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Die Reihe der Frauenfiguren in Wilhelm Meisters Lehrjahren - Philine

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Hetäre Philine
1.1. Philines Pantöffelchen
1.2. Naturszenen
1.3. Theater für alle Stände
1.4. Frauenentwürfe

2. Das Vexierspiel Philine/Mignon

3. Das lockere Paar Philine und Friedrich

4. Philines Funktion im Roman

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
Primärtext:
Sekundärliteratur:

Einleitung

Die vorliegende Arbeit analysiert die Frauenfigur der Philine im Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre. Die Reihe der Frauenfiguren des Romans ist zu umfangreich um im Rahmen einer Hausarbeit umfassend analysiert zu werden, weshalb ich mich auf die Analyse der Philine beschränkt habe.

Im ersten Teil gehe ich auf Philines Weiblichkeit ein, ihre Pantöffelchen, die fast schon Fetischcharakter erreichen und nicht nur Wilhelm durchwachte Nächte bereiten. Die Ausflüge Wilhelms und Philines führen immer wieder an Orte, denen eine gewisse Konnotation zugeschrieben werden kann, deshalb werde ich diesen Aspekt genauer beleuchten. Philine gehört dem Stand des Theaters an und ihr promiskuitiver Lebensstil rückt sie in ein bestimmtes Licht: Sie spielt Theater für alle Stände und sie spielt mit allen Ständen. Den ersten Teil schließt ein kurzer Exkurs zu Goethes Frauenentwürfen ab.

Im zweiten Teil wird die Rivalität und das dadurch entstehende Vexierspiel Philine/Mignon untersucht, denn wo die eine Figur wirkt hat die andere keinen Platz. Den Höhepunkt und Sieg Philines stellt die Liebesnacht mit der Unbekannten dar.

Der dritte Teil beleuchtet das Verhältnis Philines zu ihrem Partner Friedrich. Er ist ihr „würdiger“ Partner und kann als männliches Äquivalent Philines gedeutet werden.

Abschließend wird Philines Funktion im Roman untersucht, inwiefern sie sich verändert/ entwickelt hat und welche Einwirkung sie auf Wilhelm hat.

1. Die Hetäre Philine

Wilhelm Meisters Lehrjahre gilt als Prototyp der Gattung Bildungsroman, was vor allem darauf beruht, dass Dilthey, der diese Bezeichnung prägte[1], seine Definition mit eben diesem Roman vor Augen formulierte. Kern des Bildungsromans ist die innere Ent­wicklung eines Protagonisten, „der durch Lehrmeister und Konfrontationen mit der Realität [...] allmählich ins Leben eingeweiht und [...] zu einem ‚charakter­vollen, harmonischen Ganzen’ ausgebildet wird“[2]. Strohkirch unterstreicht die männliche Dominanz im Bildungsroman und argumentiert, dass sich

aus feministischer Sicht [...] die Chancenlosigkeit zur gleichberechtigten Stellung der Frau gerade im Genre Bildungsroman [offenbart], da in ihm ein Werdegang dargestellt wird, der Männern vorbehalten ist. Der Bildungsroman scheint aus weiblicher Sicht doppelt verschlossen, nicht nur, weil die Frau als Protagonistin nicht in Frage kommt, sondern auch, weil die Welt, die entworfen wird, systematisch Männer Frauen überordnet.[3]

Das besagt freilich nicht, dass die Welt des Bildungsromans Frauenfiguren gänzlich ausschließt. Ganz im Gegenteil präsentiert Wilhelm Meisters Lehrjahre eine vielfältige Reihe von Frauenfiguren, die als Entwicklungsstufen und Bildungs­elemente für Wilhelm zu dessen „harmonischen Ganzen“ beitragen. Lorey[4] bemängelt, dass die Frauenfiguren eben nur auf ihre Funktion als Bildungselemente reduziert und dadurch abgewertet werden. Buße widerspricht zurecht, dass diese Behauptung nicht aufrecht erhalten werden kann, denn die Frauenfiguren „entwickeln im Laufe des Romans eine eigene Biographie und somit kann man von einer Selbstständigkeit und Individualität der weiblichen Figuren sprechen“[5]. Dem traditionellen Frauenbild, das Frauen häusliche, nützliche und männlichen Bedürfnissen unterworfene Rollen zuschreibt, steht das Bild der im Wilhelm Meister propagierten Gleichberechtigung der Geschlechter gegenüber. Salema kommt zu dem Schluss, „dass der Roman wegen seiner Frauenfreundlichkeit vom Kanon der patriarchalen Texte deutlich abweicht“[6].

Wilhelm Meisters Weg ist von Frauenfiguren geprägt. Obwohl er anfangs dem Patriarchat des Vaters entflieht und sich in die von der Mutter gutgeheißenen Welt des Theaters begibt, endet der Roman mit der „Initiationszeremonie [...] in die Männer­gemeinschaft der Turmgesellschaft“[7]. Frauenfiguren, die qua verwandt­schaftlichen Bezie­hungen zum äußeren Umkreis der Turmgesellschaft gezählt werden können, wird der Zutritt zum inneren Kern jedoch verweigert.

Aber es „sind [...] insbesondere Frauen, die sich [...] dem Gesetzesstatus anstrebenden Einfluss der Turmgesellschaft widersetzten“[8]:

Man sei ungerecht gegen unser Geschlecht, hieß es, die Männer wollten alle höhere Kultur für sich behalten, man wolle uns zu keinen Wissenschaften zulassen, man verlange, dass wir Tändelpuppen oder Haushälterinnen sein sollen. (467)[9]

Lothario lenkt die Beschwerde des weiblichen Geschlechts geschickt in andere Bahnen, indem er das „Regiment des Hauses [als die] höchste Stelle“ bezeichnet, die, beiläufig erwähnt, eine Frau „einzunehmen fähig ist“ und verwundert fragt, warum sich beschweren, wenn der Mann die Frau an eben „die[se] höchste Stelle setzen will“. So nimmt er den Frauen geschickt den Wind aus den Segeln und erreicht damit eben doch abermalige Übermacht des Patriarchats.

Eine der Frauenfiguren, die den Männern zwar gefallen, aber „sich keiner männlichen Willkür unterwerfen lässt“[10], ist Philine. Sie wird eingeführt als „wohlgebildetes Frauen­zimmer“ (90), die vom Fenster ihres Gasthauszimmers aus auf die Straße blickt. Kawa beschreibt sie immer wieder als „Frau am Fenster“ und nennt fünf Belegstellen[11] (90, 92, 97, 112, 126), die die Figur der Philine mit dem Fenster in Verbindung bringen und so ihre Rolle als Hetäre unterstreichen (sollen)[12]. Philine wird zusammen mit Laertes, „einem ständigen Liebhaber“[13], als Überbleibsel einer Schau­spielergesellschaft vorgestellt. In den Schauspielerkreisen spielt Prostitution eine große Rolle: Narziß macht „Besuche“ bei einigen Frauen der Stadt und Laertes „unterhält“ Landrinette (105). Insofern reiht sich Philine als Hetäre treffend in die Gruppe der Schauspieler ein.

Wilhelms erste Begegnung mit Philine und der dort festgelegte vestimentäre Code unter­streicht Kawas Auffassung:

Das Frauenzimmer kam ihnen auf ein paar leichten Pantöffelchen mit hohen Absätzen aus der Stube entgegen. Sie hatte eine schwarze Mantille über ein weißes Negligé geworfen, das, eben weil es nicht ganz reinlich war, ihr ein häusliches und bequemes Ansehn gab; ihr kurzes Röckchen ließ die niedlichsten Füße von der Welt sehen. (94)

Die Farbe des Negligés kann als ironische Anspielung auf Philines bereits verlorene Unschuld gelesen werden. Philine ist tagsüber nur mit einem „halb verhüllend-enthüllendem“[14] Negligé und einer Mantille bekleidet; sie bewegt sich auch im Haus auf Pantöffelchen mit hohen Absätzen. Dies lässt m. E. nur die von Kawa vorgeschlagene Lesart zu, die Philine in das Milieu der Prostitution rückt. Philine „war es wohl auch, deretwegen [...] Goethes Schwager Schlosser moniert, dass Goethe der Stiftsdame ‚einen Platz in seinem Bordell angewiesen’ habe“[15].

1.1. Philines Pantöffelchen

Philines Pantöffelchen erreichen fast schon Fetischcharakter. Das aufreizende Klappern der Pantöffelchen spielt auf ein Attribut der Venus an, deren „Pantoffeln allzu sehr klappern, wenn sie ging“[16]. Bischoff beschreibt Fetischismus im Sinne Freuds und entziffert „den Fetisch als Ersatz für den mütterlichen Phallus, der als privilegiertes Ersatz­objekt in Besitz genommen wird, zugleich aber den Vorgang der Abtrennung zur Schau stellt[17] “. Überträgt man diese Definition auf Wilhelms Situation, so war es ja die Mutter, die das Theater guthieß. Wilhelms Zuwendung zum Theater und der Theater­gesellschaft bedeutet im gleichen Atemzug ein Abwenden vom Vater. Philines Pantöffel­chen können somit zum Einen für Philines Rolle als Mutter Wilhelms innerhalb des Theaters gesehen werden[18] und zum Anderen für Wilhelms Trennung vom Elternhaus stehen und damit seine entstehende Selbstständigkeit unterstreichen.

[...]


[1] Dilthey etablierte den Gattungsbegriff in seinem Werk Das Leben Schleyermachers. Jedoch spricht Karl von Morgenstern bereits 1819/20 in Vorlesungen vom „Bildungsroman“. Das widerlegt die Annahme Dilthey habe den Begriff in die Literaturwissenschaft eingeführt.

[2] Gfrereis, Heike (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturwissenschaft. Stuttgart 1999. Stichwort ‚Bildungsroman’.

[3] Strohkirch, Katharina: Zum Löwen geboren. Gender in Entwicklungsromanen aus verschiedenen Jahrhunderten: Parzival, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Ahnung und Gegenwart, Netzkarte, Der junge Mann. Stockholm 2002. S. 78.

[4] In: Buße, Diana: Die Symbolik der Frauengestalten in Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre. http://www.e-scoala.ro/germana/diane_buse.html (Stand: 13.02.2008). S. 1.

[5] ebd., S. 2.

[6] Vgl. Strohkirch, S. 80.

[7] Strohkirch, S. 80.

[8] Schmitz-Burgard, Sylvia: Das Schreiben des anderen Geschlechts: Richardson, Rousseau, Goethe. Würzburg 2000. S. 182.

[9] Die Seitenangaben dieser Arbeit beziehen sich auf: Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre, hg. v. Erich Schmidt. Frankfurt am Main 2003.

[10] Strohkirch, S. 86.

[11] Kawa, Rainer: Wilhelm Meister und die Seinigen. Studien zu Metamorphose und Spiegelung beim Figurenensemble der Lehrjahre von Johann Wolfgang von Goethe. Bucha bei Jena 2000. S. 60.

[12] Siehe dazu auch Kohn, Brigitte: „Denn wer die Weiber haßt, wie kann der leben?“ Die Weiblichkeitskonzeption in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahren im Kontext von Sprach- und Ausdruckstheorie des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Würzburg 2001. S. 281.

[13] Dick, Anneliese: Weiblichkeit als natürliche Dienstbarkeit. Eine Studie zum klassischen Frauenbild in Goethes Wilhelm Meister. Frankfurt am Main 1986. S. 169.

[14] ebd., S. 41.

[15] Ladendorf, Ingrid: Zwischen Tradition und Revolution. Die Frauengestalten in Wilhelm Meisters Lehrjahren und ihr Verhältnis zu deutschen Originalromanen des 18. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1990. S. 89.

[16] Buße, S. 5.

[17] Bischoff, Doerte: Fetischismus. In: Renate Kroll (Hrsg.): Metzler Lexikon. Gender Studies/ Geschlechterforschung. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Stuttgart 2002.

[18] im Hamlet übernimmt sie eine ausgesprochene Mutter-Rolle: Kawa, S. 95.

Details

Seiten
23
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638066402
ISBN (Buch)
9783638953573
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93409
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2
Schlagworte
Philine Goethe Wilhelm Meisters Lehrjahre Frauenfiguren

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Titel: Die Reihe der Frauenfiguren in Wilhelm Meisters Lehrjahren - Philine