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Die nordische Bronzezeit

Exzerpt 1996 136 Seiten

Archäologie

Leseprobe

Vorwort

Die Bronzezeit vor mehr als 2000 bis 800 v. Chr. gilt als die erste und längere der Metallzeiten in Europa. In dieser Zeit wurden Werkzeuge, Waffen und Schmuck aus Bronze her- gestellt. In einigen Gebieten hatte die Bronzezeit eine andere Zeitdauer. So begann sie in Süddeutschland schon vor etwa 2300 v. Chr. und endete um 800 v. Chr. In Norddeutschland dagegen währte sie von etwa 1600 bis 500 v. Chr.

Zu den in Deutschland verbreiteten Kulturen der Bronze- zeit gehören die nordische frühe Bronzezeit bzw. frühe Bronzezeit des Nordischen Kreises (etwa 1800 bis 1500 v. Chr.), die nordische ältere Bronzezeit (etwa 1500 bis 1200 v. Chr.), die nordische mittlere Bronzezeit (etwa 1200 bis 1100 . Chr.) und die nordische späte Bronzezeit (etwa 1100 bis 800 v. Chr.). Der von dem schwedischen Prähistoriker Oscar Montelius (1843-1921) stammende Begriff „Nordischer Kreis“ beruht auf der eigenständischen Entwicklung nördlicher Regionen Europas.

Die Texte über die nordische Bronzezeit stammen aus dem vergriffenen Buch „Deutschland in der Bronzezeit“ (1996) des Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst Probst in alter deutscher Rechtschreibung und entsprechen dem damaligen Wissensstand. Weitere Kulturen der Bronzezeit aus Deutsch- land werden ebenfalls in Einzelpublikationen vorgestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten OSCAR MONTELIUS, geboren am 9. September 1843 in Stockholm, gestorben am 4. November 1921 in Stockholm.

Er promovierte 1869, wurde 1888 Professor und war von 1907 bis 1913 Reichsantiquar in Schweden. Montelius teilte 1885 die nordische Bronzezeit in sechs Perioden und 1897 die Eisenzeit in acht Perioden ein. Außerdem prägte er schon im 19. Jahrhundert den Begriff Nordischer Kreis der Bronzezeit, von dem der heutige Name nordische Bronzezeit abgeleitet ist.

Stabdolche als Zeichen der Götter

Die nordische frühe Bronzezeit vor etwa 1800 bis 1500 v. Chr.

Als in Mittel- und Süddeutschland bereits frühbronzezeitliche Kulturen heimisch waren, verharrten in Mecklenburg-Vor- pommern noch Bevölkerungsgruppen auf dem technischen Niveau der Jungsteinzeit. Der Fortschritt setzte sich dort erst später durch als in südlicheren Gebieten. So war es im Norden auch schon mit Ackerbau und Viehzucht geschehen, die als Kennzeichen der Jungsteinzeit gelten und dort mit großer Verzögerung eingeführt wurden.

Ähnlich erging es in Mecklenburg-Vorpommern dem neuen Metall Bronze, weshalb dort die frühe Bronzezeit einige Jahr- hunderte später als in Mittel- und Süddeutschland einsetzte. Da im Norden auch das Eisen zunächst kaum Beachtung fand, währte dort die Bronzezeit länger als im Süden und die Eisenzeit begann dementsprechend merklich später.

In Mecklenburg-Vorpommern gilt die Gliederung der Bron- zezeit in sechs Perioden. Diesem Schema zufolge entspricht dort die frühe Bronzezeit der Periode I, die nach heutiger Kenntnis etwa von 1800 bis 1500 v. Chr. dauerte. Jener Ab- schnitt wird auch als nordische frühe Bronzezeit oder als frühe Bronzezeit des Nordischen Kreises bezeichnet. Der von dem schwedischen Prähistoriker Oscar Montelius (1843- 1921) stammende Begriff „Nordischer Kreis“ beruht auf der eigenständigen Entwicklung nördlicher Regionen Europas.

Über die Anatomie, Körperhöhe und Krankheiten der Men- schen aus der frühen Bronzezeit in Mecklenburg-Vor- pommern läßt sich nichts sagen. Der Grund hierfür ist, daß die Skelette in den Gräbern im kalkarmen Boden völlig auf- gelöst wurden. Auch die Siedlungen, das Leben darin und das Wirtschaftswesen sind bisher kaum erforscht.

Pfeilspitzen aus Feuerstein mit eingezogener Basis wie in der späten Jungsteinzeit verdeutlichen, daß Pfeil und Bogen weiterhin eine wichtige Jagdwaffe waren. Hinweise auf zu- mindest gelegentlich ausgeübte Jagd auf Rothirsche (Cervus elaphus) geben die Werkzeuge und Waffen mit Geweih- griffen. Wichtiger als das Töten von Wildtieren dürften je- doch Ackerbau und Viehzucht für die Ernährung gewesen sein.

Die Keramik bestand teilweise aus einfachen, unverzierten Formen, die entweder keinen oder nur einen Henkel besa- ßen. Reste von solchen schlichten Tongefäßen wurden in Lemmersdorf und Bagemühl (beide Kreis Uecker-Randow) in Mecklenburg-Vorpommern gefunden. Daneben modellier- te man henkellose Schalen und Tassen mit einfacher Form und Verzierung.

In der nordischen frühen Bronzezeit gab es weiterhin Werk- zeuge und Waffen aus Feuerstein, Knochen und Geweih. Als besonders typische Waffen dieser Kulturstufe gelten Streit- äxte mit einer Klinge aus Felsgestein und hölzernem Schaft sowie aus Feuerstein zurechtgeschlagene Dolche. Besonders prächtig wirken die „Fischschwanzdolche“ mit fisch- schwanzartigem Griff. Feuersteindolche wurden auch dann noch hergestellt, als man bereits Kupfer- und Bronzedolche eintauschte.

Die Menschen der frühen Bronzezeit in Mecklenburg-Vor- pommern deckten ihren Bedarf an Metallerzeugnissen vor allem durch Tauschgeschäfte mit Angehörigen der Aun- jetitzer Kultur. Von diesen bezogen sie Flachbeile, Rand- leistenbeile, Randmeißel, Schaftlochäxte, Schaftröhrenäxte, Vollgriffdolche, Stabdolche, Lanzenspitzen und Schmuck. Die Flachbeile hatten die gleiche Form wie die aus Feuer- stein zurechtgehauenen Beilklingen der Jungsteinzeit. Flach- beile wurden in Mildenitz-Hornshagen (Kreis Mecklenburg- Strelitz), Jasmund (Kreis Rügen) und in Pantelitz (Kreis Nordvorpommern) gefunden. Bei den Randleistenbeilen überwog der norddeutsche Typ mit geradem Nacken und ausladender bogenförmiger Schneide gegenüber dem säch- sischen Typ mit rundem Nacken und weit gebogener, stark gewölbter Schneide.

Von den Schaftlochäxten sind bisher in Mecklenburg-Vor- pommern sechs Exemplare gefunden worden. Sie kamen oft in Mooren zum Vorschein und könnten daher als Opfer für Götter bestimmt gewesen sein. Eine reichverzierte Schaft- lochaxt wurde in Gägelow (Kreis Nordwestmecklenburg) entdeckt. Die Schaftröhrenäxte ähneln Funden aus Ungarn und sind vermutlich auf dem Tauschweg bis nach Mecklen- burg-Vorpommern und Skandinavien gelangt.

Bei den frühbronzezeitlichen Dolchfunden aus Mecklenburg- Vorpommern wird zwischen Vollgriffdolchen des Malchiner Typs und solchen des Aunjetitzer Typs unterschieden. Er- stere gelten als einheimische Erzeugnisse, letztere als Im- porte. Beide Typen waren in dem Depot von Malchin (Kreis Demmin) vertreten. Bisher sind - nach Angaben des Schwe- riner Prähistorikers Horst Keiling - in Mecklenburg-Vor- pommern insgesamt 21 Dolche vom Malchiner Typ entdeckt worden. Sie ähneln einander so sehr, daß sie vermutlich in einer einzigen Werkstatt, die jedoch noch nicht lokalisiert werden konnte, gegossen wurden. Die Klinge, der Griff mit-

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Stabdolche und ein Randleistenbeil aus dem Depot von Melz (Kreis Müritz) in Mecklenburg-Vorpommern. Das Randleistenbeil (links) hat einen 71,3 Zentimeter langen Bronzeschaft. Originale im Archäologischen Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern, Lübstorf samt Heftplatte und manchmal auch die Nieten wurden vermutlich in einem Stück angefertigt. Der Griff ist mit Rillen und die Klinge mit einer Mittelrippe verziert. Der spitzovale bis rautenförmige Querschnitt hat große Ähnlichkeit mit den Feuersteindolchen.

Offenbar reichten die Gegengaben der Mecklenburg- Vorpommerner Bevölkerung nicht aus, um sich auf dem Tauschweg ausschließlich mit Metalldolchen auszurüsten. Deshalb wurden weiterhin viele Feuersteindolche hergestellt und teilweise metallene Vorbilder nachgeahmt. Das Neben- einander von Feuerstein- und Bronzedolch ist in Blengow (Kreis Bad Doberan) belegt. Dort lagen in einem Grab ein Feuersteindolch und eine bronzene Dolchklinge.

Seltener als die Dolche des Malchiner Typs waren in Mecklenburg-Vorpommern die Vollgriffdolche vom Aunjetitzer Typ. Letzterer Typ ist im Depot von Malchin und im Depot I von Melz (Kreis Müritz) sowie in Rehna (Kreis Nordwestmecklenburg) nachgewiesen.

An zehn Fundorten in Mecklenburg-Vorpommern wurden bronzene Stabdolche entdeckt. Der bedeutendste Fund die- ser Art glückte im Depot II von Melz. Dort wurden sechs komplette Stabdolche mit bronzenen Klingen und mit Schäf- ten aus Eschen- und Lindenholz darin, acht Klingen sowie ein komplettes Randleistenbeil mit bronzener Klinge und ebensolchem Schaft geborgen. Eine Altersdatierung von Holzresten der Stabdolche nach der Cl4-Methode ergab ei- nen Mittelwert von 1786 v. Chr. Die Klinge des Randleisten- beils aus Melz wurde vermutlich noch in heißem Zustand auf den Bronzeschaft gezogen

Die Menschen der frühen Bronzezeit in Mecklenburg-Vor- pommern tauschten mit den Leuten der Aunjetitzer Kultur, des Sögel-Wohlde-Kreises sowie mit gleichzeitigen Kultu- ren in England und Irland begehrte Güter aus. Malchiner Dolche auf der Ostseeinsel Rügen sind vielleicht mit Feuerstein von dort bezahlt worden.

Schmuckstücke gab es in Form von Ösenhalsringen, Spiralröllchen, Bronze- und Steinperlen als Anhänger von Halsketten, Hals- und Armringen mit verjüngten Enden, Manschettenarmbändern (Stulpen), Arm- und Brillenspiralen. Mit Ausnahme der Steinperlen handelte es sich auch hier ausschließlich um Importe.

Bronzene Ösenhalsringe lagen vor allem in Depots. So ge- hörten zum Depot von Wendhof (Kreis Müritz) 18 Ösen- halsringe. In Nipmerow auf Rügen kamen mehrere recht roh gegossene Ösenhalsringe zum Vorschein. In Gräbern sind solche Schmuckstücke - mit Ausnahme von Twietfort (Kreis Parchim) - nirgends gefunden worden. Aus Twietfort kennt man auch Bronze- und Steinperlen an Halsketten. In den Löchern mancher dieser Perlen steckten noch gezwirnte Fadenreste.

Bei den Hals- und Armringen mit verjüngten Enden waren die unverzierten und besonders dicken Exemplare wohl Me- tallbarren, die noch weiterverarbeitet werden sollten. Dage- gen sind die etwas dünneren und leichteren Stücke vermut- lich als Schmuck getragen worden. Die Enden der großen und der kleinen Hals- und Armringe waren stumpf oder spitz gestaltet. Manschettenarmbänder wurden nur an wenigen Plätzen in Mecklenburg-Vorpommern entdeckt.

Die Armspiralen aus Bronzedraht besaßen zehn bis 20 Windungen. Der Draht hatte einen schmalen, dreieckigen oder spitzovalen Querschnitt.

Als Brillenspiralen werden zwei mit einem Bügel verbundene Spiralplatten bezeichnet. Sie ähnelten einer Brille und dienten als dekorativer Hängeschmuck.

Von der damaligen Schiffahrt zeugt der fragmentarisch erhaltene Fund eines Einbaums südwestlich von Dahlen (Kreis Mecklenburg-Strelitz) in Mecklenburg-Vorpommern. Das in etwa 1,90 Metern Tiefe entdeckte Wasserfahrzeug ist 3,36 Meter lang und 62 Zentimeter breit. Seine ursprüngliche Höhe läßt sich nicht mehr ermitteln.

An den Gräbern von Blengow und Twietfort wird ersicht- lich, wie die Toten in der nordischen frühen Bronzezeit be- stattet worden sind. In diesen Gräbern schützte man die Lei- chen durch Packungen aus vorwiegend rundlichen oder ova- len Feldsteinen. Die Hinterbliebenen gaben den männlichen Verstorbenen meistens einen Feuersteindolch und nur noch selten eine Steinaxt mit ins Grab. Metallobjekte lagen ledig- lich in den Gräbern von Blengow (Kreis Bad Doberan), Warrenzin (Kreis Demmin) und Twietfort (Kreis Parchim). Weitere Beigaben waren Tongefäße, darunter mehrheitlich henkellose Schalen und Tassen.

Bronzene Waffen und Schmuckstücke in Sümpfen, Mooren, auf feuchten Wiesen und an Seeufern waren vermutlich als Weihegaben für Götter gedacht. Das Depot von Neubauhof (Kreis Demmin) umfaßte drei Vollgriffdolche, vier Man- schettenarmringe, vier Halsringbarren, ein Randleistenbeil und ein Manschettenarmband. In Pustohl (Kreis Bad Doberan) fand man einen Stabdolch sowie ein Manschetten- armband und in Wendhof (Kreis Müritz) Ösenhalsringe. Als Weihegaben gelten auch die Stabdolche, die eher den Charakter von Prunkwaffen, Würdezeichen oder Zere- monialgeräten von Häuptlingen oder Priestern hatten als ei- nen praktischen Nutzen. Sie spielten vielleicht bei kultischen Prozessionen eine Rolle, bei denen sie als „heilige Zeichen“, Zeremonialgeräte oder Machtsymbole einer Gottheit mitge- führt wurden. Einen diesbezüglichen Hinweis gibt ein Fels- bild von Simrishamn in Schweden. Darauf präsentiert ein stehender Mann mit deutlich erigiertem Penis eine ihn merklich überragende Prachtaxt. Diese Szene wird als Fruchtbarkeitsritus gedeutet.

Der Sonnenkult der „Urgermanen“

Die nordische ältere Bronzezeit vor etwa 1500 bis 1200 v. Chr.

In Schleswig-Holstein, auf den Nordfriesischen Inseln Sylt, Amrum und Föhr, im Küstengebiet von Mecklenburg-Vor- pommern sowie auf der Ostseeinsel Rügen werden die archäologischen Funde aus der Zeit von etwa 1500 bis 1200 v. Chr. der nordischen älteren Bronzezeit (Periode II) zugerechnet. Diese Regionen Norddeutschlands gehörten zum Nordischen Kreis, dessen Kerngebiet damals in Dänemark lag, zudem aber Südnorwegen, Süd- und Mittelschweden umfaßte. Auch die Stader Gruppe im nördlichen Niedersachsen gilt als Teil des Nordischen Kreises.

Das Gebiet des in Nordeuropa weit verbreiteten Nordischen Kreises deckt sich nicht mit dem einer zeitlich vorangehen- den Kultur der Frühbronzezeit oder der Jungsteinzeit. Dort lebte wohl auch kein Stamm oder Volk mit derselben Spra- che. Zu den wenigen Gemeinsamkeiten zählten die Form und der Stil - oder salopper gesagt die Mode - der Bronze- erzeugnisse: also der Werkzeuge, Waffen, Gefäße und Schmuckstücke, die in eigenen Werkstätten hergestellt wur- den.

Nach Erkenntnissen des Hamburger Prähistorikers Friedrich Laux von 1989 lassen sich anhand bestimmter Waffen- kombinationen im südlichen Schleswig-Holstein und im westlichen Mecklenburg-Vorpommern einige Lokalgruppen

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Kostümbild „Germanenpaar der Bronzezeit“ auf einem Holzstich um das Jahr 1890.

Damals bezeichnete man die Menschen der Bronzezeit irrtümlich als Germanen.

Tatsächlich sind diese erst ab der Eisenzeit um 500 v. Chr. nachweisbar.

der nordischen älteren Bronzezeit unterscheiden. Dazu gehören die Westholsteinische Gruppe, die Segeberger Gruppe und die Westmecklenburgische Gruppe.

Für die Westholsteinische Gruppe ist - laut Friedrich Laux - die Waffenausstattung mit einem Schwert und einer Lan- zenspitze typisch, die vereinzelt durch ein Absatzbeil oder einen Dolch ergänzt wurde. Dagegen gilt für die Segeberger Gruppe die Bewaffnung mit einem Schwert und einem Ab- satzbeil als kennzeichnend, wozu häufig ein Dolch kommt. Die Angehörigen der östlich benachbarten Westmeck- lenburgischen Gruppe trugen ein Schwert, ein Absatzbeil und einen Dolch.

Die Menschen der nordischen Bronzezeit werden manch- mal als „Urgermanen“ bezeichnet, weil sie Vorfahren der ab der Eisenzeit um 500 v. Chr. nachweisbaren Germanen sein sollen. Wie ein Grabfund von Kampen auf der Nordseeinsel Sylt zeigt, gab es damals bereits Männer von erstaunlichem Körperwuchs. Dort hat man unter einem Grabhügel das Ske- lett eines 1,82 Meter großen Kriegers entdeckt, der offenbar in einem verrotteten Baumsarg bestattet worden ist.

Nach der Beisetzung eines Jugendlichen von Freienwill (Kreis Schleswig-Flensburg) zu schließen, war das Haar manches „Urgermanen“ dunkelblond, bis zu 20 Zentimeter lang und geflochten. In Baumsärgen auf Jütland (Dänemark) wurden häufig blonde Haare gefunden.

Funde aus Dänemark zeigten, daß Frauen sehr kunstvolle Haartrachten mit Perücken, Haarrollen und -netzen trugen. Haarnetze bestanden - wie sich in einem Frauengrab aus Skrydstrup in Nordschleswig (Dänemark) herausstellte - mitunter aus Pferdehaar.

Dank ungewöhnlich erhaltener Bestattungen in Baumsärgen aus Dänemark ist die damalige Kleidung gut bekannt. Dem- „Rückkehr der Krieger aus einem Frühjahrsfeldzug über See in die Heimat“ auf einer Zeichnung des dänischen Malers Karl Jensen. Kleidung, Waffen und Schmuck wurden nach Funden und Felsbildern in Schleswig-Holstein und Dänemark dargestellt.

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nach trugen die Männer einen von der Brust bis zu den Knien reichenden Schurz mit Schulterträgern und quastenver- ziertem Stoffgürtel. Hinzu kamen an kühlen Tagen ein ova- ler Schulterumhang und eine halbkugelige Mütze. Zur Garderobe der Frauen gehörten ein bis auf die Füße fal- lender, faltenreicher Wollrock mit Quastengürtel und eine kurzärmelige Bluse im Kimonoschnitt. Mädchen dagegen waren - wie ein Fund aus Egtved in Dänemark belegt - mit einer Bluse und einem kniefreien Fransenrock, der sich zwei- mal um den Unterleib wickeln ließ, bekleidet. Die Füße von Frauen und Männern wurden mit Binden umwickelt und steckten in ledernen Sandalen.

Mit einer halbkugeligen Mütze auf dem Kopf sowie einem Kittel und einem Umhang - alles aus Wolle - angetan lag ein Krieger von Harrislee (Kreis Schleswig-Flensburg) in einem Baumsarg. Er war in eine große wollene Decke ge- hüllt, von der Fetzen erhalten blieben. Bei der Mütze wur- den drei Stoffschichten übereinander gelegt, durch Walken zu Webfilz verarbeitet, geformt und durch zusätzlich einge- zogene Fäden gepolstert. In Gräbern von Nebel auf der Nord- seeinsel Amrum fand man Reste eines Gewandes mit dun- kelbraunem und helleren Gewebe sowie einen Bernstein- knopf mit V-förmiger Durchbohrung.

Überbleibsel eines Stoffgürtels kamen in einem Grabhügel von Itzehoe (Kreis Steinfurt) in Schleswig-Holstein zum Vorschein. Wie ein Grabfund von Borum Eshøj westlich von Århus in Dänemark veranschaulicht, waren gewebte Gürtel manchmal drei Zentimeter breit, fast 2,50 Meter lang und hatten an jedem Ende als Abschluß eine Quaste.

Auf Körperpflege und Schönheitssinn deuten Kämme aus Geweih, bronzene Pinzetten, Ohrlöffel, Nagelreiniger und Tätowiernadeln hin. Kämme lagen in Dänemark sowohl in Frauen- als auch in Männergräbern. In Egtved steckte der Kamm hinter der bronzenen Gürtelscheibe, in Skrydstrup war er mit einer Schnur am Gürtel befestigt.

Die bronzenen Pinzetten (Nippzangen) zum Ausreißen störender Haare gelten als Nachahmungen von ebensolchen Geräten der süddeutschen Hügelgräber-Kultur. Tätowiernadeln bestanden aus einem kurzen Stück Bronzedraht, der an einem Ende zugespitzt und am anderen breitgehämmert ist. Man hat diese Nadeln oder Pfrieme aber auch schon als Geräte zum Entfernen von Dornen gedeutet.

An drei Orten in Schleswig-Holstein wurden bereits im 19. Jahrhundert bronzene Beschläge von Klappstühlen entdeckt. Solche Sitzmöbel sind aus Ottenbüttel und Drage (beide im Kreis Steinburg) sowie in Hollingstedt (Kreis Dithmarschen) nachgewiesen. Daß es sich hierbei um Klappstühle handel- te, hat als erster der Kustos am damaligen Museum Vater- ländischer Alterthümer zu Kiel, Friedrich Knorr (1872- 1936), erkannt.

In Ottenbüttel lagen neun Bronzeknäufe, in denen teilweise Holzreste steckten, in einem Grab, in Drage waren es drei und in Hollingstedt vier (ebenfalls mit Holzresten). Die Bronzeknäufe dienten als Endbeschläge der runden oder leicht ovalen Hölzer, aus denen die Klappstühle konstruiert waren. Teilweise wurden auch Bronzebolzen gefunden, wel- che die beiden Rahmenteile verbanden. Mit den vereinzelt geborgenen bronzenen Ziernägeln ist die Sitzfläche aus Fell oder Leder an den oberen Längsholmen befestigt worden. Relikte von Klappstühlen aus der nordischen älteren Bron- zezeit kennt man auch aus Mecklenburg-Vorpommern (Bechelsdorf bei Niendorf, Kreis Nordwestmecklenburg) und Dänemark (Guldhøj bei Vamdrup) sowie aus der Stader Gruppe (Daensen, Stadt Buxtehude, Kreis Stade). Bei dem

Fund aus Bechelsdorf handelt es sich um Teile eines Klappstuhls mit Sitzleisten aus Weißbuchenholz und verzierten Bronzekapseln. Das in einem Baumsarg von Guldhøj entdeckte Exemplar ist vollständig erhalten.

Derartige Sitzmöbel gelten als eine Eigenart der nordischen Bronzezeit und waren in Europa offenbar auf Norddeutsch- land und Dänemark beschränkt. Manche Prähistoriker mei- nen, die Klappstühle seien bedeutenden Männern vorbehal- ten gewesen, denen auf Reisen ein hervorragender Sitz zu- stand. Ähnlich alt wie die nordischen Klappstühle sind zwei solcher Sitzmöbel aus dem Grab des ägyptischen Pharaos Tutanchamun. Klappstühle wurden zudem auf Fresken in Ägypten und auf der Mittelmeerinsel Kreta dargestellt.

Abdrücke von Getreidekörnern auf Tongefäßen der nordi- schen älteren Bronzezeit und Reste von Getreidekörnern belegen den Anbau von Nacktgerste (Hordeum vulgare var. nudum), mehrzeiliger Gerste (Hordeum vulgare), Emmer (Triticum dicoccon) und Dinkel (Triticum spelta). In Bordes- holm-Schmalstede (Kreis Rendsburg-Eckernförde) wurden Gerstenkörner mit einem Gesamtgewicht von 346 Gramm gefunden.

Pflüge sind durch Pflugspuren unter Grabhügeln von Harrislee (Kreis Schleswig-Flensburg), Ramsdorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde), Nebel auf der Nordseeinsel Am- rum in Schleswig-Holstein und in Wendelstorf (Kreis Bad Doberan) in Mecklenburg-Vorpommern nachgewiesen. Sie wurden kreuz und quer von Hakenpflügen gezogen. In Harrislee lagen die Pflugspuren unter zwei Grabhügeln, in Ramsdorf und Nebel jeweils unter einem. Die Pflugspuren von Wendelstorf bedeckten eine Fläche von etwa 20 Qua- dratmetern und waren durchschnittlich fünf Zentimeter breit. Die Pflugspuren unter Grabhügeln sind unterschiedlich er-

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Ackerbauer und Pflug - ähnlich dem Fund aus Walle (Kreis Aurich) in Niedersachsen - und Rindern als Zugtieren.

Pflugspuren aus der älteren nordischen Bronzezeit wurden in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern entdeckt.

klärbar. Sie können einerseits auf vormaligen Ackerbau hindeuten, andererseits aber auch entstanden sein, als man die Grasnarbe in handliche Plaggen zerlegte, die dann beim Bau des Hügels Verwendung fanden.

Pflugspuren aus dieser Zeit sind des weiteren von einigen Orten in Dänemark bekannt. Sie stammen von Pflügen, mit denen man die Erdoberfläche kreuz und quer aufritzte, aber den Ackerboden nicht wendete. Auf südschwedischen Fels- bildern sind Pflüge zu sehen, die von Rindern gezogen wer- den.

Das reife Getreide wurde mit Feuersteinsicheln, aber auch schon mit aus Bronze gegossenen Geräten geschnitten. Allein in Mecklenburg-Vorpommern kamen an fast 20 Fundorten bronzene Knopfsicheln zum Vorschein. Ein Depot in Wieck (Kreis Güstrow) in Mecklenburg-Vorpommern umfaßte vier Exemplare. Die Getreidekörner hat man auf Trogmühlen mit Mahlsteinen zerquetscht.

Als Haustiere sind im Nordischen Kreis Schafe, Ziegen, Rinder, Schweine, Hunde und Pferde nachgewiesen. In ei- nem Hügelgrab von Schwaan (Kreis Bad Doberan) in Meck- lenburg-Vorpommern hat man Pferdereste geborgen. Die kleinen Pferde gelten als Luxustiere der damaligen Ober- klasse. Sie spielten auch eine Rolle als Zugtiere von Sonnen- wagen im Sonnenkult.

Am bereits erwähnten Fundort Bordesholm-Schmalstede wurden verkohlte halbierte Wildäpfel (Malus sylvestris) im Gewicht von 200 Gramm sowie 40 Gramm geschälte und halbierte Eicheln von Stieleichen (Quercus robur) gefunden. Dabei handelte es sich wohl um mißglücktes Dörrobst. Eine Vorratsgrube von Nørre Sondegård auf Bornholm (Däne- mark) enthielt neben Getreidekörnern etwa 600 halbierte Holzäpfel, die zerschnitten und getrocknet wurden, bevor man sie als Wintervorrat konservierte. Außerdem hat man dort Nußschalen entdeckt.

Auf den Genuß von berauschenden Getränken weist ein Fund aus Egtved in Dänemark hin. Dort hatte man einer jungen Frau unter anderem eine kleine Schachtel aus Birkenrinde ins Grab gelegt, die mit Lindenbast zusammengenäht war. Die Schachtel enthielt Reste eines Fruchtbieres aus Weizen sowie Preiselbeeren (Vaccinium vitisidaea) oder Moosbeeren (Vaccinium oxycoccus) mit Zusatz von Porst (Ledum) und Honig, also eine alkoholische Mixtur.

Die schmucklos gestalteten Tongefäße der nordischen älte- ren Bronzezeit spiegeln den Niedergang des damaligen Töp- ferhandwerks wider. Zum Formenschatz der Keramik ge- hörten Töpfe, Tassen, Becher und Schalen. Nur einzelne Töpfe wurden auf dem unteren Teil der Außenseite mit schrä- gen Riefen versehen.

Da es in der Norddeutschen Tiefebene weder Kupfer- noch Zinn- oder Goldvorkommen gab, mußte das Rohmaterial für die Verarbeitung von Bronze und Gold von weit her impor- tiert werden. Das Kupfer kam vermutlich aus Mittel- und Süddeutschland sowie Südosteuropa, das Zinn aus Cornwall und von den Britischen Inseln, das Gold vor allem aus Ir- land, aber auch aus den österreichischen Alpen oder aus Sie- benbürgen. Als Gegengabe bei Tauschgeschäften diente viel- leicht Bernstein von den Nordfriesischen Inseln und von der Ostseeküste.

Die von Metallhandwerkern der nordischen älteren Bronze- zeit hergestellten Bronze- und Golderzeugnisse standen qua- litativ und künstlerisch auf einem erstaunlich hohen Niveau. Sie wurden nur noch von gleichartigen Produkten ungari- scher Metallhandwerker übertroffen. Außer den in eigenen Werkstätten angefertigten Werkzeugen, Waffen, Metall- gefäßen und Schmuckstücken schätzte man auch importierte Waren dieser Art, wodurch das heimische Metallhandwerk neue Anregungen erhielt.

Daß neben Gußformen aus Stein auch solche aus Bronze benutzt wurden, zeigen Funde von Morsum auf der Nord- seeinsel Sylt, von Rendsburg in Schleswig-Holstein und von Vorland bei Rolofshagen (Kreis Nordvorpommern). Aus ei- nem Grabhügel der Wikingerzeit von Morsum kamen Guß- formen für Schwerter der älteren Bronzezeit zum Vorschein, die mit den Aufschüttungsmassen des Hügels von einer be- nachbarten Siedlung entnommen wurden. In Rendsburg hat man zwei Gußformen für nordische Absatzbeile entdeckt, die jeweils aus zwei Hälften bestehen. Mit der größeren die- ser beiden Gußformen konnte ein 18,8 Zentimeter langes Beil gegossen werden, mit der kleineren eines von 16,9 Zen- timeter Länge. Auch die Gußform von Vorland war für die Anfertigung von Absatzbeilen bestimmt.

Zu den bronzenen Werkzeugen gehörten unverzierte Beile, Messer und Meißel. Bei den Beilklingen lassen sich Absatzund frühe Tüllenbeile unterscheiden. Unter den Meißeln kennt man pfriemartige Exemplare mit sehr schmaler Schneide, Tüllenmeißel und massive Meißel.

Ab der nordischen älteren Bronzezeit wurden auch in Schles- wig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern bronzene Schwerter gegossen. Diese Stichwaffen hatten Griffe, die für eine sie umschließende Faust zu kurz waren. Offenbar mußte der Besitzer den Daumen unterhalb des Griffes auf den obersten Teil der Klinge legen oder aber auf den Knauf- kopf. Im ersten Fall führte man den Stich von unten, im zweiten von oben.

Während der Blüte der nordischen älteren Bronzezeit ge- hörten zur Waffenausrüstung eines Kriegers ein Schwert, Absatzbeil, Dolch und Speer. In Dänemark und Schweden gab es auch einschneidige bronzene „Krummschwerter“, die manchmal mit einer Öse zum Aufhängen versehen waren. Die „Krummschwerter“ dienten jedoch nicht als Waffen, da die Schwertscheide mit dem Ortband gleich mitgegossen wurde. Es handelt sich sozusagen um eine Schwertscheide mit einem Griff.

Bei den Schwertern aus der Periode II der nordischen älte- ren Bronzezeit in Schleswig-Holstein und Mecklenburg- Vorpommern fällt der große Formenreichtum auf. Ihr Griff und ihr ovaler Knauf wurden oft mit Spiralmustern verziert. Mitunter hat man den Griff aber auch mit kräftig eingedrück- ten Dreiecken oder schmalen Rechtecken verschönert.

Das Schwert steckte in einer gefütterten hölzernen Scheide, die durch ein Bronzeortband zusammengehalten wurde und an einem Ledergürtel hing. Bronzeortbänder wurden in Gadeland (Kreis Segeberg) und Perdoel (Kreis Plön) in Schleswig-Holstein geborgen. Das Ortband von Gadeland besteht aus einem seitlichen, rechteckigen Bronzerahmen, der den unteren und seitlichen Abschluß einer Holzscheide bildete. Das Ortband endet unten mit einer spitzovalen Plat- te von 4,8 Zentimeter Länge und 1,8 Zentimeter Breite. Lederreste, deren Verwendungszweck teilweise nicht bekannt ist, kamen in Gräbern der Periode II in Mecklenburg-Vor- pommern zum Vorschein.

Nach der Fundhäufigkeit in den Gräbern zu schließen, war das Beil neben dem Schwert die wichtigste Waffe. Die bron- zene Klinge wurde in das aufgespaltene, knieförmig abge- bogene obere Ende des hölzernen Schaftes eingesetzt und dann mit Lederbändern verschnürt. Reste des Holzschaftes und der Lederbindung hafteten an einem Absatzbeil von Poltnitz (Kreis Parchim) in Mecklenburg-Vorpommern. Bei den reich mit eingeritzten Mustern verzierten Klingen handelte es sich wohl um Streitbeile.

Bronzene Vollgriffdolche, deren Klinge und Griff in einem Stück gegossen wurden, lagen sowohl in Gräbern von Män- nern als auch von Frauen. Manche Prähistoriker deuten dies als ein Indiz für die Ebenbürtigkeit der Geschlechter. Wie die Schwerter steckten auch die Dolche in hölzernen Schei- den. Von Nebel auf Anrum kennt man eine Dolchklinge mit Resten des Felles und des groben Wollgewebes, mit dem die Scheide ausgekleidet war.

Der in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern reichlich vorkommende Feuerstein blieb in der nordischen älteren Bronzezeit ein beliebter Rohstoff für die Herstellung von Werkzeugen und Waffen. Das läßt sich an den Funden aus Siedlungen und Gräbern ablesen. Dagegen findet man in den Siedlungen aus dieser Zeit keine Bronzeerzeugnisse, weil diese, wenn sie unbrauchbar waren, umgeschmolzen wurden.

Vom Fleiß und Geschick eines Feuersteinschlägers zeugt ein Platz bei Bellin (Kreis Güstrow) in Mecklenburg-Vorpom- mern, der einst am Nordrand eines größeren, später völlig verlandeten Sees lag. Auf einer Fläche von etwa zwei mal 1,50 Metern wurde eine bis zu 20 Zentimeter hohe Schicht mit schätzungsweise 500 000 Abschlägen zwischen drei und 80 Millimeter Länge sowie mit fertigen Werkzeugen und Waffen gefunden. Die Geräte waren auf zwei Amboßsteinen, die mit dem Unterteil tief im Boden steckten, zurechtgehauen worden.

Unter der Lage mit Feuersteinabschlägen befand sich eine Feuerstelle, deren Brandschicht 128 ganze und 152 bruch- stückhafte Getreidekörner von Nacktgerste enthielt, die alle angekohlt sind. Eine Datierung von Funden aus der Feuer- stelle mit der C14-Methode ergab ein Alter zwischen 1450 und 1310 v. Chr., das auch für die direkt darüber liegenden Feuersteinabschläge gilt.

Zu den fertigen Werkzeugen und Waffen aus Feuerstein von diesem Fundort gehören eine Flintspitze, zwei Pfeilspitzen, zwei Halbrundschaber, sieben Abschlagschaber, ein pickel- artiges Gerät, ein sägenartiger Abschlag, ein kleines schei- benbeilartiges Gerät, ein dünn retuschierter Abschlag. Wei- tere Funde sind 64 Bruchstücke von angefangenen Werk- zeugen (beispielsweise Halbmondmesser) und Waffen (drei Speerspitzen) sowie Schlagsteine und Scherben unverzierter Tongefäße.

Den Toten wurden gelegentlich ein Feuerschlagstein und eine Pyritknolle mit ins Grab gelegt. Offenbar sollten sie - da- maligen Glaubensvorstellungen entsprechend - auch im Jen- seits bei Bedarf ein Feuer entfachen können. Ein solches Feuerschlagbesteck fand sich in einem Grab bei Ramsdorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) in Schleswig-Holstein.

Neben den bereits erwähnten bronzenen Waffen - wie Schwert, Beil, Dolch und Lanze - wurden in zahlreichen Gräbern kunstvoll aus Feuerstein zurechtgeschlagene Dol- che entdeckt. Derartige Waffen von zehn und mehr Zenti- meter Länge mit teilweise fischschwanzförmigem Griff (Fischschwanzdolche) kennt man aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. In einem Grab mit Holz- sarg von Tinnum auf Sylt lagen sogar drei Feuersteindolche. Importwaren aus fernen Gegenden, die nur über das Meer erreichbar waren, sowie Darstellungen von Booten oder Schiffen auf Bronzeobjekten und skandinavischen Felsbil- dern deuten auf rege Schiffahrt hin. Auf den Schiffsmotiven sind keine Segel zu erkennen. Demnach wurden die Schiffe durch Paddel fortbewegt. Die mit Spiralen oder Tierköpfen verzierten Steven ähneln den Drachenschiffen der späteren Wikinger. Häufig endete die Kielplanke hinten und vorne mit einem Rammsporn. Offenbar ging es auf dem Meer nicht immer friedlich zu.

In Granzin (Kreis Ludwigslust) in Mecklenburg-Vorpom- mern wurde ein Knebel aus Geweih entdeckt, der zu einem Pferdegeschirr gehört haben dürfte. Pferde dienten damals vielleicht nicht nur als Reit-, sondern auch als Zugtiere von leichten Wagen mit Speichenrädern. Dagegen wurden schwe- re, vierrädrige Wagen mit Scheibenrädern wohl von Rindern gezogen.

Der Transport von Tauschwaren aus fernen Gebieten erfolg- te über das Meer, auf großen Flüssen, wie Elbe und Oder, sowie auf dem Landweg. Während der Periode II spielte offenbar die westliche Handelsroute eine wichtige Rolle. Diese führte - wie Funde von fremden Gütern zeigen - von der Elbe abwärts über Niedersachsen und Westholstein an den Nordfriesischen Inseln vorbei zur Bernsteinküste in Jüt- land. Damals bestanden rege Handelskontakte mit der Hügel- gräber-Kultur.

Als Importstück aus der Periode II gilt das älteste Vollgriff- schwert Mecklenburg-Vorpommerns, das in Alt Sührkow (Kreis Güstrow) gefunden wurde. Es gehört zu den Schwer- tern vom Typ Apa/Haidúsámson, der nach prachtvollen De- potfunden in Rumänien und Ungarn benannt ist. Aus Un- garn soll auch eine bronzene Streitaxt stammen, die in Bad Oldesloe-Poggensee in Schleswig-Holstein geborgen wer- den konnte.

In Gräbern von Friedrichsruhe (Kreis Parchim), Lehsen (Kreis Ludwigslust) und Plate-Peckatel (Kreis Mecklenburg- Strelitz) lagen kleine grün- und hellblaue Glasperlen. Die Exemplare von Friedrichsruhe sind länglich, röhrenförmig und haben eine dunkelblaue Färbung mit weißgelber Bän- derung. Früher galten solche Glasperlen als aus dem Süden eingeführte Handelsobjekte. Der Münchener Prähistoriker Paul Reinecke (1872-1958) vermutete bei einem Teil von ihnen sogar das Neue Reich in Ägypten als Ursprungsland. Heute wird allgemein der Ostalpenraum als Herkunftsgebiet angenommen.

Die Frauen der nordischen älteren Bronzezeit trugen bron- zene und mitunter goldene Schmuckstücke auf der Stirn, an den Haaren, Ohren, am Hals, an den Armen, Fingern, Bei- nen, auf der Kleidung und am Gürtel. Hinsichtlich des De- kors lassen sich drei zeitlich aufeinanderfolgende Stil- richtungen unterscheiden. Typisch für den ersten Stil sind Ornamente mit Parallellinien, Punktreihen, schraffierten Dreiecken, Rhomben, Zickzacklinien und Halbbogenreihen. Der zweite Stil dagegen ist durch Spiralverzierung und der dritte Stil durch feine Ornamente gekennzeichnet.

Die in Gräbern der nordischen älteren Bronzezeit entdeck- ten Schmuckstücke spiegeln einen erstaunlichen Gold- reichtum wider. Metallanalysen zufolge stammt das Gold aus Irland, den österreichischen Alpen oder aus Siebenbür- gen. Das begehrte Edelmetall wurde meistens in Form von Drahtspiralen getauscht. Dies hatte für die Händler vielleicht den Vorteil, daß sie das Gold am Arm unter der Kleidung versteckt tragen konnten. Nach den Funden aus Gräbern zu schließen, war Goldschmuck meistens Männern vorbehal- ten.

Der erwähnte Krieger von Harrislee (Kreis Schleswig-Flens- burg) besaß außer zwei goldenen Spiralfingerringen zwei goldene Haarlockenringe, die an einer Haarlocke der Schlä- fen befestigt waren. Goldene Haarlockenringe kennt man auch aus Gräbern von Gülzow (Kreis Herzogtum Lauen- burg), bei Flensburg (Fundstelle Margarethen- oder Nonnenberg), von Nebel auf Amrum in Schleswig-Holstein und von Stülow (Kreis Bad Doberan) in Mecklenburg-Vorpommern. In Flensburg steckte das verbogene Stück Golddraht noch am Haarschopf. Andere Männergräber enthielten goldene Locken-, Arm- und Fingerringe.

In seltenen Fällen trugen Frauen ein schmales goldenes Stirn- band („Diadem“) um den Kopf. Um ein solches Schmuck- stück könnte es sich bei dem gebogenen Goldband mit zwei Löchern an den Enden handeln, das aus einem Grabhügel bei Flensburg (Margarethenberg) geborgen wurde. Zum Halsschmuck der Frauen gehörten im frühen Abschnitt der nordischen älteren Bronzezeit breite, bandförmige Hals- kragen aus Bronze- und gelegentlich sogar aus Goldblech. An ihre Stelle traten später gedrehte oder glatte bronzene Halsringe. Außerdem legte man sich Ketten mit Bernstein- und Glasperlen sowie Bronzeschmuck als Anhängern um. Sowohl die Halskragen als auch die dünnen Halsringe wa- ren offen, damit man sie aufbiegen und um den Hals legen oder wieder abnehmen konnte.

In Mecklenburg-Vorpommern gab es bei den bronzenen Halskragen zwei Haupttypen, die sich durch ihre Rippen- verzierung unterscheiden. Bei einem Typ stehen die - mei- stens neun - Rippen in Längsrichtung eng beieinander. Da- gegen hat der andere Typ drei Rippenpaare in Längsrich- tung, die durch flache Zonen mit eingravierten Verzierungs- mustern unterbrochen werden. Aus Schwasdorf (Kreis Güstrow) in Mecklenburg-Vorpommern ist sogar ein golde- ner Halskragen bekannt.

Halsringe wurden meistens in Frauengräbern gefunden. Gar nicht selten legten sich Frauen mehrere unterschiedlich gro- ße Halsringe übereinander um den Hals. Bronzene Ösen- halsringe fanden sich nicht in Gräbern, sondern nur in De- pots. Offenbar hatten sie eine Funktion als Barren, wie das Depot von Nipmerow auf Rügen mit roh gegossenen For- men belegt. Nach Ansicht von Prähistorikern dienten die Ösenhalsringe als Schmuckgeld und wurden wohl am Kör- per getragen.

An den Halsketten prangten Bernsteinperlen von den Nord- friesischen Inseln und der Ostsee, importierte Glasperlen und bronzene Spiralröllchen als Anhänger. Bernsteinperlen sind aus Grabhügeln mit Baumsargbestattungen von Nebel und Norddorf auf Amrum bekannt. Spiralröllchen mit einem Durchmesser von vier Millimetern reihte man auf mehrere Fäden auf und erhielt somit eine prächtige Halskette.

Die Arme wurden häufig mit bronzenen Spiralen und massiven Ringen, seltener mit Manschettenringen aus Bronzeblech (auch Stulpen genannt) geschmückt. Offene Armringe kamen vor allem in Frauengräbern zum Vorschein. Dagegen lagen offene Manschettenarmringe nur in Depots von Mecklenburg-Vorpommern.

Unter den bronzenen Armspiralen gab es vor allem Stücke, deren Draht einen schmalen, dreieckigen oder spitzovalen Querschnitt aufweist. Sie haben etwa zehn bis zwanzig Win- dungen. Seltenere Spiralarmbänder aus breitem bandförmi- gen Draht dagegen besitzen nur zwei oder drei Windungen und enden vielfach an beiden Seiten in einer weiteren Spira- le. Außerdem verfügen sie über eine schmale Mittelrippe, die auf der einen Seite durch eine Punktreihe und auf der anderen durch ein gepunktetes Zickzackband begleitet wird. Auch für einen Teil der Spiralarmringe diente Golddraht als Material. Allein in einem Grabhügel von Nebel auf Amrum wurden aus zwei Gräbern je zwei goldene Spiralarmringe geborgen. In einem Fall steckten die Ringe dicht übereinan- der am gleichen Arm. Je zwei goldene Spiralarmringe lagen auch in einem Grab von Ahneby (Kreis Schleswig-Flens- burg), Ramstedt (Kreis Rendsburg-Eckernförde) und Utersum auf Föhr und je einer in Kampen und Tinnum auf Sylt.

Die massiven bronzenen Armringe sind meistens zu Ovalen geformt. Ihre Verzierungen bestehen aus Querkerben, Schräglinien, Winkeln, Dreiecken, Spitzovalen und Punktreihen an der Mittelkante.

Außer gedrehten bronzenen Armringen hat man auch gol- dene angefertigt, wie ein Exemplar aus dem Grabhügel 91 von Nebel auf Amrum veranschaulicht. Eines seiner Enden ist umgebogen, das andere läuft in zwei Spiralen aus. Auf den bronzenen Manschettenarmbändern wurden oft eng beieinanderstehende Rippen als Ornamentierung angebracht. Bei den bronzenen Fingerringen gab es spiralförmige und in sich geschlossene Reifen. Die Fingerringe aus dünnem Draht mit rundem oder ovalem Querschnitt haben nur wenige Win- dungen. Unter den in sich geschlossenen Reifen überwie- gen Exemplare mit bandförmiger Gestalt, die durch Längs- linien- oder Zickzackmuster verziert sind. Seltener sind ein runder oder rautenförmiger Querschnitt.

Auch die Spiralfingerringe wurden teilweise aus einfach oder doppelt gebogenem Golddraht geformt. In einem Grabhü- gel mit mehreren Bestattungen von Ruchow (Kreis Parchim) in Mecklenburg-Vorpommern wurden insgesamt vier gol- dene Spiralfingerringe und ein Goldfingerring entdeckt. Weitere Goldfingerringe kennt man von Neu Grebs (Kreis Ludwigslust) und von Slate (Kreis Parchim) in Mecklen- burg-Vorpommern.

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Details

Seiten
136
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783640105588
ISBN (Buch)
9783640111794
Dateigröße
4.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93450
Note
Schlagworte
Bronzezeit Archäologie

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Titel: Die nordische Bronzezeit