Lade Inhalt...

"So oder auch anders..." - Fiktionalität und mögliche Welten in Gottfrieds "Tristan"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fiktionalität
2.1 Fiktionalität im höfischen Roman um 1200

3. Alternativität und das Konzept der möglichen Welten

4. Gottfrieds „Tristan“
4.1 Autor-Alternativen
4.2 Charakter-Alternativen

5. Ergebnisse

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die literaturtheoretische Diskussion um dichterische Wahrheit und ihren Bezug zu einer faktischen Wirklichkeit ist ungebrochen. Eine entscheidende Rolle hierbei spielt die Fiktionalitätstheorie. Was ist eigentlich Fakt, was Fiktion? Und kann man diese zwei Kategorien überhaupt so einfach trennen? Das Bewusstsein für solche Fragestellungen nahm in der Antike schon sehr früh ihren Anfang. Der mögliche Beginn einer Entwicklung hin zu einem modernen Fiktionalitätsbegriff ist in der Zeit um 1200 auszumachen. Ich möchte in dieser Arbeit über eine allgemeine Begriffsbestimmung von Fiktionalität diesen Beginn näher beleuchten und zu einem Konzept der möglichen Welten hinführen. Dieses Modell möchte ich dann auf den Tristanroman Gottfrieds von Straßburg angewendet werden.

2. Fiktionalität

Eine einheitliche oder vielmehr allgemeine Fiktionalitätstheorie, die die vielen und unterschiedlichsten Ansätze, welche zu diesem Thema gemacht worden sind, zusammenführt, ist nicht vorstellbar. Trotzdem gibt es einige entscheidende Kernpunkte, die zu einer Begriffsbestimmung der Fiktionalität und dem, was sie ausmacht, beitragen.

Ganz grundsätzlich wird zwischen fiktionalen, dichterischen und nicht-fiktionalen, faktualen Texten unterschieden. Zu einer vorläufigen und allgemeinen Umschreibung kommt so Ulrich Keller: „…nichtfiktionale Texte sind in irgendeiner Weise mit der Wirklichkeit befasst, Dichtung dagegen ist Fiktion, weil sie den Realitätsbezug kappt, im Raum der Imagination, des bloß Vorgestellten verbleibt“[1]. Diese simple Unterscheidung und die daraus entstehende Bestimmung der Fiktionalität über eine Verneinung ihres Realitätsbezugs greifen jedoch zu kurz. Es muss daher näher auf das Verhältnis von Wirklichkeit, schriftlichen Aussagen über diese und deren Wahrheit eingegangen werden.

In einem geläufigen, nichtwissenschaftlichen Sprachgebrauch werden dichterischen und damit fiktionalen Texten die Eigenschaften „irreal“ und „unwahr“ zugeschrieben, während man nichtfiktionale „Sachtexte“ der Realität entsprechend und damit als wahr ansieht. Hier wird jedoch der moderne Wirklichkeitsbegriff vernachlässigt. Eine objektive Wirklichkeit ist nicht existent, jeder sieht die Welt „mit seinen Augen“, hat so immer eine subjektive Sicht auf die Dinge und damit ein ganz persönliches Bild der Realität im Kopf.

Als eigentlich problematischer Punkt in der geläufigen Bestimmung der Fiktionalität von Dichtung erweist sich so die Unterscheidung von Realem und Fiktivem selbst; das Erfassen oder Wiedergeben von Wirklichem und das Ausdenken von Imaginärem lassen sich offenbar nicht in dieser unmittelbaren Weise voneinander abheben; […][2]

Die einfache Gegenüberstellung von Imaginieren und Auffassen von Wirklichkeit ist so also nicht möglich. Vielmehr wird eine enge Verbindung dieser zwei Tätigkeiten deutlich: dem Ausdenken von Fiktionalem liegt immer das Material der Wirklichkeit zugrunde, gleichzeitig ist das Aufnehmen von Wirklichem immer schon mit einer gewissen Imaginationsleistung jedes Einzelnen verbunden. Es kann keine völlig autonome fiktionale Literatur geben, da „mit Dichtung keine eigengesetzlichen, völlig von der Wirklichkeit unabhängigen ‚Welten’ konstituiert werden.“[3] Realität und Wirklichkeit entstehen durch einen Prozess des Imaginären, der erst mithilfe der Einbildungskraft, die „als das Vermögen bestimmt [wird; Zus. d. Autors ], das Sinneswahrnehmungen festhält, reproduziert, organisiert zu Vorstellungen, ‚Bildern’ zusammenfügt“[4], vollzogen werden kann.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Bild von Wirklichkeit und Realität, welches eine Person hat, nur eines von unendlich vielen verschiedenen ‚Wirklichkeitsbildern’ darstellt. Es gibt zahlreiche Varianten der Sicht auf die Welt und jede einzelne ist nur eine mögliche. Diese Einsicht lässt sich direkt auf Dichtung, welche ja Aussagen über diese Varianten von ‚Welt’ beinhaltet, mit dem in Kapitel 3 aufgeführten Konzept der möglichen Welten übertragen.

Bei der Analyse mittelalterlicher Erzählpoetik im Hinblick auf Fiktionalität werden immer wieder textlich-taxonomische Fiktionsbegriffe angewandt. Diese Ansätze versuchen Fiktionalität an formalen Merkmalen im Text festzumachen. „In other words, the textual-taxonomic model is based on the assumption that it is empirically possible to enumerate a set of textual indicators of which at least one will appear to signal fictionality.”[5] So ist zum Beispiel für Walter Haug die Fiktionalität des Artusromans in der so benannten Doppelwegsstruktur begründet.[6] Bei einer solchen textlich-taxonomischen Zugangsweise stößt man jedoch auf Probleme: die auf diese Weise durchgeführte Fiktionalitätsbestimmung ist zeitlich und kulturell begrenzt. Texte können durch einen anderen kulturellen Kontext einen neuen fiktionalen Status erlangen, ohne sich dabei jedoch auf formaler Ebene zu verändern. Außerdem ist eine eindeutige Trennung von fiktionalen und faktualen Texten auf diese Weise nicht möglich, da beide Sorten durchaus dieselben formalen Mittel benutzen.[7]

Vielmehr kommt es auf die Erwartungen und Konventionen des jeweiligen Diskurses, auf Produktions- wie auch auf Rezipientenseite, an. Wie ist die Haltung des Autors, welche Verpflichtungen muss er beachten? Was erwartet das Publikum und was kann es überhaupt verstehen? Ich möchte daher in meiner Arbeit für einen mehr pragmatischen Fiktionsbegriff eintreten. „Pragmatische Ansätze definieren die Fiktionalität von ihrem ‚Sitz im Leben’ her, als Funktion der Relation zwischen dem Sprechakt und seiner Gebrauchssituation.“[8] Das Umfeld und die diskursive Praxis bei Produktion wie auch Rezeption einer Erzählung rücken in den Mittelpunkt. Diese Praxis muss eingeübt werden, der Rezipient muss über ein Vorwissen über und Verständnis von Fiktionalität verfügen, um literarische Texte einordnen und bewerten zu können. Auf der anderen Seite muss auch der Autor sich dieses Vorwissen aneignen und an bestimmte Verpflichtungen halten. Es wird folglich eine Art Pakt zwischen Autor und Rezipienten geschlossen. Dieser Pakt, auch Komplizenschaft, Zusammenspiel oder Fiktionsvertrag genannt, ist ein Kernpunkt aller Fiktionalitätstheorien. Autor und Publikum erreichen dadurch eine Übereinstimmung in Bezug auf die fiktive Wahrheit. Der Rezipient lässt sich auf fiktionale Texte ein und tut so, als ob er das glauben würde, was diese Texte ihm vermitteln, obwohl er genau weiß, dass sie fiktional sind. „Erst das Wissen um die Fiktion ermöglicht die Rezeptionsweise, die für literarische Fiktionen kennzeichnend sind.“[9] Dieses Phänomen wird mit den Termini willing suspension of disbelief oder auch make-believe beschrieben. Es entsteht eine Art Als-Ob-Spiel:

Es gehört zum wissenschaftlichen Zusammenspiel von Autor und Publikum, dass letzteres unter Einsatz der Phantasie bereit ist, das Fiktive als wahr anzunehmen, sodass beide Parteien sich auf ein doppeltes Spiel von Glauben und Unglauben eingelassen haben.[10]

Aus heutiger Sicht und mit einem modernen Fiktionalitätsbewusstsein erscheint diese Erkenntnis völlig simpel und banal, wir haben diesen Pakt völlig verinnerlicht. Im Hinblick auf das Mittelalter jedoch, in dem ein Fiktionalitätsbegriff, das Bewusstsein für diesen und dessen Verständnis erst im Entstehen war, rückt diese Praxis in den Mittelpunkt.

[...]


[1] Keller, Ulrich: Fiktionalität als literaturwissenschaftliche Kategorie. Heidelberg: Winter, 1980. (Germanisch-romanische Monatsschrift/Beihefte, Band 2). S.7.

[2] Keller: Fiktionalität als literaturwissenschaftliche Kategorie. S.10.

[3] Grünkorn, Gertrud: Die Fiktionalität des höfischen Romans um 1200. Berlin: Schmidt, 1994. (Philologische Studien und Quellen, Heft 129). S.10.

[4] Keller: Fiktionalität als literaturwissenschaftliche Kategorie. S.11.

[5] Ronen, Ruth: Possible Worlds in literary theory. Cambridge: Cambridge University Press, 1994. (Literature, Culture, Theory, Band 7). S.77.

[6] vgl. Haug, Walter: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1985. S.91-107.

[7] vgl.: Chinca, Mark: Mögliche Welten. Alternatives Erzählen und Fiktionalität im Tristanroman Gottfrieds von Straßburg. In: Poetica 35 (2003), S.309-312; Ronen: Possible Worlds. S.77-80.

[8] Chinca: Mögliche Welten. S.313. vgl. auch Ronen: Possible Worlds. S.82-88; Hoops, Wiklef: Fiktionalität als pragmatische Kategorie. In: Poetica 11 (1979), S.281-317.

[9] Burrichter, Brigitte: Wahrheit und Fiktion. Der Status der Fiktionalität in der Artusliteratur des 12. Jahrhunderts. München: Fink, 1996. (Beihefte zu Poetica, Bd. 21). S.12. vgl. auch: Green, Dennis H.: Was verstehen wir unter Fiktionalität um 1200? In: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch 43 (2002). S.31f.

[10] Green: Was verstehen wir unter Fiktionalität um 1200? S.32.

Details

Seiten
15
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638062893
ISBN (Buch)
9783638950091
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93157
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,3
Schlagworte
Fiktionalität Welten Tristan Gottfried Strassburg mögliche Welten Gottfried von Strassburg

Autor

Teilen

Zurück

Titel: "So oder auch anders..." - Fiktionalität und mögliche Welten in Gottfrieds "Tristan"