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Die Derridasche These der Unmöglichkeit der wahren Trauer und die Frage nach deren Plausibilität

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Auffassung der Trauer bei Derrida und Freud
2.1 Die Derridasche Argumentation für dessen These der Unmöglichkeit der „wahren Trauer“
2.2 Die Freudsche Theorie der erfolgreichen Trauer
2.3 Die Unterschiede zwischen der Freudschen und der Derridaschen Theorie der Trauer

3. Die Infragestellung der Freudschen Theorie der erfolgreichen Trauer durch Derrida und die Unmöglichkeit der wahren Trauer

4. Die Frage nach der Plausibilität der Derridaschen These der Unmöglichkeit der wahren Trauer

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema dieser Hausarbeit ist die Frage nach der Plausibilität der Derridaschen These der Unmöglichkeit der „wahren Trauer“.

Im Zuge dieser Hausarbeit werden folgende Fragen beantwortet:

1. Wie argumentiert Derrida für seine These der Unmöglichkeit der „wahren Trauer“?

Welche Unterschiede bestehen zwischen der genannten Derridaschen Behauptung und der Freudschen Theorie der erfolgreichen Trauerarbeit?

2. Inwiefern ist die Annahme Derridas, derzufolge die „wahre Trauer“ unmöglich sei, plausibel?

In dieser Arbeit wird die Frage nach der Plausibilität der Derridaschen These der Unmöglichkeit der „wahren Trauer“ diskutiert, da dieser eine zentrale Stellung in Derridas „Mémoires 1“ zukommt.

Gemäß der Derridaschen Theorie ist die wahre, erfolgreiche Trauer unmöglich.

Denn diese setzt voraus, dass wir die Andersartigkeit des Anderen nach dessen Tod akzeptieren, ihn folglich nicht in uns aufnehmen und uns letztlich mit dessen Tod abfinden.

Dagegen argumentiert Freud aber, diese wahre Trauer sei mittels der „Trauerarbeit“ möglich.

Es ist insofern von Interesse, diese sehr unterschiedlichen Positionen zu erörtern, als diese Diskussion erst eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Annahme Derridas, es könne keine wahre Trauer geben, ermöglicht.

Zu Beginn dieser Arbeit wird die Derridasche Argumentation für diese These dargestellt werden.

Im Hinblick auf die Argumentation Derridas für diese Behauptung wird auch die Freudsche Theorie der erfolgreichen Trauer erörtert werden. Denn die Derridasche These der Unmöglichkeit der wahren Trauer kann nur unter Bezug auf die Freudsche Theorie der erfolgreichen Trauer verstanden und somit auch hinsichtlich ihrer Plausibilität beurteilt werden.

Schließlich hat Derrida diese ja in Abgrenzung zu Freuds Begriff der erfolgreichen Trauer entwickelt. Denn die wahre Trauer, deren Möglichkeit Derrida verneint, wäre die erfolgreiche Trauer gemäß Freud, da sie den Anderen als Anderen annimmt, ihn angesichts seines Todes loslässt, und folglich auch dessen Tod akzeptiert.

Das Ziel dieser Arbeit ist es zu zeigen, dass die Derridasche These der Unmöglichkeit der wahren Trauer nicht überzeugend ist.

2. Die Auffassung der Trauer bei Derrida und Freud

2.1 Die Derridasche Argumentation für dessen These der Unmöglichkeit der „wahren Trauer“

Derrida behauptet, dass es keine wahre Trauer geben kann.1

Diese Annahme begründet Derrida zum einen, indem er auf die Endlichkeit des Gedächtnisses verweist. Diese resultiere aus der „Spur des anderen in uns“ und beinhalte zugleich das Kommen oder Erinnern der Zukunft.2

Mit dem Begriff der Spur des anderen in uns bezeichnet Derrida dasjenige, durch das der andere seine Existenz in uns markiert.

Die Endlichkeit des Gedächtnisses werde insofern durch die Spur des anderen in uns bedingt, als diese sowohl etwas vom anderen als auch vom Gedächtnis des anderen in sich birgt, etwas, das vom anderen herkomme, aber auch dem anderen zukomme.3

Aufgrund dieser könne es keine wahre Trauer geben, weil diese voraussetzen würde, dass unser Gedächtnis derart beschaffen wäre, dass wir den anderen so erinnern könnten, wie dieser tatsächlich gewesen sei.

Mit dem Begriff der wahren Trauer bezeichnet Derrida also eine Trauer, die insofern wahr ist, als sie auf einem vollkommenen Gedächtnis und der entsprechenden Erinnerung des Anderen beruht.

Da aber dasjenige, was durch den Begriff des „Ich“, des „Wir“ und des „Gedächtnisses“ beschrieben wird, erst durch den Tod des anderen erschaffen wird, sind wir auch nicht fähig, den Anderen so zu erinnern, wie dieser wirklich gewesen ist. Und somit ist es auch ausgeschlossen, die wahre Trauer jemals zu erfahren. Denn die Erinnerung ist die Voraussetzung der Trauer.

So schreibt Derrida: „ La terrible solitude qui est la mienne ou la nôtre à la mort de l´autre, c´est elle qui constitue ce rapport à soi qu´ on appelle „moi“, „nous“, „entre nous“, „subjectivité”, “intersubjectivité”, “mémoire”.4

Der Tod des Anderen stellt folglich eine Grenze zwischen dem eigenen Ich und dem Ich des Anderen dar, insofern von diesem nichts mehr zu den Lebenden gelangen kann.

Diesbezüglich sagt Starling: „For Derrida, even in these earlier texts, death is an entirely other figure: that of an „internal“and unpresentable limit that is not only already exceeded, but which can never be fully or definitively crossed. “5

Eine plausible Begründung für die Derridasche These der Unmöglichkeit der wahren Trauer stellt aber auch die Annahme dar, dass die wahre Trauer deshalb unmöglich ist, weil diese sich ihrer selbst erinnern und betrauern können müsste, um auch zu Recht als wahre Trauer bezeichnet werden zu können.

So schreibt auch Krell: „ If we keep mourning in mind, we must also mourn memory, and thus mourn mourning itself”.6

Aber dies ist deswegen unmöglich, da das Gedächtnis (dessen Existenz die Bedingung der Möglichkeit der Trauer darstellt, weil es ohne Gedächtnis auch keine Erinnerung des Anderen geben kann), sich seiner selbst nicht erinnern kann, sodass auch die Trauer keine Erinnerung ihrer selbst besitzt.

Zum anderen begründet Derrida seine These aber auch unter Bezugnahme auf das Wesen der „wahren Trauer“:

„ Le vrai „deuil“ semble dicter seulement une tendance: à accepter l`incomprehension, à lui laisser la place et à énumérer froidement, on dirait presque comme la mort même, les modes di langage qui dénient en somme toute la rhétoricité du vrai (non anthropomorphique, non élégiaque… non poétique, etc.)“.7

So zeichne sich die wahre Trauer durch das Bestreben aus, das Nicht-Verstehen zu akzeptieren und diejenigen Sprechweisen anzuführen, die die Rhetorizität des Wahren bestreiten. Daraus folgt, dass die wahre Trauer letztlich auf der Annahme beruht, dass Wahrheit und Rhetorizität sich gegenseitig ausschließen.

Diese stellt Derrida allerdings in Frage: „Par là, ils nient aussi, paradoxalement, la verité, qui consiste en une certaine rhétoricite, la mémoire allégorique qui constitue tout trace en tant quelle est toujours trace de l´autre“.8

Demnach besteht die Wahrheit der wahren Trauer gerade in einer bestimmten Form von Rhetorizität.

Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass es keine vorher bestehende (unabhängig von bestimmten Sprechweisen existierende) Wahrheit der Trauer gibt.

Die wahre Trauer ist also auch deswegen unmöglich, weil sie ihre eigene Wahrheit verneint.

Aber eine weitere plausible Begründung für die Derridasche These der Unmöglichkeit der wahren Trauer besteht in der Behauptung, dass deren Bestreben, nämlich das Nicht-Verstehen zu akzeptieren und das Wesen des Menschen - das gerade durch das Verlangen zu verstehen gekennzeichnet ist - sich ausschließen.

Denn der Mensch ist insofern auf das Verstehen der Welt (und somit auch der Erscheinung des Todes) angewiesen, als er die Phänomene innerhalb dieser Welt interpretieren können muß, um mit diesen umgehen zu können, aber dies setzt wiederum voraus, dass er das Bedürfnis besitzen muß, diese zu verstehen – denn dies ist schließlich die Bedingung für die Interpretation derselben.

2.2 Die Freudsche Theorie der erfolgreichen Trauer

Freud stellt in seiner Schrift „Trauer und Melancholie“ den Versuch dar, das Wesen der Melancholie durch den Vergleich mit dem „Normalaffekt der Trauer“ zu erfassen. Allerdings setzt die von Freud verwendete Begrifflichkeit schon voraus, dass die Melancholie eine krankhafte Erscheinung ist. Andernfalls wäre nämlich nicht erklärbar, warum Freud im Gegensatz dazu den Affekt der Trauer als normal bezeichnet.9

Der Freudschen Überlegung nach ist der Vergleich von Trauer und Melancholie deshalb berechtigt, weil das Gesamtbild der beiden Zustände sich sehr stark ähnelt.10

So stimmen auch die Anlässe dieser Zustände- insofern diese erkennbar seien- überein.

Den Begriff der Trauer definiert Freud folgendermaßen:

„Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person odereiner an ihrer Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw.“.11

[...]


1 Derrida, Jacques: Mémoires pour Paul de Man, Paris, 1988, p.50.Die wahre Trauer zeichnet sich der Derridaschen Theorie gemäß sowohl durch eine vollständige Erinnerung des Anderen als auch durch eine vollkommene Akzeptanz dessen Todes aus.

2 Ebd., pp. 49-50.

3 Ebd., p.50, siehe auch für das Folgende.

4 Ebd., p.53. („Es ist diese schreckliche Einsamkeit, die meinige oder die unsrige, beim Tode des anderen, die jene Selbstbeziehung konstituiert, die man „ich“, „uns“, „unter uns“, „Subjektivität“, Intersubjektivität“, „Gedächtnis“ heißt.“) (Derrida, Jacques: Mémoires, Für Paul de Man. Dt. Erstausgabe, Wien, 1988, S.57).

5 Starling, Roger:Addressing the Dead:Of Friendship, Community and the Work of Mourning,p.107.

In: Angelaki: a new journal in philosophy, literature and the social sciences, Oxford 1993, pp.107-124.

Starling bezieht sich hier u. a. auf die Derridaschen Texte “Aporias”, “The Gift of Death” und “Of Grammatology”.

6 Krell, David Farell: The Purest of Bastards. Works of Mourning, Art and Affirmation in the Thought of Jacques Derrida, Pennsylvania, 2000, p.18.

7 Derrida, Jacques, Mémoires pour Paul de Man, Paris,1988,p.51. („Die wahre „Trauer“ scheint allein

ein Bestreben zu diktieren: das Nicht- Verstehen zu akzeptieren, ihm den Platz zu lassen und kalt- man möchte beinahe sagen: wie der Tod selbst- die Sprechweisen aufzuzählen, die zusammengenommen die gesamte Rhetorizität des Wahren (nichtanthropomorphisch, nicht-elegisch, … nicht- poetisch usw.) verneinen.“) (Derrida, Jacques: Mémoires; Für Paul de Man. Dt. Erstausgabe, Wien, 1988, S.54).

8 Ebd., p.51 („Paradoxerweise verneinen sie dadurch auch die Wahrheit der Trauer, die in einer bestimmten Rhetorizität besteht, in einem allegorischen Gedächtnis, das für jegliche Spur konstitutiv ist, insofern diese stets Spur des anderen ist.“) ( Derrida, Jacques: Mémoires; Für Paul de Man. Dt. Erstausgabe, Wien, 1988, S.54).

9 Es sei aber noch darauf verwiesen, dass Freud den Anspruch auf Allgemeingültigkeit seiner Ergebnisse von vorneherein aufgibt. Denn seiner Untersuchung lege eine zu geringe Anzahl von Fällen als Material zu Grunde, um den Anspruch auf Allgemeingültigkeit dieser zu erheben.

Damit hat Freud die Ergebnisse seiner Untersuchung relativiert, was darauf hinweist, dass er sich bezüglich der Unterscheidung von Trauer und Melancholie nicht sicher gewesen ist. Schließlich handelte es sich in dieser Studie ja um den Vergleich von Trauer und Melancholie. Wenn aber die Studie schon Freud zufolge nicht verallgemeinerbar gewesen ist, dann folgt daraus, dass die dort festgestellten Unterschiede beider Phänomene auch nicht als allgemein gültige gelten können. (s. Freud, Sigmund: Trauer und Melancholie. In: Psychologie des Unbewußten, Studienausgabe Band 3, Frankfurt am Main, 1982, S.197).

10 s. Freud, Sigmund: Trauer und Melancholie. In: Psychologie des Unbewußten, Studienausgabe, Band 3, Frankfurt am Main, 1982, S.197.

11 s. Ebd., S.197, siehe auch für das Folgende.

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640102310
ISBN (Buch)
9783640115280
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93388
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik 2
Note
2,7
Schlagworte
Derridasche These Unmöglichkeit Trauer Frage Plausibilität Traurige Theorie Melancholie- Diskurse Dekonstruktion

Autor

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Titel: Die Derridasche These der Unmöglichkeit der wahren Trauer und die Frage nach deren Plausibilität