

[106] Graichen: Deutsche Kolonien, S. 80.

[107] Ebd.

[108] Ebd.

[109] Ebd., S. 81.

[110] Westphal: Weltreich, S. 104.

[111] Fabri: Colonien, S. 104.

[112] Ebd., S. 106.

[113] Graichen: Deutsche Kolonien, S. 91.

[114] Vgl. ebd., S. 90-92.

[115] Vgl. ebd., S. 92.

[116] Vgl. Westphal: Weltreich, S. 253.

[117] Vgl. ebd., S. 334-343.

[118] Ebd., S. 72.

[119] Ebd., S. 75.

Details

Seiten
106
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638052528
ISBN (Buch)
9783638945301
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92965
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
Koloniale Identitätskonstruktionen Literatur Kriegen

Autor

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Titel: Koloniale Identitätskonstruktionen in der Literatur zwischen den Kriegen