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Trauerverhalten und Todesvorstellungen von Kindern und Jugendlichen

Zwischenprüfungsarbeit 2006 20 Seiten

Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Tod und Trauer in der Gesellschaft

3 Todesvorstellungen von Kindern und Jugendlichen
3.1 Das Todesbewusstsein von Kindern und Jugendlichen nach Stern
3.2 Grundsätze nach Gesell/ Ilg
3.3 Die Einstellung von drei- bis zehnjährigen Kindern gegenüber dem Tod nach Nagy

4 Trauerverhalten von Kindern und Jugendlichen
4.1 Das Phasenmodell der Trauerverarbeitung von Kübler-Ross
4.2 Unterschiede im Trauerverhalten von Kindern und Erwachsenen
4.3 Hilfemöglichkeiten, um zu gesunder Trauerarbeit beizutragen
4.4 Tod und Trauer im Märchen: Das Beispiel: „Leb wohl, lieber Dachs“

5 Schlusswort

6 Literaturliste

1 Einleitung

Als Erwachsene, Eltern und Erzieher wünschen wir uns, dass Kinder fröhlich sind, lachen, spielen und das Leben genießen. Wir glauben oft nicht daran, dass es für Kinder schon von Bedeutung sein könnte, über Tod und Sterben zu reden. Außerdem fehlen uns oft der Mut, die richtigen Worte oder auch die Einsicht, mit Kindern darüber zu sprechen.

Aufgrund der persönlichen Konfrontation des Verlustes eines geliebten Menschen, habe ich mich entschlossen mich mit dieser Thematik eingehender zu beschäftigen. Doch wie können Kinder das, was für uns Erwachsene schon nur schwer zu verarbeiten ist, bewältigen?

Was heißt es, wenn Kinder trauern? Ist Kindertrauer mit Erwachsenentrauer vergleichbar? Woran erkenne ich, dass Kinder in Trauer sind? Welche Möglichkeiten bestehen, ihnen in ihrer Trauer beizustehen? Viele Fragen, die nach Antworten suchen.

Die vorliegende Arbeit soll helfen diese Fragen zu beantworten. Ziel ist es herauszufinden, wie Kinder auf den Verlust eines geliebten Menschen reagieren, wodurch diese Reaktionen beeinflusst werden und wie man Kindern in dieser Zeit beistehen kann.[1]

Diese Arbeit steigt mit der Thematik ein, wie mit Tod und Trauer in der Gesellschaft umgegangen wird. Anschließend und schwerpunktmäßig werde ich die verschiedenen Todesvorstellungen von Kindern nach den Grundsätzen von Stern, Gesell/ Ilg und Nagy vorstellen, wobei ich mich maßgeblich auf das Buch „Psychologische Aspekte von Tod und Trauer bei Kindern und Jugendlichen“ von Hildegard Iskenius-Emmler beziehe. Zur Ergänzung meiner Aufzeichnungen verwendete ich Literatur von Marlene Leist, Birgit Voß, Anne Fried und einigen anderen Autoren (siehe Literaturliste).

Nach der Vorstellung der einzelnen Todeskonzepte von Kindern und Jugendlichen werde ich kurz auf die Unterschiede im Trauerverhalten von Kindern und Erwachsenen eingehen, sowie auf Möglichkeiten hinweisen, wie man zu gesunder Trauerarbeit beitragen kann.

Abschließend werde ich Tod und Trauer im Märchen darstellen und mich auf das Beispiel „Leb wohl, lieber Dachs“ von Susan Varley konzentrieren.

2 Tod und Trauer in der Gesellschaft

Obwohl uns der Tod im Alltag ständig begegnet, sei es nun auf der Straße oder in den Medien, wird das Thema Tod und Sterben in der Gesellschaft stark tabuisiert. Heutzutage sterben die meisten Menschen in Krankenhäusern und Altersheimen, nicht mehr wie früher direkt in der Familie und der Gemeinde. Der Tod wird somit weitestgehend aus den normalen Lebensvollzügen herausgenommen.

Durch den stetig sinkenden Kontakt zu sterbenden Menschen steigen die Ängste und Unsicherheiten gegenüber dem Tod. Um sich den peinlichen und ungeschickten Umgang mit Sterbenden und Toten zu ersparen, werden sie immer mehr aus der Gesellschaft herausgenommen und von professionellem Personal betreut.[2]

Die Sterblichkeitsrate von Kindern ist gesunken und „die Lebensdauer hat sich verlängert, sodass das Sterben selten und meist erst im Erwachsenenalter erlebt wird. Es entsteht ein Erfahrungsdefizit, das im Ernstfall einer notwendigen Hilfeleistung für Sterbende oft zur Hilflosigkeit und Abwendung führt“.[3]

In der heutigen Gesellschaft wird der Trauernde mit seinem Schmerz vielmals allein gelassen und nur durch die erhaltenen Rituale (wie beispielsweise Beerdigungen) aufgefangen. Aufgrund von Unsicherheit zieht sich das Umfeld von dem Trauernden zurück, sodass dieser regelrecht aus dem gesellschaftlichen Leben ausgesondert wird.

In der Trauer durchläuft jeder Mensch verschiedene Phasen von Gefühlen und Verhaltensweisen. Diese äußern sich bei jedem individuell, denn jeder Mensch trauert auf unterschiedliche Art und Weise. Der Trauernde benötigt einen Schutzraum, welcher jedoch durch die gesellschaftlichen Tabuisierungsprozesse nicht gegeben ist. „Durch Ängste und Tabubildungen und Verlust der unmittelbaren Todkontakte erfolgende gesellschaftliche Aussperrung des Todes, die zu fehlendem Todeskult und unpersönlicher Bestattungskultur und damit bei den Betroffenen im Ernstfall zu totaler Ratlosigkeit und Hilflosigkeit führt…“.[4]

3 Todesvorstellungen von Kindern und Jugendlichen

Alle Kinder machen Erfahrungen mit Abschied, Vergänglichkeit und Tod. Sie sehen zum Beispiel Blumen erblühen und wieder verwelken, oder ein überfahrender Hase liegt am Straßenrand.

Doch was wissen Kinder vom Tod? Haben sie eine Vorstellung davon, was tot sein bedeutet?

M. Leist schreibt, dass Kinder über „kein inneres Wissen, dass das Leben des Menschen, dass alles Leben begrenzt ist“[5] verfügen. Das Wissen über die Endgültigkeit des Todes entwickelt sich erst mit dem Kind.

Je nach ihrem psychischen Entwicklungsstand verändert sich das kindliche Todesverständnis.

Im Folgenden werde ich nun Grundsätze verschiedener Autoren zur Entwicklung der Todesvorstellungen von Kindern und Jugendlichen aus entwicklungspsychologischer Sicht vorstellen.

Als Grundlage für diesen Abschnitt beziehe ich mich auf das Buch „Psychologische Aspekte von Tod und Trauer bei Kindern und Jugendlichen“ von Hildegard Iskenius – Emmler[6], sowie einige Passagen des Kinderbuches „Hat Opa einen Anzug an?“ von Anne Fried.[7]

3.1 Das Todesbewusstsein von Kindern und Jugendlichen nach Stern

Die Basis der Grundsätze von Stern bildete sich durch seine Erfahrungen in einer Erziehungsberatungsstelle, Beobachtungen in einer neuropsychologischen Kindersprechstunde und Mitteilungen aus Kinderheimen.

Laut Stern haben Kinder unter vier Jahren noch keine Vorstellung vom Tod. Ihnen ist der Gegensatz zwischen tot und lebendig unbekannt und sie betrachten alle Gegenstände als beseelt. Die Kinder gehen davon aus, dass alles, was sich bewegt, auch lebt und charakterisieren den Tod dementsprechend als Bewegungslosigkeit.

Die vier- bis sechsjährigen Kinder haben eine Ahnung davon, dass der Tod etwas ist, was jedem widerfährt und entwickeln große Angst vor dem Tod von Angehörigen. Sie haben allerdings kein Bewusstsein für die Tragik des Todes und sehen ihn noch nicht als etwas Endgültiges an. Weiterhin haben Kinder in diesem Alter noch kein Wissen darüber, dass tote Menschen nicht mehr in das Leben eingreifen können.

„ Bruno versuchte, etwas hinter dem Rücken zu verstecken. Xaver riss ihn am Arm, und das Senfbrot, das Bruno sich gerade geschmiert hatte, kam zum Vorschein. „Wieso hältst du das Brot mit dem Senf nach unten?“, fragte Xaver. „Weil der Opa es sonst vom Himmel aus sieht“, sagte Bruno. Xaver lachte ihn aus. „Du bist so blöd“ sagte er und rannte aus der Küche. Bruno aß nachdenklich sein Senfbrot. Wahrscheinlich war der Himmel eh so weit weg, dass der Opa nicht sehen konnte, womit Brunos Brot beschmiert war. Kurzsichtig war der Opa auch.“[8]

Sechs- bis achtjährige Kinder entwickeln, laut Stern, langsam eine Vorstellung davon, dass das Leben gewisse Züge trägt, die dem Tod fehlen. Sie geben an, dass das Leben durch Aktivität und Bewegung gekennzeichnet ist, Tote hingegen aber weder atmen, noch fühlen und ihr Herz nicht schlägt. In dieser Zeit spielen die Einflüsse der Erziehung und die persönliche Konfrontation mit dem Sterben häufig eine große Rolle. Die Vorstellung der Kinder von der Unausweichlichkeit und Endgültigkeit des Todes wird präzisiert, wodurch sich eine große Angst vor dem Sterben immer deutlicher herausbildet.

Kinder zwischen acht und elf Jahren haben eine zunehmend realistischere Auffassung vom Tod. Das Kind erkennt hier die Unvermeidlichkeit und Irreversibilität des Todes und die Tragik wird emotional begreifbar.

Bei elf- bis vierzehnjährigen Kindern findet man eine immer stärkere Übereinstimmung mit dem Todesverständnis von Erwachsenen. Das Kind kann nun gut zwischen tot und lebendig differenzieren. Weiterhin erleben Kinder diesen Alters den Tod eines Menschen als etwas Besonderes, im Vergleich zum Tod von Pflanzen oder Tieren. Die Vorstellung, dass Tote noch in das Leben eingreifen, verblasst und es kommt zu einer klaren Abgrenzung von toten und lebendigen Menschen.

Kinder wissen nun über den biologischen Vorgang der Verwesung Bescheid, reagieren darauf jedoch teilweise mit Angst und Abscheu. Tod bedeutet für sie eine definitive Trennung, die unwiderruflich und schmerzvoll ist.

Ihre Angst vor dem Tod versuchen sie dadurch zu kompensieren, indem sie ihn weit von sich weg weisen und davon ausgehen, dass dieser nur alte Menschen betrifft.

Ab dem Alter von vierzehn Jahren sind Kinder und Jugendliche zu einer deutlichen Differenzierung zwischen Leben und Tod in der Lage. Durch ihr Wissen um die Unvermeidlichkeit des Todes, wird ihnen die Endlichkeit des Lebens bewusst. Sie gehen jedoch davon aus, dass der Tod keinerlei Bedeutung für ihr momentanes Leben hat, weil er ihnen sehr fern erscheint. Sie betrachten den Tod von alten Menschen als normal und natürlich, sodass sie keine Ängste vor einem ähnlichen Schicksal entwickeln.

[...]


[1] Vgl. Voß, B., 2005, S.14

[2] Vgl. Feldmann, K., 1990, S.73

[3] Feldmann, K., 1990, S. 73

[4] Ortmann, M., 1990, S.505

[5] Leist, M., 1999, S.15

[6] Iskenius – Emmler, H., 1988, S.164 ff

[7] Fried, A., 1997

[8] Fried, A., 1997, S.18

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640099832
ISBN (Buch)
9783640822744
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93625
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Fachbereich 21
Note
1,8
Schlagworte
Trauerverhalten Todesvorstellungen Kindern Jugendlichen Vordiplom

Autor

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Titel: Trauerverhalten und Todesvorstellungen von Kindern und Jugendlichen