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Der Kniefall von 1970 - Ein symbolischer Durchbruch?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 23 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Kniefall – Die Hintergründe

2. Deutungen und Reaktionen
2.1 Internationale Medien
2.2 Deutschland
2.3 Polen
2.4 Die Juden in Westeuropa und Israel
2.5 Willy Brandt

3. Von der Geste zur Ikone

4. Fazit – Ein symbolischer Durchbruch?

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Morgen des 7. Dezember 1970 ist ein kalter und regnerischer in Warschau. Um etwa 10.30 Uhr trifft der damalige Bundeskanzler Willy Brandt auf dem Platz vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos ein. Begleitet wird er von einer Delegation an Politikern, Diplomaten und Journalisten aus Deutschland und dem Gastgeberland Polen.[1] Zuerst hält sich der Kanzler ans vorgegebene Protokoll, ordnet die Schleife des niedergelegten Kranzes, verneigt sich und tritt dann zurück. Plötzlich jedoch fällt er auf die Knie, verharrt etwa eine halbe Minute demütig, steht dann ruckartig auf und wendet sich zum Gehen.[2]

„So wird das alles nicht in den Geschichtsbücher stehen, in die es aber doch gehört: dieses wilde, füßescharrende Geschubse der Photographen plötzlich; die Sekunde der Atemlosigkeit; das Erschrecken. Wo ist er? Was ist denn passiert? Ist er gestürzt? Ohnmächtig geworden? Willy Brandt kniet.“[3], schrieb der Reporter Hermann Schreiber, der den damaligen Bundeskanzler nach Warschau begleitete, einige Tage später im Spiegel.

Das Bild dieses Kniefalls ging um die Welt. Heute findet es sich in den meisten deutschen Schulbüchern und Lexika.[4] Nahezu jeder von uns hat es schon einmal irgendwo gesehen. Doch die wenigsten wissen um die Geschichte und Hintergründe. Es scheint sich verselbständigt zu haben, dieses Bild von einer bewegenden Geste.

Eine Geste, die 30 Jahre später, am 6. Dezember 2000, durch eine Gedenktafel genau gegenüber des Warschauer Ghetto-Denkmals geehrt wird, eingeweiht durch den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder und den polnischen Ministerpräsidenten Jerez Buzek.[5]

Im ersten Kapitel beschäftige ich mich mit den Hintergründen des Kniefalls. Was war der Anlass des Besuchs des Bundeskanzlers in Warschau?

Im zweiten Kapitel gehe ich darauf ein, wie damals in Medien, Politik und Öffentlichkeit in Deutschland, Polen und international auf den Kniefall reagiert und wie er gedeutet wurde. Hinzu kommen Willy Brandts Äußerungen und seine eigene Interpretation der Geste. Wie war sie gemeint? An wen gerichtet? War sie spontan oder doch geplant?

Die heutige Sicht des Kniefalls in Medien wie Fachliteratur stelle ich in Kapitel drei dar. Hier versuche ich außerdem zu klären, was zu seiner Berühmtheit und Ikonisierung beitrug.

Im vierten Kapitel, dem Fazit, geht es darum, ob man den Kniefall als symbolischen Durchbruch bezeichnen kann und inwiefern er einer war.

1. Der Kniefall – Die Hintergründe

Es war der erste Staatsbesuch eines Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland in Polen.[6] Willy Brandt und seine Begleiter, unter anderem Außenminister Walter Scheel und Staatssekretär Egon Bahr, kamen nach Warschau, um den Warschauer Vertrag zu unterzeichnen.[7] In diesem „Normalisierungsvertrag“ mit Polen[8] erkannte die deutsche Regierung die Oder-Neiße-Linie als Grenze zwischen Deutschland und Polen an, und das obwohl die Bundesrepublik de facto damals gar nicht über die Grenze zu Polen verfügen konnte. Vorrangig ging es im Warschauer Vertrag um die Anerkennung der Grenze, weniger um Gewaltverzicht. Man machte erhebliche Zugeständnisse an den Vertragspartner Polen, der seinerseits das Anliegen der Bundesregierung hinsichtlich der Rechte der nach 1945 in Polen gebliebenen Deutschen zurückwies. Im Gegensatz dazu steht der Moskauer Vertrag, der bereits am 12. August 1970 mit der Sowjetunion abgeschlossen wurde. Hierin sah man die Grenzanerkennung als Teil des Gewaltverzichts. Die Bundesrepublik schloss diesen Vertrag ab, obgleich die Sowjetunion den Wiedervereinigungsanspruch der BRD offiziell ablehnte. In einem Brief machte dann die bundesdeutsche Regierung deutlich, dass der Moskauer Vertrag nicht im Widerspruch zur erzielten Wiedervereinigung des geteilten Deutschland stehe.[9]

Die Verträge standen ganz im Zeichen der neuen Ostpolitik der frisch gewählten sozialliberalen Koalition. Bis in die sechziger Jahre ging es vor allem um die nationale Einheit und Verständigung mit dem Westen; für eine Ostpolitik war da wenig Platz. Die diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion wurden nur wenig genutzt. Zu Polen und der Tschechoslowakei gab es keine solchen Verbindungen, da beide Länder die DDR anerkannt hatten. In den sechziger Jahren versuchte Außenminister Gerhard Schröder ein normalisiertes Verhältnis zu den östlichen Nachbarn entstehen zu lassen, doch er gab sich mit Handelsmissionen zufrieden. Die große Koalition aus CDU/CSU und SPD beabsichtigte 1966 zwar diplomatische Beziehungen, doch sie schloss davon die DDR aus und verweigerte eine Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als Grenze.[10] Bisher hatte die Regierung in Bonn angestrebt, immerhin das Provisorische an der Grenze zu bewahren, bis ein gesamtdeutscher Friedensvertrag abgeschlossen werden konnte. Eine Revision war natürlich realpolitisch nicht möglich.[11]

Die sozialliberale Koalition versuchte es nun mit dem Konzept Wandel durch Annäherung, das Egon Bahr bereits 1963 vorgestellt hatte. Der Status quo sollte überwunden werden, indem man versuchte, ihn zunächst nicht zu verändern. So bezweckte man eine politische Entspannung.[12] Eben Teil dieser Entspannungspolitik waren der Besuch in Warschau und die Vertragsunterzeichnung.

Der erste Programmentwurf für den 7. Dezember enthielt keinen geplanten Besuch einer Gedenkstätte. Erst nach einigen Gesprächen, die über Handelsvertreter liefen, da es noch keine diplomatischen Beziehungen gab, ließ Warschau verlauten, dass eventuell eine Kranzniederlegung am Grabmal des Unbekannten Soldaten[13] eingeplant werden könne. Brandt allerdings wies darauf hin, dass er auch einen Besuch des Denkmals für die Helden des Warschauer Ghettos erwog.[14] Dieses Denkmal soll an den Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 erinnern, bei dem die letzten polnischen Juden Warschaus versuchten, ihrer letztendlichen Vernichtung in den Gaskammern von Treblinka zu entgehen, indem sie gegen die herannahende SS revoltierten[15]. Das verzweifelte letzte Aufbegehren ist in diesem vom polnisch-stämmigen Künstler Nathan Rapoport geschaffenen Ghetto-Denkmal eingefangen. Er stellt das Ereignis allerdings etwas anders dar. Die Skulptur ist halb in eine Mauer eingelassen und zeigt auf der Vorderseite eine Gruppe, die sich durch eine Maueröffnung und Flammen freikämpft. In der Mitte dieser Gruppe ragt ein junger Mann heroisch hervor. Er ist auch der einzige, der eine Waffe trägt. Rapoport wollte hiermit den heldenhaften Widerstand selbst unter schlimmsten und nahezu aussichtslosen Bedingungen darstellen. Auf der Rückseite des Denkmals ist die Kehrseite aufgezeigt. Ein Relief zeigt eine Deportationsszene; ein Zug voller Personen, die mutlos, verzweifelt und gebrochen erscheinen.[16]

Der Bundeskanzler verlangte entweder beide Gedenkakte für den 7. Dezember oder gar keinen, schien also den jüdischen Opfern des Holocaust im Besonderen gedenken zu wollen. Die polnische Regierung schien auf keinen dieser Akte großen Wert zu legen, auf den letzteren am wenigsten. Man einigte sich schließlich dennoch auf einen ganz schlichten Rahmen für das Ghetto-Denkmal. Beide Zeremonien geschahen also auf Anregung des polnischen Handelsvertreters und Willy Brandt selbst.[17] Ein Umstand, der besonders in Bezug auf die Spontaneität des Kniefalls sehr interessant ist.

Die erste Gedenkzeremonie am Grabmal des Unbekannten Soldaten fand um etwa halb zehn Uhr statt. Etwa 2.000 Besucher hatten sich eingefunden, eine Ehrenkompanie war aufmarschiert und die deutsche Nationalhymne wurde gespielt. Anschließend trug der Kanzler sich ins Gedenkbuch der Gedenkstätte ein. Diese Zeremonie wurde trotz der pompösen Aufmachung in der späteren Berichterstattung der Presse kaum erwähnt und dann allmählich vergessen. Verdrängt von dem zweiten, weitaus weniger pompösen Besuch am Warschauer Ghetto-Denkmal. Hier versammelten sich gerade mal 300 bis 400 Zuschauer, es gab keine Ehrenkompanie und auch keine Nationalhymne. Nur zwei Soldaten hielten Ehrenwache am Denkmal.[18] Die polnische Regierung wollte der zweiten Zeremonie wohl eine mindere Aufmerksamkeit und Bedeutung zukommen lassen, meint dazu Michael Wolffsohn.[19] Hintergrund dieser Haltung kann der Antisemitismus der kommunistischen Führungskader sein. Nach dem „Ärzteprozess“ in der Sowjetunion - jüdische Ärzte hatten sich angeblich verschworen, Stalin zu ermorden - wurden auch in Polen Juden aus Armee, Sicherheitsdienst und Parteiapparat entfernt, im Jahr 1968 auch aus staatlichen Institutionen, Hochschulen und Presse. Diese antisemitische Kampagne, angefacht durch die Parolen Innenminister Moczars und seiner Fraktion, wurde von der Partei und vielen Journalisten unterstützt.[20] „Jüdisches Gedenken“ wurde danach wohl vorerst verschmäht, vor allem in der kommunistischen Führung. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, wollte der Bundeskanzler eine Zeremonie am Ghetto-Denkmal. Vielleicht ein stummer Protest gegen die kommunistische Regierung?[21] War auch der Kniefall eine Geste des Protests? Warum sollte Willy Brandt sonst knien, ein Mann der den 2. Weltkrieg als Widerstandskämpfer in Norwegen und Schweden verbrachte, den also keine persönliche Schuld oder Mitschuld an den Verbrechen der Nazis traf[22] ? Wie war die Geste gemeint? Und an wen war sie gerichtet? Dies wird unter anderem in Kapitel zwei zu klären sein.

2. Deutungen und Reaktionen

2.1 Internationale Medien

„Das Plötzliche und Unerwartete [...] machten ihn [den Kniefall] unmittelbar zum Ereignis für die internationalen Medien“, schreibt Bernhard Giesen.[23]

Amerikanische Zeitungen wie die New York Times und der Daily Telegraph brachten ein Foto des Kniefalls und einen kurzen Kommentar auf der Titelseite. Das französische Blatt Le Monde veröffentlichte einen Bericht mit dem Titel „Im Warschauer Ghetto fand der Kanzler den Weg in die Herzen“. Die ebenfalls französische Zeitung Le Figaro schrieb: „Das ist zweifellos das einzige Bild, das in der Geschichte diesen Tag überdauern wird. Durch sein Vorgehen hat der Bundeskanzler den Weg der Versöhnung beider Völker eröffnet.“[24] Der Corriere della Sera schrieb, der Kniefall sei ein „nuovo rituale“ gewesen, das den Wendepunkt der deutschen Nachkriegsgeschichte markiert habe[25]. In den Benelux-Ländern, Dänemark oder Schweden wurde der Kniefall kaum erwähnt. Ebenso wenig in der osteuropäischen Presse und der DDR, wo Bilder des Kniefalls bewusst zurückgehalten wurden. Insgesamt berichteten die internationalen Medien eher über den Warschauer Vertrag, und zwar sehr positiv. Der Kniefall wurde in Bezug auf den Vertrag betrachtet und als emotionale Geste gewürdigt.[26] Einige Zeitungen (Le Figaro, Corriere della Sera) haben aber anscheinend schon damals die Bedeutung der Geste an sich erkannt.

[...]


[1] Wolffsohn, Michael/Brechenmacher, Thomas: Denkmalsturz? Brandts Kniefall, München 2005, S. 13.

[2] Krzeminski, Adam: Der Kniefall. Warschau als Erinnerungsort deutsch-polnischer Geschichte, in: Merkur: deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Bd. 54 (2000), 11, S. 1087.

[3] Der Spiegel, Nr. 51, 14.12.1970, S. 29.

[4] Hein-Mooren, Klaus Dieter: Spontan oder geplant? Bemerkungen zu Willy Brandts Kniefall in Warschau, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 55 (2004), 12, S. 747-749.

[5] Wolffsohn, Denkmalsturz, S. 41.

[6] Krzemiński, Der Kniefall, S. 1085.

[7] Wolffsohn, Denkmalsturz, S. 14.

[8] Bingen, Dieter: Oder-Neiße-Grenze, in: Kobylińska, Ewa/Lawaty, Andreas/Stephan, Rüdiger (Hg.): Deutsche und Polen. 100 Schlüsselbegriffe, München/Zürich 1990, S. 411.

[9] Rödder, Andreas: Die Bundesrepublik Deutschland 1969-1990 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte 19A), München 2004, S. 38/39.

[10] Bender, Peter: Deutsche Ostpolitik, in: Kobylińska, Ewa/Lawaty, Andreas/Stephan, Rüdiger (Hg.): Deutsche und Polen. 100 Schlüsselbegriffe, München/Zürich 1990, S. 438/439.

[11] Borowsky, Peter: Deutschland 1970-1976, Hannover 1980, S. 22.

[12] Rödder, Bundesrepublik Deutschland, S. 36.

[13] Dieses Denkmal soll an die Opfer vergangener Kriege, vor allem die des Zweiten Weltkriegs erinnern. Siehe: Hein-Mooren, S. 745, Anmerk. 6.

[14] Wolffsohn, Denkmalsturz, S. 19-21.

[15] Krzemiński, Der Kniefall, S. 1080/1081.

[16] Schneider, Wolfgang Ludwig: Brandts Kniefall in Warschau. Politische und ikonographische Bedeutungsaspekte, in: Giesen, Bernhard/Schneider, Christoph (Hg.): Tätertrauma, Konstanz 2004, S. 176-179.

[17] Wolffsohn, Denkmalsturz, S. 19-21.

[18] Hein-Mooren, Spontan oder geplant, S. 745-748.

[19] Wolffsohn, Denkmalsturz, S. 23.

[20] Śpiewak, Pawel: Antisemitismus in Polen, in: Kobylińska, Ewa/Lawaty, Andreas/Stephan, Rüdiger (Hg.): Deutsche und Polen. 100 Schlüsselbegriffe, München/Zürich 1990, S. 310-312.

[21] Hein-Mooren, S. 750.

[22] Rauer, Valentin: Geste der Schuld. Die mediale Rezeption von Willy Brandts Kniefall in den neunziger Jahren, in: Giesen, Bernhard/Schneider, Christoph (Hg.): Tätertrauma, Konstanz 2004, Giesen, Bernhard/Schneider, Christoph (Hg.): Tätertrauma, Konstanz 2004, S. 152. und Schneider, Christoph: Der Warschauer Kniefall. Zur Geschichte einer Charismatisierung, in: Giesen, Bernhard/Schneider, Christoph (Hg.): Tätertrauma, Konstanz 2004, S. 196.

[23] Giesen, Bernhard: Das Tätertrauma der Deutschen. Eine Einleitung, in: Giesen, Bernhard/Schneider, Christoph (Hg.): Tätertrauma, Konstanz 2004, S. 42.

[24] Wolffsohn, Denkmalsturz, S. 56.

[25] Giesen, Tätertrauma der Deutschen, S. 42.

[26] Wolffsohn, Denkmalsturz, S. 52-65.

Details

Seiten
23
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638064156
ISBN (Buch)
9783638951203
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93163
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Kniefall Durchbruch Jahrhundert Sicht

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