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Die Kindernachrichtensendung ‚logo!‘. Medienwirkungsforschung und Jugendmedienschutz

Analyse eines Gesprächs mit der verantwortlichen Redakteurin

Hausarbeit 2004 37 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der dynamisch-transaktionale Ansatz als Bezugssystem der Untersuchung

3. Gegenstand der Untersuchung
3.1. Das Genre: Kindernachrichten im Fernsehen
3.2. Das Format: ‘logo!’

4. Analyse und Interpretation des Gesprächs
4.1. Selbstverständnis der ‘logo!’-Redakteure
4.2. Annahmen zum Rezipienten von ‚logo!‘
4.3. Annahmen zur Wirkung von ‚logo!‘
4.4. Hinweise auf den dynamisch-transaktionalen Ansatz

5. Abschließende Bemerkung

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang
7.1. Abbildungen des dynamisch-transaktionalen Modells
7.2. Das Gespräch mit Verena Egbringhoff im Volltext

1. Einleitung

In Zeiten der zunehmenden Digitalisierung des Fernsehens und der damit einhergehenden Vervielfältigung des Programmangebots wächst zunehmend die Frage, welche Auswirkungen das Fernsehen auf den Menschen hat. Als eine Art Third-Person-Effect wird jedoch selten das eigene Rezeptionsverhalten in Frage angezweifelt, das Interesse gilt dann im Besonderen dem Fernsehkonsum von Kindern und Jugendlichen. Sie gilt es vor gefährdenden Medieninhalten zu schützen und darüber hinaus im Umgang mit den Medien zu erziehen. Erstes wird durch zahlreiche gesetzliche Maßnahmen erreicht, deren Einhaltung durch verschiedenste Institutionen gewährleistet wird, die Medieninhalte überprüfen, überwachen und gegebenenfalls beanstanden. Zweites, nämlich ein präventiver, erzieherischer Jugendmedienschutz, ist gerade in Zeiten der Programmverfielfältigung wichtiger geworden als je zuvor. Diskussionen um vermeintlich gefährdende Medieninhalte sind immer auch Diskussionen um die Wirkung der Medien angekoppelt. Daher stellt die Medienwirkungsforschung gerade auch im Hinblick auf den Jugendmedienschutz ein wichtiges Forschungsgebiet dar, das immer wieder Einzug in aktuelle medienkritische Debatten hält.

In dieser Arbeit soll nun aber nicht die Frage gestellt werden, wie nah die Theorie der Praxis kommt und Ansätze und Modelle der Wirkungsforschung auf ihre Praxistauglichkeit überprüft werden. Dies wurde bereits hinlänglich in zahlreichen empirischen Studien für jeden einzelnen Ansatz und jedes einzelne Modell mehr oder weniger erfolgreich versucht. Es soll im Nachfolgenden vielmehr untersucht werden, inwieweit Annahmen aus der Praxis heraus auf Theorien übertragbar sind, oder anders gesagt, wie tauglich praktische Entscheidungsprozesse und deren Rechtfertigung für das Untermauern von theoretischen Ideen sind. Das Ziel dieser Arbeit ist letztendlich, herauszufinden, wie sich die subjektiven Vorstellungen der Medienmacher mit den theoretischen Überlegungen der Forscher, die alle mehr oder weniger den Anspruch auf Objektivität erheben, vereinbaren lassen, wo Schnittpunkte entstehen, wo aber auch eine Diskrepanz zwischen Theorie und praktischer Anwendung klafft.

Als Grundlage der hier angestellten Untersuchungen dient ein am 28. Oktober 2004 im ZDF-Sendebetriebsgebäude geführtes, einstündiges Gespräch mit Verena Egbringhoff, der verantwortlichen Redakteurin der Kindernachrichtensendung ‘logo!’. Dafür wurde ein Fragekatalog entwickelt, der sich in seinem Aufbau an der Laswell-Formel „Who says what to whom in which channel with which effect?“ orientiert. Dies erschien schlüssig, um die vorab in einem Brainstorming gesammelten Fragen erst einmal in grobe Sinnesabschnitte zu gliedern und dem folgenden Gespräch damit eine gewisse Struktur vorzugeben. Angefangen mit den Fragen zum Selbstverständnis der ‘logo!’-Redakteure, über Fragen zum Rezipienten und Rezeptionsprozeß wurde so zielgerichtet auf die für diese Arbeit interessanten Fragen nach den Annahmen von Medienwirkungen zugesteuert. Daher wird auch der Hauptteil der Arbeit, der aus der Analyse und Interpretation des Gesprächs besteht, weitestgehend diesen Sinnabschnitten folgen.

Bevor allerdings mit der eigentlichen Analyse und Interpretation des Gesprächs begonnen werden kann, wird in einem vorangestellten Theorieteil vertiefend auf theoretische Annahmen zu Medienwirkungen einzugehen sein. Da eine entsprechende Auseinandersetzung mit mehreren beziehungsweise allen relevanten Ansätzen und Modellen der Wirkungsforschung im Rahmen dieser Untersuchung nicht leistbar ist, erhebt sie nicht den Anspruch auf Vollständigkeit und beschränkt sich daher auf den dynamisch-transaktionalen Ansatz nach Werner Früh und Klaus Schönbach. Als eine Art Hybrid aus traditionellen Wirkungsmodellen und neueren, rezipientenorientierten Ansätzen bietet dieser jedoch genügend Anknüpfungspunkte in beide Richtungen, um als dieser Untersuchung zu Grunde liegendes Bezugssystem auszureichen.

Ebenso dem Theorieteil zugeordnet ist eine Betrachtung des Genres Kindernachrichten im Fernsehen, sowie des im Blickpunkt dieser Arbeit stehenden Formats ‘logo!’ selbst. Auch hier erhebt die Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da die fragmentarische und stark verkürzte Darstellung lediglich dem Zweck dienen soll, den Gegenstand der Untersuchung mittels genre- und formatspezifischer Eingrenzung genauer zu definieren.

2. Der dynamisch-transaktionale Ansatz als Bezugssystem der Untersuchung

Betrachtet man die Medienwirkungsforschung seit ihren Anfängen in den 30er und 40er Jahren, so läßt sich ein sich nach und nach abzeichnender Paradigmenwechsel feststellen. Während bei der Klassischen Wirkungsforschung der Kommunikator, also das Medium und seine Wirkung auf den Rezipienten im Blickpunkt der Ansätze und Untersuchungen stand, so änderte sich die Perspektive spätestens in den 70er Jahren mit dem am Rezipienten orientierten Nutzenansatz, der sich mit der vom Zuschauer motivierten Nutzung von Medien befaßte. Schenk unterteilt daher zwischen zwei unterschiedlichen Perspektiven der Wirkungsforschung und ordnet ihnen jeweils eine zentrale Fragestellung zu. Während sich die direkte Perspektive mit der Frage „Was machen die Medien mit den Menschen?“, also mit der Erklärung der Wirkung von Medieninhalten auf das Publikum befaßt, kümmert sich die selektive Perspektive um das Publikumsverhalten im Hinblick auf die Zuwendung zu bestimmten Medieninhalten, also die Frage „Was machen die Menschen mit den Medien?“ (vgl. Schenk 2000, S. 71-72).

Ein Dualismus der Perspektiven, der die Medienwirkungsforschung noch jahrelang beherrschen und zweiteilen sollte. Daher versteht Jäckel den 1982 von Klaus Früh und Werner Schönbach entwickelten dynamisch-transaktionalen Ansatz (siehe Anhang 7.1.1) auch als einen Vermittlungsvorschlag zwischen beiden Perspektiven (vgl. Jäckel 2002, S. 83). Ausgangspunkt der Überlegungen von Früh und Schönbach zur Notwendigkeit eines erneuten Paradigmenwechsel war die von Früh und Schönbach vertretene Auffassung, daß die bis dahin vorliegenden Ansätze der Komplexität von Wirkungsprozessen nicht vollständig gerecht geworden seien (vgl. Früh/Schönbach 1987, S. 88). In dem von Ihnen entwickelten Ansatz werden daher sowohl das einseitige Kausaldenken von Ursache und Wirkung der klassischen Wirkungstheorien, als auch die Theorie eines lediglich nutzenorientierten Rezipienten aufgehoben. Im Zentrum steht nun die Frage „Wieso wenden sich bestimmte Rezipienten in bestimmten sozialen Situationen den Medien aktiv zu und nehmen Informationen auf, während andere dies nicht tun?“ (vgl. Bonfadelli 2004, S. 181). Damit bleibt es zwar weiterhin bei einem kausalen Wirkungsmodell, dafür jedoch bei einem multikausalen, denn die jeweiligen Ursachen für Wirkungen können sowohl in der Medienbotschaft als auch beim Rezipienten liegen. Als integratives Paradigma für Medienrezeption und Medienwirkungen wird der dynamisch-transaktionale Ansatz von Früh und Schönbach somit zum „ Plädoyer für die Aufhebung der klassischen Vorstellung von Ursache und Wirkung “ (Jäckel 2002, S. 83).

Kommunikation und der daraus resultierende Wirkungsprozeß kommt also erst durch eine Interdependenz zwischen Kommunikator und Rezipient zustande. Durch diese doppelseitige Kausalität sind Ursache und Wirkung nicht mehr getrennt voneinander wahrnehmbar, oder als solche existent, und werden im gesamten Wirkungsprozeß zu gleichberechtigten Komponenten. Die Variablen Medieninhalt und Rezipientenmotivation können innerhalb dieses Wirkungsprozesses ihre Funktion ändern und tauschen, das heißt, jeder Medieninhalt kann die Ursache für spätere Rezipientenmotivationen und somit späteren Wirkungen sein, und jede Rezipientenmotivation kann die Ursache für spätere Medieninhalte und somit ebenfalls späteren Wirkungen sein (vgl. Halff 1998, S. 69). Prämisse dafür ist die Ansicht, daß Kommunikator und Rezipient sowohl aktive als auch passive Teilnehmer im Kommunikationsprozeß sein können.

Der Kommunikator ist in dem Sinne aktiv, indem er Medieninhalte produziert und verbreitet. Er wählt also Informationen aus, akzentuiert, und richtet sie auf die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Rezipienten aus. Gleichzeitig ist er jedoch den Bedingungen, die das Medium ihm setzt, ausgeliefert und somit passiv. Ebenso können seine Medieninhalte von den Rezipienten unterschiedlich interpretiert werden, was somit wieder unterschiedliche Wirkungen zur Folge hat. „ Die Wirkungschancen der Botschaften sind nicht überall und zu jeder Zeit gleich, worauf sich die Kommunikatoren einstellen müssen. “ (Früh/Schönbach 1987, S. 91). Also bleibt der Kommunikator auch hier lediglich passiver Teilnehmer im Kommunikationsprozeß, während der Rezipient bezüglich dieser Interpretation des Medieninhalts aktiver Teilnehmer ist. Zudem ist der Rezipient aktiv im Auswählen aus den verschiedenen, ihm angebotenen Medieninhalten. Diese Aktivität erstreckt sich jedoch nur auf tatsächlich vom Kommunikator angebotene Medieninhalte, wodurch der Rezipient in seiner Selektionsleistung zugleich auch wieder passiv ist. Passiver Teilnehmer ist er außerdem in seinem täglichen habitualisierten Medienkonsum. „ Kommunikator und Rezipient setzten also einerseits im Prozeß der Massenkommunikation Bedingungen und werden andererseits mit den Bedingungen des Gegenparts konfrontiert; beide sind somit aktiv und passiv zugleich.“ (Früh/Schönbach 1987, S. 91).

Die eigentliche Stärke dieses Ansatzes liegt somit in der alternierenden Perspektive eines Wirkungsprozesses, der nun in eine Vielzahl von Teilereignissen zerlegt wird, die zeitlich aufeinander aufbauen und miteinander verbunden sind (vgl. Jäckel 2002, S. 87). Damit erhält zum Einen die Interdependenz zwischen Ursache und Wirkung, zum Anderen aber auch die zeitliche Komponente des Kommunikationsprozesses, eine weitaus stärkere Berücksichtigung als in allen Ansätzen davor. Daraus kann man schlußfolgern, daß Medienwirkungen oft auf Kumulationseffekten im Zeitverlauf beruhen und sich das Rezipientenverhalten über mehrere Stadien hinweg entwickelt, die sich qualitativ voneinander unterscheiden können (vgl. Bonfadelli 2004, S. 187).

Bedingung für diesen dynamischen Wirkungsprozeß sind Transaktionen. Im Gegensatz zur Interaktion, ist die Transaktion „ eine simultane Wechselwirkung zwischen A und B, bei der die beiden transitiven Wirkungsaspekte A => B und B => A sich gegenseitig erst durch den jeweils komplementären Wirkungsaspekt definieren “ (Früh 1991, S. 123). Wirkungen können also nur wechselseitig entstehen, indem sich sowohl Kommunikator, als auch Rezipient verändern. Diese durch Transaktionen bedingten Veränderungen beeinflussen zugleich auch wiederum nachfolgende Wechselwirkungen. Daher können „ Medienwirkungen im dynamisch-transaktionalen Ansatz nicht mehr parzelliert betrachtet werden, sondern nur als Prozeß der gegenseitigen Relationierung “ (Halff 1998, S. 70). Früh und Schönbach unterscheiden zwischen vertikalen, beziehungsweise Intra-Transaktionen und horizontalen, beziehungsweise Inter-Transaktionen. Während Intra-Transaktionen sowohl auf der Rezipienten-, als auch auf der Kommunikatorseite zu verorten sind, ergeben sich InterTransaktionen zwischen diesen beiden Kommunikationsteilnehmern. Mit der transaktionalen Komponente dieses Ansatzes läßt sich also im Gegensatz zum rein rezipientenorientierten Nutzenansatz die Frage beantworten, warum derselbe Medieninhalt von verschiedenen Zuschauern zu verschiedenen Zeiten nicht gleich interpretiert wird, ohne dem Medieninhalt dabei sein Wirkungspotential abzusprechen.

„Damit ist die Wirksamkeit des Stimulus nicht geleugnet, auch wenn er unterschiedliche Reaktionen auslöst.“ (vgl. Früh/Schönbach 1987, S. 90). Er wird vielmehr zum Auslöser eines Interpretationsprozesses, in dem die der Aktivation des Rezipienten übergeordnete Sinneinheit ‚Wissen‘, also im weitesten Sinne das kognitiv-affektive System, als eine Art „ globale Rezeptionshypothese “ (Halff 1998, S. 71) fungiert. Vermutungen über den zu rezipierenden Medieninhalt transagieren so mit der Interpretation des rezipierten Medieninhalts. Kommunkationsaussagen und bereits im Rezipienten vorhandene Kognitionen und Affekte werden zu Ursachen, aus dessen Wechselspiel wiederum Wirkungen resultieren. (vgl. Jäckel 2002, S. 86). „ Diese Intra-Transaktion überholt sowohl den ausschließlich intentional handelnden, Medieninhalten völlig selbständig sinnverleihenden Rezipienten des Nutzenasatzes als auch den passiven, bestenfalls wirkungsbegrenzenden Rezipienten des Wirkungsansatzes. “ (Halff 1998, S. 71). Doch auch auf der Kommunikatorseite spielen sich Intra-Transaktionen ab, weswegen Früh und Schönbach ihr dynamisch-transaktionales Modell später erweiterten (siehe Anhang 7.1.2.). Die Aktivation des Kommunikators transagiert auch hier mit der übergeordneten Sinneinheit ‚Wissen‘, das im Prinzip nur aus den Annahmen darüber besteht, welche Bedingungen ihm durch das Medium und den Rezipienten gesetzt werden.

Die jeweiligen Selektionsleistungen von Rezipient und Kommunikator sind also nicht rein aus sich selbst motiviert, sie entstehen aus der Intra-Transaktion mit dem übergeordneten, kognitiven System. Dies allein widerspräche noch nicht den bisherigen, monokausalen. Wirkungsmodellen, würde man je eine Komponente ins Zentrum des Wirkungsprozesses rücken. Was den Unterschied des dynamisch-transaktionalen Ansatzes ausmacht, sind jedoch die aus der Interdependenz der Komponenten resultierenden Inter-Transaktionen. Es wirken auf beiden Seiten nun Vorstellungen, Vorannahmen, Erwartungen und Vorurteile gegenüber dem gesamten Kommunikationsvorgang, teilweise sogar, bevor der Kommunikator die Mitteilung überhaupt produziert oder der Rezipient die Mitteilung rezipiert hat. (vgl. Früh/Schönbach 1987, S. 91). Diese Inter-Transaktionen beruhen also auf einem imaginären Feedback, oder einem Para-Feedback wie Früh und Schönbach es bezeichnen. „ Die relative Unabhängigkeit dieses Para-Feedbacks vom tatsächlichen Kommunikationsvorgang macht ihn als Wirkungskomponente auch unabhängig von einer bestimmten zeitlichen Abfolge “ (Früh/Schönbach 1987, S. 91). Im dynamisch-transaktionalen Ansatz transagieren nun also Selektionsleistungen und Intentionen von Rezipient und Kommunikator in wechselseitiger Abhängigkeit voneinander. So entsteht ein neues Verständnis von Selektivität. Im Nutzenansatz noch als intentionales Handeln des Rezipienten verstanden und im Wirkungsansatz als die Wirkung störende Variable wahrgenommen, beruht die Selektiviät im dynamisch-transaktionalen Ansatz auf der Interdependenz zwischen Rezipient und Kommunikator.

Der dynamisch-transaktionale Ansatz stellt also Vorgänge im kognitiv-affektiven System in das Zentrum des wissenschaftlichen Interesse. Dies wird zugleich auch Angriffspunkt von Kritikern, die dem Ansatz eine zu starke Beschränkung auf kognitionspsychologische Prozesse vorwerfen, da diese sich nur schwer nachweisen lassen und den Ansatz für empirische Untersuchungen daher nahezu unbrauchbar machen. Auch aus diesem Grund bemüht sich diese Arbeit darum, nicht die Theorie auf ihre Praxistauglichkeit zu prüfen - genau das wäre nämlich ein empirischer Versuch -, sondern aus Wirkungsannahmen, die realen Entscheidungsprozessen auf der Kommunikatorseite zugrunde liegen, Rückschlüsse zu ziehen, wo und wie weit dieser dynamisch-transaktionale Ansatz in der Praxis von Medienproduzenten zu greifen scheint.

3. Gegenstand der Untersuchung

3.1. Das Genre: Kindernachrichten im Fernsehen

Im Jahr 1971 formulierte Karl Schnelting, der Koordinator des ARD-Nachmittagsprogramms, eine kritische Analyse zur gegenwärtigen Nachrichtensituation im deutschen Fernsehen und bediente damit bereits laufende Diskussionen um die Notwendigkeit einer speziellen Nachrichtensendung für Kinder. Während der dänische Fernsehsender Danmarks Radio (DR) bereits 1969 als erster europäischer Fernsehsender relativ erfolgreich eine wöchentliche Kindernachrichtensendung in seinem Programm etablieren konnte, blieb der erste deutsche Versuch eine „ traurige Erscheinung, eine entlarvende Reproduktion der Nachrichten- „Realität“ im Fernsehen. “, wie Ludwig Metzger in der Funk Korrespondenz schrieb. (Metzger 1970, S.18). Eingebaut in das Unterhaltungsformat ‚Ich wünsch mir was‘ sendete der Hessische Rundfunk am 27. April 1970 das Informations-Segement ‚Nachrichten des Monats‘, die von dem 13jährigen Ulrich Bäthge präsentiert wurden. Bereits nach sieben Sendungen wurde das Nachrichtensegment aber wieder aus der Sendung herausgenommen. Mit der Begründung von personellen und organisatorischen Problemen, die vor allem durch die Anbindung an eine bereits bestehende, zentrale Nachrichtenredaktion entstanden, die als auf Erwachsene fokussierte Redaktion somit nicht auf die speziellen Ansprüche und Bedürfnisse der Kinder einzugehen vermochte.

Ähnliche Gründe lagen auch dem Scheitern des 1971 von der ARD unternommenen Versuchs zugrunde, die werktägliche Tagesschau-Ausgabe um 16 Uhr 15, als die dem Kinderprogramm vorangestellte Nachrichtensendung umzustrukturieren, der tatsächlichen Zuschauergruppe anzupassen und somit zu einer ‚Tagesschau auch für Kinder‘ zu machen. Es blieb jedoch bei drei, lediglich auf den Programmkonferenzen vorgestellten Pilotsendungen dieser neuen ‚Tagesschau‘, die zunehmend die Schwierigkeiten des Genres offenbarten und am Ende schließlich in dem Kompromiß resultierten, die Nachmittags-Tagesschau nur leicht zu verändern und dem wesentlichen Tagesschau-Stil aufgrund einer zu breiten Zielgruppenorientierung[1] somit treu zu bleiben. Ein Kompromiß, der verdeutlicht, was letztendlich aus dem immer wieder, auch von Seiten der ARD artikulierten, großen Anspruch geworden ist, dem Informationsbedürfnis von Kindern gerecht zu werden.

Als erstes annähernd erfolgreiches Kindernachrichtenkonzept darf wohl das am 19. September 1976 auf dem Dritten Programm des Süddeutschen Rundfunks, Südwestfunks und Saarländischen Rundfunks gestartete Format ‚Durchblick‘ gelten. Um die aus der Anbindung an zentrale Nachrichtenredaktionen resultierenden Probleme anderer Sendekonzepte zu vermeiden, sollten eher regionale und damit leichter redaktionell aufzubereitende Nachrichten, sowie die kindgerechten Themen Schule, Freizeit und Popkultur schwerpunktmäßig behandelt werden. Doch trotz positiver Reaktionen der Zuschauer und Kritiker wurde am 30.12.1979 die letzte ‚Durchblick‘-Sendung ausgestrahlt. Auch hier lagen die Gründe für das Scheitern letztendlich wieder in personellen und organisatorischer Schwierigkeiten[1].

Storkebaum leitet aus all diesen Versuchen grundsätzliche Gesichtspunkte ab, die bei der Konzeption von Kindernachrichtensendung zukünftig zu beachten sind (vgl. Storkebaum 1979, S. 31). Zum Einen birgt die steigende Professionalität der Redakteure die Gefahr, die Zielgruppe aus den Augen zu verlieren und nur noch das angenommene Zuschauerinteresse als Orientierungsrahmen zu verstehen. Eine Gefahr, die durch eine Art Kinderredaktion zu beheben wäre, die Formulierungs- und Darstellungswünsche der Erwachsenen auf Kinderniveau reduzieren. Zum Anderen muß möglichst ein eigenes Korrespondentennetz aus Schülern, Lehrern und Redakteuren, die selbst auch Kinder haben, aufgebaut werden, um somit die durch die Bindung an eine zentrale Nachrichtenredaktion entstehenden Probleme zu umgehen. „ Ich glaube, daß Nachrichten für Kinder wichtiger sind als je zuvor. Kinder gehen heute in eine fremde, unheimliche Welt voller Streß und Heimtücke, voller Manipulation und Unwägbarkeiten. Sie leben ohne Vergangenheit und mit ungesicherter Zukunft. Ich halte es für eine große Aufgabe gerade öffentlich-rechtlicher Anstalten, zumindest für eine Grundorientierung der jungen Menschen und Staatsbürger zu sorgen. ‚Durchblick’ war sicherlich nicht der letzte Anlauf - aber zumindest der erste.“ (Storkebaum 1979, S. 82):

Doch so beklagenswert es auch klingen mag, daß es noch bis ins Jahr 1988 dauern sollte, bis sich mit ‘logo!’ erstmalig eine regelmäßige Kindernachrichtensendung im deutschen Fernsehen erfolgreich etablieren konnte, so sehr stellen doch gerade die in den 70er Jahren gemachten Versuche die Grundlage aller heutigen Erkenntnisse und Erfahrungen für das Genre Kindernachrichten dar. Allen voran die Untersuchungen des britischen Medienwissenschaftlers James D. Halloran vom Centre for Mass Communications Research an der University of Leicester, die 1970 begleitend zur erster europäische Kindernachrichtensendung im dänischen Fernsehen angestellt wurden. Halloran lieferte darin unter anderem das erschreckend ernüchternde Ergebnis, daß 74 % der Kinder Schwierigkeiten bei der Rezeption von Nachrichtensendungen hätten (vgl. Wosnitza 1982, S. 7), und betonte damit die absolute Notwendigkeit von zielgruppengerechten Kindernachrichten. „ Die Halloran-Studie […] diente zwar im In- und Ausland als Diskussionsgrundlage […], doch wurden die Einzelergebnisse als Argumentationshilfen für unterschiedliche Planungsvorstellungen herausgesucht, ohne die spezifischen Bedingungen dieser Untersuchung zu berücksichtigen und ohne die Forderungen Halloran’s auch realisieren zu wollen.“ (Wosnitza 1982, S. 169). Daher kombiniert Wosnitza Halloran‘s Forderungen mit Erkenntnissen und Ergebnissen seiner 1982 gemachten „Bestandsaufnahme zu Fernsehnachrichten für Kinder“ und formuliert daraus einen Katalog aus grundsätzlichen Rahmenforderungen, die auch als allgemein geltende Genreregeln für alle zukünftigen Kindernachrichtenprojekte angesehen werden können, und daher an dieser Stelle kurz zusammengefaßt dargestellt werden sollen. (vgl. Wosnitza 1982, S. 189-191):

- Eine Personalisierung durch einen bzw. zwei erwachsene Moderatoren für die emotionale Stabilisierung und Identifikation der Kinder.
- Dialogische Handlungselemente zum Aufzeigen kontroverser Standpunkte.
- Enge Kooperation der Redaktion mit Schulen und Pädagogen.
- der gängige Nachrichtenbegriff von Objektivität, Aktualität und Vollständigkeit muß für Kindernachrichten neu definiert werden.
- Zahl der Themen soll klein gehalten werden, da ein „Informations-Flickenteppich“ bei Kindern ein zusammenhangloses, episodischen Denken fördert.
- Themenwahl soll an den subjektiven Interessen der Kinder und objektiven Informationsnotwendigkeiten orientiert sein. Im Vordergrund sollte also stets die Frage stehen, welche Bedeutung eine Information für Kinder hat.
- Text und Bildsprache müssen einfach und konkret sein. Der Text soll daher dem Sprachgebrauch der Kinder entsprechen. Ein Text-Bild-Schere muß daher vermieden werden.

[...]


[1] Nach Infratam und Infratest wurde die Nachmittagsausgabe der „Tagesschau“ hauptsächlich von Kindern, Frauen, älteren Menschen und Nicht-Berufstätigen gesehen. (vgl. Wosnitza 1982, S. 80)

[1] Als offizielle Gründe wurden rechtliche Probleme und die Unmöglichkeit eines regionalen Korrespondentennetzes genannt. Inoffiziell wurde jedoch hauptsächlich von ungeklärten Verantwortlichkeiten und daraus resultierenden Streitigkeiten innerhalb der Redaktion gesprochen (vgl. Wosnitza 1982, S. 106)

Details

Seiten
37
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783668340312
ISBN (Buch)
9783668340329
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93235
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,3
Schlagworte
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Autor

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Titel: Die Kindernachrichtensendung ‚logo!‘. Medienwirkungsforschung und Jugendmedienschutz