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Techno. Die Bedeutung von Jugendkultur in der Jugendphase.

Diplomarbeit 2007 138 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einleitung

3. Die Lebensphase Jugend
3.1. Zur Differenzierung des Lebensabschnitts Jugend
3.2. Historischer Rückblick
3.3. Körperliche Veränderungen im Jugendalter
3.3.1. Größenwachstum und Entwicklung der Geschlechtsreife
3.3.2. Psychische Folgen der Pubertät
3.4. Kognitive Entwicklung im Jugendalter
3.4.1. Das formallogische Denken
3.4.2. Auswirkungen der kognitiven Entwicklung
3.5. Individuation im Jugendalter
3.6. Sozialisation im Jugendalter
3.6.1. Die Familie als ambivalente Bezugsgruppe
3.6.2. Die Peer-Group und ihre Funktion
3.6.3. Die Schule als instrumentalisierter Lebensbereich
3.6.4. Schulische Ausbildung und Berufsausbildung
3.7. Jugend zu Beginn des 21. Jahrhunderts
3.8. Jugendkulturen

4. Technokultur als Jugendkultur
4.1. (Elektronische-) Musikgeschichte
4.1.1 Entwicklung der Technomusik
4.1.2. Chicago
4.1.3. Detroit
4.1.4. Ibiza
4.1.5. Goa
4.1.6. England
4.1.7. Deutschland 54 Die Bedeutung von Jugendkultur in der Jugendphase am Beispiel "Techno"
4.2. Produktion und Rezeption von “Techno”
4.2.1. Produktion
4.2.1.1. Der Produzent der “Techno”-Musik
4.2.1.2. Zur Funktion des DJs
4.2.2. Rezeption
4.2.2.1. Clubs und Clubkultur in Deutschland
4.2.2.2. Raves und Rave-Kultur in Deutschland
4.3. Drogenkonsum in der Techno Party Szene
4.3.1. Begriffsbestimmungen
4.3.1.1. Party-Drogen
4.3.1.2. Designer-Drogen
4.3.2. Charakteristik der gebräuchlichsten Party-Drogen
4.3.2.1.Amphetamine
4.3.2.2. Ecstasy
4.3.3. Verbreitung und Häufigkeit
4.3.4. Begründungen für den Konsum von Drogen
4.3.5. Risikowahrnehmung und Bewältigungsstrategien

5. Sozialarbeit in der (Sub-) Kultur
5.1. Praxisfeld Jugendsozialarbeit
5.1.1. Pädagogik der offenen Situation
5.1.2. Personales Angebot-Sachangebot-reflektierte Gruppe
5.1.3. Erfahrungsorientierte Ansätze
5.1.4. Erlebnisorientierte Ansätze
5.2. Praxisfeld Jugendkulturarbeit
5.3. Praxisfeld Suchtprävention
5.3.1. Primäre Prävention
5.3.2. Sekundäre Prävention
5.3.3. Tertiäre Prävention
5.4. Vorstellung einzelner Projekte
5.4.1. Das Safer House Konzept: Die Idee vom gesunden Feiern
5.4.2. Drugchecking und Harm Reduction
5.4.3. Vorstellung des Projekts Eve & Rave e.V
5.5. Auswirkungen in der Sozialarbeit 98 Die Bedeutung von Jugendkultur in der Jugendphase am Beispiel "Techno"

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang
8.1. Begriffsbestimmungen
8.2. Abbildungen
8.3. Bilder
8.4. Bildernachweis

1. Vorwort

Die Geschichte von Klaus

Klaus ist neunzehn Jahre alt, ein Außenseiter. Vor zwei Jahren hat er seine Aus- bildung wegen Alkoholproblemen abgebrochen. Das Leben hat er nicht mehr aus- gehalten, abends soff er mit seinen Kumpels “wie ein Loch”, am nächsten Morgen kam er nicht mehr aus dem Bett. Klaus ist auf der Technoszene unterwegs, Geld verdient er mit kleinen Drogendeals. Diese Idee kam ihm vor gut einem Jahr, als er seine erste XTC probierte: “Durch die Erfahrung mit der Pille”, sagt er, “muss ich mich nicht mehr jeden Tag mit Alk zudröhnen. Ich nehme wohl jetzt andere Drogen wie Speed und XTC und kiff' halt, wie alle, aber eben nur am Wochen- ende. Alkohol ist mir nicht mehr wichtig. Es gibt ja was Besseres.” Das Bessere war für Klaus der Umgang mit den Leuten. Er gewann auf der Technoszene neue Freunde, die, wie er sagt, nicht “so dumpf” waren wie sein alter Bekanntenkreis. Ewig will er seinen Lebensunterhalt nicht mit der Kleindealerei bestreiten, aber etwas Konkretes hat er noch nicht im Sinn. (Böpple/Knüfer, 1998 S.133)

Mischas Seele

Mischa, ein 27jähriger Ingenieur, zweifelte an den Grundfesten seines Lebens, bevor er seine erste Technoparty besuchte: “Ich war total verwirrt. Ich studierte und sah doch, dass das Leben, das mich erwartete, ganz und gar nicht meinen Vorstellungen entsprach. Das lag nicht an meinem Studium, sondern an der Be- rufswelt, die mich erwartete. Wenn ich einen Job habe, kann ich dann sagen, dass ich ein Leben habe? Oder ist ein Job die meistverbreitete Form von Schizophre- nie? Mich hat es angewidert. Ich wollte meine Seele behalten.” Die Suche nach seinem Selbst habe ihn umgetrieben: “Meine erste Party erlebte ich nach dem Fall der Mauer in einem alten Kohlekraftwerk. Als ich die Halle betrat und die Leute zu dieser wahnsinnig lauten Musik wie wild tanzen sah, sagte ich zu meinem Freund: “Genauso habe ich mir die Hölle vorgestellt!”“ Nach seinen ersten Reisen in die neue Partywelt fing Mischa an, mit Drogen zu experimentieren, obwohl er großen Respekt davor hatte, wie er sagte. Er probierte XTC: “Die Trips mit XTC erhöhten meine Selbstwahrnehmung. Ich erreichte ei- nen tranceartigen Zustand, ohne mich ganz darin zu verlieren. Niemals habe ich eine tiefere Introspektion als auf der Tanzfläche erlebt. Manchmal geriet ich in paranoide Zustände, und ich fragte mich immer, ob es die Droge war, die das er- zeugt, oder ob die Droge nur bereits vorhandene Gefühle intensiviert. Aber ich fand darin eine Erklärung für mich und meine Situation, und da blieb die Gesellschaft im Ganzen nicht außen vor. Ich kapierte, dass ich die Gesellschaft, wie sie sich mir darstellte, nicht wollte. Ich wollte vor allem Mensch bleiben.” Auf die Erfahrungen, die er gemacht hat, sieht er mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück: “Ich habe eine tolle Zeit gehabt, aber grundsätzlich bin ich ganz schön wütend geworden. Das war natürlich keine schlechte Sache. Aber wenn du eine Antwort darauf gesucht hast, was zu tun ist, war das zu wenig.” Heute geht er noch gelegentlich auf Parties. Drogen nimmt er nur noch selten. Es sei eine wichtige Erfahrung für ihn gewesen, sagt er, und eine Bereicherung für sein Leben. Die gesellschaftliche Drogenhysterie kann er heute nicht mehr ernst nehmen: “Das macht mehr aus den Drogen, als sich tatsächlich dahinter verbirgt. Man sollte damit viel gelassener umgehen.”

(Böpple/Knüfer, 1998 S.145 - 146)

Du hast Drogen genommen

Sein Geist schwebte und amüsierte sich. Er war drüber, jenseits von Gut und Böse, an einem Samstagvormittag. Der Juli war so heiß wie nie zuvor. Wir waren auf dem Weg in ein Strandbad, und er redete ununterbrochen. Um acht Uhr hatte er mich aus dem Schlaf geklingelt, unnachgiebig, als ich nicht gleich öffnete. “Ich erlebe eine begrenzte Zeit geistiger Gesundheit, die du mit mir teilen solltest”, behauptete er, als er in die Wohnung stürmte. “Soso”, murmelte ich und rieb mir den Schlaf aus den Augen. “Das ist ein Geschenk, und ich weiß nicht, wie lange es noch anhält. Komm wir fahren baden.”

“Mein Gott, es ist acht Uhr... ich habe gerade mal vier Stunden geschlafen.” “Na das dürfte ja wohl genügen!”

Jede Gegenwehr war zwecklos. Ein paar Minuten später saß ich in seinem Auto, und er redete und redete. “Ich fühle mich einmalig”, sagte er. Als wir an einer Ampel standen, lächelte er einem Ehepaar, vielleicht Mitte fünfzig zu. Sein Lächeln wirkte ansteckend. Sie grinsten breit und winkten ihm zu. “Du hast Drogen genommen!”

“Drogen, Drogen, nenn es , wie du willst! Ich nenne sie Smart Pills! Mein Kopf funktioniert, das ist alles. Ich bin den ganzen anderen Mist los, über den ich mir sonst den Kopf zerbreche. Das ist eine Frischzellenkur. Vor meinem inneren Auge löst sich das Labyrinth aller menschlichen Gedanken auf. Irrtum ausgeschlossen! Bin froh, dass ich diese Probleme los bin. Alles Quatsch, alles Blödsinn! Die wer- den gerade von einem einzigartigen kosmischen Strudel verschluckt.”

“Du hast Drogen genommen.”

“Alles ist Bewusstsein. Der Geistesblitz der Erkenntnis währt nur eine Zehntelse- kunde lang und fasziniert die menschliche Kreatur so sehr, dass sie glaubt, darin eine Wahrheit zu erkennen, die mehr erklären kann als nur sich selbst. Der Geis- tesblitz ist der Moment geistiger Gesundheit, und die Verführung besteht dann, anzunehmen. Dass geistige Gesundheit über den einen hellen Moment hinausgeht.”

“DU HAST DROGEN GENOMMEN!”

“Ja hab'ich! Sollen wir anhalten, damit du meine Mutter anrufen kannst? Ich

schwör'dir, sie glaubt dir kein Wort, und nach deinem Anruf macht sie sich Sorgen! Das willst du doch nicht, oder?

“Ich finde dich ekelhaft pragmatisch.”

“Na, dann ruf meine Mutter an! Dann kannst du mal hören, was Pragmatismus ist.”

(Böpple/Knüfer, 1998 S.47 - 48)

2. Einleitung

Die Jugendphase ist ein Abschnitt im Leben jedes Einzelnen von uns. Jeder Mensch durchlebt diese Zeit anders. Während die einen ungehindert ihren Weg durch diese Phase finden und gehen, bleiben andere stehen, gehen Umwege und benötigen viel Kraft, um diesen Abschnitt bewältigen zu können. Was bedeutet es, ein Jugendlicher zu sein? Wo liegen die prägnanten Schwerpunkte in dieser Lebensphase? Welches sind die primären Sozialisationsinstanzen in dieser Zeit? Wie ist die Jugend im 21. Jahrhundert? Und was macht eine Jugendkultur aus, vor allem in Bezug auf die Musikrichtung Techno?

Die Entwicklungen der Technokultur in Deutschland legt ihren Schwerpunkt vor allem auf die Darstellung der Zentren der Technobewegung. Für eine historische Rekonstruktion des Phänomens “Techno” ist es aber unumgänglich, die historisc- hen Entwicklungen auch außerhalb Deutschlands miteinzubeziehen, d.h. die Musikkulturen aus “Disco”, “Chicago” und “Detroit”, sowie “Ibiza”, “Goa” und “England”, die ich als Vorläufer und prägnante Entwicklungsfelder dieses Phänomens ansehe. An diese historische Rekonstruktion knüpft sich thematisch die Analyse der Produktion und Rezeption von Techno. Als zentrale Figur in der Produktion musikalischen Materials sehe ich die DJs. Bei dem Aspekt der Rezept- ion von Techno-Musik lege ich den Schwerpunkt der Analyse auf die Veranstalt- ungsorte, an denen diese vornehmlich rezipiert wird, d.h. der Club und der Rave. Nicht auszuschließen, und vor allem gerade in der Technoszene verbreitet, ist der Konsum von Drogen.

Technoanhänger sind keine gesellschaftlichen Aussteiger, sondern vielmehr ein integrierter Bestandteil unserer Gesamtgesellschaft im Informations- und Kommunikationszeitalter des 21. Jahrhunderts. War Techno Anfang der Neunzig- er noch eine exotische Randerscheinung, so wandelte es sich im Laufe der Jahre zu einem der stilprägendsten Trends in der Geschichte der Popmusik. Zwischenzeitlich hat sich die Konsumindustrie auf die Technokultur eingestellt und deren stilprägende Elemente in ihre Markt- und Werbestrategien implentiert, um den Zugang zu der jungen, kaufkräftigen und konsumfreudigen Gruppe der Techno-Fans sicherzustellen. Die Technomusik hat nicht nur Einzug in jugendorientierte Radiosendungen, sondern auch in die urbane Geräuschkulisse der Kaufhäuser und Einkaufsstraßen unserer Großstädte gefunden. Techno gehört heute wie selbstverständlich zur Fernsehwerbung für verschiedenste Produkte: von der Biersorte über die Schokolade bis zum Elektronik-Supermarkt wird mit Hilfe des Techno-Stils um die Gunst der Zuschauer und -hörer geworben.

Der letzte Themenpunkt beschäftigt sich vor allem mit der Sozialen Arbeit in der Jugendkultur Techno. Hierbei ist vor allem die Frage, in welchen Arbeitsfeldern soziale Arbeit tätig ist. Welche Projekte im Bereich der Drogenarbeit gibt es in dieser Jugendkultur? Erreichen die Angebote die Jugendlichen?

Und nicht zu vergessen, welche Bedeutung hat die Jugendkultur Techno in der Jugendphase, und was ist so besonders daran? Wie kann auf der professionellen Seite der Sozialen Arbeit angemessen interveniert werden? Es geht vor allem um den Spagat, den ein Sozialarbeiter zu leisten, hat zwischen Jugendsozialarbeit, Jugendkulturarbeit und Suchtprävention.

Zur Vermeidung umständlicher Formulierungskonstruktionen wurde in den meis- ten Fällen die männliche Form als Synonym für männliche und weibliche Person- en verwendet, da diese Schreibweise als kürzer und besser lesbar gehalten wird.

3. Die Lebensphase Jugend

Jeder Mensch kennt diese Lebensphase und hat “Erinnerungen, Vorstellungen, Beobachtungen zum Phänomen Jugend” (Göppel, 2005 S.1), da jeder in dieses Lebensalter kommt und “dieses Lebensgefühl, diese Lebenslage erfahren und durchlebt hat.” (Göppel, 2005 S.1) “Die Entwicklung im Jugendalter ist eine Phase innerhalb des Lebenszyklus, die (...) zur Quelle vielfältiger Erfahrungrn wird.” (Oerter/Dreher, 1998 S.310) Zu dem Begriff Jugend stellen sich den meist- en, die diese Phase durchlebt haben spontane Assoziationen ein. “Ärger mit Pick- eln, Stimmungsschwankungen, Schwärmereien für Popstars, Zoff mit den Eltern, Spaß in der Clique, erste sexuelle Erfahrungen, etc.” (Göppel, 2005 S.1) Somit ist diese Entwicklungsphase nicht immer eine positive Zeit. Für viele Heranwachsen- de ist diese Lebensphase mit Problemen verbunden. (vgl. Oerter/Dreher, 1998 S.310) “Im Alltagsdenken wird Jugend oft mit Erwachsenwerden assoziiert. Glob- al betrachtet ist damit eine Übergangsphase gemeint, die zwischen Kindheit und Erwachsenenalter liegt.” (Oerter/Dreher, 1998 S.310)

“Wie alle Lebensphasen ist auch die “Jugend” nicht allein biologisch definiert, sondern durch kulturelle, wirtschaftliche und generationsbezogene Faktoren beeinflusst, welche die Ausdehnung und das Profil dieses biographischen Abschnitts im Lebenslauf gestalten. (...) Sozialgeschichtliche Untersuchungen weisen nach, dass sich die Bedeutung der Unterscheidung von Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben im Verlauf der historischen Entwicklung erheblich verändert hat.”(Hurrelmann, 2005 S.13)

Es werden immer weniger Kinder geboren, demzufolge schrumpft die jugendliche Bevölkerung. Im 19. Jahrhundert galten Kinder in der ländlichen und handwerklichen Bevölkerung als Reichtum. Anders als heute sicherten sie das Leben im Alter und übernahmen die Betriebe der Eltern. “Im Zuge der Industrialisierung mit der wohlfahrtstaatlichen Absicherung von Krankheits- und Altersrisiken sind Kinder weder finanziell noch bei der Gestaltung der praktischen Lebensvollzüge von Vorteil.” (Hurrelmann, 2005 S.13)

“Die Lebensphase Jugend ist zunächst nur ein historisches Produkt des Bürgertu- ms gewesen. Das Bürgertum war wohlhabend genug, um eine längere Vorbereit- Die Bedeutung von Jugendkultur in der Jugendphase am Beispiel "Techno" ungszeit auf das Berufsleben zu unterstützen -zu Beginn nur für die männlichen, später auch für die weiblichen Jugendlichen.” (Hurrelmann, 2005 S.21) Aber auch Kinder aus Arbeiterschichten und bäuerlichen Familien traten im Laufe der gesel- lschaftlichen Veränderungen und der Industrialisierung in die Lebensphase Jugend ein.

“Gerade das Jugendalter ist eine sehr gegenwartsorientierte Lebensphase, bei der sehr viel neue aufregende Eindrücke, Erfahrungen und Gefühle verarbeitet werd- en müssen. Wenn die physischen und psychischen Umbrüche der Pubertät einsetzen, die neuen Körperwahrnehmungen, die veränderten Empfindungen im Umgang mit dem anderen Geschlecht, die Herausforderungen der Selbstpräsentat- ion in der Peergroup, der Verlust der vertrauensvollen kindlichen Elternbindunge- n, die Faszination für jugendkulturelle Stile und die damit verbundenen Interessen für die entsprechende Musik und Mode, dann sind die Jugendlichen gewissermaß- en umstellt von Phänomenen und Problemen, die sich hinsichtlich der Prioritätsfrage, was momentan persönlich besonders wichtig ist, machtvoll in den Vordergrund schieben und damit Aufmerksamkeit, Zeit und psychische Energie binden.” (Göppel, 2005 S.179)

Jugendliche haben viele Möglichkeiten und erleben eine Vielzahl von Differenzierungen. So gibt es “klassen- oder schichtspezifische Einteilungen (Arbeiterjugend, Landjugend, bürgerliche Jugend, bäuerliche Jugend); Einteilun- gen nach dem jeweiligen Bildungs- und Sozialstatus (Sonderschule, Hauptschule, Realschule, Fachoberschule, Gymnasialjugend, Auszubildende, Studenten, Zivil- dienstleistende, Bundeswehrangehörige); siedlungstypologische Einteilungen (ländliche Jugend, Jugend der Klein- und Mittelstädte, großstädtische Jugend, Jugend in Ballungsgebieten oder Randzonen); Organisationsformen der Jugend (Vereins- und Verbandsjugend); jugendkulturelle Merkmale (Punks, Popper, Rocker, Teds, Skinheads, Raver, Hiphopper, Fangruppen aller Art); Einteilungen der Jugend nach der Aneignung unterschiedlicher Sozialräume (Straße, Park, Klub, Kneipe, Bank, Schulhof, Freizeitheim).” (Baacke, 2003 S.45-46)

3.1. Zur Differenzierung des Lebensabschnitts Jugend

Die Lebensphase Jugend kann in drei Phasen eingeteilt werden. Die erste Phase liegt zwischen der Kindheit und der Jugend. Die sogenannten Kids sind keine Kinder mehr, aber auch noch keine Jugendlichen. In dieser Phase sind sie noch an ihre Familie gebunden und suchen sich vorwiegend Erwachsene Bezugspersonen. Mit Beginn der Pubertät bekommen die Kinder oft eine ambivalente Beziehung zu Erwachsenen. Auf der einen Seite wird der Kontakt gesucht, aber auf der anderen Seite werden Erwachsene abgelehnt. Dieses Verhalten ist sehr Stimmungsgebunden. (vgl. Böhnisch, 2002 S.109)

Das mittlere Jugendalter ist geprägt von der Pubertät und den sozialen Beziehun- gen. Es erfolgt eine Ablösung aus dem Elternhaus und der Jugendliche distanziert sich immer mehr von Erwachsenen, um sich mehr und mehr einer Gleichaltrigen- gruppe zuzuwenden. Dies können lose, sich regelmäßig treffende Gruppen, Cli- quen oder einzelne Freundschaftsbeziehungen sein. In dieser Phase sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede deutlich erkennbar. Während Mädchen en- ge und intensive Freundschaften unter Gleichaltrigen suchen und bilden, suchen Jungen den Kontakt in jugendkulturellen Gruppen oder Cliquen. (vgl. Böhnisch, 2002 S.110)

Die dritte Phase des Jugendalters bezeichnet die Jugendlichen als junge Erwach- sene. Kennzeichnend für diese Phase sind die verlängerten Bildungszeiten. Die Alterspanne der jungen Erwachsenen liegt zwischen 20 und 30 Jahren. Während lange Zeit ein Studium bei vielen Jugendlichen für eine lange Bildungszeit sorgte, sind es heute vor allem auch die Umwege, die junge Menschen in ihren Ausbil- dungen oder in ihren Bildungsgängen beschreiten. Hinzu kommen Umschulungen und Jugendliche, die ohne Arbeit sind. “Zum Charakteristikum dieser Lebenspha- se gehört, dass die jungen Leute dem Jugendstatus entwachsen sind, aber immer noch unter jugendkulturell ähnlichen Bedingungen leben. Sie haben oft genug nicht genug ökonomische Mittel, um am Erwachsenenkonsum teilhaben zu können und sind deshalb auf jugendkulturell vergleichbare Gelegenheitsstrukturen angewiesen.” (Böhnisch in Hurrelmann, 2002 S.113)

Nach dem § 7 im SGB VIII, dem Kinder- und Jugendhilfegesetz, sind Jugendliche 14 aber noch nicht 18 Jahre alt (Abs.2). Personen, die 18 Jahre alt sind, aber noch nicht 27 Jahre, werden als junge Volljährige bezeichnet (Abs.3). Nach Absatz vier ist ein junger Mensch, wer noch nicht 27 Jahre alt ist. Die Begriffe “junger Voll- jähriger” und “junger Mensch” sind neu und wurden als obere Grenze der Jugendhilfe eingeführt. (vgl. Möller/Busch, 2006 S.46) “Nicht aufgenommen hat das SGB VIII die mithin in seinem Geltungsbereich irrelevante Kategorie des He- ranwachsenden, den § 1 Abs.2 JGG als Person definiert, die 18, aber noch nicht 21 Jahre alt ist.” (Möller/Busch, 2006 S.47)

3.2. Historischer Rückblick

Eine gesellschaftliche Abgrenzung von der Lebensphase Kind und der Lebensphase des Erwachsenenalters gab es in der vorindustriellen Zeit nicht. In den landwirtschaftlichen Familien, die den größten Teil der Gesellschaft ausmachten, gab es in der Aufgabenverteilung keine Trennung von Erwachsenen und Kindern. Kinder waren für die erwachsenen Menschen kleine Erwachsene. Jeder hatte die gleichen Aufgaben zu erfüllen. (Abbildung 1) “Sozialhistorische Analysen zeigen, dass noch um 1900 Jugend als eine eigene Phase im mensch- lichen Lebenslauf nicht bekannt war.” (Hurrelmann, 2005 S.19)

Erst mit der Industrialisierung wird eine neue Tendenz erkennbar. Durch die Entstehung von Fabriken werden viele Produktionsprozesse vom eigenen Heim an andere Orte, die entstandenen Fabriken übertragen. Gleichzeitig ziehen immer mehr Menschen in die Stadt. Die Erwachsenen erweitern ihr soziales Umfeld, in- dem sie ihre Beziehungen, anders als vorher, außerfamiliär aufbauen. Dies geschieht vor allem am Arbeitsplatz und in der Freizeit. Dadurch entwickelt sich ein neues Verständnis für Kinder. “Kinder gelten jetzt nicht mehr als kleine Erwachsene, sondern als Menschen, die noch nicht erwachsen sind und sich in einer eigenständigen Entwicklungsphase befinden, die besondere pädagogische und psychologische Verhaltensansprüche stellt und der noch nicht alle Handlungsmöglichkeiten und Teilnahmerechte der Erwachsenen zugesprochen werden können.” (Böhnisch, in Hurrelmann, 2005 S.20)

Die beruflichen Anforderungen werden in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts so komplex, “dass hierfür eine gezielte Ausbildung notwendig wird.” (Hurrelmann, 2005 S.20) Mit Einführung der Schulpflicht werden die einzelnen Generationen immer mehr getrennt. Die Lebensphase Kindheit wird in zwei Phasen aufgegliedert. Die zweite Phase erhält später den Namen Jugend. Dies war aber nur eine kurze Zeit, vom Eintreten der Geschlechtsreife, bis zum Eintritt in das Berufsleben, oder der Gründung einer eigenen Familie, und dauerte in der Regel nicht länger als fünf Jahre. (vgl. Hurrelmann, 2005 S.20-21) Seit den fünfziger Jahren wurde die Jugend zu einem allgemeinen gesellschaftlichen Konstrukt.

“Der Strukturwandel der Jugendphase lässt sich mit den Begriffen Verallgemeinerung, Homogenisierung, Zerfaserung der Jugendphase stichwortartig beschreiben.” (Schäfers/Scherr, 2005 S.48) Die Bildungsreform der sechziger und siebziger Jahre war ausschlaggebend für die Verallgemeinerung der Jugendphase. So führte die Ausweitung qualifizierter Schulabschlüsse zu einer längeren Verweildauer in der Schule und zu einem parallelen Verlauf von Schulzeit und Adoleszenz. (vgl. Baacke, 2003 S.48)

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, hat sich die Phase der Jugend auf meistens zehn, in manchen und immer steigenderen Fällen auf fünfzehn bis zwanzig Jahre ausgedehnt. “ (vgl. Hurrelmann/Albert/Quenzel/Langness, 2006 S.33) Somit ist aus der Übergangsphase vom Kindesalter zum Erwachsenenalter ein eigenständiger Lebensabschnitt geworden.

3.3. Körperliche Veränderungen im Jugendalter

“Die Entwicklung des Körpers und der Sexualorgane ist in keinem anderen Le- bensabschnitt so eng miteinander verbunden wie in der Pubertät. Für diesen Zeitabschnitt sind vor allem das Längenwachstum des Körpers sowie die Entwicklung der äußeren Geschlechtsmerkmale kennzeichnend.” (Spallek, 2001 S.53) Aber nicht alle Körperteile wachsen in der gleichen Geschwindigkeit. So haben Kopf, Hände und Füße zuerst den Erwachsenenstatus erreicht. Dies führt zu Disproportionen, die sich vor allem an den großen Händen und Gelenken feststellen lassen. “Beine und Arme wachsen ebenfalls früher als der Rumpf, der den eigentlichen Wachstumsschub repräsentiert. Das ungleiche Körperwachstum zeigt sich sekundär in den schlaksigen, ungelenken Bewegungen, die das motorische Bild vorübergehend prägen.” (Oerter/Dreher, 1998 S.331)

Aber auch die hormonelle Umstellung während der Geschlechtsreifung ist ein einschneidender Prozess in der Entwicklung eines Menschen. (vgl. Oerter/Dreher, 1998 S.333)

3.3.1. Größenwachstum und Entwicklung der Geschlechtsreife

“Mädchen sind in ihrer körperlichen und sexuellen Entwicklung den Jungen voraus.” (Spallek, 2001 S.53) Schon vor Beginn der eigentlichen Pubertät kommt es zu Wachstumsbeschleunigungen, die bei den Mädchen ungefähr zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr, sowie bei den Jungen zwischen dem zehnten und vierzehnten Lebensjahr einsetzt. Dies hat zur Folge, dass die Jungen deutlich kleiner sind als gleichaltrige Mädchen. Danach verschieben sich die Größenverhältnisse wieder und gleichen den Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern aus. (vgl. Spallek, 2001 S.53-54) “Bei der Geschlechtsreifung gibt es beträchtliche Altersunterschiede zwischen den einzelnen Jugendlichen; allerdings erfolgen die Veränderungen immer in derselben Reihenfolge. Sie wird bedingt durch die Geschlechtshormone, die in den Nebennierenrinden, in den Ei- erstöcken und in den Hoden produziert werden.” (Spallek, 2001 S.55) “Unter Geschlechtsreife versteht man das Einsetzen der Zeugungs- bzw. Gebärfähigkeit.” (Schäfers/Scherr, 2005 S.84) Somit verläuft die Reifung und Entwicklung der Jugendlichen höchst verschieden. (vgl. Baacke, 2003 S.102)

Die Geschlechtsentwicklung von Mädchen und Jungen wird im Anhang Tabella- risch dargestellt (Abbildung 2). Die Jahresangaben sind Durchschnittswerte, die in manchen Fällen in der Entwicklung eines Jugendlichen abweichen können.

3.3.2. Psychische Folgen der Pubertät

Der letzte Entscheidende Entwicklungsschub im Leben eines Menschen ist die Adoleszenz. Gerade durch die Intensität und der Schnelligkeit der körperlichen Veränderungen, kann es zu psychischen Folgen kommen, die sich auch auf den sozialen Lebensbereich des betreffenden Jugendlichen auswirken können. Durch den schnellen Wachstumsschub und den damit einhergehenden äußeren Verände- rungen kann es zu Zweifeln der eigenen Person kommen, da der Jugendliche sich selbst unattraktiv findet. Dies führt zu einer vermehrten Verletzlichkeit und einem Schamgefühl. Der Adoleszent benötigt eine größere Intimsphäre, was mitunter zu Verwirrungen führen kann.

In manchen Lebenssituationen möchte der Jugendliche gerne wie ein Erwachsener behandelt werden, verhält sich aber in anderen Bereichen noch wie ein Kind. Dieses ambivalente Verhalten ist nicht nur für den Pubertierenden problematisch, sondern auch für sein Umfeld, welches mit diesem widersprüchlichen Verhalten oft nicht umgehen kann. (vgl. Baacke, 2003 S.100-102)

Die Geschlechtsreifung hat einen großen Einfluss auf die psychische Entwicklung des Pubertierenden. Bei Mädchen bringt der Beginn der Menstruati- on große Veränderungen mit sich, “die als markantes Faktum des Erwachsenwer- dens akzeptiert und in das bestehende Körperkonzept integriert werden müssen.” (Oerter/Dreher, 1998 S.334) Oftmals ist die Menstruation mit Schmerzen und Unwohlsein verbunden. Da die Zeit vor und während der Menstruation vier bis sechs Tage dauert, ist für viele Mädchen der Beginn der Menstruation etwas nega- tives, da sie in ihrer Aktivität beeinträchtigt werden können. (vgl. Oerter/Dreher, 1998 S.334) “Unabhängig von den Beeinträchtigungen, die auf physiologische Prozesse zurückgehen können (prämenstruelles Syndrom), spielen Information und Einstellung eine wesentliche Rolle dafür, wie die zyklischen Umstellungen bewältigt werden.” (Oerter/Dreher, 1998 S.334) Also kann gesagt werden, je mehr ein Mädchen über die Vorgänge in ihrem Körper während der Pubertät auf- geklärt wird, desto besser kann sie die Veränderungen, die in diesem Abschnitt geschehen, akzeptieren und damit umgehen. Geschieht dies nicht, können im Ex- tremfall psychische Probleme auftreten, die vor allem in der Inakzeptanz des eige- nen Körpers liegen und die sich auf die psychische Entwicklung auswirken.

Jungen erleben ihre erste Ejakulation zwischen neun und fünfzehn Jahren. Entweder wird sie durch Masturbation herbeigeführt oder tritt nachts als unwillkürlicher Samenerguss auf. “Manche Jugendliche sind über das auftreten der Ejakulation bzw. den Vorgang der nächtlichen Pollution, der häufig mit sexuellen Träumen gekoppelt ist, beunruhigt oder beschämt. Psychische Belastungen und Ängste gehen dabei nicht selten auf Mythen zurück, die Jugendlichen noch heute -anstelle von sachlicher Information über biopsychische Ursachen und Zusammenhängegeboten werden.” (Oerter/Dreher, 1998 S.335)

3.4. Kognitive Entwicklung im Jugendalter

Der Wachstumsprozess in der Pubertät ist nicht nur ein Prozess der körperlichen Entwicklung. Die Jugendlichen erleben auch einen Prozess der kognitiven Ent- wicklung, der große Auswirkungen auf ihr Erleben hat. Diese Auswirkungen kön- nen sich “auf das Bild, was sie von sich selbst haben, und die Urteile, die sie sich über andere bilden; darauf, was sie wichtig finden und was sie ablehnen; auf ihre Berufswünsche und ihre ersten Liebesbeziehungen; auf ihre Meinung über ihr Elternhaus und ihre zunehmende Selbständigkeit” (Kohnstamm, 1999 S.39) be- ziehen. Die kognitive Entwicklung ist keine Intelligenzzunahme. Der Jugendliche erweitert sein Spektrum von Aufgaben und Themen, mit denen er sich auseinan- dersetzt. “Die Entwicklungspsychologie unterscheidet zwischen der emotionalen beziehungsweise der psychosexuellen Entwicklung, der kognitiven Entwicklung (Denkstrukturen, Wissenserwerb) und der Entwicklung des Moralbewusstseins, beziehungsweise der moralischen Urteilsfähigkeit.” (Schäfers/Scherr, 2005 S.77)

In der Kindheit und Jugend entwickeln sich vor allem die kognitiven Funktionen. Mit der Entwicklung der kognitiven Funktionen sind vor allem die Funktionen der Erkenntnisgewinnung gemeint. “Darunter sind Prozesse wie Wahrnehmung, Ler- nen, Behalten, Erinnern, Vorstellen und Denken zu verstehen.” (Siegfried, 2002 S.560) Die Wahrnehmung ist ein Prozess, die ihren Anfang in der Reizung der Sinnesorgane nimmt. Die Wahrnehmungserlebnisse fallen je nach Sinnesorgan unterschiedlich auf. Das Auge ist für den optischen Sinn zuständig, die Ohren sind für die Akustik und den Gleichgewichtssinn verantwortlich, die Nase sorgt für den olfaktorischen Sinn, während die Zunge den Geschmackssinn beherbergt. Das größte Sinnesorgan eines Menschen ist die Haut, mit dem Tast-, Schmerz- und Temperatursinn. Die Wahrnehmung ist ein hochkomplexer Prozess der Transformation und Selektion. (vgl. Siegfried, 2002 S.560) Die Begriffe Lernen, Behalten und Erinnern können unter dem Oberbegriff Gedächtnisfunktionen zu- sammengefasst werden. Das Gedächtnis unterscheidet zwei verschiedene Spei- cherfunktionen. Zum einem gibt es das Kurzzeitgedächtnis, das dem unmittelba- ren behalten oder dem kurzfristigen Speichern dient. “Sollen Informationen lang- fristig gespeichert werden, so müssen sie in das Langzeitgedächtnis transferiert werden, wo sie als “Gedächtnisspuren” festgehalten werden.” (Siegfried, 2002 S.560) Lernen ist somit ein Prozess der Spurenbildung im Gehirn. “Der Erinne- rungsprozess lässt sich als Suchprozess zur Auffindung von im Langzeitgedächt- nis gespeicherten Informationen beschreiben.” (Siegfried, 2002 S.560) Das Lang- zeitgedächtnis wird zudem noch in zwei Untersysteme unterteilt. Das episodische Gedächtnis ist für die Festhaltung konkreter Erlebnisse und den damit verbunde- nen Raum-Zeit-Kontext zuständig. Das semantische Gedächtnis beherbergt den allgemeinen Wissensschatz eines Menschen. “Die beim Erinnern über die “Be- wusstseinsschwelle” gehobenen gespeicherten Informationen heißen Vorstellun- gen. Zum Schluss kann das Denken definiert werden, “als ein innere Prozess, der der Erfassung und Herstellung von Bedeutungs- und Sinnzusammenhängen dient. Dabei muss notwendigerweise auf Informationen, die im Langzeitgedächtnis ge- speichert sind, zurückgegriffen werden. (Siegfried, 2002 S.560)

3.4.1. Das formallogische Denken

“Mit dem Erreichen der formallogischen Denkoperationen ist der Jugendliche in die Lage versetzt, von seinen kognitiven und Wahrnehmungs-Funktionen vollen Gebrauch zu machen.” (Schurian, 1989 S.79) Mit dem Erwerb des formallogi- schen Denkens wird ein spezifisches Regelwerk des Denkens, Wahrnehmens und Fühlens erlangt. Die Grundsätze dazu werden im Jugendalter erworben, und in der weiteren Entwicklung, bis in das hohe Alter angewendet. Neue Inhalte und Varia- tionen können im Laufe des Lebens dazu kommen, aber der Grundstein des for- mallogischen Denkens wird im Jugendalter gelegt. (vgl. Schurian, 1989 S.79)

“Piaget sieht bereits in der Kindheit diese Fähigkeiten ansatzweise ausgebildet.” (Schurian, 1989 S.86) Die Denkentwicklung erreicht ihren Höhepunkt aber im Jugendalter mit dem Erwerb der formallogischen Denkoperationen. In dieser Zeit entsteht die Erkenntnis, dass nicht immer logische Zusammenhänge erkennbar sein müssen um folgerichtige Argumentationen zu finden. Diese Fähigkeit, die es dem Menschen ermöglicht, unabhängig von konkreten Anlässen und Inhalten zu denken, wird das abstrakte Denken genannt. (vgl. Schurian, 1989 S.87)

“Mit dem abstrakten Denken beginnt auch die Auseinandersetzung mit sich selbst. Der Jugendliche kann sich mit Themen wie Beruf, Partnerschaft, Liebe, Gesellschaftsstrukturen, seinem eigenen Verhalten, seiner Leistungsfähigkeit usw. auseinander setzen. Diese Einstellung zu verschiedenen Bereichen, vor allem die Möglichkeit, sich selbst zu beurteilen und selbstkritisch über sich nachzudenken, verändert seine gesamte Persönlichkeit. Auch die Erkenntnis, dass viele Dinge anders sind als sie idealerweise sein könnten, fordert den Jugendlichen zum Protest heraus.” (Spallek, 2001 S.111)

“Das formale Denken ermöglicht unter anderem das Denken in Hypothesen, die Beschäftigung mit der Frage: “Was wäre, wenn...?”, losgelöst von der konkreten Realität.” (Kohnstamm, 1999 S.46) Diese Hypothesenbildung ist notwendig um Wege zur Problemlösung zu finden. (vgl. Schurian, 1989 S.87)

3.4.2. Auswirkungen der kognitiven Entwicklung

Mit dem Voranschreiten der kognitiven Entwicklung werden die Jugendlichen kritischer. Vieles, was vorher als selbstverständlich hingenommen wurde, er- scheint nun sehr fragwürdig. Den Jugendlichen wird bewusst, dass die Dinge auch ganz anders sein könnten. “Die vorgefundene Realität ist nicht mehr quasi “gott- gegeben”, sondern sie stellt nur mehr eine mögliche Option dessen dar, wie die Dinge prinzipiell sein könnten, d.h. sie wird “kontingent” und damit in viel hö- herem Maß begründungs- und legitimationsbedürftig.” (Göppel, 2005 S.32)

Das Denken wird flexibler und differenzierter. Zeitgleich ermöglicht das Denken aber auch “ein allgemeineres, abstrakteres und damit prinzipielleres Umgehen mit Problemen.” (Göppel, 2005 S.33) Dies lässt sich zum Beispiel daran erkennen, dass Rechenaufgaben “nun auch ohne Anschauungs- und Wirklichkeitsbezug und ohne Beziehung zu konkreten Zahlenwerten” (Göppel, 2005 S.33) gelöst werden können. “Die Neuerungen und Erweiterungen der kognitiven Problemverarbei- tung, die mit dem formalen Denken einhergehen, lassen sich am Beispiel der Be- wältigung mathematischer Probleme besonders deutlich zeigen, sie sind jedoch auch für viele weitere Bereiche von Relevanz.” (Göppel, 2005 S.33) Der Jugend- liche ist in der Lage, Schlussfolgerungen durch gesetzte Annahmen abzuleiten. Somit entwickelt er die Fähigkeit, gedanklich zu einem Thema verschiedene Posi- tionen zu sehen. Daraus kann er “die Konsequenzen, die aus bestimmten Grund- annahmen folgen, gedanklich nachvollziehen.” (Göppel, 2005 S.34) Die Folge daraus sind “die Dezentrierung des Denkens” und die “Erweiterung des Verstehenshorizontes.” (Göppel, 2005 S.34)

3.5. Individuation im Jugendalter

Die Individuation ist vor allem die Entwicklung einer Persönlichkeitsstruktur, die jeden Menschen besonders, einmalig und unverwechselbar macht. Diese Entwic- klung führt dazu, dass das Individuum in der Lage ist, “sich durch selbständiges, autonomes Verhalten mit seinem Körper, seiner Psyche und mit seinem sozialen und psychischen Umfeld auseinander zu setzen.” (Hurrelmann, 2005 S.30) Indivi- duation ist ein lebenslanger Prozess, der aber gerade in der Pubertät sehr aktuell ist. In der analytischen Psychologie ist dies ein Prozess, “in dem sich der Mensch als Einzelwesen entfaltet, sich differenziert, die Bereiche seiner Persönlichkeit integriert und dabei seine individuelle Eigentümlichkeit ausbildet.” (Leber, 2002 S.479) Individuation ist aber auch der Prozess, der Überwindung der emotionalen Abhängigkeit den Eltern gegenüber. Im Verlauf dieses Prozesses wird “der Ju- gendliche mehr und mehr zu einem eigenständigen Individuum.” (Kohnstamm, 1999 S.70) Haben sich Kinder vorher an ihren Eltern orientiert, so werden sie in der Adoleszenz autonome Persönlichkeiten mit eigenen Orientierungen. (vgl. Kohnstamm, 1999 S.72)

Die gesellschaftlichen Konventionen und Normen, verlangen von den einzelnen Individuen eine Anpassung an Kollektivmaßstäbe. Dies behindert und gefährdet die Entwicklung der Individuation eines Menschen. Jedes Individuum nimmt für sich diese Maßstäbe auf und muss sich aber, um gesund zu bleiben, dagegen durchsetzen. Dies ist oftmals ein Prozess, der mit Krisen behaftet ist. (vgl. Leber, 2002 S.479) “Damit aber wird die Pubertät zum eigentlichen Beginn der Individuation.” (Klosinski, 2004 S.24)

Gerade Jugendliche durchleben in dieser Lebensphase einen starken Entwicklungsprozess, so dass die Entwicklung der Identität mit der Individuation in diesem Abschnitt besonders hoch verbunden ist. (vgl. Hurrelmann, 2005 S.30) Der Ausdruck und Erwerb von Identität ist eine vielschichtige Angelegenheit. (vgl. Baacke, 2003 S.218) Die Identität ist “die Erfahrung, eine einzigartige, ko- härente Einheit zu sein, die kontinuierlich besteht und die gleiche bleibt, unabhän- gig von innerpsychischen Veränderungen oder solchen der äußeren Umgebung.” (Baumann, 2002 S.477) Voraussetzungen für eine gelungene Identitätsfindung sind: Intensität, Ganzheit, Subjektivität, und kann als die Suche nach dem Selbst und seiner Heimat bezeichnet werden. (vgl. Baacke, 2003 S.302)

3.6. Sozialisation im Jugendalter

Die Interaktionen zwischen den jüngeren und älteren Generationen können als Sozialisation bezeichnet werden. Die jüngere Generation zur Selbständigkeit zu befähigen ist dabei das Ziel der Sozialisation. Somit geschieht sie im Spannungs- feld der Modernisierung durch die junge Generation und den Traditionen der alten Generation. (vgl. jugendforschung.de, 27.05.2007) Dabei geht es um den Prozess jedes einzelnen Menschen, sich in die Gesellschaft einzuordnen. (vgl. Fremdwör- terbuch, 1998 S.390)

Sozialisationsinstanzen sind unter anderem die Familie, die Peergroup, die Schu- le, sowie die beruflichen Ausbildungsstätten. “Alle Sozialisationsinstanzen haben einen Doppelcharakter als gesellschaftlich prägende und zugleich individuell ge- staltbare Institutionen. Sie können erst dann erfolgreich ihre Aufgabe der Integra- tion des gesellschaftlichen Nachwuchses in die bestehenden Sozialstrukturen er- füllen, wenn sie einen ausreichenden Spielraum für die Individuation, die indivi- duelle Gestaltung und Bedeutungsgebung anbieten.” (Hurrelmann, 2005 S.93) “Hinsichtlich der Sozialisationsbedingungen ist auch die Frage zu stellen, welche sozial ungleich verteilten Chancen die gebaute Umwelt für die Aneignung differ- enzierter Umwelterfahrungen einerseits, für den Erwerb von Raumnutzungsmus- tern andererseits bietet.” (Schäfers/Scherr, 2005 S.96) Es kann nicht davon ausge- gangen werden, dass “ähnliche Umwelten vergleichbare Verhaltensweisen bei In- dividuen” (Schäfers/Scherr, 2005 S.96) hervorbringen. Vielmehr hängt es vom “Sozialisationshintergrund und vom Bildungsstatus ab, wie sich jemand in einer konkreten Umwelt verhält.” (Schäfers/Scherr, 2005 S.93)

3.6.1. Die Familie als ambivalente Bezugsgruppe

Es ist immer schwieriger geworden Familie verbindlich zu definieren. War es vor wenigen Jahren noch üblich von Familie als Kleingruppe, also von einem Ehepaar mit seinen eigenen Kindern, die gemeinsam in einem Haushalt leben, zu reden. Ist es mittlerweile“zu einer Pluralisierung gültiger Familienkonzepte” (Granitzka/ Gravenhorst, 2002 S.312) gekommen. “Alternative Lebensformen weichen in vie- lerlei Hinsicht von der (...) Normalfamilie ab, wie die folgende Gegenüberstellung zeigt:” (Peuckert, 2002 S.30)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

“Aus der Perspektive gegenwärtiger gesellschaftlicher Bedingungen und Erfahrungen kann Familie deshalb definiert werden als Lebensgemeinschaft von Menschen” (Granitzka/Gravenhorst, 2002 S.312), die in einem biologischen, rechtlichen oder sozialen Verwandtschaftsverhältnis stehen.

“Eltern bleiben wichtig, auch wenn ihre Kinder im Jugendalter nach und nach immer selbständiger werden.” (...) Dies hat “, auch wenn es paradox anmutet, da- mit zu tun, dass sie diejenigen sind, von denen sich die Jugendlichen lösen müs- sen. Ohne Eltern ist keine Individuation möglich.” (Kohnstamm, 1999 S.199) Da es aber auch Kinder und Jugendliche gibt, die ohne Eltern aufwachsen, kann da- von ausgegangen werden, dass für diese Individuen eine erwachsene Bezugsper- son notwendig ist, um den Prozess der Individuation möglich zu machen.

Dadurch hat die Familie eine hohe Sozialisationswirkung. “Die Familie beeinflusst Qualität und Umfang der Lern- und Sozialerfahrungen der in ihr auf- wachsenden Jugendlichen.” (Hurrelmann, 2005 S.107) Für ihren Sozialisationsprozess bekommen Kinder und Jugendliche durch die “günstigen ökonomischen, ökologischen, kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen der meisten Familien” (Hurrelmann, 2005 S.107) optimale Voraussetzungen. Wäh- renddem die Eltern ihre Lebenssituation weitestgehend festgelegt haben, befinden sich die Jugendlichen in einem umfangreichen Veränderungsprozess. “Während ihre Kinder anfangen, neue Erfahrungen zu machen (in Lernprozessen, peer-grou- ps und in der Jugendkultur, sexuell, beruflich, usw.) haben die Eltern die sie prä- genden Erfahrungen und Entwicklungen hinter sich.” (Schäfers/Scherr, 2005 S.107)

Die Zukunftsperspektiven von Jugendlichen werden stark von dem Sozioökono- mischen Hintergrund der Familie geprägt. Wird die Gesellschaft in drei Schichten geteilt, lässt sich folgendes feststellen. Das erste Drittel, der gut situierten Fami- lien, “kann seinen Kindern und Jugendlichen gute ökonomische Bedingungen bieten, sorgt in der Regel für hervorragende Bildungschancen und stattet die Ju- gendlichen von Anfang an mit einem sicheren Polster an Selbstvertrauen un so- zialer Kompetenz aus.” (Langness/Even/Hurrelmann, 2006 S.49) Das zweite Drit- tel gibt an die junge Generation zwar noch günstige Voraussetzungen ab, hat aber bei weitem nicht die ökonomischen Ressourcen wie das erste Drittel. In der schwierigsten Lage befindet sich das letzte Drittel. “Lang anhaltende Arbeitslo- sigkeit eines oder beider Elternteile, ein niedriger Bildungsgrad der Eltern und eine schlechte Integration in das soziale Umfeld können hier zu unglücklichen Impulsen für die Entwicklung der Jugendlichen führen.” (Langness/ Even/ Hurrelmann, 2006 S.49) Dies hat zur Folge, dass 46% der Jugendlichen aus der sozialen Unterschicht nicht mit der Erziehung der Eltern zufrieden sind. Dies steht im Gegenteil zu den Jugendlichen aus dem ersten Drittel, also den Jugendlichen aus der Oberschicht, die mit 79% dem Erziehungsverhalten ihrer Eltern glücklich sind. (vgl. Langness/Evens/Hurrelmann, 2006 S.58-59)

Dies führt dazu, dass in der oberen und mittleren sozialen Schicht die Entwic- klung und Ablösung eines Jugendlichen ohne weitere größeren Komplikationen verläuft. Ein ambivalentes Verhältnis zwischen Eltern und Jugendlichen ist vor allem in der unteren sozialen Schicht zu finden. (Abbildung 3) So wird zur Lö- sung bei Konflikten vor allem ein autoritärer Erziehungsstil eingesetzt, der dazu führt, dass es bei einem Streit keine demokratische Entscheidung gibt, sondern dass sich eine der beiden Parteien durchsetzt. Das schlechte Verhältnis zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern ist durch die vielseitigen Risikolagen für Fa- milien zu erklären. So können die Belastungen des Wohnumfelds, ein niedriges Einkommen, Arbeitslosigkeit und ein geringes Bildungsniveau zu psychischen und sozialen Belastungen bei Jugendlichen und Eltern führen. (vgl. Lang- ness/Evens/Hurrelmann, 2006 S.62-63) Der Alltag in vielen Familien aus dieser Schicht ist geprägt von einem unbeständigen Erziehungsstil, aggressivem Verhal- ten sowie dem Konsum von Alkohol und Drogen. “So verfügen sozial benachteiligte Jugendliche seltener als andere Jugendliche über gute Unterstüt- Die Bedeutung von Jugendkultur in der Jugendphase am Beispiel "Techno" zungsnetzwerke innerhalb und außerhalb der Familie.” (Langness/Evens/ Hurrel- mann, 2006 S.63) “Bei etwa einem Fünftel der Familien muss heute mit sozialer und ökonomischer Benachteiligung und deshalb auch mit relativ schlechten So- zialisationsbedingungen gerechnet werden.” (Hurrelmann, 2005 S.108)

3.6.2. Die Peergroup und ihre Funktion

Mit Peergroup ist vor allem die Gruppe der Gleichaltrigen gemeint, mit denen ein Jugendlicher in Verbindung steht. Die Ursachen für diese Altersabgrenzung sind die gesellschaftliche Institutionalisierung altershomogener Gruppen in den Schulen und Ausbildungsstätten. Des weiteren richten sich Angebote im Freizeit- bereich weitgehend an Jugendliche, die sich in einem ähnlichen Alter befinden. (vgl. Schäfers/Scherr, 2005 S.118) “Die Gruppe der Altersgenossen bietet Mög- lichkeiten zur Imitation eines Verhaltens, das für das Erwachsenenalter wichtig ist. So erlernen Jugendliche eine Reihe von Fähigkeiten, die für den Umgang mit dem anderen Geschlecht bedeutend sind. Zunächst halten sich die Jugendlichen in gleichgeschlechtlichen kleinen Gruppen auf; danach kommt es zu Wechselbezie- hungen zwischen diesen Gruppen und schließlich zur Bildung von gegengeschlechtlichen” (Spallek, 2001 S.129) Gruppierungen. “Innerhalb der gemischtgeschlechtlichen Gruppen kommt es dann zunehmend zu Zweierbeziehungen.” (Göppel, 2005 S.166)

“Die Beziehung zu Gleichaltrigen hat für Jugendliche eine große Bedeutung. Zeitgleich zur psychischen und sozialen Ablösung von den Eltern bauen Jugendli- che enge Freundschaften zu Gleichaltrigen auf. Diese Peergroups haben einen hohen Einfluss auf die Gestaltung der Freizeit- und Konsumaktivitäten.” (Lang- ness, Leven, Hurrelmann, 2006 S.83) “Die Gruppe der Altersgenossen bietet Si- cherheit in einer Lebensphase an, in der große Unsicherheit über das Verhalten herrscht. Diese Unsicherheit kann gemindert werden, indem man sich an das Ver- halten der Altersgenossen anpasst. (...) In ihrem Sexualverhalten, ebenso beim Genuss von Alkohol und Drogen, lassen sie sich besonders stark beeinflussen. (Spallek, 2001 S.130-131) Peergroups gehören mittlerweile zu einem normalen gesellschaftlichem Gebilde in der Jugendphase. (vgl. Schäfers/Scherr, 2005 S.11- 7) Neben den positiven Peergroups, “die als Vorbild oder Leitbild dienen” (Blaschke/Dietrich, 2002 S.152), stehen die negativen Gruppen, die sich von den Normen und Standards der positiven Gruppen abheben wollen, oder sie zurückweisen. (vgl. Blaschke/Dietrich, 2002 S.152) “Die meisten Gleichaltrigen Gruppen können als freizeitgebundene Gesellungsformen bezeichnet werden.” (Hurrelmann, 2005 S.127)

Die Peergroups übernehmen viele Funktionen. Sie “ermöglichen die Auseinan- dersetzung mit ähnlichen Erfahrungen und altersgruppentypischen Problemlagen in Schule, Ausbildungsstätte, Familie und Freizeit.” (Schäfers/Scherr, 2005 S.118) Die Jugendlichen können sich in der Gruppe an “Werten und Normen orientieren” (Spallek, 2001 S.129), nach denen sie ihr späteres soziales Verhalten ausrichten wollen. So können Werte und Normen übernommen werden und das Individuum stellt fest, welche Rollen am besten für sich selbst und das Leben ge- eignet sind. (vgl. Spallek, 2001 S.129) Durch das Spielen der Rolle in der Gruppe von Gleichaltrigen, entwickeln Jugendliche Handlungskompetenzen für das späte- re Leben. Diese Rollen dürfen oder können oftmals in anderen Lebenssituationen, wie in der Familie oder Schule, nicht ausgelebt werden. (vgl. Hurrelmann, 2005 S.128) Die eigene Identität wird stabilisiert, indem sich die Gruppenmitglieder “von anderen Jugendlichen und der übrigen sozialen Umwelt abgrenzen” (Hurrel- mann, 2005 S.128). Somit kann eine Gruppe “gemeinsame Handlungsorientierun- gen und Sinnbezüge” (Hurrelmann, 2005 S.128) entwickeln. (Abbildung 4)

“Peergroups können als der soziale Freiraum angesehen werden, in dem sich Jugendkultur “ereignet” und von dem sich aus gegebenenfalls eine Gegenkultur entwickelt. Kennzeichnend für eine Jugendkultur sind vor allem eine “eigene auffällige Kleidung bei beiden Geschlechtern” (Baacke, 2003 S.240), die Bevorzugung einer besonderen Musikrichtung “als Ausdruck einer eigenen Welt, sowie spezifische Konsuminteressen.” (Baacke, 2003 S.240)

Nach der 15. Shell Jugendstudie sind drei Viertel (71%) der befragten Jugendlichen Mitglied in einer Gruppe bzw. Clique. Mit 76% sind vor allem Jugendliche im Alter zwischen 15 und 21 Jahren vermehrt Mitglieder in Peergroups. Bei jüngeren (12 bis 14 Jahre) und älteren (22 bis 25 Jahre) Jugendlichen ist die Zugehörigkeit, mit 63% und 67%, zu einer Gruppe eher selten.(vgl. Langness/Even/Hurrelmann, 2006 S.83) Jedoch steigt mit zunehmenden Alter auch die Anzahl der Gruppenmitglieder. Das bedeutet auch, dass mit ansteigendem Alter die sozialen Netzwerke komplexer werden.(vgl. Zinnecker/Behnken/ Maschke/Stecher, 2002 S.61)

3.6.3. Die Schule als instrumentalisierter Lebensbereich

“Für die Mehrzahl der Jugendlichen in der Altersgruppe der 12- bis etwa 18/20- Jährigen ist die Schule neben der Familie bestimmter Eckpfeiler ihrer individuel- len und sozialen Existenz.” (Schäfers/Scherr, 2005 S.109) Die Dauer der Schul- zeit hat sich im Laufe der letzten fünfzig Jahre erheblich verlängert. “Die Jugend- phase ist zu einem “Bildungsmoratorium” geworden.” (Göppel, 2005 S.178) War es früher üblich und notwendig, so schnell wie möglich in das Berufsleben ein- zusteigen, oder in handwerklichen und bäuerlichen Familienbetrieben mitzuwir- ken, so lautet die Botschaft an die Jugendlichen heute, ihre Zukunftschancen zu sichern, indem möglichst hohe und gute Bildungsabschlüsse erworben werden. (vgl. Göppel, 2005 S.178)

Dies ist vor allem von der Leistungsfähigkeit und -bereitschaft der Jugendlichen abhängig, wird aber stark von der Herkunftsfamilie und deren sozioökonomischen Lebensbedingungen geprägt. (vgl. Hurrelmann, 2005 S.82) Man kann also davon ausgehen, dass Bildung in Deutschland immer noch sozial vererbbar ist. Wird der Schulabschluss der Mutter betrachtet, kann festgestellt werden, dass “drei Viertel der Jugendlichen, deren Mutter über einen höheren Schulabschluss verfügt, eben- falls Abitur oder Fachhochschulreife erreicht haben oder anstreben.”

(Langness/Leven/Hurrelmann, 2006 S.66) Zwar erstreben viele Jugendliche einen höheren Bildungsabschluss an, “nicht alle rechnen jedoch damit, ihre ambitionier- ten Bildungsziele zu realisieren.” (Langness/Leven/Hurrelmann, 2006 S.68-69) Probleme, einen Abschluss in der Haupt- oder Realschule zu erreichen, sehen vor allem Jugendliche aus der unteren Mittelschicht und aus der Unterschicht. Oft müssen von dieser Gruppe Jugendlicher Abstriche gemacht werden, was die per- sönliche Zukunftsplanung betrifft. Dies führt zu einem hohen Frustrationspotenti- al dieser Gruppe. Schulischer Misserfolg ist aber nicht nur geprägt von einem ge- ringen bis keinem Schulabschluss. Ein weiterer Indikator ist eine gefährdete Ver- setzung und das damit verbundene Wiederholen eines Schuljahres. Nicht nur, dass sich dieser Misserfolg im Lebenslauf niederschlägt, er kann sogar die beruflichen Zukunftschancen eines Jugendlichen gefährden. Auch hier sind es wieder die Ju- gendlichen aus den unteren sozialen Schichten, die wesentlich häufiger davon be- troffen sind und sich mit diesen negativen Ereignissen zurecht finden müssen. (vgl. Langness/Leven/Hurrelmann, 2006 S.69)

“Inzwischen hat angesichts der veränderten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt ein massiver Verdrängungswettbewerb und zudem eine deutliche Tendenz zur Instrumentalisierung von Bildung stattgefunden.” (Göppel, 2005 S.178) Das be- deutet, dass Schule und Bildung immer seltener als Selbstwert wahrgenommen werden. Bildung ist mittlerweile das Mittel zum Zweck, um einen gewissen Statu- serwerb erreichen zu können. (vgl. Göppel, 2005 S.178) Das Dilemma hierbei ist es, dass den Jugendlichen im Laufe ihrer Schulzeit zwar bewusst wird wie wichtig ihre Leistungen in der Schule für den späteren Lebens- und Arbeitsweg sind, aber gleichzeitig erkennen sie, dass die Themen und Inhalte, die in der Schule durch- genommen werden, in ihrem gegenwärtigen Leben in keiner Weise eine Bedeu- tung haben. (vgl. Göppel, 2005 S.178)

Dies ist sicherlich schon für die Schüler aus den oberen sozialen Schichten ein Problem, mit dem sie umgehen müssen. “Durch die körperlichen und seelischen Reifungsprozesse, durch die neurologischen und kognitiven Umstrukturierungs- prozesse der Pubertät ergeben sich so viele spannende neue Empfindungen, He- rausforderungen, Entdeckungsgebiete und Bewährungsfelder der Jugendlichen, dass die psychische Energie, die für schulisches Lernen zur Verfügung steht, zwangsläufig geringer wird.” (Göppel, 2005 S.182) Die Frage, die sich dabei stellt, ist wie betroffen die Jugendlichen aus den unteren sozialen Schichten sind, die sich im Laufe ihrer Schulzeit bewusst werden, dass sie keine großen Chancen auf dem späteren Bildungsmarkt haben. Somit lässt sich meines Erachtens auch die Problematik vieler Hauptschulen erklären. Die mittlerweile oft nur ein Ort sind, in denen die Schulpflicht ausgeübt wird. Die Lehrer sind überfordert und die Schüler, die erkannt haben, dass sie keine Chancen haben, sehen die Schule als Bereich an, der ihnen aufgezwungen wurde und als einen Ort, an dem sie Freunde treffen können.

3.6.4. Schulische Ausbildung und Berufsausbildung

“Im Anschluss an die schulische Bildungszeit durchlaufen die meisten Jugendli- chen eine spezifische Phase der beruflichen Ausbildung.” (Hurrelmann, 2005 S. 87) Während dieser Phase lernen sie, sich auf einem Gebiet zu qualifizieren und stehen somit dem späteren Arbeitsmarkt mit ihrem Wissen und Arbeitsvermögen zur Verfügung. (vgl. Hurrelmann, 2005 S.87) Das deutsche Berufsbildungsgesetz regelt die Berufsbildung und “umfasst die Berufsausbildung in Betrieben und überbetrieblichen Einrichtungen. (...) Darüber hinaus zählt auch der Besuch berufsbildender Schulen und das Hochschulstudium dazu.” (Schuster, 2002 S.126) Ziel einer Ausbildung ist es, die notwendigen fachlichen Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln. (vgl. Schuster, 2002 S.126) Dadurch bekommen die Institutionen der beruflichen Ausbildung einen immer höher werdenden Stellenwert in der Sozialisation des Jugendalter. (vgl. Hurrelmann, 2005 S.93)

Die berufliche Ausbildung verläuft in Deutschland nach dem “Dualen System”. Das bedeutet, dass der Auszubildende in einem Betrieb, sowie für ein bis zwei Tage in der Woche in einer Berufsschule ausgebildet wird. (vgl. Hurrelmann, 2005 S.87) Da es in Deutschland aber keine ausreichenden betrieblichen Ausbildungsplätze gibt, wächst der Anteil der Jugendlichen, die eine vollzeitschulische Ausbildung absolvieren. (vgl. Hurrelmann, 2005 S.89) Die in den Ausbildungen vorgesehenen Praktika, die in Regel in Betrieben stattfinden, ermöglichen auch hier wieder das Konzept des “Dualen Systems”. An die Erfüllung ihrer beruflichen Wünsche glauben immer weniger Jugendliche. (Abbildung) Dabei sind junge Frauen weniger zuversichtlich, ihre beruflichen Wünsche erfüllen zu können. Besonders skeptisch in der Verwirklichung ihrer beruflichen Wünsche sind Jugendliche aus den unteren sozialen Schichten. So glauben etwa nur 50% der Jugendlichen aus der Unterschicht daran, ihren Berufs- wunsch verwirklichen zu können. (vgl. Langness/Leven/Hurrelmann, 2006 S.72) (Abbildung 5) “Die Sorge, keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu finden bzw. Diesen zu verlieren, ist (...) über alle Altersgruppen hinweg etwa gleich stark aus- geprägt. Besonders hoch ist sie jedoch in der Altersgruppe von 15 bis 21 Jahren, in einem Alter, in dem viele Jugendliche in das Berufsleben eintreten wollen.” (Langness/ Leven/Hurrelmann, 2006 S.75) Aber auch ein Ausbildungsplatz sichert keine spätere Übernahme in ein Angestelltenverhältnis im Ausbildungs- betrieb.

Die Hochschulausbildung gewinnt in Deutschland an steigender Bedeutung. So lässt sich feststellen, dass es mittlerweile mehr Studierende als Auszubildende gibt. Die Jugendlichen versprechen sich durch ein Studium günstigere Berufs- und Verdienstmöglichkeiten. Oftmals wird ein Studium nach dem Abschluss einer beruflichen Ausbildung aufgenommen. (vgl. Hurrelmann, 2005 S.89) “Das deutsche Hochschulsystem ist auf die ständig steigenden Teilnehmerzahlen nicht adäquat eingestellt.” (Hurrelmann, 2005 S.89)

Ein großes gesamtgesellschaftliches Problem ist die Jugendarbeitslosigkeit, “denn mit der Arbeitslosigkeit im Jugendalter werden die Weichen für die spätere Entwicklung im Erwerbsleben gestellt.” (Langness/Leven/Hurrelmann, 2006 S.75) Auffallend ist die unterschiedlich hohe Quote der Jugendlichen ohne Arbeit in den neuen und alten Bundesländern. So waren im Jahr 2006, nach Angaben des statistischen Bundesamts, 21% der Jugendlichen zwischen 20 und 25 Jahren in den neuen Bundesländern ohne Arbeit. Die Zahl der von Arbeitslosigkeit betroffe- nen Jugendlichen in den alten Bundesländern, die zwischen 20 und 25 Jahren alt waren, lag dagegen “nur” bei 10,7%. (vgl. Langness/Leven/Hurrelman, 2006 S. 75) Dabei sollte aber auch bedacht werden, dass “Jugendliche, die keinen Aus- bildungsplatz (...) gefunden haben, (...) in großer Zahl in vollzeitschulische Aus- bildungseinrichtungen unter staatlicher, kommunaler, kirchlicher oder sonstiger freier Trägerschaft aufgenommen” (Hurrelmann, 2005 S.91) wurden. Damit fallen diese Jugendlichen aus den Statistiken heraus und sind nicht erfasst. Dies bedeu- tet, dass der vorherrschende gesellschaftliche Weg, mit dem Eintritt in das Er- werbsleben, und der damit verbundenen autonomen Lebensführung im materiel- len Sinne, das Erwachsenalter zu erreichen, im Lebenslauf nach hinten verscho- ben wird. Die Jugendlichen erreichen “nur eine ökonomische Teilautonomie zur Gestaltung ihrer eigenen Lebensbedingungen.” (Hurrelmann, 2005 S.92) “Die Übergänge in den Beruf sind in diesem Sinne risikoreicher (...) geworden, sie ver- langen hohe soziale Organisationskompetenzen und benachteiligen damit alle die- jenigen, die nur eine geringe Fähigkeit der Selbstorganisation und einen niedrigen Bildungsgrad erreicht haben.” (Hurrelmann, 2005 S.92)

3.7. Jugend zu Beginn des 21. Jahrhunderts

“Wertorientierungen wie Freundschaft, Partnerschaft, Familie und Kontakte zu anderen Menschen nehmen im Leben von Jugendlichen einen hohen Stellenwert ein.” (Hurrelmann/Albert/Quenzel/Langness, 2006 S.39) Die 15. Shell Jugend- studie zeigt aber auch, dass 53% der Jugendlichen im Jahr 2006 trostlos in die gesellschaftliche Zukunft blicken. (Gensicke, 2006 S.170) Die Grundstimmung ist zwar optimistisch, wenn es um die Zukunft des eigenen Lebensweges geht, aber global werden viele Probleme für unlösbar gehalten. Hier wird vor allem den Po- litikern ein Versagen vorgeworfen. (vgl. Zinnecker/Behnken/Maschke/Stecher, 2002 S.12) Die Jugend im neuen Jahrtausend ist Bildungsambitioniert und setzt auf gute Schul- und Ausbildungsabschlüsse, aber “vielfach fehlen ihnen jedoch Kenntnisse und Fähigkeiten, wie man zum gewünschten Bildungsziel gelangt.” (Zinnecker/Behnken/Maschke/Stecher, 2002 S.12) Sie sind in viele verschiedene soziale Netzwerke eingebunden und sehr kommunikationsfreudig. Die Jugend von heute nutzt ganz selbstverständlich die Möglichkeiten neuer Kommunikations- medien und das breite Auswahlspektrum der Konsummöglichkeiten. (vgl. Zinne- cker/Behnken/Maschke/Stecher, 2002 S. 11) Den Jugendlichen wird immer kla- rer, dass es in Zukunft immer weniger junge Menschen geben wird und sie sich dementsprechend selber um eine zusätzliche Versorgung im Alter kümmern müs- sen. (vgl. Gensicke, 2006 S. 172-173) “Zwar genießen sie das Jungsein, verbun- den mit Erlebnis und Lebenslust, aber sie erfahren auch schon als Kinder und Ju- gendliche, wie gefährdet sie als Personen sind. Sie berichten von Stress, von psy- chosomatischen Störungen, von chronischen Krankheiten, von Situationen als soziale Außenseiter, von Verkehrsunfällen und Leistungsversagen, von Gefühlen des Alleingelassenseins und vom frühen Zweifel am Sinn des ganzen Lebens.” (Zinncker/Behnken/Maschke/Stecher, 2002 S.13) Somit kann gesagt werden, dass eine optimistische Generation schwarz sieht. (vgl. Zinnecker/Behnken/Maschke/ Stecher, 2002 S.116)

3.8. Jugendkultur

In den vorherigen Kapiteln wurde deutlich, wie vielschichtig der Begriff Jugend ist. Zu dem Begriff der Jugend schließt sich nun das Wort Kultur an. “Kultur ist der Inbegriff alles nicht Biologischen in der menschlichen Gesellschaft. Oder an- ders gesagt: Kultur ist die Summe aller Institutionen, Bräuche, Werkzeuge, Nor- men, Wertordnungssysteme, Präferenzen, Bedürfnisse, usw. in einer konkreten Gesellschaft.” (Farin, 2001 S.18) Der aus dem lateinischen stammende Begriff “hieß zunächst: Ackerbau, Pflege, Veredlung, Vervollkommnung (des Geistes, der Seele und der Sitten). Kultur wurde also als das Gegenteil von Natur verstan- den.” (Schäfers/Scherr, 2005 S.134) In den Sozialwissenschaften ist der Begriff der Kultur deskriptiv und hat eine umfassende Verwendung. “Als Formen der Kultur gelten auch Sprachen und Symbole, Werte und Normen, Rituale und All- tagsästhetiken bzw. die Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmuster sozialer Gruppen.” (Schäfers/Scherr, 2005 S.134) In Verbindung mit dem Lebensabschnitt Jugend wird der Kulturbereich auf eine bestimmte Lebensphase konkretisiert und kann somit als Jugendkultur bezeichnet werden. Dabei geht es vor allem um die kulturellen Aspekte von der Jugend.

Als die erste Jugendkultur kann der Wandervogel bezeichnet werden. (Bild1) 1895 von einem Studenten gegründet, diente das Wandern der Geselligkeit unter Gleichaltrigen und war vor allem eine Ablösung aus dem Elternhaus. Die Geschlechter wanderten getrennt voneinander, feierten aber bestimmte Feste ge- meinsam. Die Provokation damals war das Wandern in Dirndl und Lederhosen, das Singen von Volksliedern, sowie die gemeinsamen Lagerfeuer, bei denen streng vegetarisch gekocht wurde. Auch gab es eine Festlegung, Abstinent von Alkohol und Nikotin zu sein. Hauptintention waren vor allem die Gespräche unter Jugendlichen. (vgl. Farin, 2001 S.39-40) “Zwar hatte der Wandervogel durchaus den Anspruch einer “klassenlosen Jugendbewegung”, doch in der Realität blieben die Ideen und Ideale der Wandervögel eng ihrer eigenen sozialen Herkunft ver- bunden, und Arbeiterjugendliche fanden nur sehr selten den Weg in ihre Reihen.” (Farin, 2001 S.40) “Mit dem Entstehen der deutschen Jugendbewegung um die Jahrhundertwende war” (Ferchhoff, 1999 S.32) der Sinn der Kulturdedeutung maßgebend für die Jugend, die revolutionieren wollte, sich gegen das Alter auf- lehnen und als Seismograph für die vorherrschenden gesellschaftlichen Lebens- verhältnisse dienen konnte. Dies lag vor allem dem Zweck zugrunde, eine bessere Zukunft zu gestalten. (vgl. Ferchhoff, 1999 S.32) “Kultur ist im Zusammenhang heutiger Jugendkulturen noch viel stärker als zu den jugendbewegten Zeiten des Wandervogels.” (Ferchhoff, 1999 S.41)

“Heutige Jugendkulturen sind von ihren sozialen Herkunftmilieus weitgehend abgekoppelt, da diese ihre Bindungskraft größtenteils eingebüßt haben.” (Vollbrecht in SPoKK, 1997 S.23) An die Stelle der ehemals milieubezogenen Subkulturen tritt eine jugendliche Freizeit-Szene, die in ihrer Formation wählbar und abwählbar ist. (vgl. Vollbrecht, 1995 S.32)

“Am weitverbreitesten dürfte der Begriff der Szene sein: ein loses Netzwerk von Menschen mit ähnlichen Orientierungen und/oder Interessenlagen, vor allem zur Freizeitgestaltung. Szenen sind freiwillige Gemeinschaften oftmals Gleichaltriger, in der Regel überregionale Phänomene mit lokalen Anbindungen. (...) Während die Clique als zwischenmenschliche Basis der Szene-Aktivitäten auf direkten, körperlichen Begegnungen fußt, können Szenen allerdings auch rein virtuelle Be- gegnungsstätten sein.” (Farin, 2001 S.19) Familien, Parteien, Kirchen, Arbeiter- milieus und Vereine sind als klassische Orientierungs- und Sozialisierungsinstan- zen unglaubwürdig geworden, haben sich aufgelöst oder sind einfach nicht aktu- ell. Die Jugendlichen versuchen dieses entstandene Vakuum in Peergroups, Subkulturen und in jugendlichen Szenen wieder aufzufüllen. (vgl. Farin, 1998 S.16)

“Die Jugendlichen in der westlichen Gesellschaft bilden heute eine eigene Grup- pe mit einem eigenen Lebensstil. Es gibt eine Jugendkultur. Der Lebensstil der Jugendlichen ist jedoch alles andere als uniform, und die Jugendkultur ist in vers- chiedene Subkulturen unterteilt.” (Kohnstamm, 1999 S.185) In den Subkulturen werden eigene Verhaltensmuster, Werthaltungen und Zielsetzungen gebildet. Die- se unterscheiden sich deutlich von denen der Erwachsenen. (vgl. Hurrelmann, 2005 S.50-51)

In der Regel verlaufen die Grenzen der Jugendkulturen und Jugendszenen entlang spezifischer Musikrichtungen.

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Details

Seiten
138
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638069250
ISBN (Buch)
9783638954938
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93618
Institution / Hochschule
Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen - Abteilung Paderborn
Note
2,0
Schlagworte
Bedeutung Jugendkultur Jugendphase Beispiel Techno

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Titel: Techno. Die Bedeutung von Jugendkultur in der Jugendphase.