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Geschichtsschreibung im historischen Roman

Eine gattungs- und strukturanalytische Darstellung zum Romanfragment "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar" von Bertolt Brecht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Gründe für die Verwendung der Gattung historischer Roman

2. Strukturanalyse - Geschichtsschreibung als Hauptthema des Caesarromans

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Roman Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar ist Fragment geblieben. Dem Leser liegen drei vollständige Bücher vor, Buch Nummer vier ist nur zur Hälfte fertig geworden. Der Caesarroman war eigentlich auf sechs Bücher konzipiert.

Die Gründe hierfür liegen höchstwahrscheinlich einmal in dem Tod Margarete Steffins, die die wichtigste Mitarbeiterin Brechts - vor allem in der Prosa – war und die das Projekt von Anfang an mitgetragen und vermutlich auch mitgeschrieben hat. Sie starb im Juni 1941 auf der Flucht.[1]

Zum anderen aber möglicherweise auch im Unverständnis einiger Intellektueller dem Roman gegenüber. So notierte Brecht in sein Arbeitsjournal:

Benjamin und Sternberg, sehr hochqualifizierte intellektuelle, haben es [das zweite Buch] nicht verstanden und dringend vorgeschlagen, doch mehr menschliches interesse hineinzubringen, mehr vom alten roman![2]

Über die Entstehungsgeschichte des Romanfragments sollen in dieser Hausarbeit keine weiteren Worte verloren werden. Dies kann man in vielen anderen Darstellungen nachlesen.[3] Mir geht es zum einen darum, die Gründe zu untersuchen, die Brecht dazu bewogen haben mag, ausgerechnet die Gattung „historischer Roman“, denn als solcher versteht sich der Caesarroman, aufzugreifen. Damit lässt sich auch die Frage beantworten, warum Brecht gerade nicht – wie von Benjamin und Sternberg vorgeschlagen - einen „alten“, d.h. einen aristotelischen Roman schreiben, ja nicht einmal Elemente dessen verwenden wollte.

Zu zweiten soll auf die Struktur des Romanfragments eingegangenen werden.

Die Forschung bietet verschiedene Sehweisen auf den Caesarroman an: Die früheste Arbeit von Niekisch (erstmals veröffentlicht 1949) deutet das Fragment als Entmythologisierung der geschichtlichlichen Hauptfigur aus der Kammerdiener-perspektive, womit die Absicht verbunden sei, ein historisch-objektives Caesarbild zu vermitteln.[4] Grözinger dagegen verurteilt den Caesarroman als „eine marxistische Fleißaufgabe, durch die sich auch der geneigteste Leser nur mit Mühe durcharbeitet“[5], ebenso wie Haas, der ihn als den „ödesten und einfallslosesten Aufklärungstraktat“[6] bezeichnet.

Farner dagegen deutet das Fragment – zwar ohne genaue Einzelinterpretation – als Zerstörung des Schemas von der geschichtsbildenen Kraft der Einzelpersönlichkeit.[7]

Diese Auswahl früherer Interpretationen erfassen den Caesarroman gar nicht oder nur peripher. Der erste tiefgreifende Versuch findet sich in Witzmanns Monografie „Antike Tradition im Werk Bertolt Brechts“.[8] Allerdings behält er das von Niekisch vorgeschlagene Schema des Kammerdieners bei, doch untersucht er eingehend das Konzept des Roman, dessen geschichtliche Perspektive sowie Brechts Verhältnis zu den Quellen und der Geschichtsschreibung und die Anlage der Gestalt Caesars. Dahlkes Darstellung[9] behandelt ebenfalls die verwendeten Quellen, geht auf die Entstehungsgeschichte ein und untersucht ausführlich den historischen Roman im Exil. Bei der Interpretation erkennt sie schon in Ansätzen die Entwicklungstendenzen des Ich-Erzählers.[10]

Doch erst innerhalb K.-D. Müllers Arbeit[11] wird das Fragment adäquat interpretiert: So zeigt sie den Erkenntnisprozess des Erzählers sowie Brechts Auseinandersetzung mit der Geschichtsschreibung, die das Hauptthema des Caesarromans stellt, auf. Die folgenden Arbeiten verfeinern diese „Grundinterpretation“, beleuchten aber auch eingehend andere Aspekte des Fragments, so die – in Anmerkung 3 zitierten - Monografien eben dieses Müllers, des „Brecht Handbuch“- Schreibers Knopf, Jeskes sowie der Aufsatz H. Müllers[12].

Noch eine formale Erläuterung: Textstellen aus dem Romanfragment Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar werden mit in Klammern gesetzter Seitenzahl zitiert. Sie sind der Suhrkampausgabe Brecht, Bertolt: Gesammelte Werke in 20 Bänden, Bd. 14: Prosa 4, Frankfurt am Main 1967 entnommen. Alle weiteren Zitate und Paraphrasen erfolgen in Fußnoten.

1. Die Gründe für die Verwendung der Gattung Historischer Roman

Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 floh Brecht ins dänische Exil. Zuflucht fand er zuerst in Kopenhagen, später dann in Skovsbostrand bei Svendborg an der Küste der dänischen Insel Fünen. Von da aus, nahe an der deutschen Grenze und mit Hoffnung bald wieder in sein Heimatland zurückkehren zu können, verfolgte er die Entwicklung in Deutschland. Auch unterstützte er künstlerisch und politisch den antifaschistischen Kampf der deutschen Exilierten. So wurde der Aufenthalt in Dänemark zu einem der produktivsten Abschnitte seines Lebens. Doch von allem, was er bei seiner Flucht aus Deutschland zurücklassen musste, schmerzten ihn die verlorenen Bühnenverbindungen am meisten. Denn die Aussichten im Ausland ein Theater mit deutschsprachigen Publikum zu finden, wo man sich zu Experimenten mit seinen Stücken unter seiner Regie bereitfinden würde, waren sehr gering. Obwohl es Brecht gelang, Kontakte mit dem Theater in Kopenhagen aufzunehmen und auch in Frankreich oder der Schweiz hin und wieder eins seiner Stücke unterbringen konnte, so muss man für seine Exilzeit konstatieren, dass ihm das Versuchsfeld Bühne versperrt blieb.[13]

So verschieben sich in den 30-er Jahren im literarischen Praxisfeld die Gattungspräferenzen. Brecht wendet sich verstärkt dem Roman zu. 1934 erschien der Dreigroschenroman und zwischen 1938 und 1940 arbeitete Brecht an dem Caesarroman und dem Tuiroman, die beide Fragment geblieben sind.

Romane gaben dem exilierten Schriftsteller die Möglichkeit, wenn auch nicht sehr große, so doch wenigstens gewisse deutschsprachige Leserkreise zu erreichen und bei eventuellem Erfolg durch den Verkauf von Übersetzungsrechten einiges zu verdienen. „Unter solchen Bedingungen waren es, neben dem Wunsch gehört zu werden, hauptsächlich wohl materielle Erwägungen, die Brecht […] veranlassten, alle größeren dramatischen Vorhaben vorläufig zurückzustellen und sich fürs erste stärker epischen Versuchen zuzuwenden.“[14]

Damit war Brecht nicht allein. Eine der Reaktionen der deutschen Exilliteratur auf das Hitlerregime bestand in der auffälligen Hinwendung vieler Schriftsteller zum historischen Roman. Die romanhafte Darstellung von geschichtlichen Ereignissen und Personen schien ein gut geeignetes Mittel, die notwendige Auseinandersetzung mit dem Geschehen in Deutschland zu führen. Freilich bewegten die meisten Exilliteraten die Fragen, wie es zur Machtübernahme Hitlers kommen konnte, welche Art von Macht die faschistische Diktatur überhaupt darstellte und mit welcher Zukunft das Hitlerregime zu rechnen hätte.[15]

Und nicht zuletzt versuchten die Wortführer des Dritten Reiches die deutsche Geschichte nationalistisch umzufälschen. Hitler wurde als die Wiederkehr Karls des Großen und Friedrichs des Großen bezeichnet[16] und die Machtübernahme von 1933 als „wahre deutsche Revolution“ stilisiert. Dies zwang die deutschen Hitlergegner sich gründlicher und kritischer mit Geschichtsproblemen auseinander zu setzen, als vor 1933. Der historische Roman bot außerdem die Möglichkeit, „vergleichbare historische Geschehnisse und Gestalten oder auch Gegenbeispiele zur Hitlerdiktatur zu vergegenwärtigen und damit die Vorgänge in Deutschland in andere geschichtliche Verlaufs- und Vergleichsketten einzureihen, als die Faschisten der Welt einzureden bestrebt waren.“[17]

Die deutsche Exilliteratur umfasst vielfältige Bemühungen in dieser Hinsicht. So hielt Lion Feuchtwanger auf dem Internationalen Schriftstellerkongress 1935 in Paris einen Vortrag über das Thema Vom Sinn und Unsinn des historischen Romans. Im selben Jahr erschien der zweite Band der Josephus-Triologie Die Söhne. In der Trilogie spielt der jüdische Historiker Flavius Josephus die Hauptrolle, der unter den römischen Kaisern Vespasian, Titus und Domicitian zu wirken sucht. 1936 veröffentlichte Feuchtwanger den Falschen Nero, dessen Anspielungen auf Hitler unverkennbar sind. Alfred Neumann versuchte sich an einer Trilogie, die Aufstieg und Fall des zweiten französischen Kaiserreiches zum Inhalt hat. Deren zweiter Band Das neue Kaiserreich erschien ebenfalls 1936. Darin agiert Louis Bonaparte, ein schäbiger Intrigant und Usurpator, der sich vergebens nach Rolle und Ruhm des großen Napoleons streckt. Alfred Döblin arbeitete an der Trilogie November 1918, deren erster Band Bürger und Soldaten 1938 erschien. Döblin setzt sich hier mit den Vorgängen der Novemberrevolution auseinander, um die Fehlentwicklung der Weimarer Republik von ihren Anfängen her begreiflich zu machen. Auch beteiligte er sich an der theoretischen Debatte. So erschien im Oktober 1936 sein Essay Der historische Roman und wir. Georg Lukács schloss 1938 seine umfangreiche Monografie Der historische Roman ab. Heinrich Mann entwarf mit seinen Romanen über Henri Quatre, Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre, die 1935 bzw. 1938 erschienen, ein groß angelegtes Gegenbild zur Hitlerherrschaft. Auch Thomas Manns Tetralogie Joseph und seine Brüder kann im Zusammenhang historischer Roman im Exil genannt werden.[18]

Diese gestraffte Überblicksdarstellung vermittelt nur einen kurzen Eindruck über die zeitliche und räumliche Vielfalt der gestalteten geschichtlichen Stoffe. Doch lassen sich auch Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Werken feststellen. So weisen fast alle - von wenigen Ausnahmen abgesehen - personalisierte Geschichtsauffassungen auf. „Kaum eine der Geschichtsgestaltungen des Exils […] ist völlig frei von der idealistischen Vorstellung, dass Männer die Geschichte machen.“[19]

In diesen Geschichtsromanen dominiert Moralisches und Psychologisches. Selbst differenzierte Behandlungen nähern sich diesen Männern vornehmlich über deren Charakterbild. Und in den Charakteren werden ihre Motive des öffentlichen Handelns und ihre Geschichtswirksamkeit gesucht. So dann werden die welthistorischen Individuen anhand individual-moralischen Kriterien mit gut und böse bewertet oder zumeist als Menschen, in denen gute und böse Veranlagungen miteinander streiten.[20]

So betont Dahlke zu recht, dass „die literarische Auseinandersetzung mit dem Faschismus auf dem Felde der Historie [..] ihre kritische Kraft […] im wesentlichen aus moralischer Empörung und nur zum geringen Teil aus wissenschaftlicher Geschichtserkenntnis“[21] schöpfte.

[...]


[1] Vgl. Knopf, Jan: Brecht Handbuch. Lyrik, Prosa, Schriften. Eine Ästhetik der Widersprüche, Stuttgart 1984, S. 371.

[2] Brecht, Arbeitsjournal 1938-1955, 3 Bde., hg. von Werner Hecht, Frankfurt am Main 1973, S. 42.

Dass die beiden, Sternberg und Benjamin, seinen Roman nicht verstanden haben, ist nur eine Vermutung Brechts. Für Benjamin jedenfalls kann man sagen, dass er vom Caesarroman (als dieser zur Hälfte fertig war), kaum etwas gelesen hatte, weil er selbst literarisch tätig war, so dass ihm „jede Art von Lektüre unmöglich war.“ Benjamin an Theodor W. Adorno, Brief vom 4.10.1938. In: Benjamin, Walter: Briefe 1 und 2, hg. u. m. Anm. vers. von Gershom Scholem und Theodor W. Adorno, Frankfurt am Main 1978, Bd. 2, S. 778, Nr. 304.

[3] So zum Beispiel in knapper Form bei Müller, Klaus-Detlef: Brecht Kommentar zur erzählenden Prosa, München 1980, S. 236-238, Knopf, Brecht Handbuch, S. 370-371 oder sehr ausführlich bei Jeske, Wolfgang: Bertolt Brechts Poetik des Romans, Frankfurt am Main 1984, S. 218- 226.

[4] Vgl. Niekisch, Ernst: Heldendämmerung. In: Jeske, Wolfgang (Hrsg.): Brechts Romane, Frankfurt am Main 1984, S. 345-358.

[5] Grözinger, Wolfgang: Bert Brecht zwischen Ost und West. In: Hochland 43 (1950/51), S. 85.

[6] Haas, Willy: Bert Brecht, Köpfe des XX. Jahrhunderts, Bd. 7, Berlin 1958, S. 92.

[7] Vgl. Farner, Konrad: Bertolt Brecht zu Gedenken. (=Aufbau 12), Berlin 1956, S. 767ff.

[8] Witzmann, Peter: Antike Tradition im Werk Bertolt Brechts, Berlin 1964.

[9] Dahlke, Hans: Cäsar bei Brecht. Eine vergleichende Betrachtung, Berlin Weimar 1968.

[10] Vgl. Dahlke, Cäsar bei Brecht, S. 157-159.

[11] Müller, Klaus-Detlef: Die Funktion der Geschichte im Werk Bertolt Brechts. Studien zum Verhältnis von Marxismus und Ästhetik, 2. Auflage, Tübingen 1972, S. 96-142.

[12] Müller, Harro: Anmerkungen zu Brechts historischem Roman „Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar“. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 104 (1985), S. 588-607.

[13] Vgl. Dahlke, Cäsar bei Brecht, S. 91-92.

[14] Dahlke, Cäsar bei Brecht, S. 93.

[15] Vgl. Dahlke, Cäsar bei Brecht, S. 94.

[16] Vgl. Müller, Anmerkungen zu Brechts historischem Roman, S. 594.

[17] Dahlke, Cäsar bei Brecht, S. 95.

[18] Vgl, Dahlke, Cäsar bei Brecht, S. 95-98.

[19] Dahlke, Cäsar bei Brecht, S. 100.

[20] Vgl. Dahlke, Cäsar bei Brecht, S. 100-101.

[21] Dahlke, Cäsar bei Brecht, S. 101-102.

Details

Seiten
27
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638068741
ISBN (Buch)
9783640131310
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93559
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Germanistik
Note
1,5
Schlagworte
Geschichtsschreibung Roman Antikerezeption Lyrik Prosa Drama

Autor

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Titel: Geschichtsschreibung im historischen Roman