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Darstellung und Bedeutung der Naturphänomene in Goethes "Erlkönig"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsangabe

I. Einleitung

II. Die Ballade

III. Das Naturverständnis des Sturm und Drangs

IV. Der Erlkönig

IV.1. Die Quelle der Ballade
IV.2 Formale Analyse der Ballade
IV.3 Inhaltliche Analyse der Ballade unter Berücksichtigung der Naturphänomene
IV.4 Weitere Deutungsversuche

V. Schlussbemerkung

VI. Bibliographie

I. Einleitung

Es gab kaum einen Literaten, der solch eine Fülle an Ideen und Vorstellungen hatte, und der so viele Werke geschaffen hat wie Goethe. Herausragend sind seine Dramen und Romane, welche ihm europaweit Ruhm eingebracht haben. Aber auch seine lyrischen Arbeiten sind vielfältig und zahlreich. Besonders seine Balladen waren beim Publikum äußerst beliebt. Diese geben die gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklung des 18. Jahrhunderts wieder, die Goethe entscheidend mit beeinflusst hat.

In seinen Balladen war oft die Natur das Hauptthema. In dieser Hausarbeit versuche ich herauszuarbeiten, wie die Naturphänomene im Erlkönig dargestellt werden und welche Bedeutung sie haben. Dabei stütze ich mich meistens auf den Aufsatz von Gert Ueding: „Vermählung mit der Natur. Zu Goethes Erlkönig.“

Doch zunächst möchte ich einen Überblick schaffen über das Genre „Ballade“: Wann trat die Ballade das erste Mal in Erscheinung? Welche Arten gibt es? usw..

Dann wiederum werde ich das Gedicht selber in einen zeitlichen Kontext einbetten. Was für Naturauffassungen hatte man zur Zeit des Sturm und Drangs? Wie sah Goethe die Natur? Dies alles soll zum Verständnis der Ballade beitragen.

II. Die Ballade

Die Meinungen über die Herkunft des Begriffes „Ballade“ waren schon immer kontrovers. Viele vermuteten, dass sie vom Englischen Begriff „ballad“ abstammen würde, welcher übersetzt „eine volkstümliche Erzählung in Liedform“ bedeutet. Andere wiederum sahen die Herkunft in den romanischen Sprachen, so heißt Italienisch „ballare“ im Deutschen „tanzen“.

Erst im 18. Jahrhundert wurde der Begriff „Ballade“ in Bezug auf die Gattung eingegrenzt und als „Erzähllied“ gesehen.[1] Dies geschah seit dem Erscheinen von Bischof Thomas Percy's Sammlung „Reliques of ancients English Poetry“. Als diese Sammlung 1756 in Deutschland erschien, wurde die Ballade zu einem nach dem Vorbild von Volksdichtung geschaffenen, erzählenden Gedicht, welches sich durch den meist düsteren Inhalts auszeichnete.[2]

Es gibt viele verschiedenen Arten von Balladen. Goethe und Schiller entwickelten im Balladenjahr 1797 eine eigene Form der Ballade, die „Ideenballade“. Sie bildet formal und thematisch den absoluten Gegensatz zu der Form[3], die uns hier beschäftigen soll, die naturmagischen und numinosen Balladen. Diese waren (und sind immer noch) sehr selten in Deutschland vertreten. In diesen Balladen lenkt und bestimmt der Mensch nicht von sich aus, sondern verfällt einem mächtigeren Schicksal.[4] Erst im Sturm und Drang wurde diese Form der Ballade entdeckt. Ihr wichtigster Vertreter ist, neben Bürger, Goethe. In seinem „Erlkönig“ lebt sie aus dem Naturgefühl und der Stimmung des Sturm und Drangs.

Die Ballade ist bis in unsere heutige Zeit von Bedeutung, doch wurde ihre thematische Ausrichtung immer wieder verändert. So kamen im 19. Jahrhundert historische (Helden-)Balladen mit Themen, die vorwiegend dem Mittelalter entnommen wurden (wie z. B. L. Uhland: „Graf Eberhard der Rauschebart“). Auch neu waren biblische Themen, wie Heines „Belsazar“, oder Auseinandersetzungen mit sozialen Problemen (wie geschehen in Heines „Die schlesischen Weber“). Aber auch die moderne Technik wurde als Ansatzpunkt einer Ballade miteinbezogen. So schrieb Theodor Fontane „John Maynard“ und „Die Brück' am Tay“.[5]

Dann wiederum wurden historische Themen (frz. Revolution, G. Heym: „Robespierre“) entdeckt und in Balladen umgewandelt. Dies geschah zur Zeit des Expressionismus. Selbst Bertolt Brecht nahm sich dieser Gedichtsform an, um seiner Sozialkritik Worte zu verleihen.

Doch für diese Hausarbeit ist nur die naturmagische Ballade von Bedeutung, denn zu dieser Kategorie zählt man Goethes „Erlkönig“, und diese Ballade steht im Mittelpunkt des Interesses.

III. Das Naturverständnis des Sturm und Drangs

Bevor ich mit der Analyse der Ballade anfangen, möchte ich sie in einen zeitlichen Kontext einbetten und einen Zusammenhang zum Verständnis von Natur in dieser Zeit herstellen.

Vom Entstehungszeitpunkt her (1782), wird der „Erlkönig“ der Epoche des Sturm und Drang zugeordnet. In dieser Epoche hatte man andere Vorstellung von der Natur, als es in der späteren Klassik oder Romantik der Fall war.

Doch, ähnlich wie schon beim Begriff der Ballade, ist auch der Naturbegriff sehr problematisch. Denn die Natur wird nicht einfach als das Gute charakterisiert, welches der schlechten Gesellschaft gegenübersteht, sondern eher als ein Ganzes, welches die „fatalen bürgerlichen Verhältnisse überwinden hilft“(Werther).[6]

Im Sturm und Drang kam ein neuer Naturoptimismus und -idealismus auf. Die Natur, wie schon bereits angesprochen, wurde nicht nur als positiver Gegenpol zur konventionellen Gesellschaft gesehen, sondern auch die negativen Eigenschaften der Natur wurden thematisiert. Klar ausgedrückt bedeutet dies, dass Naturerscheinungen nicht nur die Bewunderung ausgedrückt haben. So haben die Stürmer und Dränger auch die unberechenbaren und gewalttätigen Elemente dargestellt.

Die Grundlage für das Naturverständnis des Sturm und Drangs stammte von dem französischen Philosophen Jean-Jaques Rousseau. Er hielt den Menschen für ein von Natur aus gutes Wesen, welches allein durch die Zivilisation verdorben wird. Durch die Gefühle aber kann das Individuum die verloren gegangene Natürlichkeit wiedererlangen. Nur wenn man der Natur wieder versucht nah zu sein und sich ihr annähert offenbart sich Gott dem Menschen: „Die rührend erhabene Mutter Natur wird abgelöst von einer Natur, die von göttlicher Macht beseelt ist.“[7] Der Mensch erkennt die wahre Natur wieder an ihrer ursprünglichen, kraftvollen Einzigartigkeit.[8]

Für Goethe selber bildete das Leben die Voraussetzung für die Entwicklung der Natur und für das wissenschaftliche wie auch poetische Begreifen ihrer Formgestaltung.[9] Während seiner Zeit in Straßburg empfand er die Natur als „grau, cimmerisch, totenhaft“. „Ihn beängstigte (im Werther) die verzehrende Kraft in der Natur, wodurch sich diese als ein ewig verschlingendes, ewig wiederkäuendes Ungeheuer bekundet.“[10] Dann wiederum schrieb Goethe 1782/83 im Tiefurter Journal: „Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen -unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen. Sie erschafft ewig neue Gestalten; was da ist war noch nie, was war kommt nicht wieder [...] Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben und macht sich nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer und ihre Werkstätte ist unzugänglich. Sie lebt in lauter Kindern, und die Mutter, wo ist sie?[11] Hieran kann man erkennen wie ambivalent Goethe die Natur gesehen hat. Er vereinigte positive Merkmale mit negativen, wie er z. B. Das Wort „umschlungen“, welches mit Liebespaaren und Geborgenheit assoziiert wird, mit „unvermögend, aus ihr herauszutreten“ verband, welches einen Zwang darstellt. Goethe sah die Natur als eine widersprüchliche Kraft, die versucht persönlich zu sein, um gleichzeitig Distanz zu schaffen, und die versucht mit aller Macht sich den Mensch gefügig zu machen. Weiter schrieb er: „Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen durch die sie fühlt und spricht. Ihre Krone ist die Liebe. Nur durch sie kommt man ihr nahe. Sie macht die Klüfte zwischen alle Wesen und alles will sie verschlingen.“ [12] Gert Ueding sieht in diesem Zitat eine Paraphrasierung vom „Erlkönig“: Fremdheit, unendliche Distanz zur Natur und gleichzeitig unauflösbare Bindung an sie bestimmen das Verhältnis des Menschen zu ihr.“[13]

Man kann also die Doppeldeutigkeit des Naturverständnisses des Sturm und Drangs wie folgt ausdrücken: „die leuchtende und glühende, die allheilende und leitende Natur; [...] die erahnt und gefühlt werden will, die als ewig keimende und schöpferische zugleich ewig zertrümmernde und zerstörende ist, lebendiges Buch, Urquell, übermächtige Mutter.“[14]

[...]


[1] Metzler-Literatur-Lexikon. Begriffe und Definitionen/ hrsg von Günther u. Irmgard Schweikle. -2., überarb. Aufl.-Stuttgart: Metzler, 1990. S.37

[2] Alfred C. Baumgärtner. Ballade und Erzählgedichte im Unterricht. S. 6

[3] Metzler-Literatur-Lexikon. S.37

[4] Zitat von Kayser in: Gert Ueding: Vermählung mit der Natur. Zu Goethes Erlkönig. S. 99

[5] Metzler-Literatur-Lexikon. S.37

[6] Sven Aage Jorgensen u.a.. Aufklärung, Sturm und Drang, frühe Klassik. S. 428

[7] Goethe-Handbuch, Bd.1: Gedichte. Hrsg. von Regine Otto und Bernd Witte. S. 62

[8] Wolf Wucherpfennig. Geschichte der deutschen Literatur. S. 95

[9] Herman Siebeck. Goethe als Denker. S. 74

[10] Ebd.. S. 75

[11] Zitat aus Gert Ueding. Vermählung mit der Natur. Zu Goethes Erlkönig. S. 99f

[12] Zitat aus Gert Ueding. Vermählung mit der Natur. Zu Goethes Erlkönig. S. 100

[13] Gert Ueding. Vermählung mit der Natur. Zu Goethes Erlkönig. S. 100

[14] Goethe-Handbuch. S. 62

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638067423
ISBN (Buch)
9783638954341
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93452
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar
Note
2,5
Schlagworte
Darstellung Bedeutung Naturphänomene Goethes Erlkönig Lyrik Goethe

Autor

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